Europas Gold

Es gab schon viele Versuche Europa in die Tasche zu stecken. Alle scheiterten kläglich. Beim Wieser-Verlag geht man den goldenen Weg. Die kleinen bunten Büchlein, die jeden Reisenden von Amsterdam bis Riga, von Stockholm bis Athen mit dem gewissen Extra-Wissen ausstatten, sind die gedruckte Antwort auf die Eroberungsgelüste der Besucher. Nun auch als handliche fünfhundert Seiten starke Best-of-Ausgabe. Und hier stimmt der Begriff Best of einmal. Und es ist das erste Buch, das man nicht von Seite Eins bis zum Schluss chronologisch liest. Die Texte sind alphabetisch nach den Reisezielen geordnet. Wer sich für Liechtenstein interessiert, beginnt eben auf Seite 225. Den Rest liest man eh. Am besten vor Ort.

Oder man liest sich doch der Reihe nach durch das Buch. Dann passiert folgendes: Man startet im weitgehend unbekannten Albanien, blättert sich durch einen Brief von Franz Marc an Marie Schnür aus Athos, streift mit Don Quichote durch Barcelona und landet später in Belfast mit einer ohnmächtigen Betrachtung des Konfliktes zwischen Protestanten und Katholiken, um unversehens im sie slawische Brut (so die Überschrift) in Belgrad zu besuchen. Da hat man gerade zehn Prozent des Buches gelesen. Was für eine Reise?

Die Reihe „Europa erlesen“ ist das gute Gewissen Europas. Bücher kann man verbrennen, die Zeilen und Gedanken darin nicht! Genauso wie die Idee von Europa. Grenzenlos andere Kulturen erkunden, in sie eintauchen und sie partiell sich zu eigen machen. Die Folklore des Urlaubs mit nach Hause nehmen und im immerwährenden Glücksgefühl der schönsten Zeit des Jahres zu schwelgen. Diese Anthologie ist das gedruckte Fernweh für fiebrige Schübe von Reiselust.

Genussvoll folgt man den Zeilen großer Denker und unbekannter Autoren. Gedichte, Impressionen, fiktionales Lokalkolorit verschmelzen in diesem Best of zu einem großen Ganzen. Und so goldig die Sterne auf dem blauen Banner prangen, so golden springen die Versalien E-U-R-O-P-A dem Leser entgegen und ziehen ihn in den Bann der geistigen Ergüsse von Menschen, die ihre Heimat lieben und dieses Gefühl mit Anderen teilen wollen. Tun wir ihnen den Gefallen und lassen uns anstecken vom europäischen Geist. Zwischen Tacitus und Carl von Linné liegen mehrere Jahrhunderte. Ihre Auffassungsgabe beeindruckt, und ihre Leidenschaft für das Neue ist bis heute ungebrochen. Sie schreiben über Lappland. Für Tacitus ein Menschenschlag, den er so noch nie gesehen hatte. Für von Linné ist die Naturverbundenheit der Völker beschreibenswert. Und wir? Als Touris? Wir können beiden Köpfen folgen. Der Forscherdrang wird durch dieses Buch nicht gehemmt, er wird vielmehr befeuert. So lange bis die goldenen Funken sprühen.

 

In Gedanken verreisen: Wien drängt sich geradezu auf einmal im Kopf erobert zu werden. So viele Autoren haben ihrer teils unbändigen Lust nach der Stadt an der Donau Luft gemacht und ihr mit ihren Werken ein Taschendenkmal gesetzt. Die Quintessenz dessen ist in dieses Büchlein gestopft, das schon beim Aufklappen den Prater, die Ringstraße, die Alleen, die Heurigen an der Ecke, die Märkte, das Kunsthistorische und und und vor dem geistigen Auge erscheinen lassen.

Ganz klar: Wien ohne Georg Kreisler ist nicht das ganze Wien. In seinem Gedicht fragt er sich wozu Krieg, wenn ihn der Hund nicht überleben würde. Der naive Gedankengang steckt voller Ironie und dem typischen Wiener Witz, den man nur schwer erklären kann. Doch wer Kreisler liest, versteht ihn vollends.

Auch bei Werner Schneyder, der wie Kreisler ins selbe Horn stößt, kommt der Humor nicht zu kurz, wenn er beim Heurigen am Tisch in der Ecke hockt und über die Erbfolge sinniert. Allerdings nicht über die Erbfolge der Habsburger – lesen, es ist ein Genuss!

Von Hermann Bahr und Lisl Ponger über Ernst Jandl (der darf natürlich auch nicht fehlen in einem Buch über Wien) und Heinrich Laube bis hin zu Erich Fried und Jörg Mauthe und vielen anderen reicht die Spannweite der Schriften und Sichtweisen über Wien.

Am besten liest man dieses Büchlein immer wieder auf einer Parkbank beim Bummeln durch die Stadt. Es passt in jeder Tasche, vom Hintern übers Jackett oder in die elegante Damentasche. Und wenn’s geklaut werden sollte, hat man wenigstens ein gutes Werk getan … ist das schon Wiener Witz?

Wien wie es war, wie es hätte sein sollen, wie man es wahrnahm, wie man es wünschte – jedes hätte, wenn und aber hat seinen Platz und der ist nun mal in diesem Buch. Und wer genau hinsieht, ein bisschen Recherche betreibt, kann dem Ursprungsort so mancher Zeile auf die Schliche kommen. Und dann behaupten: „Hier hat er’s geschrieben!“. This is where the magic happened.

Der Abwechslungsreichtum des Buches ist überwältigend, Gedichte und kurze Artikel, Abrisse aus größeren Texten malen Schwarz auf Weiß, aber immer farbenfroh ein Bild Wiens, das mehr als nur eine Zugabe zu einem kenntnisreichen Reiseband ist. Immer wieder hält man bei Spaziergängen inne und staunt über die Pracht der Kaiserstadt. Linderung darf man sich von diesem Buch nicht erhoffen. Die Sehnsucht mach mehr Wien ist stets präsent. Und sie wird stärker und stärker je mehr man in diesem Buch blättert.

