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Chronik von Auerbachs Keller

Als Gast in Leipzig, als literaturbegeisterter Gast in Leipzig und vor allem als hungriger Gast gibt es eine Adresse, um die man einfach nicht herumkommt: Auerbachs Keller. Hier ist sogar schon der Teufel „eingeritten“. Olle Goethe – also eigentlich der junge Goethe – hat ihn eindrucksvoll und nachhaltig beschrieben.

Wer sich am Marktplatz sattgesehen hat – und das dauert ein Weilchen – biegt irgendwann automatisch in die Mädlerpassage (um es gleich vorweg zu nehmen: Auch dieser Passage widmet sich der Autor dieses Buches.) ein. Und schon säumen Links und Rechts des Weges zwei Figurengruppen den Weg. Raufbolde auf der Einen, Faust und Mephisto auf der Anderen. Geschwungene Treppen führen hinunter in den Keller, in Auerbachs Keller. An dieser Stelle gibt es seit über einem halben Jahrtausend – unter dem macht man es nicht! – eine Einkehrmöglichkeit, um die Kehle zu befeuchten.

Heute ist es ein straff durchorganisiertes Restaurant, in dem die Kellner rekordverdächtig die Speisen an die Tische bringen und der Gast einen beweglichen Hals braucht. Denn die Wände vom Auerbachs Keller sind reich verziert, oft bis meist mit Motiven aus Goethes Faust. Wer für seine Abschlussprüfung das Thema Faust erhalten hat, und sich speziell die Szenen im Auerbachs Keller vorbereiten will, der braucht eigentlich gar nicht mehr ins Buch zu schauen – hier können die Wände rerden…

Für viele ist ein Besuch hier einer von unzähligen Höhepunkten in der Messestadt. Wer also zur Messezeit, etwas der Buchmesse im Frühjahr, hier speisen möchte, muss vorbestellen, oder kommt kurz nachdem die Türen geöffnet werden.

Bernd Weinkauf bekommt sicherlich immer einen Platz im Lokal. Seine Chronik des Auerbachs Keller ist das Nonplusultra unter den Lokalreiseführern der Messestadt. Selbst Leipziger staunen über die Fülle an Informationen, die man über ein einziges Lokal zusammentragen kann. Die unzähligen Abbildungen, die kundigen Texte, die üppige Aufmachung sind nur drei Gründe hier – ob hungrig oder nicht – hier die Erkundung Leipzig kurz zu unterbrechen oder ausklingen zu lassen.

Waldeck

Deutschland, Westdeutschland im Mai 1964. Die Euphorie über den Weltmeistertitel zehn Jahre zuvor ist dem Wohlstand der Gegenwart gewichen. Eine neue Generation ist auf dem Weg neue Pfade zu beschreiten und alte Zöpfe abzuschneiden.

Journalist Ferdinand Broich hat von einer Frau erfahren, dass sie ihrem Peiniger aus dem KZ begegnet sei. Für ihn, den in Ungnade gefallenen Autor vielleicht die Chance wieder in gesicherte Gefilde schippern zu können. Für die Frau leider der Weg ins Verderben. Als Broich sie interviewen will, ist sie bereits tot. Ist das vielleicht die Story seines Lebens? Der Zynismus dieses Gedankenspiels ist Broich durchaus bewusst. Doch erst vom das Fressen, dass die Moral, sagte schon Brecht.

Währenddessen macht sich eine junge Frau auf den Weg aus ihrem „wohlbehüteten“ Leben auszubrechen. Fast wortwörtlich. Silvia entdeckt Papiere, die nur eines beweisen: Ihr Vater hat eine mehr als dunkle Vergangenheit. Hastig packt sie zwei Koffer, schnappt sich die Aktentasche, die sie versteckt hat und kauft sich eine Zugfahrkarte.

Waldeck soll der erste Ruhehalt auf ihrer reise werden. Sie hat gehört, dass auf der Burg im Hunsrück ein Musikfestival stattfindet. Dort erhofft sie sich die ersehnt Ablenkung.

