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Kleine Geschichte des Gardasees

Es ist sicher keine Erfindung der Moderne, dass es am Gardasee ziemlich wenig Platz gibt. Diese saloppe Erkenntnis gewinnt man schon auf den ersten Seiten dieses Buches. Denn der Gardasee war schon immer ein begehrtes Ziel. Nicht nur für Touristen, sondern für Weltmächte, Herrscher und Machthungrige aller Zeiten. Die Römer, die Lombarden, Hunnen, Barbaren und schlussendlich die auspuffbegasten, motorisierten Sonnenhungrigen der Welt. Der Gardasee – wer einmal da war, weiß warum – sehnen sich nach dem Gardasee.

Karin Sechneider-Ferber macht sich auf den langen Weg der langen Geschichte des lang ausgestreckten Sees in Oberitalien, dem größten Italiens. Zum Erstaunen vieler, die hier nur ihren Stellplatz suchen wollen, um postwendend ihr kleines eigenes Reich zu errichten, fördert sie dabei einiges zu Tage, das bisher kaum bekannt gewesen sein könnte. Selbst der Vinschgauer „Ötzi“ hätte sich hier einen Augenschmaus gönnen können. Möglich wäre es gewesen, aber da er es nicht mehr mitteilen kann, werden wir es nie erfahren. Am Gardasee entlang führten Handelsstraßen, die – und das ist bis heute nicht minder wichtig – einen bedeutenden Beitrag zum Wohlstand leisten.

Die Hinterlassenschaften der einstigen Herren sind bis heute sichtbar. Die Grotten des Catull auf der Halbinsel von Sirmione sind die weithin sichtbaren Überbleibsel eines herrschaftlichen Gebäudes. Wozu es diente, gibt bis heute Rätsel auf. Und der Name, der auf den Dichter Catullus zurückgeht, ist mehr als fraglich. Er lebte bevor es errichtet wurde.

Als die Könige und Kaiser Jahrhunderte später ihren Frieden mit der Region gemacht hatten, kamen die Menschenmassen in ihren Fahrzeugen, um sich an Berg und Meer satt zu sehen. Auch dies ist nur allzu verständlich. Einfach mal schauen!

Die „Kleine Geschichte des Gardasees“ ruft die wilden, harten, beschaulichen, glorreichen Zeiten am Gardasee noch einmal in Erinnerung. Beim nächsten Spaziergang am See, beim nächsten Stadtbummel, bei der nächsten Tour um und am See, erinnert man sich an einzelne Kapitel oder Abschnitte und sieht den Gardasee nun mit ganz anderen Augen.

Der Kurfürstendamm

Ab Hausnummer Eins immer weiter den Schlammpfad runter. Vorbei an den Windmühlen und dem umgestürzten Gartenzaun und schon ist man auf der Straße, auf der Maurer ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnten. Noch ein Stück weiter und dann hört man schon die Massen sich amüsieren, wenn sie die größte Wasserrutsche Europa hinuntersausen. Das ist der Ku’damm. Nein, das war der Kurfürstendamm. Ein Schlammweg mit Windmühlen. Die große Straße hinaus aus der Stadt Berlin, mitten durch den Vorort Charlottenburg. Heute kaum mehr vorstellbar.

Aber der Ku’damm war halt nicht immer der Prachtboulevard, der er heute ist. Er hat sich entwickelt. Auch und vor allem seine Anwohner und Besucher prägten das Bild. Hier speisten, tratschten, diskutierten, tranken, rauchten, beratschlagten Bertolt Brecht, Max Liebermann, Karl Liebknecht … ach einfach alle, die in Berlin ihr Glück(ver-) suchten.

Regina Stürickow gelingt auf so wunderbare Art und Weise dem ein paar Kilometer langen Stück Asphalt mit diesem Buch immer wieder Leben einzuhauchen.

Und sie weiß so manche Anekdote zu erzählen. Zum Beispiel welche Hausnummern es nicht mehr gibt, und warum. Denn heutzutage beginnt der Ku’damm mit der Nummer Zehn. Die ersten Nummern wurden der Budapester Straße geopfert. Im Kapitel über die 20er Jahre nimmt das Buch so richtig Fahrt auf. Berlin wurde zu Groß-Berlin, zu dem, was es heute ist. Und auf dem Ku’damm feierte man dies mit Champagner-Fontänen, die heute noch für große Augen sorgen.

