Aurelio Zen – Italien

01 - Entführung auf Italienisch

Wenn jemand Neues in die Firma kommt, wird er erstmal misstrauisch beäugt. Das ist fast immer so. Der Neue ist Aurelio Zen, Commissario im Innenministerium. Ein Querdenker, den seine Vorgesetzten wegen seiner Erfolgsquote schätzen, dessen Methoden und Schlussfolgerungen sie jedoch fürchten. Gerade wieder in Rom, wird er nach Perugia geschickt. Hier wurde der Industrielle Ruggiero Miletti entführt. Und das schon vor Monaten. Die Zeitungen liefern sich eine Überschriftenschlacht, dass kaum einer mehr weiß, was wahr und was falsch ist.

Zen ist überhaupt nicht glücklich über diese Entwicklung. Gerade erst hat er seine Mutter zu sich nach Rom geholt. Will sie um sich haben. Auch mit Ellen, seiner Freundin, wollte er ein paar schöne Tage verbringen. Na dann eben Perugia. Ein spannender Fall. Die Milettis sind die Unterhaltungselektronikdynastie Italiens. Ruggieros Großvater war einer der ersten, Grammophone produzierte. Erstklassige Qualität hat den Ruf der Marke SIMP geprägt. Doch irgendwas ist faul an der Sache. Unterstützung von den Kollegen kann „der Superbulle aus Rom“, wie er abschätzig genannt wird, nicht erwarten. Die Verhandlungen mit den Entführern führt ein Anwalt für Arbeitsrecht, Ubaldo Valesio. Die Behörden müssen sich voll und ganz auf seine Ausführungen verlassen. Ein Lösegeld von zehn Milliarden Lire steht im Raum. Damals, Ende der Achtziger, schon eine Menge Geld, heute wären es fünf Millionen Euro, was auch nicht gerade wenig erscheint.

Es bleibt kaum Zeit sich einzugewöhnen als ein bedrohlicher Anruf eingeht. Es gibt eine Leiche. Sollte der Entführungsfall schon zu Ende sein und / oder ein Mordfall daraus werden? Am Tatort angekommen, wird langsam klar, dass der Tote nicht Ruggiero Miletti ist. Es ist Ubaldo Valesio! Luciano Bartocci, Untersuchungsrichter in Perugia, scheint in diesem Moment der Einzige zu sein, mit dem Aurelio Zen unbefangen über den Fall reden kann. Er kannte Valesio, und er kennt auch die SIMP, weiß, dass sie an die Japaner verkauft werden soll, dass die Belegschaft aufs Übelste hintergangen wird. Und dass sich die Familie untereinander nicht grün ist. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, doch kann man nicht voneinander lassen. Man braucht sich gegenseitig, um die eigenen Ziele verfolgen zu können.

Bartocci hat noch eine weitere Theorie: Die Entführung war gar keine und dient nur einem höheren Zweck. Zen hat kaum Zeit sich ein Gesamtbild zu machen, denn schon steht die Witwe des ermordeten Unterhändlers auf der Matte. Patrizia Vaselio gibt die ersten brauchbaren Hinweise…

Aurelio Zen gerät in Perugia in ein gefährliches Getriebe aus Verrat, Missgunst, Machtgeilheit und Familienzwist, das er schwer durchschauen kann. Er kann kaum jemandem vertrauen, es scheint, dass jeder in diesem Fall eigene Interessen verfolgt. Und das aus unterschiedlichen Gründen.

 

02 - Vendetta

So ein Videoabend ist doch eine feine Sache. Man sitzt zusammen, die Bilder flackern, man lacht, findet vielleicht ein paar Film- oder Anschlussfehler. Aurelio Zen, Vize-Questore bei den „Supercops“ in Rom ist da anders gestrickt. Mitten in der Woche, tief in der Nacht sitzt er allein vor der Glotze, seine Mutter schläft. Oder sollte es zumindest. Sie steht in der Tür und nimmt ihrem Sohn die „Ermittlerarbeit“ ab – „Der war’s!“ Doch Aurelio Zen sieht nicht irgendeinen Krimi, weil er nicht schlafen kann. Es ist Beweismaterial. Und da er zuhause noch einen Videorekorder hat, hat er sich die Arbeit mit nach Hause genommen.

