Clara Coban – Wien

Diese Momente sind rar geworden in Clara Cobans Leben: Sich in der Neuen Donau einfach treiben lassen. An nichts denken, während ihr Mann David mit dem gemeinsamen Sohn Max unterwegs ist.

Seit Kurzem ist Clara nun bei der Kripo in Wien. Und schon geht ihr der Job an die Nieren. Überall nur Gewalt. Besonders an Frauen. Gerade erst wieder hat ein Bankvorstand seine Frau erstochen. Die Gazetten übertreffen sich mit widerlichen Details und Großaufnahmen der Tatwaffen. Clara reicht’s: Sie schreibt flehende Mails an die Chefredakteure. Sie sollen auch über Vorsichtsmaßnahmen und behördliche Anlaufstellen berichten. Und nicht immer nur über die grausamen Details der Tat.

Ihr Mann David ist davon wenig angetan. Er arbeitet bei einer der Zeitungen, die Clara angeschrieben hat. Er sieht seinen Ruf angekratzt. Der „kurze Dienstweg“ soll sie besänftigen. Doch Clara bleibt stur. Sie macht weiter: Ermittelt und schreibt Mails. Auch, und besonders als eine junge Türkin, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann auf offener Straße von ihm niedergestochen wird und elend verblutet. Der Täter ist auf der Flucht.

Auch im privaten Umfeld, bei den Nachbarn, wird in schöner Regelmäßigkeit gestritten, werden die Türen (dreimal!) geknallt und die Reifen zum Durchdrehen gebracht. David findet es zumeist lustig, zählt das Türknallen, nimmt die Zwistigkeiten auf die leichte Schulter. Clara ist stinksauer.

Camille Moulin, die Nachbarin, deren Streit sie jedes Wochenende mit anhören muss, ist auf einmal verschwunden. Die Türen knallten beim letzten Streit auch nicht mehr dreimal. Und ihr florales Balkonparadies verwelkt nach und nach.

Ist dieses Verschwinden das Fanal, das Clara Coban braucht, um noch aktiver zu werden? Sicherlich nicht. Gerade auch deswegen, weil ihr die Fälle immer mehr auf den Magen schlagen. So sehr, dass sie sich in ihrer Stadt Wien verläuft, ihr David auch deswegen eine Affäre unterstellt und sie schlussendlich im Krankenhaus landet. Das kann doch alles kein Zufall sein…

Maria Stern gelingt mit „Acetat“ ein furioser Auftakt zu einer erfolgversprechenden Krimireihe aus Wien. Ihre Clara Coban ist engagiert und ehrgeizig, ohne menschliche Züge zu verlieren. Anfangs – wie ein Störfaktor – räumt sie den im Verborgenen agierenden Rächer nur wenig Platz ein. Immer stärker rückt er in den Fokus, so dass die Fälle, die so eingehend beschrieben werden fast in den Hintergrund rücken. Es ist ein nicht enden wollendes Vergnügen mit Clara Coban auf die Jagd zu gehen, um am Ende mit übergroßen Augen selbiges aufzulösen. Spannung bis zur letzten Zeile. Kaum auszuhalten wann und wie es weitergeht.