Mario Conde – Havanna

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01 Havanna Quartett 1-4 Ein perfektes Leben

Was für ein Start ins neue Jahr! Teniente Mario Conde schwirrt der Kopf. Die Silvesternacht war ausgelassener als gut für ihn ist. In seinem Schädel pocht es nicht rhythmisch cha cha, cha cha cha, es ist eher ein dumpfes Grummeln. Der Grund dafür ist – neben dem Alkohol der vergangenen Nacht – auch sein Chef, der meint ihn ausgerechnet jetzt (lange vor dem Aufstehen) wecken zu müssen. Denn El Conde, der Teniente, Polizist soll nach Rafael Morín Rodríguez suchen. Der ist im kubanischen Industrieministerium für Im- und Export zuständig. Und er ist verschwunden. Und: Er ist ein Schulfreund von Mario Conde! Jetzt pocht auch noch Condes Halsschlagader wie verrückt, aber nicht minder taktlos.

So unrhythmisch der Tag begann, so vertrackter verläuft er weiter. Denn die Frau, die die Vermisstenanzeige aufgegeben hat, ist Tamara. Auch die kennt Conde. Zu gut, viel zu gut. Einst war er unsterblich in Tamara verliebt. Bis … ja bis Rafael kam. In Rückblenden erzählt Leonardo Padura aus dem gemeinsamen Leben der Drei.

Mario Conde geht Klinkenputzen. So trifft er auch Tamara wieder. Eine neue Liebe auf den (neuen) ersten Blick ist es nicht. Aber auch keine Abneigung. Vielmehr scheint sie gleichgültig den Nachforschungen gegenüber zu stehen. Das merkt aber Conde nicht, nur seinem Assistenten fällt die anscheinende Teilnahmslosigkeit auf. Im aufgeschlagenen Notizbuch des Verschwundenen finden die Ermittler die Namen Zoila und Zaida. Die Eine – Zoila – ist Gelegenheitsprostituierte, die Andere – Zaida – ist eine Kollegin Rafaels. Doch die Spur scheint ein Sackgasse zu sein.

Also weiter Klinkenputzen, Verbindungen aufdecken. Die Beharrlichkeit zahlt sich aus. Rafael Morìn Rodríguez verfügte über ein beträchtliches Bankvermögen. Schließlich hantierte er täglich mit enormen Summen. Hat er sich etwa im Verteilertopf der kubanischen Industrie bedient? Vom leckeren Mammon genascht?

Leonardo Paduras erster Teil des Havanna-Quartetts zeigt ein Kuba, das uns unvorstellbar erscheint. Coca Cola, Davidoff, und Chanel gehören zwar nicht zum Alltag, dennoch sind sie begehrte und – wenn auch mit Schwierigkeiten – erreichbare Luxusgüter. Sein Held Conde kommt aus einer Dynastie, die ein Stadtviertel Havannas errichtete und zum Ruhm und Einfluss gelangte. Von blütenweißer Weste doch schon ein ordentliches Stück entfernt. Conde ist Polizist mit Leib und Seele. Auch wenn er nicht weiß wie seine Berufswahl auf die Polizei fiel. Conde ist kein Kostverächter, in jeglicher Hinsicht. Er hält Augen und Ohren immer offen. „Ein perfektes Leben“ führen weder er noch Rafael. Sie überleben mit unterschiedlichen Strategien. Der perfekte Auftakt für eine sagenhafte Krimireihe.

02 Havanna Quartett 2-4 Handel der Gefühle

Der Winter ist vorüber, die Straßen sind erfüllt vom Blütenduft. Genau die richtige Zeit, um Frühlingsgefühle zu empfinden. So muss sich auch Mario Conde, Teniente der Polizei von Havanna fühlen als er der bezaubernden Karina beim Radwechsel hilft. Helfen darf! Sie verzückt ihn ab dem ersten Moment. Und Jazzfan ist sie auch noch! Und spielt Saxophon! Ja, hallo, ein Glückstag!

