Maigret – Frankreich

Es erinnert ein bisschen an Karl Valentin, wo ist meine Brille? Er sucht und sucht, um schlussendlich festzustellen, dass er sie die ganze Zeit auf der Nase trug. Kommissar Maigret ist da schon eine Evolutionsstufe weiter. Auch er sucht etwas, seine Pfeife. Seine Lieblingspfeife. Die, die ihm Madame Maigret geschenkt hat. Und die ist nun weg! Als Kommissar der Extraklasse verfügt er über eine erstaunliche Kombinationsgabe und den unbedingten Willen jeder Sache auf den Grund zu gehen. Doch dieses Mal ist die Sache knifflig.

Schritt für Schritt rekapituliert er die Wege der vergangenen Stunden. Irgendwo muss er ja die Pfeife liegengelassen haben. Gern lässt er sie mal in einem Büro liegen. Doch jedes Mal, kann er sie wieder zurückholen, weil er weiß, wo er sie liegen ließ. Dieses Mal jedoch kommt er einfach nicht darauf, wo die verflixte Pfeife sich versteckt. Vielleicht, ja vielleicht hat der Sohn von Madame Leroy, die sich vorhin bei ihm im Büro über unangemeldete nächtliche Besucher beschwerte seine Lieblingspfeife eingesteckt. Madame legte bei ihrer Aussage, ihrem Wehklagen trifft es wohl besser, viel Wert darauf, dass sie eine veritable Person sei, die sich in puncto Erziehung, Benehmen und Etikette eine Sonderstellung zuschreibt. Ihr Sohn hingegen war die Aussage am Quai des Orfèvres mehr als unangenehm.

Das macht Maigret stutzig. Er geht der lauwarmen Spur nach, dass vielleicht Joseph Leroy die Pfeife stibitzt haben könnte. Unter dem Vorwand sich die Wohnung der Leroys einmal anzuschauen, ob es denn nicht Hinweise auf einen Einbruch gibt, schnüffelt Maigret herum. Doch nicht nach Einbruchsspuren oder Indizien, schon gar nicht nach Beweisen für einen nächtlichen Besucher, sondern nach seiner Pfeife. Seiner Lieblingspfeife, die ihm seine Frau geschenkt hat.

Nichts, nichts, gar nichts. Die Pfeife bleibt verschwunden. Doch das Nichts hat einen Beigeschmack. Denn Joseph ist verschwunden. Die Krawatte hat er nicht einmal umgebunden. Für eine Frau wie Madame Leroy eine Ungeheuerlichkeit. Dass er in Pantoffeln das Weite gesucht hat, fällt Maigret als Erstes auf. Seine Spürnase juckt. Nicht weil ihm der Pfeifentabak in die Nase steigt, das geht nicht, weil seine Lieblingspfeife verschwu … naja Sie wissen schon. Es kommt so einiges ans Tageslicht, was die Vergangenheit und Gegenwart von Madame Leroy und ihrem gar wunderlichen Sohnemann betrifft. Sogar ein Mord…

Was so eine verschwundene Pfeife alles anrichten kann! Da zweifelt man fast schon an der eigenen Ordnungsliebe und recherchiert plötzlich im Umfeld einer nach außen so perfekt wirkenden Familie. Da wird der Befehlsempfänger auf einmal zum Akteur und der Feldwebel steht vor dem Scherbenhaufen seiner eigenen Kontrollsucht. Maigret bleibt bei allem gelassen, er hat seine Pfeife wieder.

 

Carl Andersens Auto steht bei Monsieur Michonnet in der Garage. Und sein nagelneuer Wagen, auf den er so stolz ist, steht bei Carl Andersen in der Garage. Für Michonnet ein Grund sich tierisch aufzuregen. Aber noch lange kein Grund die Polizei in Alarmbereitschaft zu versetzen. Wenn, ja, wenn das nicht am Steuer des Wagens von Carl Andersen jemand sitzen würde. Isaac Goldberg heißt der gute Mann. Eigentlich müsste es richtig heißen: Hieß der gute Mann. Denn der Diamantenhändler Isaac Goldberg ist tot. Eine Tragödie. Wie soll man denn nun diesen Wagen guten Gewissens noch weiter fahren. Monsieur Michonnet ist außer sich.

Maigret ist es auch bald. Carl Andersen, Däne, Diplomat, künstliches Auge und aristokratisch steif bis ins Mark schweigt, lässt alle Anschuldigungen über sich ergehen. Siebzehn Stunden hatte Maigret nun in der Mangel und … nichts. Keine Regung, nur ein „Ich bin unschuldig“. Maigret muss Andersen laufen lassen.

