Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Gestapelte Frauen

Diese eine Ohrfeige. Nur dieses eine Mal. Von wegen nur. Nur eine Ohrfeige – das ist es, was die junge Anwältin, die diese Geschichte erzählt zu neuen Ufern aufbrechen lässt. Nur eine Ohrfeige? Ohrfeige ja, aber „nur“? Es ist nicht nur eine Ohrfeige, es ist eine Ohrfeige. Amir hat sie ihr verpasst. Vielleicht nicht die stärkste Gewalttätigkeit, die ihr angetan wurde. Rein physisch. Aber die Auswirkungen sind noch nicht abzusehen. Sie will weg. Weit weg. So weit weg wie nur irgendwie möglich. Cruzeiro do Sul. Das ist der Ort, der am weitesten von São Paulo, ihrem Heimatort entfernt ist. Kein schöner Ort. Schon gar kein ruhiger Ort. Als Frau, in der Gegenwart … die Hölle wäre wahrscheinlich noch ein feuchtwarmes Plätzchen gegen diese Stadt im Nordwesten Brasiliens an der Grenze zu Peru. Ein nicht einmal wenig schmeichelhafter Ruf (vielmehr ein grauenvoller Ruf) eilt ihr voraus. Hier ist der Ort mit den meisten ermordeten Frauen.

Machismo, Hoffnungslosigkeit, Dummheit und Brutalität gehen hier einstimmig Hand in Hand. Und sofern es die Täter – Männer – betrifft, lässt es sich hier ganz gut aushalten. Das klingt hart, ist es auch. Patricía Melo nimmt in „Gestapelte Frauen“ kein Klischee aufs Korn, sie nimmt die steinharte Realität zum Anlass den Opfern der Realität in ihrem Roman eine Stimme zu geben.

Diese Anwältin, die vor der Ohrfeige von Amir geflüchtet ist – sie weiß, dass es wohl nicht bei dieser einen Ohrfeige geblieben wäre – und nimmt als Prozessbeobachterin an den Gerichtsverhandlungen teil. Ihre Kollegin Carla ist auch dabei. Sie recherchiert zur Gewalt an Frauen für ein Forschungsprojekt ihrer Kanzlei. Doch schon bald wird sie zum Objekt ihrer eigenen Forschung…

Die junge Anwältin taucht immer tiefer in die Geschichten der Opfer ein, die ihren Peinigern, ihren Mördern wenig bis gar nichts entgegenzusetzen hatten. Immer weiter zieht es sie in den Sumpf der Hoffnungslosigkeit. Sogar soweit, dass sie den Seelen der Verstorbenen näherkommt als so mancher Ermittler. In diesem Zustand zwischen den Welten geht sie weiter und weiter. Bis sie selbst ins Geschehen eingreift.

Zwischen den fiktiven Kapiteln streut Patricía Melo originale Meldungen über Morde an Frauen ein. In kurzen knappen Sätzen wird die Abscheulichkeit und Stringenz der Morde schnörkellos dargestellt. Starker Tobak für zartbesaitete Leser. Diese Meldungen sind unabdinglich für den Fortgang der Geschichte. Zwar ist jeder Fall ein Einzelfall mit einem Einzelschicksal verbunden. Dennoch scheint hinter diesen Taten ein System dafür verantwortlich zu sein. Diesem System hat die Autorin ihre Wortgewalt entgegenzusetzen. Einige Abschnitte werden viele vor den Kopf stoßen. Viele Gedanken werden in den Köpfen hängenbleiben. Wohl gemerkt nicht das ganze Land Brasilien steht hier am Pranger. Frauen und Männer bestehen zwar aus dem gleichen Gen-Material, aber da hören die Gemeinsamkeiten in den Augen mancher auch schon auf. Die Krone der Schöpfung erhebt mit aller Macht und Ungeduld Ansprüche, die man sich nicht erkämpfen kann. Dennoch werden sie eingefordert. Ohne Rücksicht auf Verluste. Die Direktheit der Worte erschreckt anfangs und überzeugt dann bis zur letzten Seite.

