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Gardasee

Hier ist Italien zuhause wie man es sich in den buntesten Farben nicht ausmalen kann! Eine funktionierende Infrastruktur, erstklassig beschilderte Pfade und Wege, angenehmes Klima mit unzähligen Sonnentagen – aber auch besonders zur Ferienzeit Menschenmassen, die so manches Erlebnis vermiesen können. Um dem zu entgehen, ist es ratsam die Reise an den Gardasee eingehend zu planen. Und dafür gibt es nur eine Wahl: Diesen Reiseband von Eberhard Fohrer.

In der bereits 11. Auflage wird man einmal mehr zu den schönsten Punkten des größten Alpensees geführt, ohne dabei im Strom der Neugierigen unterzugehen. Schlagzeilen machte der Gardasee in der jüngeren Vergangenheit mit einer immer häufiger sichtbaren Wasserknappheit. Dort, wo man sich vor Jahren noch nasse Füße holte, konnte man stellenweise meterweise in die Tiefe springen. Ja, dieses Thema wird immer wichtiger, wenn es um Tourismus am Gardasee geht.

Eberhard Fohrer gibt auch Tipps abseits der gängigen Klischees mit Campingverordnungen, dem besten Gelato und den eindrucksvollsten Aussichtspunkten. Wie wäre es mit einem Besuch zur Weihnachtszeit?! Es muss nicht immer der wolkenfreie Himmel über dem Lago del Garda sein! Ein lauschiger Bummel über die Weihnachtsmärkte ist mindestens so eindrucksvoll wie Wasserskifahren im Juli.

Es sind vor allem die kleinen versteckten Hinweise auf Wanderungen, die dieses Reiseband so einzigartig machen. Mal einen Strauch beiseite biegen oder da innehalten, wo andere achtlos ihre Kilometer runterspulen. Einkehr halten, wo andere die letzten Brocken der Brotzeit noch zerkauen. Oder einfach nur ein paar Meter abseits der Pfade das entdecken, was vielen verborgen bliebt, weil sie der Meinung sind, dass ein Reisband das Vorankommen behindert.

Wer den Gardasee nicht als offensichtliches Reiseziel mit allen zugänglichen Highlights, sondern als Entdecker-El-Dorado erfahren will, kommt an den 360 Seiten dieses Buches nicht vorbei. Immer wieder ertappt man sich, dass man schon beim Lesen wie im Urlaub fühlt. Die Namen sind jedem geläufig: Monte Baldo, Sirmione, Riva – das kennt man alles. Doch ihre wahren Schätze muss man suchen. Mit diesem Reiseband in der Hand oder zumindest im Reisgepäck wird diese Suche zu einer erholsamen Jagd nach dem Unvergesslichen.

Drei Schalen

Das Spannendste an einer Geschichte sind immer ihre Wendungen und wie die Protagonisten damit umgehen. Eine Geschichte ihre Wendung ist in den meisten Fällen langweilig bis belanglos. Hier nun der ultimative Beweis, dass Wendungen das Nonplusultra einer guten Geschichte sind. Und das gleich mehrfach.

Die sardische Autorin Michela Murgia lässt in einer Reihe von Geschichten das Leben der Akteure aus den Fugen geraten, es umdrehen, das Leben noch einmal neu beginnen. Jede Geschichte steht für sich allein und doch ergeben sie in Summe ein zusammenhängendes Bild.

