Remzi Ünal – Istanbul

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Manche müssen erstmal richtig auf die Schnauze fliegen, um wieder klar zu werden. Remzi Ünal gehört wohl zu dieser Sorte Mensch. Er ist Privatdetektiv in Istanbul, der Hauptstadt der Kulturen, am Schnittpunkt von Asien und Europa, im Schmelztiegel der Völker. Er war Pilot, weswegen er auch heute ein Ass am Flugsimulator ist. Da darf ihn niemand stören. Wenn doch, dann flucht er herrlich ausgiebig.

Als erstes bekommt dies Yusuf Sari zu spüren. Er hat eine Anzeige Remzis in der Zeitung gesehen und dachte sich, dass es eine gute Idee wäre den Schnüffler zu engagieren seinen Neffen zu finden. Der wiederum studiert in Istanbul und ist seit einiger Zeit verschwunden. Der Geschäftsmann aus der Provinz – Remzi kennt Tarsus ganz gut, weil er dort vier Jahre seines Lebens verbracht hat – lädt Remzi ein, um die Modalitäten zu klären.

Nachdem das Finanzielle geklärt ist, Remzi einen – jedoch sehr verschwommenen – Einblick in die Familiengeschichte erhalten hat, macht sich Remzi Ünal auf die Suche nach dem verschollenen Ibo Sari. Auf dem Campus hört er das, was er schon längst weiß. Ibo hat Prüfungen, die er zum Teil schon versäumt hat. Viele kennen Ibo, aber seit Wochen hat ihn keiner mehr zu Gesicht bekommen. Dann wird Remzi Ünal bedroht. Er solle sich vom Campus fernhalten, sonst wird es schmerzhaft für ihn. Als er brutal überrumpelt wird, weiß er zumindest, dass seine Nachforschungen nicht unbemerkt blieben und er wohl auf einer richtigen Spur ist. Zu Zuhal, der Freundin Ibos baut er – unfreiwillig eine besondere Beziehung auf. Sie scheint der Schlüssel zu dem ganzen Schlamassel zu sein.

Familienehre, Geldgier und zarte Bande sind die Zutaten für Celil Okers Erstling, für den er gleich einen Preis gewann. Remzi Ünal ist die türkische Ausgabe hartgesottener Burschen wie Mike Hammer und Philip Marlowe. Kampfsport gehört genauso zu seinem Repertoire wie klare Fakten in die richtige Position zu bringen. Er kämpft mit Fäusten und Hirn gleichermaßen gut. Ihn hinters Licht zu führen ist anfangs einfach, doch tief im Inneren ist Remzi Ünal gefestigt. Ein enormer Vorteil in der Capitole der Kulturen Istanbul.

Celil Oker schuf mit seinem Helden Remzi Ünal eine Figur, die es vielen einfach macht sich mit der Türkei literarisch auseinanderzusetzen. Hartgesottener Typ, der sich auf Menschen und ihre Abgründe einlassen kann trifft auf miese Geschäftemacher. Klingt spannend. Doch Celil Oker besticht seine Leser durch eine prägnante Sprache und lückenlose Plots. Hochspannung an der Schnittkante von neuer und alter Welt.

02 Foul am Bosporus

Ein Privatdetektiv braucht Aufträge wie ein Fußballspiel Tore braucht. Auch Remzi Ünal ist auf der Suche nach eine lukrativen Fall, der ihn über die Runden kommen lässt. Im Dojo bekommt er den Hinweis, dass es beim Fußballverein Karasu Günesspor eventuell Spieler geben könnte, die gern einmal die Hand aufhalten, um einen Ball zu versemmeln oder übers Tor zu schießen oder oder oder…

Nun gut, kein Riesenfall, aber klingt doch spannend. Und ist genau das Richtige für die Istanbuler Spürnase mit dem Hang zum simulativen Abheben. Das Spiel, das verschoben werden soll, ist das entscheidende Match zweier Vereine, deren Überleben von einem Sieg abhängt. Wer verliert, steigt ab.

Zwei Spieler stehen im Fokus der anonymen Anschuldigungen: Der Linksaußen und der Torwart. Prädestiniert für kleinere Zuwendungen sind beide. Und beide spielen natürlich auch auf entsprechenden Positionen. Der eine schießt die Pille bis ans Goldene Horn, der andere öffnet seinen Kasten wie die Tore der Hagia Sophia.

Was zuerst wie ein „normaler Aufrag“ über einen „normalen Betrug“ aussieht, entwickelt sich bald zu einem knallharten Mordfall.

Ein Journalist wurde ermordet, keiner von der Sorte, die jedes Spiel mit besonderen Augen beobachten. Eher ein kleines Licht, das als Ergebnisübermittler fungierte und bei allen Anlässen zugegen war. Auch die Geldübergabe an die beiden angeblich gekauften Spieler findet nicht statt. Ünals Ehrgeiz ist geweckt.

