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Wie man lebt, so stirbt man

Émile Zola – und daran gibt es keinen Zweifel – würde heutzutage mit Pomp und Glamour beigesetzt werden. Sein Leben und Werk hingegen waren wenig glamourös, und schon gar nicht pompös. Ist der Titel des Buches also schon deswegen eine Irreführung? Nein! Er sorgt jedoch bis heute für Furore. Als politischer Journalist war er redegewandter Ankläger und Verfechter der Ideale der französischen Revolution, die nicht nur seiner Meinung nach mit immer öfter mit Füßen getreten wurden. In seinen Romanen bildete er das harte Leben derer ab, die die Maschinerie einer Gesellschaft am Laufen hielten. In der DDR wurde sein Werk als Initial des Arbeiterromans gepriesen.

Die fünf kurzen Geschichten in diesem Buch handeln nicht vorrangig vom Tod. Vielmehr sind es teils amüsante Betrachtungen derer, die einen Verlust zu betrauern haben. Dass sie nicht immer trauern, sondern mit „ganz alltäglichen Sorgen“ kämpfen, ist verständlich, aber manchmal eben auch ein Blick durchs Schlüsselloch der Anderen.

Wenn also eine Witwe ihre sorglosen drei Söhne ein letztes Mal mehr oder weniger auf die Probe stellt, treibt es dem Leser schon mal ein Lächeln ins Gesicht. Denn die Drei taten und tun sich nicht durch heroisches Handeln hervor. Das Erbe des Vaters haben sie im Handumdrehen durchgebracht, leben wieder bei der Mutter. Doch auch deren Tage sind gezählt. Ein neuerliches – zu verprassendes Erbe wie einst bei Papa – ist nicht zu erwarten. Vor der Ernte steht die Saat. Und die wird nicht einfach.

Es liegt Émile Zola fern nur über die zu berichten, denen es nicht nur auf dem Papier gut geht. Finanziell gesehen. Wie in der Geschichte über ein Paar, das bei fast Null begann. Durch harte Arbeit und Zielstrebigkeit, Entbehrungen und Verzicht füllte sich das Portemonnaie. Doch wir alle wissen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Und so bleibt dann doch nur die Erkenntnis: „Wie man lebt, so stirbt man“.

Zum Einen ist Band Vier der Reihe Edition de Bagatelle, in der Kleinode der Großen von Damals eine neue Heimat finden, ein gefundenes Fressen für die, die im Kleinen das Große erkennen. Zum Anderen ist es eine Möglichkeit Altes im neuen Gewand zu präsentieren. Die kurzweiligen Geschichten bekommen durch die Handschrift von Vera Gereke, Studentin an der HAW Hamburg ein künstlerisches Gewand, das auch dem Autor sicherlich gefallen hätte. Die sparsame Verwendung von Schwarz, Weiß und orange spielen mit den Emotionen des Leser. Mal fast schon bedrohlich, mal liebevollen Frieden verheißend, sind die Abbildungen das kunstvolle Abziehbild der Texte Émile Zolas.

Vor aller Augen

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man vor einem Bild steht und nicht mehr nur daran denkt wie hübsch dieses Bild überm Sofa aussehen würde. Das Bild gefällt, aber … warum eigentlich. Fast schon ein bisschen neidisch schielt man dann zu offensichtlichen Kunsthistorikern hinüber lauscht staunend den Ausführungen über Pinselführungen, Strichlänge, dem Besonderen des Bildes. Und das alles sehen die auf den ersten Blick?! Zweifel macht sich breit. Erzählen kann man ja viel.

