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101 Lissabon

Schon seit einigen Jahren wird man das Gefühl nicht los, dass Lissabon immer noch gern mit dem Image des ewigen Geheimtipps kokettiert. Über elf Millionen Besucher zählte Portugal 2016, einen Großteil vereinigte allein die Hauptstadt Lissabon auf sich. Siebekommt sogar noch in diesem Jahrzehnt (Hallo Berlin!) einen zweiten (funktionierenden) Flughafen. Ist man dann vor Ort, ist das Erstaunen groß: Sprachgewirr allerorten. Also doch kein Geheimtipp mehr? Nein!

Ein Grund dafür könnte die 101er-Reihe von Iwanowski’s sein. 101 Geheimtipps und Top-Ziele verspricht die Unterzeile … und die folgenden zweihundertfünfzig Seiten halten dieses Versprechen auch! Zuerst die Fakten. Zahlreiche farbige Übersichtskarten, herausnehmbarer und funktionaler Stadtplan, unzählige aussagekräftige Abbildungen, Fakten, dass einem der Kopf glüht. Das haben andere Reisebücher vielleicht auch, aber … nein ABER, nicht so konzentriert, so übersichtlich, so handlich dargelegt. Eine Eins in Gestaltung, Aufmachung und Handhabung. Besser geht’s nicht!

Barbara Claesges ist gern gesehener Gast in Lissabon, Claudia Rutschmann hat sich auf Anhieb in die Stadt verliebt und nennt die Stadt seit über einem Jahrzehnt ihre Heimat. Und diese beiden Frauen führen mit Leichtigkeit nun den Leser in eine der beeindruckendsten Städte der iberischen Halbinsel, Europas, wenn nicht sogar der Welt.

Wer nun erwartet, das hier Schritt für Schritt einhundertundeins Sehenswürdigkeiten abgegangen werden, ein Blick nach links, einer nach rechts, der irrt. Die Aufzählungen dienen lediglich der besseren Orientierung. Ansonsten ist die Zählung Nebensache. Denn jeder Punkt enthält mehr als einen so genannten Hotspot. Wer sich die Mühe machen will, und alle Tipps und Ratschläge einmal durchzählen will, kommt sicher schnell auf eine vierstellige Zahl. Den beiden Autorinnen geht es nicht um die Anzahl der aufzuzeigenden „Plätze, wo es besonders schön ist“. Der Weg von A nach B und weiter zu C ist viel spannender und zeigt dem Leser, was Lissabon ist, wie es tickt. Eine Stadt, die ihre Pracht nicht verbirgt. Wer sich aber hinter die Kulissen wagt in einen Ozean an Erlebnissen eintauchen wird. Museen haben für die beiden Autorinnen den gleichen Stellenwert wie das Markttreiben, bewährtes Handwerk geht mit lukullischen Höhepunkten eine Allianz ein, die die Sinne zu Höchstleistungen antreibt. Und zwischendrin immer wieder kleine Infokästen, die wichtige Tipps geben, um nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein oder einfach nur eine Gedankenstütze darstellen.

Das Buch ist so kompakt, dass es in jeder Tasche verstaut werden kann, so dass man es immer schnell zur Hand hat. Die Souvenirjagd hat bereits mit dem Kauf dieses Buches begonnen. So einfallsreich und farbenfroh wurde die westlichste Hauptstadt von Kontinentaleuropa noch nie beschrieben. Lissabon ohne dieses Buch wäre nur halb so schön – mit diesem Buch unermesslich reich an Erfahrungen.

Am Tiefpunkt genial

Ach Mensch, Paul! Du wusstest es doch! Als Stefanie so vertraut mit Markus war. Das Klingeln im Ohr?! Du hast es doch gehört. Nun ist sie weg, die Stefanie. Jetzt gibt es dafür Markus und Stefanie. Mensch Paul! Kippen, Bücher und Musik sind doch nicht alles.

Man möchte Paul anschreien, ihn wachrütteln. Ein bisschen Selbstmitleid sei ihm zugestanden, ihm dem Buchhändler, der so sehr an Zigaretten und Musik hängt. Und bis vor Kurzem hing er auch noch an Stefanie. Sie, das Modepüppchen, die nächtelang die Clubs unsicher machte, sehr, zu auf ihr Äußeres achtete und dieses hegte und pflegte. Stundenlang. Und Paul, der Mode zwar buchstabieren kann, aber ansonsten damit nichts anfangen kann. Warum hat Bernhard diesen Markus auch angeschleppt?!

