Archiv der Kategorie: Zwischen Spree und Havel

Berlin Deutschland Hauptstadt

Brandenburg, landeinwärts

Das Land Brandenburg gilt nur unter Kennern als ausgemachtes Wanderland. Die meisten zieht es doch in die Berge, die nicht hoch genug sein können. Brandenburg hat den Vorteil, dass die Berge hier Hügel genannt werden und deswegen die Strapazen bei der „Ersteigung“ sich in Grenzen halten. Ein Wanderland für die ganze Familie.

Martin Mosch weiß das. In seinem eingängigen Wanderband durchstreift er das Land, gibt ganz persönliche Eindrücke wider und erleichtert den Einstieg ins Wandern „gleich um die Ecke“. Fünfzehn Touren hat er beschritten und das Sehenswerte in diesem Buch festgehalten.

Wie zum Beispiel die stillen Dörfer der Prignitz. Einer Gegend, in der man sich auf Anhieb wohlig aufgenommen fühlt. Straßenlärm? In der Prignitz-Ausgabe des Dudens dürfte dieses Wort wohl fehlen. Fast schon amerikanische Ausmaße (man schaut und schaut und schaut und sieht nur Horizont) findet man hier vor. Rund zwanzig Kilometer lang und per pedes oder dem Drahtesel hervorragend zu erkunden. Auch mit dem kleinen Anhang durchaus zu bewältigen. Mit dem ÖPNV nach Barenthin, dem Ausgangspunkt zu gelangen, muss der Autor zugeben, ist nicht ganz einfach. Rad in den Regionalsexpress nach Breddin einpacken und von dort zum Ausgangspunkt. Ein mehr als nützlicher Tipp. Backsteinbauten und idyllische Wege zeichnen die 400-Seelen-Gemeinde im Nordwesten Brandenburgs aus.

Auf dem Weg Richtung dem Gutshaus Granzow säumen Eichen und Kastanien auf märkischem Sand. Soweit nur ein kleiner Einblick in einer der fünfzehn Wanderungen.

Martin Mosch meidet die Wanderpfade, auf denen eine Armada wanderstockschwingender, Funktionskleidung tragender Wanderwütiger den Staub aufwirbeln. Ihn zieht es links und rechts der Pfade in die Mark Brandenburg. Dort, wo einst Dichter ihre Inspiration fanden und ruhesuchende Wanderer heute eben dies auch finden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer ausreichend gestalteten Karte sowie Anfahrttipps und einer Kurzeinschätzung der Strecke. Ansonsten macht man es wie der Autor: Sich treiben und die Sinne den Körper leiten lassen. „Brandenburg, landeinwärts“ kommt ohne jegliche Schnickschnack wie Geodaten und Höhenangaben aus. Hier steht das Naturerlebnis Brandenburg im Vordergrund. Wer sich also im Hauptstadt umschlingenden Bundesland vor den Toren des Trubels eine Brise Erholung gönnen will, wird mit diesem Wanderband genau das bekommen.

Ruth. Moabit

Was ist das Schönste an einer Geschichte? Das happy end! Da können noch so viele Unebenheiten den Weg säumen, wenn schlussendlich alles gut wird, hat sich der Aufwand gelohnt. Ein biblischer Ansatz. Man denke an Hiob. Oder sein weibliches Pendant Rut. Auch sie wurde hart geprüft. Doch es lohnte sich.

Noemi würde sich nie im Leben als eine Art Rut oder Ruth sehen. Tagein, tagaus sieht sie die Wartenden in der Warteschlange vor dem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge in Berlin-Moabit. Sie sieht auch wie den Hoffenden und Hoffnungslosen geholfen wird. Decken, Essen, Trinken – Helfer wird es immer geben. Doch ein Dauerzustand kann das nicht sein. Noemis Leben hat einen Knacks bekommen als Tom, der Mann ihrer Seite, diese verließ, um sich ein Abenteuer zu gönnen. Dieses heißt Monica und wird ihn aber nicht glücklich machen. Ob Noemi das hoffen will, weiß sie noch nicht.

Denn momentan ist die Eritreerin Rahua wichtiger in ihrem Leben. Die hat eine Reise hinter sich, die man nicht buchen kann. Sie floh vor allem, was sich der Mensch an Schlechtem ausdenken kann. Sie hat es geschafft. Sie ist raus aus dem Elend und drin in Berlin. Eine gute Seele. Nicht einmal halb so alt wie Noemi. Doch ein stetig präsenter Trauerschleier umspült ihr hübsches Gesicht.