Denkste! El Conde bekommt sogleich die geballte Ladung Alltag von seinem Chef um die Ohren gehauen. Lissette Nunez Delgado ist ermordet worden. Sie war Lehrerin. An der gleichen Schule wie der Teniente. Allerdings nach ihm, sie war neun Jahre jünger als er. Vor ihrer Ermordung hatte sie vieles: Sex, Alkohol, Drogen, eine Party. Ein Unding für eine emsige Parteigängerin, eine, die zur Elite gehörte. Oder vielleicht gerade deswegen. Nur wer den Verlockungen erliegen kann, ist gefährdet.

Für Conde beginnt der Fall schwierig zu werden. Auch, weil er nur noch Augen für Karina hat. Sie scheint wie für ihn gemacht.

Die Suche nach dem Mörder von Lissette Delgado führt die Spürnase auf die Spur eines vermeintlichen Drogendealers, eines Mexikaners. Doch der ist wie vom Erdboden verschluckt. Auch er scheint sich vor dem Tod der Lehrerin mit ihr vergnügt zu haben. Denn die Gerichtsmedizin hat herausgefunden, dass Lissette mit zwei Männer kurz vor ihrem Ableben geschlafen hat. Einvernehmlich! Der andere, Pupy, war es nicht. Er war ihr Ex-Freund und wollte ihr – gegen eine „kleine Gefälligkeit“ – Turnschuhe verkaufen. Vermachen trifft es wohl eher.

Über Kurz oder Lang muss El Conde einsehen, dass seine Theorie vom unbekannten Mexikaner ihn nur in die Irre leitet. Parallel dazu kommen ihm erste Zweifel an der Beziehung zu Karina. So viel zur Trennung von Privatem und Broterwerb…

Leonardo Padura setzt mit dem zweiten Teil des Havanna-Quartetts ein riesengroßes Ausrufezeichen. In mehrerlei Hinsicht. Zum Einen hat er noch zwei weitere Teile vor sich, und die sollten nicht hinter „Handel der Gefühle“ zurückbleiben. Zum Anderen verändert er unsere Sicht auf die Karibikinsel. Fernab der ZK-Sichtweise vom idealen Staat unter der Sonne führt El Conde den Leser in eine Parallelwelt, in der materielle Dinge – im Gegensatz zur offiziellen Sprechweise – sehr im Vordergrund stehen. Wer was hat, zeigt es und vermehrt dadurch seine Macht, seinen Besitz. So chic ist Kommunismus dann doch nicht, wenn es an Jeans und Sneakers fehlt. Und Drogen sind auch castroanischen Kuba sehr wohl ein Thema. Mit allen ihren Begleiterscheinungen. Trotzdem merkt man jeder Zeile an wie sehr Leonardo Padura seine Heimat liebt. Lassen Sie sich verführen!

03 Havanna Quartett 3_4 Labyrinth der Masken

Jedes Jahr wird Kubas Hauptstadt von der lähmenden Schwere der Sommerhitze heimgesucht. Jeder Schritt wie eine Ruderschlag auf einer Galeere, jedes Bier wie ein Anästhetikum. Mario Conde ist so richtig in Sommerlaune. Er wurde versetzt. Sozusagen sommerlich versetzt. Keine erfrischende Ermittlungsarbeit, eher lähmende Aktenwühlerei. Doch Rettung naht in Gestalt eines Transvestiten. Der liegt tot im Stadtwald. Und da die Ermittlungsabteilung hoffnungslos unterbesetzt ist, lässt man bei Mario Conde Gnade vor Recht ergehen und beauftragt ihn mit der Aufklärung des Falles. Eines heißen Falles – schließlich sind wir im dritten Teil der Havanna-Trilogie, mit dem Untertitel „Sommer“.

So lähmend der Sommer, so unangenehm ist Conde der Kontakt zu Homosexuellen, Schwulen, Schwuchteln – wie er sie nennt. Der Kontakt zum Freund des Opfer Alberto Marqués ist für ihn jedoch auch eine intellektuelle Herausforderung. Zwischen dem Theatermenschen Alberto Marqués und dem „Herrn Polizist Teniente Conde“ (wie er vom Gegenüber ironisch genannt wird) entspinnt sich ein Suchspiel. Mario Conde ist gefangen im Vexierbild. Wer und was sind echt? Wer zeigt sein wahres Gesicht? Wer spielt?

