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Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Ein Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Auch 2016 werden wieder zahlreiche Jubiläen begangen. In Frankreich gedenkt man der Toten der Schlacht um Verdun. William Shakespeares Todestag jährt sich zum 400. Mal. Doch es gibt Jubiläen, die kaum Beachtung finden. Zum Beispiel kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Sommer vor neunzig Jahren am Cap d’Antibes der Letzte ohne touristisches Tohuwabohu war. Ein Jubiläum, das die Tourismusmanager vor Ort gern vergessen, und lieber in elf Jahren den Startschuss des Gegenteils feiern wollen und werden.

Und genau in diesem letzten ruhigen Sommer lassen sich einige illustre Gäste nieder, genauer in Juan-les-Pins. Das Ehepaar Gerald und Sara Murphy, die mit ihrem Geld in Frankreich sehr gut leben können, laden Ernest Hemingway, Pablo Picasso sowie F. Scott und Zelda Fitzgerald ein, um einen unbeschwerten Sommer zu verbringen. Alle kommen mit Sack und Pack und Kind und Kegel. Die Fitzgeralds lebten in New York in Saus und Braus. Mal wie The Who zerstörten sie Hotelzimmer, dann badeten sie wie Anita Ekberg in Brunnen. Berüchtigt waren sie. Und Scott war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Sein Gatsby verkaufte sich, das Broadway-Stück war bei Wind und Wetter ausverkauft und die Filmrechte wechselten schon bald den Besitzer. Hier sollte nun der Nachfolger, der nächste groß Wurf gelingen. „Zärtlich ist die Nacht“ soll hier entstehen. Doch die Rivalität zu Hemingway und das allzu ausschweifende Leben lassen einfach keine Zeilen auf der Schreibmaschine entstehen.

Die großen Gönner, die Murphys, fühlen sich auch mehr zu Hemingway hingezogen. Auch der bärtige Prachtkerl wirft mehr als ein Auge auf Sara statt auf seine Frau Hadley. Und sein Nachwuchs leidet jämmerlich an Keuchhusten. Urlaubs-, Sommerstimmung sieht anders aus.

Alle Villen am Cap sind belegt. Hier wird getrunken, fürstlich gespeist, intrigiert, geschmollt, gebadet. Nur künstlerisch tätig sind die Wenigsten.

Erst acht Jahre später soll F. Scott Fitzgerald seinen Roman fertig haben. Seine Ehe ist kaputt, Zelda verfällt immer mehr den Depressionen, Scott dem Alkohol. Die Auszeit an der Côte d’Azur sollte einen Wendepunkt darstellen. Was sie in gewisser Weise auch war. Doch nicht wie es sich die Protagonisten vorstellten. Was den Ruhm und Lebensstandard steigern sollte, Fitzgerald machte nie einen Hehl aus seiner Intention zu schreiben, um gut leben zu können, wird zum Desaster. Zelda ist eifersüchtig auf Scotts Erfolg. Scott ist eifersüchtig auf Ernest, weil er die Murphys in seinen Bann zieht. Ernests Beziehung zu Hadley geht den Bach runter. Und auch die Murphys haben einen harten Schicksalsschlag zu verarbeiten.

Emily Waltons Buch ist eine echte Urlaubslektüre. Nur wenige können und wollen sich eine ausgiebige Auszeit an einer der schönsten (und teuersten) Meeresgegenden gönnen. Heute regieren hier Zehensandalen und Partygeschrei. Damals herrschte künstlerisches Chaos. Dieser Sommer ist die Ouvertüre auf den Abgesang der Goldenen Zwanziger. Trotz aller gegebenen Umstände, um Großes zu schaffen, wurde der Sommer 1926 für die Gruppe zur Zerreißprobe und zur Zäsur in ihrer aller Leben. Ein nostalgisches Stück, das zum Träumen einlädt.

