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Modigliani, mon amour

Es gab keinen besseren Zeitpunkt sich über den Weg zu laufen. Dicke, graue Wolken hingen unbeweglich über Paris. Europa erstickte im Pulverdampf, der aus den Schützengräben quoll. Jeanne Hébuterne ist Kunststudentin an der Academie Colarossi. Und da begegnet ihr Amadeo Modigliani. Das Grau ist auf einmal, und nur für kurze Zeit wie weggeblasen.

Obwohl vierzehn Jahre Altersunterscheid, sie gerade mal 18, er 32, sind sie im Geiste vereint. Ihre Welt ist zu klein. Sie stammt aus einer Familie, deren Sittenstrenge mehr bedeutet als alles andere. Er stammt aus gutbürgerlichem jüdischem Hause. Beide haben keine Beziehung zu Geld, sie haben keines. Eine Skizze für einen Wermut, so machen Wirt des „La Rotonde“ und der Maler jeweils ihren Schnitt. Und Jeanne? Ihr über alles geliebter Bruder André ist im Krieg. Er brachte sie zur Malerei, unterstützte sie in dieser Flucht vor der Langeweile.

Amadeos und Jeannes Beziehung steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Er ist zornig, meist betrunken. Sie ist vorsichtig, doch kann sich dem Charme des Künstlers nicht entziehen. Nur André zieht Jeanne wie an einem unsichtbaren Gummiband immer wieder zurück zur Vernunft. Denn tief im Inneren weiß sie, dass sie Modigliani nicht gerecht werden kann. Er behandelt sie nicht so wie man eine Lady behandeln soll. Seine Liebesschwüre erschauern wie Befehle. Selbst eine Einladung zu einem Ball kann sie nicht ablehnen, weil sie seiner Vehemenz nichts entgegen zu setzen hat. Zwischen Picasso, Soutine, Cendrars, Jacob und Cocteau wirkt sie verloren. Nur Modigliani kann sie in seiner unverkennbaren Art befreien. Sie werden ein Paar.

Seine Anfälle, seine Affären, die Ablehnung Modiglianis von ihrer Familie gehen nicht spurlos an ihr vorüber, doch sie steht zu dem Mann, dessen Erscheinung sie damals in der Academie wie der Blitz traf. Das Leben ist hart. Modigliani wird einmal berühmt sein, und reich. Das behaupten alle in seiner Umgebung. Seine Zeit ist aber noch nicht gekommen.

Olivia Elkaim gibt der letzten Muse Amadeo Modiglianis ihr Leben zurück. Als er zu Beginn des Jahres 1920 auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise begraben wird, steht die Künstlerelite Spalier. Kurz darauf wird sie begraben. Sie sie Mutter seines Kindes. Nicht verheiratet. Angefeindet. Kein Pomp, kein Prunk, nicht einmal derselbe Friedhof. Allein gelassen wie eh und je.

„Modigliani, mon amour“ ist der Inbegriff der traurigen Liebe. Eine Frau, die alle Unwägbarkeiten beiseite wischt, um ihn zur Seite stehen zu dürfen. Er verachtet sich und die Welt, ist unfähig wahre Zuneigung zu zeigen. Das Leben der Bohème war nicht romantisch, es war hart. Aber vor allem eine emotionale Qual.

Dux

Bei dem Namen Casanova hört man bis heute auf. Dieser Lustmolch, der die Frauen scharenweise umlegte, als Spion von Hof zu Hof wanderte, und in Venedig zur persona non grata erklärt wurde. Mythos und Wahrheit liegen bei ihm so nah beieinander wie bei kaum einen anderen. Er freute sich in der Gesellschaft der wirklich (oder scheinbar) Großen sonnen zu dürfen. Ein Phänomen, das man bis heute noch (bzw. immer häufiger) beobachten kann.

Doch – und das ist die Warnung an all die sich heranwanzenden Sport-„Reporter“, Influencer und Castingshow-Zweitrundenteilnehmer – er starb einsam, krank und ungeliebt im Exil. In Duchcov, dem ehemaligen Dux, auf dem gleichnamigen Schloss. Sein Sterbesessel wird im Juni 2018 (am vierten des Monats jährt sich sein 220. Todestag) sicherlich Scharen auf das idyllisch gelegene Schloss locken. Sofern man ihn nicht wieder mit Nichtachtung strafen wird.