Auf dem Band sind die letzten Minuten von Oscar Burolo zu sehen. Ein Tausendsasa, ein Magnat und Geldmagnet. Wo andere sich über ein paar Prozente Gewinn die Hände reiben, streicht er das Zigfache ein. Erfolg ist für ihn nicht Ziel, es ist die Basis seines (Geschäfts-)Lebens. Auf Sardinien hat er ein ansehnliches Anwesen. Das Meerwasser lässt er über eine Pipeline exportieren, die Überwachung ist nahezu einbruchssicher. Nahezu! Denn nun liegt er da, tot.

Die Suche nach dem Täter und dem Motiv führt nur über das Wissen darüber wie der oder die Täter in die Burg gelangt sind. Das Video ist nur der Anfang einer zähen Hatz nach den Gründen der Tat. Zu eindimensional verlaufen die Ermittlungen, zweidimensional das Beweismaterial – da hilft nur Eines: Ein dritte Dimension – auf nach Sardinien! Inkognito. Als Schweizer Geschäftsmann, der hier eine Immobilie erwerben möchte. Und zwar die von Oscar Burolo. Zen hat die Rechnung ohne die örtliche ehrenwerte Gesellschaft gemacht. Seine Tarnung fliegt schnell auf. Misstrauisch war man von Anfang an, doch dann stellt man sich ihm offen in den Weg…

Von der Schönheit der Insel sieht Aurelio Zen nur wenig. Der Leser dafür umso mehr. Fast nebenbei gibt Michael Dibdin einen Einblick in die Eigenarten der Sarden. Zu einer Zeit, in der sich Unabhängigkeitsbestrebungen und kriminelle Energie den Weg in die Öffentlichkeit bahnten, muss er sich mit kleinen Ganoven und großen Nummern auseinandersetzen. Jeder Satz in diesem Krimi sitzt! Obwohl Aurelio Zen mit den übelsten Gestalten zu tun hat, wird der Ekel und die Abscheu gegenüber den „ehrenwerten Herren“ nicht so sehr in den Vordergrund gestellt. Sie sind Beiwerk im Bestreben des Ermittlers der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Als Leser ist man in der komfortablen Situation alles auf sich zukommen zu lassen und entspannt eines der spannendsten Bücher genießen zu können.

 

01 - Himmelfahrt

Kirchen sind in fast jeder Stadt ein touristischer Anziehungspunkt. Man denke nur an Sacre Coeur oder Notre Dame in Paris oder Westminster Abbey in London oder an den Petersdom in Rom. Hier hält man inne. Genießt im Sommer die kühle Atmosphäre, bestaunt die zahlreichen Kunstwerke, oder man macht das, wofür die Gotteshäuser eigentlich gedacht waren: Man betet. Die Stille nimmt sofort Besitz vom Besucher. Jedes störende Geräusch wird augenblicklich bemerkt.

Ludovico Ruspanti ist so ein Störenfried. Mit einem Tosen durchschneidet er die andächtige Ruhe im Gotteshaus. Freiwillig! Er stürzt sich nämlich in den Tod. Nur wenige Sekunden reichen, um die friedvolle Ruhe zu durchbrechen und mit über hundert Sachen kopfvoraus auf den Marmor zu knallen. Die Ruhestörung ist jetzt das kleinere Problem. Aurelio Zen, Kommissar in Rom, glaubt aber nicht an den freiwilligen Abtritt des Prinzen. Da muss noch was anderes im Spiel sein, jemand, der im Hintergrund die Fäden zieht.

