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Berge

Sie sind einfach da. Nur selten stehen sie im Weg. Erhaben der Blick nach Oben. Ein Augenschmaus, wenn man von ihnen herunterschaut. Berge. So profan der Titel dieses Buches anmuten mag, so intensiv zieht der Inhalt den Leser in seinen Bann.

Gleich von Beginn an merkt man, dass es bei diesem Buch nicht um eine der üblichen Abhandlungen über das Gefühl der Erhabenheit handelt, sondern, dass sich Lucia Jay von Seldeneck von ganz anderer Seite dem Thema nähert. So viel sei verraten: Es geht immer weiter steil bergauf.

Es sind kleine Geschichten rund um den einen Berg. Jedes Kapitel, jeder Berg, kann seine eigene Geschichte erzählen. Doch meist sind es die Bezwinger, die Eroberer, die dessen Geschichten erzählen oder schreiben. Sie sind die Helden, die dem Koloss die Jungfräulichkeit stahlen. Und deswegen sind sie Helden. Naja.

Den Auftakt macht ein Berg, der eigentlich gar keiner ist. Kein Achttausender, nicht einmal einen Kilometer hoch, selbst an der Hundertergrenze kratzt dieses aufgeschüttete Denkmal nicht. Und dennoch hat er mehr für den Fortschritt getan als er es jemals für sich in Anspruch nehmen würde. Es geht um den Fliegeberg. Nie gehört? Berlin, Lichterfelde. Hier wurde ein Berg aufgeschüttet, weil ein Tüftler, ein Phantast, ein Unbeirrbarer seinen Traum – dem vom Fliegen – verwirklichen wollte. Otto Lilienthal. Als er den Neunundfünfzig Komma Vier Meter hohen Berg hinunterrannte, hob er kurze Zeit später richtig ab. Die Geburtsstunde der Fliegerei.

Die Reise geht rund um die Welt und immer höher hinauf. Manche kennt man, von vielen liest man das erste Mal. Während bei Otto Lilienthal die Arbeiter das Wort haben, die unzählige Male mit der Schubkarre sich den Berg hinaufquälen, so spricht in diesem Fall ein Baum. Er steht am Hang des Antiatlas in Marokko. Immerhin schon knapp zweieinhalbtausend Meter hoch. Was hier wächst, hat sich angepasst. Und bei einem Alter von mehr als 570 Millionen Jahren kann der Berg einiges erzählen. Erzählen lassen. Berge sprechen nicht.

Die kunstvolle Gestaltung – wie es sich gehört, wenn der herausgebende Verlag Kunstanstifter heißt – ist der Gipfel der Buchkunst. Florian Weiß illustriert eindrucksvoll die Texte der Autorin. Detaillierte Schraffuren, sparsamer Einsatz von Farben – so wie man sich ein Tagebuch eines Abenteurers vorstellt. Handschriftliche Notizen am Ende des Kapitels sind für Faktensammler ein willkommener Abschluss einer jeden Geschichte. Ob man nun selbst die Berge für sich selbst entdeckt und von nun an erst hinaufkraxelt, den Ausblick genießt und beim Abstieg diese Geschichten noch einmal Revue passieren lässt oder es ganz einfach bei der Lektüre belässt, entscheidet ganz allein man selbst. Lust auf Mehr macht dieses Buch auf alle Fälle.

Spaziergänge durch mein Tessin

Nicht erst seit der Verleihung des World Cookbook Award zu Beginn des Jahrtausends hängt man an die Region Ticino, deutsch Tessin, gern den Zusatz con amore, mit Liebe. Ein einzigartiges Buchkonzept schlug damals vor rund eineinhalb Jahrzehnten sämtliche Mitbewerber aus dem Rennen. Und es waren sicher nicht wenige, die nun auf diese Region im Süden der Schweiz aufmerksam wurden und sich seitdem zwischen Palmen, Bergen und Seen dem Leben die wirklich guten Seiten abgewinnen lassen.

