Der USB-Stick

Jeder große Herrscher der Geschichte hatte seine Handlanger, die ihm zu seinem Ruhm verhalfen. Die kleinen Helferlein stehen immer im Schatten. Man sieht sie nicht. Jean Detrez ist auch so ein kleines Helferlein. Doch er steht nicht so unerkannt im Schatten wie man es vermutet. Als Experte der Europäischen Kommission für Machbarkeitsstudien für Blockchain-Technologien – es wie immer ums Geld, Stichwort Bitcoin – wird immer mal wieder von Lobbyisten angesprochen. Meist lässt es ihn kalt. Seine Arbeit hat Vorrang, alles andere interessiert ihn kaum. Dass er geschieden ist, beweist diesen Wesenszug nicht unbedingt, verstärkt aber das Bild des Lesers von Jean Detrez.

Zwei Lobbyisten kommen wieder mal auf ihn zu. Sehr interessant, was er soeben in seinem Vortrag erzählt hätte. Jean kennt das schon. Man will ihn abwerben, seine Arbeit nutzen, sein Wissen für sich selbst nutzen. Alles wie immer. Nein, nicht ganz. Aus unerfindlichen Gründen spitzt Jean Detrez dieses Mal die Ohren. Die beiden Typen legen eine Hartnäckigkeit an den Tag, die es ihm fast unmöglich machen sie zu ignorieren. John Stavropoulos und Dragan Kucka, manchmal in Zusammenarbeit mit Yolanda Paul – mehr Weltläufigkeit kann man kaum in die Namensfindung investieren – laden ihn mal allein, mal im Zweier-, einmal auf im Dreierteam ein, in China sich mit ihrem Boss zu unterhalten. Ganz zwanglos! Na klar, wer‘s glaubt! Ein letztes Treffen zwischen Jean und John soll letzte Zweifel aus dem Weg räumen. Ganz wohl ist Jean bei der ganzen Sache nicht. Ein schleichender Prozess, der mit leichtem Verfolgungswahn beginnt, und mit dem Diebstahl seines Laptops noch nicht ganz beendet sein wird. Dazwischen liegen wenige Tage, die sein Leben komplett aus den Angeln heben.

Jean entschließt sich das Angebot nach China zu reisen anzunehmen. Er ist eh auf dem Weg nach Tokio. Zwei Tage Zwischenstation in China – was soll da schon passieren? Es werden zwei Tage, die offiziell niemals stattgefunden haben. Während dieser 48 Stunden existiert Jean Detrez nicht. Keiner weiß, wo er ist, nicht seine Ex-Frau, seine Kinder, seine Eltern (was am schlimmsten ist, denn sein Vater liegt im Sterben), ganz zu schweigen von seinem Arbeitgeber.

Als Jean endlich wieder zurückkehrt nach Brüssel, ist die Welt eine Andere. Der Terror hat Deutschland erreicht, sein Vater ist tot, seine Aufzeichnungen sind geklaut worden, sein Vortrag in Tokio abgesagt. Und er hat niemanden, mit dem er über das sprechen kann, was ihn die vergangene Zeit beschäftigt hat. Der USB-Stick, den John Stavropoulos verloren hat, den Jean gefunden hat, der ihn in die Welt der Cyberkriminalität auf so subtile Weise geschleudert hat – wurde er letztendlich „absichtlich verloren“? Was ist, wenn alles auf diesem Stick alles Dagewesene in den Schatten stellt?

Jean-Philippe Toussaint ist kein Autor, der die Welt in einen Feuerball aufgehen lässt. Ihn interessiert mehr was Veränderungen mit dem Einzelnen machen. Sein Held ist kein harter Kerl, der im Unterhemd die Welt rettet. Er ist einer, dem das Hirn näher ist als der Bauch. Ob er sich in dieser Rolle wohlfühlt oder sich insgeheim wünscht ein Anderer zu sein, das überlässt Toussaint dem Leser.

Wo Dein sanfter Flügel weilt

Philip Mason ist ein Glückspilz. Der Musikstudent bekommt ein Stipendium für seine Arbeit über die „Verbindungen der zwischen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Wiener Klassik“, um seine Forschungen an der Donau voranzutreiben. Im heimatlichen Amerika kann er schon erhebliche Erfolge vorweisen, doch in der Geburtsstadt seiner Mutter, wo Beethoven, Schubert, Mahler, Mozart zuhause waren, sind die Archive praller gefüllt als anderswo.