Ein komischer Kauz dieser Andersen. Wohnt irgendwo im Nirgendwo zwischen Arpajon und Étampes südlich von Paris an der Kreuzung der Drei Witwen. Klingt ja auch irgendwie schon verdächtig. Zusammen mit seiner Schwester Else, die auch kaum jemand bisher zu Gesicht bekommen hat und die immer eingeschlossen wird, wenn es Nacht wird, bewohnt er ein Haus. Es entwirft Stoffe, was ihm ein paar Franc einbringt. Es reicht zum Leben. Mehr aber auch nicht.

Als er die Leiche Goldbergs, den er natürlich nicht kennt, entdeckt, macht er sich schnurstracks aus dem Staub, zusammen mit seiner Schwester. In Paris wird er festgenommen und die erwähnten siebzehn Stunden verhört. Für Maigret gibt es nur eine Schlussfolgerung: Koffer packen, Ticket kaufen und ab in den Zug Richtung Étampes. Vor Ort muss sich doch was finden lassen.

Zunächst einmal muss Maigret seinem Koffer nachrennen. Der fliegt nämlich im hohen Bogen durch die Luft, als der Kommissar samt Koffer beinahe von einem Sportwagen über den Haufen gefahren wird. Kurze Zeit später wird sogar geschossen am Haus der Andersens. Dem verwunschenen Haus, hier lebten einmal drei ältere Damen, die nicht viel von sozialer Teilhabe hielt. So verwunderte es auch niemanden, dass ihre Leichen erst nach über einer Woche gefunden wurden. Und in diesem sonderbaren Haus wohnen nun die sonderbaren Andersens. Zurückgezogen, still und fast gänzlich im Dunkeln.

Madame Goldberg reist an, um die Leiche ihres Gatten zu identifizieren. Und bumm, ist sie tot. Maigret weiß, dass er auf der richtigen Spur ist. Nur, wohin sie ihn führen wird, darauf kann er nicht gefasst sein…

 

„Die Fläminnen sind nicht gesprächig. Sie tanzen nur, weil sie zwanzig Jahre alt sind, und mit zwanzig Jahren muss man sich verloben, muss sich verloben, damit man heiraten kann…“, sang Jacques Brel in seinem Chanson „Les Flamandes“, die Flamen. Und ein ganz besonders Exemplar dieses Menschenschlages lernt Maigret gleich am Bahnhof von Givet kennen. Anna Peeters. Die Zwanzig hat sie auch schon hinter sich gelassen. Unscheinbar, unaufgeregt, unauffällig … überhaupt ist hier alles so völlig „un“. Unbehaglich, unfreundlich, unfarbig.

Maigret ist hier im Norden an der französisch-belgischen Grenze, weil er darum gebeten wurde. Dienstlich ist das alles hier ganz und gar nicht. Annas Bruder soll einem Mädchen ein Kind gemacht haben. Und das obwohl er mit Marguerite verlobt ist, die er nach seinem Studium heiraten wollte. Wollte. Denn Germaine Piedbœuf, die Mutter des Babys besteht darauf, dass Joseph, Annas Bruder, sie heiratet. Marguerite hält weiterhin zu ihrem Verlobten.

In der Zwischenzeit ist Germaine verschwunden und Joseph der Verdächtige Nummer Eins, der davon ausgehen kann, vielleicht sogar den Rest seines Lebens hinter Gittern zu verbringen. Und Maigret fällt die ehrenvolle Aufgabe zu die Ehre der Peeters‘ wieder herzustellen.

Joseph kann noch nicht angeklagt werden, da von Germaine jede Spur fehlt. Würde sie gefunden werden, ja dann … dann würde entweder seine Schuld oder seine Unschuld bewiesen werden können. Am besten wäre es, wenn Germaine am Leben wäre und ihr Verschwinden erklären könnte. Doch das Schicksal ist erbarmungslos: Rund einhundert Kilometer entfernt – Givet lieg tan der Maas, und die führt unwahrscheinlich viel Hochwasser, weswegen eine Leiche schnell mal ein paar Kilometer weitergetragen wird als normal – findet man Germaine. Tot. Erschlagen. Mit einem Hammer. Und es gibt sogar einen Zeugen. Ein Schiffer hat zwei Personen an der Maas gesehen, die etwas Schweres in den Fluss warfen. Doch der Schiffer schweigt. Sein Leumund ist auch nicht der Beste. Säufer, Sittlichkeitsvergehen etc.