Hass empfindet Paul nicht. Mit Klarissa hingegen spricht er sich aus. Seine Ex. Sie kennt ihn und mag ihn und fühlt sich immer noch ein wenig für ihn verantwortlich. Aber vor allem macht sie ihm Mut. Die Trennung war gut für ihn. Den Eigenbrödler. Und dann wieder Bernhard. Lass uns treffen. Alle zusammen. Auch Markus? Ja. Der Soundtrack des Lebens hält für den Musikliebhaber Paul aber auch immer wieder eine B-Seite parat. Kein stimmungsvoll-melancholischer B.B. King, keine immer passenden Stones, kein beruhigender Miles Davis.

Und wie im richtigen Muskleben enthält die B-Seite eine echte Rarität. Markus und Paul können sich in die Augen schauen, miteinander reden und sich sogar die Hand geben. The kids are alright oder doch Sympathy fort he devil?

Wer nun meint, dass mit Paul wieder alles in Ordnung ist, irrt. Mit Paul war schon immer alles in Ordnung. Aus falschem Pflichtgefühl heraus bildet er sich ein, dass Schicksalsschläge unbedingt mit tiefer Trauer, Selbstzweifel und vielleicht sogar Hass einhergehen müssen. Doch Paul hat seine Bücher, seine Kippen und seine Musiksammlung. Und wenn ihm danach ist, haut er sich einfach aufs Sofa. Nichts tun, den Herrgott einen liebe Mann sein lassen. Er verliert seinen Job und erkennt, dass Markus auch bloß ein Aufschneider ist, der gern andere in seine Machenschaften zieht. Im ersten Moment keine sonderlich schönen Ereignisse. Dennoch: Paul kann zufrieden sein. Denn schlussendlich ist da noch etwas. Das Leben!

Karoline Cvancara zeichnet mit Paul einen Lebemann, den man nicht auf Anhieb dieses Attribut verleihen würde. Er ist wie eine Katze, landet immer wieder auf den Füßen. Die Abgründe, die sich vor ihm auftun, kennt jeder. Man kann sich verkriechen, die Decke über den Kopf ziehen, aber das zögert die Lösung des Problems nur hinaus. Man kann sich bewusst Hilfe suchen, aber dann muss man alles noch einmal aufrollen, ob’s hilft, weiß man vorher nicht. Oder man lässt alles erst einmal sacken und blickt nach vorn. So wie Paul.

Verlassene Orte in Berlin

Blut spritzt, Knochen splittern – das tut weh. Farbe blättert, Putz bröckelt, Scheiben klirren – das hat Charme. Metropoler shabby chic mitten unter uns. Berlin ist die Metropole des Schauderns – Ciarán Fahey zeigt Berlin wie es sich Berlin Touristen nicht vorstellen können. Und doch gibt es mehr als genug Neugierige, die dem Charme des Verfallenen nicht widerstehen können. So wie der Autor.

Er kraucht dort hinein, wo man sich schmutzig macht. Wo man sich die Hosen zerreißt und vielleicht auch die eine oder andere Schramme holt. Und er erhellt das Dunkel der Vergangenheit, in dem er zum Beispiel die Bärenquell-Brauerei ihres letzten Geheimnisses beraubt. Nämlich dem wie es heute um die einstige Hopfentränke bestellt ist. Ein gelinde gesagt staubiger Eindruck. Als ob hier von einer Minute die Feierabendsirene ertönt wäre und man vergessen hätte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Wo vor hundert Jahren noch – sogar werktags – geschwoft wurde, hätte selbst die beste Feuchtigkeitscreme keine Chance die Risse in der Fassade glattzubügeln. Das Ballhaus Grünau ist heute nur noch annähernd ein Schatten seiner selbst.

Mit detaillierter Versiertheit beschreibt er die Orte, die einmal Großes darstellten und heute aus den verschiedensten Gründen den Naturgewalten anheimfallen (gelassen werden).

