Archiv der Kategorie: Zwischen Spree und Havel

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Wo Du nicht bist

Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, der hat die Operette „Das Land des Lächelns“ sicher schon mal gehört. Oder vielleicht bei Heinz-Rudolf Kunze. „Wo Du nicht bist, kann ich nicht sein…“ bei HRK folgt dann allerdings „… wir haben so viel Glück auf dem Gewissen“. Irma Weckmüller kann dieser Zeile nicht einmal mehr ein Lächeln abgewinnen. Und das ist das Traurige an dieser rührenden, aufwühlenden und einzigartigen Geschichte.

Die Zwanzigerjahre liegen in den letzten Zügen als Martha sich ihrer Schwester Irma anvertraut. Ihr Dienstherr hat sie mehr als einmal bedrängt. Und jetzt sind die widerwärtigen Annäherungsversuche bzw. das Ergebnis nicht mehr zu vertuschen. Irma ist schwanger. Die Adresse von Dr. Bragenheim und ein paar Mark hat er ihr zugesteckt. Sie solle tun, was zu tun ist. Ansonsten wäre sie ihre Stelle los. Doch der Doktor kann nichts mehr für das arme Ding tun. Irma, die ihre Schwester begleitet und immer an ihrer Seite steht, ist wenig angetan vom Doktor.

Der hingegen schon. Erich Bagenheim hat etwas in Irma entdeckt, dass ihn in KaDeWe zieht. In die Stoffabteilung. Dorthin, wo Irma arbeitet. Sie ist zufrieden mit ihrer Arbeit, verdient gut und ihr Vorgesetzter, lässt sie Stoffe mit nach Hause nehmen, schenkt ihr sogar einen Kinderwagen für das Kleine von Martha. Ganz ohne Gegenleistung. Irma steht wirklich auf der Sonnenseite des Lebens, findet Martha. So war es, so ist es, so wird es immer bleiben. Bei Letzterem soll sich Martha gehörig täuschen.

Erich und Irma nähern sich vorsichtig an. Ihr soll ja schließlich nicht dasselbe passieren wie Martha. Ausgenutzt und verstoßen, ohne einen Atemzug dazwischen. Doch Erich ist anders als die Männer, die Irma bisher kannte. Zuvorkommend, höflich, ehrlich und immer für eine Überraschung gut. Bei einem Essen mit Freunden, seinen Freunden, macht er ihr einen Heiratsantrag. Den sie freudig strahlend annimmt. Der glücklichste Abend in ihrem Leben hat aber einen bitteren Beigeschmack. Das Gespräch rückt unweigerlich in die Politik hinein. Manche der am Tisch Versammelten sind geradezu entrüstet als sie erfahren, dass Erich und weitere Gäste Juden sind. Schmähungen gab es immer. Doch so direkt, fast schon Hass, zumindest von tief sitzenden Vorurteilen geprägte Parolen, das ist neu.

Irma und Erich sind nun verlobt, doch die braune Brut in den Ämtern verhindert mehr. Eine Hochzeit ist unmöglich. Mischehe, Verunreinigung deutschen Blutes – das geht nicht! Auch Martha hat sich verändert. Max, ihr Sohn, den sie nicht wollte, entwickelt sich prächtig. Doch Martha steckt voller Hass. Auch gegen Irma. Das Blatt scheint sich gewendet zu haben. Jetzt muss Irma zusehen wie sie zurechtkommt, und Martha steht auf der Sonnenseite des Lebens. Es kommt noch schlimmer: Erich wird nach Theresienstadt gebracht. Später – das erfährt Irma aber erst nach dem Krieg – sogar nach Auschwitz-Birkenau. Sie weiß, dass sie Erich niemals wiedersehen wird.

Aber sie kämpft. Kämpft um ihre Liebe und die Anerkennung. Erich ist tot. So traurig es ist. Sie will ihn trotzdem heiraten. Schließlich wurde ihr die Eheschließung unrechtmäßig verweigert. Doch im Nachkriegsdeutschland sitzt der Stachel des Hasses gegen Juden noch tief. Irma Weckmüllers Kampf ist einzigartig.

