Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Monsieur Orient-Express

Monsieur Orient-Express, Belgier, mit dem gewissen Sinn fürs Wesentliche – das kann doch nur Hercule Poirot sein! Non, ist er nicht. Auch wenn einem sofort die Assoziationen zu dem Mann, der die kleinen grauen Zellen so geschickt einsetzte, in den Kopf schießen. Es handelt sich um Georges Lambert Casimir Nagelmackers. Geboren im Sommer 1845. Vater Bankier, die Mutter stammt aus einer Industriellenfamilie, die sich in Teilen bis in die Regierung hochgearbeitet hatte. Der „goldene Löffel im Mund“ wurde dem Sprössling also in die Wiege gelegt. In der Schule waren Sprachen – Latein und Griechisch – seine erfolgreichsten Fächer. Privat war es in der Familie Nagelmackers eher kühl. Die Eltern wurden gesiezt, die Kinder speisten zusammen mit dem Personal. Damit der junge Georges sich endlich die Liebe zu seiner Cousine aus dem Kopf schlägt, schickte ihn die Familie in die Neue Welt. Und hier kam er einer neuen, großen, nachhaltigen Liebe auf die Spur: Der Eisenbahn.

Die katastrophalen Zustände der amerikanischen Eisenbahn – die Wände dünn wie Zeitungspapier, Toiletten nur von außerhalb zu betreten etc. sollten der Grundstein sein, der Georges Nagelmackers zu dem machte, was er einmal werden sollte: Der Chef des Orient-Express.

Georges sah, dass die Welt zusammenwuchs. Doch überall nur Schranken, in jeder Hinsicht. Sein Traum war es – und schon ein paar Jahre später legte er einen weiteren Grundstein dafür, dass Schranken bald nur noch für „die Anderen“ gelten sollten – die Welt miteinander zu verbinden. Und natürlich das Portemonnaie zu füllen. Sein Portemonnaie.

1883 nahm der Orient-Express das erste Mal Fahrt auf. Von Paris nach Konstantinopel. Luxuriös reiste man. Es ruckelte zwar hier und da ein wenig, dafür war man aber binnen Tagen am anderen Ende des Kontinents.

Dass dabei viel Kohle (auch hier wieder: in jeder Hinsicht!) verbrannt wurde, beunruhigte den Visionär Nagelmackers nur am Rande. Geldgebern kann man ja schließlich aus dem Weg gehen. Das klappt aber nur zeitweise. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris greift er nach einem weiteren Strohhalm, um das finanziell angeschlagene Unternehmen einmal mehr zu retten. Gen Osten soll der Luxuszug nun gleiten. In jedem der größten Pavillons, die in der Weltmetropole Paris ihr Land präsentieren, lässt er Waggons seiner Eisenbahnlinie ankarren. Nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ein Waggon 35 Tonnen wiegt, die Pavillons nicht ans Schienennetz angeschlossen sind und die Pferdewagen eigentlich nur vier Tonnen bewegen können.

Eine rentable Bahn auf die Schiene zu bringen, ist bis heute ein Fass ohne Boden. Das musste auch Georges Nagelmackers erkennen. Doch im Gegensatz zu den Vorständen der Gegenwart, die die Vokabel Subventionierung so inflationär benutzen wie manch anderer Toilettenpapier, ließ er sich nicht von seiner Idee abbringen den westlichsten Westen mit dem östlichsten Osten zu verbinden. Geblieben ist allen Unkenrufen zum Trotz mehr als nur die nostalgische Vorstellung einmal tief im Sessel zu versinken und vom Eiffelturm, am Stephansdom vorbei entlang der Donau, über den Balkan ans Goldene Horn zu reisen. Diese Vorstellung inspirierte Menschen seitdem es die Eisenbahn gibt, nicht nur Agatha Christie.

Gerhard J. Rekel lässt den Mythos Orient-Express einmal mehr aufleben. Dieses Mal jedoch bekommt er ein Gesicht. Georges Nagelmackers schürte  mit seiner Idee Sehnsüchte, die bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Und dieses Buch sorgt dafür, dass nichts davon in Vergessenheit gerät.

Ein Tag wird kommen

Ja, es wird der Tag kommen, an dem … ja was? Das Glück an die Tür klopft? Die Regeln der Vergangenheit gebrochen werden? Alle wieder versöhnt sind? Giulia Caminito verwebt in unnachahmlicher Weise die Geschichte ihre Ahnen mit der ihr eigenen Phantasie.

