Archiv der Kategorie: Zwischen Spree und Havel

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Grusel in Berlin

Bei „Grusel in Berlin“ denkt so mancher sicher an den Flughafen, dessen Eröffnung immer wieder und wieder verschoben wurde. Autor Armin A. Woy hingegen lässt den Leser bei seinen Geschichten aus der Hauptstadt so manches Mal erschauern. Mit Witz und Detailverliebtheit führt er ihn dorthin, wo kein Licht mehr scheint, wo Zeter und Mordio geschrien werden, wo Recht gesprochen wird im Namen des Augenblicks.

Wie zum Beispiel am Molkenmarkt. Heute eine riesige Straßenkreuzung. Das kommt nicht von ungefähr. Denn hier lebte einst Riesen. Beziehungsweise gingen sie hier auf „Brautschau“. Einer der Riesen konnte aber partout keine Riesin finden. So schnappte er sich kurzerhand ein Mädchen von normaler Größe. Glücklich wurde er mit ihr nicht. Denn die holde Maid war schon einem anderen versprochen. Dem Schmiedegesellen. Sie umschmeichelte trotzdem den Riesen. Gewann sein Vertrauen. Und eines Nachts, als der Riese schlief, kam ihr Verlobter vorbei. Zusammen mit dem ganzen Dorf schlug man auf den schlafenden Riesen ein. Und wie zum Beweis für diese Legende hängt am Mühlendamm Ecke Poststraße eine Rippe des Riesen. Gruselig? Phantastisch? Auf alle Fälle eine Geschichte, derer man sich erinnert, schlendert man gemütlich an eben diesem Haus vorüber.

Ein Hauch von Ägypten weht ganz in der Nähe der Oranienburger Straße. In einer Gruft sind die Gräber des Stadthauptmanns Christian Koppe. Der starb vor rund dreihundert Jahren. Und seine Überreste sehen – dank des ungewöhnlichen Klimas an diesem ungewöhnlichen Ort – heute noch besser aus als so mancher Lebende auf den Straßen Berlins.

Dieses kleine Büchlein jagt Angsthasen einen gehörigen Schrecken ein. Denn ob nun in alten Zeiten oder den Goldenen Zwanzigern – Gänsehautmomente waren und sind schon immer eng mit der Stadt verbunden. Fünf Touren hat Armin A. Woy zusammengetragen. Zwischen Alex und Rotem Rathaus, vom Neptunbrunnen zur Domkirche, zwischen Schlossplatz und Spittelmarkt, durch Spandau und rund um Kreuzberg kommt das ans Tageslicht, was eigentlich davor verschont bleiben sollte. Es lohnt sich dieses Büchlein im Gepäck zu haben. Ganz im Gegenteil zu den Verbrechen, wie dieses Büchlein beweist.

Das Haus am Waldsängerpfad

Es klingelt ordentlich in den Ohren, wenn man von historischen Orten und Häusern spricht. Aktuelle könnte das Reichstagsgebäude in Berlin so manche markerschütternde Geschichte erzählen. Aber auch so manches idyllisch gelegene Häuschen ist durchaus in der Lage frisch-fromm-fröhlich drauf loszuplappern, wenn man sich in seine Geschichte vertieft. Berliner Südwesten. Heute, im mit dem wenig aussagekräftigen Namen Waldsängerpfad ausgezeichneten Stück Berlin, nicht einmal einen halben Kilometer lang, steht dort ein Haus, dass immer noch den Namen seines einstigen Besitzers stolz zeigt. Einst war hier die Dianastraße, Betazeile. Die Göttin der Jagd und der Name eines der schlimmsten Antisemiten, den es jemals gab. Hier wohnte einmal Fritz Wisten. Nur eingefleischte Theaterleute erinnern sich noch an den Schauspieler und Kulturschaffenden, der 1962 starb.

