Archiv der Kategorie: Zwischen Spree und Havel

Berlin Deutschland Hauptstadt

Verlassene Orte in Berlin

Blut spritzt, Knochen splittern – das tut weh. Farbe blättert, Putz bröckelt, Scheiben klirren – das hat Charme. Metropoler shabby chic mitten unter uns. Berlin ist die Metropole des Schauderns – Ciarán Fahey zeigt Berlin wie es sich Berlin Touristen nicht vorstellen können. Und doch gibt es mehr als genug Neugierige, die dem Charme des Verfallenen nicht widerstehen können. So wie der Autor.

Er kraucht dort hinein, wo man sich schmutzig macht. Wo man sich die Hosen zerreißt und vielleicht auch die eine oder andere Schramme holt. Und er erhellt das Dunkel der Vergangenheit, in dem er zum Beispiel die Bärenquell-Brauerei ihres letzten Geheimnisses beraubt. Nämlich dem wie es heute um die einstige Hopfentränke bestellt ist. Ein gelinde gesagt staubiger Eindruck. Als ob hier von einer Minute die Feierabendsirene ertönt wäre und man vergessen hätte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Wo vor hundert Jahren noch – sogar werktags – geschwoft wurde, hätte selbst die beste Feuchtigkeitscreme keine Chance die Risse in der Fassade glattzubügeln. Das Ballhaus Grünau ist heute nur noch annähernd ein Schatten seiner selbst.

Mit detaillierter Versiertheit beschreibt er die Orte, die einmal Großes darstellten und heute aus den verschiedensten Gründen den Naturgewalten anheimfallen (gelassen werden).

Verlassen? Ja! Vergessen? Nein! Dank Ciarán Fahey. Der irische Autor geht auf die Knie vor den erhabenen Bauten und robbt sich vor ins Innere der meist abgesperrten Hinterlassenschaften aus Urgroßmutters Zeiten. Wer heutzutage bei Siemens die S-Bahn verlassen will, landet im Nirgendwo. Siemensbahn – die Geisterstationen von Siemens‘ verlassener S-Bahnlinie heißt das Kapitel, das – genau wie der Rest des Buches – eindrucksvoll beschreibt wie der Zahn der Zeit an Plattform, Handlauf, Dach und Informationstafeln genagt hat. Rost ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung, scheinen einem Text und Bilder entgegen zu schreien. Und doch gedeiht hier noch oder schon wieder Pflanzen. Die Natur gibt, die Natur nimmt. Was schon einmal samtzart das Auge berührte, wirkt gegenwärtig wie pubertierende Akne auf verwelkter Haut.

Man riecht den Moder und die Verwesung, sieht aber das Potential der abgebildeten Objekte und schnauft tief durch. Warum nur findet sich niemand den Reiz der Vergangenheit noch einmal zu alter Blüte zu verhelfen? Waschbären als Hüter des Augenblicks, Graffitis als Boten der Moderne, Schrottautos als stillgelegter Protest gegen das Vergessen?

Dieses Buch ist ein reiseband der besonderen Art. Kein Aufforderung Grenzen zu überschreiten. Wohl aber ein gedrucktes Mahnmal für den Erhalt der eigenen Geschichte.

Mit dem Schiff durch Berlin

Es gibt viele Gründe nach Berlin zu fahren. Die Weltläufigkeit, die unbegrenzte Möglichkeit zum Shoppen, die Architektur, das Angebot an Konzerten. Doch Berlin als Schiffsmetropole zu betrachten, das ist ungewöhnlich. Nur auf dem ersten Blick! Denn Berlin ist von Wasserstraßen durchzogen wie kaum eine andere Stadt in Deutschland.

Armin Gewiese und Ulrike Dömeland nehmen den Leser mit auf eine kapitale Hafenrundfahrt. In Zahlen heißt das: Rund 60 km² Berlin sind vom Wasser erobert, die Uferlängen aller Gewässer sind fast doppelt so lang wie das S-Bahnnetz, und einer der größten Exportschlager der Welt wurde vor 125 Jahren auf dem Dampfer Hertha gegründet.