I love Paris

I love Paris

Paris kulinarisch – ein Gedicht! An jeder Ecke gibt es eine lukullische Entdeckung zu machen. Wozu also ein Restaurantreiseführer durch die Stadt der Liebe? Ganz einfach, weil auch hier vieles der Qualitätsminimierung zum Opfer fällt. Paris hat tausende von Restaurants, Brasserien und ähnlichen Angeboten zu bieten. Mal ein Croque auf die Hand ist ja ganz nett, doch den Tag mit einem ordentlichen Mahl, besser einem Menü, ausklingen zu lassen, hat schon einen ganz anderen Stellenwert. Und schließlich ist man in Paris.

Da hat man ganz automatisch höhere Ansprüche. Doch wie soll man aus der scheinbar unendlichen Menge die Lokalität auswählen, die für einen das magenfreundliche, sinnestimulierende Mahl bereithält? Wen soll man fragen? Warum nicht beim Besten höflich anklopfen? Alain Ducasse gelang was noch keinem zuvor gelang: Dreimal drei Sterne vom Guide Michelin. Er muss es also wissen, wo es am besten schmeckt.

„I love Paris“ – so schlicht und auffallend zugleich, so reicht bestückt und voller Geschmack. Acht Gebiete von Paris, zwanzig Kategorien und fünf Preisklassen. Jedes Lokal mit zahlreichen Bildern und einem kurzen, knackigen Text, der schon beim Lesen Appetit macht. Das ist alles, was das Herz bzw. der Magen bzw. das Auge bzw. die Nase verlangen.

Jedes Restaurant, jede Cafébar, jedes Hotel, jede Vinothek oder Eisdiele bekommt die Würdigung, die es verdient. Und da jeder Paristourist nicht immer über ein flexibles (sprich unendlich dehnbares Portemonnaie verfügt) gibt ein weiteres Piktogramm die ungefähren Preise an. Das reicht von unter zwanzig Euro bis über 250 Euro. Doch wer die Texte aufmerksam liest, und dem dann das Wasser im Munde zusammenläuft, sollte wirklich von oben nach unten lesen. Denn erst am Ende kommt manchmal der monetäre Schock, der den Appetit vor der möglichen facture kapitulieren lässt. Dann sucht man sich eben was Preiswerteres aus dem Buch aus.

Wer Paris schon bereist hat, kennt vielleicht das eine oder andere Restaurant. Und er kennt vielleicht auch das eine oder andere Restaurant, das er links (oder rechts) liegen ließ. Das wird nun nicht mehr passieren! Einhundert Adressen, Gourmetadressen – vom Wochenmarkt über Kaffeeröstereien bis zum „stellaren Verwerter“ – lassen die Vorfreude auf eine der schönsten Städte der Welt wachsen. Ein Gummiband hält alles zusammen, ein Lesezeichen erleichtert die Orientierung.

„I love Paris“ ist keine Neuerfindung. Reisebände über Paris gibt es wie Sand am Meer. Aber, und das ist ein großes Aber: Selten zu vor wurde so kompakt und umfassend zugleich, so leidenschaftlich und informativ die Stadt an der Seine als eleganter Futtertrog dargestellt. Ein Futtertrog für die Innentasche, den man immer zur Hand haben sollte. Sonst geht garantiert kein kulinarisches Bonbon verloren!

Im Hotel Régina

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Menschen im Hotel. Das geht es oft chaotisch zu, wenn man Hollywood glauben darf. Im Hotel Régina in Nizza ist die Stimmung auch ziemlich angespannt. Wir schreiben das Jahr 1954. Frankreich will schon länger einen seiner größten Künstler mit einer Medaille ehren. Eine Gedenkmünze für Henri Matisse. Doch alle Entwürfe weist er entschieden zurück. Als die Prägestätte einen neuen Versuch unternimmt den Künstler zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, stimmt der nur unter einer Bedingung zu: Er selbst will den Künstler auswählen. Und ihm schwebt da auch schon ein Name vor. Alberto Giacometti. Wer in den vergangenen Monaten eifrig die Nachrichten verfolgt hat, weiß, dass seine Skulpturen mittlerweile zu den gefragtesten und vor allem zu den teuersten der Gegenwart zählen. Einhundertsechsundzwanzig Millionen Euro bot 2015 ein Sammler für die anderthalb Meter hohe Bronzeskulptur „Man Pointing“.