Um sich an die Stadt zu gewöhnen und sich einzuleben, eignet sich ein Konzert in dieser von Musikgeschichte durchtränkten Stadt vorzüglich. Doch das Klangerlebnis wird bald schon zu einer Obsession. Schuberts letzte Sinfonie, die in C-Dur, weist erstaunlich viele Parallelen zu Beethovens Neunter auf. Auch bei „Don Giovanni“ von Mozart scheint sich Franz Schubert bedient zu haben. Auf den ersten Blick – für den ungeübten Leser – ein klarer Fall von Plagiat. Aber wen soll man denn heute noch belangen? Schubert selbst? Der ist 1828 im Wiener Stadtteil Hietzing gestorben.

Als Musiktheoretiker wird in Phil Mason dem Forscherdrang Nahrung gegeben. Ihn wundert’s, dass es so wenig Literatur über das Offensichtliche (zumindest für Wissenschaftler wie ihn) gibt. Eine Arbeit allerdings gibt es schon. Verschlossen. Nur mit Erlaubnis der Autorin zu lesen. Die muss er erstmal finden? Gar nicht so einfach. Zumal auch dieses Dame inzwischen verstorben ist. Hat sich erhangen, wie ihre Mitbewohnerin und Jugendfreundin voller Bedauern auf Phils Drängen hin ihm mitteilt. Wem bis hierhin nicht klar sein sollte, worum es in diesem Buch geht, wird von nun auf der Klaviatur des Bösen eine harte Wendung nach der Anderen entgegen geschmettert.

Das legendäre Moskauer Sonderarchiv – Phil ist mittlerweile derart von der Idee besessen, dass in Schuberts Sinfonie ein Geheimnis lauert, das nur darauf wartet ans Tageslicht gezerrt zu werden – dringt Phil in Dimensionen vor, die er niemals zu erforschen wagte. Bis nach Südamerika treibt es ihn. Ihm wird schlussendlich klar, dass er nicht nur in ein Wespennest gestochen hat, sondern dass die Wespen schon einige Male zu gestochen und ebenso Larven hinterlassen haben…

Wie ein Doctor Jones der Musiktheorie wird aus dem wissbegierigen Musiktheoretiker Phil der sich jeder Gefahr stellende Abenteurer Mason. Man muss kein Schubertianer, Beethoven-Fanatiker oder Mozartienser sein, um sich in den Stoff hineinzudenken. Ein gesundes Maß an Krimispaß und das natürliche Gespür für Klassik reichen aus, um Sebastian Themessls Roman folgen zu können. Die möglichen Wissenslücken füllt er mit Präzision und Detailreichtum auf.

Die Mühlen des Herrn

Is‘ doch ganz nett hier! Ein hübsches Häuschen, geschmackvoll eingerichtet. Hier lässt es sich aushalten. Giovanni Bovara ist als Mühleninspekteur nach Vigata geschickt worden. Hier wurde er geboren, doch schon im Alter von ein paar Monaten zogen er und seine Eltern in den Norden. Das Haus, in dem er bis zur Beendigung seiner Inspektion wohnen wird, gehört Donna Trisìna Cicero. Sie ist Witwe. Ihr Gatte hinterließ ihr eine ganze Menge irdischer Schätze. Mit allem anderen wurde sie von Mutter Natur gesegnet. Und das nicht zu knapp.

Das ist Padre Artemio Carnazza auch schon aufgefallen. Ihm gelüstet dann und wann nach Donna Trisìna. Sie lässt es geschehen. Aber nur bis zu einer gewissen Grenze. Und auch nur für einen entsprechenden Gegenwert! Silberlöffel, Betttücher etc. So staffiert sie unter anderem auch die Wohnung des Mühleninspektors aus. Bald schon wird auch einen funkelnden Kerzenleuchter bekommen. Denn der Padre ist auf einen besonderen (ihm lange verwehrten) Handel eingegangen.

Schon bei seiner Ankunft wird Giovanni Bovara mit den örtlichen Gepflogenheiten vertraut gemacht. Als Inspekteur des Staates darf er selbstredend keine Geschenke in Empfang nehmen. Es empört ihn umso mehr als er von Don Cocò Afflitto zum Essen eingeladen wird. Was er nicht minder empört ausschlägt. Seiner Arbeit will er nachgehen, nicht in irgendwelche Geschäfte, Intrigen oder ähnliches hineingezogen werden. Doch weit gefehlt!