Auch die Autorin Eveline Hasler liebt das Tessin. Ihre Liebeserklärung sticht aus dem Berg der Ahs und Ohs in vielfacher Hinsicht heraus.

Das Bild vom Tessin ist meist das Bild des paradiesischen Sommers. Kein Wolke am Himmel, unten schimmert der Lago Maggiore im kitschigsten Blau, das man sich vorstellen kann. Doch auch im Tessin gibt es ein normales Leben. Dichte Nebelfetzen in dem einen Tal, strahlender Sonnenschein hinter dem nächsten Berg. Dorfidylle und hartes Einsiedlerleben gehen Hand in Hand mit dem luxuriösen Urlaubsgefühl, das man sich leisten können muss. Die Liebe zum Genuss vereint beide Seiten der Medaille.

Eveline Hasler kennt das Tessin. Sowohl die sonnenüberfluteten Tage als auch die dicke Suppe, die die Hand vor den Augen verschwinden lässt. Sie kann sich immer noch an Aussichten von Oben nach Unten und umgekehrt ergötzen, weiß aber auch, dass harte Arbeit hier täglich Brot bedeuten kann. Da ist Nahrungsaufnahme überlebenswichtig, im Gleichschritt aber auch Ausbruch aus der harten Realität. Jedem ihrer Kapitel dieses exzellenten Reisebandes ist ein Rezept angefügt, mit dem das Tessin auf den Teller gezaubert werden kann, um dem Zauber ticino (con amore) einen Schritt oder einen Happen näher zu kommen.

Eveline Hasler stellt ihr Tessin vor, ohne dabei den Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder/und Vollkommenheit zu äußern. Langsame Schritte, genaue Beobachtungen und emotionale Erinnerungen lassen den Leser eine Weile mit ihr gehen. Jede rast wird zum Exkurs ins Leben im Tessin. Unterwegs trifft man Hermann Hesse samt Sohn, den Krimirevolutionär Friedrich Glauser und Tom-Ripley-Mama Patricia Highsmith, die hier einen Teil ihres Lebens genießen konnten. Ein ums andere Mal fühlt man sich ermutigt selbstständig einige Schritte zu wagen. Nicht nur beim Nachkochen. Nein, so ganz nebenbei wecken einzelne Abschnitte im Buch die Sehnsucht selbst den Fuß vor die Tür zu setzen und nicht eher zu ruhen bis Tessiner Boden die Schuhsohlen berührt. Ein Appetitanreger in vielerlei Hinsicht!

Sempre italia

Ach, würde der Urlaub doch ewig dauern! Würde für immer die Sonne scheinen. Würde für immer der Wein wie beim ersten Mal schmecken. Das ließe sich beliebig fortsetzen, denkt man an Italien. Einmal von hoch oben auf einen Lago schauen, leckere Pasta mit richtig viel parmigiano dort genießen, wo er produziert wird oder unter sengender Sonne sich Pizza in den Mund stopfen – dazu ein vino … und das Paradies kann einem gestohlen bleiben.

Jede Liebeserklärung an den Stiefel ist eine emotionale Reise, reich gespickt mit Erinnerungen und Ideen fürs nächste Mal. Denn ein nächstes Mal gibt es immer! Frances Mayes und Ondine Cohane sind verliebt. Verliebt in Italien – das allein reicht aber noch nicht. Sie halten ihre Liebe zu Land und Leuten in diesem Buch fest. Vierhundert Seiten amore – das kann „im normalen Leben“ die Eine/den Einen schon mal überfordern. Den Leser, den Liebeshungrigen, den Italienliebhaber überfordert es nicht. Denn vieles kennt man vielleicht schon. Manches wollte man schon immer mal besuchen. Und einiges gehört beim nächsten Mal in italia auf alle Fälle zum Reiseprogramm.

Kreuz und quer durch das Land, das immer noch und immer wieder überraschen kann. Immer mit der Kamera im Anschlag und mit dem gezückten Stift in der Hand tauchen die beiden ab in eine Kultur, die mit Sehnsucht nur annähernd beschrieben werden kann.