Und begab es sich, dass der Schweizer Künstler einige Tage im Sommer bei Matisse an der Côte d’Azur zubringen durfte. Matisse saß regungslos auf seinem Stuhl oder am Tisch. Von schwerer Krankheit gezeichnet, ließ er sich portraitieren. Er wollte die Skizzen nicht sehen. Das beeinflusse ihn und den Künstler.

Giacometti ritzte mehr als dass er malte – nach Matisse könne eh niemand malen, auch er nicht. Millionen von Museumsbesuchern sehen das wahrscheinlich anders. Wenige Striche genügten, das kann man heute noch in zahlreichen Museen betrachten, um dem großen Meister gerecht zu werden. Die Kunstfertigkeit erschließt sich nicht jedem auf Anhieb. Die einleitenden und abschließenden Texte von Gotthard Jedlicka, einem Freund Giacomettis, dem Giacometti-Spezialisten Casimiro di Crescenzo und Kunsthistoriker Michael Lüthy geben den abgebildeten Skizzen die passenden Erläuterungen und füllen die Wissenslücken mehr als kenntnisreich auf.

Wer sich noch nicht eingehender mit Matisse und Giacometti beschäftigt hat, kommt bei der Lektüre dieses Buches nicht mehr aus dem Staunen heraus. Wissenschaftliche Betrachtungen zu einem Künstler sind oft etwas sperrig zu lesen. Denn jeder Betrachter hat eine andere Sichtweise auf das Kunstwerk. Hier sprechen nun aber echte Experten, die in der Kunst mehr sehen als ein gefälliges Objekt. Sie überlegen nicht, ob es zur Wohnungseinrichtung passt. Sie rücken das Objekt gerade, ziehen Parallelen zum Leben, ordnen es ein. Spannend wie ein Glauser, detailreich wie ein Mosaik, unter der Lupe des Wissens erklärt.

Henri Matisse starb nur kurze Zeit nach der letzten Sitzung am 3. November 1954 in seinem Haus Cimiez. Alberto Giacomettis Todestag jährt sich am 11. Januar 2016 zum fünfzigsten Mal.

Auf Godot wartet keiner

Amila - Auf Godot wartet keiner

Kommt der Graf ein zweites Mal zurück? Fortsetzungen waren nie das Ding von Jean Amila. Doch das Schicksal des Grafen aus „Die Abreibung“ gierte sichtlich nach mehr. In „Auf Godot wartet keiner“ tauchen einige Charaktere wieder auf, die dem Leser bekannt vorkommen.

Riton Godot hat nicht nur das Geschäft des – schlussendlich doch – „verstorbenen“ Grafen geerbt. Auch Angèle Maine ist nun seine Frau. Aber auch nur auf dem Papier. Er kümmert sich ums Geschäft, sie darum ihm das Privatleben so schwer wie möglich zu machen. Als ihre Tochter mit dem Zug in Paris ankommen soll, wird sie von Leuten aus Paconis Bande (dem großen Gegenspieler Godots) angegriffen und fast entführt. Nur das entschlossene Eingreifen eines Passanten verhindert Schlimmeres. Doch auch der Passant ist kein Unbekannter: Es ist Felix. Der Vater von Colette.

Es ist kein Zufall, dass Felix auch in der Stadt ist. Colette wuchs in seiner Obhut und der seiner Frau Janine auf. Bis Janine vor einigen Jahren bei einem Kaufhausbrand ums Leben kam. Felix bezweifelt die Theorie eines Unfalls. Jetzt hat er Beweise und will die Verantwortlichen zur Verantwortung ziehen. In Riton Godot scheint er einen willigen Gefährten gefunden zu haben. Doch scheint auch er seine eigenen Interessen zu verfolgen. Es geht um Millionen. Felix hat gute Vorarbeit geleistet – die Schuldigen an den Pranger zu stellen, wird ein Leichtes.