Zum Hintergrund: Im Frühjahr machte Michela Murgia ihre Krebserkrankung öffentlich. Dankenswerterweise nicht so exzessiv wie so mancher Influencer, sondern bedacht und mit Würde. Kurze Zeit später verstarb sie. „Drei Schalen“ ist ihr Vermächtnis aus dieser Zeit. Und so wird gleich die erste Geschichte des Buches zu einer Reise ins Innere der Autorin. Eine Frau bekommt die Diagnose Krebs – Punkt! Doch wie damit umgehen. Und vor allem wie es den Anderen sagen. Mitleid erhaschen liegt ihr nicht. Vielleicht dem Umstand einen Namen geben? Der dottore, der ihr die Nachricht überbringt, ist am Ende seines Lateins. Die klaren Worte und Gedanken verwundern. Denn Krebs ist eine endgültige Diagnose, auch wenn es Ausnahmen gibt. So eine Wendung kann niemand erahnen. Vermuten schon, aber sie dann wirklich zu erhalten, ist ein anderes Kaliber. Es ist ein Leseschmaus, ihren Gedanken zu folgen. Auch wenn man das Ende – weil man die Autorin und ihre Bücher schon länger – kennt.

Und wie geht der Körper mit einer Wendung im Leben um? Eine Frau trennt sich von ihrem Freund. Mit einem Mal dreht sich ihr Magen um. Jeden Tag – das geht schon vorbei, denkt sie sich. Doch der Reflux bleibt hartnäckig Bestandteil ihres nun einsamen Lebens. Esseneinladungen sagt sie dankend ab – sie weiß nie, wann der Magen wieder einmal rebelliert. Auch hier wieder eine gefühlvolle Sprache, die gänzlich ohne anstößige Direktheit auskommt.

Fast erscheint es einem so als ob nur Michela Murgia sich diesem Thema widmen kann, ja sogar darf. Unbeirrbar und sanft analysiert sie Szenen von unglaublicher Tragweite mit der Leichtigkeit der Schreibfeder. Bei ihr haben Resignation und Trübsal keine Chance. Oft hat man schnell mit dem Begriff „Mutmacher“ zur Hand. Doch dieses Mal trifft es den Kern wirklich und mitten ins Zentrum.

Wenn das Schicksal gnadenlos zuschlägt, muss man gewappnet sein. Dieses Buch ist mehr als ein Schild gegen die Verzweiflung und Ausweglosigkeit einer unerwarteten Situation. Es ist ein stiller Wegbegleiter, der immer dann zur Stelle ist, wenn man ihn in seinen Händen hält.

Oben in der Villa

Man kann getrost davon ausgehen, dass sich Mary ihr Leben anders vorgestellt hatte. Reich heiraten und glücklich sein mit dem Mann, der sie so behandelt wie es sich gehört. Anfang Zwanzig ist sie gerade einmal. Und schon Witwe. Ihr Mann hatte das Vermögen mit vollen Händen rausgeschmissen, die Gläubiger stehen bei ihr Schlange. Ein befreundetes Paar bietet ihr an in ihrer Villa mit herrlichem Blick auf Florenz die Zeit zu verbringen bis die Zeiten wieder besser sind.

Für Edgar hingegen bahnen sich verheißungsvolle Zeiten an. Wenn alles klappt, ist er bald schon Gouverneur von Bengalen. Eine respektvolle Position. Die man allerdings am besten mit einer Dame an der Seite bewältigen sollte. Und diese Dame soll … Mary sein. Beide sind sich des Altersunterschiedes bewusst. Und Mary will Edgar bei Weitem nicht heiraten, weil sie verliebt ist. Nein. Sie weiß auch gar nicht, ob Edgar eine Option für sie wäre. Wenn er zurückkommt – vielleicht oder hoffentlich mit dem Job in der Tasche – dann will sie ihm bereitwillig Antwort geben.

Bis dahin sind es aber ein paar Tage…

Ein wenig Zerstreuung tut ihr gut. Eine Gesellschaft, wie sie sie schon so oft erlebt hat, soll sie von der Frage Edgars ablenken. Doch es ist wie immer das Gleiche. Alle Männer scharwenzeln um sie herum, preisen ihre Schönheit, ihre Anmut und … wollen doch alle nur das Eine. Mary weiß das alles. Sie ist siech ihrer Schönheit und der daraus resultierenden Wirkung auf Männer mehr als bewusst. Und so kann sie sich ganz ungeniert der Avancen erwehren. In der Hinterhand hat sie schließlich den vielleicht baldigen Vizekönig von Indien!