Andernorts hat man die Hosen gestrichen voll. Zwei Männern sind nicht gerade erfreut über das Tun des jeweils Anderen. Man hätte vorsichtiger sein müssen. Sich nicht erwischen lassen dürfen. Die Tat ist schrecklich genug. Aber einen Augenzeugen entwischen zu lassen … das kann böse enden.

Jürgen Heimbach spinnt in seinem dritten Roman über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ein dichtes Geflecht aus Angst, Hoffnung, Gier, Verrat, falschem Pflichtgefühl und ungebremster Aufbruchsstimmung. Das Festival auf der Burg Waldeck gab es tatsächlich von 1964 bis 1969. Folksänger, Liedermacher nannte man das damals noch. Eine Generation von Künstlern weigerte sich im Tralala der Zeit einzuordnen und machte mit harschen Texten auf die Probleme der Zeit aufmerksam. Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt, ja sogar Katja Ebstein und Reinhard Mey sind bis heute in aller Munde. Die Zeit vor 45, wie man es fast schon neutral beschrieb, war noch nicht aufgearbeitet. Im Gegenteil. Die braunen Schergen hatten es sich in der Demokratie gemütlich gemacht. Jürgen Heimbach führt im Nachwort auf, dass fast jeder zehnte Zahnarzt aktiv bei der SS war. Sie selektierten in den KZs, stahlen das Zahngold und waren rührige Mitglieder des Regimes. Die Angst davor, dass ihre Tarnung im neuen Deutschland auffliegt, wurden sie nie los. Und was machen betroffene Hunde?… Sie bellen. Manchmal beißen sie sogar.

Die Spannung im Buch lebt vom Vorwissen des Lesers. Die Unerträglichkeit des Unwissens ist der Spannungsbogen, der bis zum Ende radikal durchgehalten wird. Vermutungen schweben über jedem Umblättern und die Erlösung ist wie ein Befreiungsschlag. Die Krimireihe von Jürgen Heimbach – jeder Roman ist für sich eine abgeschlossene Geschichte, doch die Reihung der Ereignisse lässt durchaus die Vermutung nahe liegen, dass man es hier mit einer Reihe („Die rote Hand“ gefolgt von „Vorboten“) zu tun hat – wird fortgesetzt. Man kann sich ja schon mal ein paar Gedanken machen… Eines steht jetzt schon fest: Viele kleine Geschichten türmen sich fast unmerklich zu einer großen umfassenden Geschichte auf, dessen Faszination man sich einfach nicht entziehen kann.

Costiera amalfitana – Geschichte einer Landschaft

Eigentlich würde man die Region an der Küste bei Amalfi gar nicht erforschen. Zu steile Felsen, kaum Wege und Straßen. Und vor zweihundert Jahren gab’s nicht mal Übernachtungsmöglichkeiten. Olle Goethe hat deswegen diesen Landstrich mehr oder weniger mit Missachtung gestraft. Ha! Der arme Tropf! Reist nach Italien und schaut sich nicht einmal die Amalfiküste an! Das ist ja wie … Paris ohne Eiffelturm, San Francisco ohne zerrissene Jeans oder Barcelona ohne Tapas.

Dieter Richter – so steht es im Pressetext zum Buch – hat diese Region studiert. Ja, studiert. Die Amalfiküste – wenn man Traumjob googelt, muss das wohl dabei rauskommen.

Nun ja, es gibt viele Orte und Regionen, wo Italien am italienischsten ist. Meist hängt diese Bewertung vom eigenen gusto und Wissensstand ab. Und die costiera amalfitana ist sicherlich von Italienern überflutet, aber eben auch von so manchen sehnsüchtig nach Italien hechelnden Fremden, der, wenn er denn einmal einen Sitzplatz im ristorante am Meer ergattert hat, diesen nicht mehr hergeben will. Und somit zwar die Aussicht genießen kann, aber eben auch den Rest (die größere „Hälfte“) verpassen wird.

