Europas Gold

Es gab schon viele Versuche Europa in die Tasche zu stecken. Alle scheiterten kläglich. Beim Wieser-Verlag geht man den goldenen Weg. Die kleinen bunten Büchlein, die jeden Reisenden von Amsterdam bis Riga, von Stockholm bis Athen mit dem gewissen Extra-Wissen ausstatten, sind die gedruckte Antwort auf die Eroberungsgelüste der Besucher. Nun auch als handliche fünfhundert Seiten starke Best-of-Ausgabe. Und hier stimmt der Begriff Best of einmal. Und es ist das erste Buch, das man nicht von Seite Eins bis zum Schluss chronologisch liest. Die Texte sind alphabetisch nach den Reisezielen geordnet. Wer sich für Liechtenstein interessiert, beginnt eben auf Seite 225. Den Rest liest man eh. Am besten vor Ort.

Oder man liest sich doch der Reihe nach durch das Buch. Dann passiert folgendes: Man startet im weitgehend unbekannten Albanien, blättert sich durch einen Brief von Franz Marc an Marie Schnür aus Athos, streift mit Don Quichote durch Barcelona und landet später in Belfast mit einer ohnmächtigen Betrachtung des Konfliktes zwischen Protestanten und Katholiken, um unversehens im sie slawische Brut (so die Überschrift) in Belgrad zu besuchen. Da hat man gerade zehn Prozent des Buches gelesen. Was für eine Reise?

Die Reihe „Europa erlesen“ ist das gute Gewissen Europas. Bücher kann man verbrennen, die Zeilen und Gedanken darin nicht! Genauso wie die Idee von Europa. Grenzenlos andere Kulturen erkunden, in sie eintauchen und sie partiell sich zu eigen machen. Die Folklore des Urlaubs mit nach Hause nehmen und im immerwährenden Glücksgefühl der schönsten Zeit des Jahres zu schwelgen. Diese Anthologie ist das gedruckte Fernweh für fiebrige Schübe von Reiselust.

Genussvoll folgt man den Zeilen großer Denker und unbekannter Autoren. Gedichte, Impressionen, fiktionales Lokalkolorit verschmelzen in diesem Best of zu einem großen Ganzen. Und so goldig die Sterne auf dem blauen Banner prangen, so golden springen die Versalien E-U-R-O-P-A dem Leser entgegen und ziehen ihn in den Bann der geistigen Ergüsse von Menschen, die ihre Heimat lieben und dieses Gefühl mit Anderen teilen wollen. Tun wir ihnen den Gefallen und lassen uns anstecken vom europäischen Geist. Zwischen Tacitus und Carl von Linné liegen mehrere Jahrhunderte. Ihre Auffassungsgabe beeindruckt, und ihre Leidenschaft für das Neue ist bis heute ungebrochen. Sie schreiben über Lappland. Für Tacitus ein Menschenschlag, den er so noch nie gesehen hatte. Für von Linné ist die Naturverbundenheit der Völker beschreibenswert. Und wir? Als Touris? Wir können beiden Köpfen folgen. Der Forscherdrang wird durch dieses Buch nicht gehemmt, er wird vielmehr befeuert. So lange bis die goldenen Funken sprühen.

 

Es ließe sich vortrefflich eine ganze Reihe von Abenden mit Geschichten über die Donau füllen. Angefangen beim Donaudampfschifffahrtskapitän etc. über die prachtvolle Uferbebauung in den Flussmetropolen bis hin zum verzweigten, fast schon mystischen Delta am Schwarzen Meer. Wer die Reihe „Europa erlesen“ kennt, erlebt hier sein (donau-) blaues Wunder. Der Begriff dicker Wälzer wurde eigens für dieses Buch erfunden. Sechshundert Seiten, und jede einzelne ist dem knapp dreitausend Kilometer langen Fluss gewidmet. Zehn Staaten dürfen sich als Anrainerstaaten bezeichnen. Doch genug der Zahlenspielerei. Okay, eine noch: Los geht’s erst auf Seite 47! Zuvor liest man sich erwartungsvoll durch das sehr lange Inhaltsverzeichnis.

Friedrich Hölderlin dichtet der Donau seine Wanderung im wahrsten Sinne des Wortes an. Tacitus, der römische Chronist, bleibt dagegen sachlich nüchtern und beschreibt eher humorlos die Quellen der Donau, die Schwarzwald entspringt. Johann Wolfgang von Goethe, Jules Verne,  Hoffmann von Fallersleben, Friedrich Schiller, Joseph von Eichendorff, Egon Schiele … die Liste der Autoren und Künstler, die der Donau verfallen waren, ihre Geschichten hier spielen ließen, sich an ihren Ufern inspirieren ließen, ist lang. Und mit jeder Seite, die man umblättert, entblättert sich der europäischste aller Flüsse ein bisschen mehr. Die Donau als Synonym für das Leben Europas. Versiegt sie, versinkt der Kontinent.

Es scheint klar, dass man dieses Buch „nicht hintereinander wegliest wie einen Krimi“. Es wären zu viele Eindrücke, die man in zu kurzer Zeit zu verarbeiten hätte. Es lohnt sich aber immer wieder ein paar Seiten als tägliche Dosis gegen das Fernweh sich einzuverleiben. Amand Freiherr von Schweiger-Lerchenfeld, schon allein der Name lädt zum Lesen ein, beschreibt so eindrucksvoll den von ihm befahrenen Flussabschnitt, dass man Lust bekommt nachzuforschen, was denn noch alles übrig ist von „Stations- und Maschinengebäude“, dort wo der Fluss ein schnurgerades, breites Bett des gebändigten Flusses bildet.

Mal poetisch ergeben, mal teilnahmslos berechnend, wird man hin-und hergerissen von der zahllosen Beschreibungen der Donau und den Abenteuern, die man hier erleben konnte. Nun ist eine Flusskreuzfahrt nicht jedermanns Sache. Sie bietet allerdings die Möglichkeit eine unvergessliche Reise mit Eindrücken zu versehen, die nicht alltäglich ist. Es sei denn man ist Donaudampfschifffahrtskapitänsmützenträger. Wer dieser Art des Reisens nichts abgewinnen kann, kommt mit diesem Buch auch verdammt weit. Knapp zwei Jahrtausende umfassen die Texte. Von der Quelle bis zur Mündung. Von Kriegen und Festen wird berichtet. Von Abenteurern und Lebemännern. Viel mehr darf und kann man von einem Buch nicht erwarten.

 

Als Weit- und (vielleicht) Weltreisender erinnert man sich an besondere Plätze wegen der spezifischen Architektur, genial gestalteter Quartiere oder berühmter Denkmäler. Oder man ist fasziniert von einer besonderen Landschaft. So wie am Bodensee. Hier kommt zur Erinnerung noch erschwerend hinzu, dass man am Bodensee von Jetzt auf Gleich zur Ruhe kommt und kontemplativ sich den eigenen Gedanken hingeben kann. Für manchen Dichter war es geradezu ein innerer Zwang sich dem erholsamen Müßiggang hingeben zu müssen.

Natürlich ist der Bodensee dazu geeignet sich an den Schauspielen, die Mutter Natur bietet zu berauschen. Doch das Einzigartige an diesem Buch sind die beschriebenen Gefühle der Autoren, die so mannigfaltig in Erscheinung treten. Eine einfache Wanderung (eigentlich sind es ja mehrere) mit Robert Walser machen Carl Seelig selig. Keine Kinderfreude ist es, die ihm und dem Leser dem Bodensee das besondere entlocken können, sondern das Besondere des Momentes, der am Bodensee so unendlich erscheint.

Max Frisch erinnert sich an Bertolt Brecht, der nur wenige Kilometer von seinem schwäbischen Geburtsort nicht minder glücklicher sein konnte als auf den Brettern, die … er so sehr revolutionieren sollte.

Anton Jež erinnert an die Schattenseiten der Region bzw. der Geschichte. Als in Überlingen ein Konzentrationslager die Perfidität der Nazidiktatur in ihrer schlimmsten Form zu Tage tragen ließ. So schön diese Ecke Deutschlands, so traurig dieses Kapitel der Stadt, des Landes, Europas und der Welt.

Theodor Fontane ist ganz angetan von der Rheinfallszenerie. Neuhausen ist prädestiniert die Rheinfälle der Umgebung zu erkunden. Doch sein Blick ist auf die Wirtin im „Storch“ gerichtet. Und das schreibt er seiner Frau! Alles halb so wild, denn der Dichter ist auf Recherchereise, sprich er sammelt Eindrücke, die er später in seinen Werken verwenden wird. Doch ganz ohne Eifersucht wird seine Liebste diesen Brief bestimmt nicht gelesen haben.

Lukullische Eindrücke sammelt unterdessen Maré Stahl. So tief im Herzen Europas verwurzelt wie der Bodensee nun einmal ist, so fischreich sind die Speisekarten. Und hier kommt die Hingabe des Herausgebers Stefan Eggert zum Tragen. Nicht einfach nur Auszüge und Texte zum und über den Bodensee sind in dieser Anthologie zusammengefasst, nein, es gibt als Zugabe, als amuse publicitaire (gibt es diesen Begriff überhaupt? Gruß des Herausgebers?), wie auch immer, als Zugabe gibt es eine Monatsliste der Fische im Bodensee. Im März gibt es Welchen, und die gibt es nur hier!

Ein Wanderung am Bodensee ist für jeden, der die Welt kennt, aber auch für alle anderen ein besonderes Erlebnis. Man fühlt sich in der Mitte wie im Süden. Wetterumschwünge wie im Hochgebirge, Sonnenflut wie in den entferntesten Wüsten, Florapracht wie sonst nur im Film oder auf Postkarten am Wegesrand. Und als I-Tüpfelchen: Dieses Buch. Mehr braucht man nicht.

 

 

In Gedanken verreisen: Wien drängt sich geradezu auf einmal im Kopf erobert zu werden. So viele Autoren haben ihrer teils unbändigen Lust nach der Stadt an der Donau Luft gemacht und ihr mit ihren Werken ein Taschendenkmal gesetzt. Die Quintessenz dessen ist in dieses Büchlein gestopft, das schon beim Aufklappen den Prater, die Ringstraße, die Alleen, die Heurigen an der Ecke, die Märkte, das Kunsthistorische und und und vor dem geistigen Auge erscheinen lassen.

Ganz klar: Wien ohne Georg Kreisler ist nicht das ganze Wien. In seinem Gedicht fragt er sich wozu Krieg, wenn ihn der Hund nicht überleben würde. Der naive Gedankengang steckt voller Ironie und dem typischen Wiener Witz, den man nur schwer erklären kann. Doch wer Kreisler liest, versteht ihn vollends.

Auch bei Werner Schneyder, der wie Kreisler ins selbe Horn stößt, kommt der Humor nicht zu kurz, wenn er beim Heurigen am Tisch in der Ecke hockt und über die Erbfolge sinniert. Allerdings nicht über die Erbfolge der Habsburger – lesen, es ist ein Genuss!

Von Hermann Bahr und Lisl Ponger über Ernst Jandl (der darf natürlich auch nicht fehlen in einem Buch über Wien) und Heinrich Laube bis hin zu Erich Fried und Jörg Mauthe und vielen anderen reicht die Spannweite der Schriften und Sichtweisen über Wien.

Am besten liest man dieses Büchlein immer wieder auf einer Parkbank beim Bummeln durch die Stadt. Es passt in jeder Tasche, vom Hintern übers Jackett oder in die elegante Damentasche. Und wenn’s geklaut werden sollte, hat man wenigstens ein gutes Werk getan … ist das schon Wiener Witz?