 

Die Reihe „Europa erlesen“ beschäftigt sich mit literarischen Werken, die aussagefähig über eine Land, eine Region oder eine Stadt sind. Die darin versammelten Sichtweisen aus mehreren Jahrhunderten lassen die Neugier wachsen und geben den Blick frei für die manchmal unsichtbaren Seiten einer Stadt. Ein Fest für lesefreudige neugierige Besucher. Dieses Buch sticht allein schon wegen des Themas aus dieser Reihe heraus. Denn es geht nicht um ein Land, eine Region oder eine Stadt, sondern um einen Teil einer Stadt, um ein Gebäude. Ein einziges. Zugegeben nicht irgendeines, es geht um das Kommen und Gehen, das Willkommen und Abschied nehmen: Um den Südbahnhof. Davon sind leider nur noch die Erinnerungen geblieben. Denn der übereinhundert Jahre vorherrschende Name Südbahnhof musste dem Hauptbahnhof weichen. Ein Koloss aus Stahl, Glas und Beton, der dem Charme des alten Südbahnhofes nur in Sachen Funktionalität das Wasser reichen kann.

Zum Charme des alten Südbahnhofes gehörte auch, dass man ihn schwer erreichte. Karl Kraus erinnert sich, dass nach Ägypten zu reisen einfacher sei, als zum Südbahnhof zu kommen. Joseph Roth gerät geradezu in Schwärmen und Schwelgen, wenn er an den Südbahnhof denkt. Und Billy Wilder, der große Regisseur, der den Zusatz „groß“ wirklich verdiente, schaut dem Volk aufs Maul und auf die Klamotte.

Weniger Glück bei seiner Anreise im Südbahnhof hatte Gabriel Gárcia Márquez. Der Autor wurde stark an den Film „Der Dritte Mann“, dem Wien-Film schlechthin, erinnert. Er suchte vergebens in der Wartehalle nach einer Hotelliste, um sich einquartieren zu können. Ein Aushang, den es heute auch nicht mehr gibt. Doch fündig wurde er nicht. Denn auch die Wartehalle war nicht vorhanden. Zerbombt von alliierten Bombardements. Wien, zerfallen und mit dem Chic der Gegenwart nicht zu vergleichen, machte auf ihn einen wenig bis gar nicht vorhandenen guten Eindruck.

Es ist das dünnste Büchlein der Reihe „Europa erlesen“. Doch in keinster Weise ist es dünn an Inhalt. Vielmehr zeigt dieses Büchlein ein Wien, das lange nicht mehr existiert, und einen Bahnhof, der sich zwar noch ins neue Jahrtausend retten, jedoch nicht einmal ein Jahrzehnt darin überleben konnte. Der Hauptbahnhof von heute ist ein Shopping-Event mit Gleisanschluss, austauschbar, gefühlskalt. Der Qualm der Dampfloks ist verflogen, die knarzenden Wartebänke gegen kühles Metall ausgetauscht. Bahnhöfe waren einmal Sehnsuchtsorte. Orte der Freude und der Tränen. „Wien Südbahnhof“ hat diese Tränen gesammelt und als Petrischale zwischen zwei Buchdeckeln erhalten.

 

Sich einfach mal an den Straßenrand setzen und die Seele an sich und die Beine im Wasser baumeln lassen. Geschäftiges Treiben wirkt in Amsterdam einen Tick entspannter. Wer die Stadt nie erlebt hat, wird bis zum Besuch in Klischees schwelgen (müssen). Vorurteile gibt es wie Sand am Meer. Doch es gibt nur ein Amsterdam – das einzige Vorurteil, das wirklich stimmt.

Die Stadt wurde verflucht, niedergebrannt und besungen und beschrieben. Letzteres ist die einfachste Art des Reisens. Nicht? Zumindest die preiswerteste!

Überliest man an einigen Stellen die Überschriften, gehen die Texte nahtlos ineinander über. Max Beckmanns Tagebuch wird zur Grundlage für Sipko Melissen. So werden gerade diese beiden Texte zum Sinnbild wie dieses Buch zu handhaben ist: Lesend durch die Stadt stromern und nach den Quellen der Zeilen suchen. Das ist kein Dogma, macht aber – wenn man es richtig anstellt – einen Riesenspaß!

Klaus Mann, der hier im Exil arbeitete und die Zeitschrift „Die Sammlung“ im Querido-Verlag herausbrachte, erinnert sich daran, dass die Stadt Amsterdam schon immer im Gedächtnis der Schriftstellerfamilie war. Und zwar positiv.

Und so blättert man sich durch die Straßen, Grachten, Gassen, liest vom jüdischen Leben in der Stadt, vom Glanz der „guten, alten Zeit“, wandelt auf Rembrandts Spuren, und kommt unweigerlich auf ein Werk zu sprechen, das eng mit der Stadt verbunden ist: Dem Tagebuch der Anne Frank. Als Touristenziel eine Qual, weil das Anstehen furchtbar lange dauert. Als Lesestoff ziehen die Zeilen den Leser sofort in ihren Bann. Denn die Qualen, die sie erleben musste, sind natürlich nicht einmal ansatzweise mit dem zu vergleichen, die man bei Anstehen erdulden muss. Sie und ihre Familie mussten so leise sein, um nicht entdeckt zu werden – das kann man sich nicht vorstellen, wenn man heute beispielsweise das Nachtleben der Stadt erlebt.

Amsterdam lebt vom Image der offenen Kultur. Wer dieses Buch einmal aufschlägt, wird es nicht so schnell wieder zuklappen (können). Die Vielfalt der ausgewählten Texte erschlägt nicht, sie beflügelt die Phantasie. Fast schon ein kleiner Kurzurlaub.

Diese kleine Anthologie ist mehr als nur ein Appetitmacher. Sie verkürzt die Zeit bis zur Ankunft und lässt den Gast schon zuvor ein kleines Märchen erleben. Und Märchen können wahr werden…

 

 

Da sitzt man nun auf dem Rynek in Krakau. Es ist Majowka, die lange freie Zeit in Polen. Zwei Feiertage, 1. und 3. Mai werden ganz schnell zu einem ganz langen Wochenende. Die Stadt vibriert nicht, sie bebt. Unzählige Menschengruppen drängen sich zwischen Tuchhallen, Marienkirche und Kazimierz, dem jüdischen Viertel. Ab dem Vormittag bis weit in die Nacht hinein erklingt ein babylonisches Sprachgewirr. Ruhe zu finden wird schwierig.