Wer heute über den Boulevard schlendert, wird vieles aus dem Buch vermissen. Nicht nur die bereits erwähnten Windmühlen. Das Image prägen vor allem die großen Namen der Modebranche. Je leerer der Laden, desto bekannter die Marke – Völkerwanderungen wie vor hundert Jahren gibt es hier nicht mehr. Auch der Luna-Park musste schließen. Die Nazis haben dem Ruf des Boulevards den Garaus gemacht. Zu dekadent das Gehabe.

Dass hier es hier nicht nur „Hoch die Tassen“ hieß, beweisen die zahlreichen historischen Marksteine auf und um den Ku’damm herum. Stolpersteine zeugen von einer stolzen Zeit, die allzu abrupt endete. Eine Gedenktafel erinnert an das feige Attentat auf Rudi Dutschke. Das Büro des Sozialistischen Studentenbundes befand sich auf dem Ku’damm.

Der Mythos Kurfürstendamm ist ein wenig verblasst. Noch immer zieht es – verdientermaßen – viele hier hin. Doch der Nimbus der unbesiegbaren Partymeile ist futsch. Selbst das renommierte Theater musste dem Spekulantentum weichen. Doch die Geschichte wird immer in Erinnerung bleiben. Auch dank dieses Buches.

In 80 Pflanzen um die Welt

Da muss man erstmal drüber nachdenken, was man von so einem Buch erwarten soll. Länderspezifische Pflanzen. Was gibt es da alles? Einen Spaghettibaum in Italien? Das war mal ein Erster-April-Scherz im britischen Fernsehen. Auf die Artischocke kommt man erst bei sehr langem Nachdenken.

Die Mistel und Frankreich in Verbindung zu bringen, gelingt vor allem Asterix-Fans. Miraculix kraxelt in die Wipfeln der Bäume mit seiner kleinen Sichel, um die Zutaten für seinen Zaubertrank zu besorgen. Ist man erstmal im Nachdenkerausch, ist es auch nicht mehr so weit bis zum Kaffeestrauch in Äthiopien. So einen Strauch haben dann doch aber im Verhältnis zu den Kaffeegenießern Wenige gesehen. Und noch weniger weiß man, dass seine Blätter den Schatten bevorzugen. Die Früchte sind eine Delikatesse für Affen und Vögel. Heute kaum vorstellbar ist die Tatsache, dass vor rund vierhundert Jahren – inzwischen wusste man wie man aus der Frucht ein köstliches Getränk bereitet – Kaffee von der katholischen Kirche als Teufelsdroge verschrien war. Papst Clemens VIII. „opferte sich“ und probierte … und siehe da: Es war gut! Nix mehr Verteufelung!

Schon mal versucht eine üppig wachsende Agave von A nach B zu transportieren ohne sich dabei die Haut vielschichtig aufzureißen? Mexikaner können sicher darüber nur lachen. Denn dort ist diese Kakteenart heimisch. Und sicher weiß man auch wie man damit umgeht. Wahrscheinlich lässt man sie an Ort und Stelle und freut sich an ihrem Wachstum und dem überwältigenden Formenspiel.

Jonathan Dori lädt die Botanikfreunde ein sich mit ihm auf eine vergnügliche Reise durch die Flora der Welt zu machen. Ein Hauch Muskat in Indonesien. Vielleicht sogar an Fuchsschwanzblättern? Dazu müsste man aber über den Pazifik gen Osten reisen. Bis nach Peru. Denn dort gedeiht diese widerstandsfähige Prachtpflanze. Nicht nur hübsch anzusehen – mittlerweile auch in unseren Gefilden, Fuchsschwanz ist halt widerstands- und anpassungsfähig – sondern auch als Nutzpflanze einsetzbar.

Dieses Buch macht Appetit und schärft den Blick für die Pflanzen links rechts, über die man sonst eher im besten Fall den Blick nur streifen lässt. Die Abbildungen, diese wunderbar poetischen Zeichnungen von Lucille Clerc sind ein andauernder Frühlingskick, der niemals vergeht.

Herbarium, giftgrün

Nur ein kleiner Zettel. Es ist nur ein kleiner Zettel, der dem Maler Max Kersting bei einem Uni-Empfang vom Rektor zugesteckt wird. Etwa in der Art wie man ihn tausendfach schon geschrieben hat. Milch – Butter – Käse. Oder der Friseurtermin.

