Inspector Morse – Oxfford

Klingt wie Strafarbeit: Einen Fall bearbeiten, in dem schon seit Jahren keine Bewegung mehr gekommen ist. Chief Inspector Morse beißt in diese Zitrone und macht Limonade daraus.

Der Teenager Valerie Taylor ist seit zwei Jahren spurlos verschwunden. Seitdem gibt es kein Lebenszeichen mehr von dem Mädchen. Keine guten Voraussetzungen, um den Fall noch zu einem guten Ende zu bringen, ihn überhaupt beenden zu können oder gar ein kleines Lob vom Chef einzuheimsen. Auf letztes kann Chief Inspector Morse verzichten, die anderen Punkte wurmen ihn schon. Auch weil er seiner Spürnase nicht vertrauen will. Denn die schnüffelt den Hauch des Todes. Nach so langer Zeit kann das Mädchen einfach nicht mehr am Leben sein.

Inspector Ainley hatte den Fall zuletzt bearbeitet. Ja, er hatte sich richtig in ihn verbissen. Hatte sogar so was wie eine neue Spur. Verdammt heißt sogar. Doch Ainley war unvorsichtig. Bei einem Überholmanöver übersah er einen von hinten heranrasenden Wagen. Das war sein Ende. Das war ein Tag zu Vergessen. Einen Tag später wurde ein Brief in einen Briefkasten eingeworfen. Man solle sich keine Sorgen machen. Alles ist gut. Unterschreiben von Valerie Taylor. Wie kann das sein?

Sergeant Lewis, der gewissenhafte, streng nach den Vorschriften handelnde Assistent von Morse muss einige Male über seinen Schatten springen, um Morse eine echte Hilfe zu sein. Von Besuchen in der Schule Valeries über eine Müllkippe bis in die miefigsten Stripclubs treibt es das ungleiche Ermittlerpaar. Nach und nach werden ihre Eskapaden zu einem düsteren Bild zusammengefügt. Rückschläge inklusive. Ziemlich schnell wird klar, dass der Brief erst bei ganz genauem Hinsehen nicht aus der Feder von Valerie Taylor stammen kann. Viel Aufwand für einen Fall, der eigentlich als ungelöst in den feuchten Kellern vor sich hinvegetieren kann, soll, und es auch lange Zeit tat. Und genau dieser Aufwand, der seltsame Tod, der noch seltsamere Brief lassen Morse nicht aufgeben.

Alles scheint sich auf die Schule, die Valerie besuchte, zu verdichten. Nur eine Theorie: Der Direktor Mr. Phillipson schien etwas mit seiner Schülerin „gehabt zu haben“. Sein Stellvertreter Baines bekam Wind davon und erpresste seinen Chef. Auch der Französischlehrer Acum ist irgendwie in die Sache verwickelt. Morse hält alle Mosaikteilchen in der Hand. Nur ergeben sie noch kein richtiges Bild. Klarer wird dieses Bild erst als Baines blutbefleckt vor seinem Kühlschrank hockt. Aus dem Rücken ragt noch der Griff eines Messers…

Colin Dexter lässt Chief Inspector Morse an der langen Leine ermitteln. Doch das andere Ende der Leine befestigt er am Pflock des Zweifels. Morse kommen die wildesten Theorien in den Sinn. Alle mit einem Funken Wahrheit. Bis der überspringt hat man mehr als dreihundert Seiten Zeit sich an der Spurensuche zu beteiligen.

 

Wohin fährt ein gerissener Inspector in den Urlaub? An den Tatort! Was wie ein schlechter Witz klingt, ist für Inspector Morse traurige Gewissheit. Griechenland sollte es werden, und Oxford ist es geblieben. Wäre er doch … dann hätte er … alles wäre so schön. Doch die Gemeinde St. Fridewide’s bietet genügend Spannung, um die freien Tage genießen zu können. Vielleicht passiert ja doch noch was. Da irrt der Inspector. Es ist schon passiert. Gar nicht so lange her.

Da wurde der Kirchenvorsteher Harry Josephs erstochen. Und schon kurze Zeit später stürzte der Pfarrer Lionel Lawson vom Kirchturm. Pfarrer Lawson wusste, dass Josephs sich gern mal aus der Kollekte bediente. Denn Lawson legte selbst immer eine Fünf-Pfund-Note in die Kollekte, und er merkte sich die letzten drei Ziffern des Scheins. Cleveres Bürschchen, dieser Pfarrer. Der Fall lag für die örtliche Polizei klar auf der Hand. Der Pfarrer hat den Kirchenvorsteher ermordet und konnte dann nicht mehr mit der schändlichen Tat leben und zog die Konsequenzen. Fall gelöst, Akte geschlossen. Nicht für Morse. Er kann sogar höhere Stellen davon überzeugen noch einmal zu ermitteln. Aber nur zusammen mit seinem Assistenten Lewis.

Bei den Recherchen tut sich dem Ermittlerduo ein wahrer Sündenpfuhl auf. Brenda, verwitwete Josephs war relativ schnell nach dem Tod ihres Gatten verschwunden. Ebenso Paul Morris, Musiklehrer und Organist in der Kirche. Sein Sohn Peter wurde auch schon lange nicht mehr gesehen. Inspector Morse weiß wo sie sind. Sie sind tot!

Apropos lange nicht mehr gesehen. Philip Lawson hat seinen Bruder Lionel, den Pfarrer auch schon lange nicht mehr gesehen. Oder doch nicht? Inspector Morse entdeckt im Nebel der Ermittlungen erste Lichter, die ihn erhellen sollen. Pfarrer Lawson hatte immer ein offenes Ohr für die, die am Rande der Gesellschaft knien. Es kam öfter vor, dass Obdachlose, Bettler und Gestrandete bei ihm eine Mahlzeit bekamen, ein paar Münzen oder gar eine Unterkunft fanden.

Morse hat einen dieser Bedürftigen auch schon kennengelernt. Der schwärmte regelrecht von dem ehemaligen Pfarrer. Morse ist gerührt, aber auch irritiert. Für einen Bettler hat der Mann verdammt gepflegte Hände… Zurück zu den Morden. Die Vergangenheit holt so manchen im beschaulichen Nord-Oxford wieder ein. Liaisons zerbrechen, Allianzen werden verleugnet. Nur drei Sachen stehen fest verwurzelt in der sündigen Erde Oxfords: Das Bier schmeckt, Lewis ist ein guter Tippgeber und Inspector Morse wird den Fall lösen.

Colin Dexter lässt seinen Inspector ganz schön zappeln. Jeder hier im Ort erreicht schon nach kurzer Zeit den Status eines potentiellen Verdächtigen. Bei dieser Masse muss er aussieben. Und schon bald muss er sich sputen. Denn der Fall der beiden Toten wird schon bald mit frischem Blut genährt.