Casanova ist mittlerweile im Rentenalter. Graf Joseph Karl Emanuel von Waldstein hat vor einiger Zeit den Glücksritter an seinen Hof geholt. Es ist das Jahre 1785. Hier soll Casanova als Bibliothekar tätig sein. Er liest viel, schreibt noch viel mehr. Veröffentlichungen – kaum. Der Graf selbst ist damit beschäftigt Politik zu betreiben, weshalb er einige Jahre später für einen langen Zeitraum verreisen wird. Von Frankreich ausgehend droht Europa eine neue Gestalt anzunehmen. Ach, was wäre Casanova glücklich gewesen hier mitwirken zu dürfen, Seilschaften zu knüpfen, Verbrüderungen zu entzweien. Doch er fristet ein karges Leben in Nordböhmen.

Zu seinem Verdruss sehen der Verwalter und ein Leutnant, der als eine Art Aufpasser sich hier einen kleinen Zuverdienst sichert, in dem Italiener eine Laus, die zerquetscht werden muss. Casanova einen einzuschenken, ist ihr liebster Zeitvertreib. Sie sind geschickt, so dass selbst der Bürgermeister und Richter der Stadt nichts unternehmen können. Casanova ist hoffnungslos festgesetzt. Er, der einst Europas Adelshäuser im Gespräch und Atem hielt, ist nun der gebeugte Prügelknabe zweier Günstlinge. Späte Rache des Schicksals? Ein Happy end kann er nicht erwarten. Und er ist sich dessen sicher auch bewusst.

Die Historiker streiten bis heute über die Bedeutung des Monsieur de Seintgalt. Wohl auch, weil er sich winden konnte wie ein Aal. Schlecht festzunageln, dieser Windhund! Sebastiano Vassalli gelingt das Kunststück, Casanova für die Dauer dieses Büchleins einzufangen. Ein kränkelnder, nie komplett resignierender Greis, dessen Perücke schlecht sitz und dessen Strümpfe am laufenden Band verrutschen. Eine kurze Episode im Leben des Hans Dampf in allen Gassen, seine letzte. Doch sie beweist nur eines: Den Atem konnte man ihm nur einer auslöschen, Gott. Der Kampfgeist jedoch entwich ihm erst nach dem letzten Atemzug. Chapeau!

Es waren ihrer sechs

Sophia und Hans Möller werden im Februar 1943 von der Gestapo verhaftet. Sie sollen in der Münchner Universität Flugblätter gegen das Naziregime verteilt haben. Klingt irgendwie bekannt. Und doch stört da etwas. ANtürich sind mit dem Geschwisterpaar Sophia und Hans die Geschwister Scholl gemeint, Sophie und Hans, die Weiße Rose. Die Geschichte ist bekannt, bis heute und wurde auf beiden Seiten der Mauer in Erinnerung gehalten. Zwar mit unterschiedlicher Sichtweise, aber immerhin.

Autor Alfred Neumann kannte die beiden Akteure nicht persönlich. Als er den Roman im September 1943 zu schreiben begann, lebte er schon jahrelang im Exil. Als das Buch einige Monate später fertig war, konnte es natürlich nicht in Deutschland vertrieben werden. Noch immer regierte der braune Terror.

Doch schon kurz nach dem Krieg gab es in Deutschland erste Vorabdrucke. Auf Englisch war es bereits 1945 erschienen. Die Reaktionen waren immens. Wie kann sich einer erdreisten die heldenhafte Auflehnung aufrechter Widerständler in einem Roman zu verarbeiten? Und das, obwohl er nur aus der Ferne Bruchstücke wahrnehmen konnte. Selbst die Schwester von Sophie und Hans, Inge Scholl stieß ins Horn der Entrüsteten.

Alfred Neumann gehörte in der Weimarer Republik zu den meist gelesenen und am höchsten aufgelegten Autoren. Natürlich las er über die Weiße Rose. Natürlich freute ihn, was da im Vorfeld der Verhaftungen geschah. Und natürlich war er nicht minder bestürzt über die Reaktionen der Nazis – Sophie und Hans Scholl, sowie andere wurden rasch nach ihren Verhaftungen durch die Guillotine geköpft.

