Buk erlesen

Tja, was soll man dazu noch sagen?! Buk halt. Ein echter Bukowski. Es beginnt für ein Charles-Bukowski-Buch doch recht verhalten. Keine Exzesse. Keine Obszönitäten. Aber und vielleicht deswegen sitzt jedes Wort. Als Einstieg in die wunderbare raue Welt des saufenden Poeten nicht zu empfehlen. Denn das Image des ewig saufenden, raufenden, liebenden Menschen wird hier nicht so vordergründig präsentiert.

Es ist ein nachdenklicher Buk, der hier seine Zeilen an den Leser richtet. Klar, berichtet er auch vom Höllentrip oder dem letzten Glas. Aber er stellt sich auch die Frage, ob er berühmt sei. Beziehungsweise ist es ihm schon fast peinlich als VIP erkannt zu werden. Da lässt er anderen lieber den Vortritt.

Es ist wie beim Liebesspiel oder beim Drama, was in Buks Fall oft ein und dasselbe war. Es beginnt ganz sanft. Langsam tastet er sich vor. Was kann er dem Leser zumuten? Wann darf, nein, wann wird einen Gang höher schalten? Nicht sofort. Doch stetig dreht er am Gasgriff der Impulsivität. Und dann schießt es doch aus ihm heraus. Verdammt! Blowjob! Schreibblockade!

Da ist er wieder, der Buk, den alle lesen wollen, den alle hören wollen, den man anfangs des Buches ein wenig vermisst hat.

Dennoch ist es bei Weitem keine verschenkte Zeit sich dem Anfang des Buches genauer hinzugeben. Wie kommt es, dass Buk nur so einen schlechten Ruf genossen haben musste? Er selbst hat sich ja dieses Image verpasst, es zumindest gehegt, gepflegt, befeuert. Wie passt es da, dass er auf einmal Gefallen an Wagner findet?

Selbstzweifelnd stammelt er sich durch die Nacht der Wortfindung. Papiertermiten zerfressen sein Werk, seine Kinder. Die Antwort auf all die Fragen gibt er großzügigerweise selbst: Ein Hoch auf alle, die sich am eigenen Schopf aus dem Dreck ziehen. Darauf lasst uns einen trinken. Und dieses Buch lesen. Immer wieder. In traurigen Nächten, in hellsten Stunden, in Melancholie und Glückseligkeit, in Parks, in Pubs. Alles auf einmal oder Stück für Stück. Oder wenn die anderen wieder mal zu viel reden…

Jede Idee wird umgesetzt. Jeder Plan funktioniert. Alles, was man sich vornimmt, gelingt. Ach, was wäre das … (A) phantastisch (B) langweilig (C) die Hölle auf Erden (D) der Himmel auf Erden?!

Auf den ersten Blick würden (A) und (D) in Frage kommen. Immer einen Parkplatz finden. Bei jedem Pferderennen auf den Sieger tippen können. Irgendwie auch (B), langweilig. Und dann würde auch das Gedicht „Roter Mercedes“ nicht existieren. Und dieses Buch wäre noch ein bisschen dünner. Auch so manch anderes Werk aus der Feder Charles Bukowskis würde immer noch in derselben Feder stecken. Also doch (C), die Hölle auf Erden. Denn eine Welt ohne Buk, wäre keine Welt, in der man lesen möchte. So traurig wie Samuels Barbers „Adagio for strings“.

Künstlerpech könnte man es nennen, wenn Pläne sich in Luft auflösen oder schimmelig werden. Wenn man immer wieder Manuskripte an Verlage schickt, und – im günstigsten Fall – Absagen das einzige sind, was man auch nur annähernd eine Reaktion erwartet. Charles Bukowski hat viel gelitten. Gut, er hat dieses Leid oft und über Gebühr auch genossen und im Alkohol ertränkt, was zur Folge hatte, dass seine Werke bis heute ungebrochen populär sind und seiner treuen Leserschaft immer wieder Freudentränen in die Augen treibt. Bleibt die Frage, ob denn wirklich immer erst der Boden geküsst werden muss, um sich erheben zu können? Vergleiche mit Fußballnationalmannschaften erübrigen sich, da die Spieler vielleicht am Boden liegen, aber von Dreckfressen in etwa so weit entfernt sind wie Buks Leber zu Lebzeiten von Normalität entfernt war.