Es ist die Geschichte ihres Urgroßvaters Nicola und seines Bruders, Lupo. Der Wolf. In den Marken, in einem Dorf, das scheinbar fernab von allen Problemen der Zeit und der Welt dem Lauf des Lebens eine Heimat bietet. In der Familie wurde niemand alt. Alle starben früh. In dem Ort verging die Zeit ohne dass jemand groß Notiz davon nahm. Man lebte vor sich hin, nebeneinander her, miteinander – so wie Leben nun einmal ist.

Lupo und Nicola teilen alles: Haus, Bett, Tisch. Nur nicht die Ansichten wie man leben sollte.

Parallel dazu wird die Geschichte von Sour Carla erzählt. Und die Geschichte einer Entführung. Und von der Macht, inklusive Machenschaften der Kirche. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. „Ein Tag wird kommen“ lebt von unerwarteten Wendungen.

Und das Buch lebt von der ungeheuren Wortwucht der Autorin. Ihre Protagonisten sind einfache Leute. Ihnen ist es nicht in die Wiege gelegt worden blumig ihrem Frust Luft zu machen. Ihre Worte gehen direkt ins Herz. Rau, roh, unumwunden macht man sich im Ort klar, was Sache ist. Giulia Caminito lässt keinen Zweifel daran, dass sie alle ihre Figuren innig liebt. Jeder hat seine Macken – wie im richtigen Leben! Die Spuren des harten Lebens sind weithin sichtbar und lassen den Leser nicht mehr los.

Sätze wie Donnerhall, die keine zwei Meinungen zulassen, sind nicht nur das Salz in der Suppe, sie sind alle Zutaten zu gleichen Teilen.

An keiner Stelle des Buches vermutet man ein happy end, auf das man sich über zweihundertfünfzig Seiten lang freuen kann. Dennoch liest man Seite für Seite mit einem freudigen Gefühl, weil man weiß, dass hier echte Gefühle die Handlung vorantreiben. Manchmal schmerzt es der Familie tatenlos zusehen zu müssen, wenn ihnen das Schicksal wieder einmal einen fetten Strich durch die Rechnung macht. Im Gegenzug weiß man aber nur zu genau, dass jeder der Beteiligten aus den ihm zugeworfenen Zitronen Limonade machen wird.

Dieser Roman ist es wert immer wieder entdeckt zu werden. Still und Lärm, Liebe und Verachtung gehen in nie gekannter Einigkeit über die Grenzen von Erwartungen hinweg.

Principessa Mafalda – Biografie eines Transatlantikdampfers

Es waren einmal zwei Schwestern. Hübsch anzusehen, präsentabel herausgeputzt und elegant – so wie es sich für Königskinder gehört. Als die erste ihre ersten Schritte ins Leben wagte, kam sie ins Wanken, kippte links zur Seite und versank im Meer. Die zweite folgte ihr Monate später. Ihr glückte, was ihrer älteren Schwester nicht gelang. Unter dem Jubel der Zuschauer glitt sie ins Leben…

Ja, wenn die Geschichte der Schifffahrt ein Märchen wäre, so hätte sie an dieser Stelle ein Happy end. Der Stapellauf der Principessa Mafalda, benannt nach der Tochter des italienischen Königs lief im Oktober 1908 in Genua vom Stapel. Ein Jahr zuvor sank ihr Schwesterschiff Jolanda – auch nach einer Tochter von Vittorio Emmanuele III. benannt – gleich beim Eintauchen ins Mittelmeer. Mit der Principessa Mafalda sollte es möglich sein in reichlich zwei Wochen von Genua nach Buenos Aires fahren zu können. Das wollte sich kaum jemand entgehen lassen.

Während in der ersten Klasse die Überfahrt zu einer Dauerparty verkam, darbten die Massen auf den unteren Decks. Mitgebrachtes Essen wurde sparsam rationiert, während oben an Deck die Prosecco-Korken knallten. Die enorme Recherchearbeit von Stefan Ineichen führt dazu, dass man im Nu sich an Bord dieses Dampfers versetzt fühlt. Die zahlreichen Abbildungen untermalen das von ihm Geschilderte, und machen jede Seite zu einem Reiseerlebnis, das ebenso luxuriös ist wie es damals – vor hundert Jahren – gewesen sein muss.