Da kommt so ein kleines Büchlein wie gerufen. In Krakau über Krakau den europäischen Gedanken erlesen – eigentlich die logische Schlussfolgerung. Denn Europa und Krakau gehören irgendwie zusammen. Hier wurde schon vor Jahrhunderten Europa gelenkt. Und so sucht man sich ein ruhiges Plätzchen im Planty, dem grünen Gürtel, der die Stare Miasto, die Altstadt, vom Rest der Stadt trennt. Da die Grünflächen durch kleine Barrieren von den Wegen geschützt sind – nur ein paar Vierbeiner gehen hier ihren Geschäften nach – findet sich schon ein halbwegs erholsamer Leseort.

Nur selten mehr als eine Handvoll Seiten literarisches Krakau erfüllen die Atmosphäre mit Leben. Das Krakau während der deutschen Besatzung, Goethes Abneigung gegenüber der Stadt, echte Königsgeschichten – die Anthologie zeigt einem ein anderes Krakau. Wenn man den reiseband studiert hat, Wawel, Weichsel und Wesola besichtigt hat, ist man voller Eindrücke, die man erstmal sacken lassen muss.

Mit diesem kleinen Buch in der Hand, auf dem Schoß werden die Spaziergänge um ein Vielfaches verstärkt. Denn schon Andere waren vor einem hier. Und ihre Sicht auf die Dinge, die Straßenzüge, ihre Eindrücke vermischen sich nun mit den eigenen Erlebnissen. Die Aussicht von einem der vielen aufgeschütteten Hügel (noch immer weiß keiner so recht warum und wie die Hügel entstanden sind), muss noch einmal genossen werden, weil man doch das Eine oder Andere übersehen hat. Ein Spaziergang durch Kazimierz wird erst durch die Worte des Dichters zum gewaltlosen Eindringen in eine einst eigene Welt. Das jüdische Leben in der Stadt erstarkt erst seit Kurzem wieder, denn Krakau ist der einzige Platz der Welt, in dem die jüdische Gemeinde sich wieder vergrößert.

Die Florianskirche, wo vor Jahrzehnten Karol Wojtyla, später Papst Johannes Paul II., seine theologische Laufbahn begann, wirkt auf den ersten Blick wie eine ganz normale Kirche. Eine von weit über 300 in der Stadt. Beim Näherkommen, beim Lesen, wandelt sich das Bild. Gemächlichen Schrittes, fast schon ehrfürchtig nähert man sich dem weißen Gebäude am Ende des Plac Matejki, vorbei am Grundwald-Denkmal. So nah war man dem unnahbaren Oberhirten selten zuvor.

Krakau ist immer eine Reise wert. Krakau mit diesem Buch in der Hand oder zumindest im Handgepäck wird zu einem unvergleichlichen Erlebnis, da es weit über den Tellerrand eines Reisebandes hinausblicken kann. Von Joseph Conrad über Alfred Döblin bis hin zu Simon Wiesenthal reichen die Autoren- und Themenvielfalt. So wird Krakau zweimal entdeckt.

 

Schon mal in Barcelona gewesen? Laut, stimmt’s?! Und voller Touristen. Ein klein wenig mehr Ruhe, würde Wunder wirken. Auch um so ein kleines Büchlein wie dieses genießen zu können. Barcelona erlesen. Nehmen wir Anlauf, drücken uns ganz fest ab und mit ganz wenigen Spritzern tauchen wir kopfvoraus in die sagenhafte Metropole Barcelona ein.

Und wir landen bei Wolfgang Koeppen. Seine Theorie: Die erste Mahlzeit in einer fremden Stadt entscheidet über Gefallen und Nichtgefallen. Nun sind die Kellner nicht besonders freundlich zu ihm. Stolz und Unfreundlichkeit gehen hier Hand in Hand. Doch das reichhaltige Mahl, das so verschiedenartig präsentiert wird, wetzt die Scharte aus.

Auch Salvador Dali sitzt neben einem auf der Bank und linst in die Seiten des Buches. Gleich mehrmals. Auch ihm schlägt Barcelona auf den Magen. Als junger Künstler war er nach der Anzahlung für den Tischler ziemlich klamm. So musste er erst einmal einen Scheck bei der Bank einlösen. Der Kassierer erkannte ihn, was Dali sehr schmeichelte. Doch als er den Scheck unterschrieben hatte, traute er dem Mann am Schalter nichts mehr. Unterstand ihm, dass er das wohlbringende Papier verschlingen könnte.

Barcelona Stadtschreiber, so könnte man ihn durchaus bezeichnen, Manuel Vazquez Montalban lässt seinen Carvalho sein heimatviertel durch die rosarote Brille betrachten. Es stinkt, der Boden klebt, kein einladender Ort. Und doch würde Carvalho seine Heimat gegen nichts auf der Welt eintauschen wollen. Auch Señor Montalban gibt mehr als eine Kurzgeschichte zum Besten.

Fast meint man, dass die Stadt und dieses Buch über Barcelona nur aus Essensgeschichten bestehen würden. Weit gefehlt! Doch die Nahrungsaufnahme ist vor Ort als auch im Buch wichtiger Bestandteil. Ein Happen hier, ein Happen da. Und so sollte man auch dieses Buch genießen. Immer mal wieder eine kurze Pause, un pequeño descanso. Auf einer Bank, unter Bäumen, Hauptsache ein ruhiges Plätzchen (!). Und dann ein wenig in diesem Buch blättern und zwei bis fünf Kapitel lesen. So ergiebig wir eine Portion Tapas. Frisch gestärkt kann man sich nun wieder ins Gewimmel stürzen. Und wenn dann doch der eine oder andere aus dem Buch bekannte Ort den Blick kreuzt, erinnert man sich gern an die Zeilen.