Die Familie des Toten gehört zur Elite in Kuba. Der Vater ist im diplomatischen Dienst, ein Dienstmädchen führt seit Jahrzehnten den Haushalt. Nur der Sohn schlägt aus der Art. So hatte sich Mario Conde den Sommer nicht vorgestellt…

So träge die Sommerhitze den Körper erweichen lässt, so sehr sind Condes graue Zellen angestrengt. Die Rededuelle mit den Theaterleuten regen ihn an. So sehr, dass er (wieder!) zur Feder greift. Er beginnt zu schreiben. Doch er lässt dabei sein Ziel nicht aus den Augen: Den Mörder des Transvestiten zu finden.

Die wohl geordnete sozialistische Ordnung in Kuba verträgt kaum Quertreiber. Homosexuelle sind in Europa toleriert, akzeptiert sind sie nur teilweise. Unter karibischer Sonne sind sie werde das Eine noch das Andere. Wer sich outet wird mit Repressalien konfrontiert. Auch Mario Conde muss sich erst an die neue „Klientel“ gewöhnen. Nach und nach stellt er fest, dass seine Ablehnung aus einer Angst (vor dem Unbekannten?) resultiert. Und das ist dumm. Conde ist mutig, ein starker Kerl, den so leicht nichts umhaut. Frauen sind und bleiben jedoch auch in diesem Roman das Objekt seiner Begierde. Auch hier läuft Leonardo Padura zu Höchstform auf. Begehrlichkeiten und Begierden werden genauso effektvoll in Szene gesetzt wie die Jagd nach dem Mörder.

04 Havanna Quartett 4-4 Das Meer der Illusionen

Ein Hurrikan rast auf Kuba zu, zerrt die Blätter von den Bäumen. Wie im Sturm blättert man die Seiten des letzten Aktes des Havanna-Quartetts um. Doch was ist das? Teniente Mario Conde ist nicht mehr Teniente Mario Conde, sondern nur noch Kippen, Rum und Mario Conde! Keine Angst, er hat lediglich sein Austrittsgesuch eingereicht. Doch ist es ihm ernst. Seinen Chef hat man unter fadenscheinigen Vorwänden aus dem Amt gejagt. Auch wenn die beiden nie ein Herz und eine Seele waren, so war der Eine ohne den Anderen weniger als die Hälfte wert. Das versicherte und versichert man sich gegenseitig immer wieder.

Der neue Chef von El Conde kann und will das Ersuchen Condes nicht kommentarlos hinnehmen. Und setzt ihm die Pistole auf die Brust. Entweder hilft Conde ihm einen (wie im Krimi: letzten) Fall zu lösen, oder dem Ersuchen wird nicht stattgegeben. Mit all seinen Konsequenzen. Die lauten, unehrenhafte Entlassung und Verfahren wegen Befehlsverweigerung. Ersteres stört Conde wenig, Letzteres könnte nerven. Und außerdem ist der Fall interessant – und er darf seinen ehemaligen Chef mit einbeziehen. Inoffiziell.

Miguel Forcade Mier wurde tot am Strand angespült. Das interessante daran ist, dass Mier vor Jahren „rübergemacht“ ist. Als stellvertretender Leiter der Behörde für Enteignungen der Provinz Havanna gehörte zu den Reisekadern. Das eröffnete ihm auch die Möglichkeit zur Flucht. Und die nutzte er bei einem Stopp in Madrid. Seitdem ist er in Ungnade gefallen. Umso erstaunlicher ist es, dass er ein Visum für Kuba bekam. Alte Weggefährten vermuten, dass man ihn beobachten wollte. Denn einfach nur den alten Vater besuchen, das kaufte ihm niemand ab. Da steckt mehr dahinter. Genauer gesagt, mehrere Millionen. Dollar!

Es geht um einen – den einzigen auf Kuba – Matisse und – wie sich später herausstellt – auch um eine goldene Buddha-Statue.

Leonardo Padura überlässt den Leser nicht seinen Illusionen. Wie immer exzellent recherchiert nimmt er den Leser mit auf eine Reise durch ein unbekanntes Land, durch dessen und die Weltgeschichte. Und auf eine Schatzsuche á la Stevenson.