Der Name ist ein Künstlername, der alsbald schon im Pass eingetragen war. Moritz Weinstein, mit diesem Namen kam er im März 1890 in Wien zur Welt. Ein paar Jahrzehnte später verschlug es ihn in die deutsche Hauptstadt. Kind und Kegel sowie sein Vater brauchten nun eine Unterkunft. Das Haus mit der modernen Architektur – Bauhaus ohne Kompromisse innen und außen – wurde gerade entwohnt, wie es im damaligen LTI-Jargon hieß. Die Besitzer und Auftraggeber für dieses Anwesen mussten Deutschland verlassen. Ihr Name, ihre Religion und vor allem die vorherrschenden Verhältnisse ließen ihnen keine Wahl. Etwas mehr als 50.000 Reichsmark blätterten die Wistens hin. Besitzerin war Gertrud Wisten. Was aber nichts moderner Gleichberechtigung zu tun hatte, sondern mit der Tatsache, dass Wisten, Fritz, geborener Weinstein, Jude war. Und die durften nichts besitzen, geschwiege denn Eigentum in diesem Maße erwerben. Das Haus war kein Ort der Freude im eigentlichen Sinne. Anfangs konnte man zwar noch Feste feiern. Doch schon bald war es für viele ein Ort der Zuflucht, der brüchigen Sicherheit. Wie für Alfred Balthoff. Auch einer von Wistens Kollegen, die heute in Vergessenheit geraten sind. Die Tatsache, dass seine Stimme vielen ausländischen Schauspielern als Charakteristikum dem deutschen Publikum vertraut ist, weist darauf hin, dass das Haus am Waldsängerpfad sicherer war als so manch anderes Versteck in dieser Zeit. Der agile Freddy Balthoff überstand die braune Zeit. Auch die Wistens. Und das obwohl es in der Nähe von Nazi- und Armeegrößen nur so wimmelte. Zum Beispiel Canaris, der sich im Laufe der Zeit gegen Hitler wandte, wohnte unweit. Das Haus selbst wurde von Peter Behrens errichtet. Bauhausikone und Erschaffer der Inschrift am Reichstagsgebäude. Fritz Wisten wurde ebenso drangsaliert wie Millionen anderer, die dem Regime nicht in den Kram passten. Auftrittsverbot, Gehaltskürzung – doch Wisten blieb. Deutsch war seine Sprache. Er konnte und wollte nicht in eine andere Welt eintauchen, die ihm das wichtigste Instrument, die Sprache, nimmt.

Nach dem Ende der dunklen Zeit konnte Fritz Wisten schnell wieder Fuß fassen. Schon Wochen nach Kriegsende inszenierte er wieder. Wurde Kulturfunktionär – im Osten. Doch auch diese Zeit ging vorüber.

Thomas Blubacher reiht in seinem Stolperstein-Buch historische Daten aneinander, dass einem schwindlig wird. Die Fülle an Fakten, Namen, Daten berührt und macht deutlich, dass Geschichte immer und überall sichtbar ist und es auch weiterhin sein muss. Der Kampf darf nicht vergessen werden. Eigentlich unvorstellbar, dass es solche Schicksale gab, und dass sie trotz der Besessenheit der Täter zu einem fast schon guten Ende führen konnten.

Großes Kino

Bis vor Kurzem war Carsten Wuppke noch engagierter Sozialarbeiter. Schon vorher, und jetzt noch mehr bekämpft er das System von innen. Als Sozialarbeiter kennt er die Schlupflöcher verteilt großzügig diese gekennzeichneten Landkarten. Doch eine Vorstrafe macht ihm nun den Garaus. Im Supermarkt kommt es dann zur Eskalation als ein Polizist in barschem Ton eine Kassiererin anpöbelt. Wuppke kann Ungerechtigkeit und Amtsmissbrauch nicht ausstehen und pöbelt gegen den Amtsträger zurück. Böser Fehler! Denn der will nun postwendend Wuppkes Legitimationspapiere sehen. Nisch mit Wuppke! Ab durch die Mitte. Raus uff de Straße. ‘Nen Mopedfahrer umgenietet, Ruff uffs Moped und wech. So weit so gut.