Jede Region wird so lange bereist bis die Autorinnen das Besondere gefunden haben, das ihre Liebe am besten beschreibt. Die seitenfüllenden Abbildungen locken den Leser in die Geschichten hinein, die so wortgewandt jeder Kritik widerstehen. Für ganz Eilige gibt’s am Kapitelende eine kleine Zusammenfassung und Tipps, was man nicht verpassen darf. Für eifrige Leser sind diese Zeilen Erinnerungslückenfüller. Denn jede Region steckt voller Abenteuer, die man erleben muss.

Und für jeden ist etwas dabei: Radfahren, Weindegustationen, Wandern, Erkundungstouren, Schlemmen …

Im Meer der Italienbücher geht man schnell unter, wenn man nur nach dem Einband seine Wahl trifft. Zu groß die Menge an Reisebüchern, Bildbänden, Ratgebern. „Sempre italia“ ist ein leidenschaftliches Kraftpaket, das man immer wieder hervorholt und sich inspirieren, Träume fliegen lässt und in eine Welt eintaucht, die gar nicht soweit entfernt von der eigenen Haustür das dolce vita mit einem einzigen Umblättern real werden lässt.

100 Highlights Wildes Deutschland – Die schönsten Naturparadiese und Nationalparks

Wild ist sicher nicht das erste Wort, das einem einfällt, wenn man von Deutschland spricht. Dennoch gehört das wilde Leben dazu wie die typische Korrektheit und Pünktlichkeit. Und das reicht von Kap Arkona bis ins Höllental, vom Naturpark Schwalm-Nette bis ins Zittauer Gebirge.

An einhundert solcher wilder Orte kann man sich in diesem prachtvollen Bildband ergötzen, und zwar von Nord nach Süd. Als Erstes schlägt man willkürlich eine Seite auf. Land der tausend Seen – Müritz-Nationalpark. Ein stimmungsvoller Sonnenuntergang und ein Urwald, in dem die Stämme in einem derart saftigen Grün zu versinken drohen, dass man es für eine Setaufnahme aus einem mystischen Thriller halten könnte. Doch es ist alles real. Im richtigen Moment den Auslöser der Kamera gedrückt, und voilà: Auch das ist Deutschland. Wild, frei, fernab von Tabellen und Zahlenkolonnen. Der dazugehörige Text brilliert durch Fakten, die nicht wegzureden sind und macht Appetit genau diesen Ort, zu genau der Zeit der Aufnahme einmal selbst zu besuchen.

Nur wenige dutzend Seiten weiter wird’s fast schon historisch, ein wenig politisch sogar. Deutsche Politiker und wild? Keine Angst, so schlimm wird’s nicht. Doch die Schorfheide – bis dahin hat man sich nun vorgeblättert in diesem Buch – ist eng mit den Lenkern Deutschlands verbunden. Wo einst Nazis wie Kommunisten auf der Jagd waren, nördlich von Berlin, ist heute der sanfte Tourismus zu Hause. Hier kann man stundenlang unterwegs sein, ohne dabei tatsächlich eine Menschenseele zu anzutreffen. Kloster Chorin, ein Zisterzienserkloster in Backsteingotik, gehört den berühmtesten Orten der Gegend.

Bereits kurz nach der Wende wurde dem Gebiet in der Uckermark un dem Barnim der Status eine UNESCO-Biosphärenreservats verliehen. Einhundertdreißigtausend Hektar – zur Verdeutlichung: Ein Fußballfeld misst nicht einmal einen Hektar – 240 Seen, Tausende Moore, Wiesen, Äcker und Wälder. Das sind die blanken Zahlen. Was die Natur hier auf die Landkarte gezaubert hat, spottet jedoch jedem Kategorisierungswahn. Jeder Ast darf so wachsen wie er es für richtig erachtet. Jeder Grashalm darf sich nach der Sonne recken wie es ihm beliebt. Und jeder Besucher erfreut sich genau an dem, was so wild mitten in Deutschland zu entdecken ist.