Von Kladow bis Erkner, von Krampenburg bis Tegel/Greenwich Promenade, vorbei an Hauptbahnhof und Schlossbrücke – janz Berlin liegt uffm Wasser. Zumindest am Wasser. Und es gibt auch überall was zu sehen! Museen, die Museumsinsel ist nur eine Augenweide, extravagante Illuminationen, Schlösser … und das Beste ist, dass lästige Parkplatzsuche keine Zeit mehr vom Besuch der Stadt abknabbern kann. Möglichkeiten zum Aussteigen und Besteigen der Schiffe gibt es zuhauf, um Berlin und Umgebung (wie zum Beispiel das architektonisch wie technisch einzigartige Schiffshebewerk Niederfinow) zu erkunden.

Kleine Karten erleichtern die Orientierung und am Ende des Buches geben die Autoren Tipps zur Hungerbewältigung an Havel, Spree, Dahme, Landwehrkanal, Teltowkanal, Müggelsee, Tegeler See, Seddinsee sowie Adressen von Kreuzfahrtveranstaltern, Reedereien und An- und Ablegestellen.

In den informativen Kapiteln kann man als Leser Berlin nicht schon „schon mal kurz vorher“ kennenlernen. Immer wieder lassen Bilder dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen, was er beim nächsten Berlintrip alles erleben kann. Berlin, die Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, arm aber sexy ist, urbanen Charme mit Modernität wie kaum eine andere zu verweben versteht, mal anders. Keine Touren für diejenigen, die schon alles gesehen haben, sondern eine echte Neuentdeckung der Hauptstadt.

Kommissar Gennat ermittelt

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Das Leben in Balance halten. Für jedes Yin gibt es ein Yang. Und für jeden Berliner Ganoven einen Gennat. Vor- und Nachteil: Wer vor Kommissar Ernst Gennat davon rannte, war eindeutig auf der Gewinnerstraße, denn Spitznamen wie „der volle Ernst“ oder „Buddha der Kriminalisten“ kamen nicht von ungefähr. Doch hatte „Papa Gennat“ einen erstmal in den dicken Fingern, gab es kein Entrinnen. Regina Stürickow setzt einem einst echten Denkmal ein gedrucktes Denkmal.

Ernst August Ferdinand Gennat war der Schrecken der Ganoven von Berlin. Ende des 19. Jahrhunderts in ein Berlin hineingewachsen, das aus den Nähten platzt. Ein schwindelerregender Bevölkerungsanstieg zieht auch so manch schwarzes Schaf an. Gennat ist einer der wenigen Beamten im Exekutiv der Hauptstadt. Und – so scheint es – bald der einzige, der seinen Beruf nicht als Absicherung, sondern als Berufung versteht.

Hat der gewichtige Kommissar einen „Janoven“ erstmal zwischen seinen dicken Fingern, gibt es kein Zurück mehr. Fast schon liebevoll umschmeichelt er sein Gegenüber, zeigt die Grenzen und Folgen des nutzlosen Tuns auf und löst mit einem Fingerschnipp den Fall. Fast wie im Film. Apropos: Fritz Lang hat in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ seinem Ermittler Kommissar Karl Lohmann unverkennbar Gennats Züge angedeihen lassen.

Drei gesellschaftliche Epochen drückte der beleibte Kommissar seinen Stempel auf: Unterm Kaiser, in der Weimarer Republik und auch unter den Nazis. Immer dabei: Sein Trudchen. Sein nicht weniger fülliger Assistenz-Engel, an dem kein Vorbeikommen war. Und die immer für eine mit Sahnestückchen gefüllte Schublade sorgte. Die einzige Sünde, der er sich je hingab. Privatleben gab es für Ernst Gennat nicht. Fast bis zum Ende seines Lebens blieb er Junggeselle – er heiratete kurz vor seinem Tod … eine Kollegin. Wenn er im Verhör mal kurz wegnickte (im Zuckerkoma), atmete so mancher Delinquent kurz auf. Doch sobald die Äuglein über dem Doppel-später Dreifach-zum Ende Vierfach-Kinn, wieder aufblitzten, setzte Gennat nahtlos an der vorangegangenen Frage an. Es war ein Graus für alle Taugenichtse, Räuber, Erpresser und Mörder.

