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Italien – Der Norden

Das reicht fürs Erste! Meint man schelmisch, wenn man das über sechshundert Seiten starke Werk in den Händen hält. Unhandlich? Ja, ganz so leicht wie so manch anderer Reiseband ist dieser hier nicht. Aber die Macher haben eine verdammt gute Ausrede. Denn Italiens Norden ist reicher an Kulturschätzen als die meisten Länder dieser Erde überhaupt vorweisen können. Und hätten wir alle doppelt so große Hände, könnte das dann viermal so große Werk immer noch nicht alles in Wort UND Bild erfassen. Nehmen wir die Größe des Buches hin und schauen nach den inneren Werten. Fast wie im richtigen Leben…

Als erstes muss man die beiliegende Karte herausholen. Das Schmatzen der Folie, wenn man die Karte zum ersten Mal herausfingert, fördert die Neugier, Beim Auffalten wird klar: Von Turin bis Triest, von Como bis Rom, von Parma über Florenz und Genua bis nach Bologna wird der Reiselust ordentlich Zucker gegeben.

Die Fülle an historischen Plätzen und die schier unendliche Menge an Kulturgütern lassen eine Planung oft schon im Keim ersticken. Mit diesem Buch in der Hand lässt es sich erquicklich planen. Das erste Viertel – immerhin einhundertfünfzig Seiten – gibt einen Einblick in die lange Geschichte des Stiefels. Es wird mit Klischees aufgeräumt, Tipps zum Verhalten gegeben und mögliche Ausflugstouren vorgeschlagen. Diese sollte man als Italien-Neuling ernstnehmen. Denn, auch wenn Verlaufen in Italien niemals zum Desaster gerät, wer planlos Italien erkunden will, kommt nur schwer von der Stelle. In Spuckweite lauert garantiert schon das nächste Highlight.

Auf den folgenden Seiten wird der Norden Italiens alphabetisch unter die Lupe genommen. Geographische Kenntnisse sind also nicht von Nöten – das erleichtert so manchem die Suche, welcher Ort denn nun als nächstes erobert werden kann und endloses Blättern. Herausklappbare Seiten sparen Platz und vermitteln trotzdem die Pracht und Herrlichkeit von so beeindruckenden Bauwerken wie dem Mailänder Dom oder der Piazza della Signora in Florenz oder dem Palazzo Ducale in Mantua oder … ach, es gibt so vieles zu entdecken im Norden Italiens.

Angereichert wird jeder Ort – und es sind nicht nur die großen Städte und Gemeinden, die im Buch Erwähnung finden – mit kurzen Tipps zu den Sehenswürdigkeiten, die man unbedingt gesehen haben muss. Auch Restauranttipps, Übernachtungsmöglichkeiten und nützliche Hinweise zum Geld verprassen runden das Bild ab.

Sicher, es gibt handlichere Reisebände. Aber da steht dann eben nur das drin, was eh offensichtlich ist. Wer auf dem Markus-Platz in Venedig den Markusturm sucht, muss sich nur umdrehen und braucht keinen Reiseband. Wer aber allumfassend informiert sein will, die eine oder andere Touristenfalle umgehen und versteckte Ecken erkunden möchte, braucht Rat. Und den findet jeder in diesem Buch. Ein Begleiter, der äußerlich auf den ersten Blick etwas zu viel auf den Rippen zu haben scheint, doch innerlich ein Füllhorn an Informationen und eingängigen Tipps parat hält.

Bevor sie Euch töten

Wären Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele Urlauber auf Sizilien, sie hätten das Paradies für sich entdeckt. Doch die Situation stellt sich ganz anders dar. Sie verstecken sich in den Bergen, denn ihr Leben ist nichts mehr wert. Mitte der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts fliegen die alliierten Bomber einen Angriff nach dem anderen. Ganze Landstriche werden verwüstet.