Eine Reise über den Atlantik endet nicht mit der Ankunft im Zielhafen. Auch hier hält Stefan Ineichen so manche Anekdote parat. Wenn beispielsweise der sizilianische Autor Luigi Pirandello auf den damals unumstrittenen Star des Tangos Carlos Gardel trifft, dann vibriert die Luft im Künstlercafé der argentinischen Metropole.

Oft bleibt von den großen Schiffen der Vergangenheit nur der bittere Nachgeschmack der Katastrophe im Gedächtnis. So ist es leider auch in diesem Fall. Die Mafalda glitt nur zwei Jahrzehnte über die Wellen der Meere. Die letzte Fahrt endete abrupt vor der Küste Brasiliens. Eine Welle hatte sich selbständig gemacht und den Rumpf des Stolzes der italienischen Dampfschifffahrt beschädigt. Nur wenige Stunden nachdem der Schaden bemerkt wurde, sank das Schiff am Abend des 25. Oktober 1927 und riss mehr als tausend Passagiere und Crew in die Tiefen.

Die „Principessa Mafalda“ war als große Hoffnung für alle Beteiligten ins Leben gestartet. Für die meisten versprach das Ziel ihrer Reise ein besseres Leben. Für die Betreiber war es ein Vorzeigeobjekt. Dass dieser Ruhm nur eine kurze Zeit halten würde, war nicht beabsichtigt, vielmehr war der Fortschritt Antriebsmotor für weitere Dampfschiffe. Die Mafalda war kurze Zeit nach ihrem Stapellauf nur eines von mehreren Schiffen, die der Mafalda in Sachen Eleganz und Ruhm allerdings nicht das Wasser reichen konnten. Ob die Mafalda ohne ihr ungeheuerliches Ende noch heute so dermaßen die Gemüter bewegen würde, kann man nicht sagen. Was aber auf alle Fälle stimmt, ist die Tatsache, dass durch Bücher wie dieses die Legende niemals untergehen wird.

Das Land am anderen Ende des Meeres

Oft hört man Schauergeschichten wie in vergangenen Zeiten Männern eines über den Schädel gezogen wurde, und sie sich dann später mit Schmerzen im Oberstübchen auf hoher See wiederfanden. Sie waren Matrosen wider Willen. Hans, ein Junge Papenburg soll auch mal zur See fahren. So will es die Mutter. Er soll mal Kapitän werden. Nicht Fabrikarbeiter wie der Vater. Alt genug ist er nun – ein Teenager, aber zu Beginn des vorigen Jahrhunderts durchaus üblich. Doch der Lütte ist zu klein. Ein paar Zentimeterchen fehlen. Trotzdem muss der Junge was zum Unterhalt beisteuern – darin sind sich Vater und Mutter einig.

Kurze Zeit später ist es dann soweit. Die weite Welt wartet auf Hans. Er wird auf große fahrt gehen, wird Länder sehen, die seine Eltern, seine Nachbarschaft, der Großteil der Menschheit niemals im Leben sehen wird. Doch was heißt hier Leben?

Als seine Eltern beschlossen, dass der Bengel arbeiten muss (bis ihn die Seefahrt für sich entdeckt), schuftet er auf der Werft. Nieten fangen. Glühend heiße Eisenteile. Dass einem derart unerfahrenen Menschen dabei Fehler passieren, ist vorhersehbar. Doch es härtet ihn ab. Auch wenn er das erst viel später merken wird.

Nun ist er von Gischt umgeben, schindet sich, wird geschunden. Von der Schönheit der Welt kann er kaum etwas wahrnehmen. Und Hans wird viel sehen. Die Kontinente, die Länder, die Häfen werden zu seinem Zuhause. Nicht immer die wohnlichste Stube, niemals das bequemste Bett und schon gar nicht das Glück der Familie. Bis zu dem Tag als er Alicia trifft.

Zum ersten Mal in seinem Leben hat er einen Hafen angelaufen, der wirklich Heimat bedeuten könnte. Doch wie heißt es so schön: „Deine Heimat sind die Meere“. Eine Liebe, die zum Scheitern verurteilt ist?

Jürgen Rath hatte vor Jahren einen alten Seebären interviewt. Nicht lange, nicht ausgiebig. Dennoch genug Stoff für den Historiker mit Kapitänspatent, um nun endlich diesen Roman mit biographischem Hintergrund fertig zu stellen.