Nun ist der Vatikan nicht gerade dafür bekannt seine Informationen zu streuen wie ein Bauer, der sein Saatgut ausbringt. Das weiß Aurelio Zen. Wenn er es nicht wüsste, würde er es jetzt mit jeder Minute mehr zu spüren bekommen. Prinz Ludovico Ruspanti war ein Lebemann, ein Playboy, der – Gerüchten zufolge – das über Jahrhunderte angehäufte Vermögen der Familie mit Drogen und Spielereien aller Art durchbrachte. Zuletzt soll er sich im Vatikan aufgehalten haben. Auch nachts. Außerdem gehörte er zum inneren Kreis des Malteserordens. Und schwul soll er gewesen sein. Und impotent. Wenn nichts mehr funktioniert, dann wenigstens die Gerüchteküche…

Fakt ist, dass der Prinz vom Vatikan beobachtet wurde. Und abgehört. Giovanni Grimaldi war einer seiner Bewacher. Eine Informationsquelle, die Aurelio Zen unbedingt anzapfen muss. Doch er kommt zu spät. Bevor Grimaldi dem Ermittler etwas Ernsthaftes mitteilen kann, fällt auch er dem plötzlichen Tod anheim. Mord! Klar! Was sonst! Langsam, aber sicher, entwickelt sich der Tod des Prinzen zu einer echten Todesspirale.

In der Mitte des Romans hat Aurelio Zen schon zwei Leichen, kaum Zeugen und eine noch nicht ganz gefestigte Liaison mit Tania, seiner frisch geschiedenen Freundin. Und Mama, die sich immer noch und wieder um ihren Sprössling sorgt. Doch Zen ist Mann genug, um diese Situationen zu meistern. Zumal noch lange nicht Schluss ist … mit den Leichen … mit dem Roman … der Geheimnistuerei.

02 - Tödliche Lagune

Ein bisschen mystisch beginnt „Tödliche Lagune“. Das Leben in Venedig ist geprägt vom täglichen Kampf gegen den Zerfall. Ada Zulian bildet da keine Ausnahme. Sie wird von Geistern gepeinigt. Alle um sie herum haben Mitleid. Sie merkt das, mag es aber nicht. Zur gleichen Zeit steigt ein Mann aus einem Zug. Dem Zug aus Rom. Auf dem Bahnsteig von Venezia Santa Lucia – selbst der Name des Bahnhofes verspricht schon Fernweh – atmet er tief ein. Sieht aus wie einer, der nach Jahren der Verbannung wieder die Heimat in sich aufsaugen darf. Ja, so ist es auch. Aurelio Zen, der Polizist aus Rom, ist wieder in seiner Geburtsstadt. Doch nicht weil er Ferien machen will.

Aurelio Zen hat sich – offiziell – vor den Karren von Ellen Durridge spannen lassen. Die reiche Amerikanerin wollte mit ihrem Gatten auf einer Insel ihren Lebensabend aufbauen und genießen. Doch daraus scheint nichts zu werden. Denn ihr Mann ist verschwunden.

Inoffiziell ist Aurelio wegen einer ganz anderen Sache in heimatlichen Gefilden unterwegs. Ada ist das Ziel seiner Ermittlungen. Ada, die verrückte Ada! Doch keiner soll was davon erfahren. Nur Marco, der Freund auf Kindertagen weiß um den besonderen Auftrag Aurelio Zens. Gerissen, findet Marco. Doch so war Aurelio schon immer…

Aurelio Zen merkt schnell, dass sich seit seinem Abwenden von Venedig sich hier einiges verändert hat, vieles jedoch gleich geblieben ist. Nur wem er trauen kann und wem nicht, muss er noch eruieren. Auch Marco darf und will er nicht alles erzählen. Der erzählt Aurelio alles, was er weiß. Zum Beispiel, das Ivan Durridge, bevor er vor einigen Monaten so mysteriös verschwand, gern ausufernde Parties geschmissen hat. Die Wassertaxibetreiber haben sich dabei eine goldene Nase verdient. Und: Dass die Entführung, wenn es denn eine gab, an wohl ungünstigsten Tag des Jahres stattgefunden haben muss. Denn das Niedrigwasser hatte zum angenommenen Entführungszeitpunkt seinem Name alle Ehre gemacht. Selbst Marco, der erfahrene Bootsführer steckte zu dieser Zeit fest, bei strömenden Regen. So ein flaches Boot hätte er auch gern gehabt, dachte er damals.