Dieser Band ist ein Rundumschlag gegen das Versagen. Immer wieder brach man Buk die Beine – sinnbildlich. Immer wieder schmerzte der Schorf an den Knien. Immer wieder knurrte der Magen. Und immer wieder siegte die Kreativität der Feder über die menschlichen Bedürfnisse. Vermisste man Buk in der Kneipe, war die Freude über seine Rückkehr umso größer. Am Fluss sitzend flog die Miene seines Stiftes über das Papier und brachte so wundervolle Werke auf selbiges, dass man als Leser nicht nur ein Gedicht vor sich hatte und es las. Sondern man vielleicht in einen Abgrund sah, durch das Schlüsselloch eines Lebens schaute und dem Menschen Charles Bukowski beim Leben zusah. Flaschenklappern gehörte zu seinem Leben wie der Drang dieser Melodie ein nicht allzu enges Korsett zu verpassen.

Das ganze Buch auf einmal durchzulesen, wäre frevelhaft. Die Intensität der Zeilen muss dosiert aufgenommen werden. Erst dann entfalten sie ihr besonderes Bouquet. Schluck für Schluck rinnt der Saft der Erkenntnis über die Seiten direkt ins Hirn des Lesers. Erschrocken stellt man fest, dass Buk auch eine verletzliche Seite hatte. Was im Angesicht seines Lebens nur logisch ist…

 

„Ich saz uf eime Steine und dahte Bein mit Beine“ – Walther von der Vogelweide haben wir dieses mittlerweile geflügelte Wort zu verdanken. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“ – den Anfang von Goethes Osterspaziergang können die meisten zwischen neun und neunzig noch aufsagen. Bei Charles Bukowski hingegen wird es schwierig ein Gedicht zu rezitieren. Oberflächlich betrachtet, darf, ja muss man ihm danken, dass das Deftige dank ihm, dem Literaten, fast schon salonfähig geworden ist.

Wozu ein Blatt vor den Mund nehmen, wenn man es vollkritzeln kann. Und die Blätter sind zum ersten Mal nicht zensiert! Und zum Teil zum ersten Mal auf Deutsch erhältlich. Die Auferstehung einer Ikone.

Die vierundneunzig Gedichte in diesem Band zeigen einen bedrohlichen, vor allem aber einen nachdenklichen Buk. Klar, seine deftigen Ausdrücke sind mehr als das Salz in der Suppe. Sie sind der Sud, der dem Leser Kraft gibt. Und Kraft braucht man, um dieses Buch zu verstehen. Denn knapp einhundert Gedichte  zu lesen – die sich zu allem Überfluss nicht einmal reimen, Scherz! – ist schon eine Mammutaufgabe. Dieses Buch in Dosen zu genießen, ist die hohe Kunst. Doch wie aufhören, wenn jede Zeile nur ein Schritt zur nächsten ist?

„Dante Baby, das Inferno ist da!“ wird Bukisten begeistern und Buk-Einsteigern den Kopf verdrehen. Jahrelang war Charles Bukowski verkannt. Nur in der Undergroundszene war der gefeierte Star. Jahrzehntelang schickte er hunderte Gedichte an Verleger. Die ließen ihn am ausgestreckten Arm verhungern und seine Werke in den Archiven verstauben. Abel Debritto wollte für seine Dissertation diese Staubfänger aus den Klauen der Ignoranz. Dafür reiste er kreuz und quer durch die Staaten. Kiloweise Staub hustete er heraus, um schlussendlich doch dieses Manifest des bitterbösen Humors zusammenstellen zu können.

Das Inferno reitet mit brennenden Schwertern der Sprache direkt ins Herz des Lesers. Es brennt, es schmerz … im Kopf, im Herzen, im Zwerchfell. Und die Zensur muss tatenlos zusehen. Die Gesellschaft wird geroastet. Und der Roastmaster sitzt auf seiner Wolke – ja, Buk hat eine Wolke erhalten und schmort nicht wie gedacht auf dem Grill der Verdammnis – und setzt der Moral mit Blitzen des Zorns zu.