Die einstigen Herren erhalten ihre Macht durch grundbesitzt, den sie schonungslos verteidigen. Harte Arbeit und schlechte Bezahlung lassen die Menschen aufbegehren. Ihre Anliegen werden niedergeknüppelt. Und auch sonst herrscht das Gesetz der Stärkeren. Die Vier haben alle ihre Gründe vor der Realität zu fliehen. Hier in den Bergen sind sie sicher. Ab und zu werden sie mit Proviant verpflegt. Ihr Ziel: Venezuela. Ein sorgenfreies Leben. Mit Frauen. Davon träumen sie, wenn sie den Tag passieren lassen. Insgeheim wissen sie, dass hier ihr Leben enden wird. Doch die Hoffnung, dass dem nicht so ist, lässt sie weiter in ihrer Phantasie schwelgen.

Zwischen perfiden Arten des Mordens und eindrucksvollen Landschaftsbeschreibungen verführt Giuseppe Fava den Leser in ein Sizilien, das so gar nichts mit der verklärten Prospektwelt der Reiseveranstalter zu tun hat. Entlaufene Töchter, entehrte Familien, unmenschliche Arbeitsbedingungen in sengender Hitze, skrupellose Landbesitzer sind real und werden ungeschönt beschrieben. Fava geht soweit, seinem Quartett eine letzte Chance zu geben: Vier Pässe gegen einen „einfachen Mord“. Werden die Vier das Angebot annehmen? Sind damit endgültig alle Schrecken vergessen, und wird ihnen nun das Paradies offenstehen?

Wohl kaum. Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele stehen sinnbildlich für die Verzweiflung Siziliens. Jung und Alt, begehrend, verzweifelt, hoffnungsvoll, hungrig – nur mit dem Ziel ihre geliebte Heimat alsbald verlassen zu können. So stark die Verwurzelung auch sein mag, so stark ist der Wunsch diese Wurzeln anderswo gedeihen zu lassen. Ihr Versteckspiel – wie werden immer noch aus verschiedenen Gründen als Banditen gesucht – ist eine Art Abschiedswanderung. Doch der Abschied will einfach nicht nahen…

Giuseppe Fava engagierte sich sein Leben lang im Kampf gegen Korruption, namentlich Mafia, und er hatte keinen Berg, auf dem er sich verstecken konnte und den Spieß umdrehen konnte. Seien Helden sehen keinen anderen Ausweg als selbst zu dem zu werden, das sie bekämpfen. Fava wurde von der Mafia ermordet, vor seinem Theater in Catania, in dem sein Anti-Mafia-Stück aufgeführt wurde. Trotz aller Versuche der Mafia einen Prozess zu verhindern, sitzen die Schuldigen heute hinter Gittern.

Accabadora

Was haben „Der Dritte Mann“, „Accabadora“ und beispielsweise „Tom Sawyer“ gemeinsam? Auf Anhieb ist man in der Geschichte, riecht die Umgebung, taucht ein in eine fremde Welt und spürt, dass etwas Besonderes im Gange ist. Es gibt sicher noch mehr Bücher, die so oder so ähnlich auf den Leser wirken, aber „Accabadora“ sticht aus dieser schier unendlichen Reihe noch einmal ganz besonders hervor.

Michela Murgia setzte sich mit ihrem ersten Roman ein Denkmal, das niemand wagen sollte umzustürzen. Sardinien zu einer Zeit, die nicht näher beschrieben wird, was aber auch unerheblich ist. Denn Traditionen werden auf Sardinien nicht nur für Touristen „aufgeführt“, sie sind elementarer Bestandteil der Inselkultur.

Während im standardisierten Europa über Sterbehilfe mit falschem Pathos und unerträglicher political correctness gestritten wird, übt hier im Mittelmeer die Accabadora diese Dienstleistung aus. Auch das sensible Thema Adoption wird hier eher praktisch gehandhabt. Maria ist das vierte Kind. Ihre drei Schwestern sind schon groß, sie als Nachzüglerin wird zu Tzia Bonaria gegeben. Tzia ist das sardische Wort für Tante. Bonaria Urrai heißt sie mit vollem Namen. Und eben diese Tzia Bonaria ist eine oder die Accabadora. Nachts schleicht sie sich heimlich raus, damit die Kleine nicht wach wird. Außerdem ist es ein „Job“, den man nicht an die große Glocke hängt. Wenn Maria groß genug ist, wird sie es schon einzuordnen wissen.

