Dave Robicheaux – Louisiana

Dave Robicheaux ermittelt in über zwanzig Fällen zumeist in New Orleans, Louisiana. Er ist Alkoholiker mit dem Willen dem eine Ende zu setzen. Eine Ende hingegen will er überhaupt nicht seinem ureigenen Instinkt und seiner eigenen Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit setzen. Wer ihm in den Weg kommt, sollte den Fuß von der Bremse nehmen. Denn Dave Robicheaux ist die gefährlichste Waffe, die die Polizei von Louisiana hat. 

Dave Lee Burke ersann die Reihe in einem Café in San Francisco. Dass er etwas Außergwöhnliches schrieb, war ihm klar. Doch, dass er ein ganzes Genre wiederbelebte, konnte er nicht wissen. Zwei Krimis wurden verfilmt: „Mississippi Delta – Im Sumpf der Rache“ mit Alec Baldwin in der Hauptrolle und „Mord in Louisiana“ mit Tommy Lee Jones und John Goodman.


Es wird der letzte Besuch von Lieutenant Dave Robicheaux bei Johnny Massina sein. Denn in ein paar Stunden sitzt der auf dem elektrischen Stuhl und tausende Volt durchströmen seine Lebensadern bis nichts mehr fließt. Als wohlgemeintes Farewell hat der Doppelmörder noch ein paar Neuigkeiten für den Mann des Gesetzes, der es mit diesem nicht immer so genau nimmt bzw. seine eigene Auslegung des selbigen zur Lebensmaxime erhoben hat. Wesley Potts posaunt überall herum, dass Dave Robicheaux bald schon der Garaus gemacht werden wird. Ok, soweit so gut.

Zurück im Revier erzählt Dave seinem Partner Clete davon. Er kennt Pottsie. Ein Waschlappen, der den Mund nur allzu gern vollnimmt, aber aufpasst, dass er sich nicht verschluckt. Betreibt ein Pornokino mitten in New Orleans. Alles streng nach den Regeln. Clete und Dave statten dem Plappermaul Wes einen Besuch ab. Clete zieht sofort die große Show ab. Lässt hier was fallen, trampelt da auf etwas herum. Wesley Potts bleibt unbeeindruckt. Dave schickt Clete aus dem Zimmer. Ein Gespräch unter Männern. Zu diesem Zeitpunkt hat der Leser garantiert einen höhern Puls als der von nichts ahnende Potts. Und Dave Robicheaux hat eh keinen Puls, wenn’s ums Geschäft geht!

Dave ist sich nun sicher, dass hinter der Plapperei um sein Ableben ein handfester Wunsch steht. Nicht von Pottsie. Im Hintergrund ziehen ganz andere Gestalten ihre Kreise. Kolumbianer. Drogenmafia. Und es hat aller Wahrscheinlichkeit mit dem Mord an einer Prostituierten zu tun. Armes Ding, wurde grausam zugerichtet. Für den Sheriff aber noch nicht Grund genug, um eine Obduktion zu veranlassen. Dave wundert das. Mit seiner Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit ergibt das wenig Sinn. Im Gegenteil – da ist was ganz schwer im Argen. Doch was? Und warum?

Im ersten Teil der brisanten Krimireihe um Lieutenant Dave Robicheaux vom New Orleans Police Department muss sich der Namensgeber der reihe gleich mit seinem eigenen Ableben auseinandersetzen. Dass es nicht gelingt ihm die Lichter auszublasen, dürfte feststehen, da es sich bei „Neonregen“ um den Auftakt zu einer Krimireihe handelt. Und trotz des vermeintlich fehlenden Spannungsbogens fiebert man von der ersten Zeile an bis zum letzten Absatz mit, wer denn hier nun wem ein Bein stellen will. Über vierhundert Seiten geballtes Adrenalin, das sich seinen Weg über die Seiten und die Druckerschwärze ins Hirn des Lesers frisst. Wo man geradeaus denken will, muss man links oder rechts ausscheren, um wieder auf den rechten Pfad zu gelangen. Lockere Sprüche, coole Typen und die sengende Hitze Louisianas sind nur die Landkarte auf der man Angstschweiß verteilen kann. Dave Robicheaux und sein Partner Clete sind waschechte Bullen mit der Lizenz zum Preise einheimsen. Doch wie lange noch? Sind die fiesen Tricks der fiesen Typen nicht doch der Sargnagel in der Karriere des rechtschaffenden Lieutenant Dave Robichaux? Oder sind sie ein Starschuss für was ganz Neues? Man wird sehen…

 

Dave Robicheaux, Lieutenant beim … nein, das war einmal. Dave Robicheaux, der Mann, der keinem Glas die Verehrung verweigert … nein, das war einmal. Dave Robicheaux, der Bootsverleiher, der in den sengenden Hitze des Südens Gott ’nen guten Mann sein lässt… jetzt kommen wir der Sache schon näher. Bis auf das mit dem „guten Mann“ und so.

Ja, der Lieutenant und das New Orleans Police Department sind nicht mehr ein Team. Boote verleihen, in den Bayous herumschippern – nicht lebenserfüllend, doch Realität. Bis, ja bis der Himmel erschüttert, der Sumpf aufgewühlt wird und Dave Robicheaux zum Lebensretter wird. Doch zunächst beginnt James Lee Burke seinen zweiten Robicheaux-Krimi mit einer Naturbeschreibung der Sümpfe, die einem beim Umblättern die Mangrovenzweige aus dem Gesicht schlagen lässt. Man riecht die Natur, man spürt die Hitze, hört die Schreie der fremden Getiere. Hier auf seinem Grundstück den Lebensabend, zumindest den Urlaub verbringen – wäre da nicht der schon erwähnte Fluglärm. Okay, nun ist es raus: Ein Flugzeug stürzt in die Sümpfe. Robicheaux stürzt sich in die „Fluten“, er will schauen, was passiert ist und wird uneigennützig zum Retter für ein junges Mädchen. Zum Helden wird er trotzdem nicht. Zwar berichten die Medien wie besessen von der Tragödie – an Bord sollen Flüchtlinge aus El Salvador sein – doch die Sache stinkt. Denn die Behörden beharren auf ihren Zahlen über die Opfer. Robicheaux weiß, dass die nicht stimmen. Und sagt das auch laut. So wie er es immer tat. So wie es ihn schon einmal den Job gekostet hat. Und wieder ist er in einem Sumpf aus Verbrechen und allerlei Ränkespielchen im Hintergrund, die ihm den Glauben an das Recht und Gerechtigkeit ordentlich vermiesen.