Alfred Neumann verteidigte sein Werk „Es waren ihrer sechs“, in dem er auf die geänderten, jedoch eindeutig zu erkennenden Klarnamen verwies. Wer solle ihm das Recht verweigern über das zu schreiben, was ihn umtrieb. Er wusste nur das, was er in Zeitungen im Exil gelesen hat. Doch die Idee zum Roman über den Widerstand hatte er nicht erst seit den ersten Zeitungsartikeln, sondern schon viel früher gefasst.

Es wird gern darauf hingewiesen, dass Truman Capote wohl der erste war, der reale Verbrechen in einem Roman „In cold blood“ (Kaltblütig) verarbeitet hat. Er machte sich nicht die Mühe die Namen der real Wirkenden auch nur marginal zu verändern. Aus Respekt vor den Taten, und auch wohl, weil er eben nicht hundertprozentig vor Ort recherchieren konnte, ließ Alfred Neumann seiner Phantasie freien Lauf und gab den Ereignissen rund um die Weiße Rose einen fiktiven Verlauf. Erschreckend wie nah er doch am wirklichen Geschehen dran war. Die Verhöre der Gestapo, die nervenaufreibende Ungewissheit aller Beteiligten, die Kaltblütigkeit der Machtausübenden verleihen dem Roman fast schon einen chronistischen Charakter.

Das Besondere an dieser Ausgabe ist darüber hinaus die selten da gewesene künstlerische Gestaltung des Buches. Historische Dokumente wie der offene Brief von Alfred Neumann an die Kritiker, historische Dokumente zur den Vorgängen in München, eine Kurzbiographie des Autors sowie der enorme Aufwand, der betrieben wurde, um dem Buch einen würdigen Rahmen passend zum Inhalt zu geben. Es ist eine neue Dimension Bücher von Weltrang gebührend zu verlegen.

Kennst Du das Land

Von der Steppe in die Betonwüste, von den sanften Klängen der Zungen ins stahlharte Geröll, von der Abgeschiedenheit in die Anonymität der Großstadt. Galsan Tschinag wagte als junger Mann einen gewaltigen Schritt. Aufgewachsen als kommender Stammesvorsteher aus der Mongolei nahm er die Herausforderung an in Leepzik, wie er es anfangs noch nannte, Germanistik in der DDR zu studieren.

Die Mauer war gerade gebaut worden, politische Indoktrinierung war allgegenwärtig begab er sich in die Stadt, in der Goethe zweihundert Jahre zuvor sich die letzten Sporen als Dichterfürst verdiente. Er war auf einmal nicht mehr der privilegierte Nachkomme, sondern einer von vielen. Mit einem Handicap. Er konnte kein bzw. kaum Russisch. Seine Kommilitonen beherrschten die Sprache des großen Bruders bereits.

Schon das erste Kapitel zeigt welche Schwierigkeiten auf einen Ausländer in der Fremde warten können. Messer, Gabel, Löffel – großer und kleiner – waren ihm fremd. Ein bisschen tolpatschig war er schon als es in der Mensa an die Nahrungsaufnahme ging. Ein Dilemma sondersgleichen drohte den Einstieg gehörig zu verhageln. Seinen Mitstreiter aus der Mongolei war er auch deshalb ein Dorn im Auge. Ein weiterer Grund für seine anfängliche Isolation: Der Buchstabe F. Er konnte ihn einfach nicht bändigen. Aus dem Fischer wurde immer nur ein Pischer. Dieser kleine Buchstabe, nicht Fuchstabe, der an sechster Stelle im Alphabet steht, wollte einfach nicht aus ihm rausflutschen. Immer wieder plumpste das P aus seinem Mund. Hilde kam von unerwarteter Stelle. Ein Kommilitone hatte irgendwann den Drang dem jungen Galsan aus der Steppe zu zeigen, wer im Studium am besten aufpasst. Oder anders gesagt, wer das F am besten beherrscht. Dass er dabei andere Wörter und Buchstaben nicht korrekt deutsch – schließlich handelte es sich um das Studium der deutschen Sprache –  handhabte, übersah er. Galsan Tschinag wies ihn trotzdem darauf hin. Und Feng, hatte er sich eine eingefangen. Und peng flutsche das F wie selbstverständlich über seine Lippen. Es gibt sicher einfachere, schmerzlose Methoden eine Sprache zu lernen. Doch das Ergebnis ließ Galsan Tschinag die Schmach geduldig ertragen. Und zum Glück nicht vergessen.