Von Anfang an faszinieren die detailreichen Darstellungen, die gar keinen anderen Schluss zulassen, dass hier ein echter Kenner der Materie seine Finger im Spiel hat. Und man merkt sofort, dass Kapitän i.R. Rath wohl keiner der Menschenschinder war, denen so manches Abenteuer zugrunde liegt. Ein echter Seefahrerroman mit einem ganz dicken Anstrich Menschlichkeit. Und wem das Fernweh nicht ganz fremd ist, wird sich von Seite zu Seite durch dieses Leben fressen als wenn es kein Morgen gibt!

Hemingway im Schwarzwald

Hemingway – ein Name wie Donnerhall. Als der kleine Ernie 1899 zur Welt kam, war das sicher nur ein kindliches Schreien. Ein paar Jahrzehnte später jedoch war der als Stilikone nicht mehr vom Thron zu stürzen. Muss ein gutes Jahr gewesen sein, dieses 1899: Ein anderer Künstler, der eine ganze Branche prägte, wurde ebenfalls im Sommer 1899 geboren. Alfred Hitchcock. Der bezog seine Genialität aus den Erfahrungen seiner Kindheit.

Hemingway ebenso.

Ernie, wie er oft genannt wurde, zog es früh an den Schreibtisch. Und das ist in seinem Fall wortwörtlich gemeint. Als Journalist für den Toronto Star schickte man dem Teenageralter Entwachsenen nach Paris. Das muss man sich mal vorstellen. Gerade mal alt genug, um in einer Bar Alkohol zu bekommen und dann ins Paris, das vor Verlockungen nur so strotzte. Zu einer Zeit, in der Europa einen gewaltigen Umbruch erlebte, und noch erleben sollte. Der Krieg – die Ordnungszahl ließ man glückverheißend oder unglückunwissend beiseite – war nur auf dem Reißbrett und dem Diktatspapier vorbei. Doch die neu gezogenen Grenzen noch lange nicht akzeptiert.

Nun ist der aufstrebende, vor Tatendrang strotzende junge Autor in der Stadt, die für Künstler das Paradies ist (noch nicht finanziell), in einem Land, das einen verheerenden Krieg verkraften muss und auf einem Kontinent, der brachliegt. Doch irgendwann kommt auch für ihn die Zeit sich einmal Ruhe zu gönnen.

Deutschland soll es sein. Freiburg, nicht weit von der Grenze entfernt. Der Schwarzwald erinnert ihn an seine Heimat. Dort, wo er das Fischen erlernt und lieben gelernt hat. Doch viele sind misstrauisch, besonders die Wirtsleute. Zum Glück ist der Wechselkurs im August 1922 sehr günstig. Für einen Dollar gibt’s mehr als sechshundert Mark – als er Deutschland ein paar Wochen später wieder verlässt, ist es mehr als das Doppelte. Ein Jahr später hätte er das Billionenfache bekommen… Da jetzt einen Zusammenhang herzustellen, wäre eine Milchmädchenrechnung. Fakt jedoch ist: Hemingway kehrt zurück nach Paris, seine Ehe geht ihrem Ende entgegen und sein Schreibdrang, das Verlangen nach literarischer Betätigung steigt und steigt. Schon bald erscheint seine erste Erzählung. Später wird sein Aufenthalt im Schwarzwald in „Schnee am Kilimandscharo“ den Raum einnehmen, den man so nicht vermuten konnte.

Thomas Fuchs folgt den Spuren des Literaturnobelpreisträgers durch den Schwarzwald. Mit viel Anlauf – ohne die zeit zuvor zu kennen, fehlen dem Leser die Verknüpfungen zur Besonderheit dieses Urlaubs im Schwarzwald – sammelt er immer mehr Spuren und nimmt Fährten auf, die schlussendlich in einer Geschichte zusammenfinden, die dem Meister alle Ehre machen würden. Es ist nur eine Anekdote im ereignisreichen (selbst veröffentlichten) Leben Hemingways. Aber eine, die großen Einfluss auf den viel zu kurzen Rest des selbigen hatte. Für Fans ein Muss, für Neugierige ein gefundenes Fressen.