Im garten trifft sie auf einen Mann, sie kennt ihn. Kein verwöhnter Schnösel, wie die zahlreichen Männer auf der Party. Charmant und ein Stück weit ehrlicher als alles, was sie bis jetzt an diesem Abend erleben durfte / musste. Doch der Liebreiz des lauen Abends schlägt fast ohne Vorwarnung in einen heftigen Orkan um. Nur gut, dass Edgar darauf drängt, das sie den Revolver mit sich nahm. War das wirklich eine so gute Idee?! Schon bald muss Mary um Hilfe bitten bei einem Menschen, den sie kurz zuvor noch gewaltig vor den Kopf gestoßen hat.

William Somerset Maugham schafft eine Szenerie, in der das Böse einfach keinen Platz haben darf. Eleganz und Sorgenlosigkeit sind der Nährboden auf dem Mary ihr neues Leben aufbauen soll. Doch es wird ein Hort unendlichen Leids und voller Zweifel. Wo eben noch die jugendliche Leichtigkeit den Sieg über jedweden Zweifel feierte, herrschen mit einem Mal Verunsicherung und schreckliche Angst.

Ein Sizilianer von festen Prinzipien

Ein Buch, zwei Geschichten, zwei Ansichten. So schnöde und geheimnisvoll zugleich sich das anhören mag, so sehr ist man nach der Lektüre immer noch damit beschäftigt die Zeilen einzuordnen. Leonardo Sciascia war das Gewissen der Insel. Unbeirrbar – prinzipientreu – lag Sciascia dieses Buch so sehr am Herzen, dass er es am liebsten permanent umgeschrieben hätte. Doch er wusste auch, dass die Gefahr des „Verschlimmbesserns“ (auch wenn er diesen Begriff niemals verwendet hätte, sofern man ihn rückstandslos ins Sizilianische übertragen könnte) wie Damokles Schwert darüber schweben würde.

In „Der Tod des Inquisitors“ wird Fra Diego zum ungewollten Helden. Im 17. Jahrhundert haben die Spanier das Sagen über Sizilien. Und mit ihnen kam auch die Inquisition. Ein perfider Haufen tollwütiger zweifelhafter Idealisten, die mit Raffinesse und ungeheurer Gewalt ihrem eigenen Treiben durch Geständnisse eine Art Legitimation erlangen wollten. Fra Diego – ihn gab es wirklich – war einer, der sich diesem Treiben energisch entgegenstellte. Selbst unter der enormen Folter der Peiniger war sein Blick klar und geradeaus gerichtet. Sich der Gewalt beugen, kam für ihn nicht in Frage. Er ging sogar soweit seinem Peiniger den Schädel einzuschlagen. Wortwörtlich einzuschlagen! Das Ende: Der Scheiterhaufen. Für die meisten die letzte Chance sich reinzuwaschen – ergebnislos, wenn das Feuer einmal lodert, dann gibt es kein Zurück. Für Fra Diego „nur der Abschluss“ seines Lebens.

In der zweiten Geschichte geht es um einen Denunzianten im Chile der Pinochet-Diktatur. Einst lief er durch das gefürchtete Stadion, das zum Gefängnis umfunktioniert wurde, und zeigte mit dem Finger auf einstige Weggefährten. Ein Opportunist übelster Sorte, der nicht dem Mumm besaß sein Gesicht zu zeigen. „Der Mann mit der Sturmmaske“ versucht später Reue zu zeigen und wendet sich ein weiteres Mal. Er will Zeugnis ablegen und Reue zeigen, und zwar vor denen, die die Greueltaten aufzuklären versuchen. Ein schlussendlich sinnloses Unterfangen.