Aurelio Zen hat genügend Informationen zusammen, um selbst einen Krimi zu schreiben. Es fehlt nur ein Puzzleteil: Das Verbindungsstück zwischen Ada Zulian und Ivan Durridge! Und was haben die politischen Aktivisten einer neuen Bewegung damit zu tun, die Aurelio unbedingt besuchen soll? Vielleicht ist ja das Skelett aus der Jauchegrube das gesuchte Puzzleteil…

Michael Dibdin führt den Leser am Nasenring durch die Arena der Lagunenstadt. Mit Spannung erwartet der Leser, wann endlich die Handlungsstränge miteinander verwoben werden und das Geflecht aus Lügen, Intrigen, Drogenhandel, Mord und Kriegsverbrechen sich präsentiert. Wer dieses Buch einmal beiseitelegt, wird so lange von Neugier gepeinigt sein bis er weiterliest.

 

05 - Cosi fan tutti

Neue Besen kehren gut. Soweit der Volksmund. Doch in diesem Falle ist der Besen Aurelio Zen, und der hat alles andere als Lust auf Kehrwoche. Er ermittelt jetzt in Neapel. Nicht ganz freiwillig. Um seinen Widersachern zu entkommen, hat er sich aus freien Stücken entschlossen sich hierher – seine Mutter nennt es das Sündenbabel Italiens – versetzen lassen. Dass es mit Tania aus ist, bestärkte ihn in seiner Entscheidung. Sie war wohl doch nicht die Richtige…

Caputo ist von den Kollegen wohl derjenige, der ihm am meisten Problem machen könnte. Also schließt er ihn in sein Geheimnis ein, die Versetzung aus freien Stücken etc. Und siehe da – man lässt ihn in Ruhe. Zen kommt, wann er will zur Arbeit, geht, wenn es ihm passt. La dolce vita neapolitana! Seine Vermieterin, für die er ein ganz anderer ist – und sie lässt sich in ihrer Meinung durch nichts, aber auch gar nichts abbringen – hat auch gleich einen kleinen Auftrag für ihn. Dafür ist er immer zu haben. Das hat er schon öfter bewiesen. Ihre Töchter fühlen sich zu den falschen Männern hingezogen. Ein Spielchen soll die Treue der Männer beweisen (oder eben ihre Untreue). Das richtige Schmiermittel ist auch zur Hand.

Doch Aurelio Zen hat auch einen richtigen Fall an der Backe. Eine Schlägerei zwischen Griechen und Amerikanern. Marine. Doch einer der Amerikaner gehört gar nicht mit zur Besatzung des Kreuzers. Vielmehr schweigt er beharrlich. Caputo muss einfach seinen neuen Chef zu Rate ziehen. Denn Zuckerbrot und Peitsche ziehen bei dem renitenten Schläger nicht.

Von wegen ruhiger Job! Und dann auch noch die Kampagne mit der „sauberen Stadt“. Neapel soll vom Joch der Korruption befreit werden. Aurelio Zen wird das Gefühl nicht los vielleicht doch die falsche Entscheidung(en) getroffen zu haben. Denn auch privat ist es nicht zu besten bestellt…

Der fünfte Fall des Wandervogels Aurelio Zen zeigt Italien von seiner verschlagensten Seite. Zen wird in einen Strudel hineingezogen, den er lange kommen sieht und trotzdem nicht entkommen kann. Den Wirrwarr der Straßen kann er noch entziffern, die Spielregeln des Gebens und Nehmens beherrscht er instinktiv. Doch das Versteckspiel der Maskierten fordert von dem gewieften Ermittler das ganze Können ab.

Dieses Buch ist die Neuinterpretation der gleichnamigen Oper Mozarts. Nur dass eben hier nicht nur die Frauen (Cosi fan tutte, tutte als weibliche Form des Plurals), sondern alle – tutti, egal welchen Geschlechts, die Spieler sind. Da ist auch der Leser und Opernfan gefragt. Ein ideales Geschenk. Vielleicht in Verbindung mit einem Opernbesuch? Cosi fan tutte in Neapel, im Real Teatro di San Carlo? Erst dann wird man die Oper richtig verstehen. Ein köstliches Versteckspiel, mit Handelnden, die nie so ganz ihre Intentionen aufdecken wollen.