Er weiß aber auch, dass ein vermeintlicher Rück-Schritt zu unzähligen Fort-Schritten führen kann. Als Rookie hatte er seine Lektion schon gelernt. Doch das war damals. Heute ist heute – und er kommt einfach nicht drauf, was die Ermittler dazu treibt so viel Energie aufzuwenden, um das Offensichtliche zu vertuschen. Je mehr Puzzleteile sich vor dem aussortierten Lieutenant auftürmen, umso unübersichtlicher wird der Fall. Robicheaux muss anfangen die ersten Puzzleteile zusammenzusetzen. So wie der Fall sich nur mit einem Rück-Schritt scheinbar lösen lässt, verändert sich auch sein eigenes Leben. Wäre Robicheaux noch „aktiver“ Alkoholiker, wäre sein Ende jetzt besiegelt. Doch die Fort-Schritte lassen ihn weitermachen. Er ist einfach zu gut für diese Welt!

Wäre der Plan von James Lee Burke aufgegangen, wäre mit „Blut in den Bayous“ schon mehr als die Hälfte der Robicheaux-Reihe vorüber. Zum Glück hatte ihn sein Planungsglück verlassen und noch es ist gerade mal ein Zwölftel (nach aktuellem 2025) des Lesemarathons auf den Spuren von Dave Robicheaux geschafft. Als kleiner Schritt zu Ruhm und Ehre wurde „Blut in den Bayous“ mit Alec Baldwin unter dem Titel „Mississippi Delta – Im Sumpf der Rache“ verfilmt. Sollte man als Fan gesehen haben, aber …: Erst nach dem Genuss des Buches!

 

Die Erinnerungen nagen immer noch an Dave Robicheaux. Sie lassen ihn nicht schlafen. Es treibt ihn hinaus. Und hinein in die einzige Spelunke, die um diese unchristliche Zeit vor dem Sonnenaufgang noch ihre quietschenden Pforten geöffnet hat. Der Tag wird schon noch kommen. So wie er es immer tut. Dem Tag ist es egal, ob Dave Robicheaux trauert oder mit Alifair eine neue Aufgabe gefunden hat. Er war ihre Rettung im wahrsten Sinne des Wortes – jetzt lebt sie bei ihm. Er wird ihr ein guter Ratgeber sein können.

Ein raues „Hey“ reißt Dave aus dem morgendlichen Träumen. Dixie Lee Pugh – ein Name wie Donnerhall – rotzt es dem verdutzten Bootsverleiher und Fischköderhändler entgegen. Auf dem College waren sie kurz mal Zimmerkollegen. Dann stieg Dixies Stern am Rock’n Roll – Himmel auf, um alsbald wieder zu verglühen. Die Begrüßung ist herzlich, rau, vertraut. Ein Sorry hier, ein Bedauern da. Man hat voneinander gehört. Doch Dixie drückt ein Stein im Schuh. Und Dave Robicheaux ist wohl der Einzige, der ihm diesen entfernen kann.

Mittlerweile ist aus dem Rumtreiber mit Gitarre Dixie Lee Pugh der Rumtreiber Dixie geworden, der für eine Ölfirma aus Montana Land erwirbt. Lukrativ für seine Auftraggeber, Rettungsanker für ihn selbst. Bei einer seiner Touren durchs und übers Land hat Dixie so manches aufgeschnappt. Auch – und dabei ist er sich nicht so richtig sicher – so manches Sauerei. Einen Mord? Vielleicht! Dave und Dixie – das Doppel-D, das sich in den Schlamassel wirft wie ein junger Welpe in Pfützen, steht schon bald wie ein Paar begossene Pudel da. Hier stinkt’s, wieder einmal. Und wieder einmal muss Dave Abschied nehmen. Von einem Freund. Von Dixie. Um ihm die letzte Ehre zu erweisen, seinen Mord aufzuklären, muss er den drückend heißen Süden mit dem bitterkalten Norden tauschen. Und schon steckt er dick eingepackt im nächsten Schlamassel. Es gibt einfach zu viele Idioten, die ihm seine Geschichte nicht glauben. Und noch viele mehr, die ihm nach dem Leben trachten. Was macht ein angeschossenes Tier? Es kämpft wie ein Berserker gegen das Unvermeidbare! Doch Dave Robicheaux ist kein Tier. Er ist von Natur aus ein Kämpfer, der die ihm zur Last gelegten Taten widerlegen muss, will er überleben. Schon um sein neues Leben in den Bayous nicht zu gefährden. Ein Roadtrip in den Norden wird zur Pilgerfahrt für Gerechtigkeit.

James Lee Burkes Robicheaux verlässt das vertraute Terrain, um einem alten Freund zu helfen und um entfesselter Gier die Grenzen aufzuweisen. Grundrechte, die immer wieder mit Füßen unter die Erde getreten werden und fiese Gesellen, die ihrem Herren blind folgen, sind das Fundament, auf dem „Schmierige Geschäfte“ fußt. Schmutzige Gedanken haben hier Hochkonjunktur. „Black Cherry Blues“ heißt das Buch im Original – klingt nach trinkseligem Blues auf dem Grund des Glases, das vor einem steht. Doch hier klebt das Blut von vielen an den Händen von Wenigen. Und Dave Robicheaux ist Kernseife und Wurzelbürste in Einem.

 

Es ist Jahre her, das Dave Robicheaux das Abzeichen der Polizei getragen hat. Mittlerweile lebt er in den Bayous. Das Einkommen ist ausreichend. Das Leben hat ihn angenommen. Doch ab und zu, nein. Aus seiner Haut kann er trotzdem nicht steigen wie aus einem Blaumann. Arbeit getan, willkommen Feierabend – das gibt’s bei ihm nicht.

Zwei Mörder hat er im Schlepptau. Sie kommen ganz sicher in den Knast, vielleicht auf den elektrischen Stuhl. Dave hat die Aufgabe die beiden dunklen Gesellen hinter die dicken Mauern des Staatsgefängnisses von Louisiana zu bringen. Easy money! Das er dringend braucht.

Das Sagen im Wagen hat Lester. Den interessiert nur sein baldiger Abgang in den Ruhestand. Dave ist beunruhigt ob der Unfähigkeit und Unbekümmertheit seines Kollegen, der wohl oder übel das Sagen im Wagen hat. Einer der Delinquenten ist garantiert schuldig. Bei dem Anderen – und da ist sich Dave Robicheaux noch nicht ganz sicher – scheint der Fall anders zu liegen. Dave kennt die Frau, die Tee Beau ein Alibi gegeben hat. Ein schwaches, doch immerhin ein Alibi. Bei Boggs ist der Fall klar. Der hat abgedrückt. Und er bekommt seine (gerechte?) Strafe. Es kommt wie es kommen muss – sonst wäre es ja kein echter James-Lee-Burke- Dave-Robicheaux-Krimi: Die beiden büchsen beim ungeplanten Boxenstopp an der Tankstellentoilette aus.