Die Zeit vergeht. Maria wächst heran. Das Verhältnis zur Mutter – ganz großer Unterschied zum bürokratischen Europa – ist noch vorhanden. Tochter Maria und Mutter Anna Teresa Listru stehen sich nahe, aber nicht so nahe wie Maria es sich wünscht. Es ist durchaus üblich, dass Kinder woanders aufwachsen, aber dennoch einen Teil ihrer Zeit bei den leiblichen Eltern verbringen. Sie ist ein Kind des Herzens für Tzia Bonaria. Eine liebevolle Bezeichnung.

Und nicht minder liebevoll ist jede einzelne Seit der Sardin Michela Murgia. Anfangs ein bisschen mystisch, dann fast märchenhaft, nimmt der Roman immer klarere, reale Formen an. Traditionen und Fortschritt schließen sich nicht aus. Wobei die Traditionen, bei Todesfällen wird nicht nur Aufwartung gemacht, sondern echt Trauerarbeit geleistet – niemand würde es aber so bezeichnen, weil es eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Der Leser wird in eine Welt entführt, die geographisch gar nicht so weit entfernt ist, dennoch in unendlichen Weiten verortet wird. Es ist das nicht hoch genug anzurechnende Verdienst der Autorin dem Leser diese Welt leichtfüßig zu erklären. Das Fremde ist, wie so oft im Leben, gar nicht so furchteinflößend. Es ist eben fremd, aber das kann man ja kennenlernen. „Accabadora“ jedenfalls gehört in jede Strandtasche an jedem Strand der Welt.

Oberitalienische Seen

Die Lage der Laghi ist aber auch idyllisch! Lago Maggiore, Lago die Como, Lago d’Iseo, Lago die Garda – schon die pure Erwähnung lässt das Herz höher schlagen. Ringsherum die Alpen, nur eine Wetterlage, nämlich Sonne, vor Kraft strotzende Vegetation und glasklares Wasser. Nur ein Klischee? Nicht ganz, natürlich regnet es hier auch einmal. Aber ansonsten stimmt alles. Jeder, der hier schon einmal geurlaubt hat, wird es bestätigen. Schlimm nur, wenn man den ganzen Tag nur auf der faulen Haut gelegen und nichts vom Drumherum genossen hat.

Für’s Drumherum gibt es den Reiseband „Oberitalienische Seen“ von Eberhard Fohrer. Er hat den Traumjob an Land gezogen und „betreut“ dieses Projekt. Um es vorweg zu nehmen, auch die kleineren Seen wie Lago di Caldaro, Lago di Bráies, Lago di Fiè und einige andere mehr werden genauso ausführlich vorgestellt und präsentiert wie die großen Vier. Es ist an der Zeit Inselhopping hintenan zu stellen und Lake-Hopping zu betreiben. Mit dem Rad, mit dem Auto oder per pedes. Ob mit dem Bus in lautstarker Runde mit 24/7-Betreuung bis zur Selbstaufgabe oder ganz individuell nach Lust und Laune. Ob mit offenen Augen oder den Strapazen der Wanderungen ins Auge schauend – ein jeder wird mit diesem Buch einen zufriedenen Urlaub erleben dürfen.

Lago d’Idro – nie gehört. Kein Verbrechen, aber eine Ordnungswidrigkeit das Kapitel zu überlesen. Nicht mal eine Stunde braucht man mit dem Auto, um vom Rummelplatz Gardasee, wie Eberhard Fohrer es schreibt, zum nicht weniger idyllischen Idro-See zu gelangen. Es ist der höchstgelegene See der Lombardei. Hobbyangler kommen hier auf ihre Kosten sowie eigentlich alle, die nur eines suchen: Ruhe und Erholung. Und das kann auch aktiv geschehen. Bei entsprechenden Windverhältnissen lassen Kite-Surfer ihren Drachen steigen. In einem der berühmten gelb unterlegten Rahmen – das durch den Michael-Müller-Verlag zum Standard erhobenen Neben-der Strecke-Was-Interessantes-Erfahren gibt Eberhard Fohrer einen Tipp, den man nicht ausschlagen sollte: Eine Fünf-Seen-Tour. Lago die Garda, Lago di Valvestino, Lago d’Idro, Lago d’Ampola und Lago di Ledro. Den ersten See kennt man, die anderen dürften für die meisten mehr als nur eine Überraschung parathalten. Am besten mit dem Rad. Denn hier werden die Autofahrer gewarnt, dass hier auch andere Schaulustige unterwegs sind. Sonst müssen immer die Pedalisten Obacht vor den motorisierten Urlaubern nehmen.