 

06 - Schwarzer Trüffel

Ein echter Superbulle, dieser Aurelio Zen. Die undurchschaubaren und undurchdringlichen Seilschaften der Macht haben ihm (wieder einmal) die Suppe eingebrockt. Mehr oder weniger zu murren, begibt er sich ins Piemont. Ein Winzer von tadellosem Ruf, was den Wein betrifft, wurde bestialisch, fast schon rituell, ermordet. Und die Weinlese steht vor der Tür. O dio mio! Welch ein Verlust … wenn der Wein nicht rechtzeitig geerntet, die Produktion nicht ordentlich durchgeführt und der Reifeprozess nicht eingehalten werden würde. Ach ja, der Tote kann einem auch leidtun.

Sein Sohn Manlio soll es gewesen sein. Da er im Knast sitzt, ist die Produktion des neuen Jahrganges gefährdet. Ein schneller Erfolg muss her! Ein neuer Verdächtiger auch! Am besten gleich mit Verhaftung! Mission erfolgreich beendet – Fall gelöst – Weinliebhaber und –sammler zufrieden.

Doch es geschieht ein weiterer Mord. Da scheint Methode dahinter zu stecken.

Michael Dibdin hat an dieser Stelle seinen reisefreudigen Bullen noch nicht einmal ein Viertel des Ermittlungsweges beschreiten lassen. Und schon steckt in einem dichten Geflecht aus verwirrenden Seilschaften, Weinpanscherei und historischen Streitigkeiten.

In dem abgeschiedenen Dorf im Piemont, irgendwo in der Nähe von Alba, hat Aldo Vincenzo sein Weinreich errichtet. Als er anfing, nannten ihn viel verrückt. Hier Wein anbauen – unmöglich. Doch mit Beharrlichkeit und einer gehörigen Portion Verschrobenheit und Dickköpfigkeit (mit allem, was dazu gehört) hat er es zu ansehnlichem Reichtum gebracht. Sein Barbaresco ist begehrt. Sammler fiebern schon dem neuen Jahrgang entgegen.

Man kennt sich im Dorf, pflegt Freund- und Feindschaften con passione. Schon bei der bloßen Nennung der Region Piemont und Alba weiß der Genießer, dass es hier nicht nur allein um Wein geht. Tartufo, Trüffel ist die zweite Delikatesse des Ortes. Speziell ausgebildete, ein Vermögen kostende Hunde, sind unerlässlich bei der Suche des schwarzen Goldes des Piemont. Echte Experten erkennen am Gebell den Hund und somit auch dessen Besitzer.

Aurelio Zen ist es gewöhnt, dass man ihn nicht alles auf dem Silbertablett präsentiert. Doch die Verschwiegenheit der Altvorderen setzt ihm mehr zu als die beginnende Grippe. Man bleibt gern unter sich. Jeder weiß etwas vom Anderen. Und Dritte wissen wiederum von den Anderen, dass sie etwas wissen. Alle wissen’s, doch keiner sagt’s. Aurelio Zen bekommt als Sprecherzieher feinsten Gaumenschmaus. Doch das Rezept muss er selbst herausfinden.

 

07 - SizilianischesFinale

Nun also doch! Sizilien! Wenn man als Tourist den Auftrag bekommt dorthin zu reisen … bitte sehr, gern, wie lange? Drei Wochen, ein Jahr? Kein Problem! Das mache ich! Doch Aurelio Zen, der wandernde, spitzfindige Ermittler des italienischen Innenministeriums ist aber nun mal kein Touri, sondern Commissario. Und jetzt muss er mit der Staatspolizei in Sizilien zusammenarbeiten. Und wieder einmal bekommt er als „Mitgift“ ein Überraschungsei, muss drei Dinge mit einem Mal die Reihe bekommen. Denn Staatspolizei und Innenministerium sind wie Hund und Katz, Feuer und Wasser. Zu allem Überfluss soll er die Anti-Mafia-Abteilung der Staatspolizei überwachen…

In einem Güterwaggon wird eine Leiche gefunden. Das Hin und Her, welche Dienststelle nun zuständig sei – der Zug fuhr einmal quer durchs Land – macht es auch nicht einfacher den Fall zu lösen. Doch dann der entscheidende Hinweis: Ein Sohn eines Mafia-Clan-Chefs ist verschwunden. Und dass der Waggon Zitronen, Limonen, geladen hatte, erweist sich auch schnell als Fehlinterpretation des Gekrakels auf dem Lieferschein. Dort steht nämlich Limina. Und das wiederum ist der Name des Mafiaclans. Die Familie Limina selbst versichert eidesstattlich, dass ihr vermeintlich verschwundener Sohn jedoch zurzeit die Sonne Costa Ricas genießt, und sowohl die Lieferpapiere als auch der Waggon, der in den Medien als „Todeszelle“ bezeichnet wird, durchaus Limonen beinhalteten. Alles klar?!