Auch als Appetitmacher – man kommt einfach nicht aus dem Küchenterminus heraus! – eignet sich das handliche Büchlein. Auch wenn Barcelona keine Werbung mehr nötig hat, so versüßen die Geschichten der Anthologie die Wartezeit aufs Vergnüglichste.

 

 

Triest ist die wohl überraschendste Stadt in der Reihe „Europa erlesen“ aus dem Wieser-Verlag. Warum? Was weiß man über Triest? Literarisch kommt es doch kaum vor! Oberflächlich betrachtet mag das stimmen. Aber wer will sich schon mit Oberflächlichkeiten abgeben, wenn er so ein Buch in der Hand hält?! Apropos in der Hand halten: Zugreifen! Ab in den Warenkorb! Es lohnt sich.

Das wusste schon James Joyce, der eine Zeitlang in der Stadt an der Adria lebte. Und wie für dieses Buch gemacht seine Eindrücke über die Stadt niederschrieb. Hier arbeitete er als Lehrer – der Begriff Arbeitsbedingung wurde sehr weit gefasst. Der Direktor der Schule setzte den großen Dichter unter Druck und ganz schön zu. Joyce war nicht zufrieden, was sich auch in seinen Erinnerungen an die Stadt niederschlug.

Auch Italo Svevo setzte hier nicht nur einen Fuß auf das mondäne Pflaster. Wer beim Bummeln durch die Stadt die Augen offenhält, entdeckt vielleicht hier und da noch einen Hinweis auf sein Wirken.

Zwei Schriftsteller, die in Triest gewirkt haben. Reicht das, um dem Vorurteil, dass die Stadt unbekannt ist entgegen zu wirken? Nein! Aller guten Dinge sind Drei. Ja, auch Verdi hat sich hier kurz niedergelassen und die eine oder andere Note zu Papier gebracht. Aber literarisch fehlt jetzt noch einer, der scheinbaren Bedeutungslosigkeit einen Riegel vorschieben zu können. Ein richtiger Hit fehlt. Rainer Maria Rilke. Reicht das! Die „Duineser Elegien“ sind hier entstanden. Vor den Toren der Stadt. Auf einem Schloss.

So, und jetzt soll einer mal sagen, dass Triest kaum von Bedeutung ist. Auch Jules Verne ließ hier seinen Grafen Sandorf seinen Rachefeldzug starten. Wer also Triest bereist, tut dies bewusst. Im Schatten von Venedig steht Triest wahrlich nicht. Es ist vielmehr die kleine, feine Schwester mit Charme. Die Habsburger verbrachten viel Zeit hier und hinterließen ihre Spuren, die bis heute sichtbar sind. Ein bisschen Österreich, ein bisschen Balkan, und ganz viel Italien. Dreiländerecke haben den Vorteil aus drei Kulturen sich die Rosinen raus zu picken und aus der Essenz etwas ganz Besonderes erstehen zu lassen. Und Triest darf sich rühmen hier besonders viel Sorgsamkeit walten zu lassen.

Den Appetit auf kulinarische Fusionsküche kann dieses Buch nicht stillen. Doch dem Drang nach literarischen Abenteuern und Impressionen kann dieses kleine grüne Büchlein sehr wohl nachkommen. Rilke, Joyce und Svevo sind nur drei der Autoren, die diese Anthologie zu einem Erlebnis machen. Autoren wie Susanna Tamaro stehen für den Fortbestand an literarischem Nachschub über die Stadt, die eigenständig ihren Weg gesucht und eingeschlagen hat. Wer Triest durchschreitet, muss dann und wann einmal eine Pause einlegen. Und dann schlägt die Stunde dieses Buches. Kurze Abschnitte überfliegen oder intensiv aufsaugen – ganz egal: Triest erstrahlt schon nach wenigen Zeilen in neuem Glanz.

 

 

Klingt ein bisschen wie eine Nobelherberge – Tall-Inn. Besuchen Sie unser Spa! Lassen Sie sich verwöhnen! Ja, die Wahl des richtigen Namens ist entscheidend für den Werdegang, auch einer Stadt.

Davon weiß auch Erwin Õunapuu zu berichten. Sie hat eine Stadt, lässt er den Großvater sagen: „Tal linn“. Und das Rätselraten geht weiter. Für Anton Friedrich Büsching ist es eine reiche und veste Stadt, für Jonas Hanway einfach die Hauptstadt der Esthen, für August Wilhelm Hupfel besteht sie aus zwey Teylen, Alexander A. Bestushew beklagt, dass nicht eine Straße geradlinig verläuft…

So allerlei Schreiber lassen mal kein gutes Haar an der Stadt (niemals mit dem Zug fahren, eine Katastrophe, unpünktlich und unsicher), mal wird sie in den Himmel gelobt. Doch eigentlich mag jeder Autor Tallinn, das ehemalige Reval. Sonst würden sie ja nicht darüber schreiben. Und einige zerbrechen sich den Kopf woher der Name Reval eigentlich kommt (zu Lebzeiten der Autoren hieß die Stadt nun einmal Reval und nicht Talinn). Von Rehen, die zu Fall gebracht wurden, von Riffs und von allerlei anderen Mythen wird hier berichtet. Auch von den Türmen der Stadt, die seit Jahrhunderten die Silhouette bilden und schon von Weitem sichtbar sind.

Da hat man noch nicht einmal die Hälfte des Buches gelesen und schon hat man Lust Tallinn zu besuchen. Und mal ganz ehrlich: Wer kann wie aus der Pistole geschossen auf einer Landkarte die drei baltischen Staaten Estland (mit der Hauptstadt Tallinn), Lettland und Litauen zeigen? Geschweige denn die richtigen Hauptstädte zuordnen! Fakt ist, dass dieses Buch mehr für den Tourismus in Tallinn tut als so mancher Hochglanzprospekt. Denn hier laufen die emotionalen Fäden der Zeugen der Stadt zusammen.