Schon bald ist Bovara mitten im Geschehen. Er erfährt nach und nach wie die Dinge hier laufen. Der Padre und sein Cousin stehen im ewigen Streit. Geldverleih und Kanzelreden sind hier einerlei. Frömmigkeit und Sündenfall liegen hier so eng beieinander wie nirgends anders. Wer einen Vorteil für sich sieht, beißt auch gern mal die Hand, die einen füttert. Doch Vorsicht! So ein Biss kann tödlich sein!

Das wird der Padre am eigenen Leib erfahren müssen. Zufällig ist gerade auch der Mühleninspekteur zur Stelle. Röchelnd bekundet der Sterbende Padre dem gewissenhaften Bovara seinen Mörder. Blöd nur, dass Bovara des Dialektes nicht ganz Herr wird. Will der Sterbende ein Kissen oder war es sein Cousin, der ihm die tödliche Kugel verpasste? Für die Behörden – je nachdem wessen Hand sie gerade halten oder beißen – sind eifrig bei der Sache. Denn es gilt die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Dass dabei auch gleich noch das Verschwinden einer Mühle ans Tageslicht kommt, macht es allen Beteiligten nicht einfacher…

Andrea Camilleris Geschichte fußt auf einer wahren Begebenheit. Er nimmt sie zum Anlass seiner sizilianischen Heimat einmal mehr ein literarisches Denkmal zu setzen, dass den Leser in ein Land führt, dessen Beben unter der Oberfläche nur allzu oft falsch verstanden wird. Es brodelt allenthalben. Und die Mühlen des Herrn mahlen … wie auch immer … sie mahlen!

Ich bin ein Laster

Zwanzig Jahre sind Agathe und Réjean schon ein Paar. Sie die sensible Frau an seiner Seite, die Rockmusik mag – er der Anpacker, der bei französischem Folk ins Schwärmen gerät. Sie haben sie arrangiert. Was auf den ersten Blick wie pure Langeweile aussieht, entpuppt sich alsbald als Eheerhaltungsmaßnahme auf höchstem Niveau.

Agathe weiß, dass Réjean niemals zum Angeln fährt, wenn er sagt zum Angeln zu fahren. Sie nimmt es hin. Immerhin klappt es im Bett vorzüglich, besser denn je. Und sein Spleen immer das neueste Chevy Modell fahren zu müssen, naja, daran hat sie sich gewöhnt. Kurz vor ihrem 20. Hochzeitstag jedoch kehrt Réjean nicht mehr vom Angeln zurück. Sein heiß geliebter Wagen (zumindest solange bis das Update draußen ist) steht mutterseelenallein am Straßenrand. Der Picknickkorb ist unberührt. Die heile Welt, so wie sie sie kennt, beginnt zu bröckeln.

Das Leben muss weitergehen. Agathe sucht sich einen Job bei Stereoblast. Wer alte Elektronik in achtbare Münze verwandeln will, ist hier richtig. Umsatzqueen ist hier Debbie. Sie bringt Lahme zum gehen, verwandelt Elektroschrott in wohlklingende Töne und ist für Agathe der Rettungsreifen, den sie sich nicht mal im Traum erwünschte. Starthilfe ins neue Leben. Auch ein Mann steht schon fast auf der Matte von Agathe. Martin heißt er. Zunächst zögernd, ist er ihr bald näher als ihm lieb sein kann. Was Agathe nicht weiß, er und sie teilen ein und denselben Schmerz.

Auch Réjean beginnt ein neues Leben. Er ist nicht tot! Das vermuten nur alle. Leider weiß er das nicht. Denn seit dem seltsamen Unfall ist sein Gedächtnis so neblig wie die Gebirgszüge der Anden, so löchrig wie ein Schweizer Käse und er ein völlig anderer Mensch. Körperlich war schon immer eine imposante Erscheinung. Das mochte Agathe an ihm. Auch das weiß er nicht mehr. Er würde sie nicht mal mehr erkennen, wenn sie vor ihm stünde. Nicht einmal, wenn sie ihm seinen Namen ins Gesicht schreien, ihn abgöttisch küssen würde. Er würde es nicht verarbeiten können. Was heißt hier „könnte“? Er kann es nicht als es ihm passiert…