Ausgerechnet jetzt. Als Dave das zusätzliche Geld vom Sheriffs Department so gut gebrauchen kann. Und er fast schon so was wie Rehabilitation erfahren könnte.  Ach, dieser Lester mit seiner Laissez-Faire-Einstellung! Es nützt nichts. Da muss Dave Robicheaux durch. Er muss die lauschigen Bayous verlassen. Er muss nach New Orleans – er kennt es ja, immer noch und nur allzu gut. Und er muss untertauchen. Mit Deckung von Oben. Die dunklen Gassen der Stadt werden zu seinem Playground. Mit im Gepäck sind die ständige Angst aufzufliegen und der Druck einem riesigen Geheimnis auf die Spur kommen zu müssen…

Fall Vier für Dave Robicheaux. Er trägt wieder Uniform. Nicht so wie früher, doch immerhin. Er hat nichts verlernt. Sein Ermittlerhirn ist nicht eingeschlafen, im Gegenteil: Er ist wacher denn je! Dieses Mal führt er Andere hinters Licht, um selbiges in Dunkel zu bringen. Es wird dreckig, knallhart und schmierig. Die Eleganz der Flamingos wie es der Titel vermuten lässt, verblasst gegen die Brutalität der Stadt, die ihr Herz in Spelunken und dunklen Hinterzimmern aufs Spiel setzt. Dave Robicheaux ist oft auf sich allein gestellt. Je mehr dunkle Gassen er sieht, je mehr rasselnde Kehlen ihm drohen, je mehr finstere Gestalten ihm misstrauisch vor die Flinte laufen desto mehr ist er davon überzeugt das Richtige zu tun. Sein Handwerk versteht er immer noch. Undercover im Dschungel der Großstadt – Dave Robicheaux ist ein echter Verwandlungskünstler!

 

Bei den Sonniers hat es einen Vorfall gegeben. Eine Kugel kam geflogen. Durchs Fenster. Und nun muss ermittelt werden, wer den Finger am Abzug hatte. Dave Robicheaux soll das übernehmen. Alles würde er übernehmen. Jeden Fall akribisch untersuchen. Bei jedem. Doch bitte nicht bei Weldon Sonnier! Doch andererseits …

Dave Robicheaux kennt die Familie Sonnier ganz gut. Mit einigen der Sprösslinge ging er zur Schule. Sah, was ihnen zuhause angetan wurde. Schon als Kind erkannte er, wenn etwas nicht stimmte. Die Mahle auf den kleinen Körpern waren aber auch zu offensichtlich. Dave Robicheaux lässt sich breitschlagen. Nein, eigentlich übernimmt er den Fall doch mehr oder weniger freiwillig. Neugier? Worauf? Die alten Schulkameraden wieder zu sehen. Schauen wie es ihnen ergangen ist, was aus ihnen wurde. Gerechtigkeitssinn. Mitten im Interview kommen all die Erinnerungen wieder in ihm hoch. Wie er damals in Kreisen verkehren durfte, die so gar nichts mit dem sozialen Milieu zu tun hatten, aus dem er stammt. Denn die Familie Sonnier ist reich. Öl. Und sie sind verkommen. Die Kinder wurden von frühster Kindheit an gequält. Auch das hat Dave Robicheaux nicht vergessen.

Er und sein Partner Clete Purcel müssen nun herausfinden, was da nun passiert ist. Robicheaux weiß auch, dass es nicht nur ein Handvoll potentieller Attentäter gibt. Die Sonniers sind aktive Mitglieder der Gemeinde. Der eine predigt und hält dabei mehr als eine Hand auf. Allesamt sind gewissenlose Reiche mit einer inneren Gesinnung, die einem das Essen wieder hochkommen lässt. Rassisten reinster Sorte. Die Sonniers müssten eigentlich glücklich sein, dass Dave Robicheaux die Ermittlungen übernommen hat. Er kennt sie, die kennen ihn – Vitamin B der feineren Art. Doch die Familie ist verschlossen und verstockt. Dave und Clete müssen erstmal ganz vorsichtig die Mauern des Schweigens mit dem ganz feinen Meisel bearbeiten. Je mehr sie von der Fassade abtragen desto … bis das Licht durch die Reste der Mauern des Schweigens lichtdurchlässig werden. Doch dieses Licht blendet, man kann es kaum aushalten. Manche Mauern sollten stehen bleiben – als Mahnmal. Da Dave nun aber schon mal am Abtragen ist, kann er gleich weitermachen. Bis er aufs Fundament trifft.

James Lee Burke bedient in „Weißes Leuchten“ nicht die Klischees vom KKK und Scheinheiligen, die ihrer Gemeinde salbungsvoll Wunder ins Hirn quatschen. Er nutzt diese nun einmal vorhandenen Tatsachen und spielt mit ihnen wie eine Katze mit ihrer Beute. Mal rollt sie in die eine Richtung, dann wieder zurück. Als Spielball dieses prächtigen Südstaatenkrimis darf man sich gern fallen lassen. Alles wird gut! Spannung ohne Ende, mit Wendungen, die keiner erwartet. Meisterhaft!

 

Fette Beute – über 500 Seiten. Packen wir das Südstaatenklischee mal aus. Ewig feuchtes Klima, drückende Hitze. Getier im Dickicht, das jederzeit daraus hervorbrechen kann und einem mit Haut und Haaren verspeist. Rassentrennung, tief in den Köpfen der Bewohner verankert. Und mittendrin der einzig ehrliche Typ der Polizei von New Iberia. Dave Robicheaux. Und sein Partner Clete Purcel. Der ist auch in Ordnung.

Wie gesagt: Ein Klischee. Natürlich gibt es noch mehr ehrliche Häute im unerträglichen Klima Louisianas. Aber viel spannender sind doch die, die meinen gegen alle Regeln zu verstoßen und durchzukommen.

Die Realität sieht meist anders aus. Polizeiberichte strotzen nur so vor Sachlichkeit. Und wenn dann der Feierabend kommt, will man einfach nur noch abschalten, das reichhaltige Essen (wir sind in den Südstaaten – Schmalhans ist hier nun wirklich nicht Küchenchef) genießen. Vor allem, wenn man eine junge Frau im Graben gefunden hat, der Unmenschliches angetan wurde. Da schlingert eine noble Karre herum, verliert filmreif eine Radkappe und kommt nicht weniger filmreif zum Stehen. Und die junge Frau, die man tagsüber gefunden hat bzw. deren Überreste stehen in Zusammenhang mit … einem alten Schulfreund.

Apropos filmreif. Sykes war mal ein Leinwandstar. Geltungsbedürftig. Das ist er immer noch. Hat ’ne Leiche gefunden. Also ein Skelett. Viel Menschliches ist nicht mehr zu erkennen. Und doch kann man sich den Ereignissen, den Hinweisen und den zahlreichen Verdächtigungen nicht entziehen. Dave Robicheaux macht das stickige Klima nichts mehr aus. Und trotzdem kommt er dieses Mal richtig ins Schwitzen.

