Raue Melonenscheiben, erloschenes Rosa, kaiserlich, rote Mauern, Rot, das sich in Gold verwandelt – um es kurz zumachen: Wer jetzt nicht sofort die Koffer packen will und gen Marrakesch aufbrechen will, hat keinen Sinn für Poesie und Fernweh! Jede Seite in diesem Buch strotzt nur so vor Liebe zu der immer noch sagenumwobenen Metropole Marrakesch.
Abdelwahab Meddeb reiste nach und lebte in Marrakesch. Immer dabei ein Notizheft. Fast achtzig wurden es im Laufe seines Lebens. Sechshundert Seiten. In Schönschrift. Intellektuell, nachdenklich, kindlich begeistert, aufnahmebereit und –fähig, aufsaugend, durstig wie eine Verdurstender durchstreifte er die Stadt. Wie ein Kenner als auch als Fremder, der alle Sinne einschaltete, um komplett die Stadt einzuatmen. Es sind keine Reiseberichte im eigentlichen Sinn, die dem Leser erlauben noch einmal diese Orte zu besuchen. Sie sind Anleitungen Marrakesch in sich aufzunehmen. Es bedarf keiner Ortsnennungen, um die Stadt zu erleben. Düfte, Ausblicke, Einblicke, Mauern, Weitsichten malen ein Bild, das man nie mehr vergessen kann.
Jedes noch so farbenintensive Magazinbild, jeder noch so authentische Bewegtbildbericht verlassen gegen die Beschreibungen von Abdelwahab Meddeb. Marrakesch ist eine dankbare Stadt für alle, die gern ihre Erlebnisse zu Papier bringen. Persönlich und unverfälscht lässt man staunend eine Zeit wieder aufleben, die einzigartig war. Nur wenige kehren zurück und erleben alles noch einmal so intensiv wie beim ersten Mal. Routine kehrt ein. Man besucht Orte, die man kennt, um sich lokaler zu fühlen. Übersieht dabei, dass die Bestätigung an Wert verliert, und das Neue immer noch reine Freude hervorrufen kann.
„Das Licht von Marrakesch“ ist ein andauernder Rausch des Neuen. Selbst ein so bekannter Platz wie Djemaa El-Fna – den Namen kennt man vielleicht nicht, aber die Bilder sind weltberühmt – wird für den Autor zu einem Platz für dauerhaft Neues. Hier atmet man den Puls der Stadt. Auch heutzutage noch, nur eben mit einer wabernden Tourimasse, die in Shorts und Sandalen unter Hitze stöhnend nur nach dem nächsten Souvenir hächelt. Dabei gibt es doch so viel zu sehen. Was? Kurz vor der Hälfte des Buches zieht einen der Autor in eine Welt, die sich allen Verlockungen der Massenanwerbung immer noch einen entscheidenden Teil Natürlichkeit bewahrt hat.
„Das Licht von Marrakesch“ sticht unter den Erlebnisberichten über Marrakesch durch seine Sensibilität und dauerhafte Betrachtung wie ein Wolkenkratzer in der flachsten Wüste heraus. Es ist bedeutender als die meisten Reisebücher und sorgt mit jeder Seite, jedem Kapitel, jeder Zeile für Erleuchtung.