„Kennst Du das Land“ ist der erste Teile seiner Memoiren. Er lässt sie in Leipzig beginne, wo sein Leben eine neue Wendung bekam, und ihm ein Weg geebnet wurde, den er nie hoffte beschreiten zu dürfen. Kunstvoll vermeidet er den Abstieg in die Niederungen der Sprache und der spärlichen Erinnerungen. Wortgewandt wie kaum ein Muttersprachler vollführt er einen Gemeinschaftstanz mit dem Neuen. Heute ist er Schriftsteller, der seine Werke nicht in seiner Muttersprache verfasst und sie dann übersetzen lässt, sondern er schreibt konsequent auf Deutsch. Die Sanftheit der Muttersprache hat er sich behalten. Die Schärfe der zweiten Sprache, die er exzellent beherrscht, verleiht seinen Texten, die gespickt sind mit erheiternden Anekdoten, den gewissen Kick. Er kennt das Land, das ihm wie ein Tor in eine andere Welt vorkommen muss. Diese Biographie ist eine Wohltat für die Augen und leidgeplagte Ohren, die tagein tagaus schlecht gebildete Nebensätze allerorten vernehmen müssen, und die ihm Schwall der Kurzinformationen abzuflachen droht. Ab sofort sollte dieses Buch Pflichtlektüre sein, Für alle in Deutschland Lebenden!

Die Sünde der Frau

Norma Jean Baker, Marguerite Donnadieu, Jane Auer und Mary Patricia Plangman – alle in einem Buch über die Sünde der Frau. Die eine Hälfte der Menschheit, die laut Bibel wissen wollte, naschte und ihn, die andere Hälfte, dazu verführte auch mal einen Bissen zu nehmen. Der Rest ist bekannt: Krieg, Hass, Zerstörung. Keine besonders schöne Sicht auf die Dinge des Lebens.

Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith hatten auch so manches Mal keine schöne Sicht auf die Dinge des Lebens. Sie hatten Pseudonyme. Sie hatten Talent. Sie hatten Ruhm. Sie zerfleischten sich selbst. Sündig? Sie selbst hätten das über sich nur unter bestimmten Bedingungen gesagt. Zum Beispiel, wenn es darum ging in der Öffentlichkeit sich selbst – warum auch immer – hervorzuheben.

Doch im Inneren gab es bei ihnen nie den Drang sich selbst um der Zerstörung Willen sich zu zerstören. Rebellion – ja. Und wie! Das reduzierte Spiel der Monroe, sie war ab einem Punkt nicht mehr die Baker, sondern die Monroe ist nicht minder das Ergebnis einer Flucht wie die revoltierenden Zeilen einer Marguerite Duras, die wie Patricia Highsmith echte, voll umfängliche liebe nie zulassen konnte. Jane Bowles und Pat. H, alias Ripley, wie sie seit dem ersten ihrer Ripley-Romane gern ihre Briefe unterschrieb, waren dem Alkohol dermaßen verfallen, dass sie Realität und Nebelschwaden in Letzem aufgingen. Doch ihrer Kunst, und somit ihrem Ruhm tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil – das Delirium war ihr Elixier.

Auch die Monroe suchte den Schlüssel für die Tür, die sie in der Welt außerhalb der Monroe führte. Sie glaubte ihn in Arthur Miller zu finden. Doch auch er sah in ihr nur die unordentliche Schlampe, in der Art wie ein Eisbecher mit Früchten unordentlich ist, wie es einmal Truman Capote beschrieb.

Sind diese vier Damen nun wirklich Sünderinnen? Oder frönten sie „nur“ der Sünde an sich? Connie Palmen wagt es diese vier auf ihrem Gebiet einzigartigen Künstlerinnen ihren Wegen zu folgen. Es liegt am Leser selbst, welche Maßstäbe er ansetzt, um Sünde als solche zu empfinden und schlussendlich ein Urteil zu fällen. Sie verstanden alle herzlich den Finger auszustrecken, um ihre Betrachter, Kritiker, Leser, Freunde, Geschäftspartner um selbigen zu wickeln.

Die Autorin lässt ihre Blicke schweifen und urteilt an keiner Stelle dieses bemerkenswerten Büchleins, das man nur allzu gern verschenken, im gleichen Atemzug aber wie einen Schatz für sich behalten möchte.