Als junger Beamter in Uniform war er vor mehr als drei Jahrzehnten an den Mordermittlungen an einem Schwarzen beteiligt. Wo kein Rauch, da kein Feuer. Wo kein Opfer, da kein Täter. Die Jahre vergingen. Die Erinnerungen blieben. Dave Robicheaux wird mit einem Mal in die Geschichte zurückgezogen, die er zwischenzeitlich vergessen zu haben schien. Doch die Erinnerungen sind frisch wie der junge Morgen. Und während der Biss den cold case zu lösen Robicheauxs Zähne zum Knirschen bringt, wird draußen, da, wo es noch stickiger ist als auf dem klimatisierten Revier eine weitere Frau ermordet… Zufälle gibt’s…

James Lee Burke lässt den Leser schwitzen. Warum soll es ihm auch besser gehen als dem Ermittler mit Spürsinn für die ganz speziellen Fälle?! Über fünfhundert Seiten muss man durchforsten bis – so viel sei schon mal verraten – einer für seine Taten büßen muss. Diese Reise durch über fünfhundert Seiten Südstaatendramatik sind aber gespickt mit unerwarteten Aus- und Einsichten. Wer meint, dass er nach knapp der Hälfte des Buches weiß wer wie und warum gemordet hat, sollte sich leise zurückziehen und den großen Rest des Buches mit Schwiegen genießen. Es lohnt sich!

 

Ramalam ding dong – Ramalam ding ding dong – Mississippi Jam. Der Reim holpert noch etwas, drückt aber wohl ganz gut die Freude darüber aus, dass man einem Serientäter aufgesessen ist. Ein halbes Dutzend Mal hat man sich in die Arme von James Lee Burke und seinem Ermittler Dave Robicheaux geschmissen. Und nicht ein einziges Mal wurde man enttäuscht. Und dieses Mal geht es in die Tiefen des Meeres, der Bayous und der menschlichen Seele. Es wird die bislang längste Lesereise – fast sechshundert Seiten. Spoiler: Es dürften gern auch mehr sein…

Dieses Mal geht James Lee Burke für seinen Schützling Dave Robicheaux im Spielwarenladen für Kriminelle einkaufen. Er sieht sich lange um, und er bringt ein großes Puzzle mit.

Hippo Bimstine – schon allein für die Wahl dieses Namens muss es einen Preis geben, aber es geht noch weiter … – sucht ein U-Boot. Keinen Bastelsatz aus eben diesem Spielwarenladen, sondern ein echtes. Ein deutsches U-Boot. Eines von den Nazis gebauten. Und Dave Robicheaux soll helfen es zu finden. Natürlich hat Dave erstmal überhaupt keine Muße den Job anzunehmen, doch die Bezahlung ist fürstlich. Und damit kann er Batist helfen. Der sitzt … das ist eine andere Geschichte, oder?!

Nun ist es so, dass auch ein gewisser Buchalter nach dem U-Boot sucht. Buchalter – da fehlt kein H in der Berufsbezeichnung, es ist sein Name, der auf eine gewisse Herkunft hinweisen könnte… – ist ganz verrückt nach dem Stahlkoloss. Und verrückt trifft es in diesem Fall wirklich exakt. Denn dieser Buchalter macht nun wirklich vor gar keiner Qual (an anderen!) halt. Ein sadistisches Biest, der jedem in die Mange (Zange?!) nimmt, der ihm im Wege ist. Und wer kreuzt nun genau seine Wege? Dave Robicheaux. Und das bedeutet, dass auch seine Familie von nun an in Gefahr ist – mehr als nur eine Weissagung, bald schon ernste Realität.

Zwischenzeitlich muss sich Robicheaux auch noch um Clete kümmern. Der getreue Weggefährte von Dave übertreibt es ein bisschen. Was wiederum die Behörden auf den Plan ruft.

Zuerst die Ecken, dann den Rahmen, dann markante Punkte – so löst man ein Puzzle. Dave Robicheaux hat keine Zeit für derlei Strategien. Hier passen zwar einzelne Teile glücklich ineinander, doch das Ganze ergibt irgendwie noch kein Bild. Alles purzelt wie wild durcheinander. Hier ein Lichtblick, dort ein verblassendes Indiz – tausend Hände würden nicht reichen, um diesen wild gewordenen Haufen dazu zu bringen im Takt zu bleiben.

Der verflixte siebte Fall? Von wegen! James Lee Burke malt mit Worten tiefgründige Szenerien, die direkt unter die Haut gehen. Und ehe man sich versieht, hat man diesen dicken Schmöker ohne abzusetzen ausgelesen. Das ist wahre Krimikunst!

 

Es wird dieses Mal undurchsichtig. Noch undurchsichtiger als sonst, wenn Dave Robicheaux und sein Getreuer Clete auf die Jagd gehen. Sie wollen nicht jagen, sind eher reaktiv als aktiv. Doch wenn sie jagen müssen, dann muss der oder die Gejagte auf der Hut sein. Rückschläge sind niemals einkalkuliert, dafür ist Dave Robicheaux zu gerecht und empathisch. Aber das Leben kommt einem halt manchmal in die Quere.

Die Fontenots leben seit Ewigkeiten auf einer Plantage. Gar nicht weit von Dave Robicheaux entfernt. Mehr schlecht als recht gehen sie ihrem Tagewerk nach. Dave fühlt sich ihnen verbunden. Denn auch sein Tagwerk, das Fischködergeschäft bringt mit jedem Sonnenaufgang neue Tücken ans Tageslicht. Nun sollen die Fontenots von ihrer Plantage vertrieben werden. Der Giacano-Clan steckt hinter der perfiden und ruppigen Art die Familie zu vertreiben.

Robicheaux und die Clans – das ist eine Geschichte für sich. Und bisher ging Dave Robicheaux immer als Sieger aus dem Kampf mit den Clans hervor. Pyrrhussiege? Vielleicht. Siege ohne Sinn, weil ja doch schon der nächste Clan in den Startlöchern steckt? Niemals! Jeder Kampf gegen die Fallstricke der Korruption ist ein guter Kampf, ein notwendiger Kampf, ein richtiger Kampf.

Doch dieses Mal ist Dave Robicheaux von Anfang an in einem dichten Netzwerk gefangen. Das kann dieses Mal auch ganz anders enden. Mit weitreichenden Folgen. Doch… Dave Robicheaux hat Freunde mit offenen Augen, die ihm beispielsweise verraten, wer unter der Achsel eine zusätzliche Waffe trägt. Und er hat seinen messerscharfen Verstand. Bis zum Showdown in dunkler Nacht kann sich Robicheaux auf seien Freunde verlassen. Das Ende muss er ganz allein bestreiten.