Wien wie es war, wie es hätte sein sollen, wie man es wahrnahm, wie man es wünschte – jedes hätte, wenn und aber hat seinen Platz und der ist nun mal in diesem Buch. Und wer genau hinsieht, ein bisschen Recherche betreibt, kann dem Ursprungsort so mancher Zeile auf die Schliche kommen. Und dann behaupten: „Hier hat er’s geschrieben!“. This is where the magic happened.

Der Abwechslungsreichtum des Buches ist überwältigend, Gedichte und kurze Artikel, Abrisse aus größeren Texten malen Schwarz auf Weiß, aber immer farbenfroh ein Bild Wiens, das mehr als nur eine Zugabe zu einem kenntnisreichen Reiseband ist. Immer wieder hält man bei Spaziergängen inne und staunt über die Pracht der Kaiserstadt. Linderung darf man sich von diesem Buch nicht erhoffen. Die Sehnsucht mach mehr Wien ist stets präsent. Und sie wird stärker und stärker je mehr man in diesem Buch blättert.

 

Die Reihe „Europa erlesen“ beschäftigt sich mit literarischen Werken, die aussagefähig über eine Land, eine Region oder eine Stadt sind. Die darin versammelten Sichtweisen aus mehreren Jahrhunderten lassen die Neugier wachsen und geben den Blick frei für die manchmal unsichtbaren Seiten einer Stadt. Ein Fest für lesefreudige neugierige Besucher. Dieses Buch sticht allein schon wegen des Themas aus dieser Reihe heraus. Denn es geht nicht um ein Land, eine Region oder eine Stadt, sondern um einen Teil einer Stadt, um ein Gebäude. Ein einziges. Zugegeben nicht irgendeines, es geht um das Kommen und Gehen, das Willkommen und Abschied nehmen: Um den Südbahnhof. Davon sind leider nur noch die Erinnerungen geblieben. Denn der übereinhundert Jahre vorherrschende Name Südbahnhof musste dem Hauptbahnhof weichen. Ein Koloss aus Stahl, Glas und Beton, der dem Charme des alten Südbahnhofes nur in Sachen Funktionalität das Wasser reichen kann.

Zum Charme des alten Südbahnhofes gehörte auch, dass man ihn schwer erreichte. Karl Kraus erinnert sich, dass nach Ägypten zu reisen einfacher sei, als zum Südbahnhof zu kommen. Joseph Roth gerät geradezu in Schwärmen und Schwelgen, wenn er an den Südbahnhof denkt. Und Billy Wilder, der große Regisseur, der den Zusatz „groß“ wirklich verdiente, schaut dem Volk aufs Maul und auf die Klamotte.

Weniger Glück bei seiner Anreise im Südbahnhof hatte Gabriel Gárcia Márquez. Der Autor wurde stark an den Film „Der Dritte Mann“, dem Wien-Film schlechthin, erinnert. Er suchte vergebens in der Wartehalle nach einer Hotelliste, um sich einquartieren zu können. Ein Aushang, den es heute auch nicht mehr gibt. Doch fündig wurde er nicht. Denn auch die Wartehalle war nicht vorhanden. Zerbombt von alliierten Bombardements. Wien, zerfallen und mit dem Chic der Gegenwart nicht zu vergleichen, machte auf ihn einen wenig bis gar nicht vorhandenen guten Eindruck.

Es ist das dünnste Büchlein der Reihe „Europa erlesen“. Doch in keinster Weise ist es dünn an Inhalt. Vielmehr zeigt dieses Büchlein ein Wien, das lange nicht mehr existiert, und einen Bahnhof, der sich zwar noch ins neue Jahrtausend retten, jedoch nicht einmal ein Jahrzehnt darin überleben konnte. Der Hauptbahnhof von heute ist ein Shopping-Event mit Gleisanschluss, austauschbar, gefühlskalt. Der Qualm der Dampfloks ist verflogen, die knarzenden Wartebänke gegen kühles Metall ausgetauscht. Bahnhöfe waren einmal Sehnsuchtsorte. Orte der Freude und der Tränen. „Wien Südbahnhof“ hat diese Tränen gesammelt und als Petrischale zwischen zwei Buchdeckeln erhalten.

 

Sich einfach mal an den Straßenrand setzen und die Seele an sich und die Beine im Wasser baumeln lassen. Geschäftiges Treiben wirkt in Amsterdam einen Tick entspannter. Wer die Stadt nie erlebt hat, wird bis zum Besuch in Klischees schwelgen (müssen). Vorurteile gibt es wie Sand am Meer. Doch es gibt nur ein Amsterdam – das einzige Vorurteil, das wirklich stimmt.

Die Stadt wurde verflucht, niedergebrannt und besungen und beschrieben. Letzteres ist die einfachste Art des Reisens. Nicht? Zumindest die preiswerteste!

Überliest man an einigen Stellen die Überschriften, gehen die Texte nahtlos ineinander über. Max Beckmanns Tagebuch wird zur Grundlage für Sipko Melissen. So werden gerade diese beiden Texte zum Sinnbild wie dieses Buch zu handhaben ist: Lesend durch die Stadt stromern und nach den Quellen der Zeilen suchen. Das ist kein Dogma, macht aber – wenn man es richtig anstellt – einen Riesenspaß!

Klaus Mann, der hier im Exil arbeitete und die Zeitschrift „Die Sammlung“ im Querido-Verlag herausbrachte, erinnert sich daran, dass die Stadt Amsterdam schon immer im Gedächtnis der Schriftstellerfamilie war. Und zwar positiv.

Und so blättert man sich durch die Straßen, Grachten, Gassen, liest vom jüdischen Leben in der Stadt, vom Glanz der „guten, alten Zeit“, wandelt auf Rembrandts Spuren, und kommt unweigerlich auf ein Werk zu sprechen, das eng mit der Stadt verbunden ist: Dem Tagebuch der Anne Frank. Als Touristenziel eine Qual, weil das Anstehen furchtbar lange dauert. Als Lesestoff ziehen die Zeilen den Leser sofort in ihren Bann. Denn die Qualen, die sie erleben musste, sind natürlich nicht einmal ansatzweise mit dem zu vergleichen, die man bei Anstehen erdulden muss. Sie und ihre Familie mussten so leise sein, um nicht entdeckt zu werden – das kann man sich nicht vorstellen, wenn man heute beispielsweise das Nachtleben der Stadt erlebt.

Amsterdam lebt vom Image der offenen Kultur. Wer dieses Buch einmal aufschlägt, wird es nicht so schnell wieder zuklappen (können). Die Vielfalt der ausgewählten Texte erschlägt nicht, sie beflügelt die Phantasie. Fast schon ein kleiner Kurzurlaub.

Diese kleine Anthologie ist mehr als nur ein Appetitmacher. Sie verkürzt die Zeit bis zur Ankunft und lässt den Gast schon zuvor ein kleines Märchen erleben. Und Märchen können wahr werden…

 

 

Da sitzt man nun auf dem Rynek in Krakau. Es ist Majowka, die lange freie Zeit in Polen. Zwei Feiertage, 1. und 3. Mai werden ganz schnell zu einem ganz langen Wochenende. Die Stadt vibriert nicht, sie bebt. Unzählige Menschengruppen drängen sich zwischen Tuchhallen, Marienkirche und Kazimierz, dem jüdischen Viertel. Ab dem Vormittag bis weit in die Nacht hinein erklingt ein babylonisches Sprachgewirr. Ruhe zu finden wird schwierig.

Da kommt so ein kleines Büchlein wie gerufen. In Krakau über Krakau den europäischen Gedanken erlesen – eigentlich die logische Schlussfolgerung. Denn Europa und Krakau gehören irgendwie zusammen. Hier wurde schon vor Jahrhunderten Europa gelenkt. Und so sucht man sich ein ruhiges Plätzchen im Planty, dem grünen Gürtel, der die Stare Miasto, die Altstadt, vom Rest der Stadt trennt. Da die Grünflächen durch kleine Barrieren von den Wegen geschützt sind – nur ein paar Vierbeiner gehen hier ihren Geschäften nach – findet sich schon ein halbwegs erholsamer Leseort.

Nur selten mehr als eine Handvoll Seiten literarisches Krakau erfüllen die Atmosphäre mit Leben. Das Krakau während der deutschen Besatzung, Goethes Abneigung gegenüber der Stadt, echte Königsgeschichten – die Anthologie zeigt einem ein anderes Krakau. Wenn man den reiseband studiert hat, Wawel, Weichsel und Wesola besichtigt hat, ist man voller Eindrücke, die man erstmal sacken lassen muss.

Mit diesem kleinen Buch in der Hand, auf dem Schoß werden die Spaziergänge um ein Vielfaches verstärkt. Denn schon Andere waren vor einem hier. Und ihre Sicht auf die Dinge, die Straßenzüge, ihre Eindrücke vermischen sich nun mit den eigenen Erlebnissen. Die Aussicht von einem der vielen aufgeschütteten Hügel (noch immer weiß keiner so recht warum und wie die Hügel entstanden sind), muss noch einmal genossen werden, weil man doch das Eine oder Andere übersehen hat. Ein Spaziergang durch Kazimierz wird erst durch die Worte des Dichters zum gewaltlosen Eindringen in eine einst eigene Welt. Das jüdische Leben in der Stadt erstarkt erst seit Kurzem wieder, denn Krakau ist der einzige Platz der Welt, in dem die jüdische Gemeinde sich wieder vergrößert.

Die Florianskirche, wo vor Jahrzehnten Karol Wojtyla, später Papst Johannes Paul II., seine theologische Laufbahn begann, wirkt auf den ersten Blick wie eine ganz normale Kirche. Eine von weit über 300 in der Stadt. Beim Näherkommen, beim Lesen, wandelt sich das Bild. Gemächlichen Schrittes, fast schon ehrfürchtig nähert man sich dem weißen Gebäude am Ende des Plac Matejki, vorbei am Grundwald-Denkmal. So nah war man dem unnahbaren Oberhirten selten zuvor.

Krakau ist immer eine Reise wert. Krakau mit diesem Buch in der Hand oder zumindest im Handgepäck wird zu einem unvergleichlichen Erlebnis, da es weit über den Tellerrand eines Reisebandes hinausblicken kann. Von Joseph Conrad über Alfred Döblin bis hin zu Simon Wiesenthal reichen die Autoren- und Themenvielfalt. So wird Krakau zweimal entdeckt.

 

Schon mal in Barcelona gewesen? Laut, stimmt’s?! Und voller Touristen. Ein klein wenig mehr Ruhe, würde Wunder wirken. Auch um so ein kleines Büchlein wie dieses genießen zu können. Barcelona erlesen. Nehmen wir Anlauf, drücken uns ganz fest ab und mit ganz wenigen Spritzern tauchen wir kopfvoraus in die sagenhafte Metropole Barcelona ein.

Und wir landen bei Wolfgang Koeppen. Seine Theorie: Die erste Mahlzeit in einer fremden Stadt entscheidet über Gefallen und Nichtgefallen. Nun sind die Kellner nicht besonders freundlich zu ihm. Stolz und Unfreundlichkeit gehen hier Hand in Hand. Doch das reichhaltige Mahl, das so verschiedenartig präsentiert wird, wetzt die Scharte aus.

Auch Salvador Dali sitzt neben einem auf der Bank und linst in die Seiten des Buches. Gleich mehrmals. Auch ihm schlägt Barcelona auf den Magen. Als junger Künstler war er nach der Anzahlung für den Tischler ziemlich klamm. So musste er erst einmal einen Scheck bei der Bank einlösen. Der Kassierer erkannte ihn, was Dali sehr schmeichelte. Doch als er den Scheck unterschrieben hatte, traute er dem Mann am Schalter nichts mehr. Unterstand ihm, dass er das wohlbringende Papier verschlingen könnte.