Wer sich die Seenlandschaft Oberitaliens auf eigene Faust erschließen will, ist auf Hilfe angewiesen, wenn er so viel wie möglich in der viel zu kurzen Urlaubszeit erleben will. Eberhard Fohrer bietet sich gern an, als Reiseführer, als Hinweisgeber, als Einladender für jeden, der Grandezza mit Calma verbinden will.

Übrigens wird für den 1. August 2017 die achte Auflage der südlichen Schwester dieses Reisebandes das Licht der Welt erwartet. „Oberitalien“, das Buch, das nicht nur Wassererlebnisse, sondern auch die Metropolen Mailand und Turin, Venetien, Friaul-Julisch Venetien, Trentino und Piemont mit dem Aosta-Tal bietet. Wird Zeit, denn die siebte Auflage ist bereits vergriffen. Solange „begnügt“ man sich mit den Seen des Nordens. Mehr als nur eine Wartezeitverkürzung.

Jasmin

Dania ist Schriftstellerin in Algerien. Die Gewalt im Islam und die Rolle der Frau beschäftigen sie nicht nur in ihren Romanen, sondern auch im wahren Leben. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Und das obwohl die Dreiundzwanzig ihre Zahl ist. Um sie dreht sich alles. Sie ist an einem Dreiundzwanzigsten geboren. Die Quersumme ist die Fünf. Vier Schwestern sind sie und die Mama. Alle wie Gebete. Morgengebet, die beiden Mittagsgebete. Dania steht für das Gebet für den Sonnenuntergang, Maghreb, die Nachzüglerin Sonja für den Epilog des Tages. Melodisch, verträumt, sanft sind die Worte von Dania. Schroff hingegen der Vater, der der Poesie des Tages und der Frauen, Rohheit und Ablehnung entgegenspeit.

Isabelle ist französische Journalistin, die in Algier Dania bei einer Lesung kennenlernt. Isabelle ist frei nach den Maßstäben Danias. Doch auch sie ist gefangen im Korsett ihres Alltags. Zwischen den beiden beginnt eine spannende und wohlfruchtende Freundschaft, die sich in ihren Briefen und Mails zwischen den beiden ihren Weg bahnt.

Auch Isabelle hat eine besondere Beziehung zur Dreiundzwanzig. An einem Dreiundzwanzigsten hatte sie eine Eingebung Algerien zu besuchen. Wieder zu besuchen! Denn vor einem halben Jahrhundert, vor den großen Umwälzungen im mittlerweile größten Land Afrikas, verließen sie und ihre Familie Algerien. Seitdem lässt sie der Gedanke noch einmal Algier zu sehen nicht mehr los.

Nadia Sebkhi lässt Dania und Isabelle ihre Leben selbst reflektieren. Im Dialog aneinander brechen sie mit den Regeln des Schweigens. Sie finden den Mut und eine gewisse Art Erlösung in den Zeilen, die sich gegenseitig schreiben. Intellektuell und wortstark bestärken sie sich in ihren Gedanken.

Seit dreißig Jahren existiert der Verlag von Donata Kinzelbach. Dreißig Jahre, in den sie unermüdlich Literatur vorrangig aus dem Maghreb aufstöbert, übersetzt und auf Deutsch veröffentlicht. Diese Arbeit wurde 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt mit der Begründung, dass sie mit ihrer Arbeit die Tür zur Vermittlung zwischen Kulturen und Kulturkreisen aufgestoßen habe. In der Zwischenzeit sind über einhundert Titel im Kinzelbach-Verlag erschienen. „Jasmin“ ist sicherlich einer der herausragendsten Titel in dieser Reihe, aber noch lange nicht der letzte.