Irgendwas mit einem Herbarium sidereum, das himmlische Kräuterbuch. Und eine Zeitangabe, F20. Freitag, 20 Uhr vielleicht? Ob er, der Maler, etwas damit anfangen könne, fragt ihn der Rektor und überlässt dem verblüfften Ex-Akademiker gönnerhaft das beschriebene Blatt Papier. Klingt jetzt nicht nach dem spannendsten Krimianfang aller Zeiten. Doch der Schein trügt. Das wird sich auf den kommenden dreihundert Seiten gewaltig ändern!

Max Kersting ist angefixt. Irgendwas – wenn er doch um Himmels Willen nur wüsste was! – fesselt ihn an dieser Notiz. Er weiß, dass er eine Verbindung herstellen kann. Ihm fehlt nur der Anfang. Es hat etwas zu tun mit dem, was vor ein paar Monaten in der Uni passiert ist. Eine Studentin, Germanistik, wurde ermordet. Sie war eine enthusiastische Studentin. Und das, obwohl Sprachwissenschaft wirklich nur für penible Geister einen echten Thrill darstellt. Und ausgerechnet er, der Maler, der Freigeist, der jedoch auch den Philosophen sehr zugetan ist, soll nun dem Geheimnis auf den Grund gehen und Licht ins Dunkel bringen? Dafür ist doch die Polizei, in Person von Kommissar Neunzig, zuständig. Doch die tappen noch unsicherer im Dunkeln als der wissbegierige Maler.

Als dann auch noch eine weitere Leiche auftaucht, ist jeder Zweifel ob der Eingangszene weggewischt. Gert Ueding führt den Leser ganz sanft in eine Welt ein, die nicht jedermanns Geschmack sein dürfte. Das elitäre Umfeld gibt sich nicht mit schnödem Mord ab. Hier stichelt man gekonnter. Sollte man meinen. Doch auch wer täglich Synapsen klingeln lässt, kann durchaus auch die Muskeln spielen lassen.

Wie ein leises Laubrascheln hört man das Unheil sich heranschleichen. Wenn man unter dem Laubberg begraben ist, ist es zu spät. Man ist gefesselt von der Wortvielfalt des Autors und will nur noch eines: Endlich den Täter enttarnen! Das bedeutet aber auch, dass man am Ende des Buches angelangt ist und der ganze Lesespaß ein Ende gefunden haben wird. Das nennt man dann wohl die zwei Seiten einer Medaille.

In „Herbarium, giftgrün“ ist jede Person, jeder Satz, jedes Wort sorgsam gewählt. Nichts wird dem Zufall überlassen, schon gar nicht Kommissar Zufall. Ist man sich dessen von vornherein bewusst, liest sich dieser Krimi wie eine Mischung aus einem Schmöker, einer verzwickten Kriminalgeschichte, Milieustudie und einem Ausflug in die Welt der Philosophie und Philologie. Spannung bei jedem Umblättern!

Kolumbus, der entsorgte Entdecker

Allein an einem einsamen Strand auf Jamaika sitzen – für viele die Idealvorstellung vom perfekten Urlaub. Die Wellen rauschen, in der ferne erklingen sanfte Reggae-Rhythmen. Kommt der Vorstellung vom Paradies ziemlich nahe.

Vor fünfhundert Jahren war das für eine Person das komplette Gegenteil. Wolfgang Wissler lässt in seinem historischen Roman seinen Helden Christoph Kolumbus, dem Entdecker Amerikas – was er nachweislich nicht war. Und außerdem wollte er was ganz Anderes entdecken – die ganze Wucht der Ablehnung entgegenschlagen. Noch vor Kurzem wurde Kolumbus gefeiert. Er hatte Neuland entdeckt. Die Eingeborenen wurden mit Tinnef abgespeist. Händler sahen Absatzmärkte und astronomischen Gewinnen. Und nun? Sein Schiff gleicht einem Schweizer Käse, Freunde und Weggefährten haben sich von ihm abgewandt. Es ist zum Heulen!

