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Mona Lisa forever

Mona Lisa forever

Wenn man sich die Musikcharts – egal welches Jahres – anschaut, fällt auf, dass immer mindestens ein Titel mit einem Frauenname auffällt: Leonard Cohen brachte gleich zwei Damen ins Spiel, Suzanne und Marianne und  Paul McCartney grüßte seine Jude. Doch es gibt einen Namen, der alle Kunstgenres vereint: Mona Lisa. Vor mehr als fünfhundert Jahren pinselte Leonardo da Vinci die Lisa del Gioconda auf seine Leinwand. Heute schwadronieren Millionen Besucher an ihr vorbei.

Thomas R. Hoffmann hat sich intensiv mit dieser Frau auseinandergesetzt hat daraus einen Hit gemacht. Denn er verzichtet wohlwollend auf das ganz ausführliche Tamtam „Wer ist das?“, „Ist es gar Leonardo selbst?“ und die sinnlosen Untersuchungen zur Wirkung. Er reißt sie an, die Geschichten, doch sein Augenmerk liegt auf der Faszination der Mona Lisa in der Kunst. Denn das Portrait wurde sehr oft kopiert, dient noch öfter als Vorlage und unendliche Male als Inspirationsquelle.

Marcel Duchamp zeichnete seine Hommage mit Bart – allerdings mit deftigem Spruch. Dali tat es ihm gleich, jedoch ohne Hinweis auf den nicht sichtbaren hinteren Teil ihres Körpers. Andy Warhol vervielfachte sie. Das sind die Beispiele der Moderne, doch schon im 19, sogar schon im 16. und 17. Jahrhundert war die Mona Lisa Vorlage für Portraitmalerei. Leicht eingedreht, fast schon starrer Blick, die toskanischen Hügel im Hintergrund. Manche sind gelungen, manchen hätte ein Alternativmodell besser zu Gesicht gestanden, manche sind grandiose Weiterentwicklungen.

Der Autor gibt einen umfassenden Überblick in Bildern wieder. Jasper Johns, Oskar Kokoschka, sogar Pablo Picasso sind dem Reiz der Mona Lisa verfallen, genauso wie der Leser diesem Buch.

Lesereise Côte d’Azur

Lesereise Cote d'Azur

Es gibt sie noch, die Sehnsuchtsorte. Trotz Globalisierung und Gleichschaltung bei der Gestaltung von Orten verheißen einige Landstriche immer noch Glanz, versprühen ihren Zauber nur durch ihren Klang. So wie die Côte d’Azur. Ein Hauch von Eleganz, Extravaganz, Verruchtheit, aber auch Exklusivität. Helge Sobik hat dem Mythos Côte d’Azur auf den Zahn gefühlt.

Und er gibt dem Affen Zucker, wenn er seine Lesereise mit dem Klischee der Schönen und Reichen beginnt. Am Cap d’Antibes liegen die paradiesischen Anwesen der oberen Zehntausend. Wer hier ein Anwesen sein Eigen nennt, hat es geschafft. Finanziell zumindest. Ein Blick über die Hecke werfen und vielleicht einen A-Promi beim Sonnenbad erblicken – eher selten. Man bleibt gern unter sich. Um denen da oben ganz nah zu sein, muss man hier arbeiten, als Strandbademeister zum Beispiel. Man muss diskret sein (können). Dann erhascht man vielleicht sogar mal ein Autogramm.

Sobiks Geschichten wechseln zwischen Privatkonzerten von Bono, Sänger von U2, und einzigartigen Naturschönheiten. Wie der Insel Porquerolles. Georges Pompidou rettete die Insel vor der maßlosen Kommerzialisierung als er anwies die Insel vom Staat kaufen zu lassen. Oder Port-Cros. Unbewohntes Eiland, Nationalpark. Rauchen verboten! Wer erwischt wird, dessen Geldbeutel wird um den größten Euroschein erleichtert. Also Kippen weg, Augen auf, und das Atmen nicht vergessen! Denn die Insel verleitet regelrecht zum Atemstillstand.

