Nora Tabani – Zürich

01 Filmriss

Beim Thema Absturz, substanzbedingter Gedächtnisverlust oder Filmriss können viel mitreden – soweit es das Erinnerungsvermögen zulässt. Doch druckreif sind diese Lücken meist nicht. Wer jetzt einen Krimi erwartet, in jemand etwas getan hat, dass er ohne diesen Filmriss nie getan hätte, liegt nur teilweise richtig. Denn Mitra Devi spinnt um diesen Fakt eine verzwickte Situation, die es im “richtigen Leben“ kaum geben wird.

Familie Kaiser lebt am Zürichberg, eine der Gegenden, die man sich leisten können muss. Mutter Helen, Stiefvater Markus und die neunjährigen Zwillinge Lucas und Lorena. Die Zwillinge sind das Objekt der Begierde von Entführern. Und das drei Tage vor Weihnachten!

Etwa zur gleichen Zeit erwacht Jeff – er erfährt erst später, dass er wohl so heißen soll – aus dem Schwarz seines Gefängnisses. Grün und Blau hat man ihn geschlagen. Den Geschmack von rotem Blut hat er immer noch im Mund. Seine Hämatome werden sich erst in ein paar Tagen ins gelbliche verwandeln. Geknebelt ist er. In einem Schließfach! Als er endlich ans Tageslicht befördert wird, weiß er weder seinen Namen noch seinen Aufenthaltsort. Ziellos irrt er durch Zürich. Auf der Suche nach Lenny, der ihm den nächsten Schuss kostengünstig anbieten wird.

Grau ist hingegen Nora Tabanis Tag. Die Detektivin knabbert nicht ein wenig an ihrem mageren Brot und ihrer braunen Banane und hofft, dass sich ihre finanzielle Situation schnell ändern wird. Sie und Jan, ihr Kollege, brauchen dringend einen neuen Auftrag. Einen lukrativen Auftrag. Und den bekommt sie von den Kaisers. Keine Polizei, das war die Ansage der Entführer. Nora Tabani ist nicht die Polizei. Aber genauso verbissen!

Ohne voneinander zu wissen durchforsten Jeff und Nora Zürich. Sie nach den verschwunden Kindern, er auf der Suche nach seiner Identität und der verlorenen Zeit. Und beiden werden Steine in den Weg gelegt. Jeff findet heraus, dass er eigentlich Jonas heißt. Und Lenny tot ist. Paddy hat es ihm gesagt. Paddy, sein Freund. Freundschaften unter Junkies? Oder ist Paddy sein Dealer? Oder ganz was anderes?

Nora kämpft nicht nur gegen die Zeit – die ersten 24 Stunden nach einer Entführung sind die wichtigsten. Immer wieder kommen neue Informationen von Familie Kaiser. Helens Ex-Ehemann hatte die Kinder vor Jahren schon einmal entführt. Dieses Mal kann er es nicht sein. Er sitzt … im Knast. Auch Markus Kaisers Verhalten ist sonderbar. Zusammenarbeit sieht anders aus!

Jeff hat sein altes Adressbuch gefunden und besucht seinen Sozialarbeiter, den er wohl offensichtlich hat. Der legt ihm nun sein bisheriges Leben dar. Jeff ist entsetzt. Eine typische Drogenkarriere. Mit allem, was dazugehört.

Paco und sein Bruder Caleb und auch Hektor gingen einen ähnlichen Weg. Pacos Name taucht in Jeffs Adressliste auf. Jetzt stehen Paco, Caleb und Hektor vor dem größten Coup ihres Lebens: Sie wollen zwei Millionen Franken für Lukas und Lorena. Und sie sind zu allem bereit. Dumm nur, dass Lukas fliehen konnte.

Nora Tabani ist auch nicht gerade vom Glück verfolgt: Die Entführer kennen sie und wollen, dass sie verschwindet. Keine Polizei bedeutet auch keine Privatschnüffler. Familie Kaiser ist unschlüssig. Während Markus den Forderungen der Entführer nachkommen will, hängt Helen Kaiser der Idee nach Nora Tabani nicht außen vor zu lassen.