Selbst seine engsten Mitstreiter haben sich auf umliegende Inseln verkrümelt. Der Admiral und Vizekönig ist ein einsamer Mann geworden. Die einzige Gesellschaft sind seine unzufriedenen Seemänner, die den Mumm hatten nicht stiften zu gehen. Doch auch sie murren. Sie wollen heim. Heim zu Frau und Kindern. Sie wollen den Ruhm ernten, den ihnen Kolumbus versprach. Er weiß wie das ist, wenn selbst das Königspaar auf einen wartet und sich bei der Ankunft huldvoll erhebt. Das waren noch Zeiten. Zehn Jahre und ein bisschen mehr ist das her.

Doch Kolumbus war nicht nur der wissbegierige Entdecker neuer Welten. Er forderte viel von seinen Mannen. Manchmal zu viel. Aber so lange die Abrechnung am Ende des Monats, sprich am Ende der jahrelangen Reise, stimmt, hält man lieber den bald schon vollgestopften Mund.

Der Wind hat sich gedreht. Auf der Überfahrt mit der Capitana war die Crew gezwungen einen Monat lang ohne Unterlass Wasser zu schöpfen. Vier Wochen lang nur Sturm und die peitschende See. Die Capitana ist nun mehr nur ein Pfennigabsatz am Strand von Chaymaka. So hieß Jamaika damals noch.

Wolfgang Wissler lässt Kolumbus fast schon hinwerfen. Der König ohne Krone, der Admiral ohne Epauletten, der Entdecker mit dem großen Irrtum hat seinen Biss nicht zu hundert Prozent verloren. Ob alles, was im Buch steht wirlich so stattgefunden hat, kann niemand mehr nachvollziehen. Aber – und das ist ein großes ABER – Es könnte so gewesen sein. Autor Wissler fängt eine Stimmung ein, die Wort für Wort nachvollziehbar ist. Sicher, mit dem Wissen von heute lässt sich gut reden. Dennoch muss man ihm Tribut zollen das Wagnis einzugehen über einen zu schreiben, über den alles schon gesagt worden ist. Es ist zweifelsfrei eine gelungene – neuerliche – Annäherung an einer Legende. Ohne diese wirklich zu Fall zu bringen.

Der vertauschte Sohn

Wie ein vertauschter Sohn hat sich Luigi Pirandello gefühlt. Er passte nicht recht ins Gefüge der Familie. Der Vater war Schwefelminenpächter, die Mutter die gute Seele des Hauses. Geistige Abwechslung war hier kaum bis gar nicht vorhanden. Schon früh steckte der junge Luigi seine Nase in Bücher. Seine ältere Schwester Lina war ihm Inspiration in jeder Hinsicht.

So kurz und knapp hält sich Andrea Camilleri bei seiner ganz persönlichen Biographie des entfernten Verwandten nicht. Im Geiste waren sich Pirandello und Camilleri näher als Brüder. Beide stammen aus Porto Empedocle, Pirandello bezeichnenderweise aus dem Vorort Caos. Schon allein wie der Ort zu seinem Namen kam, lässt die Schreibfertigkeit Camilleris in einem ungeheuer strahlenden Licht erscheinen. Und zeigt wie Sizilien tickt.

Rom und Bonn waren Pirandellos Fluchtpunkte, um von der sizilianischen Enge davonzukommen. Zurückgekehrt ist er trotzdem, auch und vor allem in seinen Büchern und Theaterstücken. Auch hier weist das Leben Andrea Camilleris verblüffende Parallelen auf.

Die über jeden Zweifel erhabenen Ausführungen des über ein halbes Jahrhundert nach Pirnadello geborenen Camilleri sind keine bloße Aneinanderreihungen von Lebensdaten. Camilleris zeigt genau auf, warum Pirandello seinen Figuren welche Aussagen in den Mund legte. Er lüftet so das eine oder andere Geheimnis im Werk seines Idols und macht es zugänglicher. Dass er selbst erst auf der Suche nach Pirandello die Verästelungen der Familien Camilleri und Pirandello aufdeckte, war für ihn nicht weniger erstaunlich als für den Leser.

Schelmig, allwissend, tiefschürfend sind die Attribute, die Camilleris Werk so zeitlos machen. Mit der ihm eigenen Verve stürzt er sich in das Abenteuer seinem Vorbild ein Denkmal zu setzen. Die zahlreichen Anekdoten sind derart liebevoll zu Papier gebracht, dass wohl wirklich jedes einzelne Wort für bare Münze genommen werden kann.