Maigret gehen die Verdächtigen nicht aus. Der vor Ort ermittelnde Inspektor Màchere ist zum Glück nicht so von sich überzeugt, und gibt Maigret alle ermittelnden Ergebnisse postwendend an die Hand. Maigret muss nur noch den Hammer, die Flamen, das verliebte Pärchen, das ungewollte Kind in dieser farblosen Gegend in die richtige Position bringen. Das Ergebnis ist so unerwartet wie vorhersehbar. Und es wird niemanden so richtig glücklich machen…

 

Ist das langweilig! So langweilig, dass selbst die Langeweile als Hochspannung empfunden wird. Maigret wurde strafversetzt. Nach Luçon, in der Vendée, im Westen Frankreichs. Warum, das steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls ist er nun hier. Ein besonderer Menschenschlag eifert um den Preis der Eitelkeiten. Allen voran Adine Hulot, von allen nur Didine genannt. Didine ist eine, der man lieber aus dem Weg geht. Ihr Mund hält nicht still, und was da aus ihm heraus schwallt, ist an Gehässigkeit und überbordender Ehrlichkeit nicht zu überbieten. Sie darf das, denn ihr Mann war Zollbeamter in Concarneau. Was auch immer das zu bedeuten hat.

Und nun hat sie den jungen Maigret im verbalen Schwitzkasten. Und siehe da: Ein Mord liegt in der Luft, bzw. ein Opfer auf dem Teppich des Richters, der zufällig neben der geschwätzigen Didine wohnt. Ihr Mann hält Wache, man weiß ja nie, was so ein pensionierter Richter alles im Schild führen kann und wird.

Da eh gerade nichts zu tun ist, Maigret hat sich seit ein paar Monaten an die Ruhe und Untätigkeit fast schon gewöhnt, kann er ja mal nach dem Rechten und dem Richter sehen. Richter Forlacroix war einst in Versailles tätig. Jetzt schleppt er gerade eine Leiche durch die Botanik. Dumm nur, dass ausgerechnet jetzt ein vor Langeweile zu sterben drohender, in der Blüte seiner Schaffenskraft stehender eifriger Kommissar meint vorbeischauen zu müssen. Haha, ein Maigret in der Umgebung und man meint, dass man ungesehen / ungestraft eine Leiche entsorgen kann. Richter Forlacroix hätte mal Georges Simenon lesen sollen…

Maigret packt mit an und bringt die Leiche zurück ins Haus des Richters. Ein unwirklicher Moment. Forlacroix lebt hier mit seiner Tochter, die des Nachts eingeschlossen wird. Sie schlafwandelt. Es sei nur zu ihrer Sicherheit. Doch hatte sie vor ein paar Tagen, als der Richter Gäste hatte, durchaus die Möglichkeit Besuch zu empfangen. Ist der nächtliche Besucher der Tote?

Maigret muss tief im Schlick der ihm fremden Umgebung und der Vergangenheit graben, um herauszufinden, was hier passierte. Denn der Richter kann glaubhaft der versichern, dass er die Leiche lediglich entsorgen wollte – leugnen hat ja keinen Sinn mehr. Ermordet hat den Mann jemand ganz anderes. Dennoch hegt der Richter einen ganz besonderen Wunsch: Er will ins Gefängnis. Er hat gemordet. Das ist lange her. Damals. In Versailles.

Maigret unfreiwilliges Exil hat schon ein paar Slapstickmomente. Wer packt schon mit an, wenn eine Leiche zu transportieren ist? Ein Richter, der kein Mörder ist und doch gemordet hat und deswegen ins Gefängnis möchte – der junge Maigret unterzieht sich einer Reifeprüfung.

 

Da darf man sich aber auch nicht wundern, wenn dann doch mal was passiert! Maigret muss sich die Mordphantasien einer älteren Frau anhören, die glaubt, dass ihre Nächsten – jeder für sich – sie vergiften wollen. Als Krönung, zur Abwechslung – wie auch immer man es sehen will – ruft in Abständen ein Mann an, der verfolgt wird. Man wolle ihn umbringen. Maigret schickt Janvier los, um den Mann zu finden. Doch jedes Mal ist dieser verschwunden. In den Bistros und Cafés, aus denen er angerufen hat, ist er nicht mehr anzutreffen. Erst in der Nacht wird der kleine Mann mit dem Mantel und dem grauen Hut gefunden. Am Place de la Concorde. Nicht in einer der kleinen, engen Straßen, durch die er getrieben wurde, in denen er sich herum trieb. Ach ja, der Mann ist tot! Nur noch eines ist bekannt: Maigret ist die Frau des Toten bekannt, die heißt Nine. Eine Bande von Verbrechern war hinter ihm her. Und jetzt nennen den Mann nur noch Maigrets Toten.

