Inspector Morse – Oxford

Woodstock – das ist Love, Peace and Harmony. Aber nur, wenn man an das Jahr 1967 und das immer noch präsente Musikfestival denkt. Inspector Morse hat mit derlei Spektakel nichts am Hut. Er genießt die Architektur des Städtchens Woodstock, das in seinem Revier in Oxford, England liegt. Ein wahrhaft idyllischer Platz. Blöd nur, wenn ausgerechnet hier eine Leiche gefunden wird. Dann kann herum noch so schön sein – die Idylle ist ein für allemal getrübt.

Der Black Prince Pub ist einer von vielen Pubs in Woodstock. Früher sollen sich hier mal die Royals vergnügt haben. Legende oder Wahrheit? Dem Pub hat es nicht geschadet. Was allerdings schaden könnte, dass zwischen den geparkten Autos der geschändete leblose Körper von Sylvia Kaye liegt. Ein junges Ding, das sich von ihrer Freundin verführen ließ nicht länger auf den Bus nach Woodstock zu warten, sondern per Anhalter zu fahren. Nur wenige Minuten Geduld hätten ausgereicht, und beide könnten noch gemeinsam …

Inspector Morse verwundert die Tatsache, dass sich niemand auf die Aufrufe meldet. Eine ältere Dame erzählte ihm, dass zwei junge Damen an der Haltestelle auf den Bus warteten. Eine war Sylvia – das steht fest. Aber was ist mit dem zweiten Mädchen, der zweiten jungen Dame? Warum meldet die sich nicht? Kennt sie den Fahrer, der mit ziemlicher Sicherheit der Vergewaltiger und Mörder von Sylvia Kaye ist? Jennifer Coleby – so viel Morse schon rausbekommen – ist ein aufmüpfiges bis gerissenes junges Ding. Sie würde ohne mit der Wimper zu zucken ihre Falschaussage unterschreiben. Denn sie war es, die Sylvia an der Haltestelle zurückließ, bevor die sich dann doch überzeugen ließ mit ihr und dem Fremden davon zu düsen.

Bernard Crowther, Englisch-Lehrer am College, ist ein gern gesehener Gast im Black Prince. Gebildet, ein guter Zuhörer und gern gewillt eine Runde zu schmeißen. Doch daheim ist er ein Scheusal. Die beiden Kinder und seien Frau sind im herzlich egal. Und das lässt er immer häufiger auch durchblicken. Als Verdächtiger taugt er in Morse’s Augen nur bedingt. Aber er taugt.

Inspector Morse hat genügend Theorien, um alle Fälle bis zu seiner Pensionierung lösen zu können. Doch wie er schon selbst ausgerechnet hat, kann es nur einen Täter geben. Und der steht ihm näher als der denkt…

Inspector Morse und sein Sergeant Lewis sind einsam an der Spitze der modernen englischen Kriminalliteratur. Einsam sind aber trotzdem nicht, denn sie haben ja jede Menge Verdächtige um sich, mit denen sie sich unterhalten können, Rätsel lösen, Falle stellen können. Als Leser darf man dem teils schaurigen Schauspiel aus der ersten Reihe zuschauen.

 

Klingt wie Strafarbeit: Einen Fall bearbeiten, in dem schon seit Jahren keine Bewegung mehr gekommen ist. Chief Inspector Morse beißt in diese Zitrone und macht Limonade daraus.

Der Teenager Valerie Taylor ist seit zwei Jahren spurlos verschwunden. Seitdem gibt es kein Lebenszeichen mehr von dem Mädchen. Keine guten Voraussetzungen, um den Fall noch zu einem guten Ende zu bringen, ihn überhaupt beenden zu können oder gar ein kleines Lob vom Chef einzuheimsen. Auf letztes kann Chief Inspector Morse verzichten, die anderen Punkte wurmen ihn schon. Auch weil er seiner Spürnase nicht vertrauen will. Denn die schnüffelt den Hauch des Todes. Nach so langer Zeit kann das Mädchen einfach nicht mehr am Leben sein.

Inspector Ainley hatte den Fall zuletzt bearbeitet. Ja, er hatte sich richtig in ihn verbissen. Hatte sogar so was wie eine neue Spur. Verdammt heißt sogar. Doch Ainley war unvorsichtig. Bei einem Überholmanöver übersah er einen von hinten heranrasenden Wagen. Das war sein Ende. Das war ein Tag zu Vergessen. Einen Tag später wurde ein Brief in einen Briefkasten eingeworfen. Man solle sich keine Sorgen machen. Alles ist gut. Unterschreiben von Valerie Taylor. Wie kann das sein?