Das dachte sich auch Anke Gebert als sie von dieser ungewöhnlichen Geschichte hörte. Sie recherchierte, wälzte Aktenberge, traf sich mit Nachkommen von Irma Weckmüller. Ihre Entschlossenheit als alleinstehende Frau sich gegen Bürokratie-Windmühle trotzt jedem Leser höchsten Respekt ab. Sie wollte nicht Frau Dr. Erich Bragenheim werden, um Rentenansprüche zu untermalen. Sie tat, was eine Ehefrau tut: Sie verteidigt ihre Familie. Vor dem Haus Nummer 141 am Berliner Ku’damm wird im Frühjahr 2020 ein Stolperstein für Dr. Erich Bragenheim verlegt werden. Mehr als nur ein Symbol – ein Stück Geschichte, ein Mahnmal, und die Geschichte dahinter ist bemerkenswert. Auch und gerade weil Anke Gebert es meisterlich versteht die Perfidität der Nazizeit so eindringlich und ohne falsche Pietät und Betroffenheit nachvollziehbar zu machen. Es ist eben doch noch nicht alles über diese finstere Zeit erzählt.

Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil

Die Erinnerung spielt einem gern und oft mal einen Streich. Ab diesem Jahr kommt man nicht umhin die 20er Jahre, die Goldenen Zwanziger, the roaring twenties, die des vergangenen Jahrhunderts zu würdigen und zu feiern. Berlin zum Beispiel kommt einem dann vor wie eine gigantische nicht enden wollende Party, bei die Frauen Perlenketten behangen und die Herren im feinen Zwirn zugange waren, und beiderlei Geschlechter immer einen dicken Kopf vom übermäßig genossenen Champagner mit und auf sich trugen. Dabei vergisst man oft das Elend, das nicht minder vorhanden und vor allem sichtbar war. Die Männer im Hintergrund sind kaum noch bekannt.

So wie die Brüder Rotter, eigentlich Schaiche, Söhne eines jüdischen Kaufmanns aus Leipzig, die schon während des Weltkrieges ihr Imperium zum Strahlen brachten. In den Zwanzigerjahren waren sie von Breslau bis Hannover die Könige der leichten Unterhaltung. Feinde hatten sie manchmal mehr als Publikum im Saal. Obwohl die meist rappelvoll waren. Die Wirtschaftskrise überstanden sie, wie auch immer. Der aufziehende braune Terror brachte sie schlussendlich zur Strecke. Doch nicht nur der allein.

Für die Shows von Alfred und Fritz Rotter zogen sich jährlich Dutzende Vorhänge auf. Lehár und Holländer spielten sie, Hans Albers formten sie zum gefeierten Bühnenstar. In der gegnerischen Ecke standen (und lauerten) die Theaterbesitzer, die den Rotters ihre Bretter, die die Welt bedeuten, vermieteten. Kritiker warfen den Rotter-Shows Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit vor. Das Erfolgsgeheimnis war, dass ein großer Name die Show tragen sollte. So warben sie mit den Stars, auch wenn die dann am Abend gar nicht auftraten. Die Kasse klingelte, doch voll war sie niemals. Pleiten, Pech und Pannen waren die Leibgarde der Rotters. Viel eine Aufführung durch, kam die nächste. Wieder mit einem Namen, der für Qualität stand, verbunden. Ging es bergauf, konnte man die Uhr danach stellen, wann es wieder bergab ging.

Die deutschnationale Presse, im Laufe auch die faschistische Presse setzte dem jüdischen Erfolgsmodell herabsetzende Propaganda entgegen. Als auf dem Ku’damm die SA wahllos auf Passanten einprügelte, nahmen Alfred und Fritz zusätzlich die liechtensteinische Staatsbürgerschaft an. Das ging damals offensichtlich ganz einfach. Ob und wie viel Geld dabei eine Rolle spielt, ist bis heute nicht zu eruieren. Ein paar Tage vor der endgültigen Machtergreifung der Nazis flohen die Rotters. Wohin, das wusste keiner. Den Häschern waren sie erstmal entkommen. Doch der Verrat lauert überall. Und so war die Flucht nur eine Sackgasse mit bitterem Ende.