Eine vom eigenen Gatten und vielleicht sogar vom eigenen Leben angewiderte Femme fatale. Ein rachsüchtiger Mann, der die Hintermänner seines Witwertums zur Strecke bringen will. Ein Gangsterboss im Kampf um Machterhalt. Ein junges Ding, dessen Knospen zur zerbersten angespannt sind. Na wenn das kein Plot für einen spannungsgeladenen Thriller ist?! Und dann noch aus der Feder eines der Meister der Série noire…

Jean Amila spinnt ein verzwicktes Geflecht aus Eigennutz und Rachsucht. Der Leser wird immer tiefer in die Geschichte hineingezogen – es gibt keinen Ausweg. Keiner entkommt der Phantasie des genialen Autors der schwarzen Serie. Verschreckt Blicke nach links und rechts. Nichts zu sehen. Doch hinter einem lauert die Gefahr. Spannungsgeladen von der ersten bis zur letzten Seite. „Auf Godot wartet keiner“ ist die gelungene Fortsetzung von „Die Abreibung“. Ein gelungenes Beispiel dafür, dass Fortsetzungen doch spannend sein können.

Bis nichts mehr geht

Amila - Bis nichts mehr geht

Voller Tatendrang reist Marie-Anne nach Nomville. Sie wird dort ihre erste Stelle als Lehrerin antreten. Doch wie ernüchternd ist dieser trostlose Ort mitten in der Normandie. Ernüchternd trifft es vielleicht nicht ganz: Nomville ist die Hochburg der Schwarzbrenner. Calvados ist das Gold der Normandie. Die gesamte Einwohnerschaft scheint in dieser Apfelschnapswolke dahinzudämmern. Selbst die Kinder.

Im Dorfteich ist Francoise ertrunken. Welch ein Unglück! Denn ausgerechnet heute sollte doch gebrannt werden. Da sollte sie helfen. Und die Polizei wird auch erst geholt, wenn die Duftwolke sich verzogen hat. Und in so einem Ort, einem Ort, indem sogar der Pfarrer im Delirium predigt, soll Marie-Anne den Jüngsten etwas beibringen? Na Prost Mahlzeit!

Immer tiefer in den Strudel des Schwarzbrennens und des Alkoholschmuggels gerät sie als ihr Pierrot den Hof macht. Er verfolgt zwei Ziele. Zum Einen will er Marie-Anne beeindrucken. Zum Anderen will er ein erfolgreicher Geschäftsmann werden. Wie? Das ist klar – mit dem Gold der Normandie. Was er nicht weiß: Marie-Annes Cousin ist bei der Polizei.

Sie selbst ist eine Verfechterin des nüchternen Lebensstils. Als sie entdeckt, dass die Kinder, die sie unterrichtet, ungeniert Schnaps mit Kaffee im Unterricht zu sich nehmen, und sie anschließend auch keine Unterstützung der Direktorin erhält, weiß sie, dass das avisierte Jahr in Nomville kein Zuckerschlecken wird.

Einziger Ausblick: Pierrot. Doch der hat sein Leben auch dem Rauschgold verschrieben. Sein Karriereweg scheint steil nach oben zu zeigen.

Verfolgungsjagden, rigide Lehrmethoden, gewitzte Gauner und clevere Flics sowie ein krachender Showdown – Jean Amila liefert mit „Bis nichts mehr geht“ einen allumfassenden Krimis mit Witz und Charme ab. Knallhartes Kalkül und eine lockere Lebensauffassung der Einwohner von Nomville machen aus einem Krimi der Serie noir einen unterhaltsamen Thriller mit geradlinigen Charakteren, die das Gesetz gern nach ihrem Gutdünken auslegen. Man merkt in jeder Zeile den diebischen Spaß, den Amila beim Schreiben gehabt haben muss.

