Kenzie & Gennaro – Boston

01 - Ein letzter Drink

Was würden Sie als Drink bevorzugen, wenn Sie wüssten, dass es gleich rund geht? Einen richtig alten Single Malt? Einen jahrzehntelang gereiften Cognac? Patrick Kenzie nimmt ein Molson, Bier. Aber er weiß ja auch noch nicht worauf er sich gleich einlassen wird…

Drei Politiker wollen ihn im Ritz treffen. Nobel, nobel. Kenzie zieht sich sogar einen Armani-Anzug an – Jeans und T-Shirt sind ihm sonst lieber. Jim Vurnan ist „sein“ Abgebordneter, also der Vertreter der Interessen der Bürger von Dorchester, wo Kenzie lebt. Die Senatoren Sterling Mulkern und Brian Sterling sind schon eine Stufe weiter und strahlen von ganz allein ihre Autorität aus. Kenzie soll wichtige Papiere wiederbesorgen. Denn eine Abstimmung steht an, die drei haben brisantes Material gesammelt (wie sie durchblicken lassen mit nicht ganz legalen Mitteln), und nun droht alles zu platzen, weil diese Papiere weg sind. Die Diebin ist bekannt. Es ist Jenna Angeline, Putzfrau bei den Senatoren. Hat man sie, hat man die Papiere und alles ist wieder wie es sein sollte. Easy job!

Nun ist es so, dass Dennis Lehane dieses Buch geschrieben hat. Und der ist nicht gerade für geradlinige Geschichten bekannt. In „Mystic River“ lässt er alle Beteiligten bis zum Schluss Hin- und Herschwanken. Und in „Shutter Island“ treibt er es auf die Spitze, in dem er selbst die Ermittler an der Identität des Anderen zweifeln lassen.

Patrick Kenzie hat eine Detektei, deren Büro sich einem ausrangierten – und unbeglockten – Kirchturm befindet. Gemütlich träfe es wohl am besten, würde man versuchen den Raum zu beschreiben. Optisches Highlight des Arbeitsraumes, wenn man Kenzie Glauben schenkt, ist aber Gennaro, Angela Gennaro, die Partnerin des Privatermittlers. Sie kennen sich seit Kindertagen, sind echte Freunde, was Kenzie freut und zutiefst bedauert. Denn Angela ist die einige Frau auf der Welt, die die seine ins Wanken bringen könnte. Und es auch gelegentlich tut. Doch Angela ist verheiratet, unglücklich verheiratet. Das ist aber eine andere Geschichte. Kenzie & Gennaro müssen nun Jenna finden. Dann haben sie die Papiere, informieren die drei Politiker, mit denen sich Kenzie im Ritz getroffen hat, kassieren und können sich dem nächsten Fall widmen.

Jenna zu finden, ist ein Kinderspiel. Die frustrierte Putzfrau ist zum ersten Mal in ihrem Leben begehrt. Aber nicht, um den Müll rauszubringen, einen kleinen Weg zu erledigen oder für andere Gefälligkeiten zur Verfügung zu stehen, sondern weil sie etwas Wichtiges in den Händen hält. Diese Rolle gefällt ihr, macht ihr aber auch Angst. Nicht zu Unrecht…

Mittlerweile wissen Kenzie und Gennaro auch worum es in der Abstimmung gehen soll. Bandenmitglieder sollen als Terroristen eingestuft werden. Das bedeutet, dass ihnen ohne viel Tamtam der Knast droht, wenn sie aufgegriffen werden. Und einer der Drei hat in der Vergangenheit etwas Dummes getan… etwas sehr Dummes… Der Plan der drei Politiker und ihrer Freunde scheint zu scheitern. Und Kenzie und Gennaro sitzen nicht unwissend zwischen Baum und Borke, sondern mitten im Kugelhagel der Bostoner Unterwelt. Welch ein Anfang für eine Krimireihe!