Der „ausgeliehene“ Roller gehört aber dem Chinesen, Ali al-Safa. Der hat in Berlin-Neukölln mehr zu sagen als so mancher Politiker. Sein Wort hat wirklich Gewicht. Und mit Wuppke versteht er sich ganz gut. Eine Hand wäscht die Andere – alles klar?

Der Chinese ist nun aber ganz und gar nicht angetan, dass Wuppke Salid den Roller unterm Arsch weggeklaut hat. Moment, von Klauen kann hier nicht die Rede sein, kontert Wuppke. Ali sieht das anders. Eine Wiedergutmachung würden die Wogen erheblich glätten. Wie soll das aussehen, fragen sich Leser und Wuppke. Ali will auf Solt, wie er sagt, gemeint ist Sylt, mal nach dem Rechten schauen. Ali wollte Land kaufen. Hat sich mit den örtlichen Verantwortlichen eingelassen. Doch nun herrscht Funkstelle zwischen Spree und Nordseestrand. Wuppke wird’s schon richten. Er kann reden. Kennt Schleichwege wie kein anderer. Doch so schnodderig Wuppke ist, so verflixt kompliziert ist die Sache mit dem Landkauf auf Sylt. Wuppke muss wohl zum ersten Mal in seinem Leben wirklich arbeiten. Und dann auch noch mit Nachdruck! Für Druck sorgt Ali al-Safa schon.

Wuppke hat sich inzwischen die politischen Gegebenheiten auf der Insel zu Gemüte geführt. Da ist eine Aktivistengruppe. Ein Beamter, der weiß wie man Aufträge so vergibt, dass das eigenes Mütchen stets kühl und die Brieftasche immer kurz vorm Zerbersten bleibt. Der kleene Sozialarbeiter aus Neukölln, der sich nie bei seinem Bewährungshelfer meldet, der die schiefe Schnauze zur Kunstform erhoben hat, pingpongt inzwischen im Spiel der großen und kleinen Ganoven vom feinsten Sandstrand bis zum Spreeufer. Ob det was wird? Zum Helden scheint Carsten Wuppke jedoch erst einmal nicht geboren…

Sascha Reh mit Wuppke eine echte Type. Mit der Mafia nimmt er es genauso auf wie mit dem Clan aus seinem Kiez. Listige Bauunternehmer und zukünftige Amtsträger können ihm zwar drohen, doch ernsthaft in Gefahr bringen, kann er sich nur selbst. Mit allerlei Anleihen beim Großen Kino (von E.T. bis Jackie Brown) und einer unschlagbaren Eloquenz schafft es Wuppke immer wieder zu beschwichtigen. Origineller kann ein Krimi nicht sein!

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

Wo Du nicht bist

Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, der hat die Operette „Das Land des Lächelns“ sicher schon mal gehört. Oder vielleicht bei Heinz-Rudolf Kunze. „Wo Du nicht bist, kann ich nicht sein…“ bei HRK folgt dann allerdings „… wir haben so viel Glück auf dem Gewissen“. Irma Weckmüller kann dieser Zeile nicht einmal mehr ein Lächeln abgewinnen. Und das ist das Traurige an dieser rührenden, aufwühlenden und einzigartigen Geschichte.

Die Zwanzigerjahre liegen in den letzten Zügen als Martha sich ihrer Schwester Irma anvertraut. Ihr Dienstherr hat sie mehr als einmal bedrängt. Und jetzt sind die widerwärtigen Annäherungsversuche bzw. das Ergebnis nicht mehr zu vertuschen. Irma ist schwanger. Die Adresse von Dr. Bragenheim und ein paar Mark hat er ihr zugesteckt. Sie solle tun, was zu tun ist. Ansonsten wäre sie ihre Stelle los. Doch der Doktor kann nichts mehr für das arme Ding tun. Irma, die ihre Schwester begleitet und immer an ihrer Seite steht, ist wenig angetan vom Doktor.