Mitra Devis Beschreibungen der Situation der entführten Kinder, ihr Detailwissen über das Leben eines Junkies und der Ermittlungsarbeiten in derartigen Fällen ist beeindruckend. Kein Elternteil kann und will sich vorstellen wie Kinder leiden müssen. Beim Lesen kommt man schon das eine oder andere Mal in Stocken und muss erstmal schlucken. Wenn Radio Kino im Kopf ist, dann ist dieses Buch die pure Realität. Auch wenn die Geschichte fiktiv ist, wirkt in keiner einzigen Zeile wie ausgedacht.

 

02 Seelensplitter

Dass eine Sekretärin eine Privatdetektivin engagiert, um den Tod des Chefs zu untersuchen, passiert auch nicht alle Tage. Es sei denn, dass die Sekretärin und der Chef … In diesem Fall scheint es aber anders zu sein. Sarah Dobler kannte ihren Chef Maximilian Kowalski gut. Er der Energieprotz, fast 60, der jedem Rock hinterher stieg und mit seiner Art jedwede menschliche Natur vor den Kopf stieß. Und sie, Sarah Dobler, die engagierte Zier eines jeden Büros, waren kein Paar. Sie wusste ihn zu nehmen, seine Macken zu ertragen und manchmal ihnen auszuweichen. Nein Sarah ist einfach nur der Meinung, dass der Sprung von der Terrasse anlässlich des 20jährgen Firmenjubiläums von Store & Co. kein Unfall war. Bei Store & Co kann jeder, der es sich leisten kann, gegen eine geringe Gebühr seinen Krempel einlagern. Klar, der Chef hatte ordentlich getankt. Doch der Spruch, er könne fliegen – was er unbedingt und nicht gerade zu seinem Vorteil – beweisen wollte, lassen Sarah zweifeln. Für die Polizei ist der Fall klar: Max Kowalski hatte mächtig einen über den Durst, und ist dann über die Brüstung gekippt. Sonnenklar, wie Zürich im April.

Nora Tabani und ihr Kollege Jan nehmen die Lagerfirma unter die Lupe. Jan stößt in den Mails schnell auf ein weiteres Motiv. Bei Store & Co. sollen Waffen eingelagert worden sein. Kein schlechtes Motiv! Wäre aber zu einfach für Mitra Devi. Sie lässt die Witwe und den potentiellen Nachfolger auf dem Chefsessel eine Liaison haben. Ein Lagermitarbeiter lässt Nora Tabani abblitzen als sie in der Firma ermittelt. Und außerdem ist da noch Lisa. Sie nennt sich jetzt Alruna, nach der berauschenden Alraune. Eine Pflanze, die in der richtigen Menge verabreicht dem Konsumenten glauben macht, er könne fliegen. Zum Beispiel nach oder bei einer Firmenfeier. Einfach über die Brüstung springen und fliiiiiiegen. Was natürlich nicht funktioniert und zur Folge haben kann, dass eine gewissenhafte Privatermittlerin sich mit dem Fall befasst.

Lisa wuchs bei ihren Hippie-Eltern auf. Regeln kannte sie nicht. Nur Freiheit, in jeglicher Form. Dann kam das Jugendamt… Das alles ist zwanzig Jahre her. Und Lisa / Alruna schwört Rache. Rache an … Ja, genau das muss Nora Tabani rausfinden. Und sie hat nicht mehr viel Zeit. Denn Alruna hat einen Plan. Sie wird bald 27, in diesem Alter – als sie 27 Tage verheiratet waren – nahmen sich ihre Eltern das Leben. Sie waren 27 Jahre alt.

In der Firma Store & Co. geht die Mordserie weiter. Doch hat der mögliche Waffendeal wirklich was mit den Morden zu tun? Oder ist er nur ein Nebenkriegsschauplatz? Nora Tabani muss viel tiefer graben.