„Gegensätze ziehen sich an“, „Was sich liebt, das neckt sich“ oder ähnliche Weisheiten schießen dem Leser beim während des Lesens durch den Kopf. Doch Michelle Winters unternimmt nichts, um diese Klischees auch nur ansatzweise zu bedienen. Und schlittert man unversehens in einen Abgrund hinein, den man nicht kommen sah, den man gern in Kauf nimmt, der ein abruptes Ende nimmt. Die kolossale Kunst einer ungewöhnlichen Beziehung Würze zu geben und dabei die Schärfe zu nehmen, gelingt der Autorin mit Bravour, so dass einem nur eines übrig bleibt: Das Buch noch einmal zu lesen! Und noch einmal und noch einmal und noch …

Turin ist unser Haus

Hereinspaziert, hereinspaziert! Kommen Sie! Schauen Sie sich in Ruhe um! Diese Wohnungsbesichtigung wird niemand so schnell vergessen. Die Wohnung hat sogar einen Namen: Turin.

Jahrelang als Industriestadt ohne jeglichen Charme verschrien, lässt es sich nicht verleugnen, dass Turin Mailand, der prachtvollen Metropole gleich um die Ecke, immer wieder das Wasser abgräbt. Turin ist eine Industriemetropole. Das lässt sich nicht leugnen. Doch das kulturelle Erbe muss und darf sich nicht verstecken. Giuseppe Culicchia ist Turiner – mittlerweile der Liebe wegen Immi-Mailänder – und sein Herz wird immer an Turin hängen. Nicht an Juventus, sondern am FC Turin, granatrot nicht schwarz-weiß. Und so ist auch sein Buch, seine Liebeserklärung an die Stadt.

Eine Wohnung betritt man durch eine Tür, eine Pforte. In Turin ist das der Bahnhof. Porte Nuova heißt der. Riesig. Von kommt man überall hin, außer zu m Flughafen. Wenn man auf den Zug wartet, muss man stehen, Bänke sucht man vergebens. Porta Susa, der zweite große Bahnhof ist die Hintertür. Kleiner, gemütlicher, mit Bänken.

Schlendert man durch den Korridor, die Via Roma, bekommt man einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Hier hat sich viel getan in den vergangenen Jahren. Fußgängerzonen haben das allabendliche Geprotze mit getunten Autos verdrängt. Doch auch die typischen Weinbars sind verschwunden. Schuh- und Jeansläden haben das Regiment übernommen. Giuseppe Culicchia sieht seine Stadt nicht durch die rosarote Brille – wenn überhaupt durch die granatrote des FC – er sieht wie sich Turin verändert hat und es noch weiter tun wird.

Aus der Wohnungsbesichtigung wird schnell eine Rundreise durch Geschichte und Alltag in der piemontesischen Stadt, die mehr als nur Fiat zu bieten hat. Alte Pallazzi, weite Plätze und eine kulinarische Tradition, die einen jeden guten Vorsatz vor der Tür ablegen lässt. Naschen erlaubt heißt das Gebot der Stunde. Wenn er von der detailverliebten Haselnussauswahl eines Schokoladenherstellers spricht, läuft einem nicht nur das Wasser im Munde zusammen, man muss – egal in welchem der zwanzig beschriebenen Zimmer – einfach einmal im Leben die Stadt mit allen Sinnen erobert haben.

Einen Reiseband braucht man, um nichts zu übersehen, um zu erfahren wie man ohne Sinnesverlust von A nach B kommt. Mit „Turin ist unser Haus“ hat man die Einheimische in der Tasche. Beziehungsweise immer bei und in der Hand. Allwissend, zuvorkommend, am laufenden Band vor sich hinplappernd ist dieser außergewöhnliche Band eine Offenbarung, derer sich nur wenige Städte rühmen dürfen.

Aktueller Nachsatz (14. März 2020): Derzeit ist Turin wie ganz Italien Sperrzone. Das wird sich ändern – keiner weiß wann. Nur dass es so sein wird, steht fest. Und dann ist man froh, dass es jetzt schon dieses Buch gab. Turin wird für jeden Besucher, der dieses Buch gelesen hat, wieder eine offene Stadt sein.

Nagasaki, ca. 1642

Man mag s kaum glauben, aber Seki Keijiro war mal ein erfolgreicher Samurai, der erfolgreich so manche Schlacht schlug. Zu seinem Leidwesen herrscht nun schon seit geraumer Zeit Frieden. Er sozusagen arbeitslos. Den hoffentlich bald endenden Lebensabend, bzw. die „freie Zeit“, verlebt er im Schoß seiner Familie. Ein Baby krabbelt an ihm herum, rauf und runter, er lässt es über sich ergehen. Sich mit dem Schwiegervater unterhalten – unmöglich.

