Wyatt Earp – Australien

Einmal mit Profis arbeiten! Einmal nicht jeden Schritt noch einmal aufsagen müssen, sondern einfach nur den Job erledigen. Wyatt Earp hat es nicht einfach. Der Mann mit dem Wildwestnamen kann momentan aber eigentlich ganz froh sein, dass er es am Ende des Buches nicht mit einem echten Profi zu tun hat. Denn er wird gerade beschossen. Eine Kugel nach der anderen schwirrt ihm um den Kopf. Und dabei hatte sich der Berufsverbrecher hier eingerichtet. Falscher Name, falscher Beruf, ab und zu mal Besuch, nette Nachbarn, die während seiner zahlreichen „Geschäftsreisen“ ein Auge auf sein Anwesen haben. Was ist passiert?

In Gangsterkreisen hat Wyatt Earp den Ruf ein zulässiger und akribischer Arbeiter zu sein. Den Knast hat er bisher nur von außen gesehen. Exakte Planung dient seiner eigenen Sicherheit und derer, die mit ihm auf Beutezug gehen. Der letzte Bruch ging gehörig in die Hose. Sugarfoot, sein Helfer ist ein Trottel wie ihn Earp nicht gebrauchen kann. Ungeduldig und nicht ganz helle im Oberstübchen. Als Schuldeneintreiber ist er die Idealbesetzung für seinen Bruder Ivan. Der ist schon des Öfteren der Auftraggeber für Wyatt Earp gewesen, derartige Verflechtungen mag Earp gar nicht. Nun sitzt er bei Ivan und muss ihm erklären, dass dessen unterbelichteter Bruder alles vermasselt hat. All die Planung für die Katz!

Doch ein neuer Auftrag lässt das Desaster schnell vergessen. Anna Reid ist Anwältin. Ihr Kanzleipartner macht gern mal eine paar Geschäfte nebenbei. Dafür braucht er Bargeld, und gerade liegen im Safe 300.000 australische Dollar. Nur knapp eine Woche Zeit, das ist wenig, um eine wyatt’sche Vorbereitung durchzuführen. Auf der anderen Seite lockt das Geld … und schon nach kurzer Zeit auch das Weib. Anna Reid weiß wie sie Wyatt vom Gelingen des Jobs zu überzeugen hat.

Doch Ivan und Sugarfoot sind mit Wyatt Earp noch nicht fertig. Im Schlepptau haben sie Bauer, einen widerwärtigen Rassisten, der allzu schnell mit der Waffe in der Hand rumfuchtelt. Wenn einer kein Gewissen hat, dann Bauer.

Der erste Roman der Wyatt-Earp-Reihe brachte dem Australier Garry Disher im Jahr 2000 gleich den Deutschen Krimipreis ein. Zwei Jahre später folgte der Zweite für den Auftakt seiner Hal-Challis-Reihe. Ein Krimineller als Hauptakteur einer Krimireihe zeugt von Originalität und Mut. Wyatt Earp wünscht man sich selbst als Einbrecher. Er scheint einer derjenigen zu sein, die hinterher wieder alles ordentlich an seinen Platz zurücklegen und noch einmal den Faltenwurf der Tischdecke kontrolliert. Waffen gehören als notwendiges Übel zum business, deren Einsatz verteufelt der pedantische Planer vehement.

 

Selbst ein Planungsfuchs wie Wyatt Earp muss mal eine Niederlage einstecken. So wie vor ein paar Wochen, in Melbourne. In Deckung gehen, den Kopf unten halten, bloß nicht auffallen. Bis Gras über die Sache gewachsen ist. Irgendwo bei Adelaide hat Wyatt Earp das gefunden, was momentan für ihn das Paradies darstellt: Ein Nest mit einer Zapfsäule, einem Supermarkt, einem Pub, in dem sich die zweihundert Einwohner ab und zu mit einem Foster die Kehle schmieren. Außerhalb, vor den „Toren der Stadt“ buddelt eine Baufirma an einer Pipeline. Fast so viele Arbeiter wie der Ort Einwohner hat. Donnerstags gibt’s Geld, dann kommen auch die Nutten aufs Baugelände. Wyatt hat hier ‘nen Job gefunden. Durch Leah. Das ist die, die dafür sorgt, dass das Geld der Arbeiter möglichst schnell den Besitzer wechselt. Dafür hat sie ihre kleine Amazonenarmee. Zwinker, zwinker.