Der hingegen schon. Erich Bagenheim hat etwas in Irma entdeckt, dass ihn in KaDeWe zieht. In die Stoffabteilung. Dorthin, wo Irma arbeitet. Sie ist zufrieden mit ihrer Arbeit, verdient gut und ihr Vorgesetzter, lässt sie Stoffe mit nach Hause nehmen, schenkt ihr sogar einen Kinderwagen für das Kleine von Martha. Ganz ohne Gegenleistung. Irma steht wirklich auf der Sonnenseite des Lebens, findet Martha. So war es, so ist es, so wird es immer bleiben. Bei Letzterem soll sich Martha gehörig täuschen.

Erich und Irma nähern sich vorsichtig an. Ihr soll ja schließlich nicht dasselbe passieren wie Martha. Ausgenutzt und verstoßen, ohne einen Atemzug dazwischen. Doch Erich ist anders als die Männer, die Irma bisher kannte. Zuvorkommend, höflich, ehrlich und immer für eine Überraschung gut. Bei einem Essen mit Freunden, seinen Freunden, macht er ihr einen Heiratsantrag. Den sie freudig strahlend annimmt. Der glücklichste Abend in ihrem Leben hat aber einen bitteren Beigeschmack. Das Gespräch rückt unweigerlich in die Politik hinein. Manche der am Tisch Versammelten sind geradezu entrüstet als sie erfahren, dass Erich und weitere Gäste Juden sind. Schmähungen gab es immer. Doch so direkt, fast schon Hass, zumindest von tief sitzenden Vorurteilen geprägte Parolen, das ist neu.

Irma und Erich sind nun verlobt, doch die braune Brut in den Ämtern verhindert mehr. Eine Hochzeit ist unmöglich. Mischehe, Verunreinigung deutschen Blutes – das geht nicht! Auch Martha hat sich verändert. Max, ihr Sohn, den sie nicht wollte, entwickelt sich prächtig. Doch Martha steckt voller Hass. Auch gegen Irma. Das Blatt scheint sich gewendet zu haben. Jetzt muss Irma zusehen wie sie zurechtkommt, und Martha steht auf der Sonnenseite des Lebens. Es kommt noch schlimmer: Erich wird nach Theresienstadt gebracht. Später – das erfährt Irma aber erst nach dem Krieg – sogar nach Auschwitz-Birkenau. Sie weiß, dass sie Erich niemals wiedersehen wird.

Aber sie kämpft. Kämpft um ihre Liebe und die Anerkennung. Erich ist tot. So traurig es ist. Sie will ihn trotzdem heiraten. Schließlich wurde ihr die Eheschließung unrechtmäßig verweigert. Doch im Nachkriegsdeutschland sitzt der Stachel des Hasses gegen Juden noch tief. Irma Weckmüllers Kampf ist einzigartig.

Das dachte sich auch Anke Gebert als sie von dieser ungewöhnlichen Geschichte hörte. Sie recherchierte, wälzte Aktenberge, traf sich mit Nachkommen von Irma Weckmüller. Ihre Entschlossenheit als alleinstehende Frau sich gegen Bürokratie-Windmühle trotzt jedem Leser höchsten Respekt ab. Sie wollte nicht Frau Dr. Erich Bragenheim werden, um Rentenansprüche zu untermalen. Sie tat, was eine Ehefrau tut: Sie verteidigt ihre Familie. Vor dem Haus Nummer 141 am Berliner Ku’damm wird im Frühjahr 2020 ein Stolperstein für Dr. Erich Bragenheim verlegt werden. Mehr als nur ein Symbol – ein Stück Geschichte, ein Mahnmal, und die Geschichte dahinter ist bemerkenswert. Auch und gerade weil Anke Gebert es meisterlich versteht die Perfidität der Nazizeit so eindringlich und ohne falsche Pietät und Betroffenheit nachvollziehbar zu machen. Es ist eben doch noch nicht alles über diese finstere Zeit erzählt.

Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil

Die Erinnerung spielt einem gern und oft mal einen Streich. Ab diesem Jahr kommt man nicht umhin die 20er Jahre, die Goldenen Zwanziger, the roaring twenties, die des vergangenen Jahrhunderts zu würdigen und zu feiern. Berlin zum Beispiel kommt einem dann vor wie eine gigantische nicht enden wollende Party, bei die Frauen Perlenketten behangen und die Herren im feinen Zwirn zugange waren, und beiderlei Geschlechter immer einen dicken Kopf vom übermäßig genossenen Champagner mit und auf sich trugen. Dabei vergisst man oft das Elend, das nicht minder vorhanden und vor allem sichtbar war. Die Männer im Hintergrund sind kaum noch bekannt.

So wie die Brüder Rotter, eigentlich Schaiche, Söhne eines jüdischen Kaufmanns aus Leipzig, die schon während des Weltkrieges ihr Imperium zum Strahlen brachten. In den Zwanzigerjahren waren sie von Breslau bis Hannover die Könige der leichten Unterhaltung. Feinde hatten sie manchmal mehr als Publikum im Saal. Obwohl die meist rappelvoll waren. Die Wirtschaftskrise überstanden sie, wie auch immer. Der aufziehende braune Terror brachte sie schlussendlich zur Strecke. Doch nicht nur der allein.

Für die Shows von Alfred und Fritz Rotter zogen sich jährlich Dutzende Vorhänge auf. Lehár und Holländer spielten sie, Hans Albers formten sie zum gefeierten Bühnenstar. In der gegnerischen Ecke standen (und lauerten) die Theaterbesitzer, die den Rotters ihre Bretter, die die Welt bedeuten, vermieteten. Kritiker warfen den Rotter-Shows Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit vor. Das Erfolgsgeheimnis war, dass ein großer Name die Show tragen sollte. So warben sie mit den Stars, auch wenn die dann am Abend gar nicht auftraten. Die Kasse klingelte, doch voll war sie niemals. Pleiten, Pech und Pannen waren die Leibgarde der Rotters. Viel eine Aufführung durch, kam die nächste. Wieder mit einem Namen, der für Qualität stand, verbunden. Ging es bergauf, konnte man die Uhr danach stellen, wann es wieder bergab ging.

Die deutschnationale Presse, im Laufe auch die faschistische Presse setzte dem jüdischen Erfolgsmodell herabsetzende Propaganda entgegen. Als auf dem Ku’damm die SA wahllos auf Passanten einprügelte, nahmen Alfred und Fritz zusätzlich die liechtensteinische Staatsbürgerschaft an. Das ging damals offensichtlich ganz einfach. Ob und wie viel Geld dabei eine Rolle spielt, ist bis heute nicht zu eruieren. Ein paar Tage vor der endgültigen Machtergreifung der Nazis flohen die Rotters. Wohin, das wusste keiner. Den Häschern waren sie erstmal entkommen. Doch der Verrat lauert überall. Und so war die Flucht nur eine Sackgasse mit bitterem Ende.

Peter Kamber wirft noch einmal die Suchscheinwerfer an und leuchtet die Rotter-Bühnen bis in die letzte Ecke aus. Auch er kann nicht jedes kleinste Detail belegen. Doch das, was er recherchiert hat, lässt keinen Zweifel daran, dass Alfred und Fritz Rotter die größten ihre Metiers waren, einflussreiche Feinde hatten, denen ihre kreative bis kriminelle Buchhaltung ein Dorn im Auge war, und die ein Berlin schufen, das über alle Grenzen hinweg Weltruhm erlangen sollte. Ob Gauner oder gewiefte Geschäftsleute – keiner verdient ein Ende wie diese beiden schillernden Gestalten des Bühnen-Berlins.

Eine Prise Funkgeschichte

Erinnern Sie sich noch wo der Marathon seinen Ursprung hat? Der Legende nach lief nach dem Sieg der Athener gegen Sparta ein Läufer die 40 Kilometer in seiner Heimatstadt, um vom Sieg zu künden. Danach brach er tot zusammen. Wenn heute eine Nachricht übermittelt werden soll, geschieht das in Echtzeit. Und das seit rund einhundert Jahren.