Verlassen? Ja! Vergessen? Nein! Dank Ciarán Fahey. Der irische Autor geht auf die Knie vor den erhabenen Bauten und robbt sich vor ins Innere der meist abgesperrten Hinterlassenschaften aus Urgroßmutters Zeiten. Wer heutzutage bei Siemens die S-Bahn verlassen will, landet im Nirgendwo. Siemensbahn – die Geisterstationen von Siemens‘ verlassener S-Bahnlinie heißt das Kapitel, das – genau wie der Rest des Buches – eindrucksvoll beschreibt wie der Zahn der Zeit an Plattform, Handlauf, Dach und Informationstafeln genagt hat. Rost ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung, scheinen einem Text und Bilder entgegen zu schreien. Und doch gedeiht hier noch oder schon wieder Pflanzen. Die Natur gibt, die Natur nimmt. Was schon einmal samtzart das Auge berührte, wirkt gegenwärtig wie pubertierende Akne auf verwelkter Haut.

Man riecht den Moder und die Verwesung, sieht aber das Potential der abgebildeten Objekte und schnauft tief durch. Warum nur findet sich niemand den Reiz der Vergangenheit noch einmal zu alter Blüte zu verhelfen? Waschbären als Hüter des Augenblicks, Graffitis als Boten der Moderne, Schrottautos als stillgelegter Protest gegen das Vergessen?

Dieses Buch ist ein reiseband der besonderen Art. Kein Aufforderung Grenzen zu überschreiten. Wohl aber ein gedrucktes Mahnmal für den Erhalt der eigenen Geschichte.

Der dritte Mann

Ein Mann wird am helllichten Tag auf der Straße von einem Fahrzeug angefahren. Sofort ist ein Arzt da. Das Opfer wird sofort im herbeieilenden Krankenwagen ins Spital gebracht. Ein Freund und noch ein dritter Mann begleiten ihn. Doch es ist zu spät – der Mann ist tot! Vor einigen Jahrzehnten lautete nun die Aufgabenstellung „Machen sie was draus! Schreiben Sie einen Klassiker!“ Gesagt, getan. Graham Greene gelang es mit scheinbarer Leichtigkeit. Es selbst sagte jedoch, dass mit dem Drehbuch zum Film (übrigens seit Jahren, seit Jahrzehnten immer wieder als bester britischer Film betitelt – auch wenn er beispielsweise an Drehorten in Wien immer noch als Hollywoodfilm bezeichnet wird) die Geschichte so richtig zum Tragen kommt. Die wegweisende Kameraführung und die damit geschaffenen expressionistischen Bilder, das diabolische Genie von Orson Welles, die beängstigende nächtliche Kulisse des vom Krieg gezeichneten Wiens sind nur drei Zutaten für diesen Klassiker.

Kann man diesen nun noch eine weitere Komponente hinzufügen, um ihn für die Nachwelt zu erhalten und den Ruf als „Must-Have“ der Literatur und Filmkunst zu bestärken? Ja!

Annika Siems studierte Mode und Illustration in Hamburg und Paris, recherchierte im Internet, um die Stimmung der Geschichte einzufangen. Ihr gelang es an die Grenzen des world wide web zu stoßen und ging nach Wien. Das Nachkriegs-Wien in Bildern nachzuempfinden war nicht einfach, fast schon unmöglich. Hier fand sie die nötige Inspiration dem „Dritten Mann“ das passende Gewand zu schneidern. Sie entschied sich bewusst dafür ihm keinen neuen Anzug zu entwerfen, sondern ihm mit den vorhandenen Materialien einen frischen, nichts verfälschenden Look zu verpassen.

Für sie war es eine echte Herausforderung. In der Welt der Farben ist sie zu Hause. Ein wohl dosiertes Farbspektrum zeichneten bisher ihre Arbeiten aus. Und nun das expressionistische Schwarz-Weiß in Szene setzen? Nicht leicht. Sie sammelte alles, was sie in die Finger bekommen konnte: Stadtansichten, Modefotografien, Szenenfotos – und wenn man Annika Siems über ihre Mappe mit den Inspirationsmaterialien reden hört, geht jedem Filmfan das Herz auf: Das flammt immer wieder die Leidenschaft auf, die man auf jeder von ihr gestalteten Seite von Oben bis Unten, von links nach rechts sehen und erleben kann.