Werk und Leben eines Schriftstellers sind miteinander eng verwoben. Für den Außenstehenden sind die Fäden, die beides zusammenhalten nicht immer erkennbar. Hat man sich aber einmal darin verstrickt, ist es ein Vergnügen sich weiter darin zu verheddern, ohne jemals echt in Gefahr zu sein. Der dramatisch klingende Titel führt anfangs ein wenig in die Irre. Bis die in vielen Kulturen vorzufindende Legende vom vertauschten Sohn, der später einmal sich diese Legende selbst zu Nutze machen möchte – sofern sie denn auch wirklich der Wahrheit entspricht – löst die beklemmende Spannung auf. Natürlich wurde Luigi Pirandello nicht als Säugling vertauscht. Aber wenn man seine Lebensumstände betrachtet, kommt einem dieses Gleichnis – das auch er in einem Werk verewigte – unweigerlich in den Sinn.

Taba-taba

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie kam man an einem Buch von Patrick Deville nicht vorbei: „Pest und Cholera“. Darin begab sich Deville auf biographische Spurensuche der beiden Forscher Alexandre Yersin, Pesterfroscher und Pestbekämpfer, und seines Assistenten Louis Pasteur, dem Vater der Bakteriologie.

In „Taba-Taba“, was, wenn man Devilles Neigung zum Reisen kennt, wie ein unbekanntes Land klingt, begibt er sich auf seine wohl persönlichste Fahrt. Es ist die Geschichte seiner Familie, und unweigerlich zieht er Parallelen zur Geschichte Frankreichs. Hierbei unterlässt er es mit Jahreszahlen zu jonglieren wie ein Wissenschaftsjournalist, der vorgibt als Einziger in den Vorlesungen an der Uni aufgepasst zu haben.

Nein, einem Patrick Deville kann man nichts vormachen. Er kennt die Geschichte Frankreichs wie kein Zweiter. Nur die seiner eigenen Familie kennt er nicht. Also nicht so gut. Deswegen, auf in den Norden!

Ein kleiner Junge wächst acht Jahre lang – eine Ewigkeit in diesem Lebensabschnitt! – in einem Lazarett auf. Er hat ein verkürztes Bein. Die Bewohner des kleinen Ortes, vor allem die Kinder, sind nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht sich das Maul über den Jungen zu zerreißen. Dem Jungen wächst mit der Zeit ein dickes Fell, so dass er das Tuscheln nicht mehr hört.

Auf der Treppe des Lazaretts sitzt zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk ein Mann. Offensichtlich zu Recht, denn er bewegt unablässig seinen Körper vor und zurück. Taba hin, taba her. Mit jeder Bewegung formt sein Mund die mantraartige Taba – Taba – Taba. Dieser Mann und die Bücher der Bibliothek haben mehr Einfluss auf ihn als so mancher Hieb, so mancher Hinweis, so mancher Rückschlag.

Der Junge muss – nicht an die frische Luft – raus! Raus in die Welt. Das wird er eines Tages auch. Doch zuerst will er wissen woher er kommt. Wer er ist. Patrick Deville verwebt in „Taba-Taba“ sein eigenes Schicksal mit dem einer Sehnsucht und des Landes, dessen Bewohner er ist. In Anekdoten kratzt er nicht nur an der Oberfläche der Geschehnisse – vom Algerienkrieg bis hin zur Gelbwesten-Bewegung – er taucht tief zu ihren Wurzeln hinab. Die liegen in der Mitte des 19. Jahrhunderts als seine Urgroßmutter als Kleinkind aus Ägypten kommend französischen Boden betrat. Dass ein Land durch seine Bewohner fortwährend Geschichte schreibt, leuchtet jedem ein. Patrick Deville gelingt es dieser Erkenntnis mit seiner Sprachvielfalt die Kirsche aufzusetzen.

Palermo ist eine Zwiebel

Eine Frage sollte man sich während und nach der Lektüre dieses Buches auf gar keinen Fall stellen: Ist Palermo noch ein Reiseziel für mich? Verzichten, weil man hier lieber die erhaltene Hälfte abreißt, statt die zerstörte Hälfte wieder aufzubauen? Verzichten, weil erstmal ewig diskutiert wird, wer, was, wie in Ordnung bringt (klingt wie deutsche Politiker bei der Lösungsfindung der Coronakrise!)? Nein, denn das Chaos hat System. Ein System, das funktioniert. Und weil die Stadt allen Klischees und Vorurteilen zum Trotz mehr Herz hat, als so mancher Werbeslogan anderswo.