An der Côte d’Azur trifft Helge Sobik auf Erinnerungen an Stars wie Curd Jürgens, Pablo Picasso und Marlene Dietrich. Auch sie erlagen dem Charme dieses Landstriches, der so viel verspricht. Und es auch hält. Doch er trifft auch auf Menschen, denen die Gäste und ihr Geld egal sind. Sie lieben es hier ihr Leben zu leben. Andere wiederum können ohne die großen Namen nicht leben. Sie profitieren vom Ruhm und Geld der Paparazziopfer. Vielleicht ist es ja gerade diese Mischung, die die Côte d’Azur so reizvoll macht?

Die Lesereise Côte d’Azur macht Appetit auf eigenes Erleben. Man muss ja nicht gleich im teuersten Hotel am Platze absteigen und einen Eisbrecher für einen zweistelleigen Betrag bestellen. Das geht hier an jeder Ecke. Die Côte d’Azur lebt von ihrer Natur. Sie ist die Basis für das, was heute sehnsuchtsvolle Tränen in die Augen der Träumer treibt. Saint Tropez, Nizza, Cannes, all das kam im Laufe der Zeit. Ohne das reizvolle Klima, die betörende Landschaft wären auch die Stars wie Brigitte Bardot hier niemals hängen geblieben. Und der Mythos Côte d’Azur wäre niemals an Tageslicht gekommen. Aber dann hätte es auch dieses Buch niemals gegeben. Das wäre wirklich schade!

Alles Mythos! 16 populäre Irrtümer über Frankreich

16 populäre Irrtümer über Frankreich

Ralf Nestmeyer und Frankreich – das passt. Der Autor von mehreren Reisebüchern über unseren westlichen Nachbarn kennt sich aus im Land von fromage, baguette und vin rouge. Und schon sind wir mittendrin in den Klischees. Natürlich ist Ralf Nestmeyer ein Experte für französische Lebensart, und er kennt sich auch gut aus. Aber ist Frankreich mit Käse, dünnem Weißbrot und Wein in erster Linie in Verbindung zu bringen? Gibt es da nicht noch mehr? Und stimmen unsere (deutschen?) Vorurteile über Frankreich überhaupt?

Autor Ralf Nestmeyer begeht nicht den Fehler sich in die üblichen Klischees zu ergehen und diese dann ebenso oberflächlich zu widerlegen. Also weg mit fromage, baguette und vin rouge. Hin zu den wahren Helden der Grande Nation, Napoleon und Jeanne d’Arc. Er war, ist und wird nie unterblich sein. Sie war keineswegs die Retterin Frankreich. Allenfalls eine Einigerin.

Das Buch bzw. der Autor schafft den Spagat zwischen wissenschaftlicher Argumentation und populären Themen. Die These / der Mythos „Paris ist nur eine Stadt“ und „Die Tour de France ist ein Radrennen“ laden den Leser gelegentlich zum Schmunzeln ein. Denn natürlich ist Paris eine Stadt. Doch sie ist viel mehr. Sie ist die urbane Version eines ganzen Landes. Auch wenn, man das im restlichen Frankreich nicht so gern hört, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. Und Übertragungen von der Tour de France – und das ist belegt – werden mittlerweile mehr als Naturschauspiel als als „sportliches“ Ereignis gesehen. Schon bei der ersten Ausgabe des Radrennens wurde gedopt. Wie soll man auch sonst die Tor-Tour überstehen?

Die Frage nach Wahrheit oder falschem Mythos wird nicht in aller Gänze beantwortet. Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo zwischen den Zeilen. So sollte man dieses Buch auch verstehen. Es ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, das dem interessierten Leser Frankreich noch schmackhafter macht als es so mancher Mythos und wahrmachen will.

Auch wenn das Cover auf die üblichen Klischees abzielt (wir sind wieder bei fromage, baguette und vin rouge plus Eiffelturm), so birgt dieses Buch so manchen Überraschungsschatz. Und für Schätze hat man in Frankreich was übrig – siehe Versailles und den Grafen von Monte Christo, der bekanntlich vom Franzosen Alexandre Dumas geschrieben wurde. Lehnen Sie sich zurück, werfen eine CD von Francoise Galle (Achtung, nicht alle Franzosen sind Gallier! – siehe Mythos 1) ein und erfahren Sie mehr über Frankreich und die Franzosen. Aber auch über uns Deutsche!