Kunst, die mit Handwerk Hand in Hand geht, wirkt! Der Film als Inspirationsquelle für die künstlerische Ader und das Dritte-Mann-Museum Wien als ewig sprudelnder Quell für die handwerkliche Umsetzung. Hier und bei Spaziergängen durch die Stadt keimten die Ideen für die Neuauflage bei der Edition Büchergilde. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja bald noch mehr Filmvorlagen, die so nah am Original sind und doch neue Ansichten eines Klassikers anbieten… Verbessern kann man sie nicht, aber auf eine neue Ebene heben schon.

Wien steckt voller Überraschungen und zeigt sich Besuchern gern von seiner schönsten Seite. Filmfans aus aller Welt wandeln hier auf den Pfaden von so manchem Leinwandstar. Unter all diesen Spaziergängen ragt einer besonders hervor: Ein Rundgang durch Wien auf den Spuren des Dritten Mannes. Film und nun auch dieses exzellent gestaltete Buch machen Appetit auf mehr. Mehr dritter Mann und mehr Gänsehauterfahrungen. Und noch ein Mehr: Mehr gibt es unter events.wien.info/de/6k/dritte-mann-tour/ und www.viennawalks.com. Kleiner Tipp: Die späten Touren geben sowohl die Stimmung des Films als auch der Stadt am besten wieder. Wer Glück hat, trifft in seiner Gruppe auf einen Hutträger: Schummriges Licht, lange Schatten – fast wie im Film!

Mit dem Schiff durch Berlin

Es gibt viele Gründe nach Berlin zu fahren. Die Weltläufigkeit, die unbegrenzte Möglichkeit zum Shoppen, die Architektur, das Angebot an Konzerten. Doch Berlin als Schiffsmetropole zu betrachten, das ist ungewöhnlich. Nur auf dem ersten Blick! Denn Berlin ist von Wasserstraßen durchzogen wie kaum eine andere Stadt in Deutschland.

Armin Gewiese und Ulrike Dömeland nehmen den Leser mit auf eine kapitale Hafenrundfahrt. In Zahlen heißt das: Rund 60 km² Berlin sind vom Wasser erobert, die Uferlängen aller Gewässer sind fast doppelt so lang wie das S-Bahnnetz, und einer der größten Exportschlager der Welt wurde vor 125 Jahren auf dem Dampfer Hertha gegründet.

Von Kladow bis Erkner, von Krampenburg bis Tegel/Greenwich Promenade, vorbei an Hauptbahnhof und Schlossbrücke – janz Berlin liegt uffm Wasser. Zumindest am Wasser. Und es gibt auch überall was zu sehen! Museen, die Museumsinsel ist nur eine Augenweide, extravagante Illuminationen, Schlösser … und das Beste ist, dass lästige Parkplatzsuche keine Zeit mehr vom Besuch der Stadt abknabbern kann. Möglichkeiten zum Aussteigen und Besteigen der Schiffe gibt es zuhauf, um Berlin und Umgebung (wie zum Beispiel das architektonisch wie technisch einzigartige Schiffshebewerk Niederfinow) zu erkunden.

Kleine Karten erleichtern die Orientierung und am Ende des Buches geben die Autoren Tipps zur Hungerbewältigung an Havel, Spree, Dahme, Landwehrkanal, Teltowkanal, Müggelsee, Tegeler See, Seddinsee sowie Adressen von Kreuzfahrtveranstaltern, Reedereien und An- und Ablegestellen.

In den informativen Kapiteln kann man als Leser Berlin nicht schon „schon mal kurz vorher“ kennenlernen. Immer wieder lassen Bilder dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen, was er beim nächsten Berlintrip alles erleben kann. Berlin, die Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, arm aber sexy ist, urbanen Charme mit Modernität wie kaum eine andere zu verweben versteht, mal anders. Keine Touren für diejenigen, die schon alles gesehen haben, sondern eine echte Neuentdeckung der Hauptstadt.