Roberto Alajmo ist Palermitano, wurde hier geboren, lebt hier. Er kennt seine Stadt, er liebt sie. Und er sieht wie sie wirklich ist und wie sie sich verändert hat. Und wenn man ganz ehrlich ist, soll Palermo wirklich aussehen wie eine gentrifizierte, durchgestylte Metropole, die aussieht wie jedes stinknormale Kaufhaus auf dem Planeten? No, alles nur das nicht!

Zwölf Kapitel widmet er Palermo, zwölf Rundgänge zwischen den einzigartigen Fassaden bis hinein in die Köpfe und den Bauch der Palermitani.

Alajmo beginnt mit der Charakterisierung der Einwohner Palermos, den Palermitani. So vielfältig die Arten des Caffes, den man hier nicht trinkt, sondern zelebriert, so vielschichtig sind die Palermitani selbst. Eine gewisse Faulheit könne man ihnen, wie allen Sizilianern, unterstellen. Doch nicht nach dem Motto „das können die Anderen machen“. Sie treibt vielmehr der Drang an sich mitzuteilen, das eigen Wissen in die Problemlösung einfließen zu lassen. Dass dabei auch mal ein paar Jahre ins Land ziehen können, nimmt man gelassen hin.

Nur beim Essen gibt es keine zwei Meinungen. Es gibt sogar mehrere. Jeder Stadtteil, jede Straße, jedes Haus, jede Familie kennt ihr eigenes Rezept für ein und dieselbe Sache. Abwechslung auf dem Teller ist also garantiert. Und immer schön auf sich selbst stolz sein. So sind sie die Palermitani!

Was zunächst als Abrechnung zu beginnen scheint, wandelt sich mit jedem Umblättern zu einer offensichtlichen Liebeserklärung. Die direkte Ansprache an den Leser, der sich Palermo ansehen möchte, oder vielleicht sogar schon im Hotel auf dem Bett in dem Buch blättert, lässt keinen Widerspruch zu. Palermo muss man gesehen – wozu sonst soll man auf dieser Welt sein?! Schicht für Schicht schält sich eine einzigartige Welt aus sich selbst heraus. Tränen fließen keine. Denn Roberto Alajmos Worte sind das schärfste Messer, das durch die Zwiebel Palermo gleitet.

Ferdinandea. Die Insel der verlorenen Träume

Bei historischen Romanen muss man sich immer in Acht nehmen, dass man die Fiktion nicht der Realität gleichsetzt. Daten und Fakten sind heutzutage so leicht recherchierbar, dass der kleinste Fehler schon den Ruf des gesamten Werkes ruinieren kann. Armin Strohmeyr wird sich diesem Vorwurf nicht aussetzen müssen. Das liegt zum Einen an den exakt aufgearbeiteten Fakten, zum Anderen an der Geschichte selbst. Schon mal auf Ferdinandea gewesen? Wer jetzt ja sagt, braucht ganz schnell eine Ausrede. Wie zum Beispiel, „Ja, mit dem Finger auf der Landkarte.“. Zu mehr wird es nicht reichen. Denn Ferdinandea gibt es nicht! Nicht mehr.

Es ist Juli im Jahr 1831. Ein paar Meilen südlich von Sizilien. Da erhebt sich – tosend, grollend, leise, fast unmerklich … wie auch immer – eine Insel aus dem Meer. Ferdinandea wird sie genannt werden. Und damit beginnt auch schon das Unheil!

Ein neues Stück Land weckt Begehrlichkeiten. Das war so, das ist immer noch so, und so wird es wahrscheinlich auch bleiben. In Sichtweite liegt die Stadt Sciacca. Dort ist das Leben kein Zuckerschlecken. Weder für Fischer, für alleinerziehende Frauen, auch nicht für Vermieter von Ferienunterkünften. Was man da alles machen könnte?!

Doch den Einheimischen, was sie ja eigentlich noch nicht sind, denn die Insel ist ja gerade erst entstanden, stehen ganz andere Mächte entgegen. Das British Empire bringt auch schon seine Flotte in Stellung. Ein Stück Land mitten im Mittelmeer, mitten auf den Handelsrouten für Maschinen, Weihrauch, Oliven, Wein und Gewürze – da lecken sich die Strippenzieher der Geldvermehrung die Finger.