Dieses Buch macht Lust darauf die wilde Seite Deutschlands zu erkunden. Sanft auf dem Rad mit einem Lächeln im Gesicht. Mit forschender Miene. Alle Sinne geschärft. Vom Rothaargebirge bis an die Saale (die mit dem schönen Strand, wie es schon im Volkslied heißt), vom Stettiner Haff bis in den märchenhaften Habichtswald – Wer es bisher nicht wusste, wird in diesem exzellent gestalteten Bildband zum Naturfan, zum Wildheitsforscher, zum Naturparadies- und Nationalparkfan ersten Grades.

Der Mond und die Feuer

Wiederkehren an einen Ort, den man einst verlassen hat, weckt unterschiedliche Gefühle. Besonders, wenn dieser Ort nicht der eigen Ort ist. Den Erzähler zieht es nach zwanzig Jahren wieder zurück in sein Dorf im Piemont. Ob es wirklich „sein Dorf“ ist, kann er nicht einmal mit Bestimmtheit sagen. Denn er wurde kurz nach seiner Geburt in einem Winzerkorb auf den Stufen der Kirche abgelegt. Ein Bauernpaar aus der Umgebung nahm ihn auf. Sie bekamen einen Silber-Scudo vom Findelhaus dafür, ein Akt der Nächstenliebe war es also nicht. Sie sahen in ihm die potentielle Kraft, die eines Tages mit anpacken wird.

Das Piemont am Ende der Vierzigerjahre ist nicht mehr das Piemont, das er damals verließ, um in Amerika sein Glück zu suchen und zu versuchen. Doch auch am anderen Ende der Welt traf er … Piemonteser. Einer kannte sogar seinen besten Freund Nuto. Den sucht der Erzähler nun selbst. Und findet ihn. Er selbst kehrt nicht als Krösus in den Ort seiner Kindheit zurück. Er ist ein Mann, ein stattlicher Mann, aber reich wurde auch er nicht. Hat ein bisschen Geld in Genua, wo er seit geraumer Zeit wieder wohnt.

Das Dorf hatte schon immer seinen eigenen Geruch. Dieser hängt auch dem Rückkehrer noch an. Es ist tief ins Fleisch eingezogen. Den anderen Dorfbewohnern ist er noch schemenhaft bekannt. Es beginnt für alle, mit denen er spricht, eine Zeitreise. Eine Reise, die vor langer Zeit begann und für viele niemals enden wird. Denn der Krieg hat das Dorf gespalten. Die Idylle der Berge, der Geruch des Bodens, die Früchte, die er hervorbrachte, waren auch Früchte des Zorns.

Nach und nach öffnet sich der ausgedorrte Boden und dürstet nach dem lebensspendenden Nass. Zuerst in Erzählungen. Nuto und der Aal, der namenlose Erzähler, holen in Gesprächen einen Teil ihres gemeinsamen Lebens nach. Was er nicht alles verpasst hat als er in Amerika sein Glück suchte und vielleicht auch fand?! Je tiefer das Nass in den Boden dringt, desto mehr kann der Erzähler selbst Wurzeln schlagen. Wurzeln, die er nie hatte. Er war immer der Beobachter, niemals Teil der Entwicklung. Doch was soll er nun mit den Wurzeln tun? Am Ort verweilen? Oder sich selbst aus dem Boden der Vergangenheit reißen, um einmal mehr andernorts … ja, was? Wurzeln schlagen?

Cesare Paveses letztes Werk – kurz nach Erscheinen nahm er sich mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben – sprüht über vor Lebenslust, Erinnerungen, aber vor allem vor Zweifel. Was hätte sein können? Wäre der Erzähler geblieben, hätte er dann Wurzeln schlagen können? Und wenn ja, hätte er das überhaupt gewollt? Die Eindrücke, die der Rückkehrer in sich aufnimmt, entfalten bis heute eine ungeheure Lust an den Handlungsorten des Buches die Gerüche aufzunehmen und am Leben in der Dorfgemeinschaft teilzunehmen. Auch wenn man nur Beobachter sein kann. So wie Pavese und der Erzähler.