Gladiatoren

Das muss ja eine ganz schöne Schweinerei gewesen sein! Da stampfen mehrere Dutzend Gladiatoren durch den blutverschmierten Sand und prügeln, hauen und stechen aufeinander ein als ob es kein Morgen gibt. In den meisten Fällen war es wahrscheinlich so. Reichlich zweitausend Jahre ist es her, dass die ersten ultimate fighter die Arena betraten. Unter Kaiser Trajan wurde ein Sieg über ein Land einmal einhundertsiebzehn Tage lang mit Gladiatorenwettkämpfen „gefeiert“.

Leoni Hellmayr fasst das gesamte Wissen über die Recken der Antike in diesem kleinen Büchlein zusammen und räumt dabei auch gleich noch ein paar Vorurteile aus dem Weg. Von wegen Daumen hoch oder Daumen runter. Diese Geste passt gut in Filme, aber nicht in die Zeit der Gladiatorenkämpfe. Genauso das „Ave Caesar, morituri est salutant“ – dass die Todgeweihten den Kaiser extra noch grüßten, gehört ins Reich der Legenden.

Fakt jedoch ist, dass Kaiser Augustus erste Normierungen einführte – es ist also keine Erfindung der Gegenwart alles in Tabellen und Kolonnen pressen zu müssen. Es gab drei Arten von Kämpfern, die unterschiedliche Waffen benutzen mussten. Dabei durfte aber die Chancengleichheit nicht untergraben werden. Welch ein perfides Unternehmen!

Einhundert Seiten – jede einzelne ein Füllhorn an Informationen, die so mancher Filmemacher schon mal lesen sollte, bevor er blitzblank geputzte Panzerträger in eine kaum Staub aufwirbelnde Kulisse schickt.

Für die Wettkämpfe – wenn man es so nennen kann – gab es einen eigenen Sprachschatz. Die Kämpfe wurden sogar auf Graffitis verewigt. Und es gab damals schon echte Superstars unter den – nicht immer versklavten – Kämpfern. Die Liste des Wissens ließe sich um einiges erweitern – Leoni Hellmayr schafft es tatsächlich auf den ihr zur Verfügung stehenden einhundert Seiten ein umfassendes Bild der schaurigen Kämpfe abzubilden.

Wer also in Zukunft „Spartacus“ von Stanley Kubrick schaut, wird kopfnickend und staunend applaudieren. Wer den Vormittag lieber vor der Glotze mit den dritten Programmen und unsagbar schlechten Sandalenfilmen Made in Italy verbringt, wird kopfschüttelnd ans Bücherregal rennen und vehement mit dem Finger auf die entsprechenden Passagen zeigen und stöhnen „Das war doch alles ganz anders!“

Der steile Anstieg zum Olymp

Auf Du und Du mit den Rittern der Neuzeit – Giacomo Pellizzari ist leidenschaftlicher Radfahrer und somit auch Fans der großen Rundfahrten und ihrer Helden. Das Wort Helden verliert jedoch schon im Laufe ihrer Karrieren bzw. im Nachgang immer wieder und immer mehr an Bedeutung. Zu viele Skandale, zu viele Tricksereien, zu viele Exzesse, zu viel Betrug haben einmal dazu beigetragen, dass sie Helden waren und nun im Sumpf der Enttäuschungen verrotten.

Pellizzari hat im Laufe der Jahre viele Pedalritter kommen und gehen sehen. Doch diese vierzehn im Buch vorgestellten Helden der Landstraße haben es in seinen Augen verdient besonders hervorgehoben zu werden. Aus unterschiedlichen Gründen. Eines ist ihnen gemein: Ihre Strahlkraft.

Sein Buch beschließt Pellizzari mit dem unsympathischsten und bis heute unsportlichsten Radfahrer aller Zeiten: Lance Armstrong. Ein begabter Radfahrer war er. Und ehrgeizig. Angetrieben vom Stiefvater. Ein Krebsleiden riss ihn jäh aus seinen Sportlerträumen. Doch die Therapie schlug an und er kämpfte sich zurück. Sieben Mal sprang Armstrong aufs Siegertreppchen am Ende der Grand Boucle, der Tour de France. Allen Unkenrufen zum Trotz. Doch dann der tiefe Fall. Pellizzari sitzt ihm geistig gegenüber als Armstrong Oprah Winfrey das Interview seines Lebens geben wird. Tief in ihm drin will er sich rächen, der erste sein, der Doping anprangert. Das Ende ist bekannt – Armstrong wird verbannt, mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Mitleid kann Pellizzari nicht aufbringen. Warum auch? Armstrong hat keine Entschuldigungen parat. Er war ein Betrüger, und ganz im olympischen Sinne bleibt er es auch.