Única blickt aufs Meer

Es gibt weiß Gott schönere Handlungsorte für Romane als eine Müllhalde in Costa Rica. Die ist real, Gran Área Metropolitana von Río Azul. Jahrelang rannten sich die Verantwortlichen die Köpfe gegenseitig ein, um dem Problem Herr zu werden. Zurückblieben klaffende Wunden und … der Müllberg.

Hier „lebt“ Única. Sie ist Taucherin. Ein Euphemismus, der am Zynismus nicht zu überbieten ist. Sie taucht im Müll der Stadt, des Landes, des Kontinents nach etwas Verwertbarem. Die Floskel „von der Hand in den Mund“ ist für sie existenzieller als für Andere. Den Regenbogen kennt sie nur als Schimmer in versuchten Pfützen. Nein, sie ist nicht glücklich. Und schon gar nicht zufrieden mit dem Wenigen, das sie hat. Das sind illusorische, perfide Urlauberweisheiten, denen es zu viel ist gründlich nachzudenken. Niemand ist zufrieden, wenn sich Träume am Materiellen festmachen lassen können.

Única lebt in ihrer Welt. Sie kreiert sich ihre Welt. Eine Welt, die auf Zwang und Drang basiert. Sie muss im Dreck wühlen, um überleben zu können. Ohne den Dreck unter den Fingernägeln (eines ihrer geringeren Probleme) ist die Basis keinen Hunger erleiden zu müssen. Única war einst Lehrerin. Schon allein deswegen wird sie von vielen hier respektiert. Immer, wenn sie Hilfe braucht, bekommt sie sie auch. Alle geben ihr Ratschläge. Spende ihr Trost, wenn ihr beispielsweise der Zugang zur Kirche verwehrt wird. In diesem Moment, als der Pfarrer ihr unmissverständlich klar macht, wer hier auf Erden das Sagen hat (kleiner Tipp: Es ist nicht Gott!), wird sie sich ihrer Situation bewusst. Sie ist Abfall. Umfeld, Arbeit, Person verschmelzen in diesem Moment zu einer unsichtbaren Masse.

Única lebt am Rande der Gesellschaft und schafft sich mit ihren Leidensgenossen eine eigene Gesellschaft. Man teilt, was man teilen kann. Selbst die Zahnbürste. Das hat Única eingeführt. Sie und die Anderen leben in ihrer Welt, aus der sie wohl niemals fliehen können werden.

Fernando Contreras Castro gibt denen, die wirklich auf dieser Müllinsel, auf dem Müllberg, im Dreck ums Überleben kämpfen müssen eine Stimme. Man darf nicht den Fehler machen und die große Erzählkunst des Autors mit romantisieren verwechseln. Keine Frage, jeder will hier raus. Doch das kostet. Wie aber soll jemand bezahlen, der selbst nicht bezahlt wird?! Es gibt ein Entkommen aus dieser Hölle. Doch ist der Preis dafür für fast alle einfach zu hoch. „Única blickt aufs Meer“ pendelt zwischen lauter Anklage und leiser Verzweiflung hin und her. Alle wissen, dass lauter Wehklagen keinen Sinn macht. Man muss selbst anpacken und schauen, dass der Tag mit einem Lächeln zu Ende gehen kann. Jede Träne ist eine Träne zu viel. Der Wille zum Überleben überwiegt jeden Rückschlag.

Geheimnis am Weihnachtsabend

Was gibt es Schöneres als in der sich langsam verdunkelnden Jahreszeit mit einem echten englischen Krimi in die Kemenate zurückzuziehen und die Augen dem schaurigen Treiben folgen zu lassen?! Nicht viel schalt es sofort aus den Mündern eingefleischter Krimifans. Und denen ist Gladys Mitchell sicher ein Begriff. Wem die Autorin nichts sagt, dem sei versichert, dass sich das schon nach wenigen Seiten dieses Weihnachtskrimis ändern wird.

Gladys Mitchell gehört ohne Zweifel auf ein und denselben Sockel wie Agatha Christie und Dorothy L. Sayers. Gleichberechtigt bilden sie das Triumvirat, das ausgelassene Feste auf schon ewig in Familienbesitz befindlichen Landsätzen mit einem Mord in eine nicht erwartete Richtung lenkt. Dazu ein Brise ungehöriger Wortwitz, alte Fehden und ein Hauch Mystik. Fertig ist das Festtagsmenü, das den Magen wärmt und die Gemüter erhitzt.