Lesereise Provence

Lesereise Provence

Das Licht der Provence zog schon vor Jahrhunderten Maler in diese … ja, malerische Gegend. Hier, wo die Sonne flirrt, die massiven Berge den Horizont begrenzen, das Meer den Blick frei gibt, fühlt sich auch Michael Bengel wohl. Und weil er sich so wohl fühlt, hat er seine Eindrücke niedergeschrieben. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, bei der Lavendelduft und Sehnsucht ständige Begleiter sein werden.

In den Bergen der Provence gibt es noch eines der letzten Abenteuer für jedermann: Den Mont Ventoux. Wenn im Juli der Tross der Tour de France anrollt, gibt es kein Halten mehr. Unmengen an Menschenmassen säumen die Wegstrecke, feuern die Pedalritter an, schieben sie und sich nach vorn. Sobald der Besenwagen die Strecke passiert hat, kehrt nur ein wenig Ruhe ein. Denn jetzt kommen die Amateure. Auch sie wollen den Ventoux bezwingen. Auch Michael Bengel – ihm geht’s mehr um das Links und Rechts des Weges. Vorbei am Mahnmal des ersten Dopingtoten am Ventoux, durch den Vegetationswechsel, sich dem Wind entgegenstemmen. Rekordverdächtige 320 Kilometer pro Stunde wurden hier schon gemessen, nicht die eines Autos, die des Windes.

Auch die Stars und Sternchen gehören zur Provence. Das Nord-Pinus war einst das erste Haus am Platz in Arles. Davon zeugt aber nur noch die Patina. Pablo Picasso, Helmut Newton, Jean Cocteau und Jean Marais waren hier einst Bewohner der einst stilvoll eingerichteten Räume. Wer sich traut, wird ihre Aura noch vernehmen können. Aber man muss schon sehr konzentriert sein.

Zum Landstrich, über dem so üppig das Füllhorn der Sinnesfreuden ausgeschüttet wurde, gehört auch eine Wüste. Crau, die Steinwüste verblüfft mit ihrer Lebensfreude und Exklusivität. Die Merinos fressen nur das beste Heu, übrigens das einzige Heu weltweit mit einem Herkunftszertifikat.

Michael Bengel fleht vor den Touristenströmen der Provence, die ihre Reize mit dem Massengeschmack teilen müssen. Er entdeckt die Provence neu, für sich und für den Leser. Mit chirurgischer Präzision seziert er Mensch und Landschaft. Neugierig wie ein kleiner Junge, forschend wie ein Wissenschaftler und belebend wie die frische Brise des Mistral taucht er ein in den Süden Frankreichs, dessen Schreibweise – Provence – schon allein zu Träumen einlädt.

Die Provence einmal anders, voller Geheimtipps, für diejenigen, die die Augen offen halten.

Lothringer Kostbarkeiten

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Unermüdlich schreitet Klaus Bernarding Lothringen ab und findet auch jedes noch so kleine Stück Geschichte. Und dabei fördert er einen Trüffel nach dem anderen hervor. Kostbarkeiten, die jedem Reisenden es erlauben die Region im Nordosten Frankreichs einzigartig zu erleben.

Beispielsweise wird ein Spaziergang durch Epinal mit Klaus Bernarding zu einer Geschichtsstunde, die man nicht so schnell vergessen wird. Denn er weist nicht nur auf die Sehenswürdigkeiten hin. Er kennt auch so manche Geschichte, die sich dahinter verbirgt. Wer weiß schon, dass Epinal sich auch als „Hauptstadt der Bilderbögen“ einen Namen gemacht hat?

„Lothringer Kostbarkeiten“ ist mehr als ein Reiseband – als Wegbereiter durch eine von Kriegen und Zerwürfnissen geprägten Region ist dieses Buch, zusammen mit den beiden „Vorgängern“, den „Lothringer Passagen Teil 1 und 2“ ergeben sie eine fast schon als komplett zu erachtende Reisebegleitung.

Klaus Bernarding ist der Reiseleiter des Vertrauens. Er kennt sich aus und weiß, wo es lang geht bzw. man lang gehen muss.