Barcelona Stadtschreiber, so könnte man ihn durchaus bezeichnen, Manuel Vazquez Montalban lässt seinen Carvalho sein heimatviertel durch die rosarote Brille betrachten. Es stinkt, der Boden klebt, kein einladender Ort. Und doch würde Carvalho seine Heimat gegen nichts auf der Welt eintauschen wollen. Auch Señor Montalban gibt mehr als eine Kurzgeschichte zum Besten.

Fast meint man, dass die Stadt und dieses Buch über Barcelona nur aus Essensgeschichten bestehen würden. Weit gefehlt! Doch die Nahrungsaufnahme ist vor Ort als auch im Buch wichtiger Bestandteil. Ein Happen hier, ein Happen da. Und so sollte man auch dieses Buch genießen. Immer mal wieder eine kurze Pause, un pequeño descanso. Auf einer Bank, unter Bäumen, Hauptsache ein ruhiges Plätzchen (!). Und dann ein wenig in diesem Buch blättern und zwei bis fünf Kapitel lesen. So ergiebig wir eine Portion Tapas. Frisch gestärkt kann man sich nun wieder ins Gewimmel stürzen. Und wenn dann doch der eine oder andere aus dem Buch bekannte Ort den Blick kreuzt, erinnert man sich gern an die Zeilen.

Auch als Appetitmacher – man kommt einfach nicht aus dem Küchenterminus heraus! – eignet sich das handliche Büchlein. Auch wenn Barcelona keine Werbung mehr nötig hat, so versüßen die Geschichten der Anthologie die Wartezeit aufs Vergnüglichste.

 

 

Triest ist die wohl überraschendste Stadt in der Reihe „Europa erlesen“ aus dem Wieser-Verlag. Warum? Was weiß man über Triest? Literarisch kommt es doch kaum vor! Oberflächlich betrachtet mag das stimmen. Aber wer will sich schon mit Oberflächlichkeiten abgeben, wenn er so ein Buch in der Hand hält?! Apropos in der Hand halten: Zugreifen! Ab in den Warenkorb! Es lohnt sich.

Das wusste schon James Joyce, der eine Zeitlang in der Stadt an der Adria lebte. Und wie für dieses Buch gemacht seine Eindrücke über die Stadt niederschrieb. Hier arbeitete er als Lehrer – der Begriff Arbeitsbedingung wurde sehr weit gefasst. Der Direktor der Schule setzte den großen Dichter unter Druck und ganz schön zu. Joyce war nicht zufrieden, was sich auch in seinen Erinnerungen an die Stadt niederschlug.

Auch Italo Svevo setzte hier nicht nur einen Fuß auf das mondäne Pflaster. Wer beim Bummeln durch die Stadt die Augen offenhält, entdeckt vielleicht hier und da noch einen Hinweis auf sein Wirken.

Zwei Schriftsteller, die in Triest gewirkt haben. Reicht das, um dem Vorurteil, dass die Stadt unbekannt ist entgegen zu wirken? Nein! Aller guten Dinge sind Drei. Ja, auch Verdi hat sich hier kurz niedergelassen und die eine oder andere Note zu Papier gebracht. Aber literarisch fehlt jetzt noch einer, der scheinbaren Bedeutungslosigkeit einen Riegel vorschieben zu können. Ein richtiger Hit fehlt. Rainer Maria Rilke. Reicht das! Die „Duineser Elegien“ sind hier entstanden. Vor den Toren der Stadt. Auf einem Schloss.

So, und jetzt soll einer mal sagen, dass Triest kaum von Bedeutung ist. Auch Jules Verne ließ hier seinen Grafen Sandorf seinen Rachefeldzug starten. Wer also Triest bereist, tut dies bewusst. Im Schatten von Venedig steht Triest wahrlich nicht. Es ist vielmehr die kleine, feine Schwester mit Charme. Die Habsburger verbrachten viel Zeit hier und hinterließen ihre Spuren, die bis heute sichtbar sind. Ein bisschen Österreich, ein bisschen Balkan, und ganz viel Italien. Dreiländerecke haben den Vorteil aus drei Kulturen sich die Rosinen raus zu picken und aus der Essenz etwas ganz Besonderes erstehen zu lassen. Und Triest darf sich rühmen hier besonders viel Sorgsamkeit walten zu lassen.

Den Appetit auf kulinarische Fusionsküche kann dieses Buch nicht stillen. Doch dem Drang nach literarischen Abenteuern und Impressionen kann dieses kleine grüne Büchlein sehr wohl nachkommen. Rilke, Joyce und Svevo sind nur drei der Autoren, die diese Anthologie zu einem Erlebnis machen. Autoren wie Susanna Tamaro stehen für den Fortbestand an literarischem Nachschub über die Stadt, die eigenständig ihren Weg gesucht und eingeschlagen hat. Wer Triest durchschreitet, muss dann und wann einmal eine Pause einlegen. Und dann schlägt die Stunde dieses Buches. Kurze Abschnitte überfliegen oder intensiv aufsaugen – ganz egal: Triest erstrahlt schon nach wenigen Zeilen in neuem Glanz.

 

Was ist der leichteste Job der Welt? Tourismus-Manager am Lago Maggiore. Denn wie will man das Paradies noch bewerben. Und warum? Es kommt ja eh jeder hier her! Stendhal war schon da und vergaß dabei fast die Zeit. Nietzsche ließ das fast gleich ganz weg und vergaß alles um sich herum, selbst sein geliebtes Maria Sils war vergessen und sein inniges Verhältnis zu Nizza war massiv gestört worden.

Kafka machte einen Fehler als er mit Max Brod zwar ganz in der Nähe war, dennoch beschloss Maggiore auszulassen. Ein Fehler, den auch Max Brod einsah bzw. sich eingestehen musste. Hätte er mal lieber Charles Dickens konsultiert, der Weihnachten dort verbrachte und im Mondlicht die Nachtruhe offenen Auges verstreichen ließ. Oder hätte Kafka mal Fanny Lewald gefragt. Ein Wort genügt, das aber gleich doppelt: Mehr!

Am Lago Maggiore urlauben, heißt sich dem Glück zu nähern. Ein wolkenverhangener Himmel – Fehlanzeige. Ungemach – dafür hat man hier gar kein Wort. Stress – unbekannt, was ist das? Diese Anthologie ist ein Fest für die Sinne, und es ist ein Leitfaden für diejenigen, die dann doch als Tourismus-Manager hier „arbeiten müssen“. Jede Zeile der ausgewählten Texte, von Hans Christian Andersen über Johann Gottfried Seume bis zu Oskar Maria Graf taugen für Slogans, als Werbesprüche, die jeden Prospekt zieren könnten.

„Europa erlesen – Lago Maggiore“ ist ein Bummelbuch. Es dauert ewig bis man es ausgelesen hat. Denn immer wieder blättert man beim Bummeln durch die unvergessliche Landschaft rund um den Lago zurück, um einige Passagen nochmals zu lesen. Wie reiste man denn vor fünfzig, hundert oder hundertfünfzig Jahren? Ist davon noch was zu sehen? Eine Entdeckertour durch die literarischen Reste der Faszination. Wer genau liest, stößt hier und da auf Aussichtspunkte, die schon von Größen der Literatur als sehenswert befunden wurden. Und „damals war ja nicht alles schlecht“, meint man lakonisch, wenn man neben sich jemanden wie Heinrich Heine oder Felix Mendelssohn Bartholdy wähnt. Die eröffnen nämlich den Reigen der Texte in diesem Büchlein. Von unvergleichlichem Zauber liest man da, von der grauen Perle im grünen Schrein oder vom irdischen Paradies, dem Eden Italiens. Diese Worte stammen von Honoré Balzac, Alexandre Dumas und John Ruskin. Und wer will diesen Autoren schon widersprechen?! Einzig allein das Ende des Buches ist zu bemängeln. Doch solange es keine endlosen Bücher gibt, muss dieses Buch, diese Reihe mit diesem Makel leben.

 

 

Klingt ein bisschen wie eine Nobelherberge – Tall-Inn. Besuchen Sie unser Spa! Lassen Sie sich verwöhnen! Ja, die Wahl des richtigen Namens ist entscheidend für den Werdegang, auch einer Stadt.

Davon weiß auch Erwin Õunapuu zu berichten. Sie hat eine Stadt, lässt er den Großvater sagen: „Tal linn“. Und das Rätselraten geht weiter. Für Anton Friedrich Büsching ist es eine reiche und veste Stadt, für Jonas Hanway einfach die Hauptstadt der Esthen, für August Wilhelm Hupfel besteht sie aus zwey Teylen, Alexander A. Bestushew beklagt, dass nicht eine Straße geradlinig verläuft…

So allerlei Schreiber lassen mal kein gutes Haar an der Stadt (niemals mit dem Zug fahren, eine Katastrophe, unpünktlich und unsicher), mal wird sie in den Himmel gelobt. Doch eigentlich mag jeder Autor Tallinn, das ehemalige Reval. Sonst würden sie ja nicht darüber schreiben. Und einige zerbrechen sich den Kopf woher der Name Reval eigentlich kommt (zu Lebzeiten der Autoren hieß die Stadt nun einmal Reval und nicht Talinn). Von Rehen, die zu Fall gebracht wurden, von Riffs und von allerlei anderen Mythen wird hier berichtet. Auch von den Türmen der Stadt, die seit Jahrhunderten die Silhouette bilden und schon von Weitem sichtbar sind.

Da hat man noch nicht einmal die Hälfte des Buches gelesen und schon hat man Lust Tallinn zu besuchen. Und mal ganz ehrlich: Wer kann wie aus der Pistole geschossen auf einer Landkarte die drei baltischen Staaten Estland (mit der Hauptstadt Tallinn), Lettland und Litauen zeigen? Geschweige denn die richtigen Hauptstädte zuordnen! Fakt ist, dass dieses Buch mehr für den Tourismus in Tallinn tut als so mancher Hochglanzprospekt. Denn hier laufen die emotionalen Fäden der Zeugen der Stadt zusammen.

Aus mehreren Jahrhunderten wurden die Niederschriften zusammengetragen. Ja, Tallinn ist nicht nur eine alte Stadt, sondern wurde auch schon anno dazumal gern besucht und besungen. Die Eigenheiten der Sprache – neben finnisch und ungarisch wohl die ungewöhnlichste Sprache Europas – und die einladende Architektur sind nur zwei Dinge, die man als Tourist / Leser unbedingt gehört und gesehen haben muss.

Neben den großen Metropolen Paris, Barcelona oder auch Istanbul besticht die Reihe „Europa erlesen“ eben auch dadurch, dass die scheinbar unbekannteren Metropolen (Einwohnerzahl sticht nicht immer) ihre Reize haben, und den Platzhirschen gern so manchen Streich mit ihrem Charme spielen können. Und es auch tun. Ein Frevel, wer Tallinn besucht und nicht mindestens einmal in dieses Buch geschaut hat. Denn auch hier regieren nicht permanent die großen Namen. Viele nicht so bekannte Autoren haben viel zu erzählen, dass es wert ist gelesen zu werden.

 

Wieder so eine Hauptstadt – ja, Vilnius ist eine Hauptstadt – die man bisher nur als Punkt auf der Landkarte der Nachrichtensendungen wahrgenommen hat. Vilnius, Wilnius, Wilna – drei Namen, eine Stadt. Und jetzt das große Rätselraten zu welchem der drei baltischen Staaten Vilnius gehört. Es ist die Hauptstadt Litauens. Die erste Hürde ist genommen. Nun kann man sich ganz entspannt der Anthologie widmen.