Von Letzteren gab es zu Gennats Zeiten Unmengen. Die Polizei wurde der Lage nie so recht Herr. Gennat war es, der eine Art Handreichung, einen Arbeitsablauf, fast schon eine Betriebsanweisung erstellte. Tatorte wurden gern mal für die Ermittler „hergerichtet“. Einen Saustall konnte man ja wohl den hohen Herren (die meisten Ermittler waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts adeliger Herkunft bzw. zumindest aus besseren Kreisen) nicht zumuten. Und immer mit dabei: Die Presse. Das Opium fürs Volk waren die gedruckten Räuberpistolen, die zeitweise mehrmals täglich erschienen.

Regina Stürickow hat Archive gewälzt, die wenigen Aufzeichnungen der Vor-Gennat-Ära analysiert und ins rechte Licht gerückt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist ein Doku-Krimi-Zeitabriss der besonderen Art. Die Texte der Autorin und die Gestaltung des Buches lassen dem Leser nur eine Wahl: Sich gebannt der Lektüre ergeben. Widerstand zwecklos. Der Kommissar gewinnt am Ende doch.

Alltag in Berlin

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Wie spannend kann der Alltag schon sein? Aufstehen, arbeiten, essen, schlafen, aufstehen, … und so weiter. Klingt nicht gerade sehenswert. Denkste! Denn Alltag ist Kultur, Kultur, die jeden betrifft, die jeder kennt, die jeder formt und gestaltet. Und mal ganz ehrlich: Neugierig sind wir doch alle, wollen wissen wie‘s beim Nachbarn aussieht, was der alles so treibt. Und wie das in Berlin aussah, kann man nun in diesem Prachtband nachlesen, kann kieken wie’s um die Ecke aussah, kann man bestaunen und wieder entdecken.

Hans-Ulrich Thamer und Barbara Schäche haben sich das Mammutprojekt „Alltag in Berlin“ vorgenommen und beeindruckend umgesetzt. Barbara Schäche saß bis 2015 an der Quelle. Als Leiterin der Fotothek des Berliner Landesarchives war die Herrin über einen unfassbar großen Bestand an Aufnahmen der Stadt, die den Begriff „wechselvolle Geschichte“ für sich gepachtet zu haben scheint.

Was dieses Buch dankenswerterweise nicht ist: Ein Regenbogen der Promis in der Hauptstadt. Wahre Begebenheiten, echte Menschen, reale Situationen, nachvollziehbare Prozesse sind die Zier und das Brot dieses Buches. Eine fast ausgestorben scheinende Werkhalle – letzter Tag der Abfüllung bei Bärenquell. Oder wohlverdiente Pause bei Borsig – Lehrlinge, denen harte Arbeit nichts ausmacht, aber einer Pause nicht abgeneigt sind.

Kriegsinvalide werden Badevergnügen gegenüber gestellt – Freud und Leid liegen nicht nur literarisch eng beieinander.

Dieses Buch schaut man sich immer wieder an. Schon allein deswegen, weil man es nur schwer auf einmal von der ersten bis zur letzten Seite anschauen kann. Zu viel Input, wie man heute sagen würde. Die Wucht der Bilder ist nicht nur bei intensiver Beschäftigung erdrückend. Zwischen den Bildern, die Abläufe zeigen, die heute kaum mehr einer kennt, der noch nicht in Rente ist, wie das Wäschewaschen im Waschkessel im Waschhaus, erquicken den Leser Aufnahmen von erholsamen Unterbrechungen, Gartenparties oder Faschingsfeiern im Kindergarten.

Demos für Frieden und Solidarität auf beiden Seiten der Mauer waren Gemeinsamkeiten und Unterscheide in der geteilten Stadt. Sie gehörten zum Stadtbild wie Menschen „von janz weit her“ über „aus Not auf die Straße getriebene Mädchen“ bis hin zum quirligen Treiben vor dem Ringbahnhof in Mitte. Wohlgemerkt, das sind drei Bilder von zwei sich gegenüberliegenden Seiten. Abwechslung ist geboten, das hat sich Berlin bis heute bewahrt. Es ist den beiden Sammlern zu verdanken, dass nicht nur der momentane Wandel in Bildern festgehalten wurde, sondern vor allem das, auf dem heute dieser Wandel überhaupt noch stattfinden kann. Als Berlinkenner ist es ein Riesenspaß die genauen Standorte der Fotografen zu bestimmen. Und vielleicht erkennt sich ja jemand wieder auf den Bildern. Det wär ‘ne Schau!