Vorboten

Der Krieg ist vorüber. Nichts ist und wird mehr so sein wie es war. Doch die Rückkehr von Wieland Göth aus den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges ist um Einiges anders als die der meisten, die als Kanonenfutter in den Schützengräben um ihr Leben bangen mussten. In zerschlissener Kleidung, abgemagert ist Rombelsheim, ist die Heimat kein freundlicher Ort, an dem man ihn mit offenen Armen empfängt. Seine überstürzte Abreise ist vielen noch im Gedächtnis. Und fast ebenso vielen immer noch ein Rätsel. Auch wo er all die Jahre – immerhin sieben an der Zahl – verbracht hat, lässt die Phantasie Purzelbäume schlagen. Ja, er hat viel Leid gesehen und erfahren. Doch das ist jetzt vorbei!
Ist es nicht! Das Erste, was er sieht ist ein Plakat mit dem Konterfei einer vermissten Frau. Gleich daneben das Gesicht des mutmaßlichen Entführers. Und Mörders! Denn der Russe Oleg kann die Frau, Josepha, Wielands Schwester, nur ermordet haben. Da sind sich alle einig. Der Russe war’s!
Bauer Neubert war für Wieland sehr lange mehr Vater als der eigene. Doch Bauer Neubert ist tot. Erhangen. Wieland schneidet den Unglücklichen höchstpersönlich vom Seil. Zuhause wartet sein Bruder auf ihn. Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch und einem Schwall böser Worte. Auf dem Dachboden vegetiert der wenig geliebte Vater vor sich hin. Und dass der Graf auf den Heimkehrer ungeduldig wartet, schürt die Feindseligkeiten gegenüber Wieland. Was will der Graf nur von ihm? Dicke Freunde waren sie nie. Wohl auch, weil der Graf mehr als nur eine Auge auf Wielands Mutter geworfen hatte. Sie wird es nicht mehr verraten können. Mutter ist tot. Und täglich liegen auf ihrem Grab frische Blumen. Wer die wohl dort hingelegt hat?
Der Graf bekommt schlussendlich seinen Willen und Wieland zu Gesicht. Er will Wieland für sich gewinnen, für seine Sache. Die ist gegen den so genannten aufgezwungenen Friedensvertrag von Versailles. Die linksrheinischen Gebiete, also auch Rombelsheim, sind in französischer Hand. Das kann ein guter Deutscher nicht akzeptieren. Doch Wieland ist so viel Politik, so viel Hasse, so viel Verblendung ein Graus. Ihn interessiert vielmehr das Schicksal seiner Schwester. Und dann ist da auch noch die Vergangenheit in Gestalt einer Frau. Wie soll Wieland agieren? Kann er erklären, warum er vor sieben Jahren Hals über Kopf das Dorf verlassen hat? Und wie wird sich die Zukunft entwickeln?
Jürgen Heimbach bringt Spannung ins fiktive Rombelsheim, indem er der einstigen Realität die Bühne gibt, die in der Nachbetrachtung gemieden wird. Vor dem Hintergrund einer erstarkenden Revanchistenidee fixiert er den Fokus des Lesers auf das Schicksal eines Dorfes. Eines Dorfes, das durch Grabenkämpfe und Missgunst nichts mehr von Idylle und Gemeinsinn hat. Der Krieg, der große und die kleinen, haben tiefe Gräben hinterlassen, in denen das Vergessen keinen Platz mehr hat.

Jeder geht für sich allein

Momoko war immer die brave Frau an der Seite ihres Mannes. Der ist mittlerweile nicht mehr bei ihr. Auch die Kinder haben das Haus schon längst verlassen. Momoko ist 74. Einmal im Leben hat sie den Ausbruch gewagt. Damals, vor einem halben Jahrhundert, als sie das elterliche Dorf im Nordosten Japans verließ. Raus aus dem Trott. Die Einöde hinter sich lassen. Der Perspektivlosigkeit die Stirn bieten. Rein in ein neues Leben voller Aufregung und Abenteuer.

Es wurde Tokio. Die Metropole bereitete sich auf die Olympischen Spiele vor. Das war 1964. Doch so aufregend war es dann doch nicht. Die Träume machten dem Alltag Platz. Die Kinder wurden geboren. Ihr Mann brachte das Geld nach Hause. Die Mitte war von nun an ihr Zentrum. Das Haus mitten im Viertel. Nicht zu weit oben auf dem Berg, nicht unten im Tal. Links und rechts Nachbarn mit denen sich kaum trifft.

Heute sind der Postbote und der Zeitungsausträger fast schon die einzigen Kontakte, die sie pflegt. Die Mäuse in ihrem Haus werden immer agiler seit ihr Hund, der sie lange Jahre begleitete, verstorben ist. Sie stören nicht. Die Geräusche, die sie machen, vernimmt Momoko. Mehr aber auch nicht.