Martina Clavadetscher gibt den Damen auf berühmten Bildern eine Stimme. Die Damen sind meist unbekannt, ihre Erschaffer dafür umso mehr. Wer kennt schon Cecilia Gallerani? Das ist die, die von Leonardo da Vinci ein ungewöhnliches Haustier auf den Arm gelegt bekam. Und er malte sie. Zu sehen heutzutage in Krakow, auf den Wawel-Burg. Extra Eintritt, nur für Signora Gallerani. Es ist nicht mehr und nicht weniger „Die Dame mit dem Hermelin“. Und die erzählt frei von der Leber weg wie es sich anfühlte vom großen Meister portraitiert zu werden.

Ebenso wie Margherita Luti – noch so eine Dame, deren Namen man nicht kennt. Und dabei lehnt sie lasziv, entspannt, die Brust entblößt an der Wand. Gemalt von Raffael. Er das Malergenie, das schon im Teenageralter als Meister galt – sie wäre in der heutigen Zeit eine Bäckereifachverkäuferin. Sie ist nicht auf den Mund gefallen als sie den spannenden Raffaello entdeckt, während sie im Gras entspannt. Er ist mit einer Anderen liiert, was sie – Margherita – verärgert und zu Spottgesängen anheben lässt. Noch heute munkelt man, dass sie und er mehr als nur Meister und Modell waren. Das alles geschah vor mehr als fünfhundert Jahren. Und noch immer fasziniert das Gemälde und seit Neuestem auch die Geschichte darum, dank dieses Buches.

Und so liest man sich Seite für Seite durch die Kunstgeschichte, lernt Damen und ihre Meister kennen. Mit unbeirrter Leichtigkeit ergreifen Damen das Wort, die teils seit Jahrhunderten stumm von den Wänden der größten Museen der Welt dem Betrachter in ihren Bann ziehen. Lichtwechsel, Schattenspiele, Liebreiz, Zartheit – unerreichbar für jedermann. Manche sogar hinter Glas oder so weit entfernt, dass es nicht einmal ansatzweise so was wie Nähe geben kann. Sie alle sind empfindsam, stolz, schüchtern, verängstigt. Und sie haben eine Geschichte. Nicht immer so skandalös wie die von Olympia als sie Èdouard Manet ganz und gar nicht keusch auf der Ottomane malte. Dennoch erzählenswert.

Es ist nicht die Frage wird hier wen verführt. Nicht jeder ist verführbar. Erstmals werden in diesem Umfang Damen von Damals nicht vorgeführt, sondern in die Gesellschaft der Besucher eingeführt. Sie stehen neben einem und erzählen, was bisher niemand wusste. Und das vor aller Augen…

1923. Endstation. Alles einsteigen!

Seit einiger Zeit feiert man in den verschiedensten Bereichen das hundertjährige Jubiläum der Goldenen Zwanziger. Zum ersten Mal ist also nicht ein Tag, eine Woche oder ein Ereignis Grund zum Feiern, Erinnern, Gedenken, sondern ein ganzes Jahrzehnt. Das Jahrzehnt der ausgelassenen Stimmung, dem Beginn der Gleichberechtigung, aber auch dunkler Jahre – ein paar Milliarden Mark für ein Brot? Was soll daran feiernswert sein?

Hier und da werden Revues „von damals“ aus der Klamottenkiste geholt, in Berlin läuft wieder „Cabaret“ – das Berlin-Musical, Romanreihen über diese Zeit erleben einen echten Boom.

Nun, es sind noch ein paar Jahre bis zum nächsten denkenswerten Jahrzehnt. Und das Jahr 2023 wird also zum Jahr des Erinnerns an 1923. Vielleicht kennt der eine oder andere noch einen Vorfahren, der in diesem Jahr geboren wurde. Erzählen kann der aber auch nicht viel. Und immer nur bei Wikipedia nachschauen …

Peter Süß nimmt den Leser mit auf eine Reise, deren Ende man schon kennt – es war der 31. Dezember 1929. Aber was in den zehn Jahren zuvor passierte, was den Großen und Berühmten „so ganz nebenbei“ widerfuhr, wie sie sich entwickelten – wer weiß das schon bzw. wer weiß das noch?