Den in Stein gemeißelten Heroen wie Bernard Hinault, Eddie Merckx, Marco Pantani oder Francesco Moser kann er hingegen schon mehr Bewunderung abringen. Er gibt ihnen Attribute, die in der Überschrift huldvoll klingen, aber im Text mal lauter oder leiser durch eingestreute Zweifel neu nivelliert werden. Er spricht vom Beau Fabian Cancellara, vom Rockstar Bradley Wiggins, vom bescheidenen Miguel Indurain oder vom Pechvogel Felice Gimondi.

Wenn jedes Jahr im Sommer die Tour de France aufmarschiert, läuft immer der Zweifel mit. Die Schar derer, die die Rundfahrt nicht mehr verfolgen wollen, wächst. Die Berichterstatter werden zerknirschter. Die Hoffnung auf sauberen Sport blubbert mäßig vor sich hin. Warum also ein Buch über „Helden“, die mit großer Wahrscheinlichkeit – bis nichts bewiesen ist, sind sie aber schuldlos – unlautere Mittel genommen haben, um am Ende die (Pinocchio-)Nase vorn z haben? Ganz einfach: Es sind eben doch Helden. Seit frühester Kindheit rasten Kinder über die Straßen ihrer Viertel und schrien lauthals die Namen ihrer Vorbilder. Sie waren in diesen Momenten Fignon, Bugno, Chiapucci, Saronni oder Sagan. Das kann ihnen und den Radsportlern keiner nehmen.

Im fiktiven Zwiegespräch verneigt sich Pellizzari vor dem Einen oder Anderen, nimmt sie aber keineswegs in Schutz. Und vielleicht ist es ja doch so, dass einer oder mehrere Helden sich diesen Titel redlich verdient haben. Zu wünschen wäre es – dem Autor, den Lesern, den zahllosen Kids und nicht zum Schluss auch ihnen selbst.

Die Lichter von Pointe-Noire

Für Alain Mabanckou hat die Zahl Dreiundzwanzig eine fast mystische Bedeutung. Mit dreiundzwanzig verließ er seine Heimat Kongo (das kleinere, Kongo-Brazzaville), um in Frankreich sein Jurastudium fortzuführen. Dreiundzwanzig Jahre später besucht er es wieder. Zum ersten Mal seit dem Tag, als seine Mutter ihm einen letzten Rat mit gab: Heißes Wasser vergisst nie, dass es einmal kalt war.

Was sollte er mit diesem Spruch anfangen? So poetisch der Abschied auf dem Papier aussieht, so bitter war es im wahren Leben. Alain Mabanckous Mutter starb, als in Europa Fuß gefasst hatte. Zur Beerdigung konnte er nicht kommen. Oder wollte er nicht? Sein Vater, der nicht sein Erzeuger war, starb ebenfalls in den Jahren des Exils. Mitte vierzig, als berühmter Schriftsteller kehrt er nun heim. Nach Pointe-Noire. Dorthin, wo er Tanten und Onkel, Neffen und Nichten, Großmutter und Großvater den Rücken kehren wollte, musste … konnte.

Endlich daheim. Der Ort, an dem man ungeschminkt und unverblümt der sein darf, der man wirklich ist. Doch die Fremde hat Alain Mabanckou verändert. Das wissen auch diejenigen, die er zurückließ, und auch diejenigen, die aus ihnen hervorgingen. Dass allenorts die Hand aufgehalten wird, ist nicht Befremdliches. Doch dass die Heimat nicht der Ort der Rückbesinnung ist, stört den Autor erheblich.