Doch seit einiger Zeit scheint ihr die Erinnerung immer öfter ein Schnippchen zu schlagen. Oder vielmehr sich in den Vordergrund zu drängen. Mit ihm einher geht der Dialekt ihrer Kindheit. Ein Zeichen von Rückbesinnung. Bisher hat sie sich in Büchern Wissen angeeignet, das sie in einem Heft niederschrieb. Es war ihre Flucht aus der Einsamkeit.

Momoko ist keineswegs verrückt wie man vermuten möchte als sie Stimmen vernimmt. Sie weiß, dass sie es ist, die zu ihr spricht. Doch immer wieder, immer öfter sprechen diese Stimmen im Dialekt ihrer Heimatregion mit ihr. Sie bringen Momoko dazu sich zu erinnern. Wie es war als sie in die Hauptstadt kam. Wie es war Mutter zu werden. Wie es war an der Seite ihres Mannes zu stehen. Sie zwingen sie aber auch darüber nachzudenken, was fehlt.

Chisako Wakatake geht mit dem Leser und ihrer Momoko einen Stück des Weges gemeinsam. Der Dialekt Momokos ist in der deutschen Übersetzung – und man muss ihn ebenso übersetzen wie das Hochjapanisch ins Hochdeutsch – eher dem Dialekt des Erzgebirges und des Vogtlandes ähnlich. Es dauert ein paar Seiten bis man sich an die raschen Wechsel in der Sprachfarbe gewöhnt hat. Aber dann ergießt sich ein Schwall voller Poesie und Nostalgie über den Leser. Momoko ist keine Rebellin. Sie ist eine ganz normale Frau, die den Regentropfen auf der Fensterscheibe mehr abgewinnen kann als so manch anderer. Sie lebt zurückgezogen allein mit ihren Gedanken. Das Sprachgefühl und die penible Übersetzung machen diesen kleinen Roman zu einem großen Stück Literatur.

Nachtstücke

Vielleicht hat der Eine oder Andere schon mal das beklemmende Gefühl gehabt in einem Raum eingesperrt gewesen zu sein. Nicht wirklich, nur das Gefühl! Es ist so seltsam einsam. Aber in einer noch seltsameren Art und Weise auch irgendwie bekannt. Für viele fühlt es sich an wie in einem Film. Für wenige ist es eine Erinnerung, die im Bücherschrank steht. Edgar Allan Poe heißt der Ausgangspunkt für diese Angst. Er beeinflusste mit seiner – zur damaligen Zeit – neuen Art Suspense, das gewisse Knistern in den Synapsen herzustellen, darzustellen Generationen von Künstlern. Von Charles Baudelaire über Alfred Hitchcock bis hin zu Roman Polanski und seinen nachfolgenden Kollegen ist Edgar Allan Poes Werk die Grundlage ihres Genres.

Auch das Rätsel des locked room, also eines Raumes, aus dem niemand herauskommt bzw. herauskam, kann als Poe’sche Erfindung angesehen werden. Ein Mord in einem Raum, der absolut leer ist – außer dem Opfer, das darin liegt. Der Täter kam anscheinend nicht von außen herein. Und schon gar nicht wieder heraus. Wie also um alles in der Welt, wurde die Tat verübt?

Es sind diese Art Rätsel, die den Leser fesseln und in eine Stimmung versetzen, für die der Schlaf die ersehnte Lösung ist. Ob nun ein gefiederter Geselle, der wortreich beschrieben wird wie in „Der Rabe“. Dieses Gedicht bildet in jeder Geschichtensammlung von Poe den Auftakt. Oder der Klassiker, der jeden Kriminalkommissar als Pflichtlektüre noch vor der ersten Unterrichtsstunde neben das Bett gelegt werden sollte, „Doppelmord in der Rue Morgue“. Oder das dunkle Familiengeheimnis wie das der Ushers in deren seltsamen Haus. Oder das Unglück einer Schiffbesatzung im gefährlichen Maelström. Oder „Das verräterische Herz“, dessen Geschichte sogar bei den Simpsons Einzug gehalten hat. Jeder kennt Edgar Allen Poe. Noch immer, obwohl er vor über hundertfünfzig Jahren gestorben ist.

Sein Leben war kein Zuckerschlecken. Früh die Mutter verloren, kam er mit dem Vater nie so recht klar, überwarf sich mit ihm als junger Mann. Die einzige Konstante in seinem Leben war wohl der Alkohol. Der ihm letztlich sicher auch das Leben kostete.