Auch Noemi trägt in ihrem Herzen einen Schleier der Trauer. Ihrer Mutter geht es nicht gut und die Prognosen der Ärzte lassen nur das nahende Ende als Lösung zu. Als Noemi zurückkehrt in ihre Moabiter Wohnung ist von Rahua nichts mehr zu sehen. Gerade eben hat sich noch Flur und Pflanzen gehütet, jetzt ist sie weg. London ist das neue Sehnsuchtsziel. Ein weiterer Tiefschlag für Noemi. Hat sie zu sehr die Beschützerin gegeben? War ihr Engagement zu einengend? Sie hat keine Zeit darüber nachzudenken, denn der nächste Nackenschlag lässt nicht lange auf sich warten. Auch Jule, ihre fast schon erwachsene Tochter, im Alter von Rahua, verschwindet auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben. Noemi ist nun ganz allein.

Rahuas Sehnsuchtsziel erweist sich alsbald auch nicht als das Paradies auf Erden. Doch sie fasst zumindest wieder den Entschluss mit ihrer Familie in Eritrea in Kontakt zu treten. Wird ja auch Zeit. Denn es gibt einen neuen Mann in ihrem Leben. Den kennt zufällig auch Noemi, die gerade auf dem Weg in die britische Hauptstadt ist…

Anna Opel fasst den oberflächlich biblischen Rahmen nicht so eng und schon gar nicht dogmatisch. Zwei Frauen, die arg vom Schicksal gebeutelt wurden und in ihren neuen Situationen zueinander finden. Auf unterschiedlichen Wegen lassen sie sich treiben, mit dem Steuer in der Hand. Moabit als Handlungsort ist nicht minder bibelvorbelastet. Denn der Name des Stadtteils hat religiöse Wurzeln. Mit zunehmender Seitenzahl wird man immer tief in den Strudel aus Verzweiflung, falschem Schweigen und hoffnungsvoller Poesie gezogen. Wellen von Abscheu und Zuversicht umspülen den Leser bei der Lektüre von Anna Opels erstem Roman.

Dem Paradies so fern. Martha Liebermann

Max Liebermann erlebte die Machtübernahme der Nationalsozialisten hautnah von seinem Balkon aus. Bis heute ist sein Ausspruch von Völlerei und Erbrechen in aller Munde. Wie in so vielen Künstlerleben – Liebermann war im Gegensatz zu vielen anderen jedoch in der Lage stets seine Rechnungen begleichen zu können – stand hinter diesem großen Mann eine nicht minder starke Frau. Martha war ihr Name. Als ihr Max 1935 starb hatte sie noch acht harte Jahre vor sich. Acht Jahre, in denen ihr Haus am Wannsee, das Paradies, nicht mehr selbiges war. Acht Jahre, in denen sie jeden Tag auf Erlösung hoffte. Acht Jahre Warten auf die Ausreise in die Freiheit. Freiheit hieß in ihrem Sinne Amerika. Dort, wo schon Tochter Käthe und Enkelin Maria auf sie sehnsüchtig warteten. Vergebens.

Martha Liebermann war an Kummer gewöhnt, könnte man lapidar argumentieren. Denn ihr Gatte war selten das, was man als Mustergatten bezeichnet. Die Nazis jedoch trieben diesen Zynismus auf die Spitze. Oft boten sie ihr an ihre Heimat verlassen zu können. Zu einem Preis, wohlgemerkt. Einem hohen Preis. Einen, den sie nie und nimmer hätte bezahlen können. Ihr Haus am Pariser Platz, dort wo am 30. Januar 1933 die braunen Schergen im Fackelglanz und mit Marschmusik ihren Triumph bildgewaltig zelebrierten, und wo ihrem Gatten das Kotzen kommen konnte (eingangs erwähntes Zitat), als auch das Haus am Wannsee gehörten ihr schon lange nicht mehr. Finanzielle Ressourcen waren aufgebraucht.

Die Unterstützung aus dem so genannten Solf-Kreis, einer intellektuellen Widerstandsgruppe verpuffte ebenso wie sämtliche Anstrengungen das geliebte Heimatland still und heimlich zu verlassen. Zur falschen Zeit am falschen Ort – eine gewissenlose Phrase wie sie nur ein menschenverachtendes System benutzen konnte.