Wyatt Earp hält es nicht lang aus in der Einöde. Zu verlockend das donnerstägliche Angebot an sechsstelligen farbenfrohen kleinen Dollars. Fast eine halbe Million, rechnet er sich aus. Der Wachdienst ist ein Witz. Ein Team ist trotz alledem von Nöten. Pedersen – der muss auf alle Fälle dabei sein. Ist schon ein paar Wochen her, dass man sich sah. Seit dem schiefgegangen Coup in Melbourne.

Pedersen hingegen wird noch schneller an das Fiasko in Melbourne erinnert. Lettermann, ein widerwärtiger Ex-Bulle, hält ihm vor der Tür ein Messer unters Kinn. Will wissen wo Wyatt ist. Der hält sich bedeckt, meint Pedersen, nach der Sache in Melbourne…

Ist aber auch echt blöd. Da muss man die Füße stillhalten, wenn um einen herum die Musik spielt. Leider hören die lauschigen Töne auch andere. Andere, wie zum Beispiel Lettermann. Doch Wyatt Earp wäre nicht Wyatt Earp, wenn er das Risiko nicht wagen, selbiges gering halten und den Coup durchziehen würde. Den verrat kann Wyatt noch nicht riechen, auch nicht den Verräter, noch nicht. Der Coup geht schief, der Geldtransporter ändert seine Route und Wyatt Earp bläst alles ab. Einer aus seinem Team ist damit nicht einverstanden. Denn er hat andere Pläne…

Garry Disher lässt den Leser dieses Mal besonders nah an der Planung teilhaben. Selbst halbwegs unbefestigte Straßen sind es wert begutachtet zu werden. Derart pedantisch war Wyatt Earp lange nicht. Das liegt zum Einen am misslungen Streifzug vor ein paar Wochen, zum Anderen am neuen Team, mit dem Wyatt Earp dieses Fischzug unternehmen will. Wer dieses Buch absetzt, landet in der Hölle der unersättlichen Neugier und brennt im Feuer der Ignoranz. Das Buch ist erst zu Ende, wenn der Autor es will. Die Reihe ist es noch lange nicht!

 

Zwei Millionen Dollar Beute. Der Untergrund. Ein Bankdirektor mit Schulden. Zwei Typen, die meinen schlauer als Wyatt Earp zu sein. Ein Privatermittler, der alles einfädeln kann. Klingt alles stark nach einem Hinterhalt.

Ein paar Dollar hat Wyatt noch vom letzten Fischzug übrig. Viel weniger als gedacht. Doch besser als gar nichts. Ausgerechnet zwei Nullen bringen Wyatt um selbige. Also um zwei Nullen. Jetzt sind es nur noch 200 Dollar. Besser als gar nichts bringt ihn jetzt auch nicht weiter. Eine der Nullen, die ihn gerade beraubten , kann fliehen. Die andere Null liegt wimmernd am Boden und fleht um Gnade. Wyatt muss die Hintergründe für den Überfall nicht mal aus ihm rausprügeln. Max Stolle, Privatdetektiv steckt hinter der heimtückischen Attacke auf Wyatt. Ein knallharter Typ, der Leute kennt, die jemanden kennen und so weiter. Keiner, mit man gern zusammenarbeitet. Schon gar nicht, wenn man am Telefon erfährt, dass der eigentliche Auftraggeber (Loman) sich in Rauch aufgelöst hat. Und das nicht nur sprichwörtlich! Stolle hat gerade einen „Klienten“ abgewimmelt, dessen Frau er um die Ecke bringen sollte. Das Gespräch hat er in Wort UND Bild aufgezeichnet. Einen Mann wie Stolle führt auch ein Wyatt Earp nicht so schnell hinters Licht.

Schon allein das Kennenlernen des wilden Haufens bietet schon genug Stoff für einen einzelnen Roman. Doch Garry Disher verdichtet diesen komplexen Beutezug auf knapp zweihundertfünfzig Seiten, so dass der Leser ziemlich atemlos aus dem Leserausch wieder erwacht. Jedes Teammitglied hat seine eigenen – nicht immer freiwilligen – Gründe mitzumachen. Und jeder hat ein dunkles Geheimnis. Über allen schwebt Wyatt Earp! Seiner Lust, dem exakten Planen, kann er einmal mehr nicht frönen. Improvisation ist vielleicht nicht sein zweiter Vorname – hat er überhaupt einen? – aber wenn er einen hätte, würde man ihn Impro rufen. Wie soll Wyatt nur mit so vielen Unbekannten eine vernünftige Rechnung aufstellen, bei jeder seinen Schnitt macht? So viele Nullen, die das Ergebnis beeinflussen können. Der Mathematiker in Wyatt Earp ist gefragt. Mal sehen  wie viel dieses Mal übrigbleibt…