Die Kraft, die seinem Werk innewohnt, ist ungebrochen. Sie bricht sich nicht in Wellenbewegungen immer mal wieder frei, sie ist gleichbleibend vorhanden. Diese Nachtstücke sind die Betthupferl, die es braucht, um des Nachts in süße Träume zu versinken. Die Wortgewalt, der intellektuelle Anspruch und die dadurch verursachte Gänsehaut sind die Zutaten, dies man braucht, um in Morpheus Armen selig dem Alltag zu entschlummern.

Dresden MM-City

Es ist unbestritten, wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die seit Jahren stetig wachsende Besucherzahlen zu vermelden hat, dann ist es Dresden. Die Neueröffnung der Frauenkirche war ein Fanal, das in die Welt hinaus hallte. Das bedeutet für Besucher aber auch, gutes Wartefleisch zu besitzen. Denn einfach mal so die Frauenkirche zu besuchen, ist in der Hauptsaison das Ziel der meisten Gäste. Dann vertreibt man sich die Zeit mit dem überaus üppigen „Nebenprogramm“, dass die Stadt an der Elbe noch zu bieten hat. Zwinger, Brühlsche Terrassen sind so fester Bestandteil eines Dresdenbesuches wie der Eiffelturm und Paris oder Ramblas und Barcelona – es geht nicht ohne.

Autorin Angela Nitsche empfiehlt danach noch ein wenig zu verweilen und Dresden noch intensiver kennenzulernen. Oder man macht es umgekehrt: Als Appetitanreger erst die vermeintlich versteckten Höhepunkte besichtigen und dann die Touri-Tour. So hat man schon ein wenig Dresdenluft geschnuppert und ist bestens gewappnet für die Postkartenerlebnisse des Barock. Doch wo anfangen?

Beispielsweise mit Tour 7. Wilsdruffer Vorstadt und Friedrichstadt. Wer Pech hat, erfährt schon bei der Anreise von Wilsdruff. Eine sehr unbeliebte Strecke bei allen, die auf der Autobahn die Zeit im Stau verbringen müssen. Die Autobahnabfahrt Wilsdruff gehört sicher zu den am meisten genannten Staupunkten des Freistaates. Ist man am Ziel angekommen, eröffnet sich eine Welt, die man vielleicht erwartet hat. Schließlich ist Dresden trotz seines Spitznamens „Tal der Ahnungslosen“ – was mit der geographischen Lage und der damit bis in die 1990er Jahre verbundenen schlechten Fernseh- und Radioprogrammversorgungslage zusammenhing – ein Juwel städtebaulicher Kunst. Diese Tour macht den Besucher zum Kenner der Stadt. Vom Sächsischen Landtag, einer Mischung aus Alt und Neu (mit grandiosem Elbblick), über historische Hinterlassenschaften eines gewissen Herrn Semper (der mit der Oper, ein weiteres Must-See Dresdens) am Eingang zu ehemaligen Orangerie bis hin zu einem Bauwerk, das schon immer im Inneren etwas ganz anderes verbirgt als es von außen vorzugeben scheint: Die Moschee. Was drin ist? Erst Tabakfabrik, dann Bürogebäude.

Dresden hat sich gemausert. Einst barocke Perle, dann zerstörtes Mahnmal gegen Krieg und Willkür, nun wieder blühende Metropole und Ausgangspunkt für einzigartige Ausflüge in die Umgebung.

Auch die lässt die Autorin nicht außen vor: Meißen, die Porzellanstadt sowie  Radebeul, das durch seine Architektur und Karl May die Besucher anzieht. Nicht zu vergessen – ganz im Gegenteil – die Sächsische Schweiz. Mit dem Dampfer der Weißen Flotte stilecht wie ein König die schrillen Felsformationen entdecken und per pedes zu erklimmen bis hinauf zur Festung Königstein. Auch eine Zugfahrt entlang der Elbe sorgt für Ahs und Ohs.

Die sorgfältig ausgewählten Hinweise, wo man sich getrost niederlassen kann, um den Gaumen weitere Erlebnisse zu gönnen, sind mehr als nur nachahmenswert, sie bilden den krönenden Abschluss eines jeden Tages. Ob nun Partygetümmel in der Neustadt oder Museumsbesuch im Hyienemuseum (den gläsernen Menschen muss man gesehen haben!) oder ausgedehnte Bummel entlang alter und neugestalteter Alleen und Bauwerke – neben Neugier, Entdeckerlust und Kamera sollte man unbedingt diesen Reiseband dabei haben.