Aus mehreren Jahrhunderten wurden die Niederschriften zusammengetragen. Ja, Tallinn ist nicht nur eine alte Stadt, sondern wurde auch schon anno dazumal gern besucht und besungen. Die Eigenheiten der Sprache – neben finnisch und ungarisch wohl die ungewöhnlichste Sprache Europas – und die einladende Architektur sind nur zwei Dinge, die man als Tourist / Leser unbedingt gehört und gesehen haben muss.

Neben den großen Metropolen Paris, Barcelona oder auch Istanbul besticht die Reihe „Europa erlesen“ eben auch dadurch, dass die scheinbar unbekannteren Metropolen (Einwohnerzahl sticht nicht immer) ihre Reize haben, und den Platzhirschen gern so manchen Streich mit ihrem Charme spielen können. Und es auch tun. Ein Frevel, wer Tallinn besucht und nicht mindestens einmal in dieses Buch geschaut hat. Denn auch hier regieren nicht permanent die großen Namen. Viele nicht so bekannte Autoren haben viel zu erzählen, dass es wert ist gelesen zu werden.

 

Wieder so eine Hauptstadt – ja, Vilnius ist eine Hauptstadt – die man bisher nur als Punkt auf der Landkarte der Nachrichtensendungen wahrgenommen hat. Vilnius, Wilnius, Wilna – drei Namen, eine Stadt. Und jetzt das große Rätselraten zu welchem der drei baltischen Staaten Vilnius gehört. Es ist die Hauptstadt Litauens. Die erste Hürde ist genommen. Nun kann man sich ganz entspannt der Anthologie widmen.

Die Dutzende von Autoren in diesem Buch sind sich einig: Vilnius ist mehr als besuchenswert. Eine klare Architektur, ein gehaltvolles kulturelles Leben und Geschichte allenthalben. Napoleons Armee suchte hier die nötige Ruhe, um gewappnet und gestärkt die Tagesaufgaben lösen zu können. Es ging schief, was aber nicht an der Stadt lag, sondern planerischen Fehlleistungen zuzuordnen ist. Er selbst ist mit einem kleinen Briefchen in diesem Buch vertreten. Ziemlich gefühlskalt, nüchtern. So rosig wie er die Lage beschreibt, war sie dann wohl doch nicht. Wer dieses Buch aufmerksam liest, stellt fest, dass die Texte wie ein Uhrwerk in einander greifen. Historiker beurteilen den Russlandfeldzug (und die „Rast“ in Vilnius) natürlich anders als der französische Kaiser.

Immer wieder wird man beim Lesen an vorangegangene Texte erinnert. Wie in einem unendlichen Fortsetzungsroman liest man sich durch die vergangenen Jahrhunderte dieser Stadt, die so viel Autoren und kluge Köpfe begeistert hat. Zum Glück waren sie so clever und haben ihre Eindrücke niedergeschrieben, so dass wir, die Leser, uns einen umfassenden Einblick in die Seele der Stadt verschaffen können.

Zahlen und Fakten sind gut, um sich einen ungefähren Überblick zu verschaffen. Doch echte Gefühle vermitteln mehr als die bloße Erwähnung der Einwohnerzahl. Wie lebt man hier? Wie wirkt eine Straße, eine Gasse, ein Palais, ein ganz normales Haus auf den Betrachter? Diese Eindrücke nimmt man selbst mit, wenn man reist.

Manchmal ist es schwierig das Gesehene einzuordnen. Und da kommt dieses Buch ins Spiel! Nur ein wenig darin rumblättern reicht vollkommen aus, um das viel zitierte „Urlaubs-Feeling“ hervorzurufen. Die Sprachbegabung der Autoren verleiht der Sehnsucht nach dem Neuen die dazugehörigen Flügel. Wer bis jetzt Vilnius als Faktotum der Nachrichtenseiten gesehen hat, bekommt hier die ersten nahrhaften Eindrücke über eine Stadt, die man mit diesem Buch einfach erkunden muss.

 

Istanbul kann sich rühmen wohl die meisten Spitznamen auf sich zu vereinen. Brücke zwischen den Kontinenten, Moloch der Korruption, Wiege der modernen Welt. Alles mag stimmen, alles mag falsch sein. In Istanbul ist alles möglich. Nur bei einer Sache ist man sich sicher: Hier gibt es immer was zu erleben. Und auch immer was zu berichten. Das war so. Das ist so. Und es wird wohl auch immer so bleiben.

Und wie in jedem Buch der Reihe „Europa erlesen“ aus dem Wieser-Verlag verspricht schon das Inhaltsverzeichnis ereignisreiche Stunden bei der Lektüre des Buches. Denn die Anthologie über Istanbul enthält Texte von Orhan Pamuk (Literatur-Nobelpeisträger 2006), Vladimir Nabolov, Virginia Wollf, Yahya Kemal, Alphonse de Lamartine, Alexander Puschkin, und und und.

Wie ein Tourist, der gerade ist IST, Flughafen Istanbul-Atatürk, gelandet ist, stürzt man sich in die Fluten des Buches. Nur wenige Zeilen lang, vier, um genau zu sein, ist der erste Text. Doch er sagt viel, wenn nicht alles, über das verlangen aus, das man hegt, wenn man der Stadt wieder den Rücken kehren muss. Es ist das Versprechen, sie ewig in Erinnerung zu behalten und die Weissagung wiederzukommen.

Und dann steht man da wie Ida von Hahn-Han am ihrem Nine-Seven im Jahre 1843: Da bin ich! Und nur vier Tage später (nine-eleven, bitte kommentarlos hinnehmen) kommt Franz Grillparzer in Konstantinopel an. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend (wie aktuell der Bezug zur Gegenwart doch ist). Doch das kam wohl eher vom Essen an Bord. Und wenn wir schon bei der maritimen Anreise sind: Man kann es kaum rührender ausdrücken als Vladmir Nabokov, der die Stadt am Bosporus mit einem Bernstein vergleicht als sein Schiff am Morgen hier einläuft.

Es sind nicht die großen Namen, die dieses Buch zum Juwel machen. Es sind ihre Ansichten, ihre Geschichten, ihre Sichtweisen auf eine der interessantesten Städte der Welt.