Dieses Wissensvakuum wird durch dieses kleine rote Büchlein gehörig mit Fakten, Analysen, Deutungen in hingebungsvollen Worten gefüllt, doch selber anschauen ist um Einiges mehr wert. So unwirtlich diese Gegend erscheinen mag – stramme Waden sind das Mindeste, was man erhält, nimmt man die Fußwege der Region – so sehr beeindrucket sie von jeher ihre Besucher. Hier versteckten sich Piraten, hier entstand die älteste Seerepublik Italiens, hier berauschten sich Künstler an ihrer Schönheit.

Eine Rundreise mit Dieter Richter ist ein Wissensflash der obersten Kategorie. Es gibt wohl kaum einer Zeile auf dieser Welt, die der Autor nicht vorher gelesen hat, um seinem Kompendium die nötige Fülle verleihen zu können. Von der regionalen Küche über römische Villen (und ihre durchaus pikanten bis geheimnisvollen Geschichten) bis hin zum touristischen Overkill der Gegenwart lässt er keinen Aspekt einer „natürlichen Entwicklung“ der costiera amalfitana aus.

Wer die Amalfiküste besucht, muss sich im Klaren sein, dass er niemals, oder nur sehr selten, allein sein wird. Man muss die Stille wirklich suchen – dafür gibt es Reisebände. Wer die Region verstehen, sie mit allen Sinnen aufsaugen will, der kommt um dieses Buch nicht herum. Das Standardwerk über eine der schönsten Landschaften der Erde!

Ein schwarzer Flügel in Florenz

Was für eine Reise! Ulrike Rauh ist einmal mehr in ihrem geliebten Italien. Und wie immer, wenn sie „nur“ mit Gepäck unterwegs ist, reist sie niemals allein. Ihre Neugier treibt sie förmlich in die Arme von Menschen und Kultur. Und was wäre Italien ohne Musik?!

Immer wieder lässt sie sich von Tönen, Harmonien, Melodien verführen innezuhalten oder vom eingeschlagenen abzuschweifen. Und immer trifft sie die richtigen Entscheidungen. In Florenz hat sie sich für zwei Monate eine Unterkunft gesucht, um einen Sprachkurs zu belegen. Doch schon der schwarze Flügel im Appartement der Gastgeberin weist ihr den Weg für die kommende Zeit.

Es sind die kleinen Geschichten in diesem außergewöhnlichen – ja fast schon einzigartigen – Reisebericht, die das Lesen zu einem rasanten Vergnügen machen.

Ulrike Rauh ist bei ihren Erkundungen bei so mancher Berühmtheit zu Gast. Sie lauscht den großen ihrer Zunft und entdeckt dabei so manches Talent. Was alle Geschichten vereint, ist die Tatsache, dass Musik ein verbindendes Element ist. Wer Musik liebt, kommt sich schnell einander nahe. Das spürt man in jedem Satz, den die Autorin dem Leser zwanglos anbietet. Man schwebt zwischen Dur und Moll, gleitet über die Tastatur der Klaviere und sie lernt dabei noch so manches neue Instrument kennen. Von einem Lyra-Klavier hatte sie noch nie gehört.

Die Leichtigkeit der Texte ist die Partitur, die Ulrike Rauh in wohlklingende Wort verwandelt. Auf Reisen kann dieses Büchlein der Trompetenstoß zum Eintauchen in die Welt der Musik sein.

Wiener Zuckerl

Es gibt schlimmere Orte in Wien als den Naschmarkt, um als Inspector nach dem rechten zu sehen. Im Alten Wien zumindest. Inspector Nechyba sieht das Elend auf den Straßen, weiß um die kleinen Scherereien – mit dem Stankowski zum Beispiel – und er weiß ganz genau wie er hier jeden zu nehmen hat. Und die Anderen kennen ihren übergewichtigen Bullen ebenso aus dem ff. Geben und Nehmen – leben und leben lassen. Nicht ganz. Herr im ring ist immer und unanfechtbar Nechyba. Man kennt ihn aus zahlreichen Krimis. Doch dieses Mal hat Autor Gerhard Loibelsberger die kleinen – manchmal fiesen – Geschichten in den Fokus seines Buches gestellt.