Ariane – Liebe am Nachmittag

Ariane Nikolajewna Kuznetzowa kann einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen. Sie ist ein Charmebolzen, eine Intelligenzbestie und Wildfang in einem. Und sie wie das auch! Bei ihrer Abschlussprüfung lässt sie ihre Lehrer nicht zu Wort kommen und brilliert mit einem Vortrag, der alle verstummen lässt. Dass ihr Lehrer mehr als offensichtlich in sie verknallt ist, gerät darüber hinaus zu Nebensache. Die Schule ist vorbei, sie wird studieren. Was ihrem Herrn Papa – wie er ihr in einem Abrief mitteilt – gar nicht gefällt. Ihre Intelligenz und ihre Empathie wären am Herd zu Hause besser angelegt als in einem lotterhaften Leben an der Uni. Ob er weiß, dass er damit bei Ariane auf Granit beißt?

Die Zeit bei Tante Warwara neigt sich dem Ende zu. Schule vorbei, es wartet das Leben. Vorbei auch die Zeiten, in denen Ariane die Männer um den Finger wickeln konnte wie keine Andere. Selbst der aktuelle Freund von Tante Warwara – auch sie ein Freigeist der besonderen Art – schafft es nicht Ariane zu überzeugen, dass sie bei ihm das Paradies auf Erden hätte. Ariane ist viel zu schlau, um die – besser: Den – Hintergedanken zu erfassen. Wer sie will, ist auf ihren Willen angewiesen. Das kann man Emanzipation nennen, oder Frechheit oder Freiheitsdrang. Das Ergebnis bleibt dasselbe.

Nach Moskau zieht es das Mädchen, dem bisher alles und alle (Herzen) zugeflogen sind. Auch in Moskau scheint alles so weiterzugehen wie bisher. Nicht ganz so einfach, aber dennoch zu einer großen Zufriedenheit Arianes. In der Oper lernt sie Konstantin kennen. Wohl erzogen, vorschnell, gewitzt, forsch. So erobert er ihr Herz. Doch an Liebe denken werde er noch sie. Konstantin ist das männliche Gegenstück zu Ariane. Ob das gut geht?

Die selbstauferlegte Liebesabstinenz muss bald schon echten Gefühlen weichen. Ja, Ariane und Konstantin sind ein Paar. Das erstaunt niemand mehr als die beiden selbst. So war das nicht geplant. Das Drehbuch des Lebens sah vielleicht eine Affäre vor, aber doch keine endgültige Beziehung. Und schon bilden sich Risse im harmonischen Geflecht der Irrungen und Wirrungen der Liebe. Und finde sie auch nur am Nachmittag statt…

Ein Skandal war dieser Roman als er 1920 erschien. Die Leser liebten ihn. Die Kritiker auch, weil sie endlich genug Pulver für ihre Moralkanonen bekamen. Eine Frau, die sich die Männer aussucht wie der Züchter das Vieh. Eine Frau, die mit den Männern spielt. Und es auch noch zugibt. Eine Frau, die einfach nur eine Frau sein will. Mit den Rechten wie ein Mann. Doch dazu gehören eben nun auch einmal die Pflichten. Und da gerät der Motor ins Stottern. Wenn kein Mechaniker zur Hand ist, muss man selbst Hand anlegen. Ohne Werkzeug und ohne Lehrmeister kein leichtes Unterfangen. Und Konstantin? Er war begeistert von den Stunden im Hotel. Von der Routine der Treffen, die ihn (und in seinen Augen auch Ariane) glücklich machten. Jetzt wir die Routine von Grenzen und Enge bestimmt. Das freie Leben ist auch für ihn vorbei. Was beide nicht wissen, was auch Claude Anet nicht zu Papier brachte, ist die Zukunft der beiden. Werden sie jemals wieder so glücklich werden wie im Hotel National? Wird die Liebe den Nachmittag überstehen?

Die letzte Analyse

Da will man doch nur helfen! Und dann das! Da steht ein Kommissar in Kate Fanslers Büro und wartet. Er hat nichts angerührt wie er der Literaturprofessorin huldvoll versichert. Aber er hat ein paar Fragen an sie. Und die hätte er gern beantwortet, bevor er ihr sagt worum es eigentlich geht.

