Fremde Treue – Laidlaw III

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Ist das noch Jack Laidlaw? Dicker Kopf, mit beißendem Zynismus auf der Zunge, am Boden zerstört. Ersteres ist neu, das Zweite wohlbekannt … doch Drittens ist so unerwartet. Das war für ihn auch die Nachricht vom Tod seines Bruders Scott. Betrunken vom Auto angefahren. Jacks einziger Verbündeter in dieser Welt ist nicht mehr. Die beiden standen sich näher als jemand anderes sonst. Das soll nun alles vorbei sein? Er will nach Graithnock, wo Scott gelebt hat. Will sich umschauen. Reisen wie er es oft in Glasgow tat. Nur für ein paar Tage, um alles verstehen.

Scott war Lehrer, in seiner Freizeit hat er gemalt. Ein umgänglicher Kerl, doch Jack hört auch andere Stimmen. Anna, Scotts Frau, ist Jack gegenüber abweisend. Die Beziehung war am Ende. Scott hatte sogar eine Affäre, von der kaum jemand wusste. Ellie Mabon hieß sie, war eine Kollegin, die, um Schaden von beiden abzuhalten, aber Schluss machte. Jacks Reise in Scotts Leben gerät immer mehr zu einer Sinnkrise.

Halt findet in den kurzen Telefonaten mit Brian. Sein Kollege hält derweil in Glasgow die Stellung. Einen Toten gab’s. Meece Rooney, ein Kleinkrimineller, der seinem eigenen Stoff zu sehr zugetan war. Doch eines der Telefonate dient auch einem anderen Grund: Scott soll sich im Pub heftig mit Frankie White gestritten haben. Fast Frankie White – den kennt Jack Laidlaw. Einer seiner Klienten. Kurz bevor Scott vom Auto überfahren wurde, fielen einige unschöne Worte. Klangen fast wie Drohungen. Jacks Jagdinstinkt beginnt sich zu rühren.

Annas Verhalten ist mehr als merkwürdig. Ein Eisblock ist gegen sie eine Hitzewelle. Sie verkriecht sich in Edinburgh. Als Jack sie, seine Schwägerin, die Frau, bei deren Hochzeit er Trauzeuge war, die Frau seines toten Bruders über ihn befragen will, bekommt er nur kurzatmige Antworten. Carla, eine Freundin, die unbedingt bei dem Treffen dabei sein muss, scheint ihr näher zu stehen als der Bruder ihres verstorbenen Mannes.

Die Rätsel um Scotts Tod nehmen nicht ab. Aber sie bekommen Konturen. Wer ist der mysteriöse Mann im grünen Mantel, von dem Jack im Pub hörte? Annas einzige halbwegs menschliche Reaktion, die Jack vernehmen konnte, war bei der Frage nach eben diesem Typen. Er scheint das Licht zu sein, das den Nebel der Verschleierung durchschneiden kann. Ein Ausflug raus aus Glasgow, in die Vergangenheit sollte es werden. Nun ist es eine Ermittlung, die ihn wieder dahin bringt wo er herkam…

Es ist das Schicksal der Denker, immer auf das zu stoßen, was sie nicht zu treffen wagten. Sie erwarten es, und sind dann doch davon überrascht. Jack Laidlaw dafür zu rügen, wäre fatal. Auch wenn es manchmal scheint, als ob sich der Ermittler im eigenen Selbstmitleid, in seinen Selbstzweifeln ertränken würde, so sind es doch genau diese Ausflüge ins scheinbare Nirgendwo, die ihn menschlich machen.