Bertolt Brecht hat beispielsweise schon einen Namen in der Szene – je nachdem ob man ihn mag, jubelt man ihn in den Himmel oder zerreißt ihn in der Luft. Ein ausgeprägtes Ego hatte er schon immer. Für ihn ist es daher unerlässlich ein eigenes Theater zu haben. Vorerst nur für ihn…

Die Tänzerin Anita Berber wird ihn Wien ausgebuht und schlussendlich aus der von ihr bis dato so geliebten Stadt verjagt. Das Thema Drogen, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, war vielleicht doch nicht die richtige Wahl ihr Publikum in Verzückung setzen zu können.

Und in München wagt ein Österreicher mit – heute darf man das ja wohl wieder sagen – außergewöhnlichem Bärtchen den großen Aufstand. Zu seiner Entourage gehörte damals schon ein geckenhaft wirkender, dicklicher Speichellecker, der es liebte sich in Phantasieuniformen zu präsentieren. Was das Netz wohl heute (fast hundert Jahre später) kommentieren würde, ist wohl Stoff für ein spannendes soziologisches Projekt. Es ist wohl klar, um wen und um welches Ereignis im Bierkeller es sich handelt?! Nein? Dann ist dieses Buch Pflichtlektüre!

Apropos Projekt. Lotte Lenya, Dreigroschenoper-Star, Muse, Charakterdarstellerin ersten Ranges, unglücklich Verliebte, verdiente sich ihre Penunzen mit ganzem körperlichen Einsatz. Ein Projekt, das selbst heute noch für Naserümpfen sorgt, das bis hin zu Mitleidsbekundungen reicht.

Monat für Monat seziert Peter Süß das Jahr 1923, das heute wohl kaum noch mit einem besonderen Ereignis eng in Verbindung gebracht wird. Was sicher vor allem daran liegt, dass die bis heute existenten Medien damals noch gar nicht bekannt waren. Außer dem niedergeschriebenen Wort. Da ist es eine logische Schlussfolgerung das Jahr 1923 auch in gedruckter Form noch einmal am geistigen Auge paradieren zu lassen. Es ist eine Vielzahl roter Fäden, die sich nicht nur im gebundenen Buchrücken zu einem großen Ganzen zusammenfinden. Anekdoten und Berichte fließen mit der Kraft der präzisen Worte zu einer Geschichte zusammen, die heute noch Geschichte machten.

Berge

Sie sind einfach da. Nur selten stehen sie im Weg. Erhaben der Blick nach Oben. Ein Augenschmaus, wenn man von ihnen herunterschaut. Berge. So profan der Titel dieses Buches anmuten mag, so intensiv zieht der Inhalt den Leser in seinen Bann.

Gleich von Beginn an merkt man, dass es bei diesem Buch nicht um eine der üblichen Abhandlungen über das Gefühl der Erhabenheit handelt, sondern, dass sich Lucia Jay von Seldeneck von ganz anderer Seite dem Thema nähert. So viel sei verraten: Es geht immer weiter steil bergauf.

Es sind kleine Geschichten rund um den einen Berg. Jedes Kapitel, jeder Berg, kann seine eigene Geschichte erzählen. Doch meist sind es die Bezwinger, die Eroberer, die dessen Geschichten erzählen oder schreiben. Sie sind die Helden, die dem Koloss die Jungfräulichkeit stahlen. Und deswegen sind sie Helden. Naja.

Den Auftakt macht ein Berg, der eigentlich gar keiner ist. Kein Achttausender, nicht einmal einen Kilometer hoch, selbst an der Hundertergrenze kratzt dieses aufgeschüttete Denkmal nicht. Und dennoch hat er mehr für den Fortschritt getan als er es jemals für sich in Anspruch nehmen würde. Es geht um den Fliegeberg. Nie gehört? Berlin, Lichterfelde. Hier wurde ein Berg aufgeschüttet, weil ein Tüftler, ein Phantast, ein Unbeirrbarer seinen Traum – dem vom Fliegen – verwirklichen wollte. Otto Lilienthal. Als er den Neunundfünfzig Komma Vier Meter hohen Berg hinunterrannte, hob er kurze Zeit später richtig ab. Die Geburtsstunde der Fliegerei.