 

Es ist still im Turm, im Büro der Detektei von Patrick Kenzie und Angie Gennaro. Zu ruhig. Das ändert sich als Diandra Warren den beiden Ermittlerin ihre Geschichte erzählt. Moira Kenzie, nicht verwandt mit Patrick Kenzie, berichtete der renommierten Psychologin vom Myrtyrium ihrer Beziehung mit Kevin Hurlihy, einem bekannten Mafiamitglied, der jedem, der Moira auch nur anschaut gern mal das Lebenslicht ausbläst. Moira wurde verprügelt, vergewaltigt, musste zusehen wie Kevin mit anderen Frauen schläft. Diandra Warren hoffte insgeheim, dass Moira und Patrick irgendeine verwandtschaftliche Beziehung zueinander hätten. Denn so ist sie auf die Detektei gekommen. Nun ist Moira Kenzie verschwunden. Und Diandra Warren flatterte eine Warnung ins Haus. Ihr Sohn Jason wäre in Gefahr, würde sie das Arztgeheimnis verletzen. Jason braucht also zumindest eine unauffällige Überwachung, damit ihm nichts passiert.

Das Ganze riecht irgendwie nach Mafia, irischer Mafia. Doch die haben alle ein Alibi, dass sogar Kenzie und Gennaro überzeugt. Viel Zeit nachzudenken haben die beiden nicht (Kenzie denkt zum Beispiel darüber nach, warum die junge Frau, die Diandra Warren so bereitwillig ihr Leid klagte, ausgerechnet den Nachnamen Kenzie wählt – inzwischen steht fest, dass Moira Kenzie gar nicht existiert).

Eine junge Frau wird ermordet – gekreuzigt. Kenzie kennt, kannte sie schon seit Kindertagen. Ein schrecklicher Moment für den Ermittler. So etwas gab es schon mal. Ein Alec Hardiman wurde verurteilt. Seitdem sitzt er im Knast. Irritiert nimmt Kenzie zur Kenntnis, dass einer der ermittelnden Beamten, damals noch Kollegen von Kenzie, Hardimans Vater war.

Die Gespräche mit den Ex-Kollegen bringen Kenzie der Lösung näher, aber noch lange nicht ans Ziel. Auch die Observation von Jason Warren ist wenig erhellend. Um nicht zu sagen langweilig. Außer, dass er bisexuell ist – was seine Mutter schon längst weiß bzw. vermutet – gibt es nichts, was Jason Warren irgendwie auffällig erscheinen lässt. Auch wird er nicht bedroht. Alles klar? Nein, denn auch Jason wird bestialisch ermordet: In Stücke geschnitten, zerfetzt, zerrissen.

Das FBI ist dem Fall auch schon auf der Spur. Sie haben allerdings einen anderen Ansatz. Für die Agents laufen einige der Fäden bei einer Person zusammen: Patrick Kenzie!

Kenzie geht in den Knast. Aber nicht, weil das FBI seine Vermutungen beweisen konnte, sondern weil dort Alec Hardiman sitzt. Der hat nicts mehr zu verlieren, der Knast ist ihm ein Heim geworden. Seine AIDS-Erkrankung nützt seinem kranken Hirn mehr als es ihm Angst einjagen würde. Selbst hier im Knast geht er dem nach, was ihm am liebsten ist: Menschen quälen. Denn er weiß, dass da draußen jemand ist, der sein Werk fortführt, ein Bruder im Geiste ist.

Nach und nach kommt für Kenzie etwas Licht ins Dunkel. Und das Dunkel reicht verdammt weit zurück. Zurück in sein Viertel. Zu seinem Vater, zur Polizei, zur Feuerwehr, zum „Recht-In-Die-Hand-Nehmen“.