Der Riss

Ein Buch über einen Konflikt zwischen zerstrittenen Parteien im Krieg braucht eigentlich nur zwei Zutaten: Partei A und Partei B. Der sich daraus erschließende Zwist ist oft bekannt und das Buch bietet nur selten etwas Erhellendes. „Der Riss“ von Paolo Eimilio Petrillo – der Name lässt es erahnen, von welcher Seite das Problem/der Konflikt betrachtet wird – nimmt sich eines weiteren Themas an. Eines Themas, das man so nicht vermutet hat und dass auch sonst kaum Beachtung findet.

Deutschland und Italien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Europa wird vom Mantel des Schreckens verhüllt. Menschenmassen werden ermordet. Und die Allianz zwischen dem Führer und dem Duce steht fest wie ein Fels in der Brandung. Ein Band, das auch die Alliierten nur schwer zerschneiden können. Doch dann kam der 8. September 1943. Italien löst die Verbindung zum Deutschen Reich. Wie kam es dazu? Und vor allem, welche Spuren hat die Vertragsauflösung hinterlassen?

Fünf Jahre hat Paolo Emilio Petrillo für die Recherchen zu diesem Buch aufgewendet. Fünf Jahre, die ihm viel Neues zeigten und nun als Buch auch auf Deutsch zu neuen Erkenntnissen führen werden. Die Komplexität des Buches erlaubt es nicht auf einzelne Begebenheiten in einer Buchbesprechung einzugehen. Irgendwas würde immer fehlen – und somit den ersten Eindruck verfälschen.

Dieses besagte Datum war ein Einschnitt im Verhältnis Deutschlands zu Italien. Und umgekehrt natürlich auch. Aber war es auch ein Bruch für die Italiener und Deutschen? Oder doch nur für das, was als Italien und Deutschland bezeichnet wird? Fakt ist, dass schon kurze Zeit später dieses Mal in friedlicher Absicht die Deutschen zurückkamen – als Besucher. Als Sonnenanbeter. Und die Italiener? Begrüßten sie mit offenen Armen. Doch kein Riss, der nicht zu kitten ist? Ein eindeutiges Ja!

Der Journalist und Deutschland-Korrespondent Petrillo nimmt sich die Verflechtungen der Jahre 1915 bis 1943 vor. Nicht einmal dreißig Jahre, die aber für Europa, für die Welt eine wegweisende Zeit war. Zwei Weltkriege ließen selbige aus den Fugen geraten, führten Veränderungen in ungeahntem Ausmaß in einer sehr kurzen Zeit herbei. Derartige Umwälzungen kannte man nicht. Und man (in Deutschland sowieso, im Rest der Welt mit unterschiedlichem Ergebnis) gewöhnte sich nur schwer daran.

Mit akribischer Recherche und nicht nachlassender Energie befragt Petrillo Historiker, Politiker und Diplomaten wie sie – mit einigem (zeitlichen) Abstand – sie den 8. September 1943 bewerten. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches Abbild der Geschichte zweier Länder, die noch geographisch so nah, gefühlt aber weit auseinander liegen. Die Geschichte des zweiten Weltkrieges muss nicht neugeschrieben werden. Viel Neues wird es nie mehr geben. Doch Paolo Emilio Petrillo ist es zu verdanken, dass ein bislang unterbewertetes Kapitel in den Fokus gerückt wird.

Ein Sommer

Jean und Jeanne – na das passt doch, nicht nur wegen der orthographischen Nähe. Jean hat einen Bruder, Pierre. Und den lädt er zusammen mit dessen Freundin Lone zu einem kurzen Segeltörn vor der Küste Neapels ein. Um sie herum nur Sonne und Wasser, das so grell des Licht bricht und wiederspiegelt. Dunkle Wolken – Fehlanzeige! Wenn man nur den Himmel betrachtet. Doch im Inneren des Bootes brodelt der Vulkan…

Der Vulkan der Leidenschaft. Und wenn Jean wüsste, dass der schon einmal gewaltig ausgebrochen ist … Der Reihe nach. Pierre ist ein wenig mulmig zumute als er die Einladung zum Mittelmeertrip erhält. Aber Kneifen gilt nicht. Und außerdem ist ja Lone, seine Freundin dabei. Man vermutet es bereits – Jeanne und Pierre, da war mal was.