Böser die Glocken nie klingen

Böser die Glocken nie klingen

Ach ist das schön muckelig! Draußen schneit’s! Die klirrende Kälte bleibt, wo sie hingehört, draußen. Drinnen spendet die Heizung wohlige Wärme. Alles ist hell erleuchtet. Illuminiert nennen das die neuen Kunsthelden. Jedes Fenster ist festlich geschmückt. Doch hinter so mancher Fassade wedelt der Tod mit seiner Sense. Er ist in Wartestellung. Selbst Hand anlegen muss er nicht. Das machen schon die Anderen. Es ist Weihnachten! Die Zeit des Vergebens, des Schenkens, des Geben und Nehmens. In dieser Kurzkrimisammlung wird erst genommen, dann gegeben…

Es ist schon kurios, warum – gerade zur „heiligen“ Weihnachtszeit – so gern, so ausgiebig, so einfallsreich und vor allem, aus welchen Gründen – gemordet wird. ‘Ne Eisenbahn als Auslöser. Eine Modelleisenbahn. Ein so genanntes Krokodil. Frauchen hat’s ja! Aber sie will die Kohle nicht rausrücken. Lieber das „Krokodil“ im Maßstab Eins zu Eins anschauen. Och nee! Zum Glück ist Wasser (Badewasser) ein exzellenter elektrischer Leiter. Klar, was jetzt kommt, oder?! Wasser – Fön – stöhn! Doch wie groß ist das Entsetzen, als die Geschenke geöffnet werden…

Weihnachten ist aber auch die Zeit, in der man so manchen Streit der Vergangenheit anheim schenkt. Vergeben und vergessen. Zweisamkeit ist Trumpf. Vielleicht entdeckt man sogar wieder Gemeinsamkeiten. Etwas wie Harry und Elfriede. Seit Jahren sind sie verheiratet. Die Pflichterfüllung ist ihnen näher als die gemeinsame Gefühlslage. Kurz: Sie gehen sich tierisch auf den Geist. Er immer nur bei seinen Fröschen und sie die vernachlässigte Gattin. Da muss man was unternehmen. Denken beide, unabhängig voneinander und handeln. Mit mörderischem Resultat!

Berlin zur Weihnachtszeit. Ein gefundenes Fressen für Krimifans und Autoren. Und für den Leser! Der bekommt ein reichhaltiges Menü, versetzt mit Witz und Niedertracht, ebenso mit Genialität und verschrobenen Charakteren. Det is ne Schau! Für die Polizisten ist es die Hölle. Denn sie müssen nun ermitteln. Und sie wissen, dass es jetzt, wenn alle so freundlich sind, viele nur so tun. Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist jetzt keine Hexerei – auch wenn es manchmal daran zu grenzen scheint – es ist Puzzlearbeit. Und der Leser darf mit Ecken anfangen. Alles andere ergibt sich von selbst…

Fußball in Berlin

Fußball in BerlinIch bin ein Fan von Hertha! Is erstmal ‘n Statement. Aber welche Hertha? Literatur-Nobelpreisträgerin Hertha Müller? Politik-Dauer-Nörglerin Hertha Däubler-Gmelin? Oder doch Hertha Suurbier, die mit der eigenen Fahne…

Dann doch lieber Hertha BSC. Als Fußballfan eines Hauptstadtvereins hat man in England die Qual der Wahl – Chelsea, Arsenal, Tottenham ganz oben mit dabei, West Ham, Crystal Palace, Fulham eher Kellerkinder. In Frankreich ist es der Hauptstadtclub PSG, der seit einiger Zeit den Ton angibt – und wie! Italiens römische Vereine sticheln gern und oft, aber Meister kommen dann doch von „weiter oben“. Und in Deutschland? Von den 54 Vereinen, die jemals in der Bundesliga gespielt haben – ja, auch vorher wurde schon Fußball gespielt, aber … – hat sich der Hauptstadtclub auf Platz Zwölf der ewigen Bundesligatabelle eingerichtet. Nicht schlecht! Aber ohne Titel eben. Die letzte Meisterfeier stammt aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Im Ostteil der einst geteilten Stadt wurde dagegen regelmäßig der Meistertitel gefeiert. Allerdings hatten da höhere Mächtige ihre Hände im Spiel, echte Menschenfreunde wie sie meinten…