Selten zuvor hat James Lee Burke die Landschaft der Bayous so eindringlich beschrieben. Man möchte sich permanent die Moskitos vom Arm klatschen, den Schweiß aus dem Nacken wischen und sich gegen die Sonne schützen. Dabei ist man doch mittendrin in einem der vertracktesten Fälle von Dave Robicheaux. Im schlimmsten Fall sogar in seinem letzten Fall. Denn der Einsatz, der er dieses Mal bezahlen muss, ist verdammt hoch. Wem kann er noch trauen? Auf alle Fälle denjenigen, denen er mal geholfen hat. Und das sind – glücklicherweise – eine ganze Menge. Fast könnte Dave Robicheaux einen eigenen Clan gründen…

 

Zeit für Erklärungen: Ein Bayou ist ein langsam fließendes, oft sogar stehendes Gewässer, das typisch für die Landschaft Louisianas ist. Vor reichlich sechzig sechzig Jahren besang Roy Orbison diese stille Landschaft verbunden mit der Sehnsucht eines Mannes Ruhe zu finden, ein idyllisches, zufriedenes Leben führen zu können. Er (Roy Orbison) selbst verlor zwei seiner Kinder bei einem Hausbrand. So nah können Realität und künstlerische Freiheit beisammen liegen.

Man spürt förmlich die Einsamkeit in der Abgeschiedenheit der Bayous. Doch, wenn es Nacht wird, suchen auch dementsprechend dunkle Gestalten diese Abgeschiedenheit. Und schon sind wir mitten im neunten Fall von Dave Robicheaux. Er hat sich mittlerweile einen Namen gemacht. Vor allem vermeintliche Mörder, die in Einzelhaft auf die Spritze oder den Stuhl warten, sehen in ihm den letzten Strohhalm der Rettung. So auch Aaron Crown. Er hat … er soll Ely Dixon ermordet haben, einen schwarzen Bürgerrechtler. Unschuldig sei er, beteuert er gebetsmühlenartig. Doch wer glaubt schon einem, der von einem ordentlichen Gericht verurteilt wurde?! Dave Robicheaux glaubt ihm zwar nicht, doch die Zweifel nagen an ihm.

Ein Fernsehteam ist der Trigger für Dave Robicheaux sich die Gerechtigkeitsweste überzuziehen und noch einmal durch das Dickicht des Falles zu stiefeln. Denn bei den Recherchen für den Film stoßen die Rechercheure auf … nennen wir es mal „Ungereimtheiten“. Ein so harmloses Wort für so viel Verantwortung – Aaron Crowns Zeit im Gefängnis ist zwar endlich, aber das Ende ist noch lange nicht zu sehen. Als dann Crown auch noch die Flucht gelingt, muss Dave Robicheaux Gummistiefel gegen Sprintschuhe tauschen. Es gilt keine Zeit zu verlieren. Wer so dramatisch gegen das scheinbare Unrecht kämpft, muss unschuldig sein. Gewagte These!

Dave Robicheaux kommt auch zu der Erkenntnis, dass ein Handeln auch Folgen für Unbeteiligte hat. Wenn beispielsweise ein Kugel an einer Wand abprallt, kann sie einen Unschuldigen treffen. Ein Gleichnis, das dem grübelnden Ermittler zu denken gibt. Andererseits…

Natürlich ist der Titele „Nacht über dem Bayou“ als Gleichnis aufzufassen. Man muss nicht die ganze Zeit mit der Taschenlampe sich durch die Seiten kämpfen. Obwohl die Lektüre unter der Bettdecke noch mehr Schrecken verbreiten könnte. Nein, dieser Krimi geht unter die Haut. Typen, die aufsteigen wollne, halten die Hand auf. Immer wieder tauchen Leute auf, die bereitwillig für ihre Interessen gern ihre Geldbeutel weit öffnen. Und mittendrin ein Ermittler, der sich der Gerechtigkeit verpflichtet fühlt. Und niemals aufgibt. Da wird die Nacht schlussendlich doch zum Tag!

 

Sheriff Dave Robicheaux. Das klingt doch nach was! New Iberia westlich von New Orleans als Spielwiese für miese Typen. Ob die miesen Typen sich das gut überlegt haben? Nein. Denn Dave Robicheaux ist gnadenlos gegen alle, die gnadenlos gegenüber Anderen ihr Spielchen treiben. Für viele ein Grund von hier wegzuziehen. Für Megan Flynn ist New Iberia Heimat. Sie will hierhin zurück. Auch wenn’s weh tut und sie im Herzen schmerzt. Denn hier wurde ihr Vater Jack ermordet. Er war Gewerkschafter. Einer, der anpackt, anprangerte, aneckte und schließlich dafür bezahlen musste. Klingt wie der klassische Plot für einen Western. Der Gute kommt zurück in die Stadt, um Rache zu nehmen. Der neue Sheriff weiß noch nicht so recht, was er von der Sache halten soll.

Der cold case wird langsam aber sicher wieder aufgewärmt – Dave Robicheaux kann sich noch gut an den Mord damals erinnern. Das Feuer unterm Kochtopf der Auflösung wird angezündet und langsam aber sicher steigt das Feuer empor und die Rauchschwaden sind weithin sichtbar.

Ein weiterer Fall beschäftigt Dave Robicheaux. Eine junge Frau wurde vergewaltigt. Und die vermeintlichen Täter – zwei junge Schwarze, dass muss man in diesem Landstrich immer noch zusätzlich erwähnen! – werden ermordet. Fall erledigt. Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan. Der Wahrheit aber nicht! Denn zwischen den Taten – dem Mord an Jack Flynn und der Ermordung der beiden jungen Männer – besteht offenbar ein Zusammenhang. Das Verbindungsglied ist Alex Guidry. Ein widerwärtiger Rassist, wobei das „widerwärtig“ in diesem Fall redundant ist, weil Rassisten – nicht nur in Dave Robicheaux’s Augen – widerwärtig sind.

Dennoch ist Guidry bereit sein Wissen mit dem Sheriff zu teilen. Es wird ein Geheimtreffen vereinbart. Das erinnert dann doch eher an Spionagethriller im dunstigen England statt an Western, James Lee Burke findet scheinbar eine tierische Freude daran Genre zu vermischen. Doch dazu kommt es nicht. Guidry ist zweifellos in die Taten verstrickt. Die Fäden im Hintergrund scheinen aber andere zu ziehen…

Marionettentheater, Western, Spionagethriller – da schwirrt einem so manches durchs Hirn, während man sich dem „Sumpffieber“ hingibt. Doch hier schmerzen nicht Kopf und Glieder, auch übergibt man sich nicht. Hier ist James Lee Burke der Apotheker des Vertrauens, der eine geheime Tinktur zusammenbraut, die das Fieber erträglich macht. Das ist untertrieben. Denn eigentlich befeuert James Lee Burke das Fieber ein ums andere Mal. Doch lässt er den Leser nicht allein vor sich hin leiden, sondern lindert den Schmerz mit der Aussicht auf Erlösung.