Die Reise geht rund um die Welt und immer höher hinauf. Manche kennt man, von vielen liest man das erste Mal. Während bei Otto Lilienthal die Arbeiter das Wort haben, die unzählige Male mit der Schubkarre sich den Berg hinaufquälen, so spricht in diesem Fall ein Baum. Er steht am Hang des Antiatlas in Marokko. Immerhin schon knapp zweieinhalbtausend Meter hoch. Was hier wächst, hat sich angepasst. Und bei einem Alter von mehr als 570 Millionen Jahren kann der Berg einiges erzählen. Erzählen lassen. Berge sprechen nicht.

Die kunstvolle Gestaltung – wie es sich gehört, wenn der herausgebende Verlag Kunstanstifter heißt – ist der Gipfel der Buchkunst. Florian Weiß illustriert eindrucksvoll die Texte der Autorin. Detaillierte Schraffuren, sparsamer Einsatz von Farben – so wie man sich ein Tagebuch eines Abenteurers vorstellt. Handschriftliche Notizen am Ende des Kapitels sind für Faktensammler ein willkommener Abschluss einer jeden Geschichte. Ob man nun selbst die Berge für sich selbst entdeckt und von nun an erst hinaufkraxelt, den Ausblick genießt und beim Abstieg diese Geschichten noch einmal Revue passieren lässt oder es ganz einfach bei der Lektüre belässt, entscheidet ganz allein man selbst. Lust auf Mehr macht dieses Buch auf alle Fälle.

Ein Leben in Geschichten

Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt eine Biographie zu schreiben? Manch einer schreibt sein Leben lang daran. Die Tagebücher werden dann posthum als Sensation angepriesen – Nachfragen sind in diesem Fall nicht mehr möglich. Donna Leons Leserschaft, die seit Jahrzehnten davon träumt beim romantischen Spaziergang durch das romantische Venedig einmal doch Commissario Guido Brunetti zu treffen, stellt sich sicherlich schon länger die eine oder andere Frage. Und sicherlich nicht die, warum der Commissario in den Büchern Dauergast in den Straßen und Gassen der Lagunenstadt ist und im „wahren Leben“ ihn niemand zu Gesicht bekommt. Nein, Donna Leon ist vielen ein willkommenes Familienmitglied, dessen Besuch (Veröffentlichungstermin des neuen Romans) immer entgegengefiebert wird. Und über die Familie weiß man alles. Und wenn nicht fragt man einfach nach. Doch wie fragt man eine Schriftstellerin, die zwar nicht zurückgezogen, dennoch nicht permanent öffentlich lebt?

Es ist so einfach! Man blättert in „Ein Leben in Geschichten“ – ein Titel, der so unscheinbar und unnahbar daherkommt, dass man bei genauerer Betrachtung darin die Autorin wiedererkennt.  Die Idee einmal von Brunetti abzulassen und sich selbst in den Fokus zu stellen, ohne dabei Schatten auf die Umstehenden zu werfen, kam ihr bei einem Treffen mit einem langjährigen Freund, den sie auch ihrer Zeit im Iran kannte. Alte Zeiten aufleben lassen, Freundschaften in Erinnerung rufen, herumalbern – und als Resultat daraus ein Buch. Typisch Donna Leon? Typisch Donna Leon!