Die Ansatzpunkte sind spärlich gesät. Maigret grübelt wer diese Nine, deren Mann erstochen wurde, sein kann. Maigrets Toter hatte, bevor er im Sitzen erstochen wurde, Stockfisch gegessen. Das gibt es auch in Paris nicht alle Tage. Und noch etwas fördert die Obduktion zutage. Der Tote wurde nicht auf der Place de la Concorde ermordet, sondern lediglich dort abgelegt. Der Mord hingegen war präzise ausgeführt und soll Maigret und seine Ermittler in die Irre führen. Die lassen sich hingegen nicht so leicht täuschen. Dennoch liegt erst einmal weiterhin ein dichter Schleier über den Ereignissen der Mordnacht.

Der lichtet sich als die Identität des Toten geklärt wird. Maigret hatte den richtigen Riecher: Saubere Manschetten und abgewetzter Kragen – es könnte sich um einen Wirt handeln. Volltreffer! Doch Nine ist auch verschwunden. Und jetzt setzt Maigret zu einem ganz großen Coup an. Er wiedereröffnet das Bistro vom kleinen Albert, seinem Toten. Vielleicht kommen die Killer ja noch einmal vorbei? Und wieder ein Treffer ins Schwarze. Allerdings auch ins Herz eines der Verdächtigen. Als Maigrets Kollegen dem möglichen Mörder von Albert folgen, wird der kurzerhand erschossen. Von seinen eigenen Leuten.

Die Spuren verwehen aber nicht ganz im feuchten Wind des Winters in Paris. Maigret kommt einer Bande auf die Spur, die lieber sterben als den Flics auch nur den Hauch einer Information geben. Bis zum Schluss nur noch der Chef der Bande übrig bleibt.

„Maigret und sein Toter“ zeigt dem Leser ein Paris inkl. Charenton le Pons, kurz vor den Toren der Hauptstadt im Südwesten gelegen, in dem es vor Cafés, Bars und Bistros wimmelt. Und darin tummeln sich brave Bürger wie auch finstere Gesellen. Sie unterscheiden, ist Maigrets Fachgebiet. Sie auszuquetschen bis ihnen nur noch die Möglichkeit bleibt bei der Wahrheit zu bleiben, ist eine Kunst, die nur er beherrscht.

 

Wenn der Chef das eigene Leben übernimmt – Maigret macht diese unangenehme Erfahrung. Sein oberster Dienstherr, der Polizeichef von Paris war kürzlich in London. Der Oberbürgermeister führte ihn voller Stolz durch das Gebäude von Scotland Yard. Und dort schwärmte man förmlich von Maigret, nicht von Sherlock Holmes. Kurzerhand lud der Polizeichef von Paris einen der Beamten nach Paris ein, um die Methoden des berühmten Maigret studieren zu können. Und nun hat Letzter Mr. Pyke an der Backe. Mr. Pyke und unverschämt jugendlich, für einen Dreißig- bis Vierzigjährigen, wie Maigret vermutet. Und so was von korrekt. Und unauffällig. Und fast schon unsichtbar. Maigret fühlt sich unwohl. Auch wegen des dauernden Regens. Da kommt ein Anruf von der Côte d’Azur wie gerufen. Marcel Pacaud, ein Fischer, der in Porquerolles, auf der kleinen Insel vor der französischen Küste lebt, lebte, ist tot. In seinem Boot fand man einen Brief von Maigret. Und am Vorabend hat Pacaud in der Kneipe von seiner Freundschaft mit Maigret geschwärmt. Der Zusammenhang ist nicht allzu weit hergeholt, dennoch sehr poetisch. Ist dieser Fall die willkommene Flucht vor dem wissbegierigen Cop von der Themse? Nein. Mr. Pyke fährt mit Maigret ans Meer, an die Côte, in die Sonne … an den Tatort.

In dem kleinen Ort kennt jeder jeden. Ab und zu gab es in der Vergangenheit kleine Reibereien, aber ein „richtiges Verbrechen“ wie den Mord an Marcel Pacaud … das ist eine Premiere. Marcel, Maigret dämmert es langsam wieder, war auch kein Kind von Traurigkeit. Mit einer gewissen Ginette, einer Prostituierten, war er vor Jahren auf Beutezug. Sie ging mit den Freiern aufs Zimmer, und er bediente sich schamlos an deren Geldbörse. Entôlage, nennt man das in Maigrets Kreisen. Und Mr. Pyke hat schon etwas gelernt. Marcel wurde auch geschnappt und verurteilt. Und Ginette wurde ihrer Einnahmequelle beraubt. Da sie krank war, Tuberkulose, verbrachte sie eine sehr lange Zeit in einem Sanatorium. Alle bemühten sich redlich um das gefallene Mädchen. Sie las viel. Und als sie geheilt war, suchte sie sich eine neue Stelle. Am Meer. Ganz in der Nähe von Porquerolles, ganz in der Nähe von Marcel. Ach ja, die Kur wurde übrigens mit tatkräftiger Unterstützung eines Mitgliedes der Pariser Polizei vorangetrieben und finanziert.