Das Haus auf dem Hügel

Wenn am Abend die Dunkelheit über Turin hereinbricht, ist das von doppelter Bedeutung. Zum Einen ist es das sich täglich wiederholende Wetterphänomen, wenn die Sonne hinter den Hügeln verschwindet, zum Anderen ist es das Signal zum Aufbruch in die Berge der Umgebung. Tagsüber ist Corrado Lehrer. Ein respektierter Mann, den man mit „Herr Lehrer“ anredet. Am Abend flüchtet er wie viele in die Hügel. „Le Fontane“ ist der Zufluchtsort. Hier ist der Krieg geografisch weit weg, in den Gesprächen der Männer näher als viele ihn jemals gesehen haben. Hitzig diskutiert man. Schmiedet eifrig Pläne. Warnt man vor dem, was noch kommen kann und wird.

Und hier oben in den Hügeln ist Cate. Corrado und sie waren einmal ein Paar. Für sie war es Liebe. Für ihn ein Zwischenspiel mit vielen Höhepunkten. Und dann ist da noch Dino. Ein aufgeweckter Junge und Cates Sohn. Sie eröffnet Corrado, dass der Junge, der von allen nur Dino gerufen wird, in der Geburtsurkunde den Namen Corrado eingetragen hat. Ja, sie nannte ihren Sohn, IHREN Sohn, nach dem Mann, den sie einst so sehr liebte. Corrados Herz, das des Lehrers Corrado, pocht so sehr wie auf der Flucht vor dem Bombenhagel. Ist Dino etwa sein Sohn? Cate wischt mit der Vehemenz einer enttäuschten, stolzen Frau seine Erwartungen und seine Ängste hinweg.

Hier oben in den Hügeln ist Corrado halbwegs frei, soweit das in diesen Zeiten überhaupt möglich ist. Er nimmt Farben und Gerüche wahr, die so gar nichts mit dem Grau der Großstadt Turin zu tun haben. Hier oben in den Hügeln ist der einfach nur ein Mensch. Allerdings ein Mensch mit Sorgen, dem das Geschehen um ihn herum nicht kalt lassen kann. Er kann dem Faschismus und seinem drohenden Ende nicht entkommen. Als das Gerücht die Runde macht, dass der Krieg vorbei sei – die Alliierten sind auf dem Stiefel gelandet, keimt erste Hoffnung auf. Doch die wird vom Dreck unter den Soldatenstiefeln jäh beendet. Die Deutschen sind nun überall. Der freie Weg in die Berge ist mit Kontrollpunkten gespickt. Die Partisanen haben sich verschanzt. Beide Seiten sind misstrauisch gegenüber jedem, der die Wege benutzt. Sieht so der Sieg aus?

Cesare Pavese schrieb seinen Roman als sich Italien schon ein gutes Stück vom Mussolini-Faschismus entfernte. Hoffnung und Aufschwung gingen hand in Hand. „Das Haus auf dem Hügel“ ist fiktiv. Pavese verabscheute die Vermischung von Reportage und Literatur. Wohl auch deswegen sind die Schrecken des Krieges scheinbar so fern des Alltags. Auch wenn die Bedrohung permanent das Leben bestimmt, findet Corrado die Zeit sein privates Glück zu suchen und stellenweise zu finden. Und das alles auf dem Schachbrett des Krieges. Die Wucht der sanften Worte haut den Leser nicht um. Vielmehr lässt man sich genüsslich in ihren Sog ziehen.

Der lebende Berg

Schon Hannibal Lector wusste, dass wir das am meisten begehren, was wir täglich sehen. So muss es auch Nan Shepherd ergangen sein. Sie sah Zeit ihres Lebens die Cairngorms vor sich. Diese Erhebungen im Nordosten Schottlands faszinierten sie. Sie reiste viel, von Norwegen bis Südafrika. Doch zu rück in der Heimat wusste sie, dass nur diese Berge ihr Glück bedeuten können.