Beatrice Adela Lestrange Bradley ist auf dem Weg zu ihrem Neffen Carey Lestrange. Der wohnt irgendwo im Nirgendwo und genau dort wird die rüstige Dame mit der Nase fürs Verbrechen, genauer gesagt für deren Verursacher, die heimelige Weichnachtszeit verbringen. Carey hat weitere Gäste eingeladen. Und Mrs. Bradley freut sich schon darauf. Sowohl auf ihren Neffen als auch auf die Bande junger Menschen, die ihr sicher die Zeit so angenehm wie möglich gestalten werden.

Ihr Fahrer George und sie werden schon während der Anfahrt mit den Gepflogenheiten und rauen Sitten der Gegend vertraut gemacht. Unterwegs beobachtet Mrs. Bradley eine Rauferei. Au fein, anhalten und zuschauen. Ja, Mrs. Bradley ist einer echten Keilerei nicht abgeneigt. Als Zuschauerin, selbstverständlich. Doch der Landbesitzer vertreibt sie umgehend und mit einer ziemlichen Drohgebärde von seinem Grund. Mrs. Bradleys Charme und Insistieren ist aber auch der grobe Klotz machtlos. Widerwillig erklärt er ihr den Weg zu Careys Anwesen.

Und ab hier darf man eigentlich gar nicht mehr über das Buch sprechen. Es verdirbt einen sonst den Lesespaß. Nur so viel sei verraten. Ja, es gibt einen Mord. Ausgerechnet an Heiligabend! Und ja, eine illustre Meute versammelt sich beim Neffen der spürnasigen Mrs. Bradley. Und … das mag vielleicht einige verwundern: Ein Geist tritt auf. In Echt! Fast schon greifbar…

Gladys Mitchell – und das spürt man mit jedem Umblättern – hat eine diebische Freude daran die Figuren immer wieder neuen Herausforderungen auszusetzen. Als Leser zuckt man Hier und Da zusammen, weil der Fortgang der Geschichte so unerwartet ist, dass man dieses Buch wirklich erst beiseite legt, wenn auch die letzte Umschlagseite gelesen ist. Ein echter Weihnachtskrimi – zum Verschenken, zum Beglücken, aber vor allem zum Selberlesen!

Die Frauen von Brewster Place

Brewster Place – vier Blöcke und am Ende der Straße eine Mauer, die mehr ist als nur ein Sichtschutz. Es ist die Grenze. Eine Grenze, die nur diejenigen überschauen können, die ganz oben wohnen und den Hals weit rausstrecken können. Hier leben die, die nicht (mehr) wegkommen. Doch sie leben hier alle zusammen. Mit ihren Träumen, ihren Wehwehchen, ihrem Glauben und der Zuversicht, dass der morgige Tag auch nicht viel anders sein wird als die vergangenen. Für die meisten ist das sogar gut so. Getratsche, Leidklagen, Nachbarschaftshilfe – auch das ist Brewster Place. Die große Stadt ist gleich um die Ecke, geographisch. Die große Stadt ist ganz weit weg, in Echt.

Mattie Michael ist so was wie die gute Seele des Blocks. Zu ihr kommt man oder sie kommt zu einem. Immer einen Rat oder zumindest eine Lebensweisheit auf den Lippen. Zusammen mit Etta Johnson besucht sie regelmäßig die Kirche. Doch die beiden Frauen haben unterschiedliche Beweggründe das Gotteshaus aufzusuchen. Rat und Trost und die Suche nach dem Glück. Eine gewaltige Mischung, die nicht zwingend zur Explosion führen muss. Doch die Unterschiedlichkeit sorgt so manches Mal für eine gereizte Stimmung.

Auch Kiswana Browne wohnt hier. Tief im Inneren ist sie eine militante Black Power Sympathisantin. Doch der Trieb wächst sich einfach nicht aus ihr heraus. Lackierte Zehennägel sind öfter wichtiger als der Kampf gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit. Wohl auch, weil der Kampf in ihren Augen erfolglos erscheinen mag. Die Streitigkeiten mit ihrer Mutter hingegen sind real und allgegenwärtig.