Am 23. Oktober 1923 ging der reguläre Rundfunk in Deutschland los. Die ersten Klänge aus dem Voxhaus am Potsdamer Platz. Doch schon lange vorher, mehr als drei Jahre zuvor, rauschten die ersten Worte aus dem Äther. Die Sendestelle Königs Wusterhausen war ihr Ursprung, der Vorsitzende des Fördervereins „Sender Königs Wustershausen“ ist Rainer Suckow, und der ist der Autor dieses Buches. Eines Buches, das Radiofans begeistern wird.

Funk – das heißt nicht nur Hörfunk, also Radio, sondern auch Fernsehen und Funk auf hoher See, zwischen Truckern, oder einfach nur eine Kommunikationsart, um mit Menschen in Kontakt zu treten, die meilenweit voneinander entfernt sind. In diesem Buch geht es aber vorwiegend ums Kino im Kopf, ums Radio.

Viele technische Details bereichern dieses Buch, die Anekdoten das I-Tüpfelchen darin. Wie die Geschichte von Radio Caroline. Mittlerweile ein Streamingradio, begann die Karriere des Senders in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre. Als Piratensender. In England war das Programm derart tröge, dass es das einzige Schlafmittel war, für das man kein Rezept brauchte. An die Zielgruppe, die am meisten auch heute noch das Radio nutzt, die Jugend, dachte kein Mensch. Vor Außerhalb der Drei-Meilen-Zone postierten die Macher ein Schiff mit einem ausreichend starken Sender. Gespielt wurde das, was auch verkauft, sprich gewollt wurde. Jahrelang wurde man der Situation nicht habhaft. Der Sender verschwand, wenn es nötig war und kam wieder, wenn man es am wenigsten erwartete. Die britische Regierung erweiterte daraufhin ihre Befugnisse und schon bald war Radio Caroline den Häschern ins Netz gegangen. Es dauerte eine Zeit bis Radio Caroline eine offizielle Lizenz bekam.

Was gehört heute zu einem Radioprogramm? Eine Hitparade. Doch wann wurde eigentlich die erste Hitparade überhaupt gesendet? Kaum zu glauben, aber in diesem Jahr, genauer am 20. April, feiert diese Form der Unterhaltung ihren 85. Geburtstag. Mal sehen, welcher Radiosender diesem Jubiläum zumindest einen Beitrag widmet.

„Eine Prise Funkgeschichte“ ist wie ein gutes Radioprogramm: Unterhaltung allenthalben, gewürzt mit einer Prise Wissen, abgeschmeckt mit würzigen Notizen aus der „guten alten Zeit“. Radio ist nicht tot, es wird nicht sterben! Die Verbreitungswege mögen sich ändern. Doch der Empfänger, der Hörer, wird es stets goutieren, wenn Macher sich um ihn kümmern. Dieses Buch kümmert sich um seine Leser, die sicher auch Hörer sind.

Vulkan Berlin

Als die Mauer in Berlin fiel, tanzte alles, was Beine hatte auf den Straßen. Die Stadt schien mit einem Mal alles aus sich heraus zu lassen, was jahrelang in Lethargie versunken war. Ein paar Jahrzehnte zuvor muss es ganz ähnlich gewesen sein. Der Krieg war aus. Das gesamte politische Spektrum rangelte um die Vorherrschaft und Deutungshoheit, wenn es sein musste auch mit Waffengewalt. Berlin war damals schon eine Stadt, die man kannte. Doch sie hatte – sinnbildlich wie geographisch – Nebenbuhler. Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg und ein paar mehr reihten sich um Berlin herum. 1912 wurde Adolf Wermuth Oberbürgermeister der Stadt Berlin, von Groß-Berlin. Ihm ist das heutige Gesicht Berlins zu verdanken. Seine Gebietsreform ermöglichte den Aufstieg Berlins zu einer Art Welthauptstadt. Nach London und New York lebten in dieser Stadt die meisten Menschen. Flächenmäßig war nur Los Angeles größer. Kurze Zeit später wurde Berlin tatsächlich Hauptstadt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Dass auch die Nationalversammlung an die Spree zog, war das Ergebnis eines erbitterten Kampfes. Denn Weimar beanspruchte dieses Privileg. Eisenach, Würzburg, Frankfurt, Kassel zogen den Kürzeren. Das Los fiel auf Berlin.