Quartett! Gewonnen! Vier Bücher, die Kuba dem Leser näherbringen. Vier Bücher, die Havanna im neuen Licht erstrahlen lassen. Vier Bücher, die dem Leser einen Ermittler vorstellen, den man gern auf eine Zigarre und eine Flasche Rum einlädt. Und dazu hört man Creedence Clearwater Revivals „Proud Mary“, weil John Fogerty eine so herrlich schwarze Stimme hat… Keine Sorge: Mario Conde ermittelt weiter im Dickicht unter karibischer Sonne.

07 Der Nebel von gestern

Auch ein Teniente muss mal raus. Mario Conde ist kein Teniente mehr, kein Mitglied der Exekutive eines Staates. Vor mehr als einem Jahrzehnt hat er seinen Dienst bei der Polizei in Havanna quittiert. Jetzt schlägt er sich – gerecht wie immer – als Buchhändler durchs Leben. Bücher waren schon immer seine heimliche Leidenschaft, jetzt lebt er von seiner Leidenschaft.

Bei einem seiner Streifzüge entdeckt er eine wertvolle Bibliothek. Doch sein Gewissen besiegt die Gier seiner Mitstreiter, und so nimmt er nur wenige Bücher mit. Das Glück des Tüchtigen wird belohnt. Zwischen den antiken Seiten entdeckt El Conde Zeitungsartikel über eine Violeta del Río. Nachtclubsängerin. Ein Wahnsinnsweib, denkt Mario Conde. Das Bild und der Artikel stammen aus den wilden Zeiten der Revolution. El Condes Spürnase wittert eine Geschichte. Und die Nase trügt ihren Besitzer nicht…

Als ihn seine Spürnase zur einzigen veröffentlichten Platte der Künstlerin führt, ist es um El Conde geschehen: Er muss mehr über Violeta del Río erfahren, über ihr mysteriöses Verschwinden und ihr nicht minder spannendes Leben.

Catalina – wie sie im bürgerlichen Leben hieß – stieg in der Nachtclubszene Havannas Ende der 50er Jahre schnell auf. Ihre einzigartige Stimme brachte ihr Erfolg, Verehrer und schnelles Geld. Einer der Verehrer war Journalist. Er schrieb sie in den Himmel, doch nicht aus Bewunderung für sie. Sondern aus purem Eigennutz: Er wollte sie! Mit ihr schlafen, sie für sich ganz allein. Doch Violeta ließ ihn abblitzen. Detektivisch begab er sich auf die Suche nach dem wahren Leben der Violeta del Río. Und er wurde fündig. In Violetas Leben gab es einen anderen Mann. Einen wie, oder vielleicht den, Meyer Lansky. Der Buchhalter der Mafia.

Kuba war vor der Revolution das El Dorado für die ehrenwerten Herren in den seidenen Anzügen. Casinos, Prostitution, Drogenhandel – auf Kuba war alles möglich. Mario Conde ist fasziniert von der Geschichte des Journalisten. Seine Nachforschungen bekommen so neuen Aufwind.

Aus der eingangs entflammten Leidenschaft wird Besessenheit. Obwohl der Polizeidienst längst der Vergangenheit angehört, lodert die Flamme des Ermittlers noch immer. Sein ehemaliger Kollege, der mittlerweile zum Capitan aufgestiegen ist, klingelt eines Morgens El Conde mit einer schrecklichen Nachricht aus den Federn: Der Besitzer der Bücher, zwischen denen Mario Conde die Zeitungsausschnitte über Violeta gefunden hat, wurde ermordet. Ein Mord wegen ein paar, zugegeben sehr wertvollen Büchern? Ganz allmählich lichtet sich der Nebel von gestern und gibt für Mario Conde auch sehr viel Persönliches preis.

06 Adios Hemingway

Mario Conde kann’s nicht lassen. Die Polizeimarke verstaubt im Archiv des örtlichen Kommissariats. Nun er gibt sich seiner Passion hin, dem Schreiben. Doch sein ehemaliger Partner und Nachfolger bittet ihn um einen Gefallen: Auf der Finca Vigía wurde eine Leiche gefunden. Nichts Besonderes, wenn man nicht weiß, dass diese Leiche schon seit vierzig Jahren hier liegt, mit einer Waffe erschossen wurde, die dem ehemaligen Besitzer gehörte, und eben dieser Waffenbesitzer kein Geringerer als Ernest Hemingway war.