Die Dutzende von Autoren in diesem Buch sind sich einig: Vilnius ist mehr als besuchenswert. Eine klare Architektur, ein gehaltvolles kulturelles Leben und Geschichte allenthalben. Napoleons Armee suchte hier die nötige Ruhe, um gewappnet und gestärkt die Tagesaufgaben lösen zu können. Es ging schief, was aber nicht an der Stadt lag, sondern planerischen Fehlleistungen zuzuordnen ist. Er selbst ist mit einem kleinen Briefchen in diesem Buch vertreten. Ziemlich gefühlskalt, nüchtern. So rosig wie er die Lage beschreibt, war sie dann wohl doch nicht. Wer dieses Buch aufmerksam liest, stellt fest, dass die Texte wie ein Uhrwerk in einander greifen. Historiker beurteilen den Russlandfeldzug (und die „Rast“ in Vilnius) natürlich anders als der französische Kaiser.

Immer wieder wird man beim Lesen an vorangegangene Texte erinnert. Wie in einem unendlichen Fortsetzungsroman liest man sich durch die vergangenen Jahrhunderte dieser Stadt, die so viel Autoren und kluge Köpfe begeistert hat. Zum Glück waren sie so clever und haben ihre Eindrücke niedergeschrieben, so dass wir, die Leser, uns einen umfassenden Einblick in die Seele der Stadt verschaffen können.

Zahlen und Fakten sind gut, um sich einen ungefähren Überblick zu verschaffen. Doch echte Gefühle vermitteln mehr als die bloße Erwähnung der Einwohnerzahl. Wie lebt man hier? Wie wirkt eine Straße, eine Gasse, ein Palais, ein ganz normales Haus auf den Betrachter? Diese Eindrücke nimmt man selbst mit, wenn man reist.

Manchmal ist es schwierig das Gesehene einzuordnen. Und da kommt dieses Buch ins Spiel! Nur ein wenig darin rumblättern reicht vollkommen aus, um das viel zitierte „Urlaubs-Feeling“ hervorzurufen. Die Sprachbegabung der Autoren verleiht der Sehnsucht nach dem Neuen die dazugehörigen Flügel. Wer bis jetzt Vilnius als Faktotum der Nachrichtenseiten gesehen hat, bekommt hier die ersten nahrhaften Eindrücke über eine Stadt, die man mit diesem Buch einfach erkunden muss.

 

Istanbul kann sich rühmen wohl die meisten Spitznamen auf sich zu vereinen. Brücke zwischen den Kontinenten, Moloch der Korruption, Wiege der modernen Welt. Alles mag stimmen, alles mag falsch sein. In Istanbul ist alles möglich. Nur bei einer Sache ist man sich sicher: Hier gibt es immer was zu erleben. Und auch immer was zu berichten. Das war so. Das ist so. Und es wird wohl auch immer so bleiben.

Und wie in jedem Buch der Reihe „Europa erlesen“ aus dem Wieser-Verlag verspricht schon das Inhaltsverzeichnis ereignisreiche Stunden bei der Lektüre des Buches. Denn die Anthologie über Istanbul enthält Texte von Orhan Pamuk (Literatur-Nobelpeisträger 2006), Vladimir Nabolov, Virginia Wollf, Yahya Kemal, Alphonse de Lamartine, Alexander Puschkin, und und und.

Wie ein Tourist, der gerade ist IST, Flughafen Istanbul-Atatürk, gelandet ist, stürzt man sich in die Fluten des Buches. Nur wenige Zeilen lang, vier, um genau zu sein, ist der erste Text. Doch er sagt viel, wenn nicht alles, über das verlangen aus, das man hegt, wenn man der Stadt wieder den Rücken kehren muss. Es ist das Versprechen, sie ewig in Erinnerung zu behalten und die Weissagung wiederzukommen.

Und dann steht man da wie Ida von Hahn-Han am ihrem Nine-Seven im Jahre 1843: Da bin ich! Und nur vier Tage später (nine-eleven, bitte kommentarlos hinnehmen) kommt Franz Grillparzer in Konstantinopel an. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend (wie aktuell der Bezug zur Gegenwart doch ist). Doch das kam wohl eher vom Essen an Bord. Und wenn wir schon bei der maritimen Anreise sind: Man kann es kaum rührender ausdrücken als Vladmir Nabokov, der die Stadt am Bosporus mit einem Bernstein vergleicht als sein Schiff am Morgen hier einläuft.

Es sind nicht die großen Namen, die dieses Buch zum Juwel machen. Es sind ihre Ansichten, ihre Geschichten, ihre Sichtweisen auf eine der interessantesten Städte der Welt.

 

Oh, Du schroffes, bewundernswertes Land Sizilien. So widersprüchlich, so sehnsuchtsvoll, so rau und doch so sanft. Man kommt schnell ins Schwärmen, wenn man an Sizilien denkt. So erging es auch so manchem Autor. Caltanissetta liegt mitten im Herzen der Insel. Josef Winkler schreibt in über einen widerlichen Mord eines Mannes an seinem Sohn, der die Traktorbatterie als Stromquelle für den Fernseher nutzte, um ein Fußballspiel zu sehen. Goethe lässt auch nicht viel Gutes an dem Ort, ihm ist es zu schmutzig. Dennoch ist er fasziniert von der Umgebung. Und so zieht sich der eindrückliche Widerspruch über Zeilen, Absätze, Seiten durch das gesamte Buch.

Ob nun Andrea Camilleri das Morgenrot in Vigata zum Anlass nimmt einmal mehr Werbung für seine Heimat zu machen – wer dann nicht schlagartig vom Reisefieber gepackt wird, sollte seinen Blutkreislauf dringend überprüfen lassen – oder Johann Gottfried Seume von den Qualen des Aufstieg auf den Ätna berichtet oder Selma Lagerlöf sich ebenfalls vom Berge der Berge verführen lässt … die großen wie die kleinen Dichter fanden und finden immer wieder etwas Besonderes auf dieser Insel. Selbst Könige wie Ludwig I. von Bayern und Adlige wie Lodovico von Habsburg-Lorena ließ es sich nicht nehmen von Taormina oder den vorgelagerten Liparischen Inseln zu schwärmen.

Dieses kleine Büchlein ist wie ein Museum, das durch die Landeskunde Siziliens führt. Vorbei an der Ahnengalerie der geachteten Besucher, durch ihr unermessliches Werk, voller Erstaunen erstarrt man zur Salzsäule, die sogleich zerbersten mag, wenn die nächsten Zeilen beginnen. So nachhaltig beben die Worte in einem nach.

Dass Sizilien mit Sehnsucht gleichzusetzen ist, beweist eindrucksvoll Friedrich Christian Delius. Kellner Paul Gumpitz beschließt 1981 (!) von See zu See zu wandern. Klingt erst einmal nicht weiter spektakulär. Das wird es erst, wenn man liest, dass er von der Ostsee zum Mittelmeer wandern will. Und das 1981, einer Zeit, in der die Grenzen stachelig und nahezu undurchlässig waren. Zumindest, wenn man von Rostock nach Palermo, Taormina, Noto oder Syrakus wollte. Umgekehrt ging das sehr wohl, wie unter anderem auch Willi Meinck in seinem unsäglichen Propaganda-Werk „Salvi Fünf oder der zerrissene Faden“ es beschrieb.

Aussteiger aus aller Welt hatten seit jeher kleine – für sie bedeutende –  Büchlein im Handgepäck. Die Ashram-Besucher in Indien Hermann Hesse, nachwuchs-Revoluzzer Che Guevara und Sizilien-Urlauber sollten es nicht versäumen dieses kleine Büchlein immer zur Hand zu haben. Wie ein Schokoriegel, der mobil macht, lässt es das Herz öffnen für die Schönheiten Siziliens.

 

Wie sieht der ideale Platz zum Lesen aus? Hängematte, Couch, Sessel? Hauptsache ruhig, nichts herum darf ablenken. Und wo findet man so einen Ort? Stockholm würde sich anbieten. Paris hat den Eiffelturm. Menschenmassen allenthalben. Rom quillt über vor Sehenswürdigkeiten, die entdeckt werden wollen. Stockholm – nicht falsch verstehen, hier gibt es jede Menge zu erleben, aber die Ablenkung ist nicht so gewaltig wie in anderen Metropolen und Hauptstädten der Welt – bietet die richtige Mischung.

Auffallen weicht hier dem Understatement des guten Geschmacks. Eine laue Brise, den Augen schmeichelnde Architektur, alles ein bisschen gelassener. Hier lässt man sich nieder. Greift zum guten Buch, wie es so schön heißt. Klein, kompakt, voller Lebensfreude, randvoll mit Eindrücken aus den vergangenen Jahrhunderten.

Wie sich die Zeiten doch ändern. Hans Christian Andersen mag sein Hotel nicht. Es ist ihm zu schmutzig, zu alt, zu verfallen. Die Waschfrau ist ihm zu nackt. Und draußen auf der Straße ist es zu laut, wenn die Nachbarn beschwipst bis volltrunken den Heimweg gefunden haben. Carl Serra – sicherlich zu ungefähr zur gleichen Zeit in Stockholm – steigt im Grand Hotel ab. Kontrastprogramm. Von Seiner Majestät dem König höchstpersönlich eröffnet. Luxus und Komfort sind hier so selbstverständlich, dass sie ihren Namen als Alleinstellungsmerkmal kaum noch verdienen, sondern als Standard bezeichnet werden können.

Gegen Ende des Buches werden die Autoren jünger, sie leben noch. Also sind ihre Ausführungen heute einfacher nachzuvollziehen als die von beispielsweise Hans Christian Andersen. Bürogebäude und Banken prägen das Stadtbild von neuen Stadtvierteln. Und das ist Jörn Donner zufolge kein „Verdienst“ britischer oder amerikanischer Bombardements, sondern unfähiger Politiker und Stadtplaner.

Das allseits bekannte Krimiautorenduo Maj Sjöwall und Per Wahlöö lässt seinen Kommissar Beck die Krise der Stockholmer Gastronomie bewerten. Preise jenseits von Gut und Böse lehren den Wirten das Fürchten. Auch der Kommissar kann es sich nicht leisten permanent im Restaurant zu speisen. Umso wohler fühlt er sich, wenn die Kellnerin ihn erkennt.

Das braune Büchlein, die Anthologie Stockholm der Reihe „Europa erlesen“ verführt den Leser in eine Stadt, die ohne viel Schickschnack eben so viel Charme und Anziehung versprüht wie andere mit einem Füllhorn an Hotspots gesegnete Plätze der Welt. Hier braucht man nichts mehr als sich selbst und gesunde Neugier. Kontemplation findet hier auch der, der sie nicht bewusst sucht. Und dann ist es gut solch ein Buch zur Hand zu haben…

 

Welch Anmut, welche Sehnsucht, welch Verführung Paris hervorruft und verursacht. Hier lässt es sich urlauben – wohnen nur in den seltensten Fällen. Klar, dass schon seit ewigen Zeiten Paris die Dichter und Denker beeindruckt hat. Und wer mit der eigenen Sprache nicht auf Kriegsfuß steht, schreibt und schreibt und schreibt und …

Das beweist ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis: Goethe, Heine, Appolinaire, Villon, Prevert, Hugo, Brassens, Tucholsky, Handke, de Balzac, Zola, Rimbaud, Nin, Baudelaire, Hemingway sind nur ein paar Namen, die Paris mit der spitzen Feder ein Denkmal setzten. Dieses Buch liest man nicht einfach mal so durch. Umblättern ist eine Qual, weil das Gelesene nun Vergangenheit ist. Genauso wie der letzte Trip hierher. Traurig, aber war. Aber es kommen auch bessere Seiten und Zeiten. Dann, wenn man umblättert und / oder den nächsten Besuch an der Seine, am Canal de Martin, am Tour Eiffel oder dem Pere Lachaise plant.

