Der Postbote klingelt immer zweimal

Das Leben kann auch ungerecht sein! Frank Chambers würde dieses Statement mit dicken, fetten Buchstaben ohne zu zögern unterschreiben. Jahrelang trieb er sich rum, Kansas, Frisco, Mexiko. Er hat viel gesehen viel gemacht. Doch das Leben hat ihn immer wieder ausgespuckt, ihm in die Fresse geglotzt und einen Stockhieb nach dem Anderen verpasst. Knapp zwanzig Meilen sind es bis Los Angeles. Die nächste Stadt, die nächste Abreibung?

Nein, erhängt im Diner von Nick Papadakis. Irgendwo, im Abseits. Und der naive griechische Wirt hat irgendwie einen Narren an dem Rumtreiber gefressen. Und bietet ihm einen Job an. Mechaniker, Tankwart, Mädchen für alles. Frank ist vierundzwanzig, kann zupacken und vor allem zulangen. Der eigentliche Grund, warum Frank das Jobangebot annimmt trägt schwarze Haare und hört auf den Namen Cora, Nicks Frau.

Ihr versucht er sogleich an die Wäsche zu gehen. Und siehe da. Das plumpe Anmachmanöver scheint zu fruchten. Nur leider ist es nicht Franks attraktives Äußeres, das ihn so weit gehen lässt. Es ist vielmehr Coras dunkler Fleck im Herzen. Die verabscheut ihren Gatten. Sein schmieriges Aussehen ekelt sie an. Nick merkt davon nichts. Er liebt seine Cora über alle Maßen, versucht mit dem Diner ihnen beiden eine Zukunft aufzubauen. Doch Cora will mehr, zumindest etwas anderes als in der öden Peripherie von LA mit Bratfett ihr Leben zu verschwenden. Frank und Cora sind sich in einem Punkt sehr ähnlich. Sie sind postwendend zu überzeugen, wenn sie einen Vorteil für sich sehen. Die beiden kennen sich kaum, doch der Gedanke gemeinsam ohne Nick glücklich zu werden, lässt in ihnen einen grausamen Plan gedeihen: Nick muss verschwinden. Und zwar für immer. Doch der Mordplan geht schief. Ausgerechnet eine Katze durchkreuzt den perfekten Mord!

Frank sucht das Weite als er erfährt, dass Nick lediglich schwer verletzt ist. Der Verlust Coras wiegt nichts auf. Doch schon ein paar Monate später zieht ihn das Diner wieder magisch an. Nick ist zwar sauer auf Frank gewesen, dass er so einfach abgehauen ist, als er und das Diner ihn am nötigsten brauchten. Die Freude, dass Frank wieder da ist, lässt den Frust schnell vergessen. Auch Frank und Cora finden schnell wieder zueinander und eine Möglichkeit Nick endgültig zu beseitigen. Ein zweiter perfekter Mordplan? Statt peace, happiness and pancakes gibt es ein Desaster nach dem anderen. Frank und Cora müssen feststellen, dass ihre Gewissenlosigkeit keineswegs ihr alleiniges Alleinstellungsmerkmal ist. Es gibt andere Leute in ihrem neuen Umfeld, die dem Begriff Skrupellosigkeit eine ganz andere Dimension verleihen…

James M. Cain hat mit „Der Postbote klingelt immer zweimal“ nicht nur einen düsteren Kriminalroman geschaffen, sondern ein Kultbuch, das auf keiner Seite daran zweifeln lässt, dass der Begriff Kult nur eine abgedroschene Floskel ist. Als Leser, der eine der Verfilmungen noch schwach in Erinnerung hat, wird man durcheinandergewirbelt wie auf der wildesten Achterbahn. Frank Chambers ergreift vom Leser Besitz und zieht ihn in seinen Bann. Frank Chambers schreibt als Erinnerung auf. Man sieht die karge Zelle vor sich, in der der Delinquent mit beißendem Zigarettenqualm in den Augen, mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Memoiren niederschreibt. Frank Chambers ist unfähig Reue zu zeigen, doch er würde es sicherlich, wäre er dazu im Stande. Mitleid mit dem Tramp? Keineswegs. Er war seines Glückes Schmied, doch er benutzte wertlose Rohstoffe, verwendete die falschen Werkzeuge und konnte sich mit dem Ergebnis dennoch zufriedengeben. Noch zufriedener ist nur der Leser, der die besten Rohstoffe, verarbeitet mit dem schärfsten Werkzeug eines Autors in den Händen hält.