Peter Kamber wirft noch einmal die Suchscheinwerfer an und leuchtet die Rotter-Bühnen bis in die letzte Ecke aus. Auch er kann nicht jedes kleinste Detail belegen. Doch das, was er recherchiert hat, lässt keinen Zweifel daran, dass Alfred und Fritz Rotter die größten ihre Metiers waren, einflussreiche Feinde hatten, denen ihre kreative bis kriminelle Buchhaltung ein Dorn im Auge war, und die ein Berlin schufen, das über alle Grenzen hinweg Weltruhm erlangen sollte. Ob Gauner oder gewiefte Geschäftsleute – keiner verdient ein Ende wie diese beiden schillernden Gestalten des Bühnen-Berlins.

Eine Prise Funkgeschichte

Erinnern Sie sich noch wo der Marathon seinen Ursprung hat? Der Legende nach lief nach dem Sieg der Athener gegen Sparta ein Läufer die 40 Kilometer in seiner Heimatstadt, um vom Sieg zu künden. Danach brach er tot zusammen. Wenn heute eine Nachricht übermittelt werden soll, geschieht das in Echtzeit. Und das seit rund einhundert Jahren.

Am 23. Oktober 1923 ging der reguläre Rundfunk in Deutschland los. Die ersten Klänge aus dem Voxhaus am Potsdamer Platz. Doch schon lange vorher, mehr als drei Jahre zuvor, rauschten die ersten Worte aus dem Äther. Die Sendestelle Königs Wusterhausen war ihr Ursprung, der Vorsitzende des Fördervereins „Sender Königs Wustershausen“ ist Rainer Suckow, und der ist der Autor dieses Buches. Eines Buches, das Radiofans begeistern wird.

Funk – das heißt nicht nur Hörfunk, also Radio, sondern auch Fernsehen und Funk auf hoher See, zwischen Truckern, oder einfach nur eine Kommunikationsart, um mit Menschen in Kontakt zu treten, die meilenweit voneinander entfernt sind. In diesem Buch geht es aber vorwiegend ums Kino im Kopf, ums Radio.

Viele technische Details bereichern dieses Buch, die Anekdoten das I-Tüpfelchen darin. Wie die Geschichte von Radio Caroline. Mittlerweile ein Streamingradio, begann die Karriere des Senders in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre. Als Piratensender. In England war das Programm derart tröge, dass es das einzige Schlafmittel war, für das man kein Rezept brauchte. An die Zielgruppe, die am meisten auch heute noch das Radio nutzt, die Jugend, dachte kein Mensch. Vor Außerhalb der Drei-Meilen-Zone postierten die Macher ein Schiff mit einem ausreichend starken Sender. Gespielt wurde das, was auch verkauft, sprich gewollt wurde. Jahrelang wurde man der Situation nicht habhaft. Der Sender verschwand, wenn es nötig war und kam wieder, wenn man es am wenigsten erwartete. Die britische Regierung erweiterte daraufhin ihre Befugnisse und schon bald war Radio Caroline den Häschern ins Netz gegangen. Es dauerte eine Zeit bis Radio Caroline eine offizielle Lizenz bekam.

Was gehört heute zu einem Radioprogramm? Eine Hitparade. Doch wann wurde eigentlich die erste Hitparade überhaupt gesendet? Kaum zu glauben, aber in diesem Jahr, genauer am 20. April, feiert diese Form der Unterhaltung ihren 85. Geburtstag. Mal sehen, welcher Radiosender diesem Jubiläum zumindest einen Beitrag widmet.

„Eine Prise Funkgeschichte“ ist wie ein gutes Radioprogramm: Unterhaltung allenthalben, gewürzt mit einer Prise Wissen, abgeschmeckt mit würzigen Notizen aus der „guten alten Zeit“. Radio ist nicht tot, es wird nicht sterben! Die Verbreitungswege mögen sich ändern. Doch der Empfänger, der Hörer, wird es stets goutieren, wenn Macher sich um ihn kümmern. Dieses Buch kümmert sich um seine Leser, die sicher auch Hörer sind.