In der Mitte der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts begann sie ihre Erlebnisse am, im und rund um die Cairngorms aufzuschreiben. Behielt sie aber drei Jahrzehnte in der Schublade. Nun sind sie in einer wunderbar gestalteten Neuauflage nachzulesen, zu bewundern und machen Lust auf Wandern. Auch diejenigen, denen das Auf und Ab nicht unbedingte Zuneigung abfordern, werden eingestehen, dass Nan Shepherds Worte Spuren hinterlassen.

Ihr Drang sich diesem Berg zu nähern, ihm seine Geheimnisse zu entlocken, ist atemberaubend. Kein Souvenirladen an den Hängen wird, kein Reiseguide wird mehr über diese Landschaft erzählen als die Englisch-Dozentin vom Aberdeen College of Education. Ob wolkenverhangene Gipfel, das glasklare Wasser, das duftende Moos, die gespenstischen Skelette der Bäume, die einzigartigen Aussichten … Nan Shepherd zieht mit ihren klaren Worten den Leser sofort in ihren Bann.

Man muss wirklich kein Wandervogel sein, um beim Blättern und Lesen ins Schwärmen zu geraten. So eindringlich wurde selten zuvor eine Landschaft beschrieben. Man will umgehend sich Wanderschuhe zulegen, die Koffer packen und auf ihren Spuren wandeln. Flora und Fauna kennt man ja bereits aus den zwölf Kapiteln. Und dennoch wird man sicher das eine oder andere entdecken, dass Nan Shepherd vors Auge kam. Denn die Region hat sich verändert.

Als sie zum ersten Mal das Gebirge erkundete, war sie fast allein. Als sie sich entschloss ihre Gedanken zu veröffentlichen, gab es Straßen, Hütten, zarte Anfänge einer Tourismuslogistik. Wie oft Nan Shepherd hier oben war, lässt sich nicht einwandfrei nachvollziehen. Es müssen Hunderte, wenn nicht Tausende Wanderungen gewesen sein. Wo andere ihren Namen ins Gehölz schnitzen, um Nachkommenden ihre Anwesenheit aufzudrängen, schweigt die Autorin. Sie wird das hinterlassen, was wirklich wichtig ist: Den Berg in all seinen Facetten. Sie isst, was ihren Weg kreuzt. Sie trinkt das frische Wasser, dass kaum ein paar Meter zuvor dem Berg entsprungen ist. Sie wandert trittsicher, wo andere ins Stocken kommen. Und sie berichtet so treffsicher wie Robin Hoods Pfeil im Ziel steckt. Ein Klassiker, der niemals seine Kraft verlieren wird!

Odenwald

Wer bei Odenwald die Assoziation mit Ödnis ins Spiel bringt, wird auf diesen über 300 Seiten, eigentlich schon ab den ersten Seiten, eines Besseren belehrt. Denn das Land zwischen Main und Neckar steckt voller Überraschungen. Vor allem für die, die eine verschlafene Enklave hinter hohen Bergen, zwischen tiefen Wäldern erwarten.

Sicher ist der Odenwald nicht die bevorzugte Destination für Adrenalinjunkies. Hier genießt man das Leben und die freie Zeit, die man sich verdient hat. Klar, Ebbelwoi ist eine Spezialität, die man auch über die Grenzen des Odenwaldes hinaus kennt. Doch wer kennt schon die Sarolta-Kapelle in Fränkisch-Crumbach? Kaum jemand. Wohl auch, weil sie nur an bestimmten Tagen zugänglich ist.

Von Darmstadt bis Heidelberg, von Heppenheim bis zum Limes. So lässt sich das Gebiet umreißen, das Autorin Stephanie Aurelia Staab dem Leser näherbringt. Immer wieder staunt man wie vielfältig die Region ist. Auf der einen Seite (in natura als auch im Buch) schwärmt man von weiten Apfelfeldern. Im nächsten Moment tut sich eine erhabene Burg auf. Oder die Natur gibt den Blick frei für tiefe Einsichten in die vulkanologische Geschichte. Erfüllende Aussichtspunkte, treffsichere Tipps für den knurrenden Magen – wer hier nicht sofort seine Siebensachen packen möchte, … muss einfach weiterlesen. Das Aha-Erlebnis stellt sich auf alle Fälle ein!