Kommissar Gennat ermittelt

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Das Leben in Balance halten. Für jedes Yin gibt es ein Yang. Und für jeden Berliner Ganoven einen Gennat. Vor- und Nachteil: Wer vor Kommissar Ernst Gennat davon rannte, war eindeutig auf der Gewinnerstraße, denn Spitznamen wie „der volle Ernst“ oder „Buddha der Kriminalisten“ kamen nicht von ungefähr. Doch hatte „Papa Gennat“ einen erstmal in den dicken Fingern, gab es kein Entrinnen. Regina Stürickow setzt einem einst echten Denkmal ein gedrucktes Denkmal.

Ernst August Ferdinand Gennat war der Schrecken der Ganoven von Berlin. Ende des 19. Jahrhunderts in ein Berlin hineingewachsen, das aus den Nähten platzt. Ein schwindelerregender Bevölkerungsanstieg zieht auch so manch schwarzes Schaf an. Gennat ist einer der wenigen Beamten im Exekutiv der Hauptstadt. Und – so scheint es – bald der einzige, der seinen Beruf nicht als Absicherung, sondern als Berufung versteht.

Hat der gewichtige Kommissar einen „Janoven“ erstmal zwischen seinen dicken Fingern, gibt es kein Zurück mehr. Fast schon liebevoll umschmeichelt er sein Gegenüber, zeigt die Grenzen und Folgen des nutzlosen Tuns auf und löst mit einem Fingerschnipp den Fall. Fast wie im Film. Apropos: Fritz Lang hat in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ seinem Ermittler Kommissar Karl Lohmann unverkennbar Gennats Züge angedeihen lassen.

Drei gesellschaftliche Epochen drückte der beleibte Kommissar seinen Stempel auf: Unterm Kaiser, in der Weimarer Republik und auch unter den Nazis. Immer dabei: Sein Trudchen. Sein nicht weniger fülliger Assistenz-Engel, an dem kein Vorbeikommen war. Und die immer für eine mit Sahnestückchen gefüllte Schublade sorgte. Die einzige Sünde, der er sich je hingab. Privatleben gab es für Ernst Gennat nicht. Fast bis zum Ende seines Lebens blieb er Junggeselle – er heiratete kurz vor seinem Tod … eine Kollegin. Wenn er im Verhör mal kurz wegnickte (im Zuckerkoma), atmete so mancher Delinquent kurz auf. Doch sobald die Äuglein über dem Doppel-später Dreifach-zum Ende Vierfach-Kinn, wieder aufblitzten, setzte Gennat nahtlos an der vorangegangenen Frage an. Es war ein Graus für alle Taugenichtse, Räuber, Erpresser und Mörder.

Von Letzteren gab es zu Gennats Zeiten Unmengen. Die Polizei wurde der Lage nie so recht Herr. Gennat war es, der eine Art Handreichung, einen Arbeitsablauf, fast schon eine Betriebsanweisung erstellte. Tatorte wurden gern mal für die Ermittler „hergerichtet“. Einen Saustall konnte man ja wohl den hohen Herren (die meisten Ermittler waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts adeliger Herkunft bzw. zumindest aus besseren Kreisen) nicht zumuten. Und immer mit dabei: Die Presse. Das Opium fürs Volk waren die gedruckten Räuberpistolen, die zeitweise mehrmals täglich erschienen.

Regina Stürickow hat Archive gewälzt, die wenigen Aufzeichnungen der Vor-Gennat-Ära analysiert und ins rechte Licht gerückt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist ein Doku-Krimi-Zeitabriss der besonderen Art. Die Texte der Autorin und die Gestaltung des Buches lassen dem Leser nur eine Wahl: Sich gebannt der Lektüre ergeben. Widerstand zwecklos. Der Kommissar gewinnt am Ende doch.

Alltag in Berlin

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Wie spannend kann der Alltag schon sein? Aufstehen, arbeiten, essen, schlafen, aufstehen, … und so weiter. Klingt nicht gerade sehenswert. Denkste! Denn Alltag ist Kultur, Kultur, die jeden betrifft, die jeder kennt, die jeder formt und gestaltet. Und mal ganz ehrlich: Neugierig sind wir doch alle, wollen wissen wie‘s beim Nachbarn aussieht, was der alles so treibt. Und wie das in Berlin aussah, kann man nun in diesem Prachtband nachlesen, kann kieken wie’s um die Ecke aussah, kann man bestaunen und wieder entdecken.