Das Kino, in dem er zu träumen begann, ist nur mehr ein Schatten seiner selbst. Freunde von damals, sind heute Familienväter. Und der Fortschritt ist immer noch eine jähe Vision, die immer wieder vor den Toren der Stadt haltmacht. Nichts Neues im Herzen Afrikas? Alain Mabanckou findet nicht recht die Zeit, um sich treiben zu lassen. Zu nah sind ihm die Geschichten derer, mit denen er aufwuchs. Traurigkeit? Ein bisschen. Er weiß, dass das Leben weitergeht. Weitergehen muss. Auch wenn in Pointe-Noire für viele die Lichter ausgehen, so sind sie für Alain Mabanckou immer noch an. Sie werden in seinen Erinnerungen leuchten wie die Filme und Stars einmal auf der Leinwand.

Schonungslos bricht Alain Mabanckou die Mauern des Schweigens und des Vergessens ein, um seinem Leben die Sporen zu geben. Erinnerungen spielten in all seinen Büchern die zentrale Rolle. Freunde und Gefährten fanden sich in seinen Zeilen wieder. Nun muss er sich der Realität stellen und den Figuren aus seinen Romanen gegenübertreten. Manche erkennt er nicht wieder, andere weisen ihn direkt auf sich hin. Das Knieschlottern vor dieser Reise war schlussendlich unnötig. Die Heimat ist und bleibt die Heimat. Sie verändert sich nicht, nur der eigene Blick auf sie rückt vieles in ein anderes Licht.

Nur das Geistige zählt

Wenn jemand fünfundneunzig Jahre alt geworden ist, kann er nicht nur viel erzählen, sondern hat sich das Attribut „Niemals aufgeben!“ redlich verdient. Meta Erna Niemeyer kennt heute kaum noch jemand. Ré Soupault ein paar ausgewählte Kunstinteressierte. Ihre Erinnerungen strotzen nur so vor Lebensfreude und Lebensmut, dass Madame Soupault sich ihren Platz in der Geschichte bald wieder zurück erobern wird.

Sie begleitete fast das komplette 20. Jahrhundert hindurch das Leben diesseits wie jenseits des Atlantiks. Aus der pommerschen Provinz ins thüringische Weimar katapultiert, gehörte sie den Bauhaus-Absolventen, deren Namen vielleicht nicht in erster Reihe standen. Ihre Dozenten hielten große Stücke auf sie. Ludwig Mies von der Rohe gestaltete später noch ihre Büroräume und Ateliers als sie als Verlagsmitarbeiterin in Paris weilte. Doch die Nazis machten ihrer Karriere einen Strich durch die Rechnung. Über Marseille gelangte sie nach Tunesien.

Da war sie schon die Frau an der Seite von Philippe Soupault, der in Tunis einen Widerstandssender als Gegenstück zum faschistischen Radio Bari gründete. Auch dafür kam er ins Gefängnis. Ré Soupault blieb immer an seiner Seite, hielt durch. Durch ihren Einsatz und den von anderen durften die beiden bald Tunesien verlassen. Über Algier ging es in die neue Welt, New York war ihre erste Anlaufstelle.

Eine ausgedehnte Weltreise durch Südamerika lässt den Krieg, der immer noch in Europa herrscht, ein wenig in Vergessenheit geraten. Als dieser vorbei ist, ist auch die Ehe von Philippe und Ré zunächst einmal unterbrochen. Doch die Zeiten sind hart. Als Deutsche im Land der Sieger hat sie wenig Chancen. Sie über nimmt die Wohnung von Max Ernst. Muss jedoch einsehen, dass die Mieten in New York für sie nicht bezahlbar sind. Doch aufgeben gilt nicht. Wer mit André Gide Schach gespielt hat, sich von Antoine de Saint-Exupery Fliegergeschichten anhörte und die Schriften von Romain Rolland übersetzen kann, den haut so schnell nichts um. Mittlerweile lebt Ré Soupault in der Schweiz, erhält ein karges Einkommen. Ohne die Unterstützung derer, die sie einst unterstützte, wäre sie am Ende…

Am Ende sind die Memoiren dieser einzigartigen Frau mit der letzten Seite des Buches noch lange nicht. Es ist das Jahr 1949. Ein halbes Leben. Ein Fortsetzung ist also mehr als gewünscht und sicher in absehbarer Zeit erhältlich. Sie Selbstverständlichkeit, mit der Ré Soupault ihr Leben annahm, ringt höchsten Respekt ab. Immer wieder kommen einem Gedanken in den Kopf, wie es wohl gewesen wäre, wenn Ré Soupault nur ein paar Jahrzehnte später geboren wäre. Ohne Krieg, ohne Einschränkungen für Frauen, ohne staatlich unterstützte Ressentiments gegenüber Ausländern. Gegenwärtig hat man das Gefühl, dass Letzteres schon wieder salonfähig werden kann…

Liebe mich!