Martha Liebermann entkam ihrer persönlichen Endlösung nur durch eigene Vergiftung. Als sie im März 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden sollte, lag sie bereits im Koma. Das war ihre Antwort auf die Perfidität der herrschenden Klasse.

Sophia Mott rückt eine Frau in den Mittelpunkt ihres Romans, die allzu lange im Schatten ihres übermächtigen Mannes stand. Die acht Jahre harten Kampfes um Selbstentwurzelung (ein Wort, das wohl nur LTI-Fetischisten in Erstaunen versetzt) reichert sie mit Rückblenden aus einem Leben an, das materiell reichhaltig, inhaltlich gut bestückt, seelisch jedoch ein Stück weit vom Glück entfernt war. Umso wichtiger ist dieses Buch!

Ich beantrage Freispruch!

Er hat ein bisschen was von Hans Albers. Markantes Kinn, stechender Blick und die Schaffenszeit passt auch auf alle Fälle. Doch es ist nicht der blonde Hans von der Reeperbahn, es ist der brillante Erich aus Berlin Moabit. Strafverteidiger seines Zeichens. Dr. jur. und Dr. phil. Was der Ruf von Kommissar Gennat in der Kriminalpolizei war, war Erich Frey für die Anwesenden im Gerichtssaal. Ein Star, begehrter Anwalt der Ganoven, gefürchtete Zunge der Ankläger und Richter. Im Exil in Chile, wie so viele musste auch dieser erstklassige Fachmann während des Naziterrors Deutschland verlassen, schrieb er seine Erinnerungen auf, die nach einem halben Jahrhundert nun endlich wieder als Lesebuch für alle Neugierigen zur Verfügung stehen.

Freys Erinnerungen beginnen gleich mit einem echten Paukenschlag. Wer nun erwartet, dass es gewiefter Winkeladvokat zum Besten gibt wie er die Judikative zum Narren hielt, wird staunenden Auges verblüfft werden. Friedrich Schumann steht Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vor Gericht. Im Falkenhagener Forst soll er mehrere Menschen ermordet haben. Elf Morde werden ihm angelastet. Einen Tag vor Prozessbeginn springt sein Verteidiger ab. Dr. Frey kommt gerade des Weges als man ihn bittet das Mandat zu übernehmen. Viel Arbeit, wenig Zeit … und erst Recht keine Chance auf Freispruch. Doch das Todesurteil kann und will Dr. Frey verhindern. Nichts davon wird sich erfüllen. Der Schlosser Friedrich Schumann wird zum Tode verurteilt. Sechs Morde konnten ihm nachgewiesen werden. In der noch jungen Weimarer Republik tut man sich schwer Todesurteile rasch zu vollstrecken. Das kommt Dr. Frey zu pass. Er legt Revision ein. Doch sein Mandant ermutigt ihn diese zurückzunehmen. In den darauffolgenden Monaten besucht Dr. Frey Schumann so oft es seine Zeit zulässt. Schumann entlockt ihm das Versprechen ihn postwendende zu informieren, wenn er Vollstreckungstermin feststeht. Im Mai 1921 muss Dr. Frey Schumann mitteilen, dass er noch ein Vierteljahr zu leben hätte. Ab diesem Moment – so erfährt der Verteidiger von den Wächtern – schläft Schumann wie ein kleines Kind. Er ist erleichtert. Kurz vor der Hinrichtung fasst sich Schumann ein Herz und gesteht. Nicht nur die sechs Morde, die sind ihm zweifelsohne anzuheften. Auch nicht die fünf weiteren Morde, deren er angeklagt war. Nein, in Summe fünfundzwanzig Morde gesteht Schumann dem baff erstaunten Anwalt. Der sieht darin die Tat eines nicht Zurechnungsfähigen. Was die Aussetzung der Todesstrafe zur Folge hätte. Doch Schumann will sterben…