Noch einmal zur Ewigen Tabelle. Ein Berliner Verein führt diese an – allerdings nur, wenn man sie auf den Kopf stellt: Der SC Tasmania 1900 Berlin. Acht kümmerliche Punkte nach der Dreipunktregel. Zur aktiven Zeit  der Verein ist mittlerweile Pleite – waren es sogar nur sechs Punkte. Zwei Siege, zwei Unentschieden. Und sagenhafte einhundertacht Gegentore. Das ist Fußball in Berlin! Nicht ganz. Meint zumindest Henry Werner, Autor des Buches „Fußball in Berlin“. Und er hat recht!

In Berlin wurde 1897 der erste Fußballverband gegründet, im „Dustren Keller“ in der Bergmannstraße 107, unweit des Flughafens Tempelhof. Das Buch ist mehr als ein Almanach der Punkteverteilung. Historische Plakate wie dem von den Internationalen Fußball-Wettspielen, fotografischen Zeugnissen u.a. von Viktoria Berlin und den Gründungsvätern des BFV oder auch athletischen Momentaufnahmen des Weltsports Fußball. Die Texte strotzen nur so von Fachwissen.

Über einhundert Jahre Fußballgeschichte aus und in einer der bedeutendsten Städte der Welt, deren Veränderungen Jahrzehnte, gar Jahrhunderte bewegten und immer noch bewegen. Auch wer kein Fußballfan eines Berliner Vereins ist – und Vereine gibt es hier mehr als Baustellen – wird sich an diesem Buch erfreuen können. Immer wieder streut der Autor kleine Anekdoten ein, die man einfach nicht kennen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wie die der „Spartaner“. Ernst Fuhry gründete diese sektenartige Mannschaft in der dunkelsten Zeit Deutschlands. Nationalsozialistische Ideologien paarten sich mit kruden Idealen, die den Spielern wirklich jeden Spaß am Leben verdarben. Doch ihr Spielstil war einzigartig: Fair, ritterlich, aufopferungsvoll und ohne Fouls und Tacklings. Das war selbst den Machthabern suspekt. Fuhry selbst wurde denunziert, verfolgte aber – ganz Sportsmann – stur seine Linie. Die Spartaner wurden dem Post-SV untergeordnet, das war das Ende der Spartaner. Dennoch wurden sie in der Saison 1937/38 ungeschlagen Berliner Meister. In 27 Spielen kassierten sie lediglich 17 Gegentore.

Bildband oder Nachschlagewerk? Das ist hier nicht die Frage! Fußballfieber zwischen zwei Buchdeckeln trifft es eher. Das Großformat trägt der Bedeutung der Stadt als Fußball-Dauerbrenner Rechnung. Wer Berlin besucht, kommt irgendwann auch am Olympiastadion vorbei – auf der letzten Umschlagseite mit der „Berliner Fußball-Karte“ übrigens als Standort „3:10“ gekennzeichnet. Spätestens hier wird auch der neutrale Beobachter vom Fußballfieber gepackt. Für echte Fans müssen nicht immer die Alte Försterei oder der Jahnsportpark sein…

Skandale in Berlin

Skandale in Berlin

Skandale und Berlin. Das passt, wenn man sich die aktuellen Ereignisse um den Flughafen betrachtet. Doch Skandale und (und in) Berlin sind keine Erfindung der Gegenwart. Regina Stürickow reist zusammen mit dem bis ans Ende des 19. Jahrhunderts. Schon damals erschreckten underschütterten Skandale die Hauptstadt.