Die Abreibung

Amila - Die Abreibung

Der Graf ist zurück! Zurück in der Stadt! Zurück aus seinem (nicht ganz) freiwilligen Exil. Keiner seiner ehemaligen Kumpane weiß von seiner Rückkehr. Denn es sind noch ein paar Rechnungen offen. Bedächtig und entspannt lässt sich der Unterwelt Rene Lecomte, den alle nur Comte, den Grafen nennen, von Roger durch die Straßen chauffieren. Es ist abends, nach sieben. „Die Abreibung“ wird sich noch in dieser Nacht vollziehen. Am Morgen werden sich die Wogen wieder geglättet haben.

Der Graf will unvorsichtigerweise einige Schulden eintreiben. Allein. Roger soll im Studebaker ein paar Meter entfernt warten und die Füße still halten. Dann schallen Schüsse durch die wuchtige Stille der Nacht.

Im Krankenhaus gleich nebenan machen sich die Schwesterschülerinnen Thérèse, Aline und Sylvie für ihren Nachtdienst fertig. Säuglingsstation und Bettpfannen wechseln werden die nächsten Stunden ihren Rhythmus bestimmen. Dazu kommen noch die unsäglichen Annäherungsversuche der Ärzte, deren sie sich erwehren müssen. Auch sie werden in den Strudel aus Gewalt und Intrigen hineingezogen.

Als Roger die Schüsse hört, ist er zwischen Neugier und Pflichtgefühl hin und her gerissen. Schließlich verlässt er doch den angewiesenen Warteplatz und macht sich auf die Suche nach seinem Chef. Da ist auch schon die erste Leiche. Es ist nicht Rene Lecomte. Der liegt ein paar Meter weiter. Stark blutend. Roger fackelt nicht lange. Er überlegt und fasst einen Entschluss. Da keiner weiß, dass der Graf zurück ist, sich also alle sicher fühlen, ist das die Gelegenheit das Geschäft im Namen des Grafen weiterzuführen. Der ist schließlich einiges wert. Man munkelt, dass der Graf sogar Milliardär ist.

Einen Verbündeten findet Roger in Riton Godot. Der ist erst skeptisch, doch die Aussicht auf einen riesigen Batzen Geld, lässt ihn in das Geschäft einschlagen. Doch zuerst muss die Leiche verschwinden. Am Tatort ist jedoch kein Graf – weder tot noch lebendig zu sehen. Der hat sich mit seinen letzten Kräften ins nahe gelegene Krankenhaus geschleppt. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt.

Jean Amila, der vor etwas mehr als einhundert Jahren als Jean Meckert das Licht der Welt in Paris erblickte gehört zu den berühmtesten Vertretern der Serie noire. Seine Romane zeichnen sich durch eine schonungslose Ausdrucksweise und exzellenten Geschichten aus der Unterwelt aus. Ab der ersten Zeile ist der Leser mittendrin im Geschehen. Platz für Sympathien gibt es nicht. Die Hauptakteure sind rigoros in ihrem Handeln. Seine Milieuschilderungen sind eindeutig. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwinden rasch. Die üblichen Liebchen, kaltes Eisen und geschickte Wendungen tragen dazu bei, dass man diese Krimis erst aus der Hand legt, wenn das letzte Wort gesprochen ist.

Mitleid mit den Ratten

Amila - Mitleid mit den Ratten

Bienvenue – Willkommen bei den Lenfants. Vater Julien arbeitet bei Simca, einer Autofirma. Mutter Yvonne ist Hausfrau und Solange, das  Nesthäkchen besucht das Gymnasium. Eine ganz normale Familie. Merde! Nein, es sind Gauner, Diebe, die Fremden in die Wohnungen steigen und ihnen ihr Hab und Gut wegnehmen. Zugegeben, sie sind geschickt. Julien ist ein exzellenter Kletterer.

Und bei einer dieser Klettertouren passiert, was einmal passieren musste: Gerade als er ein Seil mit einem Teil der Beute herablassen will, trifft ihn ein Lichtstrahl. Und da! Ein Schuss! Julien wird knapp über dem Ohr getroffen.