Würde Dr. Dr. Erich Frey heute praktizieren, wäre er bestimmt keiner dieser betroffenheitskitschigen „Anwälte“, die im TV sinnfreie Sprüche wie „Wenn der Täter der Täter ist, dann ist er der Täter und muss bestraft werden. Dafür werde ich kämpfen. Wenn es sein muss bis zum bitteren Ende.“ Er wäre auch keiner, der vor einer Bücherwand als „Experte“ Paragraphen in „normales Deutsch“ übersetzen würde. Er wäre Anwalt. Nicht mehr nicht weniger. Seine Memoiren aus den Gerichtsälen sind heute, fast ein Jahrhundert später, nicht minder spannend als zu der Zeit als sie wie eine Erzählung vom gestrigen Abend klangen. Mitglieder der so genannten Ringvereine – Clan-Kriminelle ohne familiären Hintergrund – nahmen sich Dr. Frey zum Anwalt. Für ihn war das Gesetz nicht dehnbar.

Das Nachwort dieser Biographie gehört Dr. Regina Stürickow, die mit ihren Büchern über die dunklen Seiten der Hauptstadt Berlin schon so manchem Leser Schauer über den Buchrücken jagte. Zum ungefährlichen Eintauchen in die Unterwelt Berlins in Goldenen Zeiten kommt man an diesen engagierten Memoiren einfach nicht vorbei.

Heimliches Berlin

Heimelig oder heimlich? Franz Hessel entschied sich für heimlich. Wobei sich für ihn nicht die Frage stellte, ob er sich in Berlin jemals heimelig fühlte. Es war seine Heimatstadt. Die Stadt, die so viel Einfluss auf ihn hatte wie nur auf wenige Autoren zuvor.

Wendelin von Domrau gehört zu einer Clique von Leuten, die dem Glück nachjagen. Aber ohne dabei ins Stolpern zu kommen. Man lässt das Leben auf sich zukommen. Generation X Null Punkt Null. Die Personen einzufangen, ist schwer. Sind sie Schwerenöter ohne Gewissen? Depressive Gestalten der Nacht? Hedonisten mit Hang zur Morbidität? Ein entschiedenes Jein kann hier nur die Antwort sein.

Wendelin will weg. Aber auch wieder nicht. Der Antriebsmotor stottert. Karola macht ihm ein Angebot nach Italien durchzubrennen. Doch eigentlich gehört Karola zu Clemens, einem Freund. Dann ist da noch ein Fabrikant. Reich, ja, und wie. Auch er könnte für Karola der Startpunkt in ein neues Leben sein.

Und so schreitet man durch das alte Berlin, betrinkt sich und gibt sich mühseligen Diskussionen auf mittelmäßigem Niveau hin. Langeweile? Nicht im Geringsten! Franz Hessel verdichtet einen Tag im Jahr 1924 auf reichlich einhundert Seiten, so dass das von Autoren so gefürchtete L-Wort nicht keimen oder gar Wurzeln schlagen kann.

Die Sprache des Buches ist nicht modern. Und modern zugleich. Resedafarben – das kommt dem Leser schon mächtig altbacken vor. Und den Personen im Buch nicht minder – es ist ein gelbgrüner zarter Farbton. Wendelin sticht aus der Gruppe heraus. Nicht durch besondere Kleidung oder übertriebenes Getue, nein, vielmehr durch seine Gesamterscheinung. Offenbar ist er – zumindest sprachlich – seinen Leidensgenossen um Einiges voraus. Warum also nicht das Erlernte anwenden? Nur um dem Spott zu entgehen? Nein, Wendelin, der in Wahrheit zum größten Teil aus Franz Hessel besteht, geht unbeirrt seinen Weg. Sein Dilemma ist, dass er die Karte verloren hat.

Und so ergötzt sich der Leser an einer Sinfonie der deutschen Sprache, schlicht und präzise, gewählt und rund. Eine echte Wohltat im Dschungel der Moderne.

Pistolen-Franz und Muskel-Adolf

Nostalgie und organisiertes Verbrechen passt nur in Filmen wie „Der Pate“ so richtig zusammen. Da steht jeder für den Anderen ein. Doch wehe, wenn einer mal querschießt! Dann gibt’s was auf die Mütze!