Und im Nu reihte sich Geschichte an Geschichte. Von der beim Bridge schummelnden Tante Gert über die geheimnisvolle Herkunft ihres Großvaters bis hin zu dem Tag als Venedig nicht mehr nur eine Stadt mit Existenzproblemen war, sondern der Ort, der ihr ganzes Leben verändern würde. Mit derselben Hingabe wie zu ihrem Commissario und seiner Stadt gibt Donna Leon Auskunft über ihr Leben. Auch ohne groß zwischen den Zeilen lesen zu müssen, offenbart sie „so ganz nebenbei“ wie sie wurde, wer sie ist. Auch wenn viele Ereignisse schon lange zurückliegen – wer erinnert sich mit Achtzig schon noch so detailliert an den ersten Schultag? – sind sie immer noch so präsent, dass man den Dung auf den Feldern, die Angst vor Entdeckung und die Leidenschaft fürs Lesen (und Schreiben) greifen kann.

Persönlicher geht nicht! Donna Leon teilt das Kostbarste, was sie besitzt: Ihre Erinnerungen. Kurzweilig, humorvoll, ehrlich. Und immer mit dem besonderen Kick, der Donna Leon so erfolgreich werden ließ.

Spaziergänge durch mein Tessin

Nicht erst seit der Verleihung des World Cookbook Award zu Beginn des Jahrtausends hängt man an die Region Ticino, deutsch Tessin, gern den Zusatz con amore, mit Liebe. Ein einzigartiges Buchkonzept schlug damals vor rund eineinhalb Jahrzehnten sämtliche Mitbewerber aus dem Rennen. Und es waren sicher nicht wenige, die nun auf diese Region im Süden der Schweiz aufmerksam wurden und sich seitdem zwischen Palmen, Bergen und Seen dem Leben die wirklich guten Seiten abgewinnen lassen.

Auch die Autorin Eveline Hasler liebt das Tessin. Ihre Liebeserklärung sticht aus dem Berg der Ahs und Ohs in vielfacher Hinsicht heraus.

Das Bild vom Tessin ist meist das Bild des paradiesischen Sommers. Kein Wolke am Himmel, unten schimmert der Lago Maggiore im kitschigsten Blau, das man sich vorstellen kann. Doch auch im Tessin gibt es ein normales Leben. Dichte Nebelfetzen in dem einen Tal, strahlender Sonnenschein hinter dem nächsten Berg. Dorfidylle und hartes Einsiedlerleben gehen Hand in Hand mit dem luxuriösen Urlaubsgefühl, das man sich leisten können muss. Die Liebe zum Genuss vereint beide Seiten der Medaille.

Eveline Hasler kennt das Tessin. Sowohl die sonnenüberfluteten Tage als auch die dicke Suppe, die die Hand vor den Augen verschwinden lässt. Sie kann sich immer noch an Aussichten von Oben nach Unten und umgekehrt ergötzen, weiß aber auch, dass harte Arbeit hier täglich Brot bedeuten kann. Da ist Nahrungsaufnahme überlebenswichtig, im Gleichschritt aber auch Ausbruch aus der harten Realität. Jedem ihrer Kapitel dieses exzellenten Reisebandes ist ein Rezept angefügt, mit dem das Tessin auf den Teller gezaubert werden kann, um dem Zauber ticino (con amore) einen Schritt oder einen Happen näher zu kommen.

Eveline Hasler stellt ihr Tessin vor, ohne dabei den Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder/und Vollkommenheit zu äußern. Langsame Schritte, genaue Beobachtungen und emotionale Erinnerungen lassen den Leser eine Weile mit ihr gehen. Jede rast wird zum Exkurs ins Leben im Tessin. Unterwegs trifft man Hermann Hesse samt Sohn, den Krimirevolutionär Friedrich Glauser und Tom-Ripley-Mama Patricia Highsmith, die hier einen Teil ihres Lebens genießen konnten. Ein ums andere Mal fühlt man sich ermutigt selbstständig einige Schritte zu wagen. Nicht nur beim Nachkochen. Nein, so ganz nebenbei wecken einzelne Abschnitte im Buch die Sehnsucht selbst den Fuß vor die Tür zu setzen und nicht eher zu ruhen bis Tessiner Boden die Schuhsohlen berührt. Ein Appetitanreger in vielerlei Hinsicht!

Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt als mittelmäßig zu bezeichnen, weil es die achtgrößte Fläche besitzt (bei 16 Bundesländern also genau in der Mitte liegt) oder weil es geographisch eben in der Mitte Deutschlands liegt, wäre ein nicht zu unterschätzender Fehler. Denn schon bei der bloßen Erwähnung der so genannten Must-Sees, staunt man, was tatsächlich alles in Sachen-Anhalt liegt: Zwei Lutherstädte, Eisleben und Wittenberg, der Harz, die Weinregion rund um Naumburg samt dem bedeutenden Dom mit der berühmten Uta, der Kyffhäuser und die Bauhausstadt Dessau. Von A wie Altmark bis Zeitz (Autokennzeichen ZZ, danach kommt nichts mehr in dieser Liste) ist also alles vertreten.

Das stiefkindliche Image, das das Land lange Zeit mit sich trug, ist endgültig abgeschüttelt. Die Landeshauptstadt Magdeburg wird immer öfter besucht, auch weil das karge Industrieimage einem landschaftlich ansprechenden Gesicht gewichen ist. Der Harz war, ist und wird immer ein Anziehungsort bleiben. Städte wie Wernigerode und Quedlinburg sind fester Bestandteil eines jeden Besuches. Und wer Naumburg besucht ohne den Dom zu besichtigen, dem fällt auch der Eiffelturm in Paris nicht auf.

Und dennoch gibt es im Land mehr zu entdecken als die Wirkungsstätten von Luther oder Willi Sitte (Maler der Leipziger Schule, ein Leben lang in Halle verwurzelt).

Wer weiß schon, dass auch Sachsen-Anhalt ein Burgenland aufzubieten hat? Ellenlange, gewundene Straßen unterm Blätterdach endloser Alleen machen allein schon die Anfahrt zu einem Erlebnis. Und wer im Wörlitzer park spazieren gegangen ist, wird immer wieder kommen. Zahlreiche kleinere Städte wie Weißenfels, Merseburg oder Tangermünde locken nicht mit der einen großen Attraktion, die man unbedingt gesehen haben muss. Ihr Charme liegt in dem Abenteuer sich Straßen und Gassen und Plätze selbst zu erobern.

Und dabei ist dieser Reiseband unerlässlicher Begleiter, hilfreicher Ratgeber und fortwährender Antreiber bei diesen Erkundungstouren. Die ausgewogene Mischung aus offensichtlichen Orten ,die man gesehen haben muss und dem, was man selbst auf dem zweiten Blick nur mit scharfgestellter Neugierbrille erkennt, lassen diesen Reiseband immer wieder in die Hand nehmen. Egal ob für den Tagesausflug, einen Städtetripp oder ausgeweitete Wanderungen – hier geht’s lang. Ohne Zwischenstopp durch Sachsen-Anhalt.

Sempre italia

Ach, würde der Urlaub doch ewig dauern! Würde für immer die Sonne scheinen. Würde für immer der Wein wie beim ersten Mal schmecken. Das ließe sich beliebig fortsetzen, denkt man an Italien. Einmal von hoch oben auf einen Lago schauen, leckere Pasta mit richtig viel parmigiano dort genießen, wo er produziert wird oder unter sengender Sonne sich Pizza in den Mund stopfen – dazu ein vino … und das Paradies kann einem gestohlen bleiben.