Zuckersüß und bitterböse. Und wie immer mit viel Wiener Schmäh. Keiner geht ungestraft päulisieren – ein wunderbares Wort, wenn es nicht tagtäglich hört und nur als gast in der lebenswertesten Stadt der Welt ist. Da nimmt man auch mal ein Beidl als Schimpfwort in Kauf. Doch Vorsicht vor den Schastrommeln!

Im weiteren Verlauf der heiter morbiden Geschichten rückt die Gegenwart immer mehr in den Fokus des Lesers. Nechyba ist hier schon längst passé. Doch das Verbrechen noch lange nicht. Echt oder ausgedacht spielt hier schon lange keine rolle mehr. Man ist fest im Würgegriff der Wiener spannungsgeladenen G’schichten. Die Kiberei ist nicht weit, wenn wieder einmal einer über die Stränge geschlagen hat. Fast ist man geneigt ob des charmanten Wiener Slangs dem Einen oder Anderen sein Ansinnen und Tun zu verzeihen. Aber nur fast. Denn Verbrecher bleibt nun mal Verbrecher.

Wer der den Wienern nicht nur angedichteten Todessehnsucht etwas abgewinnen kann und True Crime gepaart mit phantasievoller Vielfalt mit offenen Armen entgegenläuft, der wird diese „Wiener Zuckerl“ im Nu zerbeißen und gar nicht erst warten bis sie langsam auf der Zunge zergehen. Bissfester und zartschmelzender Humor mit einer Brise handfester Reibereien und ganz mieser Typen, denen man bei Einbruch (hihi) der Dunkelheit nicht begegnen möchte.

Das Zuckerlglas auf dem Cover ist vielleicht irreführend, aber je öfter man die Seiten umblättert umso mehr versteht man den hintersinnigen Humor. Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Und wenn noch nicht, wollen Sie das wirklich? Na klar doch! Denn mit diesem Buch ist man auf wirklich alles vorbereitet im Wien der dunklen Gassen und Gestalten …

Die einzige Frau im Raum

Da steht sie nun auf der Bühne – das Publikum ist außer sich. Sie, die Sissy, hatte die Reserviertheit der Wiener mit nicht einmal zwanzig Jahren in Raserei verwandelt. Das bisschen Naserümpfen wegen der überbordenden Blumensträuße – Zuchtrosen edelster Herkunft – macht ihr nichts aus. Dass hinter der Armada floraler Ehrerbietung eine menschliche Tragödie lauert, kommt ihr zwar zur Ohren. Doch wirft die alle Zweifel über Bord. Fritz Mandl ist der Gönner. Er spendet auch noch standing ovations als alle anderen wieder in ihren Sitzen versunken sind. Fritz wird ihr erster Ehemann. Im Jahr 1933 für eine Jüdin schon ein gewisses Wagnis. Zumal Fritz Mandl ein gewissenloser Waffenfabrikant ist, der Italiens und Deutschlands Kriegstreiber nur allzu willfährig unterstützt. Ach ja, die junge Frau lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch Eva rufen. Ein paar Jahre später sieht ihre Welt ganz anders aus: Der Fritz ist ein brutaler Kerl geworden. Er hält Hof, um den Lamettahengsten der Nazis zu schmeicheln. So mancher Großkopferter geht im Haus Mandl ein und aus. Und zwischendrin die Lichterscheinung Eva. Ein bildhübsches Kind. Mehr als nur zurechtgemachte Staffage für den Kaufmann des Todes (in vielerlei Hinsicht). Sie hat auch Köpfchen. Nein, sie hat mehr als das.