Das Paris, das man heute kennt, stammt aus der Skizzenfeder von Baron Haussmann. Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts bekam er von Napoleon III. den Auftrag Paris zu erneuern. Radikal setzte er den Wunsch des Regenten um, machte selbst vor seinem Geburtshaushaus plattmachen. Klare Linien, die – und das merkt man kaum noch, wenn man über die Avenuen und Boulevards schlendert – auch und vor allem der schnellen Mobilmachung der Armee dienten und es unmöglich machten Barrikaden zu errichten. Was damals eine Art Volkssport war. Die kleinen Austritte, Pariser Balkons, waren am Reißbrett entstanden, heute sind sie unleugbares Symbol des Pariser Straßenbildes. Stephen Clarke bemängelt die Hintergründe, dem Charme des Ergebnisses kann er sich aber nicht vollends entziehen.

Victor Hugo setzte einem der monumentalen Wahrzeichen der Stadt ein monumentales Dichterwerk entgegen: Notre Dame. Hier kreuzten sich Haussmanns Linien nicht, sonst wäre die Stadt um eine Attraktion ärmer. Schon der kurze Ausschnitt in diesem Buch verrät das ganze Ausmaß des Buches. Francois Villon schwärmt von den weiblichen Lippenakrobaten von Paris. Keine Frau auf der Welt küsst besser als die Pariserinnen. Jacques Prevért, der so hingebungsvoll von Jean-Louis Trintignant heutzutage bei Lesungen vorgetragen wird, braucht nur wenige Zeilen, um Paris bei Nacht für immer ins Gedächtnis zu brennen. Drei Zündhölzer benötigt er. Vorsicht nicht nachmachen, ein Buch könnte darunter leiden. Schlimmstenfalls dieses.

Ob beim Eis bei Berthillon, beim frühmorgendlichen Croissant auf den Stufen vor Sacré-Cœure de Montmartre, beim Schlendern durch Le Châtelet – es wird sich immer ein Plätzchen finden, wo man sich niederlassen und ein wenig in diesem Büchlein blättern kann. Jeder Text eine Bereicherung der Sinne und Kraftfutter für die nächsten Schritte.

 

Hand aufs Herz! Wussten Sie auf Anhieb, wo das Friaul liegt? Oder ist es der Friaul? Oder die? Es bildet den östlichen Anschluss an den Balkan, das Tor nach Österreich, und – wer von Osten kommt, die Schneise gen Venedig. Wer jedoch im Friaul urlaubt, wird sich schwer tun von hier wieder wegzukommen, oder ins hoffnungslos überfüllte Venedig weiterzureisen.

Das beweisen die Autoren in diesem Buch auf eindrucksvolle Weise.

Carlo Goldini bracht es schon im 18. Jahrhundert auf den Punkt: Es ist eine Schande, dass diese Region nicht die Beachtung findet, die sie verdient! Hier pflegt man einen besonderen Dialekt zu sprechen, einen besonderen Wein, eine Art Tokayer zu genießen und der Adel tritt sich wie kaum woanders auf die Füße. So zahlreich tummelt er sich hier.

Ein Jahrhundert später schwärmt Josef Friedrich Perkonig davon, das Friaul voller Glocken ist. Und Guido Maghet setzt dem Friulischen ein Denkmal. Das Buch ist gerade mal ein paar Seiten lang benutzt worden und schon ist man angestachelt Udine, Triest oder Grado einen Besuch abzustatten. So schnell kann’s gehen, dass ein Buch die Sehnsucht weckt.

Giacomo Casanova, Pier Paolo Pasolini oder auch Peter Handke stoßen ins gleiche Horn, um gleichsam eine Lanze für die ungewürdigte Region im Nordosten Italiens die Werbetrommel zu rühren. Jeder auf seine Art, jeder mit der ihm angeborenen Fähigkeit mit Worten Emotionen hervorzurufen. Wobei Casanova sich mehr über einen Freund wundert, der ihm aus dem Wege zu gehen scheint.

Es ist das Vorrecht eines Buches Begehrlichkeiten zu wecken. In diesem Fall unbedingt ins Friaul zu reisen. Jetzt hat man so viel darüber gelesen, dass es kein Zurück mehr gibt. Schließlich haben sich Dutzende Autoren die Finger wundgeschrieben und in diesem Buch ihrer Verehrung für diese Region kund getan. Die Reise wird allerdings etwas anstrengend. Man muss einhändig reisen! Eine Hand wird man immer am Buch haben, man muss einfach immer wieder darin blättern, sich amüsieren, staunend einige Passagen nochmals lesen und immer wieder froh sein dieses Buch gefunden zu haben.

Anthologien wie „Europa erlesen“ sind die Perlen unter den Reisebüchern. Über einen Zeitraum mehrerer Jahrhunderte zeichnen sie ein Bild eines Landes, einer Region, einer Stadt, das es einem leicht macht, sich behände auf dem anfangs unbekannten Terrain zu bewegen. Selbst Erlebtes hält länger an, Niedergeschriebenes währt ewig. Und so sind die Bücher der Reihe und diese im besonderen Maße fast schon als Pflichtlektüre für bewusstes Reisen anzusehen.

 

Das deutsch-französische Wortspiel Istrien ist nicht (ist rien), ist bei dem Landstrich als auch bei diesem Buch so dermaßen unplatziert, dass man es am besten gleich wieder vergisst. Dem Buch hingegen ist ewige Präsenz beschieden. Von Thomas Mann (eine Passage aus „Der Tod in Venedig“) über ein Gedankenspiel des italienische Regisseurs und Autors Pier Paolo Pasolini bis hin zu lokalen Autoren wird der ehemaligen jugoslawischen, ehemaligen französischen, ehemaligen italienischen, ehemaligen venezianischen und jetzigen kroatisch-slowenischen Provinz Istrien ein literarisches Lesemal gesetzt.

Istrien als Abstecher vom idealbesetzten Venedig? Nein, es ist mehr als das. Hier ist die Geschichte noch greifbar und nicht in einer Schneekugel verpackt, um an die staunenden Besucher verramscht zu werden.

Und so handeln die ersten Geschichten und Auszüge in diesem Buch auch von der we4chselnvollen Geschichte Istriens. An der Nahtstelle zwischen Westen und Osten, zwischen Romanien und Slawien stritt man sich schon immer gern um die Vorherrschaft. Das Ergebnis: Ein abwechslungsreicher Mix der Kulturen. Selbst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war noch nicht endgültig geklärt, wer das Sagen haben soll. Und so kommt e, dass hier italienische genauso verbreitet ist wie kroatisch oder slowenisch. Allerdings jeweils mit einem ganz speziellen Dialekt.

Das Karstgebirge ist einzigartig in der Welt. Das veranlasste auch den Science-Fiction-Autor Jules Verne einen seiner Abenteuerromane hier anzusiedeln. Graf Sandorf ist auf der Flucht. Auf einem wilden Fluss verschluckt ihn die Erde. Nur, um ihn kurze Zeit später wieder auszuspucken, damit er seinen Racheplan umsetzen kann.

Dieser Abschnitt bildet den Übergang der Geschichtsstunde zur Landschaftslobhudelei im besten Wortsinn. Die Autoren im zweiten Teil der Anthologie preisen wohlformuliert die Vielfältigkeit Istriens. Als Leser läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Urige Felsformationen, heimelige Städte, rauschende Flüsse und Bäche, saftige Weiden – paradiesische Zustände, die man sich hier zusammenliest. Was bleibt, ist der Drang die Zeilen an Originalschauplätzen zu lesen. Und vielleicht trifft man ja unterwegs den einen oder anderen – zuvor noch unbekannten – Autor?! Auf alle Fälle hat man einen Impressionsvorsprung vor denen, die „nur einen Reiseband“ konsultiert haben. Denn die besten Geschichten schreibt nunmal das Leben, und am besten schreibt es sie vor Ort!

 

Dubrovnik – Ragusa, das sind rund zwei- bis dreitausend Jahre Geschichte und ein paar hundert Kilometer Luftlinie. Es gab mal eine Zeit, da dauerte die Reise nur einen Fingerschnipp. Damals war Ragusa nämlich nicht nur eine Stadt auf Sizilien, sondern an der Adria. Sogar ein Staat. Heute besser bekannt als Dubrovnik. Eine Stadt, die jedem Vormittag im Sommer von einer Flut an Touristen überrannt wird. Sie liegt in Kroatien, genauer gesagt in Dalmatien. Wuff, mag sich so mancher nun denken. Und er liegt dabei gar nicht mal so falsch. Nein, es geht nicht um die weißen Hunde mit akzentuierten schwarzen Punkten. Dalmatien hat auch mehr als einhundertundeinen Einwohner. Und auch mehr Autoren und Schriftsteller. Das ist das erste, was man aus diesem Buch lernt: Hier an der Schnittstelle mehrerer Kulturen ließ und lässt es sich gut leben … und erzählen.

Dieser Teil der Anthologie „Europa erlesen“ gehört ganz allein der Region Dalmatien und dem Leser. Von Heinrich Mann über Peter Handke bis Erich Fried, von Paolo Santarcangeli über Bogdan Bogdanović bis zu Jules Verne, um nur einen kleinen Teil der Autoren aus diesem Buch zu nennen, liest sich „Europa erlesen – Dalmatien“ wie ein sommerfrischer Schmöker, den man an den felsigen Küsten Dalmatiens am besten bei einem Glas erfrischender Limonade genießt. Die Meeresgischt rauscht als Begleitmusik im Hintergrund, der Alltag ist vergessen, die Phantasie läuft langsam an. Und dann liest man von römischen Feldherren, politischen Intrigen, feurigen Leidenschaften … ja, Dalmatien ist auch eine Kopfreise wert.

Die Vielfalt der kulturellen Einflüsse widerspiegelt das Gesamtbild dieses Landstriches. Literarisch ist dieses Buch keine Neuentdeckung, aber eine Wiederentdeckung, die es in sich hat. Allein schon die Auswahl der Autoren und deren Texte ist Arbeit für mehr als einen Acht-Stunden-Arbeitstag. Die Mühen haben sich gelohnt.

Dieses Büchlein ist  der Appetitmacher, den das literarische Hirn herbeisehnt. Dalmatien sehen ist das Eine, es zu erleben – wie auch immer – ist das Andere. Ein Reiseband durch die Geschichte des Landes und der Urlaubsregion Dalmatien auf den Spuren von ersonnen fiktiven Helden bis hin zu den wahren Lenkern des Landes.

 

Navigationsgeräte haben unser Leben vereinfacht und bereichert. Das lästige Kartensortieren und umständliches Navigieren während der Fahrt sind passé. Für eine Reise von A nach B sind sie mittlerweile unerlässlich geworden. Doch was ist, wenn man ein Land, eine Region, eine Stadt wirklich kennenlernen will? Reicht es aus zu wissen, wann man links oder rechts abbiegen muss? Wohl kaum! In eine Kultur einzutauschen bedeutet eigene Erfahrungen zu machen. Diese dann zu teilen, ist nicht nur eine noble Geste – und hier ist jetzt nicht die Rede von Selfies mit Duckface vor „amazing rocks“, nein es geht um Eindrücke, die ins richtige Licht gesetzt werden (können).