Da steht er nun, Aurelio Zen, fernab von dem, was ihm zugesichert wurde, im ungeliebten Feindesland. Seine erste Vertraute ist ihm gar nicht so sehr vertraut: Carla, seine Tochter. Auch sie arbeitet mittlerweile hier. Auch bei bzw. für die Polizei. Sie soll ein Computernetzwerk einrichten. Und ihr erster richtiger sozialer Kontakt ist Corinna Nunziatella. Sie ist die ermittelnde Richterin im Falle der rollenden „Todeszelle“. Daraus lässt sich doch was machen?!

Baccio Sinico ist für Aurelio Zen so was wie der Fährtenleser im dunklen sizilianischen (Behörden-) Wald. Er ist einer derjenigen, die von Zen unter die Lupe genommen werden sollen. Baccio Sinico ist Realist. Seine Abteilung, nennt man sie Mafiajäger oder einfach nur Polizei, ist das faule Ei innerhalb der Ermittlungsbehörden. Die Schnüffler verdienen mehr als ihre Kollegen, Unterstützung aus der Bevölkerung ist auch nicht zu erwarten, und das permanente Gefühl gegen Windmühlen zu kämpfen, ist auch nicht gerade ein Motivationsschub. Und hier soll Aurelio Zen produktiv werden?

Michael Dibdin bietet in „Sizilianisches Finale“ (was übrigens gar keines ist, denn die Krimireihe geht weiter) sein ganzes Können auf. Mit Akribie filtert er die dunklen Machenschaften aus der grauen Masse heraus und serviert sie dem Leser als Appetitanreger, der Lust auf mehr macht. Wie soll man in einem schweigenden Land ermitteln? Wer spielt ein Spiel? Wer ist wahrhaftig? Aurelio Zen kann niemandem trauen, das kennt er. Doch dieses Mal ist es anders, vertraut anders…

 

In der Oper heißt es, dass alles erst vorbei ist, wenn die dicke Dame gesungen hat. Und Michael Dibdin entscheidet, wann Aurelio Zen sein Finale hat! Denn das „Sizilianische Finale“ war nur der Auftakt, der „Rote Marmor“ soll es vollenden. Sizilien und die Toskana – dorthin verschlägt es Zen dieses Mal – als Tourist die Vollendung eines Italientraumes. Für Aurelio Zen ist es erst die Hölle (Sizilien, Bombenattentat) und dann die Erfüllung. Warum? Dazu später.

In einem kleinen Ort an der Küste soll sich Aurelio Zen von den Torturen der Vergangenheit erholen. Inkognito selbstverständlich, denn die Drahtzieher sind noch nicht hinter Gitter und Zen soll in naher Zukunft gegen sie aussagen. Langeweile macht sich breit, so dass er Angst haben muss sein Fähigkeiten zu verlieren. Rettung auf zwei Beinen, langen Beinen, naht in Gestalt von Gemma. Ein flüchtiges Winken, ein Zwinkern, ein Kopfnicken und schon hat der Charmebolzen ein Date. Mit einer List – er will sich mit dem im Ort mehr als bekannten Rutelli treffen – reserviert er einen Tisch im angesagtesten Restaurant des Ortes. Alle sind erstaunt, dass er sich mit Rutelli treffen will. Denn Rutelli ist tot. Professionell und ohne sichtbare Spuren erschossen worden. Direkt neben Zen, der sich ebenfalls am Pool in der Sonne aalte. Alle gehen davon aus, dass Rutelli „nur aus Versehen getötet wurde“. Aurelio Zen war das eigentliche Ziel!