Geradezu milde wirken die Zwischentöne, die sich erst nach und nach zeigen. Hat man sich eingegroovt, ist man also schon mitten im Text, fallen einem die Feinheiten, die philosophischen Gedankengänge auf. Buk war nicht nur der rülpsende, furzende, vögelnde und vor allem saufende Unhold, der seinem Frust mit harter Feder Ausdruck verlieh. Hinter den Ärschen und Whiskeys tritt der Buk hervor, der der Welt die Zunge rausstreckt und sein Image zu pflegen weiß. Wer tiefer gräbt, erkennt warum Buk bis heute so erfolgreich ist.

Dieses Buch ist ein Schlag in die Fresse all derjenigen Mode-Rockstars, die einem mit bis oben zugeknöpftem Hemd jämmerlich talentiert ebenso weinerliche Texte massenkompatibel um die blutenden Ohren wimmern.

 

Kurz und knackig soll eine Kurzgeschichte sein. Was so einfach klingt, ist die Königsdisziplin in der Literatur. Wenn die Geschichten dann auch noch für jedermann verständlich sind, die meisten ansprechen und vor allem unterhaltsam sind, ist man der Gott der Literatur. Oder das Arschloch! Wie im Fall von Charles Bukowski.

Er würde in der heutigen Zeit mehr provozieren als Donald Trump. Und vor allem mehr gegen ihn wettern als Robert De Niro. Das wär ein Spaß. Doch Charles Bukowski ist nicht mehr. Seine Werke jedoch haben bis heute Fans, die dem direktesten aller Schreiber die True halten.

Die Sammlung von Kurzgeschichten in diesem Buch konnte man fast als eine Aneinanderreihung von Kapiteln ein und desselben Buches halten. Alles beginnt in Los Angeles, wo er (mal ist es der Autor selbst, mal eine fiktive Person mit einem anderen Namen, die Buk aber in Nichts nachsteht) und Linda leben. Im Portemonnaie herrscht Ebbe. Wie immer. Im Kühlschrank auch. Alles halb so schlimm, wäre nicht auch der Schnapsvorrat auf Diät gesetzt. Was tun? F… Klar, was sonst. Immer wieder, zwei-, drei-, viermal. Bis es nicht mehr geht. Auch wenn Linda sehr geschickt ist.

Die rüde Reise in die befleckten Seiten geht weiter. Tucson, New Orleans, Tijuana, San Diego. Überall dasselbe Bild. Es fehlt an Kohle, um an Stoff zu kommen. Und der Stoff, der da ist, stört nur beim … naja, wobei wohl?!

Schonungslos offen kaputtiert sich Buk durchs Leben. Ist er desillusioniert? Nicht im Geringsten. Das Leben hat ihn angenommen, der Tod reibt sich schon lüstern die Hände. Einen wie ihn hat selbst er noch nicht erlebt. Und der Teufel ist der einzige, der einen ebenbürtigen Gegner neben sich akzeptiert.

Schulden und Wettgewinne sind für die Figuren in den Geschichten zwei getrennte Sachen. Ein Gewinn wird gebührend gefeiert. Schulden nur im äußersten Notfall getilgt. Zum Beispiel dann, wenn der Ladenbesitzer droht nicht mehr anzuschreiben.

Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort, jede Silbe. Sie dringen wie Silberpfeile ins Herz des Lesers. Dort verdampfen sie in wabernden Wolken und setzen sich fest im Gedächtnis fest. Nicht die einzelnen Worte, oder gar Sätze. Es sind Impressionen, die man nie wieder vergessen wird. Wie die Erstbesteigung des Eiffelturms, oder die ersten Seiten von Tom Sawyer. Unvergesslich. Charles Bukowski gehört auf jede Bucketlist. Also eine Liste von Dingen, die man getan haben muss. Wer Buk nicht gelesen hat, wird für immer in der Zwangsjacke der political correctness gefangen bleiben. Wer die Zeilen aufsaugt wie ein Schwamm, wird mit einer wortgewaltigen Waffe gegen den Zynismus der standardisierten Welt in den Kampf ziehen können.