Beide Hauptfiguren sind literarische Helden, die in ihrem Tun die Aufmerksamkeit des Autors Sciascia erregten. Wobei es Sciascia wohlwollend vermeidet ihr Tun in Gut und Böse zu unterteilen. Er ist ein Chronist, der mit ironischen Mitteln das Treiben aller Beteiligten in ein Licht rückt, das viel Schatten wirft und somit Licht ins Dunkel bringt.

Der Essay von Maike Albath und der Text von Santo Piazzese sind – begreift man dieses Buch als typisch sizilianisches Menü mit der Einleitung der Verlegerin Monika Lustig als speichelanregende antipasto – sind das gelungene Dessert, nach dem man sich noch lange die Lippen lecken wird.

Hier und anderswo

Man spürt es ab der ersten Seite, ach was, aber der ersten Zeile: Thomas Michael Glaw reist gern. Und oft. Und er kann viel erzählen. Nicht über das, was man sehen muss, was jedem früher oder später vor die Augen kommt, sondern über das, was man suchen muss und finden kann. Und vor allem über das, was zu beachten ist. Reiseimpressionen mit Lerneffekt. Doch so statisch sollte man dieses kleine Büchlein nicht angehen. Es ist eine Art Hilfestellung für Reisenovizen wie alte Hasen, die über diejenigen lachen, die Catania in Spanien oder Griechenland verorten (die gibt es wirklich! Und das nicht zu knapp!).

Hier sind sie also die gesammelten Impressionen (Auszüge davon) eines Reiselebens. Von München nach Wien im Flieger? Niemals. Im Zug reist man entspannter, und auch nicht viel länger, wenn man die Eincheckzeiten und die Fahrten zum und vom Flughafen einberechnet. Und mit der ÖBB sogar pünktlich, freundlicher … einfach entspannter. Reisen als Sinnesrausch im positiven Sinn. Denn auch eine Zugverspätung kann eine Reise in einen Rausch verwandeln – Stichwort Blutrausch.

Wiens erster Bezirk hat für ihn den Rausch der Vergangenheit gegen die Tristesse des Übers eingetauscht. Übervolle Straßen, übermäßig viele Verkäufer, die überteuerte Tickets verkaufen, überall nur Touristen, die überhaupt kein echtes Wien mehr ans Tageslicht kommen lassen. Dennoch sind Wien und seine Cafés immer noch berauschend. Es sind halt nur andere Cafés, wo man sich zur morgendlichen Stunde Gazetten und Braunen einverleiben mögen möchte.

Südspanien im Winter ist ein feuchtes Vergnügen. Manchmal auch ein feuchtfröhliches, wenn man der Sprache nicht mächtig ist und aus Versehen etwas bestellt, was einen übermäßig beansprucht.

Roma als Amor zu verstehen, fällt leicht, wenn man die Ewige Stadt einmal besucht hat. Oder mehrmals. Die Stadt für sich allein hat man niemals. Es sei denn, man besucht einen Friedhof. Doch auch da ist Achtsamkeit angeraten. Furbo und Pignolo können einem manchmal ordentlich auf die Nerven gehen oder gar die letzten Reste davon rauben. Der Eine mogelt sich durch (und kommt damit auch immer durch), der Andere ist ein Pedant, den man so in Italien gar nicht vermutet. Eine köstliche Charakterstudie des Autors.

„Hier und anderswo“ ist ein kurzweiliges Lesevergnügen für alle, die Bestätigung suchen und/oder vor der Entscheidung stehen in alle Himmelsrichtungen zu flüchten. Knigge-Fallen lauern überall (da ist es wieder, dieses „über“), nicht hineinzutappen, ist die Kunst. In diesem Büchlein die Fallen zu erkennen, sie umschiffen zu können, ist keine Kunst, es ist fast schon eine Pflicht.

Die Straße in die Stadt

Es sind keine Flausen, die Delia sich in den Kopf setzt oder sich setzen lässt. So oft sie kann verlässt sie das lieblose Heim in dem kleinen Dorf, in dem sie lebt, um in die Stadt zu gehen. Die Stadt. Dort will sie einmal leben. Mit Mann und Kind. Aber eigentlich nur, weil es die Stadt ist. Und nicht das dreckige kleine Kaff, in dem sie der Niemand auf dem Präsentierteller ist. Sie will jemand sein. Jemand in der Stadt, denn nur dort ist man wer.