Schon kurze Zeit später wird sie es unter Bewies stellen. Fritz und der Naziterror lassen Eva nur eine Chance: Flucht. Flucht nach Amerika. Louis B. Mayer, genau, der Louis B. Mayer verpasst ihr einen neuen Namen. Hedy Lamarr. Und ein neues Image. Die schönste Frau der Welt. Nicht zu unrecht. Doch Hedy, wie sie nun heißt, ist eben nun mal nicht nur ein außergewöhnlich schöner Kleiderständer, sondern eben auch eine Frau mit Kopf und Verstand. Mit dem Komponisten George Antheil entwickelt sie eine Frequenzverschlüsselung für Torpedos. Die sind somit fast nicht mehr zu orten. Leider ist die technische Lösung etwas antiquiert, so dass sie mit ihrer Erfindung nur wenig bis gar keinen Ruhm erntet. Doch ihre Erfindung, ihr Lösungsansatz ist bis heute für jedermann (!) nutzbar. Smartphones würden ohne Hedy Lamaras Zutun heute vielleicht anders funktionieren … oder vielleicht gar nicht existieren?!

Fakt ist, das Hedy Lamarr bis heute immer noch als begabte und außerordentliche ansehnliche Schauspielerin anerkannt ist. Ein gewisser Teil ihrer Bewunderer kennt auch das wissenschaftliche Potential der gebürtigen Wienerin. Doch so anschaulich wie in „Die einzige Frau im Raum“ wurde ihr Leben selten dargestellt. Marie Benedict gelingt es scheinbar spielerisch dem so reichen Leben der Eva/Hedy die Schwere zu nehmen wie niemandem zuvor. Und schwere Entscheidungen hatte die Heldin dieses Buches zuhauf zu treffen: Den Mann, das Land, den Kontinent verlassen. In der Fremde sich ein komplett neues Leben aufbauen. Sich gegen allerlei Avancen zu wehren – Louis B. Mayer war ein Machtmensch und ließ das jedem in seiner Umgebung spüren. Rückschläge musste sie verkraften. Und ihren Träumen immer wieder mit Geduld unterfüttern. Doch sie ließ sich niemals unterkriegen. Das ist wohl die größte Leistung in ihrem langen Leben.

Der spanische Esel

Da versucht man doch nur seiner Leidenschaft zu fröhnen, und einen Film auf die Beine zu stellen. Okay, vorzugaukeln einer Frau mit einer Rasierklinge das Auge zu zerschneiden (wofür man mit Misserfolg bestraft wird), bedarf mehr nur einer halbherzigen Erklärung. Aber beim nächsten Mal wird alles anders. Zumal, wenn man schon einen großzügigen Gönner gefunden hat, der sein Geld für die Realisierung in der Mitte Spaniens zur Verfügung stellt. Man muss ihn nur von seiner Idee – sofern vorhandne – überzeugen. Und ebenso den Ideen des Geldgebers permanent eine Absage erteilen… der Beruf des Filmemachers, des Künstlers, ist eigentlich ganz einfach. Und wenn man Luis Buñuel heißt, sollte das doch kein Problem sein.

Naja, so einfach ist es dann doch nicht! Denn Buñuel war kein einfacher Charakter. Und seiner Ideen waren nicht das, was man massenkonform nennt. Und so sollte es auch wieder kommen. Mitten im Nirgendwo der Extremadura, in Las Hurdes will der eigenwillige Künstler einen Dokumentarfilm drehen. Um ihn herum nur Einöde, nur Elend. Die Menschen sind verwahrlost und als die Vier-Mann-Crew eintrifft, sehen die meisten von ihnen zum ersten Mal ein Auto. Doch dann hat eine zündende Idee – der Esel da, genau der … Buñuels Revolver … da lässt sich doch bestimmt etwas machen… oh je. Der Skandal ist ein weiteres Mal vorprogrammiert.