Korruption und Verunglimpfung waren hier an der Tagesordnung. Politisch war Berlin der Mittelpunkt Deutschlands. Kulturell musste man noch nachziehen. Das tat man auch. Und wie!

Architektonisch mit der Hufeisensiedlung in Britz. Literarisch schuf Alfred Döblin mit „Berlin Alexanderplatz“ ein Denkmal, das bis heute nichts an Strahlkraft verloren hat. Berlin entwickelte sich zu einer Metropole, da durften die Medien in nichts nachstehen. Immer mehr Verlage kamen nach Berlin oder gründeten sich neu. Künstler jeder Couleur tummelten sich in den Cafes und schufen in ihren Ateliers Werke für die Ewigkeit.

Kai-Uwe Merz umgeht die Fallen und setzt nicht auf die Aufmerksamkeit erheischende Partyszene, die es ohne Zweifel gab. Doch die ist nur die schimmernde Spitze des brodelnden Vulkans Berlin der 20er Jahre. „Vulkan Berlin“ ist nicht mehr und nicht weniger als der gelungene Kulturführer durch eine Zeit und eine Stadt, der die Ursachen und deren Auswirkungen detailgenau unter die Lupe nimmt. Erst durch dieses Buch erfährt man warum Berlin so glanzvoll dastand und bis heute von diesem Ruhm zehren kann. Und wenn man das nächste Mal in Berlin ist, erscheint so manches in einem anderen – immer noch strahlenden – Licht.

Morde im braunen Berlin

So reißerisch der Titel auch klingen mag: In Regina Stürickows neuer Berliner Kriminalgeschichte stehen Verbrechen im Vordergrund, die sowohl vor als auch nach der braunen Zeit geschehen konnten. Nicht immer waren Straftaten der Jahre 1933 bis 1945 von politischer Motivation freigestellt.

Die Mordinspektion, die maßgeblich von dem aus vielen Büchern der Kriminalhistorikerin Stürickow bekannten Kommissar Gennat geformt wurde, hatte in den Naziorganisationen in braunen und schwarzen Uniformen nicht etwa wie behauptet Unterstützer, sondern knallharte – und vor allem von ganz oben protegierte – Gegenspieler bekommen. Bis zum Jahr 1936, dem Jahr der Olympischen Sommerspiele in Berlin, war die Arbeit der Polizei von gelegentlichen Ränkespielchen mehr oder weniger beeinträchtigt worden. Vetternwirtschaft bzw. Zuschustern von Posten nach dem Parteibuch waren an der Tagesordnung. Echte Polizeiarbeit konnte jedoch noch vonstattengehen. Als die Spiele der Jugend zu Ende waren, die ganze Welt von der Harmlosigkeit des Systems überzeugt schien, wurde der Ton schärfer. Als der Krieg begann, schrumpfte die Polizeistärke auf das Nötigste zusammen. Jede helfende Hand wurde an der Front gebraucht. Ab 1943 versank Berlin im kriminellen Chaos.

Schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis wurden die Gesetze geändert, so dass auch Hilfspolizisten von SA, SS und Stahlhelm für „Recht und Ordnung“ sorgen durften. Allerdings mussten sie sich als Hilfspolizei zu erkennen geben. Doch warum Gesetze verfolgen, wenn die Gesetzgeber ihre schützende Hand über sie halten? Und so passierte es immer öfter, dass zuerst geschossen wurde, und dann erst Fragen gestellt wurden. Besonders, wenn es um „Volksfeinde“ wie Kommunisten, Homosexuelle oder Juden ging. Sobald die Politik ins Spiel kam, war niemand mehr sicher. Verrat lauerte hinter jeder Ecke.