Cora Lee führt auch einen Kampf. Den gegen ihre eigene Kinderschar. Nicht falsch verstehen. Sie liebt jedes ihrer Kinder. Doch machen die es ihr von Mal zu Mal schwerer. Da der Zahnarzt einem der Sprössling Zucker und Süßigkeiten verboten hat, sucht sich das liebe Kind das ersehnte Glukoseglück eben in der Mülltonne. Das bleibt den Nachbarn nicht verborgen und schon stehen sie bei der Mutter auf der Matte.

Gloria Naylors Schriftstellerinnen-Karriere begann mit „Brewster Place“. Hier ist immer was los. Hier tobt das Leben. Hier langweilt sich der Stillstand zu Tode. Rührende Charakterstudien, treffliche Beschreibungen von Menschen, die nichts mehr aus der Bahn werfen kann, rumorende Konflikte – und dennoch bekommt man nie das Gefühl, dass hier die Welt aus den fugen geraten ist. Man arrangiert sich nicht mit den Problemen, man bietet ihnen die Stirn. Das funktioniert nur, weil in diesen vier Häusern eine Gemeinschaft gewachsen ist, die aus der Not eine Tugend gemacht hat. Und Gloria Naylor gibt ihnen eine Stimme, die weithin und lang anhaltend zu hören sein wird.

Linden Hills

Linden Hills – klingt wie ein Hohn, wenn man es sieht. Hügel? Naja, eine kleine Erhebung. Wer hier lebt, ist nochweit vom amerikanischen Traum entfernt. Luther Nedeed hat das Grundstück vor Jahrzehnten erworben. Warum er damals aus Mississippi verschwunden ist, verschwinden musste (?), weiß keiner so genau. Nur, dass er tot ist. Und nun ein weiterer Luther Nedeed die Miete für die Häuser am „Hügel“ einsammelt.

Der alte Luther saß tagein, tagaus vor seinem Haus und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein. Angsteinflößend war der Alte. Kaum einer trat an ihn heran, um zu erfahren wie er eigentlich sein Leben bestritt. Ein Schwarzer mit Grundbesitz, in Sichtweite des Big Apple? Hier ist vieles möglich, aber ist auch wirklich alles möglich? Sei es wie es sei. Die Nedeeds haben sich eine kleine Dynastie aufgebaut. Der Name wird von Generation zu Generation weitergegeben. Die Nedeeds vermehren sich und der Hügel füllt sich nach und nach mit Menschen, die es sich nicht leisten können woanders zu leben. In, auf Linden Hills haben sie die Möglichkeit bekommen sich niederzulassen.

So auch Lester und Willie. Sie reinigen die Einfahrten in Linden Hills. Seit der Schulzeit sind die beiden befreundet. Echte Freunde. Und schlurfen sie von Einfahrt zu Einfahrt, verrichten ihren Dienst. Ihnen geht auch nie der Gesprächsstoff aus. Immer gibt es was zu bereden. Immer gibt es ein Thema, das abschließend bequatscht werden muss. Immer, jeden Tag, vielleicht für den Rest ihres Lebens?

Ihre Klientel ist den beiden reichlich schnuppe. Das saubere Weiß der Häuser der Schwarzen ringt ihnen nur ein Naserümpfen ab. Jeden Tag auf und ab. Bis hinunter zu Luther Nedeeds Haus. Dass der ein Geheimnis hütet, ist ein offenes Geheimnis. Auch dass sich niemand traut es zu lüften. Vielleicht ist es ja an Lester und Willie Licht ins Dunkel von Linden Hills und den Nedeeds zu bringen?!

Fasziniert folgt man Gloria Naylor wie sie behutsam den Spannungsbogen aufbaut. Rastlos zu Beginn und detailverliebt je mehr Seiten man umblättert. Das Leben von Lester und Willie verläuft in geregelten Bahnen. Einfahrten kehren, sich über die Bewohner lustigmachen, dem Neid ein bisschen Freiraum geben. Dennoch wird jeder Tag als Geschenk angenommen. Erst als die beiden weiter unten ankommen – also beim Haus der Nedeeds – tapsen die beiden, denen das Glück bisher nur in Dosen hold war, in eine Sache, die ihr Leben ordentlich durcheinander rüttelt. Der Alltagsrassismus macht vor niemandem halt. Auch untereinander. Stets müssen alle auf der Hut sein, denn Neid und Missgunst kennen keine Rassenschranken.