Hans-Ulrich Thamer und Barbara Schäche haben sich das Mammutprojekt „Alltag in Berlin“ vorgenommen und beeindruckend umgesetzt. Barbara Schäche saß bis 2015 an der Quelle. Als Leiterin der Fotothek des Berliner Landesarchives war die Herrin über einen unfassbar großen Bestand an Aufnahmen der Stadt, die den Begriff „wechselvolle Geschichte“ für sich gepachtet zu haben scheint.

Was dieses Buch dankenswerterweise nicht ist: Ein Regenbogen der Promis in der Hauptstadt. Wahre Begebenheiten, echte Menschen, reale Situationen, nachvollziehbare Prozesse sind die Zier und das Brot dieses Buches. Eine fast ausgestorben scheinende Werkhalle – letzter Tag der Abfüllung bei Bärenquell. Oder wohlverdiente Pause bei Borsig – Lehrlinge, denen harte Arbeit nichts ausmacht, aber einer Pause nicht abgeneigt sind.

Kriegsinvalide werden Badevergnügen gegenüber gestellt – Freud und Leid liegen nicht nur literarisch eng beieinander.

Dieses Buch schaut man sich immer wieder an. Schon allein deswegen, weil man es nur schwer auf einmal von der ersten bis zur letzten Seite anschauen kann. Zu viel Input, wie man heute sagen würde. Die Wucht der Bilder ist nicht nur bei intensiver Beschäftigung erdrückend. Zwischen den Bildern, die Abläufe zeigen, die heute kaum mehr einer kennt, der noch nicht in Rente ist, wie das Wäschewaschen im Waschkessel im Waschhaus, erquicken den Leser Aufnahmen von erholsamen Unterbrechungen, Gartenparties oder Faschingsfeiern im Kindergarten.

Demos für Frieden und Solidarität auf beiden Seiten der Mauer waren Gemeinsamkeiten und Unterscheide in der geteilten Stadt. Sie gehörten zum Stadtbild wie Menschen „von janz weit her“ über „aus Not auf die Straße getriebene Mädchen“ bis hin zum quirligen Treiben vor dem Ringbahnhof in Mitte. Wohlgemerkt, das sind drei Bilder von zwei sich gegenüberliegenden Seiten. Abwechslung ist geboten, das hat sich Berlin bis heute bewahrt. Es ist den beiden Sammlern zu verdanken, dass nicht nur der momentane Wandel in Bildern festgehalten wurde, sondern vor allem das, auf dem heute dieser Wandel überhaupt noch stattfinden kann. Als Berlinkenner ist es ein Riesenspaß die genauen Standorte der Fotografen zu bestimmen. Und vielleicht erkennt sich ja jemand wieder auf den Bildern. Det wär ‘ne Schau!

Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann

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Lange Zeit hatte man das Gefühl, dass deutsche Literatur nur von einem Autor geschrieben werden konnte: Goethe. Der war ja überall und nirgends. Ein echter Tausendsassa. Der Wachwechsel wurde mit der Wiederentdeckung von Thomas Mann eingeläutet. Alle überschlugen sich, der interessierte Leser konnte sich mit Biographien eindecken bis er nicht mehr atmen konnte. Mann soweit das Auge reichen konnte. Auch die Frauen der Manns wurden ausgiebig besprochen. Vorteil Manns.

Elisabeth Tworek scheint ins gleiche Horn zu stößen. Doch nur oberflächlich. Sie interessiert sich für die Zeit und (vor allem) den Ort, an dem Thomas Mann, der Wegbereiter des Mannschen Ruhms, und seine Familie wirkte. München. Ein Stadt, die heute für markante Fußballkunst, das größte Volksfest der Welt und eine Landesregierung bekannt ist, die den Großen der Welt die Stirn bietet, sich anbiedert und immer wieder ins Rampenlicht drängt. Doch Literatur und München? Mundart, bitte schön! Das sehr wohl.

1894 führt der Weg der Manns in die bayrische Landeshauptstadt. Ein pulsierender Quell des künstlerischen Ausdrucks. Bertolt Brecht, Karl Valentin (da ist er wieder, der Dialekt), Oskar Maria Graf, Frank Wedekind und eben Thomas, Klaus, Erika, Heinrich, Katia und wie sie alle hießen. Die Manns eben. Sie alle – nicht nur die Manns – waren von München beeinflusst, leisteten im Gegenzug ihre Beitrag zur Entwicklung der Stadt. Wer was werden wollte, wer als Schriftsteller vom Ruhm der Autoren profitieren, sich inspirieren lassen wollte, musste in München sein. Und leben.