Not und Elend waren in der braunen Zeit ebenso verbreitet – meist sogar noch schlimmer, besonders als die Waffen sprachen – wie zuvor. Ein großer Teil der Bevölkerung musste sich mit mehreren Jobs über Wasser halten. Wer einen kleinen Laden betrieb, war für Diebe meist Freiwild. Die eilig herbeigerufenen Polizisten konnten meist nur noch den Schaden aufnehmen. Ermittlungserfolge waren Glückssache. Je gefestigter das Regime war, desto mehr nahmen sich die angeblichen Ordnungshüter heraus.

Regina Stürickow lässt die Fakten für sich sprechen und verwandelt staubtrockene Aktenberge in rauschende Papierfahnen, die im Wind der Gerechtigkeit wehen. So mancher „Schlaumeier“ mag in Frieden gestorben sein, seine Taten wurden nie gesühnt. Papier ist geduldig. Wenn man ganz genau zwischen den Zeilen liest, treten die wahren Täter langsam aus dem Schatten ihrer Untaten heraus und müssen sich nun ihrer Verantwortung stellen. Die in diesem Buch dargestellten Fälle – manche dienten als Vorlagen für Kriminalbücher und –filme – sind ein Spiegelbild ihrer Zeit, mehr als nur ein „Fliegenschiss“ aus einer Zeit, die von manchen „Politikern“ gern mit der Phrase „Es war nicht alles schlecht“ verharmlost wird. Die Opfer sehen das garantiert ganz anders.

Berliner Literaturgeschichte

Berliner Literaturgeschichte – ach ja, erzähl mal! Ganz so salopp geht es in Roswitha Schiebs Buch über aus und über Berlin doch nicht zu. Auf der Zeitachse gibt sie bekannten und unbekannten Namen der Szene eine Bühne, auf der sie noch einmal auftreten. Vom Barock über die Aufklärung und die Zeiten vor, während und nach den Kriegen bis hin zur wiedervereinigten Stadt. Sie beschränkt sich dabei nicht nur auf das bloße Auszählen, wer wann wo und vor allem wie gewirkt hat.

Berlin tat sich schwer auf dem Weg zu einer literarischen Hochburg. Erst mit der Aufklärung wehte ein Hauch von Weltstadt durch die teils modrig riechenden Straßen und Gassen. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Ein Berlin ohne Ringelnatz, Döblin und Brecht ist undenkbar. Von hier starteten große Karrieren wie die von Erich Maria Remarque, der mit „Im Westen nichts Neues“ – in Berlin verfasst – ein Werk schrieb, das bis heute unerreichbar scheint. Kritiker warfen ihm zeitlebens aber seine ersten Gehversuche in rechtsgerichteten Magazinen und Zeitungen vor.

Joseph Roth kam 1920 nach Berlin. Ohne ihn wäre die Bohème nur ein Haufen saufender, unartiger Querdenker gewesen. Er gab ihnen ein Gesicht und verewigte sie in Hunderten von Texten. Die Weimarer Republik ohne Kurt Tucholsky ist ebenso undenkbar. Seine kritische Sicht auf die zaghaften, und wankelmütigen Schritte der zarten Demokratie ist bis heute ein Mahnmal.

Dieses Buch liest sich wie eine Schnitzeljagd durch die Kieze der Stadt und die Jahrhunderte auf der Jagd nach jedem, der Literaturszene seinen oder ihren Stempel aufgedrückt hat. Auch als Reiseband eignet sich das Buch, da oft auch Orte benannt werden, wo man sich traf, wo man kreativ wurde. Bei der Größe der Stadt ein unumgänglicher Ratgeber.

Für so manchen Leser mag „Berliner Literaturgeschichte“ auch der Anlass sein, mal wieder die Nase ins Buch zu stecken. Oder neue Bücher zu erkunden. Einen neuen Autor zu entdecken, mit dem man erst in diesem Buch Bekanntschaft machte. Ein rundum gelungenes Speed-Date mit der Vergangenheit, bei dem man viele bekannte trifft und viele andere mehr, deren Namen wie Geister bisher im Kopf umherschwirrten. Nun sitzen sie alle vereint um den Leser herum und buhlen um dessen Gunst.