Sebastian Guhr gibt seiner Phantasie jede Menge Zucker. Er kratzt die harten Fakten der Filmgeschichte zusammen und knetet sie zu einer weiteren Kunstfigur erneut zusammen. Buñuel und seine Entourage werden zum Spielball ihrer eigenen Gedanken. Alles real. Alles surreal. Der Film wurde von den spanischen Faschisten verboten. Und ist ein Klassiker – nicht wegen der Legende, sondern wegen des Themas. Buñuel filmte Menschen, die nichts – absolut gar nicht, nichts zu essen, nur die Kleidung am Leibe, und vor Perspektiven ganz zu schweigen –  besaßen. Und dann die Sache mit dem Esel…

So schwierig Buñuels Filme manchmal zu verdauen sind, so leichtfüßig schafft es der Autor dem Surrealisten Buñuel nahe zu kommen. Mit Akribie recherchiert und mit straffer Feder zu Papier gebracht. Ganz real!

Madame Roland

Schon beim ersten Durchlesen der biographischen Daten am Ende des Buches – man sollte ja niemals eine Buch am Ende beginnen, in diesem Fall ist es aber sogar ratsam – erkennt man, dass Erziehung und frühes Erkennen von Begabungen mehr Einfluss auf das Werden haben als es so manche Experten vermitteln können. Jeanne-Marie Phlipon wird im Frühjahr 1754 als Tochter eines Graveurs in Paris geboren. Schon früh las sie und lernte das Gravurhandwerk. Im Internat nahm sie ein Adeliger unter seine Fittiche und förderte sie, in dem er ihr Bildung angedeihen ließ. Und das war gut so – man stelle sich vor in einem Lebenslauf von heute würde man so seinen Lebensbeginn beschreiben… unmöglich. Kein Personalchef der (westlichen) Welt würde auf so eine Formulierung positiv reagieren. Aber wir sind ja mitten im 18. Jahrhundert in Frankreich. Schon bald wird das Adelsreich bröckeln und eine weltumspannende Revolution das Land und den Kontinent erschüttern.

Jeanne-Marie Roland, so wir sie später einmal heißen, ist sicher nicht die prägendste Gestalt dieser Zeit. Und schon gar nicht stand sie auf den Barrikaden, noch weniger halb entblößt und mit wehender Fahne. Dennoch ist ihr Leben mindestens genauso spannend wie das derer, die noch heute in aller Munde sind. Von ihr stammt beispielsweise die erste Autobiographie aus der Feder einer Frau. Warum also noch ein Buch über diese Person? Man könnte die Autobiographie ja einfach lesen und fertig… Oh contraire mon frère, möchte man voller Ungeduld dem Frevler entgegenschmettern. Ganz im Gegenteil!

Zum Einen ist da die Autorin, Christiane Landgrebe, die schon mit ihren Biographien über Diderot und Germaine des Staël die Strahlkraft der einflussreichen (und fast vergessenen) Namen der Geschichte wieder aufpolierte. Zum Anderen ist es die unverbrüchliche Neugier des Lesers wahre Geschichte(n) aus erster Hand erlesen zu können. Christiane Landgrebe rückt die Zeilen aus Briefen und Überlieferungen ins rechte Licht.

Heutzutage wäre Madame Roland, wie man sie noch heute ehrfurchtsvoll nennt, eine mittelschwer erfolgreiche Influencerin. Sie bewegte sich in Kreisen, die den meisten schwer bis gar nicht zugänglich waren. Jeder Schnappschuss mit dem Adel würde heutzutage sicherlich ein paar Tausend Likes einbringen. Und ein paar revolutionäre Hashtags würde die die gebildete Frau (was heutzutage in manchen Ohren immer noch befremdlich klingen mag) auch zum Nach- und Umdenken beisteuern können. So vergessen Madame Roland heute erscheinen mag, umso erstaunlicher ist wie modern ihre Ansichten für eine Gesellschaft heute noch wirken. Geschichte ist immer schon vorbei. Die Gegenwart mit dem Wissen um die Geschichte gestalten ist deswegen bedeutsamer als man sich eingestehen möchte. Und dieses Buch ist in gewisser Art ein Baustein, um Wissen von damals mit dem Können von heute auf ein solides Fundament stellen zu können.

