Ariel Spiro – Berlin

Noch nicht mal die Koffer ausgepackt, muss Ariel Spiro in einer Schlägerei einem Angreifer das Messer aus der Hand schlagen, wird er mit seinem Namen plus dazugehörigen Vorurteilen konfrontiert, liegt eine Leiche in einem Treppenhaus und trifft er auf eine jüdische Familie, die so gar nichts mit ihren Traditionen am Hut hat. Ja, es ist hektisch, im Berlin der Goldenen Zwanziger. Besonders, wenn man aus der Provinz, aus Wittenberge, in die große Weltstadt Berlin kommt. Berlin, das war der Nabel der Welt. Paris war einmal, London ist schon wieder vergessen.

Kriminalkommissar Ariel Spiro hat sich noch nicht einmal richtig bei seinem Chef, Kriminaloberkommissar Heinrich Schwenkow vorgestellt, da flötet Fräulein Gehrke, dass es einen Mord gegeben hat. In einem Treppenhaus lag ein Mann. Voreilig haben die Polizisten die Leiche schon einmal ans Tageslicht gezerrt. Tatortanalyse – Fehlanzeige. Kommissar Ewald Bohlke, dem Ariel Spiro zugeteilt wird, tobt wie Rumpelstilzchen. Der Fundort ist nicht ganz zufällig. Im gleichen Haus wohnt Hildegard Müller und Eduard Fromm ist – wie man heute sagen würde – ihr sugar daddy. Das heißt: Seine Wohnung, seine Einrichtung, sein Reich. Sie DARF darin wohnen und ihm zu Diensten sein. Dafür darf die unterbezahlte Tänzerin ein Leben führen, das ihr sonst verwehrt bliebe.

Die Familie des Opfers ist dem neuen Ermittler nicht ganz geheuer. Echte Trauer sieht anders aus. Die Tochter flirtet heftig mit Spiro, der Sohn scheint auch irgendwas zu verbergen, was ihn zu sehr verdächtig macht, in Spiros Augen. Und die Witwe – naja, Trauer vorhanden, aber es wollen einfach keine echten Tränen fließen.

Ariel Spiro war in Wittenberge der unangefochtene King der Ermittlungen. Offen Fälle gab es bei ihm nicht. Doch hier in der großen Stadt, ist er einer von vielen. Sein Chef legt größten Wert auf Tatortbegutachtung und detaillierte Erfassung jedes Fitzelchens, das für die Lösung eines Falles hilfreich sein könnte. Alleingänge duldet er unter gar keinen Umständen. Blöd, dass ausgerechnet der Neue, Ariel Spiro, genau so einen eigenwilligen Akt hinlegt. Gerade auch weil eine weitere Leiche aufgetaucht ist. Einer Frau wurde der Kopf abgetrennt, ihr Sohn ist verschwunden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen? Und ist wirklich Spiros Verdächtiger Nummer Eins der Täter? Für Ariel Spiro wird es eng. Sein Chef hat ihn schon suspendiert. Kurzes Zwischenspiel in der Metropole oder Auftakt einer großartigen Serie?

Kerstin Ehmer erfindet den Berlin-Krimi aus den Zwanzigerjahren nicht neu. Aber die Rasanz der Ermittler lässt den Leser schon das Seitenumblättern wie eine peinigende Ewigkeit vorkommen. Zwischendurch kommt der wahre Täter zu Wort. Ruhig, gediegen, fast schon verängstigt, sind diese Abschnitte das Beruhigungsmittel, um den Ermittlungen Folge leisten zu können.

 

Was ist das Schönste am Klischee? Dass es einen gehörigen Batzen Wahrheit in sich trägt. Und den Zugang zu einer Sache erleichtert. Es birgt allerdings auch die Gefahr in sich, dass man aus einem Vorurteil schnell eine eigene Meinung entwickelt, die, entsprechend verlautbart, ein Pulverfass schneller zur Explosion bringt, als man „Halt!“ sagen kann.

Ariel Spiro ist immer noch der Neue. Doch die rasche Lösung seines ersten Falls, der des weißen Affens, hat ihm den Respekt seiner Kollegen eingebracht. Endlich Wochenende – wieder so ein Klischee, das durch die Realität der Berliner 20er Jahre so gar nicht mehr der verklärten Romantik entspricht. Eigentlich müsste das Landei Spiro am Abend schwofen gehen. In einen der Tanzpaläste. Doch er muss zwei Leichen dem Leichendoktor und der Gerechtigkeit zuführen. Eine Leiche auf einem Ausflugsdampfer, die Andere im Bus. Zeugen sollte es also mehr als genug geben. Sollte, tut es aber nicht!

Zur Abwechslung – und vor allem zur Überraschung Spiros – taucht Nike auf. Ariel und Nike, das war einmal. Das hätte mal was werden können. Doch tat es nicht. Und Nike ist auch in keinster Weise daran interessiert, dass Ariel und Nike wieder ein Paar werden. Nike und Anton, das ist es, was für sie zählt. Doch Anton ist verschwunden. Und Ariel bei der Polizei. Also kann Ariel doch Nike helfen Anton zu finden. Als ob er nichts Besseres zu tun hätte … schließlich sind da noch zwei Reiseleichen, deren Tod immer seltsamer erscheint. Vielleicht gibt es doch eine Chance, dass Ariel nicht nur als Wohltäter ohne Gegenleistung aus dieser ganzen Sache hervorgehen kann.

Nike ist inzwischen bei Morgenthal im medizinischen Institut untergekommen. Das Spiel von Zellen, von Blut, von Krankheitserregern fasziniert sie. Später einmal will sie Ärztin werden. Karriere machen. Doch erst einmal beginnt für sie und Ariel eine Odyssee durch das Berlin der Zwanzigerjahre, das so gar nichts mit dem glamourösen Klischees der Zeit zu tun hat.

Der Wedding ist ein Moloch, in dem sich geschundene Arbeiter den Kiez mit aufkommenden Faschisten, verstreuten russischen Anarchisten, Royalisten und Schlägertrupps aus allen – politischen – Lagern teilen.

Mit Wortwitz und Empathie gibt Kerstin Ehmer ihrem Ariel Spiro eine Woche Zeit alle Puzzleteile wieder zusammen zu setzen. Die Mischung aus Milieustudie und Tätersuche machen „Die schwarze Fee“ zu einer Lese-Mördersuche auf dem glatten Pflaster einer Metropole, die zu stinken beginnt, was aber im Lichterglanz der Eitelkeiten unterzugehen scheint. Ariel Spiro ist angewidert von Ignoranz und Hase, von Perfidität und falscher Loyalität. Einzig sein scharfer Verstand lässt ihn über die Klischees der Stadt hinwegsehen und ihn seine Arbeit machen.