Und zum Beginn gleich eine saftiger Aufreger: Sex im Königshaus! Doch nicht Wilhelm II. und seine Angetraute sind darin verwickelt – naja irgendwie schon, aber erst im Nachgang, also zumindest er, der Kaiser – sondern seine Entourage, der Adel, die Schmeißfliegen, die sich gern im Glanze des Staatsoberhauptes sonnen. In diesem Falle muss es wohl eher heißen: Sich im Glanze des Kaisers suhlen. Es ist Januar im Jahre 1891. Der Grunewald ist schneebedeckt. Er ist der einzig Jungfräuliche in dieser Geschichte. Über ein Dutzend Männer und Frauen treffen sich zu einer, heute würde man Party sagen. Es wird königlich gespeist. Man ist gesättigt und doch noch hungrig. Der Magen ist gefüllt, das Blut in Wallung, und schon ist man in einer wüsten Orgie. Wer mit wem, wie oft, warum, in welcher Konstellation – das war, ist und bleibt verborgen. Doch dass es stattgefunden hat, daran wird jeder einzelne bald und eindringlich erinnert. Denn schon kurze Zeit später tauchen Briefe auch. Briefe an die Teilnehmer. Wer ist denn nun der Übeltäter? Oder ist es eine Übeltäterin. Charlotte von Hohenau soll angeblich hinter den Briefen stecken. Wenn das rauskommt! Oh je. Doch eine weitere Charlotte, die Schwägerin des Kaisers, hat ihre Finger im Spiel. Ihr ist das (liebs-)tolle Leben ihrer Namensvetterin ein Dorn im Auge. Auch der Zeremonienmeister des Hofes von Kotze – wie er wohl die ganze Sache empfindet? – ist verdächtig. Und wird auch angeklagt. Aber freigesprochen. Es kommt zum ersten Duell. Später folgen weitere. Wenn man ihm etwas anhaben will, ist nun der Zeitpunkt gekommen ihm einen Strick zu drehen. Denn Duelle sind verboten. Doch der Kaiser wiegelt ab. Von Kotze wird zwar nicht verurteilt, doch all seiner Ämter enthoben. Außer Spesen nichts gewesen? Nicht ganz. Die Beteiligten, ob nun bekannt oder nicht, haben einen der ersten Skandale produziert. Dank der Skandalpresse – warum verwendet man dieses eindeutige Wort heute eigentlich nicht mehr? Regenbogenpresse klingt so harmlos! – werden auch die Berliner darüber mehr oder weniger detailreich informiert. Heute würde so ein Skandal nur noch zum Schmunzeln taugen. ’Ne Orgie bei Hofe – na und! Lass sie doch!

Und weiter geht der wilde Ritt durch die Geschichte(n) Berlins. Friedrich Ebert in Badehose, Unterschlagungen und Erpressung – alles Histörchen, die heute in Vergessenheit geraten sind und erst durch dieses Buch wieder ans Tageslicht geholt werden. Und einige kommt einem seltsam bekannt vor: Wetten, Bauskandale … Berlin ist halt immer für einen Skandal gut!

„Skandale in Berlin“ ist das Schwesterbuch von „Verbrechen in Berlin“, beide aus der Feder von Regina Stürickow. Mit akribischer Recherche und einer ordentlichen Portion Neugier ist sie den Skandalen, die Berlin und oft darüber hinaus erregten. Sie skizziert die Gesellschaft der Zeit und zeigt somit dem Leser die Parallelen zur Gegenwart auf. Vieles hat sich seit den ersten Skandalen geändert, so manches ist auch heute noch für einen Skandal zu gebrauchen.

Berlin – satirisches Reisegepäck

Berlin - Satirisches Reisegepäck

Wer auf Reisen geht, muss einiges in seine Tasche(n) packen. Zahnbürste, Klamotten zum Wechseln, ein Reisebuch (am besten vom Michael Müller Verlag). Wer nach Berlin reist, muss gut zu Fuß sein oder zumindest U-Bahn- und Busfahrpläne lesen können. Und er muss neugierig sein! Tilman Birr war neugierig. Er hatte ein bisschen mehr als Zahnbürste und Klamotten im Gepäck als er Anfang des Jahrtausends (klingt mächtig bedeutsam) nach Berlin zog. Nach Mitte. Wohin sonst. Mitten ins neue In-Viertel, als es jedoch schon diesen Ruf hatte. Die Stadt ist ihm ans Herz gewachsen. Doch die rosarote Brille hat er – wenn er sie denn je aufgesetzt hatte – beiseitegelegt.