 

Oh, Du schroffes, bewundernswertes Land Sizilien. So widersprüchlich, so sehnsuchtsvoll, so rau und doch so sanft. Man kommt schnell ins Schwärmen, wenn man an Sizilien denkt. So erging es auch so manchem Autor. Caltanissetta liegt mitten im Herzen der Insel. Josef Winkler schreibt in über einen widerlichen Mord eines Mannes an seinem Sohn, der die Traktorbatterie als Stromquelle für den Fernseher nutzte, um ein Fußballspiel zu sehen. Goethe lässt auch nicht viel Gutes an dem Ort, ihm ist es zu schmutzig. Dennoch ist er fasziniert von der Umgebung. Und so zieht sich der eindrückliche Widerspruch über Zeilen, Absätze, Seiten durch das gesamte Buch.

Ob nun Andrea Camilleri das Morgenrot in Vigata zum Anlass nimmt einmal mehr Werbung für seine Heimat zu machen – wer dann nicht schlagartig vom Reisefieber gepackt wird, sollte seinen Blutkreislauf dringend überprüfen lassen – oder Johann Gottfried Seume von den Qualen des Aufstieg auf den Ätna berichtet oder Selma Lagerlöf sich ebenfalls vom Berge der Berge verführen lässt … die großen wie die kleinen Dichter fanden und finden immer wieder etwas Besonderes auf dieser Insel. Selbst Könige wie Ludwig I. von Bayern und Adlige wie Lodovico von Habsburg-Lorena ließ es sich nicht nehmen von Taormina oder den vorgelagerten Liparischen Inseln zu schwärmen.

Dieses kleine Büchlein ist wie ein Museum, das durch die Landeskunde Siziliens führt. Vorbei an der Ahnengalerie der geachteten Besucher, durch ihr unermessliches Werk, voller Erstaunen erstarrt man zur Salzsäule, die sogleich zerbersten mag, wenn die nächsten Zeilen beginnen. So nachhaltig beben die Worte in einem nach.

Dass Sizilien mit Sehnsucht gleichzusetzen ist, beweist eindrucksvoll Friedrich Christian Delius. Kellner Paul Gumpitz beschließt 1981 (!) von See zu See zu wandern. Klingt erst einmal nicht weiter spektakulär. Das wird es erst, wenn man liest, dass er von der Ostsee zum Mittelmeer wandern will. Und das 1981, einer Zeit, in der die Grenzen stachelig und nahezu undurchlässig waren. Zumindest, wenn man von Rostock nach Palermo, Taormina, Noto oder Syrakus wollte. Umgekehrt ging das sehr wohl, wie unter anderem auch Willi Meinck in seinem unsäglichen Propaganda-Werk „Salvi Fünf oder der zerrissene Faden“ es beschrieb.

Aussteiger aus aller Welt hatten seit jeher kleine – für sie bedeutende –  Büchlein im Handgepäck. Die Ashram-Besucher in Indien Hermann Hesse, nachwuchs-Revoluzzer Che Guevara und Sizilien-Urlauber sollten es nicht versäumen dieses kleine Büchlein immer zur Hand zu haben. Wie ein Schokoriegel, der mobil macht, lässt es das Herz öffnen für die Schönheiten Siziliens.

 

Wie sieht der ideale Platz zum Lesen aus? Hängematte, Couch, Sessel? Hauptsache ruhig, nichts herum darf ablenken. Und wo findet man so einen Ort? Stockholm würde sich anbieten. Paris hat den Eiffelturm. Menschenmassen allenthalben. Rom quillt über vor Sehenswürdigkeiten, die entdeckt werden wollen. Stockholm – nicht falsch verstehen, hier gibt es jede Menge zu erleben, aber die Ablenkung ist nicht so gewaltig wie in anderen Metropolen und Hauptstädten der Welt – bietet die richtige Mischung.

Auffallen weicht hier dem Understatement des guten Geschmacks. Eine laue Brise, den Augen schmeichelnde Architektur, alles ein bisschen gelassener. Hier lässt man sich nieder. Greift zum guten Buch, wie es so schön heißt. Klein, kompakt, voller Lebensfreude, randvoll mit Eindrücken aus den vergangenen Jahrhunderten.

Wie sich die Zeiten doch ändern. Hans Christian Andersen mag sein Hotel nicht. Es ist ihm zu schmutzig, zu alt, zu verfallen. Die Waschfrau ist ihm zu nackt. Und draußen auf der Straße ist es zu laut, wenn die Nachbarn beschwipst bis volltrunken den Heimweg gefunden haben. Carl Serra – sicherlich zu ungefähr zur gleichen Zeit in Stockholm – steigt im Grand Hotel ab. Kontrastprogramm. Von Seiner Majestät dem König höchstpersönlich eröffnet. Luxus und Komfort sind hier so selbstverständlich, dass sie ihren Namen als Alleinstellungsmerkmal kaum noch verdienen, sondern als Standard bezeichnet werden können.

Gegen Ende des Buches werden die Autoren jünger, sie leben noch. Also sind ihre Ausführungen heute einfacher nachzuvollziehen als die von beispielsweise Hans Christian Andersen. Bürogebäude und Banken prägen das Stadtbild von neuen Stadtvierteln. Und das ist Jörn Donner zufolge kein „Verdienst“ britischer oder amerikanischer Bombardements, sondern unfähiger Politiker und Stadtplaner.

Das allseits bekannte Krimiautorenduo Maj Sjöwall und Per Wahlöö lässt seinen Kommissar Beck die Krise der Stockholmer Gastronomie bewerten. Preise jenseits von Gut und Böse lehren den Wirten das Fürchten. Auch der Kommissar kann es sich nicht leisten permanent im Restaurant zu speisen. Umso wohler fühlt er sich, wenn die Kellnerin ihn erkennt.