Regina Stürickow kennt sich mit der Berliner Unterwelt vergangener Zeiten bestens aus. Ihre Bücher über Täter und Jäger sind ein Füllhorn an Anekdoten und Fakten. Was bisher in ihren Büchern nur anklang, wird in „Pistolen-Franz und Muskel-Adolf“ genauer unter die Lupe genommen: Die Ringvereine. Ursprünglich und vor allem nach außen waren sie gemeinnützige Vereine, die es entlassenen Strafgefangenen erlaubten die erste Zeit nach dem Knast zu überstehen. Doch im Inneren waren sie straff organisierte Verbrecherorganisationen. Sogar mit Satzung, Strafenkatalog und eigener Gerichtsbarkeit. Sie sorgten in ihrem Kiez für Ordnung. Wer also meinte sich illegal in deren Umgebung eine goldene Nase verdienen zu können, endete oft mit einer blutigen Nase auf dem harten Pflaster der Hauptstadt. Zehn Ringvereine bildeten den Großen Berliner Ring. Zu ihnen gehörten so klangvolle Namen wie „Immertreu“, „Vergnügungsverein Glaube, Liebe, Hoffnung“ oder der „Spar- und Geselligkeitsverein Libelle“. Letzterer trat besonders durch Einbrüche hervor. Die Beute wurde dann gewinnbringend zum Schleuderpreis weiterverkauft. Wodurch die Kasse des Vereins prall gefüllt wurde.

Und wenn die Kasse mal leer war, wurden Sammelrunden veranstaltet. Wie 1930. Der Geselligkeitsverein Friedrichstraße wollte nach Tirol in die Ferien fahren. Schatzmeister Goldzahn-Bruno (das waren noch Spitznamen!) besorgte die Tickets und … verschwand mit der restlichen Kohle. Dreizehntausend Mark. Mehr als nur eine Stange Geld. Er war sich seiner Sache so sicher, dass er damit durchkommen würde, dass er es nicht für nötig hielt die Stadt zu verlassen. Und es kam wie s kommen musste. Man fand ihn, verfolgte ihn, schnappte ihn und führte ihn seiner „gerechten Strafe“ zu.

Die Nazis schoben den Ringvereinen einen Riegel vor. Viele Ringvereinsmitglieder, Ringer war kaum einer von ihnen, wurden in Konzentrationslager gesteckt. Erst nach dem Krieg sollten ihre Geschäfte kurzzeitig wieder aufblühen.

Es war ein deutsches Phänomen, dass sich Gangster und Ganoven so strukturiert organisierten. Berlin, Dresden, Hamburg – überall gab es diese Vereine. Doch Berlin war die Hochburg. Wurde ein Verein verboten oder verschwand aus welchen Gründen auch immer von der Bildfläche, war schon für Nachrücker gesorgt. „Pistolen-Franz und Muskel-Adolf“ erzählt nicht von der guten, alten Zeit. Es ist ein Archiv dessen, was unter der Oberfläche gärte und gedieh. Regina Stürickow gebührt das Lob sich unbeirrbar Archive zu durchforsten und diesen Wirrwarr an Verflechtungen ans Tageslicht zu holen. Angereichert mit allerlei Geschichtchen ist so ein Buch entstanden, das als Reiseband in eine vergangene Zeit in eine immer noch (oder wieder) spannende Stadt angesehen werden kann. Denn die angegebenen Adressen wurden von der Autorin aktualisiert (nicht jede Straße Berlins hat die Wandlungen ohne Namensänderung überstanden). Die zahlreichen abgebildeten Belege und die heutzutage fast schon zum Schmunzeln anregenden Vereinsbilder runden das Bild des kompletten Kriminalbandes ab.

Leb wohl, Berlin

Der Herbst 2018 stand ganz im Zeichen Berlins. Das babylonische Treiben zog Fernsehzuschauer in Scharen vor die Glotze. Und alle fanden es chic und schnieke diesem Berlin bei einem Kurzbesuch auf die Spur zu kommen. Doch es war halt alles nur Fiktion.

Christopher Isherwood, der Weltreisende mit dem eingebauten Radar fürs Besondere im Alltäglichen, war auch in Berlin. Doch er hat dieses Berlin, das den Herbst noch bunter machte, selbst erlebt. 1929 setzte er zum ersten Mal einen Fuß auf märkischen Boden. Vier Jahre sollte seine Spürnase in Berlin schnüffeln, aufsaugen und seine Hände dieses Berlin in Buchform verewigen.