 

Als Reisender kennt man das vielleicht. Man läuft umher, lässt sich treiben und landet manchmal eben auch in einer Gegend, einem Viertel, einer Straße, die so gar nichts zu bieten hat. Die viel beschworene „Straße ins Nichts“ ist in diesem Fall jedoch zu vernachlässigen. Man dreht sich um, und verfolgt den zuvor eingeschlagenen Weg weiter.

Dave Robicheaux kann nicht einfach umdrehen und weitermachen wie bisher. Letty Labiche braucht seine Hilfe. Sie wartet im Staatsgefängnis von Louisiana auf die Vollstreckung ihres Urteils. Nein, es geht nicht darum zu erfahren, wann sie die meterdicken Mauern wieder als freie Frau verlassen darf. Es geht um das Datum ihres Todes. Sie erwartet der elektrische Stuhl oder die Giftspritze. Vater Staat als Vollstrecker – wenn er unfehlbar wäre, eine annehmbare Prozedur…

Dave Robicheaux weiß, dass Vater Staat nicht unfehlbar ist. Er selbst hegt enorme Zweifel an der Schuld der Frau. Ihm bleibt nicht viel Zeit, um Lettys Unschuld zu beweisen. Je mehr er sich in den Fall hineinsteigert, umso weiter dringt er – um im Sprachbild zu bleiben – in eine Straße ein, die ihn in ein Nichts führt, das er schon längst verdrängt hatte.

Dave Robicheaux – Alkoholiker, Ermittler mit Spürsinn und Gerechtigskeitssensoren und … einer Mutter, die vor dreißig Jahren verschwand. Das wühlt einiges in ihm auf. Der Griff zur Flasche ist nicht weit. Das Blut gerät in Wallung. Schweißperlen tropfen an ihm herunter wie das Wachs einer langsam verbrennenden Kerze.

Denn: Robicheauxs Mutter hatte vor über dreißig Jahren etwas gesehen, was sie nicht hätte sehen dürfen. Zwei Polizisten sahen aber, dass sie etwas gesehen hat, was sie nicht hätte …. okay, es ist klar, was passiert ist. Unklar ist nun aber, was Dave Robicheaux mit diesen neuen Erkenntnissen machen soll. Die Verantwortlichen zur Rede stellen? Uhh, die werden sich aber fürchten. Dreißig Jahre lang wurden sie gedeckt und konnten ein geruhsames Leben führen. Oder soll er selbst zur tat schreiten? Ist Dave Robicheaux an eine Grenze gelangt, die sein komplettes Leben auf den Kopf stellt. Hier geht es nicht um die Frage Beatles oder Stones, oder East Coast oder West Coast oder bei welcher Burgerkette man sein „Essen“ bestellt. Am Scheideweg seines Lebens führt der eine Weg in die Zukunft, der andere … ins Nichts.

Dave Robicheaux ist dem Alkohol verfallen. Er war, ist und bleibt immer Alkoholiker. Die Flasche hat er seit einiger zeit nicht mehr angerührt. Alkoholiker bleibt er sein Leben lang. Er hat Freunde, die ihm bedingungslos folgen. Er hat Menschen bei sich aufgenommen, ohne Rücksicht auf die Hassreden der Verblendeten. Unrecht ist ihm zutiefst zuwider. Nun lernen wir einen Robicheaux kennen, der einen dunklen Fleck in seiner Biographie mit sich herumträgt. Schell wird klar, warum er damit nicht hausieren geht. Wenn er diesen dunklen Fleck verblassen lassen will, dann kann das sein Charakterbild verändern. In welche Richtung, das ist hier die Frage!

 

Erst die Mutter, jetzt der Vater. Na, so einfach ist es nun doch nicht! Nach „Straße in Nichts“, in dem Dave Robicheaux das Verschwinden seiner Mutter vor mehr als drei Jahrzehnten wieder in ihm hochkocht, ist – dem Titel nach – wohl nun der Vater dran.

Manchmal ist es besser, wenn der Mantel des Schweigens über eine Sache gelegt wird. Das ist einfacher als sich der Sache zu stellen. Perfide nennt man das. Es ist widerlich und ungerecht. Ungerecht – da gibt es doch jemanden, der das Wort für den Tod nicht ausstehen kann: Dave Robicheaux. Doch zunächst gilt es den nicht minder schrecklichen Mord an Linda Zeroski aufzuklären. Mit einer Schrotflinte hat man ihr das junge Lebenslicht ausgeblasen. Wer war’s? Das wird Dave Robicheaux … wird er es herausfinden? Bis zum Schluss des Buches wird man es nicht wissen.

Selbst Dave und Clete, die sich die Seele aus dem Leib ermitteln, können sich nicht sicher sein. So wie in dem gesamten Fall. Denn wieder einmal ist Robicheaux im Visier eines Clans. Wie schon so oft. Und wie schon so oft, lässt er sich davon nur bedingt beeindrucken. Sie schicken ihre(n) Killer los, Dave macht sie dingfest. Doch die Nachweisarbeit stockt – wie immer.

Und so sitzen er und Clete einmal mehr zusammen, sie klagen nicht. Sie wissen, dass sie weiter dem Clan, den Kriminellen, den Handlagern, den Korrupten auf den Fersen sein werden. Sie lasen die Opfer und die Verdächtigen an sich vorüberziehen. Und davon gibt es eine Menge! Für Erheiterung sorgen nur die Taten des Osterhasen. Der ist das wahrhaft reine Gewissen mit krimineller Natur, das sofort handelt und kurzzeitige Erfolge vermelden kann. Klingt komisch!? „Die Schuld der Väter“ besticht dieses Mal auch mit komischen Elementen.

Der raue Süden mit all seinen Verstrickungen, aber auch der Lebensfreude und dem Lebenswitz der Bewohner bildet die Grundlage für diesen doch düsteren Titel. Das Dutzend ist voll, könnte man gefühlsbefreit meinen. Denn die Krimireihe um Dave Robicheaux hat den zwölften Fall geschafft. Hier ein Mord, da ein Mord – und keiner war’s. Dave Robicheaux musste wahrscheinlich mehr Ganoven und Mörder laufen lassen als so manch anderer Ermittler in der amerikanischen Kriminalliteratur. Doch er weiß, geduld zahlt sich aus. Wenn nicht in Fall Acht, dann wird der Mörder eben in Fall Dreizehn erwischt. Oder jemand anderes erwischt ihn. Dann geht aber die Suche nach dem neuen Killer los. Ein Teufelskreis. Doch so ist das Leben. Besonders, wenn man Dave Robicheaux heißt. Doch dazu viel später viel, viel mehr.