Jean Amila wäre nicht Jean Amila, wenn er diese Begebenheit als Auftakt zu einer beispiellosen Kriminalgeschichte nehmen würde. Der Leser wird im Dunkeln gelassen. Julien wird verarztet – von seinem Bruder André, der die „Expeditionen“, wie er es nennt, überhaupt nicht gutheißen kann. Nicht zuletzt wegen der 17jährigen Solange. Inständig bittet er Yvonne auf die Nebeneinkünfte zu verzichten, oder zumindest das Geschäftsgebaren zu überdenken.

Das scheinbar sorgenfreie Leben mit den gelegentlichen, doch gut geplanten, Ausflügen in die weitere Umgebung wird durch Michel und später auch seine Kumpane empfindlich gestört. Michel ist auf der Flucht vor der Polizei. Und Duval, sein Freund, macht daraus keinen Hehl. Auch nicht aus der Tatsache, dass er die Kleinganoven Lenfant nicht leiden kann. Deren Geschäfte sind für ihn irrelevant. Der Kampf, den Michel, Duval und die anderen führen, ist viel bedeutender. Denn sie gehören zu einer Organisation, die Frankreich ins Wanken bringen will. Sie benötigen das Haus der Lenfants als Waffenkammer. Dass Michel nicht nur der Tochter, sondern auch Yvonne den Hof macht, verbessert nicht gerade das Verhältnis der Kleinganoven zu den politischen Terroristen.

„Mitleid mit den Ratten“ bringt das Blut des Lesers ab der ersten Seite immer wieder in Wallung. Jean Amila lässt die Familie Lenfant immer wieder durch ein verzwicktes Gefühlschaos waten. Der geheimnisvolle Fremde, der zuerst dem Mann aus einer schier ausweglosen Situation hilft, und ihm so das Leben rettet. Dann gräbt er ungeniert die Frau des Hauses an. Verführt sie zu weiteren Straftaten. Die Lenfants sind Diebe. Sie stehlen materielle Werte. Moralisch verwerflich ist die Tatsache, dass sie ihre Tochter Solange in ihre „Geschäfte“ einbeziehen. Ansonsten haben sie strikte Regeln, an die sie sich halten. Mord gehört nicht zu ihrem Repertoire. Ihre Dankbarkeit zu dem Lebensretter wird mit Füßen getreten, in dem sie ihre Festung für politische Querköpfe löchrig gestalten. Mitleid mit den Ratten?

Mond über Omaha

Amila - Mond über Omaha

Zwei Jahrzehnte nach D-Day, dem Angriff der Alliierten in der Normandie, sind die Wunden der Erstürmung noch nicht geheilt. Immer noch kommen Soldaten, um sich ihrer Kameraden zu erinnern, Grabpflege zu betreiben. Manche hat es nach dem Krieg hierher verschlagen. Sie sind hier hängengeblieben, haben sich eine neue Existenz aufgebaut. Manch einer sogar mit neuem Namen…

Sergeant Reilly ist so einer, der hängengeblieben ist. Durch den Todesfall eines Freundes, Fernand Delouis, kommen alte Erinnerungen wieder hoch. Doch es bleibt nicht bei den bloßen Erinnerungen.

Denn in den Gräbern der Soldaten liegen nicht immer die, deren Namen auf den Grabmalen stehen. Da ist auch schon mal eine Kuh oder anders Getier „dazwischen gerutscht“. Was auf den ersten Blick nicht weiter dramatisch klingt, wirft auf bei genauerer Betrachtung die Frage auf, wo denn der eigentliche Besitzer des Grabes seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Oder finden wird?

Jean Amila – einer der vollkommensten Vertreter der Série Noire – zeichnet in „Mond über Omaha“ ein düsteres Bild der Erstürmung der Normandie. Heldentaten hin oder her – beim D-Day lief nicht alles so wie gewünscht. Menschliche Dramen nahmen hier ihren Anfang, zu viele fanden hier ihr Ende. Wenige entzogen sich dem Grauen des Krieges durch Desertation.

Die Strandabschnitte in der Normandie, die im Juni 1944 erstürmt wurden bekamen Decknamen amerikanischer Bundesstaaten wie Utah oder eben Omaha. So ist auch der Titel des Buches zu erklären.