Vulkan Berlin

Als die Mauer in Berlin fiel, tanzte alles, was Beine hatte auf den Straßen. Die Stadt schien mit einem Mal alles aus sich heraus zu lassen, was jahrelang in Lethargie versunken war. Ein paar Jahrzehnte zuvor muss es ganz ähnlich gewesen sein. Der Krieg war aus. Das gesamte politische Spektrum rangelte um die Vorherrschaft und Deutungshoheit, wenn es sein musste auch mit Waffengewalt. Berlin war damals schon eine Stadt, die man kannte. Doch sie hatte – sinnbildlich wie geographisch – Nebenbuhler. Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg und ein paar mehr reihten sich um Berlin herum. 1912 wurde Adolf Wermuth Oberbürgermeister der Stadt Berlin, von Groß-Berlin. Ihm ist das heutige Gesicht Berlins zu verdanken. Seine Gebietsreform ermöglichte den Aufstieg Berlins zu einer Art Welthauptstadt. Nach London und New York lebten in dieser Stadt die meisten Menschen. Flächenmäßig war nur Los Angeles größer. Kurze Zeit später wurde Berlin tatsächlich Hauptstadt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Dass auch die Nationalversammlung an die Spree zog, war das Ergebnis eines erbitterten Kampfes. Denn Weimar beanspruchte dieses Privileg. Eisenach, Würzburg, Frankfurt, Kassel zogen den Kürzeren. Das Los fiel auf Berlin.

Korruption und Verunglimpfung waren hier an der Tagesordnung. Politisch war Berlin der Mittelpunkt Deutschlands. Kulturell musste man noch nachziehen. Das tat man auch. Und wie!

Architektonisch mit der Hufeisensiedlung in Britz. Literarisch schuf Alfred Döblin mit „Berlin Alexanderplatz“ ein Denkmal, das bis heute nichts an Strahlkraft verloren hat. Berlin entwickelte sich zu einer Metropole, da durften die Medien in nichts nachstehen. Immer mehr Verlage kamen nach Berlin oder gründeten sich neu. Künstler jeder Couleur tummelten sich in den Cafes und schufen in ihren Ateliers Werke für die Ewigkeit.

Kai-Uwe Merz umgeht die Fallen und setzt nicht auf die Aufmerksamkeit erheischende Partyszene, die es ohne Zweifel gab. Doch die ist nur die schimmernde Spitze des brodelnden Vulkans Berlin der 20er Jahre. „Vulkan Berlin“ ist nicht mehr und nicht weniger als der gelungene Kulturführer durch eine Zeit und eine Stadt, der die Ursachen und deren Auswirkungen detailgenau unter die Lupe nimmt. Erst durch dieses Buch erfährt man warum Berlin so glanzvoll dastand und bis heute von diesem Ruhm zehren kann. Und wenn man das nächste Mal in Berlin ist, erscheint so manches in einem anderen – immer noch strahlenden – Licht.

Morde im braunen Berlin

So reißerisch der Titel auch klingen mag: In Regina Stürickows neuer Berliner Kriminalgeschichte stehen Verbrechen im Vordergrund, die sowohl vor als auch nach der braunen Zeit geschehen konnten. Nicht immer waren Straftaten der Jahre 1933 bis 1945 von politischer Motivation freigestellt.

Die Mordinspektion, die maßgeblich von dem aus vielen Büchern der Kriminalhistorikerin Stürickow bekannten Kommissar Gennat geformt wurde, hatte in den Naziorganisationen in braunen und schwarzen Uniformen nicht etwa wie behauptet Unterstützer, sondern knallharte – und vor allem von ganz oben protegierte – Gegenspieler bekommen. Bis zum Jahr 1936, dem Jahr der Olympischen Sommerspiele in Berlin, war die Arbeit der Polizei von gelegentlichen Ränkespielchen mehr oder weniger beeinträchtigt worden. Vetternwirtschaft bzw. Zuschustern von Posten nach dem Parteibuch waren an der Tagesordnung. Echte Polizeiarbeit konnte jedoch noch vonstattengehen. Als die Spiele der Jugend zu Ende waren, die ganze Welt von der Harmlosigkeit des Systems überzeugt schien, wurde der Ton schärfer. Als der Krieg begann, schrumpfte die Polizeistärke auf das Nötigste zusammen. Jede helfende Hand wurde an der Front gebraucht. Ab 1943 versank Berlin im kriminellen Chaos.

Schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis wurden die Gesetze geändert, so dass auch Hilfspolizisten von SA, SS und Stahlhelm für „Recht und Ordnung“ sorgen durften. Allerdings mussten sie sich als Hilfspolizei zu erkennen geben. Doch warum Gesetze verfolgen, wenn die Gesetzgeber ihre schützende Hand über sie halten? Und so passierte es immer öfter, dass zuerst geschossen wurde, und dann erst Fragen gestellt wurden. Besonders, wenn es um „Volksfeinde“ wie Kommunisten, Homosexuelle oder Juden ging. Sobald die Politik ins Spiel kam, war niemand mehr sicher. Verrat lauerte hinter jeder Ecke.

Not und Elend waren in der braunen Zeit ebenso verbreitet – meist sogar noch schlimmer, besonders als die Waffen sprachen – wie zuvor. Ein großer Teil der Bevölkerung musste sich mit mehreren Jobs über Wasser halten. Wer einen kleinen Laden betrieb, war für Diebe meist Freiwild. Die eilig herbeigerufenen Polizisten konnten meist nur noch den Schaden aufnehmen. Ermittlungserfolge waren Glückssache. Je gefestigter das Regime war, desto mehr nahmen sich die angeblichen Ordnungshüter heraus.

Regina Stürickow lässt die Fakten für sich sprechen und verwandelt staubtrockene Aktenberge in rauschende Papierfahnen, die im Wind der Gerechtigkeit wehen. So mancher „Schlaumeier“ mag in Frieden gestorben sein, seine Taten wurden nie gesühnt. Papier ist geduldig. Wenn man ganz genau zwischen den Zeilen liest, treten die wahren Täter langsam aus dem Schatten ihrer Untaten heraus und müssen sich nun ihrer Verantwortung stellen. Die in diesem Buch dargestellten Fälle – manche dienten als Vorlagen für Kriminalbücher und –filme – sind ein Spiegelbild ihrer Zeit, mehr als nur ein „Fliegenschiss“ aus einer Zeit, die von manchen „Politikern“ gern mit der Phrase „Es war nicht alles schlecht“ verharmlost wird. Die Opfer sehen das garantiert ganz anders.

Berliner Literaturgeschichte

Berliner Literaturgeschichte – ach ja, erzähl mal! Ganz so salopp geht es in Roswitha Schiebs Buch über aus und über Berlin doch nicht zu. Auf der Zeitachse gibt sie bekannten und unbekannten Namen der Szene eine Bühne, auf der sie noch einmal auftreten. Vom Barock über die Aufklärung und die Zeiten vor, während und nach den Kriegen bis hin zur wiedervereinigten Stadt. Sie beschränkt sich dabei nicht nur auf das bloße Auszählen, wer wann wo und vor allem wie gewirkt hat.

Berlin tat sich schwer auf dem Weg zu einer literarischen Hochburg. Erst mit der Aufklärung wehte ein Hauch von Weltstadt durch die teils modrig riechenden Straßen und Gassen. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Ein Berlin ohne Ringelnatz, Döblin und Brecht ist undenkbar. Von hier starteten große Karrieren wie die von Erich Maria Remarque, der mit „Im Westen nichts Neues“ – in Berlin verfasst – ein Werk schrieb, das bis heute unerreichbar scheint. Kritiker warfen ihm zeitlebens aber seine ersten Gehversuche in rechtsgerichteten Magazinen und Zeitungen vor.

Joseph Roth kam 1920 nach Berlin. Ohne ihn wäre die Bohème nur ein Haufen saufender, unartiger Querdenker gewesen. Er gab ihnen ein Gesicht und verewigte sie in Hunderten von Texten. Die Weimarer Republik ohne Kurt Tucholsky ist ebenso undenkbar. Seine kritische Sicht auf die zaghaften, und wankelmütigen Schritte der zarten Demokratie ist bis heute ein Mahnmal.

Dieses Buch liest sich wie eine Schnitzeljagd durch die Kieze der Stadt und die Jahrhunderte auf der Jagd nach jedem, der Literaturszene seinen oder ihren Stempel aufgedrückt hat. Auch als Reiseband eignet sich das Buch, da oft auch Orte benannt werden, wo man sich traf, wo man kreativ wurde. Bei der Größe der Stadt ein unumgänglicher Ratgeber.