 

Ein kurzer, dicker Schlagstock peitscht durch die Luft, trifft ihn am Kopf. Ein bisschen kann er sich noch wegdrehen, dann wird es Nacht. Nach der Rückkehr ins Reichen der Anwesenden folgt das Verhör. Er war’s nicht. Beteuert es immer wieder. Doch die beiden, die noch stehen – er selbst ist an einen Stuhl gefesselt – glauben ihm kein Wort. Schnittige Sätze wechseln die Seiten wie ein geschmetterter Tischtennisball.

Bis hierhin und nicht weiter! Was ist geschehen? Sheriff Dave Robicheaux aus New Iberia wildert in fremden Gebieten. Er muss es tun. Er kann nicht anders. New Orleans – das war einmal. In New Iberia ist es ruhiger, aber nicht minder gefährlich. Das hat er leidvoll erfahren müssen. Doch The Big Easy zieht ihn magisch an. Besonders nachdem er die Nachricht erhalten hat, dass Pater Jimmie Dolan auf offener Straße zusammengeschlagen wurde. Der Pater und er waren eng miteinander verbunden. So wie Dave und die Stadt. So wie Dave und das Laster in den Gassen. Ehrensache, dass Dave Robicheaux sich einmischt. Und ermittelt. Auch wenn das nicht so gern gesehen wird. Von einigen Leuten, die auf unterschiedlichen Seiten stehen.

Clete hilft ihm. Wie immer. Wie in alten Zeiten. Wie zu jeder Zeit. Doch Clete ist momentan keine große Hilfe. Er sitzt. Im Knast. Das waren zwei Warnschüsse vor den Bug. Finger weg von dem, was hier geschieht. Sollte Dave Robicheaux sich zurückziehen und die Hände in den Schoß legen? Niemals! Derlei Spekulationen sind nicht zielführend. Natürlich mischt sich Dave Robicheaux ein. Natürlich wird er auf Widerstände treffen. Natürlich wird ihn das nicht abhalten weiterzumachen.

New Orleans ist eine gefährliche Stadt, wenn man seine Nase in Dinge steckt, die ihm Verborgenen bleiben sollen. Dann sollte man aber auch nicht auf offener Straße einen Weggefährten von jemandem angreifen, der sich einen Dreck um Konventionen schert. Die Gewalt der Straße ist nicht jedermanns Sache. Die Straße der Gewalt muss einmal gründlich durchgewischt werden. Und wer wäre dafür besser geeignet als Dave Robicheaux?!

James Lee Burke lässt die Fäuste fliegen, spinnt undurchdringliche Netzwerke, stellt Fallen auf, wo man sie nicht erwartet. Es dauert bis Robicheaux endlich Frieden findet. Ein 500-Seiten-Ritt, der wilder kaum sein kann. Und nicht ein einziges Mal ist man der Gewalt überdrüssig. Nicht eineinziges Mal fragt man sich, ob es dieser Drastigkeit wirklich bedarf. Einmal mehr stimmt an diesem Krimi – der Dreizehnte – einfach alles! Bis hin zu einem Geheimnis, dass Dave Robicheaux … ach was. Das muss man selber herausfinden.

 

Da liegt er nun, der alte Troy Bordelon. Der Archetyp des widerwärtigen Fieslings. Ihm lag es im Blut zu schikanieren. Schwarz oder Weiß – ihm war es egal. Aber schwarz hatte für ihn schon mehr Reiz. Und nun ragen aus allen Körperöffnungen Schläuche heraus. Saugen an ihm, und hauchen ihm letzte Atemzüge ein. Der kraftvolle Bursche von einst, der einem Kameraden bei der Army Abführmittel verabreichte – mit entsprechendem Erfolg – ist ein Schatten seiner selbst. Die Muskeln erschlafft, die Stimme brüchig und kaum noch zu vernehmen. Dave Robicheaux ist auf Wunsch Troys zu ihm ins Krankenhaus gefahren. Seine Ex hatte Dave angerufen. Auch einem Mistkerl wie Troy Bordelon schlägt man die letzte Bitte – wenn es die letzte war – nicht ab.

Mit einem Mal sind die Erinnerungen wieder da. Ein paar Tage frei. Weg von der Schufterei unter sengender Sonne. Zusammen mit seinem Halbbruder Jimmie verbrachte Dave den Tag am Strand. Sie schwammen weiter raus aufs Meer als sonst. Der Himmel zog sich zu – allein schon die Beschreibung des Himmels ist eine Wohltat und eine leise Ankündigung, was noch kommen wird – und mit einem Mal waren Jimmie und Dave nicht mehr allein. Die Flosse da im Wasser lässt den vor kraftstrotzenden Brüdern das Blut in den Adern fast schon gefrieren. Der Himmel bedrohlich, das Meer nicht minder gefährlich. Die Wahl zwischen Pest und Cholera? Rettung naht in Gestalt – und was für einer! – von Ida Durbin. Retterin, Verführerin, Rebellin. Jimmie ist wie ausgewechselt. Sie ist es. Sie muss es sein. Mit ihr wird er durchbrennen. Sie heiraten, ein glückliches Leben führen. So sein Plan. Doch am nächsten Tag ist nichts mehr wie es war, wie er es sich in seinen kühnsten Träumen vorstellte. Ida ist weg. Keine Hochzeit. No romantic runaway! Das ist lange her, doch nicht vergessen. Schon gar nicht nachdem ziemlicheinseitigen Gespräch mit Troy Bordelon.

Dummerweise muss sich Dave Robicheaux, der Ex-Sheriff von New Iberia – es ging nicht anders, nach der Sache mit Pater Jimmie und allem, was darauf folgte – um mehrer Fälle von Entführung und Mord an Frauen kümmern. Die Probleme von einst, die bis heute nachhallen, müssen warten. Auch wenn es ihn tierisch in den Fingern juckt, so manchem Großkotz der High Society ein bisschen auf die Füße zu treten. Dann wird Dave Robicheaux klar, dass er weder den einen noch den anderen Fall vernachlässigen muss, um die Geheimnisse von damals lösen zu können. Denn alles gehört mysteriöserweise zusammen.

Schweigende Ehrenleute, unbeschwerte Jugend, brutales Klima in jeder Hinsicht – das sind die Zutaten für das schwärzeste Krimijambalaya der Literatur. Höllisch scharf und furchtbar spannend!