Mit seinem satirischen Reisegepäck setzt und hält er der Hauptstadt ein weiteres literarisches Werk und den Spiegel vor. Der Schmelztiegel, der Innovations-Hotspot, der Place to be hat es in sich. Wer sich nicht darauf einlässt, ist verloren. Mit einem lockeren Spruch auf den Lippen bzw. in den Fingern, denn Gedanken werden nicht mehr mit der Feder niedergeschrieben, sondern mit den Fingern ins Laptop, Notebook oder Tablet getippt. Und für alle Puristen gibt es die geistigen Ergüsse nun als Buch zu erhaschen.

Wer des Lesens müde ist, wem dies zu old school ist, der kann am Ende einiger Kapitel den QR-Code laden und sich die Texte vom Autor höchstpersönlich vorlesen lassen.

Das satirische Reisegepäck ist eine wohltuende Ergänzung des ohnehin schon lesens- und reisenswerten Programms des Michael Müller Verlages. Wortgewaltig und manchmal überspitzt dreht Tilman Birr seine Runden durch seinen Kiez, erkundet die Burgerexplosion Berlins, gibt Verhaltensratschläge beim Überqueren von Brücken, zeigt, wo der Berliner noch Berliner sein darf und wo man als Tourist sich nicht als selbiger zu erkennen geben sollte.

Fernab von Langem Lulatsch, ostalgischen Schwärmereien und Touristennepp stößt der Leser auf das lebhaft schlagende Herz einer Stadt, die allzu gern als das größte Dorf Deutschlands bezeichnet wird. Das Buch passt locker in jede Tasche, die Kapitel sind innerhalb von zwei, drei U-Bahn-Stationen zu lesen. Herzhaftes Lachen garantiert und erwünscht. Der Berliner Witz – gibt es ihn überhaupt? – reist immer mit. Schnodderschnauze und Herumnörgeln gehört zu Berlin wie Goldelse und Currywurst. Wer meint nur bei Konnopke seine echte Currywurst verspeisen zu müssen, wird Berlin nie richtig erleben. Derjenige wird auch über den Untertitel nicht lachen können „On se left you see se Siegessäule“. Wer den Witz darin erkennt und ihn gut findet, wird dieses Buch bei jedem Capitol-Trip dabei haben. Poetry Slam für die Arschtasche und tröge Unterweltfahrten!

Der Teltowkanal

Der Teltowkanal

Berlin vom Wasser aus erkunden, das ist kein Geheimtipp mehr. Vorbei an Reichstag, Brandenburger Tor und ein paar Ecken in Kreuzberg versucht man den Zeitgeist der Stadt zu erhaschen. Horst Köhler hat sein Buch einer ganz anderen Lebensader Berlins gewidmet, dem Teltowkanal. Er verbindet auf fast vierzig Kilometer die Havel und die Spree. Obwohl vor über hundert Jahren eröffnet, war er nur ein wenig länger als die Hälfte seines Lebens komplett befahrbar. Das lag an der Teilung Deutschlands, zu dessen Teil der Teltowkanal gemacht wurde. Jahrelang war er Teil der Mauer, des Antifaschistischen Schutzwalls, des Eisernen Vorhangs.

Das Buch ist zweigeteilt. Der erste ist für Geschichtsfreunde und Techniker von Interesse. Denn hier wird nicht ein Detail der abwechslungsreichen Geschichte des Kanals ausgelassen. Schleusen und Hafenanlagen bieten die ideale Grundlage für Schwelgen in technischen Meisterleistungen.

Für Touristen, die Berlin abseits der ausgetretenen Pfade erkunden wollen, ist der zweite Teil von Belang. Wobei der erste Teil nicht ausgeklammert werden sollte. Denn der Teltowkanal ist mehr als nur eine Wasserstraße um ein paar Kilometer zu sparen, wenn man von Ost nach West, aber Berlin umfahren möchte.

Entlang der Lebensader – der Name nimmt es quasi vorweg – entwickelte die Stadt ein florierendes Geschäftsleben. Werften und Fabriken gaben Vielen Arbeit. Die Industrieruinen zeugen noch heute vom geschäftigen Treiben. Ebenso laden sie zum Verweilen und Träumen ein. Denn wo einst Lagerhallen und Schornsteine den Horizont beschränkten, hat sich Mutter Natur ihren Anteil wieder zurückerobert.