Wenn man also nach Dubrovnik reist, ist es nicht unbedingt erforderlich zu wissen welche Spur man beim Grenzübertritt nehmen muss. Das sagen einem schon die Verkehrszeichen. Außerdem reist ein großer Prozentsatz den größten Teil der Strecke mit dem Flugzeug. Wissen, wo es langgeht, muss man also eh nur auf den letzten Kilometern. Wenn man Dubrovnik im besten Wortsinn für sich erobern will, braucht es mehr als bloße Geographiekenntnisse. Denn kulturell hat Dubrovnik die ganze Farbpalette an Eindrücken zu bieten.

Wenn man sich allein nur das Inhaltsverzeichnis durchliest, wird schnell klar, dass hier in Dubrovnik oder Ragusa, wie es einmal genannt wurde, viel gehandelt wurde. Die Republik Ragusa war eine Handelsrepublik. Und wo Handel betrieben wird, ob nun durch die Legitimation Venedigs oder der Türken, werden Begehrlichkeiten geweckt. Und schon hat man ein weiteres Charakteristikum der Stadt vor Augen: Krieg und Elend.

Dubrovnik war immer eine umkämpfte Stadt. Bis heute. Haben die Kreuzfahrtschiffe einmal wieder vom Hafen abgelegt, kehrt Ruhe ein in die knapp 50.000 Einwohner zählende Stadt. Liegen die Riesenkolosse noch vor Anker kann die Einwohnerzahl sich schnell mal verdreifachen.

Die Autoren dieser Anthologie werfen ein Auge auf die Geschichte der Stadt, die sehr kämpferisch war. Als Leser wird man nicht an so genannte geheime Hotspots geleitet, man wandelt auf historischen Pfaden. Erst dann wird man Dubrovnik richtig einordnen können. Ohne die Worte von Paula von Preradović oder Richard Voß, der sich auf den ersten Blick in die Stadt verliebte oder auch Džore Držic (an die mangelhafte Verwendung von Vokalen muss man sich auch erst einmal gewöhnen, hat man’s aber geschafft, fühlt man sich gleich heimisch) wird Dubrovnik „nur eine Perle an der Adria“ bleiben. Mit diesem Buch in der Hand öffnet Dubrovnik seine Schatzkammern, und man schreitet mit einem breiten Lächeln durch die Stadt.

 

Ein Dornröschenschlaf hat die Stadt fest im Griff. Serbien und Belgrad spielen nur bei ganzen wenigen Enthusiasten eine Rolle bei der Urlaubsplanung. Erst durch das verstärkte Engagement von Flusskreuzfahrtveranstaltern rückte die Millionenstadt an der Donau wieder halbwegs in den Fokus der Öffentlichkeit. Belgrad war einst der Hexenkessel der Kulturen, das Istanbul des Balkans, Treffpunkt der Nationalitäten und der Dichter.

Hier wurde schon immer gekämpft. Einzelne Texte, die man willkürlich aufschlägt, lassen diesen Eindruck entstehen. Straßen, die am Öl liegen, beschreibt Bertolt Brecht – das Öl ist wichtig für den Kampf. John Reed, der Revolutionsdichter und Kommunist aus dem Nordwesten der USA, kommt nicht umher vom Vielvölkerbataillon im Belgrad des Jahres 1915 zu berichten. Kroaten, Ungarn, Serben, Italiener, Tschechen … kämpften hier gegen die österreichischen Kanonen.

Drastischer ist Franz Theodor Csokor. Als jemand, der mit dem Krieg nicht direkt befasst ist, soweit das überhaupt möglich ist, erschreckt ihn schon der Ruf des Schaffners als Beograd erreicht ist. Mit ihm schwingt die Hoffnung, dass vernünftigerweise niemals eine ganze Stadt einem Bombenteppich weichen kann. Das ist unvorstellbar. Doch er muss sich eingestehen, dass der „Zivilist im Balkankrieg“ die Augen nicht vor Trichtern verschließen kann, die einst ein Kinderspielplatz waren.

Bedrückend, aber auch bedrückend schön zeigt dieser Band aus der Reihe „Europa erlesen“, und er zeigt außerdem, dass Belgrad zwar eine gewisse Kampftradition aufweisen kann, dennoch es immer wieder verstand die kulturellen Errungenschaften in einem strahlenden Licht erstrahlen zu lassen. Wer durch Belgrad bummelt – ob real oder in diesem Buch, Letztes ist ebenso möglich – wird reich belohnt werden.

Am Zusammenfluss von Save und Donau kommen nicht nur zwei Gewässer zusammen. Hier halten Kulturen bzw. deren Hinterlassenschaften Hof. Da die Literatur über Belgrad derzeit noch sehr übersichtlich ist, bietet sich bei Interesse eine kleine Übersicht an. Dieses Buch mag zwar in seinen Ausmaßen klein sein, die Anzahl der darin versammelten Dichter und Denker, Schreiber und Zeitzeugen ist aber beeindruckend. Der Inhalt ist nicht mehr erfassbar. Belgrad wird, sobald sich Serbien und der Rest Europas einig sind, dass man doch zu Europa gehört, wird Belgrad einen Boom erleben wie selten zuvor eine Stadt. Garantiert! Hier der Orient, da der Okzident, im Rücken der Fluss, vor Augen die Berge – jede Zeile in diesem Buch ist ein Augenschmaus, ein Appetitmacher auch Fremdes, das so nah vor der eigenen Haustür liegt.

 

Kaum ein Volk dieser Welt wird so gern mit einem so liebevollen Vorurteil überschüttet: Die Schotten tragen nichts unterm Rock. Weniger liebevoll ist ihr sprichwörtlicher Geiz. Aber wie das eben so ist mit Klischees – sie stimmen meist nicht. Es sei denn, dass man sich die Realität so dreht wie man es gerade braucht…

Dass die Herkunft nicht unbedingt auf eine Charaktereigenschaft schließen lässt, sieht man schon daran, dass Monty-Python-Mitglied John Cleese (im Buch mit einer köstlichen Anekdote über einen Autor vertreten) ebenso aus Weston-super-Mare stammt wie Ritchie Blackmore, einst Gitarrist bei Deep Purple unter Vertrag. Und wer will schon den „Minister of silly walks“ mit dem Gitarrengott in einem Topf werfen?!

Während Tacitus, der sprachgewandte römische Gelehrte von den Barbaren im Norden spricht, konzentriert sich Karl Marx auf die schottischen Clans und bescheinigt den Clanvätern nicht minder willkürliches Verhalten. Duncan McLean – schon allein der Name verrät mehr als eindeutig seine Herkunft – gibt dem manchmal spleenigen Auswüchsen Futter, wenn er von einer mit Disteln – wieder ein Symbol Schottlands – überfüllten Telefonzelle berichtet.

Von Shakespeare und Goethe über Stefan Zweig und Sir Walter Scott bis hin zu William McIlvanney und Giles Foden spannt sich der Bogen in diesem Buch. Schon allein dadurch sticht diese Anthologie aus der exzellenten Reihe „Europa erlesen“ hervor.

Doch nicht allein die Menge der Autoren und die große Zeitspanne, die sich umschließen, machen dieses Büchlein zu etwas Besonderem, sondern ihre Zeilen. Ob bewusst oder unbewusst treten sie den typischen Klischees entgegen. Schotten sind nicht geizig, zumindest nicht geiziger als andere. Und ihre Küche, allem voran Häggis, der mit Innereien gefüllte Schafsdarm, ist auch nicht nur von naserumpfenden Gerichten bestimmt. Man denke nur an das typisch deutsche Gericht Kutteln oder Flecke. Damit lockt man auch nicht unbedingt einen Gourmet hinter dem Ofen. Und was die Schotten unterm Kilt tragen, … ach bitte, wartet man seelenruhig auf einem schottischen Platz, auf starken Wind … dann wird man es schon sehen. Ganz nebenbei: Outskirts werden in Glasgow die Randbezirke genannt. So viel zum Thema Röcke und Schottland.

„Europa erlesen – Schottland“ ist eines der Bücher, das man auf jeden Fall dabei haben sollte, wenn High- und Lowlands, Burgen und weite Felder, Whisky (ohne e vor dem Ypsilon, das bleibt den Amerikanern vorbehalten) und raue See auf dem Plan stehen. Oder auch das Edinburgh International Book Festival, das im September stattfindet.

 

Was soll man über diese Stadt noch sagen oder schreiben? Na zum Beispiel, dass hier der wohl vorerst letzte Weihnachtsklassiker um die Welt ging. Oder, dass die Protagonisten des Swinging London die letzten Klassenkämpfer der Moderne waren. Oder, dass der Tower auch Deutsche inspirierte. Diese drei Geschichten stammen von Bob Geldof, der mit seiner Single „Do they know it’s christmas time“ den Radiomachern im London der 80er so lange auf die Nerven ging bis sie sie spielten. Der Erfolg gab ihm recht. Marianne Faithfull beklagt nicht ohne Bitternis die Bigotterie der Richter und Beamten, die die Rockbands – allen voran die Rolling Stones – mit allem verteufelten, was ihnen zur Verfügung stand. Ganz egal, ob der Zweck die Mittel heiligte. Und schlussendlich Theodor Fontane, der stadtschreiberhaft dem Wahrzeichen Londons, dem Tower, ein weiteres literarisches Denkmal setzt. Ja, es wurde immer noch nicht alles gesagt und geschrieben, was die Stadt an der Themse umtreibt.

Diese kleine Anthologie ist nur von außen klein. Sie hat es in sich. Kurz und knackig schießen die Anekdoten und Kurzgeschichten, Auszüge, Gedichte und Lieder dem Leser entgegen, dass einem ganz schwindelig wird. Lediglich zwei Kapitel sind länger als fünf Seiten. Zum Einen darf sich Sigmund Freud etwas länger auslassen, zum Anderen führt Fred Vermorel ein imaginäres Interview mit der skandalumwitterten Modeschöpferin Vivienne Westwood. Es geht natürlich um Punk, und das, was sie darunter verstand und was sie aus ihm machte.

Mode und London gehören einfach zusammen. Genauso wie die industrielle Revolution. Und schon sind wir bei Karl Marx, der sich im englischen Exil eingerichtet hatte. Das Leben war hart und entbehrungsreich, was Marx aber nie davon abhielt ab und zu einen, besser gesagt einen zu viel, sich hinter die Binde zu gießen. Und wenn er dann so richtig in Fahrt war, machte er sich über die Unkultur der Engländer her. Mit Edgar Bauer und Wilhelm Liebknecht war er wieder einmal auf „Bierreise“. Und mit dem Hochgefühl des ersten Rausches, besann er sich auf seine deutschen Wurzeln und voller Stolz beleidigte er die Anwesenden. Ging gerade nochmal gut…

Diese Anthologie ist vollgestopft mit Geschichten aus der einstigen Hauptstadt der Welt. Sie sind vielleicht nicht als Wegweiser im engsten Wortsinne geeignet. Wohl aber als Stimmungsmacher und –aufheller der besonderen Art. Ganz unmerklich verführen sie zum Träumen und Schwelgen an einen vergangenen Urlaub in London oder heizen die Stimmung an, endlich doch den Weg zu Tower, Themse und Tottenham zu wagen. Und wenn es soweit ist, muss dieses Buch auf alle Fälle mit. Denn ohne „Europa erlesen – London“ wäre London kein erlesenes Erlebnis.

 

Was soll man mit dieser Stadt bloß machen? Ihre Slums, ihre Bewohner. Nicht ansehnlich, also die Slums und verschroben, also die Einwohner. Sich lustig machen? Verzweifeln? Oder sich einfach alles von der Seele schreiben? Ja, das ist es! Und dann alles hübsch verpacken und in ein grünes Büchlein stecken! Und voilá, hat man eine Anthologie, die Dublin zum Mittelpunkt des Interesses erhebt.