Nachrichten verbreiten sich zu dieser Zeit viel langsamer als wir es heute gewöhnt sind. Schnell bedeutete damals „nur ein paar Tage“. Ein Schiff wird kommen. Eines der Ostindien-Kompanie. Da war doch mal was! Seki Keijiro, der Faulste unter den Faulsten, erlebt so was wie seinen zweiten Frühling. Er könnte doch bei Handelsvertretung am Hafen einen Job annehmen und sich den Kahn mal genauer betrachten. Oberflächlich gesehen ist das die Geschichte eben dieses zweiten Frühlings. Doch dahinter steckt etwas viel Größeres. Das weiß außer Seki Keijiro aber keiner. Nicht seine Familie, nicht seine Freunde, niemand! Es ist sein kleines Geheimnis, das sich alsbald zu einer großen Sache ausweiten wird.

An Bord des Schiffes ist auch Abel van Rheenen. Als Dolmetsch ist er nicht zwingend nötig an Bord, doch durch seine Beziehungen, traut man sich nicht recht ihm in die Schranken zu weisen. Gründe dafür gebe es reichlich. Wie ein aufgezogenes Laufwerk, ein unruhiges Kind nervt er alle an Bord mit seinem niemals stillstehenden Mundwerk. Zu alles und jedem hat er eine Meinung, die er unumwunden und sofort preisgeben muss. Als  das Schiff anlegt, entspinnt sich ein raffiniertes Spiel zwischen dem dahinzusiechen drohenden Seki Keijiro und dem Plappermaul Abel van Rheenen.

Christine Wunnicke erweckt in ihrer Novelle ein Land zu einer Zeit, von dem und aus der wir so gut wie gar nichts wissen. Alles Fiktion, aber der unbeirrbare Schreibstil lässt eine Welt erstehen, die so nah und so greifbar erscheint, dass man jedes Wort für gegeben annimmt.

Wo Du nicht bist

Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, der hat die Operette „Das Land des Lächelns“ sicher schon mal gehört. Oder vielleicht bei Heinz-Rudolf Kunze. „Wo Du nicht bist, kann ich nicht sein…“ bei HRK folgt dann allerdings „… wir haben so viel Glück auf dem Gewissen“. Irma Weckmüller kann dieser Zeile nicht einmal mehr ein Lächeln abgewinnen. Und das ist das Traurige an dieser rührenden, aufwühlenden und einzigartigen Geschichte.

Die Zwanzigerjahre liegen in den letzten Zügen als Martha sich ihrer Schwester Irma anvertraut. Ihr Dienstherr hat sie mehr als einmal bedrängt. Und jetzt sind die widerwärtigen Annäherungsversuche bzw. das Ergebnis nicht mehr zu vertuschen. Irma ist schwanger. Die Adresse von Dr. Bragenheim und ein paar Mark hat er ihr zugesteckt. Sie solle tun, was zu tun ist. Ansonsten wäre sie ihre Stelle los. Doch der Doktor kann nichts mehr für das arme Ding tun. Irma, die ihre Schwester begleitet und immer an ihrer Seite steht, ist wenig angetan vom Doktor.

Der hingegen schon. Erich Bagenheim hat etwas in Irma entdeckt, dass ihn in KaDeWe zieht. In die Stoffabteilung. Dorthin, wo Irma arbeitet. Sie ist zufrieden mit ihrer Arbeit, verdient gut und ihr Vorgesetzter, lässt sie Stoffe mit nach Hause nehmen, schenkt ihr sogar einen Kinderwagen für das Kleine von Martha. Ganz ohne Gegenleistung. Irma steht wirklich auf der Sonnenseite des Lebens, findet Martha. So war es, so ist es, so wird es immer bleiben. Bei Letzterem soll sich Martha gehörig täuschen.