Die Wellen plätschern dahin, die Sonne brennt erbarmungslos auf das Quartett hernieder. Pierre ist unwohl, das Schaukeln und die fremden Gerüche spielen seinem Magen einen Streich. Doch das gibt sich. Alles cool. Ein Leitspruch von Pierre. Alles cool.

Schon in der ersten Nacht wirkt er aber gar nicht mehr so cool. Auf und Ab bewegt sich das Boot. An Schlaf ist nicht zu denken. An Deck – frische Luft soll ja bei Schlaflosigkeit Wunder bewirken – gesellt sich Jeanne hinzu. Auch sie kann nicht schlafen. Doch aus einem anderen Grund. Sie hat die gemeinsame Nacht mit Pierre noch nicht vergessen. Die eindeutig zweideutigen Bemerkungen lassen Pierre nun erst recht nicht zur Ruhe kommen. Ist Jeanne doch mehr als „nur die Frau seines Bruders“? Das Meer liegt still und spiegelglatt vor den beiden. In ihnen brodelt der Vulkan.

Am nächsten Tag ist das Schrecken auf dem Boot eingekehrt. Lone hat eine fiese Beule am Auge. Sie muss zum Arzt. Bereitwillig rudert Jean die untröstliche Lone ans Land. Zurückbleiben Jeanne und Pierre…

Vincent Almendros wurde für „Ein Sommer“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet. Der schönste Roman des Frühlings nannte man ihn im Jahr 2015. Und das ist er seitdem. Die Strahlkraft der Zeilen reicht weit über Verzückung hinaus. Der Spannungsbogen, den Almendros zeichnet, führt den Leser an die Grenzen der Aufmerksamkeit. Fast will man nur noch umblättern, um zu erfahren wie und ob es weitergeht. Die Worte leicht wie ein Sommerwein, die Charaktere klar umrissen wie Schattenspiele an weißgekalkten Wänden, führt, nein verführt Vincent Almendros den Leser in die Tiefen einer ménage à quatre. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer wen wie und wann vor den Kopf stoßen wird. Zwischen Schwarz wie die Tiefen der See und grellem Weiß wie das Licht im Inneren der Sonne schwankt das Boot der Versuchung vor einer der schönsten Küsten des Mittelmeeres. Wie eine aufmerksame Drohne schwebt der Leser als stiller Beobachter über der nahenden Katastrophe.

Chirú

Eine Frau und ein Mann. Treffen sich. Eine Beziehung entwickelt sich. Eine Beziehung, die nicht sein darf. Denn sie ist mehr als doppelt so alt wie er. Netter Plot, aber nicht besonders originell. Wie wär’s damit?! Michela Murgia schreibt die Geschichte der achtunddreißigjährigen Eleonora, die auf Empfehlung den achtzehnjährigen Chirú unter ihre Fittiche nehmen soll.

Sie zweifelt. Was kann sie ihm beibringen? Ihm, dem jungen Schlacks mit den zu langen Armen, mit dem kindlichen Habitus, der ihr anfangs immer wieder das Gefühl vermittelt eine Art Trophäe zu sein. Klingt doch schon viel besser! Ist es auch!

Chirú steht also vor ihr, den Geigenkasten unterm Arm, ungelenk und schüchtern. Aber mutig genug der ersten Ablehnung nicht gleich resignierend nachzugeben. Hopfen und Malz scheinen doch noch nicht endgültig verloren zu sein. Und da ihr die Argumente fehlen ihm komplett die Zuneigung zu versagen, gibt sie sich einen Ruck und macht ihn zu ihrem Adlatus. Im gleichen Atemzug stellt sie sich jedoch weiterhin die Frage, was sie ihm eigentlich beibringen soll. Soll er sie begleiten auf der Bühne? Das Gesamtbild würde nicht mehr passen. Ach, was soll sie nur machen. Einen Versuch ist es aber wenigstens wert.