Das braune Büchlein, die Anthologie Stockholm der Reihe „Europa erlesen“ verführt den Leser in eine Stadt, die ohne viel Schickschnack eben so viel Charme und Anziehung versprüht wie andere mit einem Füllhorn an Hotspots gesegnete Plätze der Welt. Hier braucht man nichts mehr als sich selbst und gesunde Neugier. Kontemplation findet hier auch der, der sie nicht bewusst sucht. Und dann ist es gut solch ein Buch zur Hand zu haben…

 

Welch Anmut, welche Sehnsucht, welch Verführung Paris hervorruft und verursacht. Hier lässt es sich urlauben – wohnen nur in den seltensten Fällen. Klar, dass schon seit ewigen Zeiten Paris die Dichter und Denker beeindruckt hat. Und wer mit der eigenen Sprache nicht auf Kriegsfuß steht, schreibt und schreibt und schreibt und …

Das beweist ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis: Goethe, Heine, Appolinaire, Villon, Prevert, Hugo, Brassens, Tucholsky, Handke, de Balzac, Zola, Rimbaud, Nin, Baudelaire, Hemingway sind nur ein paar Namen, die Paris mit der spitzen Feder ein Denkmal setzten. Dieses Buch liest man nicht einfach mal so durch. Umblättern ist eine Qual, weil das Gelesene nun Vergangenheit ist. Genauso wie der letzte Trip hierher. Traurig, aber war. Aber es kommen auch bessere Seiten und Zeiten. Dann, wenn man umblättert und / oder den nächsten Besuch an der Seine, am Canal de Martin, am Tour Eiffel oder dem Pere Lachaise plant.

Das Paris, das man heute kennt, stammt aus der Skizzenfeder von Baron Haussmann. Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts bekam er von Napoleon III. den Auftrag Paris zu erneuern. Radikal setzte er den Wunsch des Regenten um, machte selbst vor seinem Geburtshaushaus plattmachen. Klare Linien, die – und das merkt man kaum noch, wenn man über die Avenuen und Boulevards schlendert – auch und vor allem der schnellen Mobilmachung der Armee dienten und es unmöglich machten Barrikaden zu errichten. Was damals eine Art Volkssport war. Die kleinen Austritte, Pariser Balkons, waren am Reißbrett entstanden, heute sind sie unleugbares Symbol des Pariser Straßenbildes. Stephen Clarke bemängelt die Hintergründe, dem Charme des Ergebnisses kann er sich aber nicht vollends entziehen.

Victor Hugo setzte einem der monumentalen Wahrzeichen der Stadt ein monumentales Dichterwerk entgegen: Notre Dame. Hier kreuzten sich Haussmanns Linien nicht, sonst wäre die Stadt um eine Attraktion ärmer. Schon der kurze Ausschnitt in diesem Buch verrät das ganze Ausmaß des Buches. Francois Villon schwärmt von den weiblichen Lippenakrobaten von Paris. Keine Frau auf der Welt küsst besser als die Pariserinnen. Jacques Prevért, der so hingebungsvoll von Jean-Louis Trintignant heutzutage bei Lesungen vorgetragen wird, braucht nur wenige Zeilen, um Paris bei Nacht für immer ins Gedächtnis zu brennen. Drei Zündhölzer benötigt er. Vorsicht nicht nachmachen, ein Buch könnte darunter leiden. Schlimmstenfalls dieses.

Ob beim Eis bei Berthillon, beim frühmorgendlichen Croissant auf den Stufen vor Sacré-Cœure de Montmartre, beim Schlendern durch Le Châtelet – es wird sich immer ein Plätzchen finden, wo man sich niederlassen und ein wenig in diesem Büchlein blättern kann. Jeder Text eine Bereicherung der Sinne und Kraftfutter für die nächsten Schritte.

 

Hand aufs Herz! Wussten Sie auf Anhieb, wo das Friaul liegt? Oder ist es der Friaul? Oder die? Es bildet den östlichen Anschluss an den Balkan, das Tor nach Österreich, und – wer von Osten kommt, die Schneise gen Venedig. Wer jedoch im Friaul urlaubt, wird sich schwer tun von hier wieder wegzukommen, oder ins hoffnungslos überfüllte Venedig weiterzureisen.

Das beweisen die Autoren in diesem Buch auf eindrucksvolle Weise.

Carlo Goldini bracht es schon im 18. Jahrhundert auf den Punkt: Es ist eine Schande, dass diese Region nicht die Beachtung findet, die sie verdient! Hier pflegt man einen besonderen Dialekt zu sprechen, einen besonderen Wein, eine Art Tokayer zu genießen und der Adel tritt sich wie kaum woanders auf die Füße. So zahlreich tummelt er sich hier.

Ein Jahrhundert später schwärmt Josef Friedrich Perkonig davon, das Friaul voller Glocken ist. Und Guido Maghet setzt dem Friulischen ein Denkmal. Das Buch ist gerade mal ein paar Seiten lang benutzt worden und schon ist man angestachelt Udine, Triest oder Grado einen Besuch abzustatten. So schnell kann’s gehen, dass ein Buch die Sehnsucht weckt.

Giacomo Casanova, Pier Paolo Pasolini oder auch Peter Handke stoßen ins gleiche Horn, um gleichsam eine Lanze für die ungewürdigte Region im Nordosten Italiens die Werbetrommel zu rühren. Jeder auf seine Art, jeder mit der ihm angeborenen Fähigkeit mit Worten Emotionen hervorzurufen. Wobei Casanova sich mehr über einen Freund wundert, der ihm aus dem Wege zu gehen scheint.

Es ist das Vorrecht eines Buches Begehrlichkeiten zu wecken. In diesem Fall unbedingt ins Friaul zu reisen. Jetzt hat man so viel darüber gelesen, dass es kein Zurück mehr gibt. Schließlich haben sich Dutzende Autoren die Finger wundgeschrieben und in diesem Buch ihrer Verehrung für diese Region kund getan. Die Reise wird allerdings etwas anstrengend. Man muss einhändig reisen! Eine Hand wird man immer am Buch haben, man muss einfach immer wieder darin blättern, sich amüsieren, staunend einige Passagen nochmals lesen und immer wieder froh sein dieses Buch gefunden zu haben.