Sergeant Reilly kommt während der Trauerfeier einem perfiden Geheimnis auf die Spur. Es geht um Millionen und eine neue Identität. Mit traumwandlerischer Sicherheit verknüpft Amila historische Fakten mit einer spannungsgeladenen Geschichte, die so passiert sein könnte. Die Schlussfolgerungen der Handelnden sind derart nachvollziehbar, dass so mancher historischer Fakt in einem neuen Licht erscheint. Verschwörungstheoretiker werden ihre wahre Freude daran haben. Wer mit wem? Wer gegen wen? Jean Amila vollführt ein Freudentänzchen auf den Gräbern der Krieger vergangener Tage. Dem Leser gefriert das Blut in den Adern. Kriegshistorie, geschickt verpackt im Gewande einer Mord(s)geschichte.

Motus!

Amila - Motus!

Es ist ein raues Leben, unten an der Schleuse. Dort, wo Dédé seinen Lebensunterhalt verdient. Reich geheiratet hat er, müsste also gar nicht mehr hier in der Gosse menschlicher Rohheit sich verdingen. Doch er sieht seine Arbeit als Berufung – er mag diesen besonderen Menschenschlag.

Seine Frau Jacqueline und seine beiden Kinder geben ihm das, wonach er immer suchte: Ruhe und Zufriedenheit.

Doch dann wird die alltägliche Idylle inmitten des Flusses erheblich getrübt: Der Kopf des Kapitäns der Hémitate schwimmt halterlos im Wasser, ein Arm hängt nur noch in Resten am Rumpf des leblosen Körpers. Düster liegt die Nacht über der Szene.

Ein Verdächtiger ist schnell gefunden. Coutre. Dédés Chef und Schleusenwärter. Er hat sich kurz vorher mit dem Opfer in der Wolle gehabt. Er habe ihm seine Faust zwischen die Zähne geschoben, mehr nicht. Als er ihn von sich stieß, waren noch zehn Meter zwischen dem späteren, noch lebendigen, Opfer(!) und dem Wasser. Alle glauben ihm, alle. Außer der Gendarmerie. Pflichterfüllt wird Coutre in Gewahrsam genommen.

Die eingeschworene Gemeinschaft am Wasser ruft zum Streik auf. Währenddessen gerät Dédé in arge Bedrängnis. Zuerst wird er zusammengeschlagen. Sein Schwager ist auch keine Hilfe. Vielmehr schlagen sich die beiden fast die Köpfe ein. Die Folge: Aus der Pistole, die Dédé in seinen Händen hält, löst sich ein Schuss. Jacquelines Bruder ist tot! Lucien, ein Freund, und Dédé lassen die Leiche verschwinden. Kein guter Zeitpunkt. Denn noch immer gibt es keinen sicheren Täter für den Mord am Kapitän der Hémitate, die Gendarmen schnüffeln überall herum. Jetzt fehlt also auch noch einer aus der Gemeinschaft.

Doch dann taucht jemand auf, mit dem niemand gerechnet hat…

Jean Amilas Milieustudie an den Ufern des Flusses gehört zur ersten Liga der schwarzen Serie. Zeile für Zeile liest man sich durch das Dickicht der Verschwiegenheit. Motus! ruft man in Frankreich jemandem zu, der sein Maul zu weit aufreißt, gegenüber Leuten, die man nicht kennt, denen man nicht vertrauen kann. Das Gebot des Schweigens gilt auch hier. Auch 60 Jahre nach Erscheinen gibt es Parallelen zur Gegenwart. Wem kann man noch Vertrauen, wenn es um den eigenen Job geht? Die eigene Haut nach außen schützen. Familiensinn und Zusammengehörigkeit sind oft wichtiger als die Moral.

Ein Bauch spaziert durch Paris

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Sternekoch, Musiker, Autor … und nun auch noch Reiseleiter in Sachen Kulinarik. Vincent Klink nur als Fernsehkoch zu sehen, wäre schändlich. Denn viele seiner Kollegen haben nicht mal ein Restaurant (was zumeist auf der ersten Silbe betont wird, klingt wahrscheinlich fachmännischer). Schändlich wäre es auch in Paris sich nicht den lukullischen Genüssen hinzugeben. Und so trägt Vincent Klink seinen Bauch vor sich her – der Titel verrät es bereits – und die magenlärmende Sehnsucht im Herzen. Alle Sinne sind geschärft.