Das ist ein Knaller! Leonardo Padura rüttelt am Denkmal Hemingway! Naja, ganz so dramatisch ist es doch nicht. Genug jedoch für Mario Conde die Feder beiseite zu legen und die Spürnase freizublasen. Es entspinnt sich ein Parallelspiel zwischen dem ehemaligen Ermittler und Neuschriftsteller und dem Haudegen und Raubein, das Padura gekonnt in Szene setzt. Er lässt die beiden sich sogar einmal begegnen. Der kleine Mario an der Hand des Großvaters, der dem grobschlächtigen Ernest begegnet und ihm bei Verlassen „Adios Cheminguey!“ hinterherruft.

Mario Condes Spürnase ist noch immer aufnahmefähig. Hemingway selbst kann er nicht mehr befragen – der ist seit vierzig Jahren tot. Doch die einstigen Weggefährten bzw. Angestellten, die ihren Chef liebevoll Papa nannten, leben noch. Zumindest einer von ihnen. Zuerst reagiert dieser zögerlich, doch später platzt es wie ein Wasserfall aus ihm heraus. Er kennt den Mörder des Mannes, der auf dem Grundstück, das einst Hemingway gehörte begraben ist.

Der Tote war ein FBI-Agent. Die Marke neben der Leiche verrät es. Und er wurde in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1958 umgebracht. Hemingway war dem FBI, im Speziellen dessen Boss J. Edgar Hoover ein Dorn im Auge. Denn Hemingway sympathisierte mit den Kommunisten. Und die wurden zu dieser Zeit in den USA erbittert bekämpft. Das FBI „schaute also öfter mal nach dem Rechten“. Einen Tag nach dem die Leiche vergraben wurde, zahlte Hemingway seine Angestellten aus, besorgte Tickets für die Überfahrt nach Mexiko und verschwand auf nimmer Wiedersehen in die USA.

Das Rätsel um den Tod des Mannes verpackt Leonardo Padura in einen spannenden Kriminalfall, der nur auf der Basis von Zeugenaussagen gelöst werden kann. Frische Spuren am Tatort? Fehlanzeige! Augenzeugen? Ebenso! So wird “Adios Hemingway“ zu einem Kurztrip in die Vergangenheit, die El Conde seinem einstigen Vorbild wieder näher bringt.

07 Der Schwanz der Schlange

Eine gern besichtigte Touristenattraktion in aller Welt sind die Chinesenviertel. Chinatown, nicht nur ein Film, sondern Sehnsuchtsort vieler Reisenden. Auch Havanna hat so eine Enklave. Und in der der hängt ein Toter, Chinese, am Strick. Ihm wurde ein Finger abgeschnitten. In seine Haut wurden zwei Pfeile und weitere Symbole geritzt. Auf dem Boden liegen zwei Münzen mit eben diesen Symbolen.

Als Außenstehender kann Teniente Mario Conde da wenig ausrichten. Die Chinesen bleiben lieber unter sich. Eine Vertrauensperson tut Not. Die findet er in Juan Chion, einem Chinesen, der schon seit einem halben Jahrhundert auf Kuba lebt. Seine Tochter Patricia ist eine Kollegin von El Conde. Und was für eine. Der belesene Ermittler muss sich jedes Mal zusammenreißen, wenn Patricia Chion an ihm vorbei oder zu ihm kommt. Denn sie weiß um ihre Reize … und setzt sie gnadenlos ein. Nur ihr zuliebe macht sich Mario Conde in die Spur, um den Fall zu lösen.

Eine schöne Aufgabe. Eine reizvolle Aufgabe. Eine geheimnisvolle Aufgabe. Denn Mario Conde kommt mit chinesischen Traditionen, afrikanischem Kult und jüdischen Ritualen in Berührung. Und das alles im sozialistischen Kuba! Kaum zu glauben.

