Nie eine langweilige Zeile

Kurzgeschichten sind die Königsdisziplin der Literatur. Auf wenigen Seiten das erzählen, wo Andere sich episch auslassen (was natürlich aus seinen Reiz hat!). Unnützes Beiwerk fliegt raus, die Essenz der Geschichte hat nun die dankbare Aufgabe den Leser zu fesseln. In der Kürze liegt die Würze. Ein Meister dieses (seines) Faches war Saki. Mit bürgerlichem Namen Hector Hugh Munro. Geboren in Birma als es noch britische Kolonie war, gefallen auf dem Schlachtfeld von Beaumont-Hamel während des Ersten Weltkrieges – er hatte sich freiwillig zum Dienst verpflichtet.

Hier nun die Essenz der Essenzen aus dem literarischen Werk von Saki. Der Titel lässt es erahnen bzw. lässt – ganz im Stil von Saki – eine gewisse Großspurigkeit erkennen. Wie in seinen Geschichten kommt der Titel schnell auf den Punkt und … er hat recht! Es gibt keine. Keine langweiligen Zeilen, geschweige denn auch nur eine einzige langweilige Zeile! Und es gibt Tausende von Zeilen! Schließlich ist das Buch knapp tausend Seiten stark. Ein echt heißer Ritt durchs unebene Gelände der berauschenden Phantasie. Nichts ist wie es scheint. Wer meint schon nach wenigen Zeilen zu wissen, wie es ausgeht, warum der Eine oder Andere genauso handelt, wird immer wieder am Ende der Geschichte eines Besseren belehrt. Denn Saki ist ein wahrer Hexenmeister. Nicht nur die Protagonisten werden aufs Glatteis geführt, der Leser wird mit ihnen ebenfalls auf dem rutschigen Parkett ins Schlingern kommen.

Da wird dem Bischof übel mitgespielt. Noch übler ergeht es den Würdenträgern, denen der Besuch des Bischofs angekündigt wird. Sollen sie nun zu Mitverschwörern werden oder dem geistigen Anführer ein Bein stellen? Und immer wieder sind Verwandte Ziel des Spotts und der bitterbösen Streiche des Autors. Das kommt wohl daher – nein, es kommt ganz sicher davon – dass er selbst eine nicht kindgerechte Kindheit verbringen musste. Der Vater meist abwesend, die Mutter früh verstorben. Sie wurde von einer Kuh zu Tode getrampelt. Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte schon fast eine Kausalkette zwischen dem Schicksal und dem literarischen Schaffen auf direkter Linie herstellen. So wuchs Munro unter Tanten auf. Die waren heillos überfordert mit der Erziehung des künftigen Autors und seinen Geschwistern. Züchtigung war an der Tagesordnung. Das prägt!

Fakt ist, dass hier nicht der Untersatz „das gesamte Werk“ zum Lesen animiert, sondern die selbstbewusste Aussage „Nie eine langweilige Zeile“, die nun mal stimmt. Ausnahmslos! Die Kratzspuren auf dem Cover können ebenso als Sinnbild gesehen werden. Denn jede Geschichte, jede Seite, ja, jede Zeile gehen unter die Haut.