Maigret hat sich mittlerweile an seinen Schatten Mr. Pyke gewöhnt. An die Verschlossenheit und den Klüngel an der azurnen Küste kann er sich einfach nicht gewöhnen. Dauertouristen auf Booten, zwielichtige Gestalten, Kunsthandel im Verborgenen – Maigrets Kopf kommt mächtig ins Schwitzen. Die Sonne tut ihr Übriges. Und dass ein Ganove Maigret als Freund bezeichnet, passt ihm überhaupt nicht. Doch im Gegensatz zu Marcel Pacaud wird Maigret die Insel lebend wieder verlassen können…

 

Auch Maigret findet endlich die Ruhe, um das Leben genießen zu können. Er ist mittlerweile pensioniert. Er hat viel erlebt. Viel gesehen. Zeit Rückschau zu halten, die Regale der Erinnerungen vom Staub zu befreien und so manches schiefe Ding gerade zu rücken. Denn dieser Simenon hat ganz ordentlich im Leben des Hauptkommissars herumgefuhrwerkt. Es ist auch an der Zeit Dankbarkeit zu zeigen.

Xavier Guichard zum Beispiel, seinem Chef. Ein Freund der Familie und immerhin so frei Maigret allein Fehler begehen zu lassen. Aber auch eigene Wege – vor allem die richtigen – beschreiten zu lassen. Er war es ja auch, der ihm Monsieur Sim vorgestellt hat. Journalist und Schriftsteller – pardon, nur Schriftsteller. Er wollte damals, Ende der 20er Jahre mehr über die Polizei wissen. Es ging ihm nicht um Ermittlungstaktiken, Gewohnheitsverbrecher und derlei Dinge. Vielmehr wollte er die Atmosphäre schnuppern, in der Maigret und seine Kollegen ihr Leben lang von Berufswegen ihre Nase stecken mussten. Von Sympathie konnte keine Rede sein. Erst als aus dem Schriftsteller George Sim der Erfolgsautor Georges Simenon geworden war, glätteten sich die Wogen der Antipathie. Freunde wurden sie nie so richtig.

Oder soll Maigret Felix Jubert vielleicht ewig dankbar sein? Eines Tages treffen sich die beiden wieder. Vor Jahren hatten sie gemeinsam in Nantes begonnen Medizin zu studieren. Beide haben ihr Studium abgebrochen. Während Maigret seiner Leidenschaft und Verbrechern nachging, zog es Jubert an den Schreibtisch des Straßenbauamtes. Am Abend wollen sie die alten Zeiten hochleben lassen. Doch Maigret ist abgelenkt. Von einem jungen Mädchen in einem blauen Kleid, das ihm köstliche Leckereien anpreist. Ihr Name ist Louise. Sie wird später einmal seinen Namen tragen.

Maigret vermeidet es von sich, seinem Leben und seinen Erfahrungen in den höchsten Tönen zu reden. C’est la vie! Nicht mehr und nicht weniger. Der Boulevard Richard-Lenoir war immer sein Zuhause. Bis auf die Zeit, in der ihr Appartement renoviert wurde. Da residierten er und seine Louise am vornehmen Place des Vosges. Länger als erwartet, in fremden Wänden, mit fremdem Mobiliar. Simenon lässt es in seinen Ausführungen so aussehen als hätten sie dort Jahre, statt Monate verbracht. Ordnung muss sein. Und Wahrheit erst recht!

Auch, dass Maigret auf der Leinwand agierte, lässt ihn nicht gerade in die Höhe wachsen. Pierre Renoir nimmt er seinen Charakter noch ab. Doch Abel Tarride und Harry Baur kann er nichst abgewinnen. Bei Charles Laughton stört ihn die perfekte englische Aussprache. Dass er auf der Leinwand mal älter, mal jünger, mal dicker, mal dünner ist, nagt mehr an ihm als er zugeben möchte.