Einziger Wehrmutstropfen dieses Buches: Eigene Entdeckungen werden durch die Fülle an Entdeckungen schwergemacht. Im Gegenzug wird aber auch der Tatendrang gestärkt – so gleicht sich alles wieder aus.

Motus!

Amila - Motus!

Es ist ein raues Leben, unten an der Schleuse. Dort, wo Dédé seinen Lebensunterhalt verdient. Reich geheiratet hat er, müsste also gar nicht mehr hier in der Gosse menschlicher Rohheit sich verdingen. Doch er sieht seine Arbeit als Berufung – er mag diesen besonderen Menschenschlag.

Seine Frau Jacqueline und seine beiden Kinder geben ihm das, wonach er immer suchte: Ruhe und Zufriedenheit.

Doch dann wird die alltägliche Idylle inmitten des Flusses erheblich getrübt: Der Kopf des Kapitäns der Hémitate schwimmt halterlos im Wasser, ein Arm hängt nur noch in Resten am Rumpf des leblosen Körpers. Düster liegt die Nacht über der Szene.

Ein Verdächtiger ist schnell gefunden. Coutre. Dédés Chef und Schleusenwärter. Er hat sich kurz vorher mit dem Opfer in der Wolle gehabt. Er habe ihm seine Faust zwischen die Zähne geschoben, mehr nicht. Als er ihn von sich stieß, waren noch zehn Meter zwischen dem späteren, noch lebendigen, Opfer(!) und dem Wasser. Alle glauben ihm, alle. Außer der Gendarmerie. Pflichterfüllt wird Coutre in Gewahrsam genommen.

Die eingeschworene Gemeinschaft am Wasser ruft zum Streik auf. Währenddessen gerät Dédé in arge Bedrängnis. Zuerst wird er zusammengeschlagen. Sein Schwager ist auch keine Hilfe. Vielmehr schlagen sich die beiden fast die Köpfe ein. Die Folge: Aus der Pistole, die Dédé in seinen Händen hält, löst sich ein Schuss. Jacquelines Bruder ist tot! Lucien, ein Freund, und Dédé lassen die Leiche verschwinden. Kein guter Zeitpunkt. Denn noch immer gibt es keinen sicheren Täter für den Mord am Kapitän der Hémitate, die Gendarmen schnüffeln überall herum. Jetzt fehlt also auch noch einer aus der Gemeinschaft.

Doch dann taucht jemand auf, mit dem niemand gerechnet hat…

Jean Amilas Milieustudie an den Ufern des Flusses gehört zur ersten Liga der schwarzen Serie. Zeile für Zeile liest man sich durch das Dickicht der Verschwiegenheit. Motus! ruft man in Frankreich jemandem zu, der sein Maul zu weit aufreißt, gegenüber Leuten, die man nicht kennt, denen man nicht vertrauen kann. Das Gebot des Schweigens gilt auch hier. Auch 60 Jahre nach Erscheinen gibt es Parallelen zur Gegenwart. Wem kann man noch Vertrauen, wenn es um den eigenen Job geht? Die eigene Haut nach außen schützen. Familiensinn und Zusammengehörigkeit sind oft wichtiger als die Moral.

Auf Godot wartet keiner mehr

Amila - Auf Godot wartet keiner

Kommt der Graf ein zweites Mal zurück? Fortsetzungen waren nie das Ding von Jean Amila. Doch das Schicksal des Grafen aus „Die Abreibung“ gierte sichtlich nach mehr. In „Auf Godot wartet keiner“ tauchen einige Charaktere wieder auf, die dem Leser bekannt vorkommen.

Riton Godot hat nicht nur das Geschäft des – schlussendlich doch – „verstorbenen“ Grafen geerbt. Auch Angèle Maine ist nun seine Frau. Aber auch nur auf dem Papier. Er kümmert sich ums Geschäft, sie darum ihm das Privatleben so schwer wie möglich zu machen. Als ihre Tochter mit dem Zug in Paris ankommen soll, wird sie von Leuten aus Paconis Bande (dem großen Gegenspieler Godots) angegriffen und fast entführt. Nur das entschlossene Eingreifen eines Passanten verhindert Schlimmeres. Doch auch der Passant ist kein Unbekannter: Es ist Felix. Der Vater von Colette.