Chirú ist im siebten Himmel. Doch sein Wesen steht ihm im Weg dieser Freude den nötigen Ausdruck zu verleihen. Warum wurde er von der erfahrenen Lehrerin angenommen? Ist alles nur ein Zufall, ist es Schicksal, steckt mehr dahinter? Einen Versuch ist es wenigstens wert!

Und schließlich verstehen sich Eleanora und Chirú auf Anhieb. Kein Grund zum Zweifeln. Sie lehrt, er lernt. Nicht ganz: Dieses Verhältnis bleibt ungeklärt, für den Leser, für die beiden und vielleicht auch für die Autorin. Immer mehr entfernt sich Michela von der Vorstellung als Fachangestellte dem jungen Mitarbeiter Wissen einzupflanzen. Sie sieht sich als Wegbereiterin und Wegbegleiterin des jungen Chirú, der dann auch schon zögerlich ihre Hand ergreifen und sie in der Öffentlichkeit umarmen darf. Verwirrung? Ja, aber nur kurz. Denn mittlerweile sind die beiden unzertrennlich. Nicht wie ein Liebespaar im herkömmlichen Sinne, sondern wie zwei Vertraute, die zusammen einander guttun.

Mit scheinbarer Leichtigkeit zerreißt Michela Murgia die Klischees von Jung und Alt, die in den Köpfen der Starrsinnigen verankert sind. Wer erteilt wem eine Lektion steht hier keineswegs zur Debatte. Auch nicht, ob es dem jungen Mann gelingen wird die Dame seines Herzens „zu knacken“. In Murgias Geschichte geht es um mehr als Machtspielchen gegenüber dem Anderen. Sie sieht im Mit- und Nebeneinander der beiden die wahre Bedeutung der Liebe. Der unbewussten wie der bewussten, mit all ihren Aufs und Abs, die weder Sieger noch Besiegte kennt.

Triest – Entdeckung einer Stadt

Urlaub in bella Italia – einst der Traum der großen weiten Welt. Heute ein echtes Dilemma, wenn Rom schon mehrmals na mehr als einem Tag erobert wurde. Wenn Mailands Grazie schnödem Shoppingwahn gewichen ist. Wenn Venedigs Kanäle schon längst keine Geheimnisse bergen. Wenn Neapel selbst Angsthasen keine Angst mehr einjagt. Wenn Florenz‘ Kultur als gegeben hingenommen wird. Es muss aber unbedingt wieder Italien sein! Nun, wohin? Wie wäre es mit einer Stadt, deren Name, wenn man ihn falsch ausspricht, so gar nicht ins Bild passt? Triest .. ist überhaupt nicht trist!

Ulrike Rauh liebt Italien. Sie liebt die Städte und ihre Umgebung. Und sie kennt sie wie kaum eine andere. Rom, Venedig, Neapel, Mailand, Verona hat sie beschrieben, fast schon besungen. Nun ist Triest nicht mehr vor ihr sicher. Und auch nicht vor ihrer Neugier. Als Leser lacht man sich ins Fäustchen. „Endlich neues Italofutter für die Seele!“. Ja, so ist es. Auf über einhundert Seiten heißt es nicht „Bonjour tristesse“, sondern „Boungiorno bella Triest“.

Hand in Hand mit James Joyce, Italo Svevo oder auch Rainer Maria Rilke bleibt der Autorin aber auch gar nichts verborgen. Ein Mehrwert für alle, die sich sofort in dieses Buch samt Stadt verlieben werden, ist jeder einzelne detaillierte Spaziergang inklusive der exakten Bezeichnung. Jede Straße, jedes Gebäude wirkt genau benannt und markiert, so dass man eigentlich schon gar nicht mehr nach Triest fahren müsste. Oder genau deswegen unbedingt besuchen muss. Letzteres trifft natürlich zu.

Es ist eine Wohltat mit Ulrike Rauh und ihrer unbändigen Affinität zu Fakten und ihrer leisen Erzählweise diese Stadt im Veneto zu erkunden. Auch wenn es hier Bestrebungen eines eigenen Staates gibt, kann hier der Multi-Kulti-Gedanke nicht vom Tisch gefegt werden. Slowenien in Spuckweite. Das Meer vor der eigenen Haustür. Kroatien zum Greifen nah. Italien auf der Zunge. Und Österreich im Herzen. Denn noch vor einem Jahrhundert waren Kaffeehäuser verbreiteter als Osterien, Triest ein fester royaler Bestandteil der Habsburger Monarchie, den man bis heute sieht und besichtigen kann.

