Coney Island = Vergnügungspark, Riesenrad, Eisstände, Karussell. Wie kann es da trist sein? Wenn die Saison zu Ende geht und der Wind die Wellen gegens Festland peitscht, dann wird’s hier schon mal ungemütlich. Besucherkommen keine mehr. Zurück bleiben die Gerippe des Ausgelassenheit. Und genau dann taucht Stephen Crane auf. Journalist und Erzähler der ersten Kategorie. Für H.G. Wells der größte. Inspirant für Hemingway. Der „Das blaue Hotel“ für die beste Geschichte Cranes hielt und „Das offene Boot“ für nicht minder. Beide Geschichten sind in diesem Band versammelt.
Stephen Crane wurde nur 28 Jahre alt. Tuberkulose war zu seinen Lebzeiten (1871 bis 1900) nur schwer heilbar. Doch er hinterließ ein Werk, das vor Kraft nur so strotzte. Überflüssige Worte gibt es bei ihm nicht. Immer auf den Punkt, manchmal sogar direkt auf die Zwölf. Alles, was er schrieb, hat er mit eigenen Augen gesehen. Erzählungen von Anderen dienten ihm als Anregung es selbst zu erleben, sich anzuschauen, den Dingen auf den Grund zu gehen.
Wer Crane liest, wird mit einem Mal in ein anderes Universum katapultiert. Das bedeutet nicht, dass man sich in einem Science-fiction-Roman wiederfindet. Nein, ganz im Gegenteil: Hier wird die US-amerikanische Realität in rechte Licht gedrückt – aber nicht so wie heutzutage. Ins rechte Licht gerückt heißt im richtigen, ungeschönten Licht zu stehen. Strahlend war sie damals schon nicht! Vergessene Helden der Arbeit, desillusionierte Tramps, ganz normale Glücksritter, die in wenig schimmernder Rüstung dem Alltag das wenig vorhandene Glück auspressen wollen.
Stephen Crane wiederzuentdecken, heißt der Realität ins Auge zu blicken, auf Augenhöhe und vor allem ohne Filter. So trist die Szenerie scheinen mag, so intensiv sind seine Schilderungen von rettungslosen Situationen, in denen sich seine Figuren schlafwandlerisch bewegen. Crane weckt sie nicht auf. Er überlässt sie ihrem Schicksal und folgt ihnen auf Schritt und Tritt. Und als Leser darf man dabei auch mal im Staub selbigen aufwirbeln, wenn einem etwas nicht passt. Crane lässt wenig Platz für Interpretationen. Er zeichnet auf, prangert nicht an. Er notiert, stöhnt nicht lautmalerisch. Er skizziert, und hinterlässt bleibende Eindrücke. Und das gleich dreizehn Mal in diesem Buch.
Da hilft man, wo man kann, stürzt sich wortwörtlich ins Feuer, trägt erhebliche Blessuren davon – und was ist der Dank? Man wird geächtet, gemieden. Und das nur, weil man äußerlich nicht (mehr?) der Norm entspricht! Selbst die, die einem noch beistehen, bekommen ihr Fett weg. Die Welt ist ungerecht!
Stephen Crane hat das erkannt und hat in seinem umfangreichen Werk sich genau dieser Menschen angenommen. Er erkannte, dass jedes Handeln unweigerlich eine Reaktion hervorruft, meist nicht die beste. Je bedeutsamer die Tat, desto weiter klafft die Schere der Reaktion auseinander.
Henry Johnson ist der schwarze Angestellte im Hause der Trescotts. Als Stallknecht – allein schon die Bezeichnung „-knecht“ deutet schon darauf hin, dass er die höchste Stufe der Anerkennung bereits erreicht hat – ist er der Familie verbunden. Als ein Feuer ausbricht, wird er zum Helden. Denn er ist es, der den kleinen Jimmie aus den Flammen rettet, während andere nur klagen und um ihr Hab und Gut bangen. Dabei trägt Henry Johnson Narben davon. Zuerst äußerlich, doch schon kurze Zeit später auch innerlich. Der Hausherr steht ihm bei. Schließlich hat er sich todesmutig in die Flammen gestürzt. Dr. Trescott muss aber bald einsehen, dass sich für einen Schwarzen – das Monster – einzusetzen auch für ihn als Weißen der Oberschicht weitreichende Folgen hat.
In einer weiteren Geschichte wird dem kleinen Horace eingeschärft, dass er am heutigen Tage ohne Ausreden sofort nach der Schule nach Hause kommen soll. Und nicht wie immer seine Zeit vertrödelt. Und schon gar nicht wieder etwas verlieren soll. Schon gar nicht seine neuen roten Handschuhe. Es kommt anders! Kinder! Als er endlich zuhause ankommt, wird er mit einer bitteren Realität konfrontiert. Anhaltendes schlechtes Gewissen einreden inklusive…
Stephen Crane schaut dem Volk nicht nur aufs Maul. Er gehört zu ihnen. In seinem viel zu kurzen Leben (1871 bis 1900) lebte er zusammen mit Bettlern auf der Straße, legte sich mit der Obrigkeit an. Er wusste wovon er schrieb. Und mit präziser Wortwahl vereinnahmte er eine riesige Leserschaft. Ernest Hemingway nannte ihn die Inspirationsquelle für einen einsamen Fischer. Paul Auster huldigte ihm, in dem er „Das Monster“ als großartigste Werk von Stephen Crane“ adelte.