Jede Liebeserklärung an den Stiefel ist eine emotionale Reise, reich gespickt mit Erinnerungen und Ideen fürs nächste Mal. Denn ein nächstes Mal gibt es immer! Frances Mayes und Ondine Cohane sind verliebt. Verliebt in Italien – das allein reicht aber noch nicht. Sie halten ihre Liebe zu Land und Leuten in diesem Buch fest. Vierhundert Seiten amore – das kann „im normalen Leben“ die Eine/den Einen schon mal überfordern. Den Leser, den Liebeshungrigen, den Italienliebhaber überfordert es nicht. Denn vieles kennt man vielleicht schon. Manches wollte man schon immer mal besuchen. Und einiges gehört beim nächsten Mal in italia auf alle Fälle zum Reiseprogramm.

Kreuz und quer durch das Land, das immer noch und immer wieder überraschen kann. Immer mit der Kamera im Anschlag und mit dem gezückten Stift in der Hand tauchen die beiden ab in eine Kultur, die mit Sehnsucht nur annähernd beschrieben werden kann.

Jede Region wird so lange bereist bis die Autorinnen das Besondere gefunden haben, das ihre Liebe am besten beschreibt. Die seitenfüllenden Abbildungen locken den Leser in die Geschichten hinein, die so wortgewandt jeder Kritik widerstehen. Für ganz Eilige gibt’s am Kapitelende eine kleine Zusammenfassung und Tipps, was man nicht verpassen darf. Für eifrige Leser sind diese Zeilen Erinnerungslückenfüller. Denn jede Region steckt voller Abenteuer, die man erleben muss.

Und für jeden ist etwas dabei: Radfahren, Weindegustationen, Wandern, Erkundungstouren, Schlemmen …

Im Meer der Italienbücher geht man schnell unter, wenn man nur nach dem Einband seine Wahl trifft. Zu groß die Menge an Reisebüchern, Bildbänden, Ratgebern. „Sempre italia“ ist ein leidenschaftliches Kraftpaket, das man immer wieder hervorholt und sich inspirieren, Träume fliegen lässt und in eine Welt eintaucht, die gar nicht soweit entfernt von der eigenen Haustür das dolce vita mit einem einzigen Umblättern real werden lässt.

Die Geheimnisse von Pinewood Hill

Wie bunt kann schwarz-weiß sein? Diese Frage stellt sich unweigerlich bloßen Durchblättern dieses Buches. Und postwendend gibt man sich selbst gleich die Antwort: Sehr .. sehr bunt!

Vorhang auf für eine rührende – nicht rührselige Story, die von der Kraft der Phantasie erzählt, dass man gar nicht bemerkt wie schnell man in sie hineingezogen wird. Chaska ist ein Junge, der sich der Kraft, die in ihm wohnt noch nicht bewusst ist. Er ist ein Kind. Und deswegen fällt ihm der Umzug in die neue Stadt so unbeschreiblich schwer. Doch statt wie ein kleines trotziges Kind zu klagen, zu weinen und zu schreien, schwingt er sich auf sein Rad und durchforstet zuerst die nähere, später die weitere Umgebung.

An jeder Straßenecke, hinter Büschen und Sträuchern, an und hinter Mauern findet er das, was ihn sein Leid ertragen und schließlich vergessen lässt. Denn nicht weit von seinem neuen Zuhause wird die Phantasie zum Leben erweckt. Hier – Filmstudios und der Hauch der großen weiten Welt – wird Chaska mit dem Virus infiziert – ja, es gibt auch „gute Viren“ – das ihn nie mehr loslassen wird.

Der Abenteuerspielplatz, den sich Chaska erobert, beschert ihm unzählige Begegnungen der anderen Art. Kleine und große Aha-Effekte, die bei ihm und dem Leser auf Anhieb zünden.