Erfahrenen Zürich-Krimi-Lesern kommen einige Orte bekannt vor – fast schon wie ein Reiseführer führt Mitra Devi den Leser durch die Stadt an der Limmat – auch eine weitere Person, die im Krimi-Leben der Stadt mittlerweile eine preisgekrönte Institution ist, hat einen entscheidenden Auftritt: Regina Flint, die Staatsanwältin aus den Roman von Petra Ivanov. Nora Tabani bittet sie um Hilfe. Eine Obduktion ist notwendig. Das Joint-Venture führt zum Erfolg und wird bald eine Fortsetzung erfahren…

03 Das Kainszeichen

Folgende Situation: Die Polizei wird an einen Tatort gerufen. Ein blutverschmierter Mann liegt auf dem Boden. Erstochen. Ein weiterer Mann steht regungslos herum. Eine Frau ebenso. Sie hat ein blutiges Messer in der Tasche. Wer ist der Mörder? Und in welchem Verhältnis stehen Mörder (egal, ob einer oder zwei) und Opfer?

Ist doch eindeutig! Die rau mit dem Messer in der Tasche hat den Toten ermordet. Der Andere hat ihr geholfen. Klarer wird es durch die Tatsache, dass Frau und Toter einst Ehemann und Ehefrau waren. Aber mal ganz ehrlich: Taugt das für einen guten Krimi? Vielleicht bei Columbo. Aber nicht bei Mitra Devi! Sie hat eine viel verzwicktere Geschichte parat.

Die Frau mit dem Messer heißt Carla Manser und ist Psychiaterin. Und ja, der Tot heißt Mark Manser und war mal ihr Gatte. Der Andere heißt Paul Berthold und ihm wurde von der Presse der Spitzname „Der Kainszeichenmörder“ verliehen. Er hatte seinem Opfer ein Kreuz in die Stirn geritzt, nachdem er es umbrachte. Ihm brachte das den Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt mit dem wohlklingenden Namen „Seeblick“ ein. Das ist Jahre her. Nun hat Dr. Tillmann, der Klinikleiter, Carla Manser damit beauftragt Paul Berthold ambulant weiter zu betreuen. Und der geht gleich aufs Ganze. Am 1. Juli erzählt der durchaus als sehr intelligent zu bezeichnende Patient seiner Therapeutin wie sehr ihm Bilder von Morden plagen, ihn regelrecht auffordern zu töten. Am 2. Juli lockt er sie mitten in der Nacht in eine verlassene Papierfabrik. Er habe wieder getötet. Carla solle unbedingt allein kommen. Sonst würde er sich selbst töten. Carla kommt, nicht ohne der Polizei und dem Klinikleiter Bescheid zu geben. Doch zu spät! Berthold hat Mark Menser ermordet. Carla konnte ihm das Messer abnehmen und nun stehen die Polizisten vor einem geklärten Mordfall. Inklusive der Leiche alles noch ganz warm.

Nora Tabani hat auch nicht gerade ihren besten Tag. Auf den Tag genau vor sechs Jahren wurde ihr Vater Carlo im Dienst erschossen. Der Mann, der ihr Ein und Alles war. Der Grund, warum sie Polizistin und dann Privatdetektivin wurde. Ihr Verhältnis zu Sonja, wie sie ihre Mutter nennen soll, ist nüchtern und sachlich. Doch es besteht Hoffnung: Sonja will in Zürich ausstellen und steht schon wenige Stunden später nach ihrer Ankündigung auf dem Bahnsteig in Zürich. Nora ist ganz mulmig zumute.

Fast schon als Erlösung empfindet sie ihren neuen Fall. Als sie Hilfe brauchte, nach dem gewaltsamen Tod des Vaters, suchte Nora Hilfe. Die bekam sie von Carla Manser. Die beiden freundeten sich sogar an. Zeit für eine Revanche. Denn nun braucht Carla dringend Hilfe von Nora. Nora weiß, dass Carla nicht die Mörderin sein kann. Und sei weiß auch wie ihrer Freundin helfen kann. Es ist allerdings ein sehr riskanter Plan. Sie will sich als Patientin im „Seeblick“ einweisen lassen. Und sie wird fündig! Die Zustände hier im Haus sind … katastrophal, gemeingefährlich, menschenunwürdig, brachial, mörderisch!