Erich und Irma nähern sich vorsichtig an. Ihr soll ja schließlich nicht dasselbe passieren wie Martha. Ausgenutzt und verstoßen, ohne einen Atemzug dazwischen. Doch Erich ist anders als die Männer, die Irma bisher kannte. Zuvorkommend, höflich, ehrlich und immer für eine Überraschung gut. Bei einem Essen mit Freunden, seinen Freunden, macht er ihr einen Heiratsantrag. Den sie freudig strahlend annimmt. Der glücklichste Abend in ihrem Leben hat aber einen bitteren Beigeschmack. Das Gespräch rückt unweigerlich in die Politik hinein. Manche der am Tisch Versammelten sind geradezu entrüstet als sie erfahren, dass Erich und weitere Gäste Juden sind. Schmähungen gab es immer. Doch so direkt, fast schon Hass, zumindest von tief sitzenden Vorurteilen geprägte Parolen, das ist neu.

Irma und Erich sind nun verlobt, doch die braune Brut in den Ämtern verhindert mehr. Eine Hochzeit ist unmöglich. Mischehe, Verunreinigung deutschen Blutes – das geht nicht! Auch Martha hat sich verändert. Max, ihr Sohn, den sie nicht wollte, entwickelt sich prächtig. Doch Martha steckt voller Hass. Auch gegen Irma. Das Blatt scheint sich gewendet zu haben. Jetzt muss Irma zusehen wie sie zurechtkommt, und Martha steht auf der Sonnenseite des Lebens. Es kommt noch schlimmer: Erich wird nach Theresienstadt gebracht. Später – das erfährt Irma aber erst nach dem Krieg – sogar nach Auschwitz-Birkenau. Sie weiß, dass sie Erich niemals wiedersehen wird.

Aber sie kämpft. Kämpft um ihre Liebe und die Anerkennung. Erich ist tot. So traurig es ist. Sie will ihn trotzdem heiraten. Schließlich wurde ihr die Eheschließung unrechtmäßig verweigert. Doch im Nachkriegsdeutschland sitzt der Stachel des Hasses gegen Juden noch tief. Irma Weckmüllers Kampf ist einzigartig.

Das dachte sich auch Anke Gebert als sie von dieser ungewöhnlichen Geschichte hörte. Sie recherchierte, wälzte Aktenberge, traf sich mit Nachkommen von Irma Weckmüller. Ihre Entschlossenheit als alleinstehende Frau sich gegen Bürokratie-Windmühle trotzt jedem Leser höchsten Respekt ab. Sie wollte nicht Frau Dr. Erich Bragenheim werden, um Rentenansprüche zu untermalen. Sie tat, was eine Ehefrau tut: Sie verteidigt ihre Familie. Vor dem Haus Nummer 141 am Berliner Ku’damm wird im Frühjahr 2020 ein Stolperstein für Dr. Erich Bragenheim verlegt werden. Mehr als nur ein Symbol – ein Stück Geschichte, ein Mahnmal, und die Geschichte dahinter ist bemerkenswert. Auch und gerade weil Anke Gebert es meisterlich versteht die Perfidität der Nazizeit so eindringlich und ohne falsche Pietät und Betroffenheit nachvollziehbar zu machen. Es ist eben doch noch nicht alles über diese finstere Zeit erzählt.

Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil

Die Erinnerung spielt einem gern und oft mal einen Streich. Ab diesem Jahr kommt man nicht umhin die 20er Jahre, die Goldenen Zwanziger, the roaring twenties, die des vergangenen Jahrhunderts zu würdigen und zu feiern. Berlin zum Beispiel kommt einem dann vor wie eine gigantische nicht enden wollende Party, bei die Frauen Perlenketten behangen und die Herren im feinen Zwirn zugange waren, und beiderlei Geschlechter immer einen dicken Kopf vom übermäßig genossenen Champagner mit und auf sich trugen. Dabei vergisst man oft das Elend, das nicht minder vorhanden und vor allem sichtbar war. Die Männer im Hintergrund sind kaum noch bekannt.

So wie die Brüder Rotter, eigentlich Schaiche, Söhne eines jüdischen Kaufmanns aus Leipzig, die schon während des Weltkrieges ihr Imperium zum Strahlen brachten. In den Zwanzigerjahren waren sie von Breslau bis Hannover die Könige der leichten Unterhaltung. Feinde hatten sie manchmal mehr als Publikum im Saal. Obwohl die meist rappelvoll waren. Die Wirtschaftskrise überstanden sie, wie auch immer. Der aufziehende braune Terror brachte sie schlussendlich zur Strecke. Doch nicht nur der allein.