Doch der Star dieses Buches sind die Zeichnungen. Sie funkeln und strahlen, dass es einen umhaut! Die unerbitterliche Sonne reflektiert in der Landschaft, den Figuren – dem gesamten Set. Wie Fotografien, sie derart lange bearbeitet wurden, dass sie irreal erscheinen. Doch hier ist alles echt. Jeder Strich ist so gewollt und erfüllt voll und ganz seine Funktion. Explodierende Sportwagen, gruselige Figuren, eine kecke Katze – nichts entspringt dem Zufall. Der Aufwand, der bei diesem Buch betrieben wurde, verpufft an keiner einzigen Stelle. Wer meint ein dünnes Buch binnen weniger Minuten lesen zu können, kennt „Die Geheimnisse von Pinewood Hills“ noch nicht. Immer möchte man in den Zeichnungen versinken, in ihnen herumtollen und die Vergangenheit wieder einfangen. Und sei es nur für Augenblicke.

Vorwiegend heiter bis boshaft: Spitznamen in der Literatur

Einen neuen Kollegen kann man nur eine begrenzte Zeit „den Neuen“ nennen. Irgendwann gehört auch der zum Inventar. Da muss man schnell eine Bezeichnung finden, die ihn ein für allemal und für jeden eindeutig erkennbar macht. Das kann ein Vergleich zu einem Film sein. Oder zu einem Tier. Eine körperlich herausstechende Eigenschaft. Oder man bedient sich in der Literatur.

Denn auch die ist gespickt – sozusagen ein wahres Füllhorn an Ideen – mit Spitznamen. Dass es bis heute kein vollständiges Register dafür im Internet gibt, verwundert nach der Lektüre dieses Buches. Autor Guido Fuchs gibt unumwunden zu, dass sein Buch niemals den Anspruch auf Vollständigkeit erheben möchte. Aber es ist mehr als nur eine kleine Exkursion in die Literatur und ihrer einfallsreichsten Namensgebungen. Denn wenn ein Autor sich an die Arbeit macht, muss er seinen Akteuren Namen geben. Am besten welche, die sie sofort charakterisieren. Überspitzt gesagt – und da sind wir schon beim Wesen des Spitznamens – wird ein Held wohl niemals einen Namen tragen können, der in der Allgemeinvorstellung der Gesellschaft nichts mit Heldentum zu tun hat.

Eine Mammutaufgabe. Anders ist das Vorhaben nicht zu beschreiben. Schon allein die Vorstellung diese Spitznamen – also Namen, die einen Charakter unverwechselbar machen, die überspitzen, um eine einzelne Eigenschaft herauszuarbeiten – in Kategorien einzuteilen, ist, wenn man meint sich in der Materie auszukennen, schnell zu Scheitern verurteilt. Doch Guido Fuchs gelingt es scheinbar mühelos. Man fühlt sich wie in einer geselligen Runde, in der man – vielleicht um eine Feuerzangenbowle – sitzt und sich launige Geschichten erzählt. Und Guido Fuchs haut eine Anekdote nach der anderen raus. Liest man das Buch in einem Ritt, klingelt es noch Tage danach im Schädel. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Buch liest sich wirklich flüssig. Es in Dosen zu genießen, verstärkt die Wirkung aber um einiges.

Spitznamen entstammen immer der Phantasie. In Kriegszeiten verteilte man diese vielleicht auch, um dem Grauen eine Brise Humor entgegenzusetzen. Joachim Ringelnatz sei hier genannt. Dieses Kapitel über einen der humorvollsten Autoren der deutschen Literatur bringt in der Kürze das gesamte Thema auf den Punkt. Im Weiteren liest man sich durch die Werke von Erwin Strittmatter, Heinrich Mann, Günter Wallraff, Theodor Fontane und einer undefinierbaren Menge weiterer Autoren. Ihre Akteure sind heute noch vielen ein Begriff, weil … sie Spitznamen hatten.

Noch ein Wort zum Autor. Der Name Guido war in den Fünfzigern, als Guido Fuchs geboren wurde, kein gebräuchlicher Name. Oft musste er ihn buchstabieren. Das änderte sich als im Fernsehen ein weiterer Guido auftauchte. Guido Baumann war der erfolgreichste „Berufeerrater“ bei „Was bin ich?“ – ein echter Fuchs eben. Klar, wie Spitznamen entstehen?!