Doch so einfach ist das aber nicht. Irland und Dublin haben schließlich vier Nobelpreisträger hervorgebracht. Und mindestens genauso viele Autoren hätten es nicht minder verdient den Preis aller Literaturpreis ebenfalls in Empfang nehmen zu dürfen. Die Auswahl ist nicht das Problem, viel mehr die Fülle an Texten.

Die Stadt Dublin ist eng mit einem Namen verbunden: James Joyce. Ulysses und Finnegans Wake gehören nicht nur zur literarischen Weltkulturerbe, sind sie Dublin. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich auch andere Autoren immer wieder auf diese Werke beziehen und dem Leser in ihre Betrachtungen hineinziehen. Man darf sich getrost darauf einlassen. Der Bloomsday, der jedes Jahr am 16. Juni begangen wird, ist nicht nur für Literaturfans ein Tag, den man einfach in Dublin verbringen muss – er bezieht sich auf Ulysses, der Tag des Jahres 1904, an dem dieser Roman spielt – er ist tief in der irischen, Dubliner Kultur verankert. Anthony Kerrigan erinnert sich beispielsweise an diesen besonderen Tag des Jahres 1965. Nicht ausschweifend, doch sehr prägnant.

Seit Irland im Allgemeinen und Dublin im Speziellen als touristische Attraktion (wieder-)entdeckt wurde, kann sich die Grüne Insel kaum noch vor Wissbegierigen retten. Doch im Gegensatz zu anderen Destinationen wurde hier nicht alles für den Gast umgekrempelt, hier wurde vieles, was lange im Schatten verborgen lag wieder ans Licht geholt. Und so ist auch dieses Buch zu verstehen. Texte, die man vielleicht lange vermisst hat, oder auch nicht, treten mit einer Vehemenz zu Tage, dass man gar nicht anders kann als in den selig trunkenen Kanon einzustimmen. Ein Pint hier, ein wenig Wehmut (nicht Wermut!) da … und fertig ist das Irland-Gefühl. Zugegeben ein bisschen oberflächlich. Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt es sich ein paar Zeilen von Jonathan Swift, William Butler Keats oder George Bernard Shaw zu lesen. Oder von Kate O’Riordan oder Séan O’Faolain., deren Namen einem nur schwer richtig ausgesprochen über die Lippen kommen. Um es kurz zu machen: Man benötigt neben einem Reiseband nur noch ein weiteres Buch. Dieses! Kompakt, Grün, Dublin.

 

Wer auf achthundert Jahre zurückblicken kann, hat viel gesehen und kann viel berichten. Städte sind im Allgemeinen stumm, ihre Bewohner und Bewunderer gleichermaßen laut und euphorisch. Riga, die Hauptstadt Lettlands, kann auf eine eben solche lange Historie zurückschauen und ihre Fans versammeln sich in diesem kleinen Büchlein, um lautmalerisch die Werbetrommel für die alte Handelsstadt zu rühren.

Das berühmteste Gesicht der Stadt ist zweifelsohne Elīna Garanča. Die Cellistin lässt es sich nicht nehmen und steuert diesem Büchlein, das man bei einem Besuch in Riga unbedingt dabei haben muss, eine Anekdote über Richard Wagner bei. Er war hier angestellt. Das moderne Programm verwunderte den gebürtigen Sachsen. Doch es war ihm zu provinziell hier. Doch das Theater blieb ihm in Erinnerung, so sehr, dass Bayreuth heute durchaus mit dem Riga von damals zu vergleichen sei. In Bezug auf das Theater, natürlich…

Regielegende Sergej Eisenstein staunt über die Kaufstraße. Die hieß wirklich so und war breiter als lang. Und da besonders der Laden „August Lyra, Riga“, wobei das Y wie JU gesprochen wird. Hier gab es Buntstifte, Tuschen Papiere, Federhalter et cetera. Und Fotopostkarten. Die hatten es ihm angetan. Wie ein kleiner Junge im Süßwarenladen fühlt sich Eisenstein in diesem Geschäft. Der Detailreichtum der Motive, die durchaus merkwürdige Auswahl selbiger (Selbstmord zweier Liebender, Kinder überm Abgrund, bewacht von einem Engel, Steinigung eines Mädchens fasziniert ihn. Er war nun mal ein optischer Mensch. Man denke nur an „Panzerkreuzer Potëmkim“, die Szene, in der die Löwen von Odessa erwachen, der Kinderwagen, der die Treppen hinunterrumpelt – alles Klassiker, die gern kopiert werden.

Auch Krimi-Papst Henning Mankell ließ sich von Riga in ihren Bann ziehen. Seine „Hunde von Riga“ sind essentieller Bestandteil des Wallander-Kosmos. Mankell hätte sicher auch einen anderen Handlungsort wählen können. Aber nein, es musste Riga sein.

Und wem es genau so geht wie dem schwedischen Krimiautoren, der sollte sich genau vorbereiten. Denn Riga schlummert noch ein wenig vor sich hin. Ja, der Euro hat schon Einzug gehalten und mit ihm so manche Ladenkette, die das Stadtbild … beeinflusst. Aber die wahren Schätze liegen noch unter der Oberfläche – danke dieses Buches treten sie aber nun so stark hervor wie nie zuvor. Riga mit den Augen der Autoren zu sehen, seien sie nun bekannt wie ein bunter Hund (oder zumindest einer aus Riga) oder in Wartestellung und auf Entdeckung verharrend, sie alle geben Riga ein Gesicht, das der Stadt besonders gut steht.

 

In Apulien macht nicht einfach so auf dem Absatz kehrt! Wer’s trotzdem tut, verpasst das Beste! Und wer dieses Buch nicht im Handgepäck hat, war nie wirklich in Apulien.

Schlag auf Schlag berichten die Autoren von der als unbeschreiblich (schön, faszinierend, beeindruckend, vereinnahmend) geltenden Region auf der unteren Rückseite des italienischen Stiefels. Diese Anthologie legt die Latte für kommende Bücher über Apulien derart hoch, dass es wohl ein Unikat bleiben wird. Einfach nur mal so ein bisschen darin herumblättern, ist unmöglich: Man muss einfach weiterlesen, weiterforschen, weiter in dieses Buch eindringen. Diese Schwäche ist eine lässliche Sünde!

Auch wenn Franco Arminio auf den ersten Blick nichts viel Gutes zu erkennen scheint bei seiner Reise an der Grenze zwischen Apulien und dem Molise, der Region, die im Norden an Apulien grenzt. Doch bei all dem Wehklagen fällt einem sofort auf, dass das Motzen und Beschweren eigentlich eine Liebeserklärung ist. Die Landschaft ist einzigartig. Was die Menschen, besonders ein Bürgermeister, daraus gemacht haben, regt zum Kopfschütteln an.

Arthur Haseloff wandelt dagegen auf historischen Spuren in Apulien, genauer gesagt auf Hohenstaufischen. Hier tummelten sich schon im 13. Jahrhundert deutsche Kaiser, Friedrich II. erhob Foggia zur Lieblingsresidenz.

Und Gianfranco Carofiglio unternimmt einen Spaziergang durch Bari, der es einem erlaubt ohne jemals da gewesen zu sein Bari zu seinen Lieblingsorten zu erklären. So detailreich und exakt sind seine Beschreibungen.

Es passiert nicht oft, dass Reisebeschreibungen wie eine unendliche Einladung ins Paradies. Fernab vom verklärten „Land, wo die Zitronen blühen“, sie blühen dort, überall, doch kann das nicht alles sein, verführen Autoren wie Pier Paolo Pasolini, Simonetta Sciandivasci oder auch Luisa Reggio oder Carlo Levi dazu sofort nach der Lektüre geeignete Unterkünfte in Apulien zu suchen. Das Reisefieber hat schon bedrohliche Ausmaße angenommen. Das Lesebändchen reicht bei Weitem nicht aus, um die Handlungsorte, die man erlesen hat und nun besuchen will, zu markieren. Jede Geschichte im Buch ist es wert vor Ort nachvollzogen zu werden. Wenn es ein Buch schafft Leidenschaft zu entfachen, dann dieses. Noch ein paar bunte Bilder hinzufügen, und das Tourismusbüro Apuliens hat ein Broschüre, die auf Jahre hin mindestens für Begeisterungsstürme sorgen wird.

 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es wird nicht leicht dieses Buch beiseite zu legen! Sardinien gehört zweifelsohne zu den begehrtesten Inseln des Mittelmeeres. Ein wenig eigenwillig sollen die Sarden sein, man spricht dann immer gern von Stolz. Und gastfreundlich sind sie. Und … phantasiereich.

Michela Murgia beispielsweise ist Sardin. „Accabadora“, ein Roman, mit dem sie ihren Ruf als Schriftstellerin eindrucksvoll unter Beweis stellte, wurde in fünfundzwanzig Sprachen übersetzt. Der kurze Ausschnitt daraus in „Europa erlesen – Sardinien“ ist mehr als nur ein Appetithäppchen für das große Menü, das folgen wird.

Schon der arabische Weltreisende Ibn Battuta legte auf Sardinien einen Zwischenhalt ein. Auch er kam nicht umher darüber zu schreiben. Siegfried Lenz war fasziniert von den „sieben Steinen“ und Peter Handke erinnert sich bei Sardinien nicht nur an seine Kinder, sondern daran, dass man hier mit Schweigen mehr erreicht als mit Reden (oder Schreiben).

Verleger Lojze Wieser ist auf einer Jugendreise ins Friaul auf den Geschmack Sardiniens gekommen. Als er nach einem ereignisreichen Urlaub den Rückzug an- und betrat, stieg ihm ein zunächst verachtenswerter Geruch in die Nase. Doch schon nach dem ersten Happen des köstlichen Schafskäses wusste er, dass eine Region mit solchen Köstlichkeiten noch viel mehr Entdeckenswertes zu bieten hat.

Sardinien entdecken scheint einfach. Die Insel ist nicht groß, überschaubar, voller Naturschönheiten, einer gelebten einzigartigen Kultur und vom Wettergott verwöhnt. Ein Reiseband kann nicht schaden. Doch wer einfach aufs Geradewohl losfährt, wird viel Neues entdecken können. Aber nicht alles. Was steckt dahinter? Warum ist es hier so wie es ist?

Dieses Büchlein ist der Hintergrund-Reiseband für Neugierige. Mehrere Dutzend Autoren, von Deutschland bis Arabien, von damals und heute, Zugereiste, Besucher, Einheimische teilen ihren Blick auf die wundervolle Insel Sardinien. Schafherden, Weinberge, Felsformationen, die man selbst nie gesehen hat, treten zutage. Nichts ahnend liest man sich in einen Rausch, der nur ein Ende kennt: Reisefieber.

Und das muss gestillt werden. Cagliari, Sassari, Alghero sind von nun an nicht mehr nur urbane Sehnsuchtsorte. Sie sind wahrhafte Träume, die wahr werden können. Bis es soweit ist, hilft dieses Buch beim Besänftigen der geplagten Reiseseele.

 

Es ist nur allzu verständlich, dass eine Stadt wie Zürich in einem Autor den Drang hervorruft seine Gedanken niederzuschreiben. Und umso spannender ist es dann die Quintessenz aus all dem in Buchform genießen zu können. Vielleicht bei einem Lesestündchen am See oder im Gewimmel an der Limmat. Ein kleines Buch, aber mit einem unermesslichen Schatz an Erinnerungen, Deutungen und Impressionen.

Erika Mann erinnert sich zunächst an die Mietpreise in ihrem neuen Exil, später an Störenfriede während der Aufführungen in ihrer Pfeffermühle. Genauso ihr Bruder Klaus.