Janet Harrison wurde ermordet. Eine Studentin von Kate Fansler. Sie kam vor ein paar Wochen zu ihr und bat sie ihr einen Psychoanalytiker zu empfehlen. Warum sagte sie nicht, Kate interessierte es auch nicht sonderlich, da sie prompt einen Rat, sprich einen Namen samt Adresse, für sie parat hielt: Dr. Emanuel Bauer. Ein Verflossener, zu dem sie noch Kontakt hatte. Und nun liegt das arme Ding erstochen auf der Couch, die dazu dient das Innerste nach Außen zu kehren.

Dass es Emanuel nicht gewesen sein kann, steht schnell fest. Das sieht erstaunlicherweise auch die Polizei so. Der Doc darf weiter praktizieren. Doch wenn es sich rumspricht, dass bei ihm … in seiner Praxis … die Folgen sind absehbar.

Es gilt nun – Kate Fansler kann es nicht lassen die Ermittlungen selbst in die Hand zu nehmen – den wahren Täter so schnell wie möglich dingfest zu machen. Nicola könnte es gewesen sein. Die Gattin des Arztes. Ehepartner sind bei einem unnatürlichen Tod immer verdächtig. Und sie hat die Leiche gefunden. Oder Barrister, der Doc von gegenüber. Entgegen seinen üblichen Gewohnheiten stand er – nach Aussagen von Nicola – zu einer für ihn ungewöhnlichen Zeit vor seiner Praxistür. Auch dass das Opfer Janet Harrison nicht ganz unvermögend war, könnte eine Rolle spielen. Sie hatte sogar ein Testament. Ein Arzt (!) soll der Begünstigte sein. Alles sehr mysteriös. Kate Fansler, deren Leidenschaft die fiktiven Geschichten der Geschichte sind, wird einmal mehr mit den realen Geschichten, die vielleicht einmal Geschichte machen werden, konfrontiert.

Eine Frau im New York der Sechzigerjahre, die den Männern dank ihrer angelesenen Phantasie die Ermittlungskompetenz streitig macht. Amanda Cross traut ihrer Heldin diese Aufgabe durchaus zu. Warum auch nicht?, möchte man mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts sagen. Stimmt, warum auch nicht? Die Schlussfolgerungen, die Kate aus ihren Erkenntnissen zieht, sind allesamt so logisch aufgebaut, dass der Mörder sich hinter noch so dicken Fassaden verstecken kann, wie er möchte. Kate kann durch diese dicken Mauern blicken, wie ein Matrose im Krähennest. Der erblickt Land lange bevor es der Käpt’n sieht. Gewitzt, beherzt, lakonisch, analytisch – vor allem aber sympathisch. Kate Fansler möchte man nicht mehr aus dem Haus lassen, wenn sie die Schwelle übertreten hat. Und dieses Buch legt man erst zur Seite, wenn das letzte Wort gesprochen, gelesen ist.

Almost

Vielleicht hat der Eine oder Andere das schon mal erlebt. Um sich weltoffen und kreativ zu geben, gestalten Hotels hier und da ihre Zimmer mehr oder weniger geschickt nach gängigen Images verschiedener Destinationen. In der Miami-Suite ist alles quietsch-bunt, dass man Angst haben muss in die 80er zurückkatapultiert zu werden und Don Johnson auf der Straße eine Vollbremsung hinlegt. In der Almhütte sind die Wände mit allerlei Geweih verziert. Und im Raum Paris prangen überall Herzchen. Das ist klischeehaft und nicht im Ansatz originell.

Wojciech Czaja nutzte die coronabedingte Kreativenge als Sprungbrett für Neues. Er cruiste mit seiner Vespa durch Wien und fand … die Welt. Wie das? Ganz einfach. Augen auf, Kamera an und fertig. Immer noch nicht klar wie man im Lockdown die Welt erkundet? Als Architektur- und Stadtkulturjournalist hat er einen besonderen Blick für seine Stadt. Wien. Er ist weit gereist, als das noch ging. Und die Erinnerungen sind immer noch präsent – so stark ist dann halt doch kein Virus! Punkt für das Erinnern. Immer wieder spielte ihm die Erinnerung, wenn man so will, einen Streich. Er schaute links, er schaute rechts, nach Oben, nach Unten. Und schon waren sie wieder da, die Erinnerungen. So manches Haus, so manche Aussicht erinnerte ihn an San Francisco (jeder, der die Riesenradkabinen im Prater betrachtet, kann die Gemeinsamkeiten mit der Cable Car durchaus erkennen). Oder Tel Aviv in der Wolfganggasse im Zwölften. Die Bauhausarchitektur verleitete ihn im Handumdrehen sich an die israelische Hauptstadt zu denken.