Es fällt schwer dieses Buch einzuordnen. Zum Einen das umfassendste Werk über den Teltowkanal, zum Anderen ein exzellenter Ideengeber für Berlinbesucher, „die schon alles gesehen haben“, oder es zumindest meinen.

Verbrechen in Berlin

Verbrechen in Berlin

Metropolen ziehen das Gesindel an wie Motten das Licht umschwirren. Je schneller eine Stadt wächst, umso schneller wächst auch die Kriminalitätsrate.

Der Verlag Elsengold hat es sich zur Aufgabe gemacht Berlin aus allen Blickwinkeln zu beleuchten. Die schönsten Kieze, Alltag in Ost und West … jetzt kommt die dunkle Seite der Stadt ans Tageslicht.

Die Verbrechen zu ordnen war sicherlich ein schwieriges Unterfangen. Denn wie soll man Verbrechen sortieren? Nach Anzahl der Opfer? Nach Schwere des Verbrechens? Die Autorin entschließt sich zur Sortierung nach der Zeit. Verbrechen im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, unter den Nazis und nach dem Krieg. Insgesamt sieben Jahrzehnte Kriminalgeschichte, von 1890 bis 1960.

Berlin war Ende des 19. Jahrhunderts eine Großstadt, die ihre Einwohnerzahl in den vergangenen Jahrzehnten verdoppelte. Doch mit den Neuzugängen kamen auch die Raufbolde, Tunichtgute, Taugenichtse. Räuber, Einbrecher und Mörder strahlten mehr oder weniger verbissen von den Litfasssäulen. Denn es gab eine Zeit, in der Verbrecher öffentlich gebrandmarkt und per rosa Steckbrief in Posterformat gesucht wurden. Wie sich die Zeiten doch ändern: Wer heute vor einer Werbung steht, versucht meist sich das Haar zu richten im Spiegel der Scheiben. Damals vor hundert und mehr Jahren sammelten sich die Menschen, um etwas von den Verbreche(r)n mitzubekommen.

Die berühmtesten Fäll des Buches sind die von den Gebrüdern Sass. Franz und Erich gehörte eine Auto-Werkstatt. Und doch lebten sie in Saus und Braus. Mit schwerem Gerät bohrten, buddelten und schweißten sich die beiden unterirdisch bis in die Tresorräume von Banken. Anfangs waren ihre Raubzüge nicht vom Erfolg gekrönt. Mal steckte ein aufmerksamer Nachbar die Nase rein. Mal wurde die Polizei wegen Brandgeruch gerufen. Ihre Beutezüge wurden von der Berliner Bevölkerung mit wachsender Begeisterung verfolgt. Die Gazetten waren voll mit den Gangsterstories. Einzig ein Mann konnte so gar nicht über Franz und Erich Sass lachen: Kommissar Max Fabich. Erst als die beiden in Dänemark eine Strafe verbüßten (Berlin war ihnen zu heiß geworden und sie verlegten ihr Jagdrevier ins Ausland) und sie an Deutschland ausgeliefert wurden, schlug er erbarmungslos zu. Zuchthaus, KZ, Mord auf Befehl des Führers. Die Beute aus ihrem größten Coup wurde bis heute nicht gefunden.

Der zweite berüchtigte Mord passierte einem Nazi, der durch ein Lied zu ungerechtfertigtem Ruhm kam. Horst Wessel war ein kleines Licht in der SA. Viel hatte er bisher nicht erreicht. Seine Freundin lässt er bei sich einziehen. Die Vermieterin fordert dafür gerechtfertigterweise Miete, die Wessel nicht zahlen will. Doch die Vermieterin hat noch Kontakte zu den Schlägertrupps der KPD. Es kam wie es kommen musste: Radau, Randale, ein Mord. Goebbels machte aus dem kleinen Licht eine Legende. Übrigens: Beim Prozess gegen die roten Schläger war unter den Verteidigern auch Hilde Benjamin, die spätere DDR-Justizministerin. Unter anderem verantwortlich für so manchen Schauprozess. Wie sich die Zeiten doch gleichen …

Zweiunddreißig Verbrechen lässt die Autorin Dr. Regina Stürickow noch einmal Revue passieren. Machen Sie sich gefasst auf einen Stadtrundgang der ganz besonderen Art.