Dennis Lehane ruft so einige Figuren auf den Plan, die dem Leser bekannt vorkommen. So richtig kennt man sie trotzdem nicht. Das haben Leser und Patrick Kenzie gemeinsam. Denn wer vermutet hinter dem Mörder schon …

 

Patrick Kenzie und Angela Gennaro haben Betriebsferien. Post öffnen, ans Telefon gehen, ermitteln – alles liegt brach. Zeit, um sich ein wenig umzuschauen. Das Auge schulen. Und schon haben sie auch was im Blick. Ein Typ wie aus einer anderen Zeit, auf alle Fälle aber aus einer anderen Gegend. Zu elegant. Die beiden beschließen dem lustig aussehenden Kerlchen auf den Zahn zu fühlen. Sie trennen sich und durchstreifen ihr Viertel. Was sie nicht wissen: Es ist nicht nur ein schräger Vogel, der sie offenbar beschattet. Kurze Zeit später wachen Kenzie und Gennaro mit Kopfschmerzen und gefesselt wieder auf. Trevor Stone steht vor ihnen. Ihn als reich zu bezeichnen, wäre eine glatte Untertreibung. Ein Wortgefecht entspinnt sich, an dessen Ende sie vor die Wahl gestellt werden 20.000 Dollar als Wiedergutmachung einzustreichen und alles auf sich beruhen zu lassen oder nach Desiree zu suchen. Sie ist die Tochter von Trevor Stone. Was soll man machen? Leicht verdientes Geld oder spannungsgeladene Spurensuche? Kenzie und Gennaro entscheiden sich für Letzteres. Das Zweieinhalbfache der „Entschädigung“ dürfte die Entscheidung beeinflusst haben.

Desiree Stone wuchs wohlbehütet auf. Bis ihre Mutter starb. Und bei ihrem Vater Krebs diagnostiziert wurde. Seitdem irrte sie – immer unter Beobachtung der Vertrauten ihres Vaters – scheinbar planlos durch die Stadt. Bis … ja, bis sie verschwand. Jay Becker, der gewissenhafteste Schnüffler Bostons und Mentor von Kenzie und Gennaro heftete sich an ihre Fersen. Und er fand sie. Ein Verein für Trauerbewältigung hatte sie bei sich aufgenommen. Gerade als er seine Erkenntnisse über Desirees Verbleib dem besorgten Vater mitteilen wollte, verschwand Jay Becker auf Nimmerwiedersehen. Zurück blieben nur seine exakten, vor Korrektheit strotzenden Berichte. Nur die letzten Berichte fielen ein wenig aus dem Rahmen. So sehr, dass man ihn fast von diesem Fall abgezogen hätte.

Vielleicht sollten Kenzie und Gennaro ihre Suche nach Jay Becker intensivieren, doch dazu bedarf es eines

Szenenwechsels: Florida. Jay Becker ist auch schon da. Und Desiree auch. Die ist inzwischen in einer dubiosen Sekte gelandet. Deren Chef hat sich einen Batzen Geld unter den Nagel gerissen, was er Desiree erzählt hat. Kenzie kann diese Geschichte, die ihm Becker da auftischt, nicht glauben. Genauso wenig wie die vermeintlich eigentlichen Hintergründe, warum erst Becker und Kenzie und Gennaro vom besorgten Trevor Stone beauftragt wurden, um seine über alle geliebte Tochter wieder zu finden…

Dennis Lehane macht einen Tatort nach dem anderen auf, strickt eine wilde Idee nach der Anderen, lässt Tote wieder auferstehen. Aber er schafft es mit scharfsinniger Wortbrillanz den Leser bei der Stange zu halten. Immer wieder meint man dem Geheimnis um Desiree und ihrem Vater auf die Spur zu kommen. Kenzie und Gennaro glauben sich dem Ziel auch mehr als einmal ganz nah zu sein. Und immer wieder fliegen Leser und Ermittlern knüppeldicke Äste in die Knie und lassen sie zu Boden gehen. Doch Lehane lässt niemanden verletzt am Boden liegen. Dennis Lehanes Figuren setzen sich ganz tief im Gehirn des Lesers fest.