Das Lächeln der Imperia

Wenn man heute im beschaulichen Konstanz entlang der Seepromenade flaniert, kommt einen der Ausspruch von Jan Hus Konstanz sei ein einziger Sündenpfuhl wie ein Hohn vor. Jetzt versetzen wir uns reichlich sechshundert Jahre in der Zeit zurück.

In Venedig wird eine gewisse Gabriella Cognati vors Inquisitionsgericht zitiert. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war das keine Sache von Gerechtigkeit, sondern der sichere Tod. Zumindest hätte die junge Dirne mit einer Strafe rechnen müssen, die ihr Leben entscheidend beeinflusst hätte. Und das nicht zum Gutem!

Zur gleichen Zeit tagte im fernen Konstanz das Konzil. Ein neuer Papst sollte gewählt werden. Und zwar nur einer, der dann auch als der eine Papst seine Schäfchen hüten sollte. In diesem Jahr regierten drei Päpste: Gregor XII. in Rom, Benedikt XIII. in Avignon und Johannes XXIII. Von Pisa aus. Letzter war der einzige Papst, der auch in Konstanz weilte. Die überschaubare Stadt am Bodensee platzte aus allen Nähten während des fast vierjährigen Konzils. In diesem Zeitraum besuchten fast zwölf Mal so viel Menschen die Stadt wie sei Einwohner hatte. Für gewiefte Geschäftemacher ein mehr als fruchtbarer Boden.

Mit List und Rafinesse trieb es auch Gabriella Cognati nach Konstanz. Die Angst vor der drohenden Verurteilung – sie ging frevelhafterweise an einem Sonntag ihrer Arbeit nach, weil der Magen knurrte – ließ ihr keine Wahl. Gabriella, die bald schon als Imperia in die Geschichte eingehen sollte – übrigens eine historisch verbürgte Person – errang schon bald einen gewissen Ruf. Unfassbar schön, betörend und … mächtig. Balzac gab ihr in seinen „tolldreisten Geschichten“ die Fähigkeit mit einem Augenaufschlag ganze Existenzen zu ruinieren.

König Sigismund von Luxemburg hatte das Konzil in Konstanz zusammengebracht. Und das Schicksal hatte ihn mit Imperia zusammengebracht. Sogar mit seiner Gattin, Königin Barbara von Cilli, traf Imperia zusammen. Die Einigung der katholischen Kirche fand nicht statt. Wohl aber die Vereinigung von Sigismund und Imperia. Doch der royale Kunde war nicht der Einzige, der seine Zeche bei der belesenen, intelligenten und kalkulierenden Hübschlerin entrichtete. Auch Oddo di Colonna verfiel ihrem Charme und Liebeskünsten.

Als Kardinal leitete er die Ermittlungen gegen Jan Hus. Gabriella entkam der Inquisition, Jan Hus nicht. Er brannte am 6. Juli 1415 lichterloh auf dem Scheiterhaufen in Konstanz. Als Imperia focht sie das nicht an, als Gabriella musste ihr Hus’ Schicksal nahe gehen. Als das Konzil vorbei ist, zieht Imperia weiter. Auch dieses Mal ist sie nicht allein. Waren es auf dem Weg nach Konstanz zwei Kolleginnen, so ist es dieses Mal das Kind unter ihrem Herzen. Doch wer ist der Vater? Der König aus dem fernen Luxemburg oder doch der brave heilige Mann, der nun als Martin V. die Geschicke der Christenheit zu lenken gedenkt?

Antje Windgassen fügt der Legende Imperia die spannende Geschichte ihres Lebens hinzu. Nicht jede Begebenheit ist urkundlich verbürgt. Klar, wenn Kirche und Adel ihre Finger im Spiel haben. Aber die konsequente Erzählweise lässt einfach keinen anderen Schluss zu als den Worten der Autoren Folge zu leisten. Lesenswert ist dieser historische Roman allemal. Vor allem und auch, weil ein Ereignis in den Fokus gerückt wird, dass im Laufe der Jahrhunderte von Experten in ein allzu sehr sachbezogenes Exil gezogen wurde: Das Konzil von Konstanz. Heute unvorstellbar – drei Päpste. Allesamt in beeindruckenden Städten zuhause. Historische Persönlichkeiten, die heute bei Instagram mehr Follower hätten als Cristiano Ronaldo. Und dazu eine Dame, deren Beruf (ebenso bis heute) eher mit verzerrten Mund in selbigen genommen wird.