Ihm geht es nicht anders wie den meisten von uns. Vor Aufregung kann er die Nacht vor der Abfahrt kaum schlafen, ist überpünktlich am Bahnhof. Mit dem TGV dauert die Fahrt nur rund dreieinhalb Stunden. Dreieinhalb Stunden bis man an der Gare de l’Est endlich Pariser Luft schnuppern kann. Und dann raus in die Stadt der Liebe, in die Stadt des Genusses, auf nach Paris. Würde er in der Gare de Lyon ankommen, würde die Flucht in die Stadt etwas länger dauern. Denn hier gibt’s das eindrucksvollste Restaurant der Pariser Bahnhöfe, das Le Train bleu.

Vincent Klink ist angekommen in Paris. Ein kühles Bier wäre ihm jetzt am liebsten, doch der heißeste Tag des Jahres verbietet dieser Leidenschaft nach zugehen. Ein kühles Blondes und die geballte Wucht der Sonnenstrahlen hätten nur eines zur Folge: Er würde noch mehr schwitzen. So macht er sich auf seinen ersten Erkundungsgang bevor es ins Hotel geht. Und das Rezept für die Jüdische Hühnersuppe liefert der Küchenmeister gleich mit.

„Ein Bauch spaziert durch Paris“ ist mehr als nur eine Reiseschilderung eines neugierigen und hungrigen Chefkochs. Es ist ein Kulturführer der besonderen Art für alle, die die Attraktionen der Stadt an der Seine bereits kennen. Es ist kein reiner Restaurantführer. Wie zufällig nimmt Vincent Klink Platz, studiert die Karte und beobachtet die anderen Gäste. Er formt sich ein Bild von Paris, das jeder nachvollziehen kann, der sich wie der Autor die Zeit nimmt Paris einzuatmen, es zu riechen, zu fühlen und zu schmecken. Immer wieder streut er Rezepte ein, man kann es zu Hause nachkochen oder man fährt selbst nach Paris. Denn auch Restauranttipps gibt der Koch aus Leidenschaft zuhauf.

So hat man Paris noch nie erlesen! Als belesener kulturinteressierter Mensch – seine Geschichten reichen von den Templern und Napoleon III. über Heine und Wagner bis zu den Impressionisten und den französischen Präsidenten – ist Vincent Klink der ideale Reiseleiter. Auch hat er sich seine neugierige Ader bewahrt. Nichts liegt ihm fern als den Leser zu bevormunden. Er gibt Hinweise und Tipps, wo man einkehren kann, und liefert dazu das passende Rahmenprogramm. Zahlreiche Anekdoten sind die Würze während der gastronomischen Ausflüge. Wenn Vincent Klink nicht schon einen Stern hätte, müsste man ihm einen für dieses exzellente Werk einen verleihen.

Dieses Buch genießt man wie ein Sterne-Menü. Jeder Gang, jedes Kapitel ein Genuss für sich. Wer die Zutaten, die Seiten hinunterschlingt, ist zwar satt, aber der Schmerz der Fülle fällt dem Vergessen anheim. Was ein Frevel!

Es ist erstaunlich, dass es immer wieder neue Bücher über Paris gibt. Die Seine-Metropole ist noch nicht satt an guter und bildgewaltiger Literatur. Die einschlägigen Hotspot-Aufzähler weit hinter sich lassend, sind es Bücher wie dieses oder die City impressions Paris, die es dem Leser schwer machen sich von Paris fernzuhalten. Ob nun mit dem geschulten Auge eines Fotografen oder der lukullischen Schnitzeljagd (nur im übertragenen Sinn) eines Sternekochs: Paris erobern ohne diese Bücher vorher gelesen zu haben, wäre wie Paris ohne die Seine. Möglich, aber nur die Hälfte wert.