Doch Rutelli hatte ja noch einen Zwillingsbruder, so ist die Verwunderung nicht ganz so groß. Tja, so ist das. Da macht man einer schönen Frau den Hof und schon landet man auf dem Polizeirevier. Fliegt jetzt seine Tarnung auf?

„Zum Glück“ muss er noch nach Amerika, um gegen die Mafia auszusagen. Zum Glück deswegen, weil er so einen guten Grund hat gruß- und wortlos das heiße Pflaster Toskana zu verlassen. Nur Gemma tappt im Dunkeln. Wohl auch besser so, sonst würde sie in eine Sache gezogen werden, aus der auch Zen sie nur schwer wieder rausholen könnte.

Der Flug in die Staaten gerät zum Desaster. Ankommen wird er nie, der Zwischenhalt in Island endet in einer Schlägerei und mit einem dicken Schädel. Aurelio Zen muss wieder zurück nach Italien, ohne jemals seine Aussage machen zu können. In Rom wundert man sich über die rasche Auferstehung des Totgeglaubten.

Michael Dibdin schickt Zen und den Leser auf eine Odyssee der Gefühle, die noch lange nicht zu Ende ist als Aurelio zu Gemma geht, um ihr alles zu erklären. Denn dort wartet eine faustdicke Überraschung…

 

Frauen, die ihr Gegenüber zum Erstarren bringen, sind selten. Medusa war so Eine. Und ihr Zauber wirkte, bis Perseus, Sohn des Zeus, des Weges kam. Der drehte sein Schild, sie spiegelte sich darin und schwupp … war ihr Kopf ab. Aurelio Zen hat ein ähnliches Erlebnis. Mittlerweile ist die Toskana, genauer gesagt Lucca sein Zuhause. Und Gemma ist er zwar nicht verfallen, doch er ist verdammt verliebt in sie. Endlich sesshaft. Endlich Ruhe finden. Denkste! Der nächste Dienstreiseauftrag ist schon ausgefüllt und die Reise geht dieses Mal in den Norden, nach Südtirol. Im Piemont hatte er schon kein Glück. Alles so kalt, so nass, so viel Schnee. Nichts für den Römer mit venezianischen Wurzeln!

Eine Leiche wurde gefunden – naja, ist halt ein Krimi. Da gehören leblose Körper zum Inventar. Mag man denken. Doch ein Tattoo weckt Zens Aufmerksamkeit. Eine Medusa. Noch kann er nichts mit diesem Hinweis anfangen. Aber, dass sich auch andere für die Leiche interessieren, sollte ihm zu denken geben. So richtig kommt er nicht voran, Mauern des Schweigens versperren die Sicht aufs Wesentliche.

Erst als eine weitere Leiche auftaucht, bröckelt das Bollwerk. Doch weitere Maurer schalten sich ein, die Lücken zu schließen. Das weckt Zens Aufmerksamkeit und vor allem seinen Jagdtrieb. Denn die zweite Leiche weist ein Merkmal auf, dass ihm bekannt vorkommt: Auch sie trägt eine Medusa am Arm!

Die beiden Opfer kannten sich, hatten eine engere Beziehung, waren Bestandteil einer Spezialeinheit. Und ihre Verbindungen reichen bis heute bis in die – wie heißt es doch so schön – höchsten Kreise… Ein gefundenes fressen für Aurelio Zen, der immer schon ein Dorn im Auge der Oberen war und dem es eine fast schon diebische Freude bereitet „denen da Oben“ die Grenzen aufzuzeigen.

Michael Dibdin liebt seinen Ermittler Aurelio Zen. Trotzdem schickt er ihn immer wieder in die Schlacht mit der Obrigkeit, in den Clinch mit Cliquen, die meinen, das Recht auf Eigenstaatlichkeit vehement verteidigen zu müssen. Ihr Tun ist sein Antrieb. Aurelio Zen wirkt in „Im Zeichen der Medusa“ ein wenig besonnener – Gemmas, seine Freundin, Verdienst? Sicherlich. Denn unter der harten Schale steckt ein Gefühlsmensch. Das hilft ihm schlussendlich immer über die Runden und zum Ziel zu gelangen. Nur zwischendurch wünscht er sich insgeheim öfter einmal mehr Härte zeigen zu können. Noch mehr Härte als ihm lieb ist.