Anthologien wie „Europa erlesen“ sind die Perlen unter den Reisebüchern. Über einen Zeitraum mehrerer Jahrhunderte zeichnen sie ein Bild eines Landes, einer Region, einer Stadt, das es einem leicht macht, sich behände auf dem anfangs unbekannten Terrain zu bewegen. Selbst Erlebtes hält länger an, Niedergeschriebenes währt ewig. Und so sind die Bücher der Reihe und diese im besonderen Maße fast schon als Pflichtlektüre für bewusstes Reisen anzusehen.

 

Das deutsch-französische Wortspiel Istrien ist nicht (ist rien), ist bei dem Landstrich als auch bei diesem Buch so dermaßen unplatziert, dass man es am besten gleich wieder vergisst. Dem Buch hingegen ist ewige Präsenz beschieden. Von Thomas Mann (eine Passage aus „Der Tod in Venedig“) über ein Gedankenspiel des italienische Regisseurs und Autors Pier Paolo Pasolini bis hin zu lokalen Autoren wird der ehemaligen jugoslawischen, ehemaligen französischen, ehemaligen italienischen, ehemaligen venezianischen und jetzigen kroatisch-slowenischen Provinz Istrien ein literarisches Lesemal gesetzt.

Istrien als Abstecher vom idealbesetzten Venedig? Nein, es ist mehr als das. Hier ist die Geschichte noch greifbar und nicht in einer Schneekugel verpackt, um an die staunenden Besucher verramscht zu werden.

Und so handeln die ersten Geschichten und Auszüge in diesem Buch auch von der we4chselnvollen Geschichte Istriens. An der Nahtstelle zwischen Westen und Osten, zwischen Romanien und Slawien stritt man sich schon immer gern um die Vorherrschaft. Das Ergebnis: Ein abwechslungsreicher Mix der Kulturen. Selbst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war noch nicht endgültig geklärt, wer das Sagen haben soll. Und so kommt e, dass hier italienische genauso verbreitet ist wie kroatisch oder slowenisch. Allerdings jeweils mit einem ganz speziellen Dialekt.

Das Karstgebirge ist einzigartig in der Welt. Das veranlasste auch den Science-Fiction-Autor Jules Verne einen seiner Abenteuerromane hier anzusiedeln. Graf Sandorf ist auf der Flucht. Auf einem wilden Fluss verschluckt ihn die Erde. Nur, um ihn kurze Zeit später wieder auszuspucken, damit er seinen Racheplan umsetzen kann.

Dieser Abschnitt bildet den Übergang der Geschichtsstunde zur Landschaftslobhudelei im besten Wortsinn. Die Autoren im zweiten Teil der Anthologie preisen wohlformuliert die Vielfältigkeit Istriens. Als Leser läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Urige Felsformationen, heimelige Städte, rauschende Flüsse und Bäche, saftige Weiden – paradiesische Zustände, die man sich hier zusammenliest. Was bleibt, ist der Drang die Zeilen an Originalschauplätzen zu lesen. Und vielleicht trifft man ja unterwegs den einen oder anderen – zuvor noch unbekannten – Autor?! Auf alle Fälle hat man einen Impressionsvorsprung vor denen, die „nur einen Reiseband“ konsultiert haben. Denn die besten Geschichten schreibt nunmal das Leben, und am besten schreibt es sie vor Ort!

 

Kaum ein Volk dieser Welt wird so gern mit einem so liebevollen Vorurteil überschüttet: Die Schotten tragen nichts unterm Rock. Weniger liebevoll ist ihr sprichwörtlicher Geiz. Aber wie das eben so ist mit Klischees – sie stimmen meist nicht. Es sei denn, dass man sich die Realität so dreht wie man es gerade braucht…

Dass die Herkunft nicht unbedingt auf eine Charaktereigenschaft schließen lässt, sieht man schon daran, dass Monty-Python-Mitglied John Cleese (im Buch mit einer köstlichen Anekdote über einen Autor vertreten) ebenso aus Weston-super-Mare stammt wie Ritchie Blackmore, einst Gitarrist bei Deep Purple unter Vertrag. Und wer will schon den „Minister of silly walks“ mit dem Gitarrengott in einem Topf werfen?!

Während Tacitus, der sprachgewandte römische Gelehrte von den Barbaren im Norden spricht, konzentriert sich Karl Marx auf die schottischen Clans und bescheinigt den Clanvätern nicht minder willkürliches Verhalten. Duncan McLean – schon allein der Name verrät mehr als eindeutig seine Herkunft – gibt dem manchmal spleenigen Auswüchsen Futter, wenn er von einer mit Disteln – wieder ein Symbol Schottlands – überfüllten Telefonzelle berichtet.

Von Shakespeare und Goethe über Stefan Zweig und Sir Walter Scott bis hin zu William McIlvanney und Giles Foden spannt sich der Bogen in diesem Buch. Schon allein dadurch sticht diese Anthologie aus der exzellenten Reihe „Europa erlesen“ hervor.

Doch nicht allein die Menge der Autoren und die große Zeitspanne, die sich umschließen, machen dieses Büchlein zu etwas Besonderem, sondern ihre Zeilen. Ob bewusst oder unbewusst treten sie den typischen Klischees entgegen. Schotten sind nicht geizig, zumindest nicht geiziger als andere. Und ihre Küche, allem voran Häggis, der mit Innereien gefüllte Schafsdarm, ist auch nicht nur von naserumpfenden Gerichten bestimmt. Man denke nur an das typisch deutsche Gericht Kutteln oder Flecke. Damit lockt man auch nicht unbedingt einen Gourmet hinter dem Ofen. Und was die Schotten unterm Kilt tragen, … ach bitte, wartet man seelenruhig auf einem schottischen Platz, auf starken Wind … dann wird man es schon sehen. Ganz nebenbei: Outskirts werden in Glasgow die Randbezirke genannt. So viel zum Thema Röcke und Schottland.

„Europa erlesen – Schottland“ ist eines der Bücher, das man auf jeden Fall dabei haben sollte, wenn High- und Lowlands, Burgen und weite Felder, Whisky (ohne e vor dem Ypsilon, das bleibt den Amerikanern vorbehalten) und raue See auf dem Plan stehen. Oder auch das Edinburgh International Book Festival, das im September stattfindet.