Für so manchen Leser mag „Berliner Literaturgeschichte“ auch der Anlass sein, mal wieder die Nase ins Buch zu stecken. Oder neue Bücher zu erkunden. Einen neuen Autor zu entdecken, mit dem man erst in diesem Buch Bekanntschaft machte. Ein rundum gelungenes Speed-Date mit der Vergangenheit, bei dem man viele bekannte trifft und viele andere mehr, deren Namen wie Geister bisher im Kopf umherschwirrten. Nun sitzen sie alle vereint um den Leser herum und buhlen um dessen Gunst.

Stadtabenteuer Berlin

Ich hab noch einen Koffer in Berlin – na hoffentlich ist da nicht dieses Buch drin! Dann fehlt nämlich was! Oder vielleicht es auch besser, wenn dieses Buch in diesem Koffer wäre. Dann hätte man wieder einen Grund nach Berlin zu reisen. Das Buch aus dem Koffer zu holen und für Stunden, Tage, Wochen unzählige Erlebnisse zu sammeln. Es muss jeder für sich selber entscheiden, was besser wär. Fest steht jedoch, dass man Berlin ohne dieses Buch kaum als Abenteuertrip bezeichnen könnte.

Ein echtes Abenteuer, das für viele einmal überlebensnotwendig war, ist eine Tour durch die Unterwelt Berlins. Das hat nichts mit Luden Dealern und Ganoven zu tun, sondern mit Fluchttunneln. Eng und stickig war es hier, jetzt ist es ein Erlebnis für Besucher, die Berlin mal aus einer anderen Perspektive sehen wollen.

Eine ganz andere Sicht auf die Stadt (und das ist wortwörtlich zu nehmen) hat man am Alex. Und zwar nicht nur vom Fernsehturm, sondern auch vom Park Inn nur ein paar Minuten vom Vorzeigeturm der Hauptstadt entfernt. Wer hier oben steht, kommt aber nicht nur wegen der Aussicht, sondern wegen des Nervenkitzels. Rasantes Abseilen an der Mauer aus ca. 125 Meter Höhe. Ein kurzer Kick, das ist es, was man, wenn man noch unten steht, sucht. Eine Überlegung, was man hier eigentlich tut, wenn man oben auf der zierlichen Plattform langsam emporgehoben wird, um anschließend gen Boden zu sausen. Und wieder am Boden? Schlotternde Knie und das befreiende Gefühl etwas getan zu haben, an das man sich noch lange erinnern wird.

In diesem Tempo geht es weiter im Buch. Auf David Bowies Spuren, Kunst im Nazibunker – Obstlager – Technotempel, Streetart oder Verkehrsregeln missachtender Bikermob – hier ist der Titele des Buches Programm: Stadtabenteuer. Zeit und ein bisschen Kleingeld sollte man auf alle Fälle mitbringen. Wir sind in Berlin! Die Zeiten, in denen es was geschenkt gab, sind vorbei. Doch jedes Stadtabenteuer ist erschwinglich und nachahmenswert. So soll ein Urlaub sein!

Die kurzen Kapitel sind schnell gelesen und langanhaltend im Kopf. Besonders zu empfehlen sind die Sidekicks „Wenn man schon mal hier ist“. Wie in jedem Buch der neuen Stadtabenteuer-Reihe, vervollständigen sie die Eindrücke und Erlebnisse der Autoren. Sie sind wichtig, um das vorgestellte Abenteuer – und es sind auch wirklich welche, nicht nur leere Worthülsen – voll umfänglich genießen zu können. Wer will schon Kreuzberg sehen, ohne den Kreuzberg zu sehen und den Viktoriapark? Zur Belohnung gibt’s Bockwurst mit Ausblick.