Stadtluft Dresden, Nr. 8

Ein Stadtmagazin ins Leben zu rufen – es am Leben zu halten – „in diesen Zeiten – eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Exklusive Tipps über die ultimativen Hotspots (die keiner kennt) bekommt man im Bruchteil einer Sekunde aufs Smartphone. Wohl deswegen dachten sich die Macher von Stadtluft, dass ein Bookzin wohl die bessere Lösung ist, um Dresdnern und Besuchern die Stadt näherzubringen bzw. schmackhaft zu machen. Es funktioniert!, so viel kann man schon mal verraten. Und das schon zum achten Mal.

Und das nicht nur wegen des Gewichtes: Mit Anderthalb Pfund Lesegewicht in der Hand kann man sich nötigenfalls auch mal den Weg durch pöbelnde Massen erkämpfen. Nein, das Bookzin Stadtluft besticht durch sein gedrucktes Schwergewicht auf 150 Seiten.

Die Artikel sind keine Appetithäppchen, die man zwischen zwei Haltestellen mal schnell liest und dann meist wieder vergisst. Es sind seitenlange Texte, Geschichten, Geschichte, Gedankenspiele, Erinnerungen und Visionen, die im Kopf haften bleiben.

Dresden wird sich niemals seiner Geschichte erwehren können. Der 13. Februar 1945 setzte ein Wundmal, das niemals vergessen wird. Kaum vorstellbar, dass in diesem gigantischen Bombenhagel (heutzutage werden derartige Vergeltungsmaßnahmen ganz anders eingeordnet) Menschen das (dunkle) Licht der Welt erblickten. Kaum zu glauben, dass die ersten Erinnerungen eines Menschen die an Trümmerhaufen und deren Beseitigung sind. Kein leichter Stoff für ein Bookzin, aber dennoch mehr als notwendig und eine Wohltat den Zeilen des Autors zu folgen.

Dann wiederum kommt eine Geschichte im Bookzin über eine Leidenschaft, die wenige mit echter Leidenschaft beseelt, die meisten mit Sammlertrieb gleichsetzen. Eine Bummel über den Flohmarkt. Gerd Püschel gehört seit Jahrzehnten zur ersten Gattung. Er ist leidenschaftlicher Sammler, und Kenner. Der Elbeflohmarkt an der Albertbrücke rühmt sich der älteste in Dresden zu sein. Hier ist Gerd Püschel in seinem Element. Wie ein Spürhund stöbert er, frohlockt, wird skeptisch und saugt die Anmerkungen der Besucher wie ein Staubsauger auf. Und bläst sie wie kleine amuse gueule über seinen Gedankenteppich. Mal zum Schmunzeln, mal echte Wortschätze. Und im Handumdrehen liest man sich in einen Rausch und weiß, dass der nächste Dresdenbesuch früh am Morgen beginnen muss, wenn die Händler ihre Gabentische aufbauen. Das schafft kein Stadtmagazin. Dazu bedarf es eines Bookzins.

Und am Abend geht es ins Konzert – vielleicht sogar zu Sven Helbig. Er arbeitete mit Rammstein und den Pet Shop Boys (die haben ja auch eine innige Verbindung zur sächsischen Landeshauptstadt). Das Interview mit ihm ist ebenso ein Festschmaus für Kulturkenner wie Neuentdeckung für alle, die Helbig noch nicht kannten.

Stadtluft, Nummer Acht ist gerade erschienen und in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich, ist ein Magazin, das man lange bei sich behält. Bricht man es auf normales Buchformat runter, so hat man ein echt dickes Stück Lesevorrat bei sich. Der Appetit kommt bekanntlich beim Essen. Hier beginnt er schon beim optisch einmaligen und ausführlichen Inhaltsverzeichnis. Ein Magazin, das auch Leipziger (die sich mit den Dresdnern nicht automatisch gut verstehen – ähnlich der Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf) und andere Auswärtige mit Genuss einverleiben können, da die Stadtwerbung wegen ihrer Unaufdringlichkeit so nachhaltig wirkt.