Sergeant Lewis, der gewissenhafte, streng nach den Vorschriften handelnde Assistent von Morse muss einige Male über seinen Schatten springen, um Morse eine echte Hilfe zu sein. Von Besuchen in der Schule Valeries über eine Müllkippe bis in die miefigsten Stripclubs treibt es das ungleiche Ermittlerpaar. Nach und nach werden ihre Eskapaden zu einem düsteren Bild zusammengefügt. Rückschläge inklusive. Ziemlich schnell wird klar, dass der Brief erst bei ganz genauem Hinsehen nicht aus der Feder von Valerie Taylor stammen kann. Viel Aufwand für einen Fall, der eigentlich als ungelöst in den feuchten Kellern vor sich hinvegetieren kann, soll, und es auch lange Zeit tat. Und genau dieser Aufwand, der seltsame Tod, der noch seltsamere Brief lassen Morse nicht aufgeben.

Alles scheint sich auf die Schule, die Valerie besuchte, zu verdichten. Nur eine Theorie: Der Direktor Mr. Phillipson schien etwas mit seiner Schülerin „gehabt zu haben“. Sein Stellvertreter Baines bekam Wind davon und erpresste seinen Chef. Auch der Französischlehrer Acum ist irgendwie in die Sache verwickelt. Morse hält alle Mosaikteilchen in der Hand. Nur ergeben sie noch kein richtiges Bild. Klarer wird dieses Bild erst als Baines blutbefleckt vor seinem Kühlschrank hockt. Aus dem Rücken ragt noch der Griff eines Messers…

Colin Dexter lässt Chief Inspector Morse an der langen Leine ermitteln. Doch das andere Ende der Leine befestigt er am Pflock des Zweifels. Morse kommen die wildesten Theorien in den Sinn. Alle mit einem Funken Wahrheit. Bis der überspringt hat man mehr als dreihundert Seiten Zeit sich an der Spurensuche zu beteiligen.

 

Spätherbst in Oxford, für Nicholas Quinn ist es der Sommer. Denn der fast taube Dozent für Englisch ist das neue Mitglied des Verbands der Auslandsprüfungen der Oxford-Universität. Die Entscheidung, ob er oder ein weiterer Kandidat geeigneter wären, fiel der Kommission nicht leicht. Sechs von elf Stimmen konnte Quinn auf sich vereinen. Nun hat ihn der Alltag eingefangen. Tagungen, Sitzungen, Gespräche mit potentiellen Geldgebern – Oxford ist mehr als nur eine Schul- und Universitätsstadt, auch hier regiert der schnöde Mammon. Die Schwerhörigkeit stört auch kaum noch jemanden. Außer beim telefonieren, da ist Quinn echt anstrengend. Amüsiert sieht man hingegen darüber hinweg, wenn er statt Königin Elisabeth Königin Lisas Bett versteht – ein Gag, der wohl im Deutschen als auch im Englischen funktioniert.

Doch nach schon wenigen Wochen wird Nicholas Quinns Stelle im Verband wieder frei. An einem Dienstagmorgen findet man ihn regungslos in seiner Wohnung. Tot. Vergiftet. Alle sind ratlos. Ja, es gab ein paar Unstimmigkeiten wegen seiner Berufung. Erst durch das Engagement von Mr. Roope, der zufällig am gleichen College wie Quinn studierte, etwa im gleichen Alter ist, wurde Quinn die Stelle zugesprochen.

Inspector Morse muss bei seinen Ermittlungen nicht bei null anfangen, sondern bei Minus irgendwas. Der Verband wird straff von Dr. Bartlett geführt. Wer kurz verschwindet muss zumindest eine kurze Nachricht hinterlassen wo er ist und wann er wieder zurück zu sein beliebt.

Solange die Obduktion kein klares Ergebnis liefern kann, versucht Morse den Tatzeitpunkt selbst zu ermitteln. Und das ist gar nicht so einfach! War Quinns am Freitag oder am Samstag noch einkaufen? War er im Kino? Wenn ja, allein oder in Gesellschaft? Hat er überhaupt noch Angehörige? Im Dunkeln tappen ist gegen diese Ermittlung ein echtes Sonnenbad!

Doch die Beteiligten geben Morse immer wieder kleine Hinweise, die er aber erst in der Masse der zusammengetragenen Erkenntnisse deutliche sehen kann. Sergeant Lewis fühlt sich hingegen wieder wie auf der Schulbank. Morse gibt ihm eine Denkaufgabe nach der anderen.

Colin Dexter holt im dritten Roman der Oxford-Reihe mit Inspector Morse zum ganz großen Schlag aus. Der oder die Täter sind intelligente Täter. Nichts geschieht impulsiv. Jeder Schritt ist durchdacht. Jedes Alibi morse-abweisend. Doch nicht zu hundert Prozent. Morse selbst ist nicht auf den Kopf gefallen. Er durchschaut nach anfänglichen Schwierigkeiten die Denkweise der Täter. Quinns Behinderung ist der Schlüssel zu einem Rätsel, das Morse lange in Schach hält, ihn aber umso vernehmlicher triumphieren lässt.