Niemandsland

Der Erzähler (man kann davon ausgehen, dass es sich um den Autor handelt) und sein Freund Frank wachsen im Berlin der späten 60er / 70er Jahre auf. Ost-Berlin! Sie stromern durch Knallerbsenbüsche, schließen Blutsbrüderschaft, stürzen sich von vergammelten Kähnen in Seen, büchsen aus dem Kindergarten aus … halt alles, was man als fantasiebegabtes Kind im Rahmen der sozialistischen Möglichkeiten so tun kann. Von Indianerspielen – Ulzana aka Gojko Mitic ist ihr großes Leinwandvorbild – bis Fahrkartenautomatenknacken – die Beute wird ihnen allerdings schnell wieder abgenommen – ist alles dabei. Doch das ist alles nur ein Vorspiel für eine Jugend, die von Beklemmungen bestimmt sein wird, denen man nur mit Flucht begegnen kann.

Die liebevolle Mutter, der brutale Vater, die Engstirnigkeit der verblendeten Sittenwächter sind anfangs nur Nadelstiche auf der Suche nach Selbstverwirklichung. Je älter die unzertrennlichen Freunde werden, umso tiefer sitzen die Stachel der Verzweiflung. Was als Dummerjungenstreich beginnt, endet abrupt mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben.

Matthias Friedrich Muecke gelingt es nicht nur mit Worten den Leser in eine Zeit zu locken, die vielen so weit weg erscheint wie sie gar nicht ist. Denn die Kindheit ist niemals weit weg. Erinnerungen mögen verblassen und die Eindrücke im Laufe der Jahre in einem andern Licht erscheinen, doch sie sind immer (noch) da.

Die Zeichnungen aus der Feder des Autors sind die eigentlichen Helden des Buches. Detailgenau (etwa das Glas mit den Dritten der Oma auf dem Staßfurt-Fernseher) und pointiert geben sie denjenigen, der eine andere Jugend erleben durfte ein exaktes Bild wider, was in den Texten schrill, skurril, melancholisch, aufmüpfig beschrieben wird. Wer ebenfalls mit Osceola, Muckefuck und Westpakete-Aufreißen aufgewachsen ist, wird aus dem vielsagenden Kichern nicht mehr rauskommen.

Brandenburg, landeinwärts

Das Land Brandenburg gilt nur unter Kennern als ausgemachtes Wanderland. Die meisten zieht es doch in die Berge, die nicht hoch genug sein können. Brandenburg hat den Vorteil, dass die Berge hier Hügel genannt werden und deswegen die Strapazen bei der „Ersteigung“ sich in Grenzen halten. Ein Wanderland für die ganze Familie.

Martin Mosch weiß das. In seinem eingängigen Wanderband durchstreift er das Land, gibt ganz persönliche Eindrücke wider und erleichtert den Einstieg ins Wandern „gleich um die Ecke“. Fünfzehn Touren hat er beschritten und das Sehenswerte in diesem Buch festgehalten.

Wie zum Beispiel die stillen Dörfer der Prignitz. Einer Gegend, in der man sich auf Anhieb wohlig aufgenommen fühlt. Straßenlärm? In der Prignitz-Ausgabe des Dudens dürfte dieses Wort wohl fehlen. Fast schon amerikanische Ausmaße (man schaut und schaut und schaut und sieht nur Horizont) findet man hier vor. Rund zwanzig Kilometer lang und per pedes oder dem Drahtesel hervorragend zu erkunden. Auch mit dem kleinen Anhang durchaus zu bewältigen. Mit dem ÖPNV nach Barenthin, dem Ausgangspunkt zu gelangen, muss der Autor zugeben, ist nicht ganz einfach. Rad in den Regionalsexpress nach Breddin einpacken und von dort zum Ausgangspunkt. Ein mehr als nützlicher Tipp. Backsteinbauten und idyllische Wege zeichnen die 400-Seelen-Gemeinde im Nordwesten Brandenburgs aus.

Auf dem Weg Richtung dem Gutshaus Granzow säumen Eichen und Kastanien auf märkischem Sand. Soweit nur ein kleiner Einblick in einer der fünfzehn Wanderungen.