Das war und blieb so bis ins erste Viertel des vergangenen Jahrhunderts. Dann änderte sich das Bild der Stadt. Freigeister wurden zuerst zögerlich, dann immer öfter und offener zum Freiwild. Hauptstadt der Bewegung nannten die Nazis München. Das ungezwungene Leben wurde immer schwieriger, reglementierter bis hin zur Repression. In den Dreißiger Jahren packten viele gezwungenermaßen ihre Koffer und flohen vor Verfolgung und Berufsverbot. Die Auswirkungen sind bis heut spürbar.

Der Autorin gelingt mit scheinbarer Leichtigkeit das süße Leben der „nördlichsten Stadt Italiens“, die Leichtigkeit des Seins, die musischen Kräfte der Isar-Metropole einzufangen. Sie durchforstete Familienalben, recherchierte in Archiven, sammelte Anekdoten und fügte alles zusammen in diesem wunderbaren Band. Das hochdeutsche München der Bohème vor rund einhundert Jahren. Mehr als nur eine Fortsetzung in der Reihe der zahlreichen Biographien über die Manns. Vielmehr ein Kaleidoskop der Umgebung, des menschlichen Diskurses und des Kampfes gegen Engstirnigkeit für den viele einen zu hohen Preis gezahlte hatten.

Im Labyrinth des Kolosseums

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Wer sich ein Haus baut, will, dass es lange steht und bewohnbar ist. Die Grundstücksauswahl ist somit nicht nur der erste Schritt, sondern ein elementarer. Niemand würde sich ein Heim auf schwachem Grund bauen.

Doch die Geschichte zeigt, dass es auch anders geht. Wer Rom besucht – eigentlich jeder, egal ob er schon in Rom war, dort hin will oder es nie vorhaben wird – kennt die Anziehungskraft, die vom Kolosseum ausgeht. Ein gigantischer Bau, von dem, wenn man das Alter des Bauwerks bedenkt, noch sehr viel zu sehen ist. Und noch mehr zu erahnen ist. Und dieses Bauwerk steht an einer Stelle, die heutzutage als natürlicher Spa-Bereich durchgehen würde. Bauherr war Kaiser Vespasian, er regierte von 69 bis 79 unserer Zeitrechnung. Und zu eben dieser Zeit war an dieser Stelle zwischen Via Celio Vibenna und Via Nicola Salvi, die es damals garantiert noch nicht gab, ein See.

Klaus Stefan Freyberger und Christian Zitzl sezieren das Bauwerk, die vorhandenen Pläne und die Niederschriften dazu bis ins kleinste Detail. Als Leser ist man mitten im Geschehen. Ein bisschen Vorbildung ist allerdings vonnöten, wenn man den gesamten Text voll umfänglich verstehen will. Die Sitzanordnung, architektonische Besonderheiten und die Lage ergeben einen Sinn. Das Kolosseum ist von nun an nicht mehr nur eine touristische Attraktion, sondern ein vertrautes Bauwerk, das den Vergleich mit ähnlichen Amphitheatern wie denen in Verona, Pompeji oder Nîmes (auch diese werden in diesem Buch ausführlich beschrieben) nicht scheuen muss.

Doch dann der Bruch! Vielleicht war alles ganz anders? War das, was wir als Neubau sehen, nur ein Erweiterungsbau? Warum wurde dann nicht schon früher über ein Theater an dieser Stelle geschrieben? Wieso kennt das niemand? Fragen, die sich bis heute Wissenschaftler stellen. Und die der Leser nur zur Kenntnis nehmen kann. Doch Freyberger und Zitzl geben mögliche Antworten. Man darf diese Lücke nicht mit heutigen Maßstäben schließen. Heute schaut man ins Netz und ist oft schlauer, meist jedoch mit einer Theorie betraut.