 

Wohin fährt ein gerissener Inspector in den Urlaub? An den Tatort! Was wie ein schlechter Witz klingt, ist für Inspector Morse traurige Gewissheit. Griechenland sollte es werden, und Oxford ist es geblieben. Wäre er doch … dann hätte er … alles wäre so schön. Doch die Gemeinde St. Fridewide’s bietet genügend Spannung, um die freien Tage genießen zu können. Vielleicht passiert ja doch noch was. Da irrt der Inspector. Es ist schon passiert. Gar nicht so lange her.

Da wurde der Kirchenvorsteher Harry Josephs erstochen. Und schon kurze Zeit später stürzte der Pfarrer Lionel Lawson vom Kirchturm. Pfarrer Lawson wusste, dass Josephs sich gern mal aus der Kollekte bediente. Denn Lawson legte selbst immer eine Fünf-Pfund-Note in die Kollekte, und er merkte sich die letzten drei Ziffern des Scheins. Cleveres Bürschchen, dieser Pfarrer. Der Fall lag für die örtliche Polizei klar auf der Hand. Der Pfarrer hat den Kirchenvorsteher ermordet und konnte dann nicht mehr mit der schändlichen Tat leben und zog die Konsequenzen. Fall gelöst, Akte geschlossen. Nicht für Morse. Er kann sogar höhere Stellen davon überzeugen noch einmal zu ermitteln. Aber nur zusammen mit seinem Assistenten Lewis.

Bei den Recherchen tut sich dem Ermittlerduo ein wahrer Sündenpfuhl auf. Brenda, verwitwete Josephs war relativ schnell nach dem Tod ihres Gatten verschwunden. Ebenso Paul Morris, Musiklehrer und Organist in der Kirche. Sein Sohn Peter wurde auch schon lange nicht mehr gesehen. Inspector Morse weiß wo sie sind. Sie sind tot!

Apropos lange nicht mehr gesehen. Philip Lawson hat seinen Bruder Lionel, den Pfarrer auch schon lange nicht mehr gesehen. Oder doch nicht? Inspector Morse entdeckt im Nebel der Ermittlungen erste Lichter, die ihn erhellen sollen. Pfarrer Lawson hatte immer ein offenes Ohr für die, die am Rande der Gesellschaft knien. Es kam öfter vor, dass Obdachlose, Bettler und Gestrandete bei ihm eine Mahlzeit bekamen, ein paar Münzen oder gar eine Unterkunft fanden.

Morse hat einen dieser Bedürftigen auch schon kennengelernt. Der schwärmte regelrecht von dem ehemaligen Pfarrer. Morse ist gerührt, aber auch irritiert. Für einen Bettler hat der Mann verdammt gepflegte Hände… Zurück zu den Morden. Die Vergangenheit holt so manchen im beschaulichen Nord-Oxford wieder ein. Liaisons zerbrechen, Allianzen werden verleugnet. Nur drei Sachen stehen fest verwurzelt in der sündigen Erde Oxfords: Das Bier schmeckt, Lewis ist ein guter Tippgeber und Inspector Morse wird den Fall lösen.

Colin Dexter lässt seinen Inspector ganz schön zappeln. Jeder hier im Ort erreicht schon nach kurzer Zeit den Status eines potentiellen Verdächtigen. Bei dieser Masse muss er aussieben. Und schon bald muss er sich sputen. Denn der Fall der beiden Toten wird schon bald mit frischem Blut genährt.

 

Glück im Spiel, Pech in der Liebe. Ganz so schwarz und weiß ist das Leben von Inspector Morse nun auch wieder nicht, doch es kommt dem Kern ziemlich nahe. Würde der Inspector ein Verhältnis mit dem Verbrechen haben, wäre es eine langanhaltende fruchtbare Liaison. Oder anders gesagt: Fälle lösen kein Problem, eine Frau an sich binden eine stets geöffnete Akte. Ein lösbarer Fall. Mit Anne könnte sich das ändern. Einen ganzen Abend umschifft er eloquent jedes Fettnäpfchen. Der Inspector und Anne – das könnte was werden. Doch der Inspector wird zu einem Mord gerufen. Keine Zeit Anne Scott weiter kennenzulernen. Doch er hat ihre Adresse, Canal Reach Nr. 9 in Jericho, im Süden von Oxford.