Überall auf der Welt staunt man nicht schlecht über dieses Naturereignis. Mitten im schönsten Sommer taucht da plötzlich ein neues Eiland auf. Träume könnten wahr werden. Hoffnung keimt auf. Die Gelehrten von Weimar bis Neapel, von London bis sonst wohin sind baff ob dieser Sensation. Auch sie spekulieren, was alles hier erstehen kann.

Doch der Spuk ist bald vorbei. An Weihnachten sieht man am Horizont wieder das, was bis Juni 1831 zu sehen war: Horizont und Wasser. Nicht mehr und nicht weniger. In den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts schafft es Ferdinandea noch einmal in die Schlagzeilen. Allerdings zensiert. Als ein amerikanischer Bomberpilot sich gen Tripolis auf den Weg macht, um befehlsgetreu Gaddafi für den feigen Anschlag auf die Berliner Discothek „La Belle“ den Hintern zu versohlen, macht er ein U-Boot ausfindig. Er bombardiert es. Und erntet schallendes Gelächter für den Angriff auf einen Felsen, der rund einhundertfünfzig Jahr zuvor keck seine Nase aus dem Meer erhob. Heute liegt Ferdinandea rund acht Meter unter der Wasseroberfläche. Anfang des Jahrhunderts wurde eine Marmortafel angebracht, um an die Ereignisse im Juli 1831 zu erinnern – und um darauf hinzuweisen, wem die Insel gehört, Sizilien und den Sizilianern – doch auch die wurde mittlerweile zerstört. Was vor 190 Jahren begann, ist also immer noch nicht zu Ende…

Im Wald der Metropolen

Es gibt nicht viele Menschen, die man überall auf der Welt absetzen kann, und die überall auf der Welt zuhause sind. Sie stellen im Handumdrehen Assoziationen her. Ihnen kommen in Windeseile Geschichten in den Sinn, die nur sie und genauso erlebt haben. Karl-Markus Gauß ist einer dieser Auserwählten.

In dem einen Moment rauscht das Koffein von zu vielen Espressi durch seine Adern. Mit dem nächsten Atemzug schwärmt er von einer slowakischen Kleinstadt. Und wenn wir schon mal da sind: In Wien, in der Ungargasse, da war doch was! Hier wurde der Grundstein für den jugoslawischen Staat gelegt.

Puh, was ein Tempo! Und die Geschwindigkeit reißt nicht ab. Immer weiter treibt es den Autor, treibt er den Leser durch die Geschichte Europas. Wie schon in seiner „Abenteuerlichen Reise durch mein Wohnzimmer“ macht er vor keinem Ereignis unseres Kontinents halt. Es sind die kleinen Anekdoten, die den großen Ereignissen vorauseilen, damit diese sich entfalten können. Das steht so in keinem Geschichtsbuch der Welt! Und das ist auch gut so! Denn Karl-Markus Gauß auf seinen Expeditionen begleiten zu dürfen, ist nicht nur ein Privileg, es ist ein Erlebnis. Nur allzu oft übersieht man die wirklich historischen Stätten beim Durchstreifen von Märkten, Boulevards und Gassen. Man ergötzt sich an der Schönheit der Architektur, besucht manchmal die Heimstätte eines großen Namens, oder lässt sich einfach nur treiben. Gedenktafeln nimmt man als Appetithäppchen wahr. Doch die Geschichte hinter der Geschichte bleibt im Dunkeln wie ein Ölfleck in der nächtlichen Wüste.

Der Mann, der Licht ins Dunkel bringt heißt Karl-Markus Gauß. Bukarest, Opole, Arnstadt haben für ihn den gleichen Stellenwert wie Siena, Belgrad und Brüssel. Die Geschichten scheinen ihm förmlich zuzufliegen, er muss kaum suchen. Das ist nur eine Vermutung, die einen überkommt, wenn die Selbstverständlichkeit seiner Zeilen oberflächlich betrachtet. Sie sind jedoch das Ergebnis intensiver Recherchen, die man nur durchführen kann, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Im Wald der Metropolen“ ist kein Lehrbuch, in dem es darum geht noch einmal Jahreszahlen abzufragen oder sich wieder in Erinnerung zu holen. Hier trifft ein Wortkünstler auf Geschichte, die wirklich passiert ist. Und jedes Wort sticht jeden Zweifel darüber aus!