Eindeutige Antworten können auch die beiden Autoren nicht liefern, doch ihre Überlegungen überzeugen den Leser. Wer Rom besucht, kommt unweigerlich am Kolosseum vorbei. Pflichttermin nennt man so was. Ob man nun dieses Buch vorher eingehend studiert hat oder es aufgeschlagen bei der Besichtigung mitführt, ist jedem selbst überlassen. Fakt ist, dass es wohl nur wenige Guides gibt, die so kenntnisreich informieren können. Jeder Bogen, jedes Tor, jeder Rang erscheint in einem neuen Licht. Und warum nicht im Urlaub Erholung mit Wissen verbinden. Schaden kann’s nicht!

Paris abseits der Pfade I

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Über die Boulevards schlendern, den Eiffelturm erklimmen, auf den Treppen vor Sacré Cœur ein Eis schlecken – Paris. Ein Traum! Viel zu erleben, aber auch viel zu verpassen. Denn nur Boulevards, Turm und Ausblick mit Eis macht aus keinem Gast einen Paris-Experten. Das unter anderem beweist dieser Reiseband, der jedem Paris-Besucher unters Kopfkissen gelegt gehört.

Und wenn man es dann wieder hervorholt und auch nur ein bisschen darin blättert, erlebt man Paris wie es selbst viele Pariser nicht jeden Tag erleben. Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch „hintereinander wegzulesen“, ist nur was für Menschen mit fotografischem Gedächtnis. Die Dichte an Informationen erschlägt den Leser. Fast! Denn so manche Straße ist dem Besucher schon bekannt. Doch erfährt man nun erst, was man alles übersehen hat, welche Histörchen sich hier zugetragen haben. Auf einzelne Beispiele kann aus Platzgründen nicht eingegangen werden.

Georg Renöckl hat all seine Sinne geschärft, um dem Leser das Flanieren so einfach wie möglich zu machen. Der Duft von exotischen Kräutern aus aller Herren Länder steigt in die Nase, das Auge zuckt von einem denkwürdigen Platz zum Anderen, die Ohren vernehmen schon ab den ersten Seiten den Klang von Paris. Mit dem Autor genießt man ein krosses Baguettes und blickt auf die Ratten von Paris. Nicht sprich-, sondern wortwörtlich. Keine Angst, die tun nichts mehr!

Mit Victor Hugo durch Paris laufen, Haussmanns Erbe in sich aufsaugen, mit Napoleon die Welthauptstadt erobern und zwischendurch die kleinen, in keinem Reiseführer verzeichneten Geheimtipps aufsuchen. Georg Renöckl hat viel gelesen, hat in Paris gelebt, ist also der ideale Paris-Guide für Anfänger und Paris-Kenner. Romantisch verklärte Klischees sucht man vergebens in diesem Buch. „Augen auf!“, heißt es vielmehr, wenn man durch das Häusermeer spaziert. Den Blick immer schweifen lassen, kein Detail außer Acht lassen.

Bei der Fülle an Eindrücken gibt der Autor immer wieder Tipps zur Erholung, sprich wo man es sich schmecken lassen kann. Am Ende der Kapitel noch einmal kompakt zusammengefasst. Egal, wo man sich gerade befindet. Auch in den so genannten No-Go-Areas. Die liegen eh im Auge des Betrachters. Wer sich von den hypermodernen Hipster eher abgestoßen fühlt, meidet andere Quartiers als die Stubenhocker, die immer nur auf ihre eigene ach so tolle Kultur pochen. Alles ist relativ. Nur Paris nicht! Paris ist absolut: Lecker, bestaunenswert, vielfältig und abwechslungsreich. Und mit oder nach der Lektüre dieses Buches eine Stadt, die man so noch nicht gesehen hat.

Oft heißt es in einem Gespräch, dass man eine gute und eine schlechte Nachricht hat. Hier ist es anders: Es gibt einen Lichtblick und die Frage „Wie liest man dieses Buch?“. Der Lichtblick ist der Titel „Paris abseits der Pfade – Band 1“, d.h. die Reise wird weitergehen. Die Frage nach der Leseart ist da schon schwieriger zu beantworten. Beim Gehen schmökern? Dann verpasst man ja alles! Vor dem Flanieren lesen oder hinterher? Beides! Eindeutig beides. Zuerst anfüttern und am Abend Revue passieren lassen. So liest man „Paris abseits der Pfade“. Und Paris ist kein Traum mehr, sondern das wahre Leben!