Georges Simenon lässt seinen Maigret hart ins Gericht mit sich und seinem Schöpfer gehen. Beiden geht dabei in keiner Weise ihre Integrität flöten. Ein kleiner Knuff die Hüfte des Anderen schadet weder dem Einen noch dem Anderen. Als Leser staunt man, sitzt vergnügt am Tisch mit zwei Männern, die gemeinsam Pfeife rauchen. Dieses Buch braucht keine Lesezeichen!

 

Montmartre – wie verheißungsvoll dieser Ort doch klingt. Hier lebten und feierten Picasso, Apollinaire, hier begann der kantige Aufstieg des Kubismus. Hier amüsiert man sich, egal, ob man nun prominent ist oder das Glück sucht. Für eine junge Dame, fast noch ein Mädchen – die titelgebende „junge Tote“ – ist das VIII. Arrondissement allerdings die Endstation ihres Lebens. Inspector Lognon sieht den Fall schon als gelöst an als er am Tatort eintrifft: Ganz klar der Mord an einer Prostituierten. Dass dann aber Kommissar Maigret die Szenerie betritt, macht Lognon nicht gerade fröhlich. Ganz nebenbei, Lognon und Fröhlichkeit passen eh nicht zusammen. Mürrisch, griesgrämisch und immer so aussehend als ob er jeden Moment das Leid der Welt auskotzen würde. Maigret sieht in dem Fall jedoch mehr als nur eine Tote, die zufällig auf dem feuchten Pflaster am Place Vintimille ihren letzten Atemhauch getan hat.

Schnell stellt sich nämlich heraus, dass Fund- und Tatort nicht identisch sind. Maigret muss sich was einfallen lassen, um den Mord aufzuklären. Anhaltspunkte gibt es wenige, um nicht zu sagen gar keine. Kurzerhand lässt er das Bild der Leiche in der Zeitung veröffentlichen. Irgendjemand muss das junge Ding doch irgendwann, irgendwo einmal gesehen haben. Doch die Leserschaft lässt sich bitten. Vom erwarteten Ansturm kein Spur. Nur eine Dame meldet sich. Das junge Ding heiße, hieß, Louise. Kam aus dem Süden. Zusammen mit einer anderen jungen Dame. Die hat ihr großes Glück mittlerweile gefunden, sie hat gerade geheiratet. Im ganz großen Stil. Ihr Gatte kann es sich leisten, dass seine Frau ein sorgenfreies Leben führen kann.

Maigret kommt der Lösung des Falls immer näher. Mit jeder Frage, die er stellt, tritt die Unbekannte aus dem Nebel des Ungewissen immer mehr ins Rampenlicht der Erkenntnis. Sie und Jeanine, die Dame, die jetzt so glücklich verheiratet ist, haben sich im Zug kennengelernt. Aus Kostengründen teilten sie sich ein Zimmer. Louise war jedoch sehr verschlossen, gab so gut wie gar nichts von sich preis. Dank erstklassiger Detektivarbeit und nicht minder wertvoller Kontakte in den Süden, wird sogar die Mutter von Louise ausfindig gemacht. Sie ist eine notorische Spielerin, die sich einen Dreck um das Schicksal ihrer Tochter kümmert. Rot oder Schwarz – mehr gibt es für die stoische Roulettespielerin nicht. Ein geheimnisvoller Brief führt Maigret auf die richtige Spur…

Im Laufe eines Krimis macht man sich als Leser sein eigenes Bild von Opfer und möglichen Tätern. Georges Simenon lässt dem Leser viel Platz für Spekulationen. Es gibt viele, die als Täter in Frage kommen und dem Leser als willkommene zukünftige Verurteilte in den Kram passen. Doch die Wendung, die nur Maigret kommen sieht, wird jeden verblüffen. Montmartre ist eben das, was es ist. Wer hier zögerlich das Glück sucht, wird nur Brotkrumen der Hoffnung finden. Zum ganz großen Glück wird das allerdings niemals reichen.

 

Sommer in Paris. Am Quai des Orfèvres ist die Hölle los. Während die Pariser die grandes vacances genießen, bevölkern die Touristen die Stadt. Das war auch schon zu Maigrets Zeiten so. Nur rund ein Viertel der Pariser bleibt noch in der Stadt. Auf dem Kommissariat springen alle wie wild durcheinander. Einige Journalisten belagern die Gänge um Maigrets Büro. Die Kollegen des Hauptkommissars öffnen hektisch Türen, um sich postwendend gleich wieder zu schließen, springen über den Flur, öffnen eine weitere Tür, knallen sie zu. Die Luft steht. Kein Windhauch, der ein bisschen Abkühlung verheißt.