In drei Bänden sind alle bekannten Werke auf Deutsch erschienen. Jede einzelne Geschichte bis hin zum Kurzroman schließen mit der Umwelt keinen Frieden, sondern sind nachdenkliche Fetzen einer unnachgiebigen Welt.
Man kann es sich gut vorstellen: Ende des 19. Jahrhunderts. New York. Künstler. Das pralle Leben sieht anders aus. Alles ist halb – halb voll für Optimisten und halb leer für Pessimisten. Und zwischendrin diejenigen, die rational und nüchtern ihr Situation einschätzen. Im Kühlschrank muss _ muss! – immer was sein, was man verzehren kann. Und sei es noch so wenig, noch so … halb.
Im zweiten Band mit Kurzgeschichten von Stephen Crane – dem Wegbereiter der modernen amerikanischen Literatur – geht es hauptsächlich um knurrende Mägen und wie man ihnen etwas entgegensetzt bzw. vorsetzt. New York war Ende des 19. Jahrhunderts schon ein Anziehungspunkt für alle, die es schaffen wollten. Doch wer etwas aus sich machen will muss nicht nur einzigartige Ideen haben, sondern auch einen passenden Schlachtplan. Marketing. Es geht nicht ohne. Denn was nützt das beste Produkt, wenn es keiner kauft. Und als Künstler ist die Verbindung von Hand und Magen meist gekappt.
Stephen Crane schriebt hier nicht einfach nur mal so ein paar Geschichten, die er sich aus den Fingern gesaugt hat. Er wusste ganz genau wovon er spricht. Er trieb sich auf den Straßen rum – unfreiwillig. Vagabunden waren ihm näher als die high society. Heutzutage wäre er ein Star. Mit einem Image. Das Marketing würde heute vielleicht besser funktionieren als am Ende des 19. Jahrhunderts.
Seine Geschichten sind so lebendig, dass man auch heute noch, mehr als einhundert Jahre später, jedes einzelne Wort genau so für bare Münze nehmen kann. Lässt man social media mal weg. Es ist hart als Künstler in Ruhe wirken zu können. Das war so, das ist so, das wird wohl auch immer so ein.
Noch elender – und das ist eine weitere Geschichte in diesem Buch – ergeht es denen, die sich nicht zu wehren wissen. Ein Junge nimmt einen kleinen Hund mit nach Hause. Die Familie ist wenig begeistert von noch einem Essermehr am bzw. unterm Tisch. Doch der Vater – aus nicht gerade verständlichen Gründen – stimmt zu, dass das Tier bleiben kann. Hund und Junge werden ein untrennbares Gespann. Doch die Laune des Vaters ist unberechenbar… Eine erschreckend offene Geschichte, die jedem Tierfreund Fäuste ballen lässt.
Mit bestechender Ehrlichkeit, ohne viele Schnörkel bricht sich Stephen Crane seinen Weg in die Herzen der Leser. Mal bekommt man unendliches Mitgefühl, mal bricht sich der Hass bahn.
„Auf in den Kampf, Torero“ – na, da kann man ja noch mitgehen. Ist ’ne Oper mit schwungvollen Melodien. Henry Fleming ist ein Jugendlicher, der den amerikanischen Bürgerkrieg endlich selbst miterleben will. Was heutzutage für viele immer noch seltsam anmutet, ist für ihn der einzig mögliche Weg ein Mann zu werden. Und gegen den Süden zu kämpfen, die immer noch in alten Schemata verhaftet sind, ist ja keine so schlechte Sache. Doch der Enthusiasmus weicht als der Alltag einkehrt. Langweile – Warten – sich in Geduld üben. Nix mit Schießen, Ängste schüren, Siegen.
Was sich so schnell und salopp dahersagt, wird bald schon nur noch ein blasse Erinnerung sein. Denn das Gemetzel erhebt sich wie ein drohender Feuerball von Jetzt auf Gleich über die grauen Schützengräben. Nicht Wenige nehmen die Füße in die Hand und türmen. Vorbei die „Hurrays“. Wenn die Kugeln einem um die Ohren fliegen, ist einem das eigene Leben ganz bewusst und verdammt nah. Zum Teufel mit der Gruppendisziplin.
Young Henry zetert, er ringt mit sich selbst. Das Leid, die Leiber um ihn herum fressen an seinem jugendlichen Nervenkostüm. Da ist niemand, mit dem er sich austauschen kann. Er ist allein. Ganz allein. Um ihn der Krieg. Und der ist erbarmungslos. Schonzeit kennt er nicht.