Ach, süße Sechzehn! Azalea wohnt auch dort. Die große Schwester. Sie hat alles: Einen Gatten, Kinder, … einen Pelzmantel und ein Bett, von dem aus sie ihr kleines Reich regiert. Dazu gehört es ihren Mann anzufauchen. Und auch ihren Freund – per Telefon. Das Dienstmädchen – auch das hat Azalea – kümmert sich schon um den „Rest“.

Noch ein Jahr dann ist Delia so alt wie Azalea als sie heiratete … und das Dorf verließ. Verlassen konnte. Bald wird auch Delia diesen Schritt gehen. Doch mit wem? Mit Giulio? Der ist total verschossen in sie. Der Sohn des Doktors. Also keine schlechte Partie. Oder doch mit Nini. Cousin soundsovielten Grades, der der Familienhölle entkam und in Delias Familie Unterschlupf fand. Doch Nini ist mehr an Büchern und Lesen interessiert.

Delia saugt die Stadt auf wie einen Schwamm. Dass hier erst recht nicht alles azurblau ist, bemerkt sie nicht. Erst als ihrer Schwester sämtliche Glücksfelle davonzuschwimmen drohen – ihr Liebhaber will sich binden, aber nicht an Azalea – und sie selbst schwanger ist, beginnt der Ernst eines Lebens, für den der Ausweg in die Stadt keine Option mehr ist. Und es kommt noch schlimmer für die unschlüssige Delia…

Natalia Ginzburg beweist schon in ihrem ersten Roman ihr enormes Geschick knallharte Realität mit weicher Stimme Gehör zu verschaffen. Die naive Delia muss pronto lernen, dass die citta ebenso Himmel wie Hölle bedeuten kann. Und zwar ganz anders als sie es sich in ihrem so bisherigem kurzen Leben vorstellen konnte. Ihre Wünsche und Träume sind vollkommen legitim. Der Weg zu deren Erfüllung ist steiniger als sie es überhaupt überblicken kann. Sie verzweifelt nicht. Erst ein endgültiger Schicksalsschlag lässt sie ihre Blindheit vergessen.

Geheimsache Italien

Würde dieses Buch von einem Journalisten, einem Fanatiker, einer Rampensau, die nur das Scheinwerferlicht sucht, geschrieben worden sein, dann wäre dieses Buch nicht mehr als ein Aufschrei ohne Substanz, das alsbald auf dem Wühltisch der Buchhändler landen würde. Doch hier schreibt einer, der es wissen muss. Giuliano Turone war Richter am Kassationsgerichtshof, Professor für Investigationstechniken und nahm an den Prozessen am Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag gegen die Kriegsverbrecher im Jugoslawienkrieg teil. Und – damit ist es endgültig bewiesen, dass er kein blindwütiger Agitator ist – er leitete die Untersuchungen gegen die Loge P2 und war Mitglied der Antimafiakommission.

Auch ohne viele Vorkenntnisse – wer dieses Buch bewusst auswählt, ist automatisch mit einer Portion Grundwissen ausgestattet – kommt man (kopfschüttelnd) schnell auf seine Kosten, wenn man sich für politische Intrigen und deren Strippenzieher interessiert. Detail- und lehrreich führt Giuliano Turone den Leser in eine Zeit, in der Italien (wieder einmal) vor einer Umwälzung stand. Schon lange waren in dem Land Mächte am Werk, die lange Zeit unbehelligt ihrem Tagwerk nachgehen konnten, weil die eigentlichen Machthaber weit weg waren. Weit weg in jedwedem Sinne. Stichwort Mafia. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Angst vor den Kommunisten größer als die Angst vor einem Dritten Weltkrieg. Lieber mit der Mafia paktieren als Moskau einen fruchtbaren Boden zu bereiten, war die Devise.

