Per Torhaug ist noch ein kleiner Junge als seine Leidenschaft für den Amazonas erwacht. Ihn faszinieren aber auch die norwegischen Forscher Nansen und Amundsen. Kurzum: Die Enge des norwegischen Dorfes, in dem erlebt, weckt in ihm schon früh den Drang auszubrechen. Doch die Zeit hat ihm erstmal die Schule vor die Nase gesetzt. Und Kindsein.
Das wird ihm allerdings durch die historischen Umstände schwer vermiest. Als Jahrgang 1920 wird er als Jugendlicher mit den braunen Umwälzungen der Zeit zu früh konfrontiert. Und dennoch lässt ihn der Traum vom Amazonas nicht los. Einfach die Arme ausstrecken und die Früchte in sie hineinfallen lassen – so stellt er sich diesen Flecken Erde vor. Immer warm, etwas feucht. Alles in Allem: Ein Traum.
Seine erste große reise macht 1936, zu den Olympischen Sommerspielen in Berlin. Er ist fasziniert, auch von der Gastfreundschaft der Gastfamilie, vom weltläufigen Flair der Stadt und den Sportereignissen. Als Norwegen von den Nazis besetzt wird, geht er in den Widerstand. In ihm rumort es. Die widersprüchlichen Eindrücke von Deutschland und den Deutschen beschäftigen ihn ein Lebenlang. Mit den so genanten Kvarstad-Schiffen – sie wollten mit aller Gewalt die Blockaden der Nazis in Ost- und Nordsee durchbrechen, um nach England zu gelangen – soll der Traum von der Flucht aus dem besetzten Norwegen und vom Amazonas nun Wirklichkeit werden. Doch Per Torhaug zählte nicht zu den glücklichen Passagieren, deren Schiffe durchkamen. Sachsenhausen sollte sein Trauma werden. Im KZ nördlich von Berlin war er ein „Nacht-Und-Nebel-Gefangener“, der Schwerstarbeit verrichten musste. Zentnerschwere Baumstümpfe ausgraben, nur das Nötigste auf dem Teller und permanentes Drangsalieren der Wärter. Dass es Anderen im Lager schlechter erging, war anfangs ein Lichtblick, doch im Nachgang nur eine schwacher Trost. Doch auch die Jahre in Deutschland konnten seinen Traum vom Amazonas nicht zu Erlöschen bringen.
Kirsti Eline Torhaug schreibt in „Der schmale Grat der Vernunft“ – dem ersten Teil der Amazonas-Trilogie – die Lebensgeschichte ihres Onkel Per Torhaug als biographischen Roman nieder. Sie bedient sich bewusst dieses Mittels. Dabei unterliegt sie nicht der Versuchung historische Fakten zu verdrehen, sondern sie geschickt in ihre eigene Vorstellung vom Leben ihres Onkels zu verwandeln.
Das Buch endet schließlich mit einem Neuanfang. Per Torhaug hat Krieg und Gefangenschaft überlebt. Doch in ihm arbeitet es weiterhin. Er wird Schriftsteller, schreibt über seine Erinnerungen an Sachsenhausen. Und muss mit den fürchterlichen Erinnerungen und seinem Traum vom Amazonas leben lernen.