Und mit einem Mal … bäng … ist er wieder mittendrin. Eben noch auf der Flucht vor dem Kugelhagel trifft ihn eine Kugel. Keine lebenswichtigen Organe verletzt. Trotzdem fließt Blut. Und das wird ihm bald schon zu Ruhm und Ehre gereichen. Denn diese Wunde wird bei seiner Rückkehr zur Truppe als Zeichen Mut und Tapferkeit anerkannt. Seine rote Tapferkeitsmedaille…
Stephen Crane war Kriegsberichterstatter. Nicht in dem von ihm beschriebenen Bürgerkrieg. Als er auf der Straße lebte traf er Veteranen, die ihn durch- und überlebten. Ihre Erzählungen sind der Grundstock für diesen eindrucksvollen Roman, der ihn den USA denselben Stellenwert hat wie „Im Westen nichts Neues“ in Europa. Die Intensität seiner Worte, die schonungslose Sprache lassen den Leser wissen, dass er ein ganz besonderes Werk in den Händen hält. Angereichert mit einem zweiten Ende. Denn in „Der Veteran“ erzählt Old Henry, der gealterte Henry Fleming aus seinem Leben nach dem Krieg.
In einer Zeit, in der in den USA Bücher aus Bibliotheken und Unterrichtsräumen verbannt werden, weil es möglich ist, muss man diesem Roman einen besonderen Stellenwert beimessen. Alle, die am Krieg verdienen, sollten nicht nur wegen des Buches, sich verschämt in die Ecke zurückziehen und nachdenken, wie sehr Blut an ihren Konten klebt. Die Hauptfigur ist Fiktion, doch die Geschichten sind wahr, sind so oder so ähnlich passiert. Und immer noch wird diskutiert, ob es nicht doch manchmal sinnvoll ist Krieg zu führen?
Er hat eigentlich alle erreicht: Frau, Erfolg als Journalist und Autor. Und doch ist da noch diese eine Sache. Tuberkulose. Die bekommt Stephen Crane nicht in den Griff. Seine „Rote Tapferkeitsmedaille“ – der Roman, der ihn auch außerhalb Amerikas bekannt gemacht hat – wird seinen Ruhm auch nach seinem Ableben überdauern. Doch so schnell will und wird er nicht aufgeben. In Badenweiler, Deutschland, will er sein Leben kurieren. Und schon die Ankunft sorgt bei ein paar Menschen für Kribbeln im Bauch. Zum Beispiel bei Schwester Elisabeth. Sie arbeitet im Sanatorium in Badenweiler. Cranes „Monster“ hat es ihr angetan. Denn auch ihr Gesicht ist – wie das des Helden im Roman“ – durch Narben entstellt. Und sie kennt seine Bücher. Sie hat sie verschlungen. Alle! Weiche Knie sind die ersten Symptome einer ebenso wenig heilbaren Krankheit wie Tuberkulose.
Es ist das Jahr 1900. Das Jahrhundert hat begonnen (eigentlich beginnt es erst am 1.1. 1901, aber so pingelig war man damals noch nicht. Schließlich schreibt man nun eine 19 statt der 18.) und damit sind große Hoffnungen verbunden. Dass dieses schon knapp eineinhalb Jahrzehnte später in Schutt und Asche gelegt werden, ahnt man nicht – Crane wird es nicht erleben. Dabei hätte sein Hauptwerk, ebendiese „Rote Tapferkeitsmedaille!“ für so manch geöffnetes Auge sorgen können. Können, denn das Buch ist bis heute mit „Im Westen nichts Neues“ ein aufklärerisches Buch, was Krieg wirklich bedeutet und trotzdem schießt man sich immer noch die Körper wund.
Nun, Stephen Crane kommt im idyllischen und so gar nicht mit New York vergleichbaren Badenweiler an. Der Heilungsplan wird erstellt. Die Behandlung beginnt. Schwester Elli, Elisabeth, wird ihm zugeteilt. Sie ist verzückt, er ist fast schon verrückt. Nach ihr. Zarte Bande werden geknüpft. Es darf nicht sein, was nicht sein darf. Er ist verheiratet. Sie ist rein optisch nicht unbedingt die beste Partie. Das klingt sehr oberflächlich. Aber genau dort sollte sich die Romanze – sofern es irgendwie erlaubt sein sollte – auch stattfinden. Doch es kommt anders.
Andreas Kollender nützt das Mittel der fiktionalen Biographie bewusst, um einer unerfüllten Liebe den kitschfreien Raum zu geben, der ihr zusteht. Gekonnt flechtet er Parallelen zu den Geschichten (in „Das Monster“ erkennt sich Eli eindeutig wieder), um beiden Gemeinsamkeiten zu entdecken. Das ist sicher nicht alles so passiert. Aber es könnte genauso passiert sein. Schiebt man die Zweifel an der kompletten Wahrheit beiseite, taucht man in eine Welt ein, die genauso wenig perfekt ist wie die von heute, von damals, wie die Beziehung von Eli und Stephen. Die überall spürbare Verbundenheit wiegt den eventuellen Makel der Fiktion mit einem Handstreich auf. Und so muss man sich am Ende eingestehen: Ja, das war so! Punkt. Aus. Schluss. Ende. Für Stephen Crane kam es viel zu früh, mit nicht einmal dreißig Jahren. Und es endete mit einer unerfüllten Liebe…