Im Laufe der Jahre waren derart viele Mächte am Werk, dass es einer weiteren Macht bedurfte, die diese Kräfte bündelte. P2, Propaganda Due, war diese Macht, die in der Lage war Italien – in ihrem Sinne – in die richtigen Bahnen zu führen. Ursprünglich eine Freimaurerloge, also humanistisch, aufklärerisch geprägt. Zu ihr gehörten Mafiosi, Politiker (bis hin zu Ministerpräsidenten), Polizisten, Intellektuelle, Kleinkriminelle, Kirchenleute – kurzum: Der so genannte repräsentative Querschnitt der Bevölkerung. Sie vertuschten Verbindungen, ließen Akten vernichten, planten Attentate und Entführungen, ballten eine unvorstellbare Macht in ihren Reihen. Sie waren auf einer Stufe der Machtgier angelangt, in der Geld keine Rolle mehr spielt. Und das obwohl ihre Sparschweine wegen Fettleibigkeit ihren Aktionsradius erheblich einschränken mussten.

Schlagworte, die dieses Buch als Eckpfeiler benutzt sind die Entführung von Aldo Moro und das Bombenattentat am Bahnhof von Bologna zu nennen, weil sie medial die größte Aufmerksamkeit auch in Deutschland erhielten. Mit Akribie wühlt sich der ehemalige Richter Giuliano Turone durch einen schier unendlichen Berg von Akten und Beweisen, ordnet sie – was allein schon unmenschlich erscheint ob der gigantischen Menge – und serviert dem Leser ein Menü, das einem die Kehle zuschnürt. Bloße Verschwörungstheorien? Mitnichten, auch wenn immer noch versucht wird alle Argumente mit einem Handstreich hinwegzuwischen. Nicht umsonst hatte Silvio Berlusconi P2 als eine Art Gentleman-Club bezeichnet…

Bei der Lektüre von „Geheimsache Italien“ liegen kopfnickendes „Si“ und erschreckendes „Oh no“ so eng beieinander, dass einem manchmal schwindelig werden kann.

Di Bernardo

Wenn man ein paar Fakten weglässt, ist der Fall sonnenklar: Der Komponist Alessandro Ferro richtet die Waffe auf die junge Livia. Tot. Und das vor der Basilica di San Giovanni in Laterno, Rom. Die entscheidenden Fakten sind jedoch, dass auch er tot vor der Basilica liegt und die Waffe irgendwie platziert scheint. Commissario Dionisio Di Bernardo kommt die Szenerie irgendwie verdächtig vor. Auch die Zeugen. Gabriella Guselli, die Organistin hatte zuvor ein Stück von Bach gespielt, „Erbarme Dich!“ – wie passend. Sie spielte an dem nicht gerade leisen Instrument. War jedoch ziemlich am Tatort, und sie erfasste die Situation ebenso schnell. Da war nichts mehr zu machen. Die Frau war tot. So ihre Einschätzung.

Des Weiteren befragt Di Bernardo Pietro Bonolis. Bei ihm hatte sich Livia vor Kurzem um eine Lehre zur Bogenbauerin (Geige, Cello etc.) beworben. So wie Jahre zuvor ihr Vater. Der allerdings zurück nach Rumänien musste, um sich ums Geschäft wiederum seines Vaters zu kümmern. Livia war geschickt und wissbegierig, gibt Bonolis an. Doch das ständige mit dem Tuch über die schwitzige Stirn Wischen, macht Di Bernardo und seinen Kollegen Del Pino nachdenklich.

Ein mäßig erfolgreicher Komponist, eine junge Frau – schwanger, zweiundzwanzigste Woche – aus Rumänien, beide ermordet, gar nicht weit entfernt von einer Bogenbauerwerkstatt, vor einer Kirche … und rund herum nur unbefriedigende Antworten auf so viele Fragen. Hier liegt was im Argen – das weiß Di Bernardo ganz genau.