Und dort steht er kurze Zeit (ehrlich gesagt für jemanden, der mehr als nur einen Höflichkeitsbesuch abstatten will eine sehr lange kurze Zeit später) später vor der Tür, der offenen Tür. Doch von Anne Scott keine Spur. Wieder mal eine Spur, die ins Nichts führt? Und da oben – da brennt doch ein schwaches Licht. So als ob jemand die Tür einen Spalt offen gelassen hat und ein Schimmer in einen dunklen Raum fällt. Auch auf lautes Nachfragen meldet sich niemand, keine Anne und auch sonst keiner. Morse geht wieder. Schließlich ist er in Jericho, um einen Vortrag zu hören.

Beim anschließenden Empfang oder Umtrunk ist alles wie gehabt. Morse steht mit einem Glas in der Hand allein in der Ecke. Wie einfach war es doch mit Anne. Draußen schlägt der Regen unaufhörlich gegen die Scheiben. Wie ein monotoner Beat, passend zur grauen Stimmung des ausklingenden Abends. Wie ein Licht in dunkler Nacht blitzen blaue Lichter auf. Ebenso Sirenengeheul. Morse‘ Aufmerksamkeit ist geweckt. Das ist seine Chance der trögen Veranstaltung zu entkommen.

Er biegt um Ecken, die er zuvor schon gegangen ist. In die Canal Street und dann ab in Canal Reach. Vor dem Haus Nummer Neun versammelt sich das Sirenengeheul und das blau blinkende Lichtermeer. Morse stockt ein wenig der Atem. Als Chief Inspector in Oxford kennt man ihn. Lässt ihn rein, lässt ihn Fragen stellen. Doch das hier ist nicht seine Baustelle. Nicht offiziell. Privat schnürt es dem begeisterten Pubgänger den Atem zu. Anne Scott ist tot. Erhängt. Kein Abschiedsbrief.

Der Titel des Buches lässt es schon erahnen: Anne Scott wird nicht einzige Leiche in Jericho bleiben. Weitere werden folgen. Und Morse? Wie soll er mit der Situation umgehen? Schließlich wer er – kurz vor dem Mord? – noch im Haus der Erhängten. Fremdverschulden schließen die Kollegen erstmal aus. Doch da war doch dieses Licht…

 

Die Redewendung „Dümmer als (es) die Polizei erlaubt“ ist für niemanden schmeichelhaft. Doch schlauer bzw. besser informiert zu sein als Inspector Morse ist eins Ehre. Der Leser dieses (des sechsten) Falls von Morse in Oxford darf sich geehrt fühlen. Denn die Lösung des Falles hat ihre Wurzeln in weit zurückliegender Zeit. Mitte der Vierzigerjahre. So viel sei schon mal verraten.

Der Rektor des Lonsdale Colleges und Inspector Morse sitzen gemütlich beim Bier zusammen. Doch so zufällig dieses treffen scheint, so erfreulich, dass die beiden Freunde sich mal wieder sehen, so unwillkommen ist der Anlass. Dr. Browne-Smith, mit „e“ und Bindestrich, ist weder beliebt bei den Kollegen der Prüfungskommission noch bei den Studenten ist scheinbar verschwunden. Ein harter Hund, der Strenge vor Recht ergehen lässt. Was der so alles in seiner Freizeit treibt … könnte ihn fast schon den Job kosten. Aber das weiß – und wieder ein Punkt für den Leser – ja bis zu diesem Zeitpunkt niemand. Man solle sich um seine Wohnung kümmern, das Essen abbestellen. So was sehe ihm gar nicht ähnlich, meint der Rektor. Der Zettel mit der ungewöhnlichen Bitte wurde dem Rektor zu einem wohlbedachten Zeitpunkt zugesteckt. Da stimmt was nicht, weiß der Rektor. Aber was? Morse verspricht dem alten Freund die Sache nicht zu vergessen und im Ernstfall sich zu melden oder wenn möglich einzuschreiten. Mehr kann er momentan nicht tun.

Und außerdem muss er sich um die erste Leiches des Buches kümmern. Im Oxford-Kanal schwimmt sie herum. Nicht ganz komplett, unter anderem fehlt der Kopf, was die Identifizierung ungemein erschwert. Allerdings hat der Tote einen Brief bei sich. Zugegeben etwas kryptisch, unvollständig. Als eingefleischter Kreuzworträtselfreund ist Morse der Lösung des Falles einen großen Schritt nähergekommen. Wenn denn seine Version des Briefes zutrifft…

Ein Sonntagmorgen im beschaulichen Oxford hat einen Erholungswert, den man nicht unterschätzen darf. Eine Stellung in einem der Colleges sichert einem ein durchaus sorgenfreies Leben. Aber nur solang bis die Vergangenheit auch das bleibt, was sie ist. Türmen sich erste Erinnerungswolken auf, so ist schlechtes Wetter im Anmarsch. Da kann man nur hoffen, dass Chief Inspector Morse nicht im Pub sitzt, sondern seine besonderen Fähigkeiten gezielt einsetzen wird.