Eine Frontseite eines durchaus präsentablen Hauses in Neubau lässt Washington an der Donau erstehen.

Einhundert solcher Flashbacks hatte Wojciech Dzaja. Er holte sein Telefon raus und fotografierte (man stelle sich vor, dieser Satz wäre schon vor dreißig Jahren geschrieben worden – hätte kein Mensch verstanden. Aber Corona ist ja bis heute auch noch nicht bei jedem angekommen…). Kurz und knapp das Wo geklärt, Bild hinzugefügt und fertig ist das ungewöhnlichste Wienbuch, das während der Corona-Pandemie entstanden ist.

Das Besondere daran ist, dass hier kein Homeofficer vom Schreibtisch aus die Stadt immer wieder neu entdeckt. Der Autor ist rausgefahren, durch die Straßen und Gassen einer der lebenswertesten Städte der Welt. Und er fand Letztere an Orten, die viele Touristen nicht entdecken werden. Wie die ehemalige Tabaksfabrik in der Nusswaldgasse in Döbling. In einer Seitenstraße liegt dieses Kleinod. Reichverziert wie ein Märchenpalast aus Tausendundeiner Nacht. Oder aus Isfahan, der iranischen Metropole, die mit ihrem Naqsch-e-Dschahan-Platz und den ihn umgebenden Gebäuden auf Immer und Ewig faszinieren wird.

Doch es ist eben alles nur fast, almost, Quito, Zürich, Helsinki, Gera. Dennoch, oder gerade deswegen ist dieses Buch mehr als nur ein lesens- und betrachtungswürdiges Druckerzeugnis. Es ist nicht das erste Corona-Buch „der Saison“, aber mit Abstand und für sehr lange Zeit das Beste! Ein sehr persönliches Buch, das jeden sofort anstecken wird, mit Reisefieber! Das tut nicht weh, und braucht auch kein Impfmittel.

Du wirst heillos Geduld haben müssen mit mir

Lieber Glauser,

 

ich darf Sie doch so nennen? Ich kenne Ihren Studer, bin fasziniert von dem unnachgiebigen Jäger. Sie Friedrich zu nennen, käme mir nicht in den Sinn. Schon seit sehr langer Zeit habe ich keine Briefe mehr bekommen. Keine richtigen. Keine privaten Zeilen. Immer nur Werbepost mit mehr oder minder moralischen Angeboten. Ihre Briefe, zusammengefasst in diesem kleinen Büchlein sind die ersten in diesem Jahrtausend. Klingt hochtrabend, oder? Aber die nüchternen Zahlen sprechen eine nüchterne Sprache. Und die ist weder Ihrer noch mein Fall.

Sie sind ein echter Schlawiner, lieber Glauser! Die Feder ist schärfer als das Schwert, stimmt’s?! Wie Sie Elisabeth von Ruckteschell umgarnen, Ihre Liso, lässt erahnen was in Ascona passierte. Der Blitz hat mehrmals eingeschlagen. Biswangen und der Enge der Psychiatrie entkommen, war sie der Wind im Segel im Aufbruch zu neuen Ufern. Lange Briefe hatten sie ihr versprochen, hielten es und verwarfen den Gedanken gleichermaßen. Die Masse an Briefen … mochte sie das? Ich glaube schon. Sie wussten, was Sie wollten. Wohlklingende Worte, frei im Geiste und strikt ihren Weg verfolgend. Würden doch mehr Menschen so schreiben (können) wie Sie!

Heute – mehr als achtzig Jahre nach ihrem Tod – zeigt man seine Zuneigung mit kleinen Bildchen, Emojis nennt man das. Doch deren Bedeutung muss man auch erstmal entziffern. Sie hingegen halten nicht hinterm Berg. Sie lieben – als schreiben sie es. Sie darben, also betteln oder flehen Sie. Sie leiden – warum allein leiden? Auch andere sollen daran teilhaben, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Ich frage mich, was Sie wohl denken würden, wenn Sie Ihre „gesammelten Werke“ en bloc – wie in diesem Buch – lesen könnten. Oh my god! Oder doch „ach so war das?“, ich glaube die Erkenntnis liegt irgendwo in der Mitte. Und das obwohl Ihnen Mittelmäßigkeit niemals leid war. Wie kann man etwas leid sein, dass man nicht kennt! Ob man Ihre Liebebriefe wohl als Grundlage für eigene Schwüre benutzen dürfte? Irgendwie fühlt man sich verpflichtet dieses wunderbar gestaltete Büchlein – die Prägung mit den zwei Äpfeln auf der Frontseite haben Sie, wo immer Sie jetzt sind, sicher bemerkt – für sich selbst in die Tat umzusetzen. Es wäre doch schade, sie ungenutzt zu lassen. Nichts ist grausamer als unnütz verschossenes Pulver.