Es ist kein Zufall, dass Felix auch in der Stadt ist. Colette wuchs in seiner Obhut und der seiner Frau Janine auf. Bis Janine vor einigen Jahren bei einem Kaufhausbrand ums Leben kam. Felix bezweifelt die Theorie eines Unfalls. Jetzt hat er Beweise und will die Verantwortlichen zur Verantwortung ziehen. In Riton Godot scheint er einen willigen Gefährten gefunden zu haben. Doch scheint auch er seine eigenen Interessen zu verfolgen. Es geht um Millionen. Felix hat gute Vorarbeit geleistet – die Schuldigen an den Pranger zu stellen, wird ein Leichtes.

Eine vom eigenen Gatten und vielleicht sogar vom eigenen Leben angewiderte Femme fatale. Ein rachsüchtiger Mann, der die Hintermänner seines Witwertums zur Strecke bringen will. Ein Gangsterboss im Kampf um Machterhalt. Ein junges Ding, dessen Knospen zur zerbersten angespannt sind. Na wenn das kein Plot für einen spannungsgeladenen Thriller ist?! Und dann noch aus der Feder eines der Meister der Série noire…

Jean Amila spinnt ein verzwicktes Geflecht aus Eigennutz und Rachsucht. Der Leser wird immer tiefer in die Geschichte hineingezogen – es gibt keinen Ausweg. Keiner entkommt der Phantasie des genialen Autors der schwarzen Serie. Verschreckt Blicke nach links und rechts. Nichts zu sehen. Doch hinter einem lauert die Gefahr. Spannungsgeladen von der ersten bis zur letzten Seite. „Auf Godot wartet keiner“ ist die gelungene Fortsetzung von „Die Abreibung“. Ein gelungenes Beispiel dafür, dass Fortsetzungen doch spannend sein können.

Auf kulinarischer Wanderschaft zwischen Paris und Neapel

Auf kulinarischer Wanderschaft zwischen Paris und Neapel

„Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich begrüße Sie aufs Herzlichste zu unserem Slow-Dating-Abend der Genüsse. Und wie ich sehen kann, hat sich da auch schon ein besonderes Paar getroffen. Darf ich Sie um Ihren Namen bitten, Madame“. „Mademoiselle, s‘il vous plâit. Ich bin Cuisine, Haute Cuisine“. “Merci. Und der Herr?“. „Signor Cucina, Bella Cucina“. „Meine Damen und Herren, das verspricht ein aufregender lukullischer Abend zu werden.“

Der Mann, der die beiden offensichtlich schon ins Gespräch vertieften Teilnehmer dieses Slow-Dating-Abends vorstellt ist Lorenzo Morelli. Er hat die beiden auf seiner Reise von Paris nach Neapel aufgesammelt und versammelt sie nun in seinem 256 Seiten starken Poesiealbum der Gaumenfreuden.

Den ganzen Abend fachsimpeln die beiden Küchen über ihre Erfahrungen. Sie, wie sie ganz behutsam ihre Foie gras vorbereitet. Er wie er aufwändig die Calamares für seine Calamares Reellenos a la Romesco öffnet und putzt.

Sie schwärmt von ihren gebratenen Artischocke mit Speck, Oliven, Weißwein und Tomaten – er schnalzt mit der Zunge beim Pesto di basilico.

Der Abend entwickelt sich zu einem romantischen Dinner in der Kachelatmosphäre der Küchen zwischen Seine und Golf von Neapel. Die Gespräche drehen sich nur um eines: Genießen mit allen Sinnen. Ob Fischsuppe aus der Provence oder Profumo die Mare, ob Sugo con Involtini die Lardo oder Gratin Dauphinois, ob Confit ou confiture des Figues oder Tiramisu – jeder der beiden Verliebten bringt sich in Stellung, um sich im besten Lichte erscheinen zu lassen. Mittlerweile haben sich schon die anderen Gäste im Lokal nach den beiden umgedreht und lassen ihr Essen Essen sein. Zu intensiv ist die Unterhaltung, der Schlagabtausch der beiden hemmungslosen Alphatiere der Kochtöpfe.