Doch das Ganze ist inszeniert. Maigret will die Journaille in die Irre führen bzw. den Schreiberlingen nicht den Hauch einer Information überlassen. Denn ihre Artikel könnten den Erfolg seines Planes gefährden. Was ist passiert?

Vor sechs Monaten und zwei Tagen begann eine Mordserie im 18. Arrondissement, rund um Montmartre. Ein zweiter Mord folgte am 3. März. Der vierte April blieb ruhig – fast schon zur Enttäuschung der Beamten. Mord Nummer Drei wurde am 17. April begangen. 15. Juni und 21. Juli waren die Tattage für den vierten und fünften Mord. Alle Damen wurden erstochen, ihre Kleider zerfetzt. Der Täter hatte sich nicht an ihren Körpern vergangen. Ein Prostituierte, eine Mutter von zwei Kindern, eine Hebamme, eine Schneiderin und eine Postangestellte waren die Opfer. Keinerlei Zusammenhänge, die die Ermittler irgendwie auch nur ansatzweise auf die Spur des Mörders bringen könnten, geschweige denn ein Muster erkennen lassen. Allerdings ist der Wirkungskreis sehr übersichtlich. Der Täter muss sich hier verdammt gut auskennen.

Maigret hält die grauen Zellen unter Spannung und greift zu einer List. Überall im Viertel zwischen den Metrostationen Lamarck, Abbesses, Place Blanche und Place Clichy postiert er seine Leute. Nicht nur eine Handvoll, sondern Dutzende. Und siehe da: Eine Kollegin wird fast zum Opfer des Serienmörders. Leider ist sie derart von dem Angriff überrascht, dass sie im Anschluss nur vage eine Beschreibung liefern kann. Der Mörder ist allerdings auch nicht gerade mit Ungeschick beschlagen. Maigret Falle hat das Tier zwar nicht gefangen, jedoch gewarnt. Ein Knopf ist das erste Beweisstück, das Maigret zum Täter führen soll. Nochmal alles auf Anfang, um den möglichen sechsten Mord zu verhindern? Alles kommt anders als Maigret es sich dachte und wünschte…

Ein Serientäter jagt einen Serientäter. In seinem 48. Fall muss Maigret zur List greifen, um endlich dem Mörder habhaft zu werden. Allerdings benötigt er noch etwas Aufschub. In der gleichnamigen Verfilmung dieses Fall brillierten 1958 Jean Gabin, Annie Girardot und Lino Ventura.  

 

Der Frühling ist da! Die ersten Sonnenstrahlen müssen sich kaum anstrengen ein Lächeln in die Gesichter der Menschen zu zaubern. So geht es auch Maigret. Montage sind nach einem erholsamen Wochenende nicht gerade die willkommen Abwechslung, aber wer wie Maigret seinen Beruf liebt, sieht darüber mit einem Lächeln hinweg. Dieser Montag beginnt mit einem breiten Lächeln. Einem Lächeln, das ihm bald schon vergehen wird.

Wieder einmal ist dem Hauptkommissar ein anonymer Brief auf den Schreibtisch geflattert. Darin wird ein Mord angekündigt. Wohlformuliert weist der Absender darauf hin, dass schon bald ein von jemandem oder von ihm selbst ein Lebenslicht ausgelöscht wird. Ein Spinner? Ein Verrückter? Maigret nimmt diesen Brief ernst. Auch weil die Ermittlungen von wem der Brief stammt, ziemlich einfach sein werden. Das Briefpapier ist von erlesener Qualität, geprägt mit einem Namen. Et voilà, Emile Parendon könnte der Verfasser sein. Ein komischer Fall. Gerade ein paar Mal umgeblättert und schon hat Maigret den Mörder? Das ist selbst für den gewieften Ermittler zu schnell.

Zunächst einmal soll Maigret auf den Brief antworten. Eine Kleinanzeige im „Le Figaro“ und oder in „Le Monde“ sollen dem Absender das Interesse des Kommissars bezeugen. Der Wunsch ist Maigret Befehl. Der zweite Brief lässt nicht lange auf sich warten. Die Zeilen werden harscher, konkreter. Denn Maigret hat natürlich schon begonnen zu ermitteln. Maître Parendon ist anerkannter Anwalt für Seerecht. Sein Bücherregal zieren hingegen Bücher von Psychiatern. Auch sein Kampf für die Neuformulierung des Paragrafen 64, in dem es um die Zurechnungsfähigkeit von Tätern geht während der Tat geht, sind Anlass genug die Briefe – mittlerweile sind es drei – immer ernster zu nehmen.