Martin Mosch meidet die Wanderpfade, auf denen eine Armada wanderstockschwingender, Funktionskleidung tragender Wanderwütiger den Staub aufwirbeln. Ihn zieht es links und rechts der Pfade in die Mark Brandenburg. Dort, wo einst Dichter ihre Inspiration fanden und ruhesuchende Wanderer heute eben dies auch finden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer ausreichend gestalteten Karte sowie Anfahrttipps und einer Kurzeinschätzung der Strecke. Ansonsten macht man es wie der Autor: Sich treiben und die Sinne den Körper leiten lassen. „Brandenburg, landeinwärts“ kommt ohne jegliche Schnickschnack wie Geodaten und Höhenangaben aus. Hier steht das Naturerlebnis Brandenburg im Vordergrund. Wer sich also im Hauptstadt umschlingenden Bundesland vor den Toren des Trubels eine Brise Erholung gönnen will, wird mit diesem Wanderband genau das bekommen.

Ruth. Moabit

Was ist das Schönste an einer Geschichte? Das happy end! Da können noch so viele Unebenheiten den Weg säumen, wenn schlussendlich alles gut wird, hat sich der Aufwand gelohnt. Ein biblischer Ansatz. Man denke an Hiob. Oder sein weibliches Pendant Rut. Auch sie wurde hart geprüft. Doch es lohnte sich.

Noemi würde sich nie im Leben als eine Art Rut oder Ruth sehen. Tagein, tagaus sieht sie die Wartenden in der Warteschlange vor dem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge in Berlin-Moabit. Sie sieht auch wie den Hoffenden und Hoffnungslosen geholfen wird. Decken, Essen, Trinken – Helfer wird es immer geben. Doch ein Dauerzustand kann das nicht sein. Noemis Leben hat einen Knacks bekommen als Tom, der Mann ihrer Seite, diese verließ, um sich ein Abenteuer zu gönnen. Dieses heißt Monica und wird ihn aber nicht glücklich machen. Ob Noemi das hoffen will, weiß sie noch nicht.

Denn momentan ist die Eritreerin Rahua wichtiger in ihrem Leben. Die hat eine Reise hinter sich, die man nicht buchen kann. Sie floh vor allem, was sich der Mensch an Schlechtem ausdenken kann. Sie hat es geschafft. Sie ist raus aus dem Elend und drin in Berlin. Eine gute Seele. Nicht einmal halb so alt wie Noemi. Doch ein stetig präsenter Trauerschleier umspült ihr hübsches Gesicht.

Auch Noemi trägt in ihrem Herzen einen Schleier der Trauer. Ihrer Mutter geht es nicht gut und die Prognosen der Ärzte lassen nur das nahende Ende als Lösung zu. Als Noemi zurückkehrt in ihre Moabiter Wohnung ist von Rahua nichts mehr zu sehen. Gerade eben hat sich noch Flur und Pflanzen gehütet, jetzt ist sie weg. London ist das neue Sehnsuchtsziel. Ein weiterer Tiefschlag für Noemi. Hat sie zu sehr die Beschützerin gegeben? War ihr Engagement zu einengend? Sie hat keine Zeit darüber nachzudenken, denn der nächste Nackenschlag lässt nicht lange auf sich warten. Auch Jule, ihre fast schon erwachsene Tochter, im Alter von Rahua, verschwindet auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben. Noemi ist nun ganz allein.

Rahuas Sehnsuchtsziel erweist sich alsbald auch nicht als das Paradies auf Erden. Doch sie fasst zumindest wieder den Entschluss mit ihrer Familie in Eritrea in Kontakt zu treten. Wird ja auch Zeit. Denn es gibt einen neuen Mann in ihrem Leben. Den kennt zufällig auch Noemi, die gerade auf dem Weg in die britische Hauptstadt ist…

Anna Opel fasst den oberflächlich biblischen Rahmen nicht so eng und schon gar nicht dogmatisch. Zwei Frauen, die arg vom Schicksal gebeutelt wurden und in ihren neuen Situationen zueinander finden. Auf unterschiedlichen Wegen lassen sie sich treiben, mit dem Steuer in der Hand. Moabit als Handlungsort ist nicht minder bibelvorbelastet. Denn der Name des Stadtteils hat religiöse Wurzeln. Mit zunehmender Seitenzahl wird man immer tief in den Strudel aus Verzweiflung, falschem Schweigen und hoffnungsvoller Poesie gezogen. Wellen von Abscheu und Zuversicht umspülen den Leser bei der Lektüre von Anna Opels erstem Roman.