Auch seine Figuren sind fiktional, orientieren sich aber stark an echten Typen, die Berlin zu jener Zeit den echten Glanz verliehen. Die berühmteste ist zweifelsohne Sally Bowles. „Cabaret“ soll ihr Denkmal werden. Als Isherwood sie trifft – Realität und Fiktion verschwimme in diesem Band auf wundersame undwunderbare Art und Weise – erwacht Berlin im Scheinwerferstrahl des Hedonismus. Mr. Issiwu wie ihn seine Vermieterin nennt, ist ständiger Begleiter und Beobachter dieses Berlins, das sich noch einmal für die große Party rausputzt. Denn schon bald regiert der braune Terror. Die ersten Ausuferungen sind schon da. Prügeleien und Pöbeleien auf offener Straße werfen ihren angsterfüllenden Schatten voraus, während in den Sälen unter den Kronleuchtern Champagner in Strömen fließt, die Bühnen zum letzten Mal ein Beben verkünden, das bald schon Donnergrollen weichen soll.

Es sind aber nicht nur die Zeilen, die dem Leser hier in eine Zeit entführen, die die Phantasie beflügeln. Christine Nippoldt ist die kongeniale Begleiterin an Isherwoods Seite. Ihre Illustrationen helfen dem Leser nicht nur auf die Sprünge das Gelesene vor Augen zu haben, sondern springen den Leser an, dass er eintauchen kann in eine Welt, die so weit weg zu sein schien.

Dieses Berlin hat nichts mit der so genannten Hipsterkultur der Berliner Gegenwart zu tun. Man trank richtigen Alkohol ohne exotische Zutaten, rauchte puren Tabak, kein flüssiges Gemisch, dessen Namen mehr an Pornodarsteller als Markennamen erinnern, und man feierte aus ganzem Herzen, weil man es wollte und nicht nur, damit das Social-Media-Profil einen hübschen Zuwachs verzeichnen kann. Jede Zeile in diesem Buch, jede Abbildung lässt den Wunsch im Leser erwachen, sich frisch frisiert und im besten Zwirn der Lebenslust hinzugeben.

Der Kramladen des Glücks

Gustav ist ein echter Glückspilz! Er strahlt die Welt an und sie strahlt zurück. Doch das Glück bekommt schon früh Risse. Denn Gustav ist sensibel. Nicht im Sinne, dass er bei jeder Kleinigkeit anfängt zu heulen, sondern, dass er ein aufmerksamer Beobachter ist. Sein älterer Bruder Rudolf nimmt sich gezwungenermaßen seiner des Öfteren an. Das machen große Brüder so. Widerwillig und pflichtbewusst.

Die Zeit vergeht und Gustav wächst heran. In München will / soll er Jura studieren. Doch das Studium reizt ihn kaum. Und so verbringt er mal Zeit in Vorlesungen in Ägyptologie oder anderen Studienfächern. Und er verbringt Zeit mit Frauen.

Die sehen in ihm allerdings nicht den Mann fürs Leben. Geliebtes Anhängsel, gesprächiger Begleiter, romantischer Zeitvertreib – für Gustav gibt es viele Bezeichnungen. Doch Liebhaber, potentieller Gatte – das wird er niemals sein. Irgendwo zwischen Hansguckindieluft und Bohème ist er anzusiedeln. Ihn stört es kaum. Bis auf die Sache mit den Frauen. Das würde schon ganz gern in den Griff bekommen.

„Der Kramladen des Glücks“ ist der erste Roman von Franz Hessel. Er erschien 1913. Schon allein der Titel macht neugierig. Was ist denn gerade im Angebot in diesem Laden? Irgendeine Empfehlung? Ja! Lesen! Wie ein unschlüssiger Kunde streift man durch diesen Laden und ist fasziniert von der Vielfalt der deutschen Sprache. Hessel verleiht seinem Helden Flügel. Die benutzt der jedoch nicht, um großartige Expeditionen zu unternehmen, sondern vogelfrei herumzuflattern. Nie ganz dem Kindesalter entflohen, darf er sich auch so benehmen. Gustav kann man nichts übel nehmen.

Er ist ein ewig Suchender, von dem man weiß, dass er niemals ankommen wird. Und man möchte es auch nicht. Wie ein Voyeur betrachtet man aus sicherer Entfernung wie sich Gustav in Liaisons verrennt und kläglich scheitern muss. Die Risse im Herzen kittet er schnell und nachhaltig. Was ihn nicht davon abhält weitere Verletzungen in Kauf zu nehmen. Ihn sachlich nüchtern als fünftes Rad am Wagen zu bezeichnen, käme seinem Naturell in keiner Weise nahe.