Aus dem Hinterhalt in die Freiheit zu gelangen, ist ein schwieriges Unterfangen. Jeder Faktor, jeder, der mitmacht, darf nicht außer Acht gelassen werden. Schummeln ist da nicht möglich. Und immer auf den Rücken achten. Denn sonst ist die Legende Wyatt Earp wirklich bald schon nur noch eine Legende.

 

Besprechung folgt

Besprechung folgt

Besprechung folgt

Besprechung folgt

Die Abwege abwägen – so lautet das Gebot der Stunde. Ein sicherer Geldtransporterüberfall, so was gibt’s nicht! Und schon gar nicht mit dieser milchbärtigen, methverseuchten Bande. Auch wenn Vidovic – den kennet er – mit dabei ist. Nee, is zu riskant. Wyatt braucht einen One-Man-Job! Er macht sich auf die Suche. Kleines Grundstück, niedrige Kaution, schnell verfügbar. Was nichts anderes bedeutet als ein sicherer Job, mit geringem finanziellen Aufwand und zwar pronto. So werden heutzutage Jobs an Land gezogen. Auftraggeber gibt es, man muss sie nur kennen. Und ihre Codes…

Zwei Stunden Flug geben Wyatt die Möglichkeit sich auf Minto vorzubereiten. Der ist Auftraggeber, Vermittler und Ratgeber in einem. Seine riesige Villa flößt Wyatt jedoch weder Respekt noch Gier ein. Drinnen wartet schon Sten. Die Frau will ein Bild zurück, dass ihr Urgroßvater erstanden hat. Flämischer Maler, uralt und sicherlich den einen oder anderen Dollar wert. Über Umwege gelangte es von London nach Australien. Stens Familie flüchtete vor den Nazis und all ihre Habseligkeiten inkl. Schätze wurden entweder verkauft oder zurückgelassen. Das Bild, das Wyatt besorgen soll, wurde verkauft. Und der jetzige Besitzer kam als Baby mit seinen Eltern nach Australien. An eine Rückgabe, wie es seit einigen Jahren immer mal wieder passiert – mit viel Tamtam und Pomp und generöser Gestik – denkt der aktuell Besitzer aber nicht.

Wyatt braucht eine Waffe – man weiß ja nie. Minto kann ihn beruhigen. Ein Schießeisen wird nicht vonnöten sein. Seine Nichte wird sich um alles kümmern können. Doch die kocht mittlerweile ihr eigenes Süppchen. Auch sie hat einen Dieb an der Hand, der sich gerade darauf vorbereitet ein Model vor ihrem Umzug um das eine oder andere Schätzchen zu erleichtern. Was der gutgläubige Tor nicht weiß, ist, dass Mintos Nichte einen Trumpf in der Hinterhand hat. Und der hat eine Waffe. Eine Waffe, die dem Modeldieb endgültig seinen allerletzten Job bescheren wird. Der Schütze ist jemand, der mehr oder weniger direkt schon einmal mit einem Kunstwerk zu tun hatte, auf das nun Wyatt ein Auge geworfen hat und nun schon bald Hand anlegen wird…

Etliche Jahre sind vergangen, seit Wyatt von Garry Dishers Gnaden überlegt und zielstrebig ans Werk gehen kann. Die Krimireihe um Gesetzeshüter Hal Challis beschäftigte Garry Disher zu sehr. Nun ist der Gauner Wyatt zurück. Ohne viel Schnörkel und mit gleichbleibender Zuneigung schlägt sich der Autor auf die Schattenseite des australischen Way of life. Wyatt ist kein Guter. Er ist ein Dieb. Doch unter den zahlreichen Dieben nimmt er eine Sonderstellung ein. Man mag ihn, hofft, dass er durchkommen wird. Dass er dieses Mal den entscheidenden Coup landen wird, doch dann würde er in der Versenkung verschwinden. Und will man wirklich nie mehr etwas von Wyatt Earp – nicht den Revolverhelden aus dem Wilden Westen – hören? Nein, das will man nicht. Schon einmal verschwand er ohne Ankündigung. Die Trauer war groß. Umso größer ist nun die Freude, dass Wyatt wieder da ist!