Liebe Glauser, es ist kein langer Brief geworden. Ich wollte nur Danke sagen, für den Studer und die Briefe, die ich lesen durfte. Genießen Sie den Ruhestand, und lassen Sie die Finger vom Morphium. Das ging schon einmal nicht gut! Bis gly.

Agata und ihr fabelhaftes Dorf

Wo gestern noch das Feuer des Kampfes loderte, liegt heute der kalte Körper von Costanzo Di Dio, dem Tabacchere in dem kleinen sizilianischen Ort. Gestern noch, oder besser: Bis gestern noch scharwenzelten der Bürgermeister Don Pallante und seine Kumpane um ihn herum. Sie wollten sich unbedingt Saracina, ein idyllisches, vor allem aber unfassbar wertvolles Stück Land unter den Nagel reißen. Doch der Kommunist Costanzo blieb stur. Keine Unsumme der Welt würde er akzeptieren und das Land, auf dem einmal seine Kinder und Kindeskinder spielen sollen hergeben. Und schon gar nicht dem Faschisten Pallante.

Jetzt ist der letzte Funken Lebensgeist aus Costanzos Körper gewichen. Die Trauerfeier ist pompöser als es ihm liegewesen sein könnte. Doch die Leichenfledderer stehen schon Schlange. Siekreisen um die schöne Agata. Jung, in der Blüte ihres Lebens. Die Frauen des Dorfes neiden ihr das Aussehen und den Status der jungen Witwe, die es über Kurz oder Lang mit der Moral sicher nicht mehr so ernst nehmen wird. Auch der Bürgermeister streckt seine klebrigen Finger nach ihr aus. Was bisher nur im Verborgenen blieb, tritt nun allzu deutlich zutage. Er will Agata endlich erobern. Wegen ihr. Und wegen des Anwesens. Die geplante Mülldeponie ist profitabel.

Pallante, den alle wegen seiner auffälligen Augen nur occhi janchi, weiße Augen, nennen, bietet willfährigen Helfern sogar hochbezahlte Jobs in der Umgebung an. Qualifikation wird ja eh überbewertet. Dieses Helfer haben es aber bis jetzt nicht geschafft, das begehrte Land in den Besitz von occhi janchi überzuleiten. Jetzt scheint die Gelegenheit gekommen, Saracina endgültig vereinnahmen zu können. Die junge Witwe hat momentan sicher andere Sorgen als den Kampf um ein Stück Land…

Dass die Aasgeier sich irren, steht schon während der Prozession fest. Vor der Parteizentrale der Bürgermeisters Pallante bleibt Agata kurz stehen und … spuckt aus. Sie wird für ihren Laden kämpfen (müssen). Sie wird für Saracina kämpfen (müssen). Sie wird jedem Widersacher mehr als nur die Stirn bieten (müssen). Mit Toni Scianna, dem Lehrer – auch schwer verliebt in die bezaubernde Agata – und Lucia, ihrer besten Freundin hat sie Verbündete an ihrer Seite, auf die sie bauen kann.

Verehrer und Feinde sind von nun an im Leben von Agata die Konstanten im Alltag. Ihre Feinde sind zu allem bereit. Das emotionale Band zu ihren Freunden wird immer wieder gespannt, doch es hält.

Tea Ranno gelingt es spielerisch den schmalen Grat zwischen kitschiger Idylle am Meer und akurat gezeichneter Verhältnisse in dem fiktiven sizilianischen Dorf nicht zu verlassen. Mit dem Maresciallo Andrea Locatelli kommt Hilfe von ungeahnter Seite. Ihm sind die Machenschaften des Bürgermeisters und seiner Bande ebenso ein Dorn im Auge, den man besser heute als morgen herauszieht. Das fabelhafte Dorf von Agata strotzt vor Liebe. Aber eben auch vor Hass und Gier. Agata wird ungewollt zu einer zentralen Figur in einem Spiel, das durchschaubar ist, dessen Regeln aber immer wieder gebrochen werden. Und genauso oft gebrochen werden müssen.