Nora Tabani wird von Mitra Devi an die Grenzen der Belastbarkeit geführt. Als Leser staunt man über das enorme Detailwissen der Autorin über die Psychiatrie und fühlt sich mit jeder Seite, jeder Zeile sicherer im geheimnisvollen Metier der manchmal wirren Gedanken. Mit „Das Kainszeichen“ beginnt eine neue Ära von Nora Tabani. Die Buchtitel bekommen Artikel und die Kapitel sind in Tagebuchform geschrieben. Siebzehn Tage, die Nora Tabanis Welt ordentlich durchschütteln werden. Privat als auch dienstlich.

 

04 Der Blutsfeind

Neuer Tag, neues Glück! Ein hehres Motto, um den Tag zu beginnen. Nora Tabani, die Privatdetektivin, will ihren nächsten Kunden in der Bank treffen, er wollte das so. Nichts Ungewöhnliches.

Bashkim hat heute seinen ersten Arbeitstag bei der Zürich Credit Bank. Nach jahrelangem Lernen hat er endlich seinen Traumjob gefunden. Wie aus dem Ei gepellt, sieht er hoffnungsfroh diesem ersehnten Tag entgegen.

Greta freut sich heute den 78. Geburtstag ihrer Schwester zu feiern. Die beiden verbindet nicht nur ihre Blutsverwandtschaft miteinander. Beide sind begeisterte Krimifans. Während Greta mehr die nordischen Bücher bevorzugt, schwelgt Mathilda immer noch in Erinnerungen an Venedig, das sie einst mit ihrem Mann besuchte.

Parker blickt dem Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. Er will sich mit Tony treffen. Tony ist der Typ Freund, Kumpel, auf den man nicht immer setzen sollte. Unzuverlässig trifft es vielleicht nicht ganz, doch wer sich voll und ganz auf Tony verlässt, ist verlassen. Neben ihm liegt die Knarre von Nick. Die sei verflucht, meinte Nick. Seine Freundin habe ihn in den Wahnsinn getrieben. So knallte er sie ab, dachte er. Mitten in den Kopf. Doch sie überlebte, Nick sitzt seit dem.

Der geneigte Krimifan weiß mit den einleitenden Charakterstudien etwas anzufangen. Nora, Greta und Bashkim sind in der Bank. Zwei wollen Geld abheben, einer wird es ihnen geben. Doch dieser Tag ist kein guter Tag, und von neuem Glück sind alle weit entfernt als Parker und Tony die Bank betreten – maskiert und mit der verfluchten Waffe. Ein kurzer Überfall mit einem sechsstelligen Ertrag sollte es werden. Parker hatte alles bestens geplant. Doch Tony schießt quer. Er will mehr, will die Schließfächer leeren.

Von den beiden unbeobachtet, kann Nora Tabani ihren Assistenten Jan telefonisch erreichen. Er hört über sein Handy einen Schuss und Wortfetzen. Die Polizei weiß zu diesem Zeitpunkt schon Bescheid – Bashkim hat den stummen Alarm ausgelöst.

Nach einer Viertelstunde ist der Wachmann angeschossen, kennt die Polizei die Anzahl der Geiseln, ein weiterer Wachmann konnte sich gerade noch retten und Nora Tabani weiß, dass einer der Räuber sie kennt. Wie gut, weiß sie bis dahin noch nicht. Sie zählt die verschossenen Patronen, erinnert sich an früher. Alles zugleich. Extremsituationen fördern bei ihr das Denkvermögen. Nur wer dieser Typ ist, was das alles soll, ob alles ein Falle für sie sein könnte – darauf hat sie noch keine Antworten parat.

Mitra Devi nimmt den Leser mit auf eine Reise, die im Buch nur wenige Stunden dauert. Doch dem Leser noch lange in Erinnerung bleiben wird. Die Angst der Geiseln ist so greifbar, dass sich beim Lesen unmerklich der Puls erhöht. Tabani greift nach dem Leser, der zum Komplizen und Mitleidenden gemacht wird. Die einzige Schwierigkeit besteht nun darin vor lauter (An-)Spannung das Buch ruhig zu halten. Die Wendungen in diesem Krimi sind nicht nur rasch, sie sind dermaßen unerwartet, dass man vor Freude jauchzen möchte.