Wie zum Beispiel im Mümlingtal. Kennt auch kaum einer, der sich bisher noch nicht mit dem Odenwald und seiner Umgebung beschäftigt hat. Von Breuberg über Höchst, nicht das bei Frankfurt, und dann auf der B 45 immer Richtung Süden, bis zum Marbach-Stausee. Hat es immer noch nicht Klick gemacht? Macht nichts! Entlang der Mümling lässt es sich vorzüglich entspannen. Zauberhafte Fachwerkhäuser, Skulpturen, die den Wanderweg erhellen, ein Ort, indem man sich wie ein König fühlen darf, eine imposante Burganlage und zum Abschluss ein Sprung in ein Waldseebad – das sind nur ein paar wenige Höhepunkte, die man hier teils einsam, teils in geselliger Runde verbringen kann.

Fakt ist, wenn man eine Region als ein bisschen vergessen nennen kann, so ist es der Odenwald. Und noch einmal: Von Ödnis keine Spur! Die Wandermassen marschieren woanders. Bergstraße, Weinstraße, Heidelberg gehören zum Reiseband dazu wie das spannungsgeladene Warten auf den nächsten Urlaub. Nicht nur coronabedingt sollte man in seine Reisepläne den Odenwald unbedingt einbeziehen.

Wachau, Waldviertel, Weinviertel

Kaum vorstellbar, aber es gibt Menschen, die Wien überdrüssig sind und ihren Erlebnishorizont erweitern wollen. Und es vor allem auch können. Denn vor den Toren der Donaumetropole liegen – ganz ohne W, wie Wien, geht es doch nicht – die Wachau, das Wald- und das Weinviertel. Und von einem Viertel Erlebnis ist man hier meilenweit entfernt. Das volle Programm erwartet einen hier.

Selbst kleine Erhebungen von nicht einmal dreißig Metern schaffen ein Erlebnis, das man sonst lange suchen muss. Wie die Aubergwarte bei Zwettl im Kamptal im mittleren Waldviertel. Ein Aussichtsturm, der schon von Unten eine Augenweide ist. Ein gigantischer Holzturm, von dessen Aussichtsplattform man nach 130 Stufen einen umfassenden Rundumblick genießen kann.

Dürnstein in der Wachau gehört zu den Must-Dos der Region. Der einmalige blaue Kirchturm prägt jede Erinnerung an den nicht einmal tausend Einwohner zählenden Ort. Ob Richard Löwenherz sich ebenso verträumt an den Ort erinnert, darf bezweifelt werden. Er saß im Kerker oberhalb und hätte sicher gern auf diese Aussicht verzichtet. Damit ist er wohl der einzige Besucher des Ortes, der keine schönen Erinnerungen hat.

Beim Weinviertel hat jeder Genussmensch sofort nur einen Gedanken: Hoffentlich bleibt’s nicht dabei. Ein Viertele ist zu wenig. Und setzt man den ersten Schritt ins Weinviertel ist man jeder Sorge entledigt. Auf Schritt und Tritt begegnet man dem, was man noch in Jahren im Kopf herumschwirren hat. Die wuchtige Burg Kreuzenstein, die futuristische Turmschnecke in Stetten oder eine Kanufahrt in den Stockauer Donau-Auen. Man muss im Buch nur einmal umblättern und hat schon Ideen für mehrere Tage Erlebnisreisen.

Um sich zurechtzufinden in der Fülle an Erlebnistouren, die man hier erleben kann, ist der Reiseband exzellent gegliedert. Die Lotsenseiten geben einen raschen Überblick über die kommenden Seiten. So wird die Tagesplanung für die nächsten Tag ein Kinderspiel. Selbst wer nicht so viel planen möchte, kommt schon beim bloßen Lesen und Durchblättern in Zeitnot. Und für das Quäntchen Zusatzwissen sorgen die einmaligen farbig angesetzten Infokästen, die mit Anekdoten die kleinen grauen Zellen zum Schwingen bringen.