Zwei weitere Größen der Literatur fanden in Zürich ein neues Zuhause und ihre Ruhestätte: Elias Canetti und James Joyce. Letzter beklagte sich (was er nicht nur hier, sondern fast überall auf der Welt, wo er wirkte, tat), dass seine finanziellen Mittel sich schon längst dem Ende neigten. Heute liegen sie friedlich vereint auf dem Friedhof Fluntern, gleich in der Nähe des Zoos und der FIFA. Zusammenhänge zwischen diesen drei Orten sind der Phantasie des Lesers überlassen.

Wer bei einem Besuch Zürichs das Schauspielhaus besuchen will, kommt nicht an Bertolt Brecht vorbei. In „Puntila und sein Knecht Matti im Schauspielhaus“ bringt er seine Nöte und Sorgen über die Aufführung zum Ausdruck.

Waslaw Nijinsky, das Sprunggenie aus Djagilews Ballett Russe reiste nach Zürich, um sich untersuchen zu lassen. So die offizielle Version. Die Diagnose war niederschmetternd. Doch insgeheim wollte er sich „in die Kokotten einfühlen“, soweit und vor allem so oft „Gott ihn tun heißt“. Auch wenn selbiger es bestimmt nicht gutheißen würde.

Und Hugo Ball verbindet wie so viele Kunstinteressierte Zürich mit Dada und dem Café Voltaire. Dieser Ort zieht bis heute Neugierige an, obwohl es auf den ersten Blick mehr an einen Souvenir-Shop mit spezieller Auslage und Ausschanklizenz erinnert. Wenn das Lenin wüsste, der in der Nachbarschaft seine Revolution vorbereitete…

Literarisch eine Stadt zu erkunden, ist ein besonderes Fest für die Sinne. Zürich breitet sich vor dem Leser dieses Buch aus wie eine festlich geschmückte Tafel. Ein bisschen verrückt, weltoffen, enthusiastisch, nüchtern, loyal, und jeder darf sich bedienen. Die Stadt steckt voller Hinweise auf ihrer ehemaligen Bewohner, die von hier aus ihren Siegeszug um die Welt antraten oder auf Grund dessen es sich leisten konnten hier eine Heimstatt zu finden. Mit großen Augen blättert man durch dieses Buch und liest sich durch die Jahrhunderte und durch eine der faszinierendsten Städte der Welt.

 

Jahrelang fristete die belgische Hauptstadt ein Mauerblümchendasein. Man kannte die Stadt, wusste, dass sie die Hauptstadt des kleinen Belgiens war, dass dort eine Figur steht, die den Menschen entgegenpullert. In den Nachrichten war sie die Verwaltungshochburg des geeinten Europas.

Seit einigen Jahren ist sie das Synonym für einen behäbigen, kraftraubenden Verwaltungsapparat, der den Menschen die Luft zum Atmen nimmt. Und eine Stadt, die sich dem Terror wie ein offenes Buch präsentiert. Ein ganzes Stadtviertel, Molenbeek, wurde zum Symbol der Schläferzellen  islamistischer Gewalt. Das kann es doch nicht gewesen sein! An Brüssel muss sich doch auch was Gutes finden lassen, weit weg von Eis-, Fritten- und Biergenuss.

Belgien im Allgemeinen und Brüssel im Speziellen kämpfen seit jeher mit dem Vorurteil, dass nicht so viel Spezielles sie auszeichnet. Als Charlotte Brontë in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Heldin sich auf den Weg nach Belgien machen ließ, unterlag auch diese dem Vorurteil nicht viel erwarten zu können. Doch Brüssel verzauberte sie. Straßen, Plätze, Salons begeisterten und Brüssels Antlitz wandelte sich vom Mauerblümchen zum strahlenden Blumenbeet. In der Gegenwart kann man dieses Sinnbild wahrhaftig jedes Jahr im August auf dem Grand Place in Brüssel erleben. Jacques Brel, der berühmteste Chansonier Belgiens verbrachte seine Kindheit in Brüssel. Mit ein wenig Wehmut denkt er in seinem Chanson an das Brüssel zurück, als es noch Brüssel war. Karl Marx muss in diesem Buch die Kapitulation eingestehen und die Zentralbehörde der Kommunisten in Brüssel schließen und nach Paris verlegen.

Drei Autoren, drei sehr unterschiedliche Sichtweisen auf Brüssel, Geschichten aus Brüssel. Ja, so ist die Stadt. Geert van Istendael ist Brüsseler und muss sich und dem Leser eingestehen, dass die Stadt schwer zu verstehen und noch schwerer zu fassen ist. Er unternimmt trotzdem den Versuch, und es gelingt ihm dem zweisprachigen Konstrukt, dem zweispältigen Verhältnis der Brüsseler als französisch sprechende Enklave im flämischen (brabantischen) Teil Belgiens den Kopf oben zu halten.

Ein Brüsseler wird man nicht, wenn man dieses Buch liest – das soll man ja auch nicht werden. Aber – und das kann nicht genug betont werden – man fühlt sich weniger als fremder, mehr als willkommener Gast, wenn man dieses Buch nicht nur im Handgepäck mit sich führt, sondern es auch wirklich gelesen hat. Fast unmerklich taucht man in die fünftgrößte französisch sprechende Stadt der Welt, in diesen Schmelztiegel der (Welt-) Kulturen ein.

 

Ein geteiltes Land, das auf den ersten Blick gar kein geteiltes Land ist. Eine Stadt, die vor allem in den Köpfen vieler, aber auch sichtbar durch Mauern ihren eigenen Charakter aufgezwungen bekommen hat. Die Rede ist von Belfast, der Hauptstadt Nordirlands.

Es ist ruhig geworden um Belfast und den schwelenden Nordirland-Konflikt. Zum Glück! Der IRA-Terror bestimmt schon mehrere Jahre nicht mehr die Schlagzeilen. Doch immer noch gibt es die tribal maps, also Landkarten, die einem sagen, wo Katholiken und Protestanten lieber die Religion zuhause lassen sollten. Anders als Berlin, das drei Jahrzehnte durch eine Mauer getrennt war, kann man hier, wenn man eben die Religion nicht mit sich oder gar nach außen trägt, von einem (katholischen/protestantischen) Ort zum anderen hüpfen.

So tun es teilweise auch die Autoren, die sich in diesem grünen Büchlein tummeln. Gleich die zweite Geschichte trifft unser Wissen über Belfast wie der berühmte Hammer den Nagel auf den Kopf. Ohne die jahrzehntelangen Unruhen, wäre Belfast eine Stadt, die man kaum wahrgenommen hätte. Robert McLiam Wilson vergleicht sie mit Beirut – aktuell teilt sich Belfast diese leicht zynisch anmutende Situation beispielsweise mit Aleppo in Syrien.

Das Wort Belfast stammt aus dem Gälischen und bedeutet Stadt am Pfuhl. Dublin, die irische Hauptstadt hat logischerweise den gleichen Ursprung … und exakt dieselbe Bedeutung. Doch außer dem B und dem L an unterschiedlichen Stellen, haben die Städte nicht viel gemein.

Die systematische Unterdrückung jedweder katholischer Entfaltung macht es dem Irischen schwer Nordirland als Teil Irlands zu erkennen. Analogien zu Deutschland, das aus Zwei Eins machte, wird es in Nordirland nicht geben. Besonders nach dem Brexit-Votum. Und so erfreut sich der Leser Belfast endlich auf literarischen Pfaden erkunden zu können. Und immer schwingt dieser kämpferische Aspekt mit. Ein Attentäter, der eine Märtyrer-Beerdigung im wahrsten Sinne des Wortes sprengt, ein lange Industrietradition, die bis heute nachwirkt und lautstarkes Zurschaustellen zu welchem Lager man denn nun gehört.

Belfast kann sich sicher noch das Etikett Geheimtipp anheften. Andere Metropolen Europas genießen den Vorzug zu haben, bevor man auf die Inseln fährt und selbst dann stehen Städte wie London, Edinburgh oder Dublin noch vor Belfast auf der Besuchswunschliste. Zu Unrecht. Wer durch die Straßen der Stadt am Farset, genau muss es heißen „über dem Farset“, denn der Fluss ist fast komplett unter die Erde verbannt worden, trifft immer wieder auf literarische Vorlagen. Und das ist der Moment, in dem man dieses kleine Büchlein zückt, blättert und dem Ort den würdigen Rahmen verleiht, in dem man die eine oder andere Geschichte in dieser Anthologie liest.

 

Der Name der Stadt bietet sich förmlich an ein paar Wortspielereien zu veranstalten. Cork – so was habe ich bei mir im Appartement verlegt. Nein, das schreibt sich Kork. Die Queen mag die Stadt besonders, so sehr, dass sie sich Corgis hält. Doch Spaß beiseite: Cork ist mehr als eine Reise wert und literarisch ein Volltreffer.

Stellt man sich die Grüne Insel wie eine Uhr vor, so befindet sich Cork auf der Sechs-Uhr-Position. Und – um im Sprachbild zu bleiben – es ist nie zu spät die Stadt für sich zu entdecken. Anfangs reicht es in dieser Anthologie ein wenig herumzublättern. Doch schon bald merkt man wie das Reisefieber steigt und man es kaum noch aushält. Cork muss demnächst mal ein Besuch abgestattet werden. Dort, wo Hermann von Pückler-Muskau am 6. Oktober 1828 einen Brief an Julie schrieb. Dort, wo der Phantast Jules Verne dem Findling eine rosige Zukunft auf den Leib schreiben wollte, oder doch nicht?! Dort, wo in der Volksrepublik Cork goldgelber Speck kredenzt wird.

Ja, man ist schon ein bisschen verwirrt, wenn man sich durch das Inhaltsverzeichnis liest. So ist eben nur Cork: Verrückt, verwegen und immer gut für eine Überraschung. Wer schon das eine oder andere Exemplar der Europa-Erlesen-Reihe vom Wieser-Verlag gelesen hat, bekommt gleich noch einmal große Augen. Denn am Ende des Buches, wird das Alphabet auf Cork umgeschrieben. Wissenswertes und weniger nützliches, jedoch immer lesenswert und liebenswert präsentiert, zeigt sich Cork in der Grafschaft Cork in der Provinz Munster (ja, auch hier kann man wieder köstliche Wortspielchen kreieren) hier mal formell. Von Biertrinkgewohnheiten über die Uni (beides geht oft miteinander Hand in Hand) bis hin zu Che Guevaras Wurzeln lernt man auf den letzten Seiten, die oft so traurig sind, weil sich das Buch dem Ende neigt, von seiner heiteren Seite. Ja, der große Revolutionär hat väterlicherseits irische Wurzeln.

Je länger man in diesem Buch liest, desto neugieriger wird man auf den Süden der irischen Insel. Das raue Wetter ist hier weniger rau. Kultur kann man hier genauso innig aufsaugen wie an den reichsten Stätten der Weltgeschichte. Literaten wie Samuel Beckett setzen ihr mit ihren eigenen wohlgeformten Worten ein Denkmal. Tim Cramer kann es nicht unterlassen dem Hurling, einem der Nationalsportarten Irlands zu frönen. Und das Finale von Munster ist mehr als nur ein Stück Literatur, es ist eine Liebeserklärung wie sie nur Fans erleben und echte Fans auch widergeben können.

„Europa erlesen – Cork“ verspricht nicht nur exzellentes Lesevergnügen. Es hält sich an das gegebene Versprechen. Dublin im Osten, Galway im West, Belfast und Ulster im Norden – der Süden ist von nun an mit einem Ort verbunden: Cork.