Für die Shows von Alfred und Fritz Rotter zogen sich jährlich Dutzende Vorhänge auf. Lehár und Holländer spielten sie, Hans Albers formten sie zum gefeierten Bühnenstar. In der gegnerischen Ecke standen (und lauerten) die Theaterbesitzer, die den Rotters ihre Bretter, die die Welt bedeuten, vermieteten. Kritiker warfen den Rotter-Shows Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit vor. Das Erfolgsgeheimnis war, dass ein großer Name die Show tragen sollte. So warben sie mit den Stars, auch wenn die dann am Abend gar nicht auftraten. Die Kasse klingelte, doch voll war sie niemals. Pleiten, Pech und Pannen waren die Leibgarde der Rotters. Viel eine Aufführung durch, kam die nächste. Wieder mit einem Namen, der für Qualität stand, verbunden. Ging es bergauf, konnte man die Uhr danach stellen, wann es wieder bergab ging.

Die deutschnationale Presse, im Laufe auch die faschistische Presse setzte dem jüdischen Erfolgsmodell herabsetzende Propaganda entgegen. Als auf dem Ku’damm die SA wahllos auf Passanten einprügelte, nahmen Alfred und Fritz zusätzlich die liechtensteinische Staatsbürgerschaft an. Das ging damals offensichtlich ganz einfach. Ob und wie viel Geld dabei eine Rolle spielt, ist bis heute nicht zu eruieren. Ein paar Tage vor der endgültigen Machtergreifung der Nazis flohen die Rotters. Wohin, das wusste keiner. Den Häschern waren sie erstmal entkommen. Doch der Verrat lauert überall. Und so war die Flucht nur eine Sackgasse mit bitterem Ende.

Peter Kamber wirft noch einmal die Suchscheinwerfer an und leuchtet die Rotter-Bühnen bis in die letzte Ecke aus. Auch er kann nicht jedes kleinste Detail belegen. Doch das, was er recherchiert hat, lässt keinen Zweifel daran, dass Alfred und Fritz Rotter die größten ihre Metiers waren, einflussreiche Feinde hatten, denen ihre kreative bis kriminelle Buchhaltung ein Dorn im Auge war, und die ein Berlin schufen, das über alle Grenzen hinweg Weltruhm erlangen sollte. Ob Gauner oder gewiefte Geschäftsleute – keiner verdient ein Ende wie diese beiden schillernden Gestalten des Bühnen-Berlins.

Spaziergänge durch das musikalische Leipzig

Bach, Schumann, Wagner und Mendelssohn-Bartholdy (immer noch beliebter Versprecher im Radio: “Es werden Werke gespielt von Mendelssohn und Bartholdy“, ein Klassiker – wobei wir auch schon bei einem Teil der Zielgruppe dieses Büchleins sind…) sie alle gehören zu Leipzig wie der Zoo, die Messe und der Sport. Doch selbst Leipziger, die mehr oder weniger regelmäßig ins Gewandhaus pilgern und / oder mit mehr oder weniger offenen Augen durch die Stadt schlendern, werden mit diesem Buch öfter in Erstaunen versetz werden. Auf sechs Spaziergängen erlebt man Leipzig wie man es noch nie erlebt, gar erhört hat.

Während man in der Stadt (jeder echte Leipziger bezeichnet die City oder auch downtown immer noch als Stadt) gar nicht umhin kommt an Größen wie Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Wagner ungemerkt vorbeizukommen, so ist der Spaziergang Nummer Sechs für viele eine echte Offenbarung. Im Stadtteil Schönefeld steht eine Kirche. Sie überragt alles in dieser Gegend. Dass sich hier Clara Wieck und Robert Schumann am 12. September 1840 das Jawort gaben, ist vielen der umliegenden Bewohner unbekannt. Übrigens lohnt es sich das Areal außerhalb der Kirche zu erkunden. Ein Geheimnis, das von außen nicht sichtbar ist, wartet auf jeden Neugierigen. Nur ein paar Gehminuten entfernt gelangt man in die Clara-Wieck-Straße, in der sie allerdings nie wohnte. Verbürgt ist allerdings, dass sie und ihr Gatte im nicht allzu weit entfernten Abtnaundorfer Park oft spazieren gingen. Ein Park, vor allem der Parkteich, der schon seit Ewigkeiten, sofern es das Wetter zulässt, Kinderscharen das Eislaufenlernen ermöglicht. Heute ist es ein Ort der Ruhe mit teils wild wuchernden Sträuchern, der Flora und Fauna Platz zur Entfaltung gibt.