Görlitz

Görlitz ist vielleicht eine der unterschätztesten Städte, nicht nur im Osten, sondern deutschland-, wenn nicht sogar europaweit. Seit fast eintausend Jahren ist auf den Landkarten verzeichnet, dennoch erinnert man sich in jüngster Zeit eigentlich nur an die Stadt, wenn es um Hollywood-Filme geht. Die Neuverfilmung von „In 80 Tagen um die Welt“ und „Grand Hotel“ sind die prominentesten Beispiele dafür. Doch schon in den 50er Jahren wurden hier in historischen Kulissen Filme gedreht.

Doch hier ist nicht einfach nur Kulisse. Seit fast dreißig Jahren erhält eine Stiftung für die Erhaltung des einmaligen architektonischen Ensembles einen mittleren sechsstelligen Betrag – von anonymer Seite. Viele rühmen sich den Namen zu kennen – aber pssst, niemand verrät ihn. Das Ergebnis ist schlussendlich ja auch das, was zählt.

Dass Görlitz zusammen mit der Bruderstadt Zgorzelec auch Europastadt ist, ist darüber hinaus auch nur wenigen bekannt. Grund genug die Stadt an der Neiße gründlich unter die Lupe zu nehmen. André Micklitza macht das in diesem Fall. Und zwar auf beeindruckende Art und Weise. Der erste Blick auf die blanken Zahlen lässt erst einmal nur Nüchternheit hervorluken. 55500 Einwohner, 30 Quadratkilometer Fläche sprechen nicht gerade für ein Füllhorn an Attraktionen. Wenn man immer nur auf die Highlights schaut, mag man da auch teilweise richtig liegen.

In Görlitz ist die Summe der scheinbaren Kleinigkeiten entscheidend. Ohne den üblichen Kitsch wandelt man durch eine Stadt, die sich ihrem Charme hart zurückerobert hat. Nach und nach sind seit der Wende Häuser, Straßenzüge, ganze Viertel wieder in ein Licht gerückt worden, das so hell strahlt, dass sich so manches Kleinod von Portland bis Kerala, von Helsinki bis Montevideo warm anziehen müssen. Das beginnt beim allseits eingangs erwähnten Görliwood und hört noch lange nicht auf, wenn man die Jahrhunderte alten Gebäude mit steifem Nacken in voller Gänze erblicken will. Wer einmal die Nikolaivorstadt nicht nur als Wiege der Stadt verstanden hat, sondern ihrem Reiz mit dem ersten Schritt erlegen ist, wird nicht mehr aufhören von Görlitz zu schwärmen.

Doch der Streifzug durch Görlitz mit André Micklitza endet nicht vor so manchem romantischen Ort, er geht weiter, wenn man die Oder überquert. Zgorzelec am östlichen Ufer der Neiße steht dem Pendant im Westen (wo früher einmal der Osten für viele endete) in Nichts nach. Erst seit 1945 gehört es zu Polen, war einmal die Neißevorstadt. Wenn nicht die vielen Straßenschilder, die Werbung in den Auslagen in einer anderen Sprache – Polnisch – geschrieben wären, man würde den Grenzübertritt kaum bemerken. Ein einzigartiges Phänomen europäischer Kultur. Und selbst, wenn man sich auch durch dieses Kapitel des Buches voller Vorfreude gelesen hat, ist die Reise noch nicht zu Ende. Bis ins Berzdorfer Seengebiet, bis Ostritz und Niesky sowie die Königshainer Berge (für LKW-Fahrer der A14 durchaus mit häufiger auftretendem Grausen verbunden) bekommen die Anerkennung, die ihnen zusteht. Görlitz wird dank dieses Reisebuches so manchem von der Couch oder aus dem Lesesessel aufspringen lassen. Und sei es nur das bisher Unfassbare zu erleben.