 

Das Intro von Deep Purples „Black Night“ ist länger als man braucht, um in die dunklen Tiefen dieses Krimis einzutauchen. Schon ab dem zweiten Absatz baut sich die Szenerie – Dave Robicheaux erinnert sich an die Zeit als er als Austausch-Polizist in Florida arbeitete – wie eine Drohkulisse vor dem Leser auf. Man weiß sofort, dass James Lee Burke nicht ohne Grund den Himmel, die Stadt, die Architektur so hervorhebt. Da kommt noch was!

Trish Klein taucht ohne Vorwarnung in New Iberia auf. Ziemlich zerwühlt im Inneren. So unbedeutend ihr Name klingen mag, bei Dave Robicheaux klingeln die Alarmglocken. Trish, die Tochter von Dallas Klein, seinem Kameraden in diesem sinnentleerten Vietnam-Krieg. Dallas hatte es nicht geschafft. Wegen Dave, zumindest denkt Dave das. Die Zeit ist zu kurz sich um Schuldgefühle zu kümmern. Denn Trish hat was vor. Was genau, das weiß Dave noch nicht. Aber er wird es herausfinden. Seine Neugier ist geweckt, sein Spürsinn geschärft. Besonders als er erfährt, dass die örtlichen Casinos ein paar undurchsichtige Deals abgeschlossen haben. Mit Trish Klein. Der Tochter seines Freundes, der ihm sein Leben … ach, lassen wir das. Das ist Vergangenheit. Im Großen wie im Kleinen.

Nicht so unbedeutend ist hingegen der Selbstmord einer jungen Frau. Sie studierte noch. Warum sollte sie sich jetzt umbringen? Die Puzzleteile passen nicht ineinander. Und immer wieder taucht Trish auf. Bei den Ermittlungen, auf der Straße – überall Trish, Trish, Trish. Dave Robicheaux muss den Trish-Overkill erstmal sortieren. Der Schlüssel zu allem liegt allein nur in der Hand, in seiner.

Schuld und Unschuld oder Sühne – wie auch immer. Vietnam ist näher als es so vielen Beteiligten lieb ist. Der Kanonendonner ist verklungen, doch im Schädel dröhnt es weiter. So vieles wurde nicht ausgesprochen. Ein Krieg endet niemals mit einer Unterschrift.

James Lee Burke lässt ein amerikanisches Trauma wieder aufleben. Das ist die Chance für Dave Robicheaux sein Leben in weiten Teilen neu zu ordnen. Denn Dallas’ Tod nagt noch immer an ihm. Ganz zu schweigen von Trish Klein. Der schwermütige Blues im Herzen von Dave, die bedrohlichen Paukenschläge, die wohl von Trish herrühren und das sanfte Wiegen der Mangroven lassen die Tage wie Nächte erscheinen, die nie ein Ende nehmen wollen. Die lähmenden Erinnerungen an den Dschungel, lösen keine Konflikte. Sie beschwören neue herauf. Und zwischendrin der Alkoholiker, Ex-Sheriff und unerbitterlicher Streiter für Recht und Gerechtigkeit Dave Robicheaux. Fast fünfhundert Seiten amerikanische Geschichte, die sich einfach nicht verbiegen lassen will. Schwarze Nächte – man muss seinen eigenen Weg durch sie hindurch finden…

 

Fall 24. Dave Robicheaux. Louisiana. Mit wem er sich wohl dieses Mal anlegen wird?! Es wird ein ganz besonderes Abenteuer werden – so viel sei schon mal verraten. Ja, auch dieses Mal ist Clete, Cletus Purcel, best buddy, Haudrauf mit Super-Adrenalin im Blut, mit von der Party. Eigentlich ist er es, der in diesem Fall die Geschichte erzählt und Dave als Nebendarsteller (also derjenige, der den Hauptakteur antreibt, ihn in die richtige Richtung treibt) an der Seite seines besten Freundes.

In Puschelhasen-Slippern, Bademantel und mit einer Knarre in der Hand in der Bademanteltasche schlurft Clete raus zu seinem 59er El Dorado. Da stehen drei echte miese Typen rum und nehmen die Karre auseinander. Das folgende Wortgefecht ist vom feinsten, was Krimiliteratur in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat. Es gab eine Verwechslung. Und nun suchen die Drei (miesen Typen), nein, sie VERsuchen den Schaden einzudämmen. Drei miese Typen auf der einen, Clete auf der anderen Seite. Was d a wohl jetzt kommen mag?! Im Comic würen jetzt Sprechblasen mit „Bang“, „Uff“, „Autsch“ folgen. Doch das ist kein Comic! Das ist ein lupenreiner Krimi, in dem nichts so ist wie es scheint. Alles spielt im Süden, wo die Sonne immer scheint. Wo Korruption und wilde Theorien über den Fortschritt des „home of the free“ eigene Wege gehen. Wo Clete zwei miese Typen mit Gewandtheit und Muskelkraft außer Kraft setzt, dem Dritten aber nur ein wenig zu lang den Rücken zukehrt… Das Kitzeln in der Nase rührt vom Schwanz seiner Katze. Cletus Purcel ist aus dem schlagartigen Dämmerschlaf zurück ins Leben gekehrt. Es folgt eine erbarmungslose Jagd auf diejenigen, die ihn in den Dämmerschlaf versetz haben. Diejenigen, die sein Auto für noch miesere Geschäfte nutzten. Diejenigen, die so miese Pläne haben, dass nur zwei Menschen auf dem ganzen Planeten die Fähigkeit besitzen ihnen das Handwerk zu legen: Cletus Purcel und Dave Robicheaux. Zusammen mit getreuen Gefolgsleuten ziehen sie in einen Krieg, der aussichtslos erscheint. „High Noon“ lässt grüßen.

Es soll wieder einmal der letzte Fall sein. Achtung Spioler: … Noch bevor Dave Robicheaux zu dem wird, der er am Ende des 23. Falles ist, sollt mit diesem Buch eine tiefgreifende Welle der Erkenntnis auf den Leser zu. Hier wird nicht gekleckert! Katrina ist noch weit weg. Und damit auch die Günstlinge der Hölle, die im Chaos danach den schnellen Dollar suchen und machen werden. Doch deren geistige Väter stehen schon in den Starlöchern. Ebenso fristet die Hysterie nach 9/11 noch ein Schattendasein im Untergrund. Miese Typen wie der mit dem T-Shirt auf dem der millionenfache Mord an Juden im Nazideutschland als ungenügend abgetan wird – so was kann man auch nur hier tragen?! – sind das willkommene Feindbild für einen wie Clete. Und erst recht für Dave. „Clete“ sprengt den Rahmen der Krimireihe auf höchst besondere Art. Der Wechsel des Erzählers bringt eine neue Note in die ohnehin ungewöhnliche Krimireihe. Als Einstieg ist Fall 24 nicht geeignet. Als Appetitmacher auf die anderen Fälle ist „Clete“ ein Kunstgriff, dem man allzu gern die Hand reicht.