Ulrike Rauh vermeidet es wohltuend explizite Tipps zu geben (das ganze Buch ist ein einziger (Geheim-) Tipp). Vielmehr schlendert sie wachen Auges und offenen Ohres durch eine Stadt, die man nicht sofort mit Italien-Urlaubs-Idylle in Verbindung bringt. Das Vorurteil „wenn wir schon mal hier sind, dann nur Venedig“ widerlegt sie mit einem Handstreich ohne dabei die Lagunenstadt in den Schlamm zu ziehen. Die Serenissima hat ihre Reize, Triest aber auch.

Als willkommene Zugabe zu einem aussagekräftigen Reiseband über Triest oder Friaul-Julisch Venetien ist „Triest – Entdeckung einer Stadt“ mehr als nur das Kopfnicken, weil Titel und Inhalt zu hundert Prozent übereinstimmen. Es ist der Aperitif, primo und secondo piatto und eine ordentliche Portion dolce… vita. Ja, lebendig ist die Stadt an der Adria, die sich auch hervorragend eignet, um Europa kennenzulernen. Nicht nur kulinarisch…

Alte Wunden

Acht Monate Aosta-Tal – klingt für einige wie ein nie enden wollender Urlaubstraum. Für den römischen Miesepeter Rocco Schiavone ist es die Hölle auf der alpinen Erde, die schlimmsten acht Monate seines verkorksten Lebens. Das Wetter, der Beruf, die Nachbarn – alle gehen ihn auf den Zeiger. Und der tendiert auch immer mehr gen Abneigung gegen so ziemlich alles. Da hilft nur Arbeit! Ein Verkehrsunfall mit zwei Toten und einem geklauten Nummernschild hilf da nicht wirklich – der Wochenbeginn ist eher zäh und geht Rocco gewaltig auf die Nerven. Genauso wie die dümmlichen Kollegen, die einfach nichts kapieren oder kapieren wollen. Lediglich Italo Pierron ist zu gebrauchen…

Doch die Woche hält für den mürrischen Ermittler noch eine Überraschung parat! Die achtzehnjährige Schülerin Chiara ist verschwunden. Entführung? Na klar! Zumindest für den Ermittler, nicht für die Eltern.

Die sind eher beunruhigt, dass die Polizei in Person von Rocco Schiavone nach den beiden verunglückten Personen fragt. Von der verschwundenen Chiara, ihrer Tochter, ihrem Fleisch und Blut ist keine Rede. Schiavone ist in seinem Element. Wenn jemand mit ihm Schlitten fahren will, bestimmt er die Route und das Tempo. Obwohl er Schnee im Mai hasst. Und es schneit…

Nach und nach kristallisiert sich ein verworrener Fall heraus. Chiaras Eltern sind reich. Nicht besonders, aber es reicht, um den Familienbetrieb mit einer kleinen Erpressung an sich zu reißen. Doch wer steckt dahinter? Die rechte Hand des Chefs?

Bei all den unfähigen Kollegen, den verstockten Bewohner Aostas, den kleinen, fiesen Geheimnissen, die hier jeder zu haben scheint, ist für den Großstädter Rocco Schiavone hier nicht viel zu holen. Denn immer mehr Verdächtige oder zumindest Personen, die alle etwas mit dem Verschwinden zu tun haben könnten tauchen auf. Ihr Freund Max, ihr Lehrer, der auch ihr Onkel ist, und mit der rechten Hand des Vaters eine Liaison hat oder sind noch ganz andere Mächte am Werk? Und was passiert, wenn Chiara gerettet wird? Wird sie die Entführer erkennen können?

Einzig allein die Hoffnung, dass Adele, eine Freundin ihn besuchen will, scheint Schiavone halbwegs milde zu stimmen. Wenn er wüsste, was er mit seiner Zustimmung sie zu beherbergen anrichtet…