Wie in einer Sinfonie sind die einzelnen Noten für sich stehend nur Gekrakel. Erst im Zusammenspiel ergeben sie eine Melodie, die zum Schwelgen anregt und den Hörer in ihren Bann zieht. Und Di Bernardo ist der Dirigent. Er verleiht dem Stück die richtige Würze, bestimmt Tempo und bringt seine eigenen Ideen klangvoll zum Ausdruck. Da können noch so viele Misstöne auftauchen, Di Bernardo wischt sie hinweg. Und am Ende gibt es stehende Ovationen…

Natasha Korsakova schickt Commissario Dionisio Di Bernardo ordentlich auf den Holzweg. Und das nicht nur sinnbildlich, sondern wortwörtlich. Denn die Morde haben mit einer kriminellen Bande zu tun, die erfahrenen Krimilesern nur selten begegnet… Als Zwischenspiel wird jedes Kapitel mit einem kleinen Musikstück – als QR-Code jederzeit abrufbar – untermalt. Wer die Kurzbiographie im Buchumschlag liest, wird schnell erraten, dass es sich bei den Musikstücken um die Autorin selbst handelt, die „so ganz nebenbei“ auch Violinistin ist.

Rot, sagte er

Bei einem Museumsbesuch kann es einem schon mal passieren, dass man sich in ein Bild hineinziehen lässt. Irgendeine Faszination geht vom Farbenspiel aus, die Komposition erregt einen, das Motiv fesselt den Betrachter, die Ausmaße, die Ausleuchtung haben etwas an sich, das einen nicht loslässt. Jetzt möchte man noch tiefer in dieses Bild eintauchen. Will wissen, woher es kommt, was den Maler dazu bewegte. Wie sind die Verbindungen zwischen Maler und Objekt? Wer sich diese Fragen schon einmal gestellt hat, findet in diesem Buch einen wahren Freund.

Volterra, die alte etruskische Stadt, die in ihrer Geschichte so manche herbe Niederlage einstecken musste, ist der geographische Mittelpunkt dieser Geschichte. Hier lebt Angel Mariani. Künstlerin und Katermutter. In der Zeitung liest sie vom tragischen Ende von Eremo. Kein besonders geselliger Einwohner der Stadt. Eigentlich gar kein Mensch, der die Gesellschaft anderer suchte. Aber immer freundlich. Ein guter Zuhörer. So richtig kannte ihn niemand. Woher er kam, was ihn hierher verschlug, was er machte – keiner kann eine rundum zufrieden stellende Antwort geben. Und doch wer er immer da. Einem Glas Wein war er nicht abgeneigt. Immer nur eines. Und immer vom Feinsten. Das erfährt Angel aber erst nach einer Erfahrung, die ihr noch lange im Kopf herumschwirren wird.

Sie hat also vom Tod Eremos gelesen. In der Zeitung waren dank der eines Filmteams (sie drehen eine Serie über die Medici, der Familie, die Volterra den Garaus machen wollte) exzellente Fotos zu sehen. Da liegt er in der Schlucht. Der Mann, den jeder erkannte, den aber niemand wirklich kannte. Angel geht dieses Bild nahe.

In der Pinakothek sucht sie Ablenkung. Rosso Fiorentinos Deposizione, die Kreuzabnahme lässt sie tief in die Szenerie einsteigen. Der Meister hat sich selbst darin verewigt. Ein Fingerzeig. Tragische Szenen. Die flammenden Farben. Angel ist tiefer bewegt als sie es sich anfangs eingestehen kann. Tränen kullern über ihre Wangen. Das ist neu für sie. Ja, sie ist Künstlerin. Sie ist besonders sensibilisiert für derartige Empfindungen. Aber so stark hat sie sich noch nie wahrgenommen. Kann es sein, dass Eremo in diesem Bild ihr erschienen ist? Gar nicht mal mystisch oder gar esoterisch, nein echt, wahr, real. Angel beginnt zu erst in ihrem Kopf zu kramen, um herauszufinden, was mit ihr passiert ist. Nach und nach sieht sie einen Zusammenhang in dem Dreieck Volterra – Fiorentino – Eremo…