Als dann auch noch der Linksaußen einem Mord zum Opfer fällt – er arbeitete nebenbei als Taxifahrer, was den Fall erstmal wie einen Raubüberfall aussehen lässt – hat Remzi Ünal seinen prestigeträchtigen Fall.

Korruption und Spielverschiebungen in der türkischen Liga sind nichts Neues. Immer wieder füllen Meldungen von gekauften Spielen in der Süper Lig die Gazetten. Drastische Strafen seitens UEFA sind die Folge. Celil Oker lässt seinen coolen Schnüffler in diesem rauen Milieu mit der ihm eigenen „charmanten“ Art ermitteln. Remzi Ünal lässt sich nicht so leicht täuschen. Ein Hackentrick lässt ihn kurz straucheln, doch wie es sich gehört, spornen ihn Finten wie diese nur an. Er versucht zu grätschen, am Trikot zu zupfen, mit kleinen Nickligkeiten den Gegner zu verwirren. Ein Fußballkrimi, der niemals an Aktualität verlieren wird. Mit bissiger Sprache leitet der Autor den Leser durchs Dickicht des Großstadtdschungels Istanbul. Kleine Geschäfte unter Freunden tun keinem weh. Erst, wenn es ums große Ganze geht, sind Opfer auch wirklich zu beklagen.

03 Letzter Akt am Bosporus

Es gibt Berufsgruppen, die haben einfach keinen normalen Acht-Stunden-Tag. Abschalten ist ganz schwierig. Zum Beispiel Ermittler. Wenn der Feierabend ruft, ist der Fall noch lange nicht gelöst. Oder Schauspieler. Wenn man erstmal in einer Rolle ist, kommt schwer wieder raus. Doch was passiert, wenn diese beiden Gruppen aufeinander treffen? Der ewig Hinterfragende und der permanent Spielende. Der Eine fragt sich fortwährend, ob der Gegenüber nun echt ist oder spielt. Dem Anderen wird es schwer gemacht ernst genommen zu werden. Und genau in solch einer Situation ist Remzi Ünal, Privatermittler in Istanbul.

Auf dem Heimweg vom Dojo nimmt Remzi Ünal eine junge Frau mit – wir sind im Krimi, in einem Krimi mit Schauspielern – vom Typ Lauren Bacall. Kühl, unnahbar, direkt. Sie scheint ein wenig besorgt zu sein. Sie hat Angst verfolgt zu werden. Sie ist Theaterschauspielerin. Das Zeug dazu hätte sie, sagt man ihr. Plötzlich steigt sie aus dem Wagen aus. Ünal schaut ihr noch hinterher. Komische Situation. Doch weiter ist nichts. Remzi Ünal lässt den Tag ausklingen und legt sich schlafen.

Am nächsten Tag ist die junge Frau tot. Hätte Remzi Ünal ihren Tod verhindern können? Hätte er nach den Gründen ihrer Angst fragen sollen? Hätte er ihr seine Hilfe anbieten sollen? Das schlechte Gewissen ist ein schlechter Begleiter. Remzi Ünal beginnt zu recherchieren.

Ein gewisser Orhan hat wohl seine Finger im Spiel. Er besitzt eine Bar, in der Frauen ihre Hüften kreisen lassen. Orhans Familie passt das natürlich überhaupt nicht. Im modernen Istanbul stehen bei aller Geldmacherei Traditionen immer noch höher als moderne Errungenschaften. Und schwupps ist Remzi Ünal wieder einmal in einem bezahlten hochbrisanten Fall verstrickt.

Feiste Schlägertypen, verkopfte Intellektuelle, schnippige Bardamen – und zwischendrin Remzi Ünal. Er kommt mit jedem klar. Alle spielen ihre Rollen, Ünal auch. Celil Okers Held ist keiner, der in Selbstmitleid zerfließt. Er könnte an dem Mord an der Schauspielerin schuld sein, muss es aber nicht. Und so sieht er die Sache auch. Handeln ist eh mehr sein Ding…

04 Dunkle Geschäfte am Bosporus

Die Tage werden kürzer, dunkle Wolken verhängen den Himmel über Istanbul. Die Stimmung von Remzi Ünal, Privatdetektiv in der Millionenstadt passt sich den Verhältnissen an. Die Krise, die Krise. Jetzt hat sie auch Ünal erwischt. Keine Aufträge. Alles grau. Nur der Flugsimulator bringt ein wenig Farbe und Abwechslung in den tristen Alltag.

Celil Oker lässt seinen Helden ein wenig leiden bevor er ihn wieder in die Spur schickt. Auf selbige bringt das Rauhbein Muazzez Güler. Die Geschäftsfrau ist dafür bekannt, dass sie ihre Gläubiger ernsthaft und nachhaltig an ihre Verpflichtungen erinnert. Doch ein Klient scheint dagegen immun zu sein – Remzi Ünal soll dem Säumigen mal auf die Sprünge helfen. Sofort macht er ihr klar, dass es für derartige Dienste zuverlässigere und zahlreichere Anbieter gibt, die ihre Dienste offen in Zeitungen veranschlagen. Doch Muazzez Güler bleibt hartnäckig. Sie will Remzi Ünal. Bei so viel Überredungskunst und der als chronisch zu erachtenden Ebbe in der Kasse, sagt Remzi Ünal zu den Fall zu übernehmen. Das Honorar fällt entsprechend üppig aus. Er will sich gleich am Abend bei der durchaus reizvollen Geschäftsfrau abholen.

