In deinem Schlaf

Seit Monaten kümmert sich Nia um ihre Tochter Gabi. Nach dem Erdbeben in Tiflis liegt die Kleine lethargisch in ihrem Bettchen und rührt sich nicht. Aufopferungsvoll spricht Nia jede freie Minute mit ihrer Tochter. Resignationssyndrom lautet  die Diagnose, im Georgischen Gehorsamssyndrom, was Nia regelmäßig zur Weißglut bringt, zumindest ihr aber ein Lächeln abringt. Denn mit Gehorsam hat die Lethargie nun gar nichts zu tun…

Die Ärzte sind ratlos. Dr. Aigner spricht Nia immer wieder mut zu und gibt ihr Hoffnung, dass die Forschung voranschreitet. Der Einzige, der helfen könnte, ist Demna. Demna, Nias Mann. Nias Mann, der nicht mehr an ihrer Seite ist. Der Mann mit den schwarzen Augen, in denen sie sich so gern verlor. Demna, der einst im Bürgerkrieg zwischen Georgien und Abchasien wie hunderttausende flüchten musste und wer weiß was alles erleiden musste. Das hat Nia ausgeblendet. Denn Demna ist der Mann, den sie liebte, der Vater ihrer Tochter. Doch Demna ist weg. Weit weg, oder auch nicht. Auf alle Fälle weg. Und sie will ihn auch nicht wieder sehen, geschweige denn zurückhaben. Sie hat inzwischen einen Hass gegen ihn entwickelt, der kaum umkehrbar scheint.

Nia ist aber auch Schauspielerin. Nicht einfach Castings und Pflege der Tochter unter einen Hut zu bringen. Doch hin und wieder klappt es doch. Dieses Mal hat sie die Chance mit einem namhaften Regisseur zu arbeiten. Die Casting-Chefin treibt sie an. Der Regisseur sieht in ihr etwas, was er unbedingt haben will. Nia soll eine Frau spielen, die im georgisch-abchasischen Krieg auf der Flucht ist. Ihr Mann geht ihr fremd. Das Casting gerät zum persönlichen Fanal. Nia vertieft sich in Windeseile in die Rolle der gehörnten Ehefrau. Die Rolle ist ihr sicher. Ein Segen! Ein Fluch?

Während der Dreharbeiten steigert sich Nia in die Rolle und erkennt das Drama, das Demna einst widerfahren ist. Sie beginnt zaghaft zu verstehen, wie Demna zu dem wurde, was er ist. Und: Warum er nach dem Erdbeben erneut die Flucht ergriff?

Die Wunden und Narben des Krieges, dem ethnische Säuberungen gegenüber den Georgiern folgten, sind bis heute sichtbar. Ekaterine Togonidze rührt unnachgiebig und mit viel Feingefühl in den Wunden der Opfer, ohne sie allein zu lassen. „In deinem Schlaf“ wühlt auf und er erinnert an einen blutigen Krieg, der mehr als dreißig Jahre zurückliegt und noch immer die Täter teils verschont. Die wahren Opfer haben kaum eine Stimme, ihr leises Wimmern wird durch diesen Roman hörbar.