Im Hause Parendon herrscht eine Eiseskälte zwischen den Eheleuten. Sie schwebt wie ein Geist, ein kontrollfanatischer Geist, von Raum zu Raum. Er lässt die Moral neben sich herlaufen. Seine Assistentin Mademoiselle Vague, erst rund hundert Seiten nach dem Kennenlernen weiß Maigret, dass sie Antoinette mit Vornamen heißt, behält als einzige de Überblick. Der Nachwuchs steht den Eltern in nichts nach. Die Angestellten verrichten ihre Arbeit und haben dabei stets ein waches Auge für die Dinge, die im Haus vor sich gehen.

Emile Parendon ist wahrhaft aus dem Häuschen als Maigret ihn mit seiner Anwesenheit beglückt. Ein echter Fan des Ermittlers. Und schon schwallt er Maigret zu. Der will doch nur ein bisschen nach dem Rechten sehen, eventuell ein wenig auf den Busch klopfen. Scheint alles soweit in Ordnung zu sein. Doch etwas stört Maigret. Ohne Fall jedoch kann er wenig ausrichten. Die Möglichkeit dazu wird sich bald finden. Denn die Ankündigung wird alsbald Realität. Doch das Opfer ist keineswegs in den Reihen der Parendons zu finden…

 

 

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Besprechung folgt

 

Einmal so richtig ausschlafen. Den ganzen Körper entspannen. Davon träumt … Madame Maigret. Sie träumt davon, dass ihr Monsieur, Kommissar Maigret sich endlich mal ausschläft. Doch selbst an Weihnachten findet er nicht die verdiente Ruhe.Als es dann auch noch klingelt, weiß Madame noch eher als Monsieur, dass es nicht wird mit der adventlichen Besinnlichkeit.

Mademoiselle Doncœur und Madame Martin stehen vor der Tür, dann in der Tür und dann mitten im Salon. Sie wollen zum Herrn Kommissar.

Beide wohnen im gleichen Haus wie Maigret, auf derselben Etage. Sie kümmern sich rührend um die kleine Colette. Die hat sich ein Bein gebrochen und muss am schönsten Tag des Jahres, nach dem Geburtstag, das Bett hüten. Die Mutter istl eider verstorben, der Vater ein Säufer, der sich nicht kümmert. So bleibt es an der Tante und ihrer … naja, als Freundin kann man sie eigentlich nicht bezeichnen … hängen.

Jedenfalls hat Colette den Weihnachtsmann gesehen. Er brachte ihr eine Puppe als Geschenk.Und bohrte ein Loch in die Dielen, um den Jungen von darunter zu besuchen. Durch den Kamin passe er nicht, sagte er.

We rist hier verrückt? Die beiden Damen oder Maigret, weil er sich des Falles annimmt. Eine der beiden, Madame Martin, ist auf alle Fälle ein Sonderfall. Si ewird regelrecht von Mademoiselle Doncœur zu Maigret geschleift. Die geschwätzige Junggesellin ist derart enervierend, dass Maigret gar nichts anderes übrig bleibt als sich die sonderbare Geschichte anzuhören. Und schonfängt er an zu ermitteln. Wo ist Monsieur Martin? Was ist mit dem Vater? Seinen Kollegen trägt er auf, dass sie sich alle erst kürzlich entlassenen Straftäter anschauen sollen, die die vergangenen fünf Jahre auf Staatskosten untergebracht waren. Den Maigret hat da eine Idee.

Und es kommt wie es kommen musste. Die kleine Colette hat den Weihnachtsmann gesehen. Beziehungsweise jemanden, der als Weihnachtsmann verkleidet war. Bis dahin nicht ungewöhnliches. Doch warum jetzt? In ein paar Tagen schon kommt ihr Gips ab, dann wird sie wieder das Bett und die Wohnung verlassen dürfen. Dann wäre doch genügend Zeit den eventuell versteckten Schatz im Zimmer der Kleinen zu bergen. Denn so viel weiß – vermutet – Maigret schon. Es hat alles zu tun mit dem seltsamen Verschwinden eines Schmugglers.

„Weihnachtenbei den Maigrets“ ist in jeder Hinsicht der ideale Heiligabendroman. Kurz nachdem Frühstück versinkt man in die rührende Geschichte der kinderlosen Maigrets,in der ein Kind die Hauptrolle spielt. Der Roman ist nicht besonders lang, doch steckt er voller Überraschungen. Man hat ihn gerade ausgelesen, als es darum geht den Mittagstisch zu decken und das Mahl zu genießen. Als Gesprächsstoff drängt sich dieses Buch regelrecht auf. Besser kann Weihnachten nicht beginnen.