Schnell noch dem vergesslichen Typen einheizen und dann abkassieren. Leicht verdientes Geld. Als Remzi Ünal die Büroräume von Muazzez Güler betritt, findet er sein Geld, aber auch Muazzez Güler. Tot. Mit einem Mauskabel erwürgt. Verdammt! Schon wieder vom schnellen Geld geträumt und schon wieder in einen Mordfall hineingeschlittert.

Remzi Ünal wird immer weiter in einen Sog aus Korruption, Politik und schrägen Gestalten hineingezogen. Die Typen, die er als Schlange und Mister T bezeichnet, schrecken nicht einmal davor zurück ihn in seiner eigenen Wohnung zusammenzuschlagen und zu fesseln. Das geht zu weit.

In seinem vierten Fall muss Remzi Ünal körperlich einiges einstecken. Doch ein harter Hund wie er, steckt so was weg. Leider nicht mehr so schnell wie einst. Damals als er noch Pilot war … Immer öfter denkt er an diese Zeit zurück. Immer wieder holt ihn die Gegenwart ein. Immer wieder stellt er fest, dass sein eingeschlagener Weg doch nicht so verkehrt ist. Zum Glück für den Leser.

05 Lass mich leben, Istanbul

Remzi Ünal ist – ja, er ist Privatschnüffler und somit gehört es einfach dazu – pleite. Außerdem noch gelangweilt und antriebslos. Schon allein das Aufstehen am mittäglichen Morgen fällt ihm schwer. Doch „K und K“, Kippen und Kaffee, helfen dem Organismus ganz ansehnlich auf die Sprünge. Und der Typ, der sich im Café Kaktüs zu Remzi Ünal gesellt. Dr. Kemal Arsan ist Internist Privatklinik und vermisst seit vier Tagen seine Freundin, Begüm. Sie Krankenschwester in der gleichen Klinik wie der Doc. Eine Liaison, die im Krankenhaus nicht geduldet wird.

Fast schon widerwillig nimmt Remzi Ünal den Auftrag an. Vielleicht hilft die Arbeit ja der Lethargie zu entkommen. Erstmal ins Krankenhaus. Erstmal abklopfen, ob hier jemand Begüm überhaupt vermisst. Alle tun sehr geschäftig, zuvorkommend, umsichtig. Doch, dass Begüm seit Tagen fehlt, scheint ihnen erst bewusst zu werden als Remzi Ünal nach ihr fragt. Okay, hier ist wenig zu holen. Zweites Frühstück, Kippe. Dann taucht da dieser Typ, fuchtelt mit einem Messer herum, „Handy her!“. Da ist er bei Remzi Ünal an der richtigen Adresse. Nicht mal ‘ne Wohnung kann er sich leisten, wohnt im schäbigsten Hotel der Stadt, wie soll er da ein Handy haben? Der Messerfuchtler haut mit eingezogenem Schwanz ab. Das Messer – besser gesagt ein Skalpell – lässt er zurück. Nach der Kippe geht es zu Firdevs, einer Freundin der Vermissten.

Hätte der Tag nicht so zäh und so geheimnisvoll begonnen, hätte Remzi Ünal wohl bemerkt, dass der Gast in Firdevs‘ Wohnung die gesuchte Begüm ist. So muss er sich mit ein paar zwielichtigen Typen herumschlagen, die unverhofft und ziemlich unleidlich die Wohnung betreten. Einer nennt sich Baller-Osman. Das sagt ja wohl alles. Ach ja, die beiden Damen des Hauses sind auf einmal verschwunden. Und im Schlafzimmer liegt ein Mann mit einem Loch im Hemd. Kein Knopfloch!

Von Ayla, ebenfalls Kollegin von Begüm, erfährt der Ermittler, dass der Tote auch als Internist in der Privatklinik arbeitete. Und Remzi Ünal lernt den echten Baller-Osman kennen. Oder den falschen, der sich als der Richtige ausgibt? Und Liebeleien zwischen den Angestellten der Klinik sind doch nicht verboten, auch das erzählt ihm Ayla.

Was’n das für’n Chaos? Wer hat hier was mit wem? Wer ist wer? Und warum ist Begüm verschwunden? Celil Oker schickt seine türkische Version des knallharten Schnüfflers auf eine Odyssee der Gefühle und eine Irrfahrt durchs Istanbul der Gegenwart. Und der Leser darf zeitgleich mitraten, wer wer ist, wer hinter wem her ist und warum das alles. Wer dieses Buch beiseitelegt ohne zu wissen wie die Zusammenhänge sind, muss schon einen verdammt guten Grund haben.