Doch die Tat hat auch einen handfesten Hintergrund. Pedro Cuang – so der Name des Toten – war offensichtlich in dunkle Machenschaften im Chinesenviertel verstrickt. Glücksspiel und Drogenhandel hinter verschlossenen Türen (denen einer Wäscherei zum Beispiel) gehören hier zum Alltag wie scharfes Essen, das im Wok zubereitet wird. Immer tiefer wird Conde in den Strudel aus vielsagenden Andeutungen und nicht wegzuredenden Fakten gezogen.

„Der Schwanz der Schlange“ liest sich flüssig hintereinander weg. Viele Jahre tüftelte Leonardo Padura an diesem Roman, der wohl nun endlich die endgültige Fassung erreicht hat. Die Chinesen in diesem Buch haben sich auf Kuba eingerichtet. Sie sprechen ihre Sprache, gehen ihren Geschäften nach, kümmern sich um ihre Angelegenheiten. Eindringlinge sind ebensolche und werden es auch immer bleiben. Conde ist der Eindringling. Doch er hat im Vater der reizenden Kollegin einen fähigen und willigen Unterstützer. Er zeigt Conde, das Kuba viele Wurzeln hat. Und diese schlagen eben auch ab und zu mal aus.

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In London taucht in einem Auktionskatalog ein Bild von Rembrandt auf. Doch die Versteigerung kann verhindert werden, weil Elias Kaminsky Ansprüche auf dieses Bild erhebt. Es gehörte einst seiner Familie, die als Juden vor den Nazis flüchten musste.

Und dieser Elias Kaminsky sitzt nun vor Mario Conde in Havanna und erzählt ihm seine Geschichte. Er will Licht ins Dunkel der Familiengeschichte bringen. Denn 1939 sollte das Bild den Neuanfang der Familie auf Kuba symbolisieren. Am 27. Mai 1939 stand Elias‘ Vater Daniel mit einem Verwandten am Pier von Havanna und erwartete den Vater, die Mutter und die Schwester, die an Bord der MS St. Louis die teuer bezahlte Freiheit aus Nazideutschland erkauft hatten. Mit im Gepäck: Der Rembrandt. Doch aus der sehnsüchtig erwarteten Familienzusammenführung wurde nichts. Geldgier und politisches Kalkül machten dem Glück den Garaus. Daniel sollte seine Familie nie wieder sehen. An Land ging jedoch der Rembrandt. Als Daniel Jahre später in die USA ausreisen – und somit Elias ein sorgenfreies Leben bescheren – konnte, war das Bild noch in Kuba. Doch es klebte Blut an ihm.

Das Bild hatte eine verhängnisvolle Geschichte. Als Kind ging Elias Ambrosius Montalbo de Ávila in die Schule des großen Meisters Rembrandt van Rijn. Doch auch er – Jude – wurde verjagt. Als Mitgift schenkte Rembrandt seinem Schüler das Bild des Christus, das über dreieinhalb Jahrhunderte später die Fachwelt in Erregung versetzen sollte.

Als Dritte im Bunde – wir sind wieder in der Gegenwart – wird Judy zum Puzzleteil im Bild des plötzlich aufgetauchten Rembrandts. Sie ist verschwunden. Seit zwei Wochen weiß niemand wo sie ist. Gerüchte und Spekulationen helfen Conde erstmal nicht weiter. Auch hat das Rätsel um das Verschwinden Judys originär nichts mit der Bildersuche zu tun. Doch führt es Code auf die richtige Spur…

Die Geschichten von Daniel, Ambrosius und … verschmelzen als logische Konsequenz miteinander. Sie alle verleugneten auf die eine oder andere Art ihren Glauben, ihre Herkunft. Mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen.

Leonardo Padura wagt erstmals den Sprung in die fernere Geschichte. Wieder ist Mario Conde beteiligt. Eigentlich sucht er sein Glück als Buchhändler. Doch die alte Spürnase juckt immer noch.

Mit gewandter und selten erreichter Sprache zieht er unaufhörlich den Leser in seinen Bann. Ist es zuerst die Frage nach den Umständen, warum die Kaminskys nicht wieder zusammenfinden konnten, wählt er später eine philosophische Weiterführung. Wer Geschichte liebt, kommt an Padura nicht vorbei. Er schafft mit einfachen Worten Sprachgebilde von enormer Sprengkraft. Wer dieses Buch beiseitelegt, ist selber schuld. Noch nie war eine Welt(en)reise so spannend!