„Auf kulinarischer Wanderschaft zwischen Paris und Neapel“ ist kein Kochbuch wie jedes andere. Kleine Anekdoten geben den Weg frei zum Herd. Lorenzo Morelli hat wohl den schönsten Beruf der Welt: Er reist zu Freunden, geht in die Küche, hebt den Deckel und atmet tief ein. Nach dem Essen, lässt er den Leser an seinem Erlebten teilhaben. So sind wir nur in erster Linie Zuschauer. Ganz dicht gefolgt vom Genießen. Denn die Rezepte sind mit relativ geringem Aufwand nachzukochen.

Wer meint, seinen Partner anhand der Vorliebe für die eine oder andere europäische Küche erwählen zu können, dem sei hier gesagt, dass nur die Liaison aus Beiden eine perfekte Tafel, eine perfekte Beziehung, ein perfektes Mahl ausmacht.

Mitleid mit den Ratten

Amila - Mitleid mit den Ratten

Bienvenue – Willkommen bei den Lenfants. Vater Julien arbeitet bei Simca, einer Autofirma. Mutter Yvonne ist Hausfrau und Solange, das  Nesthäkchen besucht das Gymnasium. Eine ganz normale Familie. Merde! Nein, es sind Gauner, Diebe, die Fremden in die Wohnungen steigen und ihnen ihr Hab und Gut wegnehmen. Zugegeben, sie sind geschickt. Julien ist ein exzellenter Kletterer.

Und bei einer dieser Klettertouren passiert, was einmal passieren musste: Gerade als er ein Seil mit einem Teil der Beute herablassen will, trifft ihn ein Lichtstrahl. Und da! Ein Schuss! Julien wird knapp über dem Ohr getroffen.

Jean Amila wäre nicht Jean Amila, wenn er diese Begebenheit als Auftakt zu einer beispiellosen Kriminalgeschichte nehmen würde. Der Leser wird im Dunkeln gelassen. Julien wird verarztet – von seinem Bruder André, der die „Expeditionen“, wie er es nennt, überhaupt nicht gutheißen kann. Nicht zuletzt wegen der 17jährigen Solange. Inständig bittet er Yvonne auf die Nebeneinkünfte zu verzichten, oder zumindest das Geschäftsgebaren zu überdenken.

Das scheinbar sorgenfreie Leben mit den gelegentlichen, doch gut geplanten, Ausflügen in die weitere Umgebung wird durch Michel und später auch seine Kumpane empfindlich gestört. Michel ist auf der Flucht vor der Polizei. Und Duval, sein Freund, macht daraus keinen Hehl. Auch nicht aus der Tatsache, dass er die Kleinganoven Lenfant nicht leiden kann. Deren Geschäfte sind für ihn irrelevant. Der Kampf, den Michel, Duval und die anderen führen, ist viel bedeutender. Denn sie gehören zu einer Organisation, die Frankreich ins Wanken bringen will. Sie benötigen das Haus der Lenfants als Waffenkammer. Dass Michel nicht nur der Tochter, sondern auch Yvonne den Hof macht, verbessert nicht gerade das Verhältnis der Kleinganoven zu den politischen Terroristen.

„Mitleid mit den Ratten“ bringt das Blut des Lesers ab der ersten Seite immer wieder in Wallung. Jean Amila lässt die Familie Lenfant immer wieder durch ein verzwicktes Gefühlschaos waten. Der geheimnisvolle Fremde, der zuerst dem Mann aus einer schier ausweglosen Situation hilft, und ihm so das Leben rettet. Dann gräbt er ungeniert die Frau des Hauses an. Verführt sie zu weiteren Straftaten. Die Lenfants sind Diebe. Sie stehlen materielle Werte. Moralisch verwerflich ist die Tatsache, dass sie ihre Tochter Solange in ihre „Geschäfte“ einbeziehen. Ansonsten haben sie strikte Regeln, an die sie sich halten. Mord gehört nicht zu ihrem Repertoire. Ihre Dankbarkeit zu dem Lebensretter wird mit Füßen getreten, in dem sie ihre Festung für politische Querköpfe löchrig gestalten. Mitleid mit den Ratten?