Der Leopard

Ein angeschossenes Reh wird seinen Häschern niemals entkommen. So geht es auch dem Haus Salina. Der Hausvorstand, Don Fabrizio, gibt sich der Astronomie hin – seine mathematischen Berechnungen sind hier angebracht. Wenn es allerdings um die Familienfinanzen geht, versagten schon seine Vorfahren. Man pflegt die katholischen Traditionen. Das Gebet, der Rosenkranz, gehört zum Alltag wie der Sonnenaufgang.

Der Zahn der Zeit, der Fortlauf der Geschichte – ob man es sehen oder gar wahrhaben will oder nicht – wird auch vor dem Landsitz des Fürsten nicht halt machen. Ob er weiß, dass er den Untergang seines Hauses noch erleben wird?

Garibaldi steht vor der Landung auf Sizilien. Nicht wird mehr so sein wie es einmal war. Italien wird geeint werden. Eine Revolution wie es sie noch nie gegeben hat. Und auch in der traditionsbewussten Familie Salina gibt es Sympathisanten mit den Aufständischen. Tancredi, der Neffe des Dons, hat nichts zu verlieren. Adelig, ja, das ist er. Doch ohne Mittel und Einfluss. Garibaldi und seine Ideen sind für Tancredi wie ein Fanal für die leuchtende Zukunft. Auch für die Salinas.

Tancredi liebt Angelica. Sie ist nicht blauen Geblütes, noch nicht (wissentlich). Eine Hochzeit mit einer Bürgerlichen, einer, die Garibaldi von Hause aus zugetan sein muss, unmöglich! Was die Revolution in Italien im Großen, setzt sich im Kleinen im Hause Salina fort. Tancredi steigt in der Revolutionsarmee auf. Der Don hingegen bekommt die Möglichkeit seine Würde zu wahren, seine Familie samt Einfluss zu retten, an der Erneuerung aktiv mitzuwirken. Er lehnt ab. Ein Salina wird niemals das Zugpferd einer progressiven Bewegung sein! …

Giuseppe Tomasi di Lampedusa hat den Erfolg seines einzigen Romans nicht mehr erlebt. Er starb ohne das Wissen, dass „Il Gattopardo“ so der Originaltitel, jemals veröffentlicht werden könnte. Die Neuübersetzung von Burkhart Kroeber – es ist die dritte Übersetzung ins Deutsche – hält sich an den Originaltext, versucht aber die sizilianischen Begrifflichkeiten so denn überhaupt möglich, so relevant wie möglich dem deutschen Lesefluss anzupassen. Keine einfache Aufgabe, denn schon der Titel gattopardo, bedeutet nicht zwangsläufig Leopard. Ein Serval trifft es wohl eher. Vielleicht hat der Autor aber auch mit der Verkleinerung des Tiernamens die Entwicklung und Bedeutung der Fürstenfamilie vorwegnehmen wollen. Ein Geheimnis, das er wohl mit ins Grab genommen hat.

„Der Leopard“ ist den meisten sicherlich aus der gleichnamigen Verfilmung von Luchino Visconti bekannt. Eine der besten – weil nahe am Original – Literaturverfilmungen, wenn nicht sogar die beste überhaupt. Burt Lancaster als desillusionierter Don Fabrizio, Alain Delon als heißblütiger Tancredi und die perfekte Besetzung der Angelica mit Claudia Cardinale. Im Falle des Leoparden ist es ausnahmsweise mal kein Frevel zuerst den Film zu schauen und dann das Buch zu lesen. Buch und Film sind in ihrer Gattung unbestritten auf den ersten Plätzen der Charts zu finden. Und das schon seit über einem halben Jahrhundert!