In diesem Kramladen findet jeder etwas. Ein Sammelsurium des Glücks und der Verzweiflung, aber niemals die Rumpelkammer eines Sünders. Es ist ein aufgeräumter Laden, den man gern betritt, weil man immer fündig wird. Der Preis ist ein lang anhaltendes Lächeln. Was will man mehr?

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Berliner Schicksalsorte

Wer keinen Koffer in Berlin stehen hat, kommt wohl als Tourist in die deutsche Hauptstadt. Und dann will man schließlich auch was erleben. Und fernab der neuen urbanen Kulturausrichtung inklusive der monetären Nebenwirkungen bietet die Stadt einen breiten Teppich aus historischen Orten.

Armin A. Woy unternimmt mit dem Leser einen Rundgang zu zweiundvierzig Schicksalsorten, der einen Bogen von knapp sieben Jahrhunderten schlägt. Und der Rundgang beginnt gleich mit einer deftigen Abreibung. 16. August 1325, Markttag. Berlin wird von den Wittelsbachern regiert und anerkannt. Wegen und vielleicht auch vor allem wegen des Papstbannes, mit dem das Herrschergeschlecht belegt wurde. Die Kirche selbst war damals gespalten, der bannsprechende Papst Johannes XXII. saß im provenzalischen Avignon.  In der Marienkirche sprach Nikolaus Cyriacus von Bernau. Und was er sagte, erzürnte die Berliner. In der Kirche rumorte es, doch es blieb ruhig. Als jedoch der Domprobst aus der Kirche trat, gab es kein Halten mehr. Die Soutane wurde ihm vom Körper gerissen, der Mob macht kurzem Prozess mit ihm. Da die Berliner von jeher ein lockeres Mundwerk haben, hätten sie die Abendstunden wohl sicher mit dem Begriff Barbecue umschrieben, wenn sie ihn schon gekannt hätten. Bis heute steht an dieser Stelle ein Sühnekreuz, das man – wenn die Geschichte darum nicht kennt, sicherlich übersehen bzw. nicht so recht wahrnehmen würde.

Der wilde Ritt durch die Jahrhunderte geht weiter. Wir überspringen die Hinrichtungen von Hans Johlhase1540 am Strausberger Platz und von Lippold Ben Chluchim im Jahr 1573 am Neuen Markt und kommen zum Bülowplatz. „Ich liebe doch alle Menschen“, wer ihm und seinen Worten glaubte, bekommt hier die Quittung für seine Blauäugigkeit. Der doppelte Erich, Erich Ziemer und Erich Mielke, sollten 1931 den Mord an einem ihrer KPD-Genossen rächen. Das Land war in Aufruhr und im Umbruch. Husar und Schweinebacke waren auch da als sich die Massen auf dem Bülowplatz. Husar und Schweinebacke waren allerdings keine Kampfnamen des Parteiselbstschutzes, wie sich der paramilitärische Arm der KPD nannte, sondern Polizisten. Schon lange ein Dorn im Auge jedes rechtschaffenden Bürgers. Ein heilloses Durcheinander folgte den aus nächster Nähe abgegebenen Schüssen. Rund ein halbes Dutzend Tote und über dreißig Verletzte waren das Ergebnis. Was wurde aus den Tätern? Erich Mielke konnte sich über sechzig Jahre in Sicherheit wiegen. Erst 1993 wurde er zu sechs Jahre Gefängnis verurteilt. Knapp zwei Jahre später war wieder frei und starb 2000 unbehelligt in Berlin-Hohenschönhausen.

Nur zwei der schicksalsträchtigen Orte Berlins. Vom Tatort, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde und dem Ausgangsort des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 über die Glienicker Brücke und die Discothek „La Belle“, die durch einen abscheulichen Terrorakt berühmt wurde bis hin zur Mauer und dem Olympiastadion geht die historische Reise vom Armin A. Woy. Unterhaltsam, aber vor allem detailreich gibt dieser Band Auskunft über Orte, die man sicherlich schon mehrmals besucht hat, die man gequert hat, die man aber nicht als solche erkannt hat. Von nun an ist Berlin ein Ort, an dem man aufpasst, wo man hintritt. Dank dieses Buches.