 

Überall nur Uniformen, Schreibblöcke und der unweigerliche Fragenkatalog. Als die vierjährige Amanda entführt wird, wimmelt es im Haus der Mutter der Kleinen nur so von Polizisten. Auch der Onkel und die Tante sind mehr oder weniger genervt von dem Polizeiaufgebot. Denn bis heute, ein paar Wochen später hat sich nichts getan. Amanda ist weiterhin verschwunden. Auch wenn von oberster Stelle der Fall Amanda oberste Priorität genießt. Patrick und Angela, Kenzie und Gennaro, sind da aus anderem Holz geschnitzt. Als Privatermittler müssen sie sich nicht an den Fragenkatalog halten, notieren sich nicht unentwegt zahllose Fakten, und Uniformen tragen sie schon gar nicht. Und: Sie kennen sich hier in Dorchester, Bostoner Stadtteil mit mehr als zweifelhaftem Ruf, bestens aus. Onkel Lionel kann zum ersten Mal so richtig vom Leder ziehen. Die Mutter der Kleinen ist nicht gerade das Idealbild einer Mutter. Drogen und Verzweiflung statt Liebe und Fürsorge. Pat und Angie geben dem Onkel zum ersten Mal das Gefühl, dass die Sache gut ausgehen könnte.

Bei der Polizei liegt der Fall ganz anders. Sie sehen in den beiden Privatermittlern, die in einem Glockenturm ihr Büro haben, einfach nur Störenfriede. Fehlt nur noch, dass sie Erfolg haben.

Es spricht vieles dagegen, dass Kenzie / Gennaro und der Fall der verschwundenen Amanda ein Paar werden. Zunächst einmal ist da das Honorar. Onkel Lionel und Tante Beatrice können es sich nicht leisten Privatdetektive zu engagieren. Jack Doyle, der die Abteilung für vermisste Kinder (aus privaten Gründen) aufgebaut hat und immer leitet, sieht es nicht gern, wenn seine Arbeit durch Amateure behindert wird. Und Pat und Angie sind finanziell gut aufgestellt, sie brauchen vorerst keine neuen Fälle. Doch Tante Beatrice ist hartnäckig. Und dass Helene, Amandas Mom, immer noch eifersüchtig auf Angie ist – sie kennen sie aus der Schule – hat einen gewissen Reiz.

Auf ihren Streifzügen durch ihr Viertel erfahren Kenzie und Gennaro viel über Helene und die Nacht, in der Amanda verschwand. Und sie treffen Leute, die alle irgendwas zu dem Fall zu sagen haben. So wie Poole und Broussard, zwei von Jack Doyles Leuten. Sie hatten einen Skinny Ray im Visier. Eine Art Freund von Helene. Auch er sitzt tief im Drogensumpf. Wie Helen. Nur ein bisschen tiefer. Dollarzeichen tanzen vor den Augen der Ermittler. Nicht die des eigenen Honorars, sondern die Scheine, die direkt mit der verschwundenen Amanda zu tun zu haben scheinen.

Bei Jules Verne haben wir gelernt, dass es umso wärmer wird, je näher man dem Erdkern kommt. Je tiefer Kenzie und Gennaro in den Fall eintauchen, desto näher kommen sie einer Wahrheit, die so vielschichtig ist, dass man mit dem Häuten gar nicht hinterherkommt. Dennis Lehane baut ein perfides und perverses Spektrum an menschlicher Niedertracht auf und lässt es wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Dass dabei am Schluss ein Täter präsentiert wird, den man so gar nicht auf der Rechnung hatte, ist nur konsequent und irgendwie auch logisch. Der Weg zurück an die Oberfläche ist dagegen ein beschwerlicher. Man gewöhnt sich an die Hitze der Unterwelt und ist nicht abgeneigt zu behaupten, dass alles ja so kommen musste. Mit etwas Abstand jedoch muss man sich eingestehen, dass man den Phantasien des Autors gehörig auf den Leim gegangen ist. Und das ist die ganz große Kunst eines Dennis Lehane. Wer meint nach einhundert Seiten schon eine Spur entdeckt zu haben, der irrt. Denn es folgen noch hunderte von Seiten, auf denen Ermittler und Leser auf falsche Spuren gelockt werden, Haken geschlagen und Wendungen vollzogen werden, die einem noch Gänsehaut spüren lassen, wenn man das Buch schon längst beiseitegelegt hat.