Ob nun Mendelssohn oder Schumann-Haus, ob Büsten, oder Konzertbesuche: Leipzig ohne Musik und Musiker ist einfach undenkbar. Vom Weltruf des Gewandhauses profitieren unter anderem auch die Nachwuchskünstler des Akademischen Orchesters, das mit seinen sechs Konzerten pro Jahr im Gewandhaus (fast immer komplett ausverkauft) für musikalische Abwechslung im Kulturprogramm Leipzigs sorgt. Leipzig lässt sich gern erobern. Die Wege sind kurz, meist fußläufig zu erreichende Hingucker und eine rege Kulturszene machen es jedem Besucher leicht sich in die Stadt trotz aller sichtbaren Bausünden der Vergangenheit und Gegenwart zu verlieben. Dieses kleine Büchlein passt in jede Tasche. Obwohl man es eh nicht verstauen wird, da es ein Füllhorn an Geschichte und Geschichten in sich birgt. Obwohl viel Gebäude wie das alte Gewandhaus nicht mehr mit eigenen Augen zu bestaunen sind, so leben sie mit diesem Buch wieder auf.

Eine Prise Funkgeschichte

Erinnern Sie sich noch wo der Marathon seinen Ursprung hat? Der Legende nach lief nach dem Sieg der Athener gegen Sparta ein Läufer die 40 Kilometer in seiner Heimatstadt, um vom Sieg zu künden. Danach brach er tot zusammen. Wenn heute eine Nachricht übermittelt werden soll, geschieht das in Echtzeit. Und das seit rund einhundert Jahren.

Am 23. Oktober 1923 ging der reguläre Rundfunk in Deutschland los. Die ersten Klänge aus dem Voxhaus am Potsdamer Platz. Doch schon lange vorher, mehr als drei Jahre zuvor, rauschten die ersten Worte aus dem Äther. Die Sendestelle Königs Wusterhausen war ihr Ursprung, der Vorsitzende des Fördervereins „Sender Königs Wustershausen“ ist Rainer Suckow, und der ist der Autor dieses Buches. Eines Buches, das Radiofans begeistern wird.

Funk – das heißt nicht nur Hörfunk, also Radio, sondern auch Fernsehen und Funk auf hoher See, zwischen Truckern, oder einfach nur eine Kommunikationsart, um mit Menschen in Kontakt zu treten, die meilenweit voneinander entfernt sind. In diesem Buch geht es aber vorwiegend ums Kino im Kopf, ums Radio.

Viele technische Details bereichern dieses Buch, die Anekdoten das I-Tüpfelchen darin. Wie die Geschichte von Radio Caroline. Mittlerweile ein Streamingradio, begann die Karriere des Senders in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre. Als Piratensender. In England war das Programm derart tröge, dass es das einzige Schlafmittel war, für das man kein Rezept brauchte. An die Zielgruppe, die am meisten auch heute noch das Radio nutzt, die Jugend, dachte kein Mensch. Vor Außerhalb der Drei-Meilen-Zone postierten die Macher ein Schiff mit einem ausreichend starken Sender. Gespielt wurde das, was auch verkauft, sprich gewollt wurde. Jahrelang wurde man der Situation nicht habhaft. Der Sender verschwand, wenn es nötig war und kam wieder, wenn man es am wenigsten erwartete. Die britische Regierung erweiterte daraufhin ihre Befugnisse und schon bald war Radio Caroline den Häschern ins Netz gegangen. Es dauerte eine Zeit bis Radio Caroline eine offizielle Lizenz bekam.

Was gehört heute zu einem Radioprogramm? Eine Hitparade. Doch wann wurde eigentlich die erste Hitparade überhaupt gesendet? Kaum zu glauben, aber in diesem Jahr, genauer am 20. April, feiert diese Form der Unterhaltung ihren 85. Geburtstag. Mal sehen, welcher Radiosender diesem Jubiläum zumindest einen Beitrag widmet.

„Eine Prise Funkgeschichte“ ist wie ein gutes Radioprogramm: Unterhaltung allenthalben, gewürzt mit einer Prise Wissen, abgeschmeckt mit würzigen Notizen aus der „guten alten Zeit“. Radio ist nicht tot, es wird nicht sterben! Die Verbreitungswege mögen sich ändern. Doch der Empfänger, der Hörer, wird es stets goutieren, wenn Macher sich um ihn kümmern. Dieses Buch kümmert sich um seine Leser, die sicher auch Hörer sind.