Moderne Architektur, traditionelle pittoreske Fassaden im gebrauchsfertigen Gewand lassen diesen Reiseband nicht oft im Rucksack verschwinden. Er schmiegt sich fest in die Hand und sein Inhalt setzt sich im Kopf fest, so dass die drei Viertel im Norden Wiens schon bald zum festen Ausflugsprogramm gehören werden. Auch ohne Wienabstecher gehören Wachau, Waldviertel und Weinviertel zu den unumstrittenen Höhepunkten.

Den Autoren Barbara Reiter und Michael Wistuba wurde es sicher leicht gemacht ihre Reisetipps zusammenzutragen. Sie in handhabbarer Form zu präsentieren ist ein Kunst, die die beiden exzellent beherrschen.

Der Teufel in der Schublade

Dichtersruh – ein Name wie Donnerhall. Hier zwischen den Giganten der Alpen liegt dieser kleine Ort. Sogar Goethe kehrte hier einst ein als er auf dem Weg gen Italien war. Noch immer ist der Streit, wo er denn nun abgestiegen war, nicht entschieden. Die Möglichkeit, dass er in keinem der heute ansässigen Unterkünften Rast machte, wird mit Konsequenz hinfort gewischt. Außerdem hat der deutsche Dichterfürst ein weiteres Erbe hinterlassen: So ziemlich jeder im Ort, der des Schreibens mächtig ist – was auf jeden zutrifft – fühlt sich berufen zum Schreiben. Klar, wenn Goethe hier war, muss das ja irgendwie abgefärbt haben…

Und so schreibt man das nieder, was sonst nur der Pfarrer zu hören bekommt. Eines Tages – bitte niemals den Goethe und schon gar nicht sein (Haupt)Werk außeracht lassen! – verschlägt es den Verleger Bernhard Fuchs, Dr. Fuchs, in das mehr oder weniger verschlafene Örtchen. Bei solch geballter literarischer Vielfalt muss man hier zumindest absteigen. So wie Goethe. Die Idee von einem Literaturpreis reift schneller als die Fallwinde das Tal erreichen können. Kantonsweit soll der Wettbewerb ausgeschrieben werden. Doch lieber wäre es allen, wenn er innerorts vergeben werden könnte. Auch wenn das den Zwist unter den Schreiberlingen vergrößern würde.

Ein Preisgeld gibt es auch schon. Nicht kleckernde zehntausend Franken winken dem Gewinner. Das Geld ist auch schon auf dem Weg. Versichert der Verleger. Die Bank ist eher eine kleine Bank, unbekannt. Aber das Geld ist unterwegs. Genau wie die Autoren des Ortes. Sie bedrängen den Verleger ihre Texte zu lesen, zu verlegen, preiszukrönen.

Naja es kommt alles anders als erwartet. Der Bürgermeister hat einen Unfall, ein Fuchs ist ihm vors Auto gelaufen. Ein echter Fuchs, nicht Doktor Fuchs. Der Pfarrer stirbt, sein Nachfolger, der sich oft mit Fuchs, also dem Verleger traf, muss nun alles regeln. Als dann auch noch ein Knall das Tal erhellt, bricht für so manchen die heile Welt entzwei.

Ich möcht‘ wissen was die Welt im Innersten zusammenhält. Mephisto hilf! Da hat Goethe was angerichtet! Das setzt er vor zweihundert Jahren das Gericht in die Welt, dass der Teufel immer noch sein Unwesen treibt. Und dass man den Gehörnten nicht auf den ersten Blick erkennt. Und nun steht der Leibhaftige in Dichtersruh seinen Schäfchen gegenüber? Ein köstlicher Spaß mit Schnitzeljagdcharakter. Denn die Geschichte wird aus allerlei Blickwinkeln erzählt. Mit jedem neuen Kapitel muss man sich einnorden auf den jeweiligen Erzähler. Ein teuflischer Plan des Autors!