Klaudia Ruschkowski könnte den Leser durch ein Museum führen und ihm die Geschichte einiger Bilder erklären. Sie könnte auch aus dem Seelenleben einer Künstlerin erzählen. Oder die Geschichte eines rätselhaften Mannes. Oder eine kleine Kulturgeschichte der Toskana. Sie entscheidet sich für alles! Alles in einem Roman. Ganz sanft lässt sie ihrer Heldin Platz, um sich zu schütteln und der Situation Frau zu werden. Was dann geschieht, haut nicht nur sie, sondern die gesamte Leserschaft um. Ein Feuerwerk, das dem geforderten Rot des Künstlers in Nichts nachsteht!

Carapax

Eine Reise nach Rom soll es sein. Ganz allein. Ohne Pierre, ihren Gatten. Und ohne die Kinder. Auch ohne Nina, ihre Schwester. Maddalena fühlt es in jeder Faser ihres Körpers. Sie muss nach Rom. Was für viele Reisewütige ein „ganz normaler Vorgang“ ist, ist für Maddi eine Notwendigkeit ungeahnten Ausmaßes.

Schon immer war sie die Beherrschte, die große Schwester, die, die alles gesagt bekommt, die sich alles anhören muss. Jetzt ist sie einmal an der Reihe. Doch den genauen Grund ihrer Reise wird sie sich noch erarbeiten müssen. Sie weiß nur: Sie muss nach Rom.

Stets ist sie für alle da. Ihren Mann, einen Diplomaten. Das hübsche Anhängsel. Gute Miene zu jedwedem Spiel. Für die Kinder, klar, kein Zweifel. Und für Nina. Die sie pausenlos mit Nachrichten bombardiert, ungeachtet von Zeitverschiebung und Plänen der Schwester in Europa. Nina, das sprunghafte, nur ein paar Monate jüngere Pendant zur überlegten Maddi. Nina ist es auch, die ihre Beziehung zu Brian, ihrem Partner beenden will. Es ist wie ein Fanal für Maddalena. Sie erinnert sich zurück in ihre Kindheit. Als die Mutter sich mit einem Kuss verabschiedete und für immer weg war. Spontane Besuche inklusive. Damals als Papa die Wohnung in Rom kaufte, jemanden einstellen wollte, als Betreuerin für die Mädchen. Als Mama nicht da war. Schon damals war klar: Maddalena und Nina sind so verschieden, dass man es kaum fassen konnte, dass sie tatsächlich Schwestern sind. Maddis Erinnerungen haben scharfe Konturen. Ninas Leben hingegen ist verschwommen wahrnehmbar. Maddis zögert noch sich selbst anzuerkennen. Nina ist sich ihres Tuns bewusst. Und dennoch trägt die jeweils Andere die Konsequenzen der Entscheidungen der Schwester.

Der Name Ginzburg wiegt in Italien, in Europa schwer. Sie ist die Tochter des Historiker Carlo Ginzburg und Enkelin von Natalia Ginzburg, der intellektuellen Stimme der Frauen Italiens nach dem Krieg. Ein Erbe, das schwer wiegen kann. Mit scheinbarer Leichtigkeit erlaubt sie dem Leser Einblick zu nehmen in die Gefühlswelt einer Frau, die Pflichtbewusstsein als eben dieses begriff, darin jedoch nie einen Nachteil sah. Schritt für Schritt emanzipiert sie sich von dieser Rolle, ohne auch nur einmal die schmerzhaften Erinnerungen außer Acht zu lassen als ihre Mutter sie alle verließ. Zwei Schwestern, die sich erst jetzt richtig vereinen werden. Oder ist alles ganz anders?