In seinen Romanen gab es nur ansatzweise ein Happy end. Im wahren Leben des Erich Maria Remarque ebenso. Ende des 19. Jahrhunderts geboren, war es gerade alt genug, um in den Schützengräben den Allmachtsphantasien der Generäle folgeleisten zu können. Seine Erinnerungen wurden zum meist publizierten Buch des 20. Jahrhunderts: „Im Westen nichts Neues“.

Es war der Anfang einer Schriftstellerkarriere, die ihn finanziell sorglos machte. Doch Geld allein kann niemals glücklich machen. Vom Erfolg überfordert, ihn selten akzeptierend suchte er Erfüllung in den Armen der Frauen. Sie überhäuften ihn mit Zuneigung, er gab ihnen das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Er war ein Geber. Es liegt in der Natur der Sache, dass er folglich scheitern musste.

Ilse Jutta Zambona begleitete Erich Maria Remarque fast sein gesamtes Leben lang. Sie trieb ihn an, und es mit anderen. Sie liebten und stritten. Sie heirateten und ließen sich scheiden. Ob sie die große Liebe seines Lebens war? Zeitlich begrenzt – ja. Ewig – niemals. Deutschland war dem Autor nicht immer wohlgesonnen. Nach Erscheinen von „Im Westen nichts Neues“ warf man ihm vor, die Kriegserinnerungen zu verteufeln. Deutschland musste schließlich enorme Reparationszahlungen leisten. Das musste als Sühne reichen. Da brauchte man nicht noch jemanden, der den Krieg in den Dreck zieht. Mit dem Aufkommen des neuen Nationalstolzes und der damit einhergehenden Verfemung alles Fremden, kommt für Remarque der Abschied von seiner geliebten Kultur. Er reiste schon vorher – die finanziellen Mittel hatte er sich redlich verdient – in die Schweiz, nach Italien und Frankreich. Doch diese Länder waren nun auch nicht mehr eine sicherer Halt in unruhigen Zeiten.

In den USA konnte er endlich wieder aufatmen. Die Folgeromane waren ebenso Kassenschlager wie sein Erstlingswerk. Wie ein roter Faden zieht sich der Erfolg als Schriftsteller durch seine Leben. Doch genauso das Scheitern als Mann an der Seite einer Frau. Marlene Dietrich wickelt ihn nonchalant um den Finger. Ihre Karriere steht an einem Wendepunkt. Doch auch sie kann ihn nicht halten. Oder er sie nicht?

Als Lebemann hat er sich nie gefühlt. Im Kreise von Paulette Goddard, die mit Chaplin verheiratet war, mit und durch ihn zu Weltstar wurde, war die letzte große Dame in Remarques Leben. Er setzte sie als Alleinerbin ein, sie jedoch trat seine letzten Wünsche mit Füßen.

Gabriele Katz lässt in „Liebe mich!“ eine Parade an Damen auffahren, die Remarque verehrte, die ihn verehrten, die jedoch niemals zur Liebe fähig waren. Um ihn herum versank die Welt im Pulverdampf, im Herzen sucht er das Kanonenfeuer. Lichtblitze waren das einzige, die ihm blieben. War er unglücklich? Tief im Inneren sicherlich. Karen Horney, Psychologin und Mutter der Schauspielerin Brigitte Horney (alle Damen in Remarques Leben zeichneten sich nicht durch gewöhnliche Lebensläufe aus) öffnete ihm als einzige wohl dauerhaft die Augen. Aber auch ihre Untersuchungen, die Sigmund Freuds Thesen widersprachen, konnten Erich Maria Remarque kein dauerhaftes Glück bescheren. Lediglich der Leser dieses Buches darf sich eines Happy ends erfreuen. Kompakt, detailreich und spannend geschrieben, gibt die Autorin Einblick in die Welt eines Menschen, dessen Geburt sich im Sommer 2018 zum 120. Mal jährt. Es wird Zeit Erich Maria Remarque die gebührende Ehrung zuteilwerden zu lassen. Dieses Buch ist mehr als nur ein Auftakt. Es legt die Latte sehr hoch!