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1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, Ein historischer Stadtführer

Das Jahr 1968 steht symbolisch wie kaum ein anderes Jahr für das Nachkriegseuropa. Alt-68er, die 68er-Generation, die 68-Revolten – alles Begriffe, mit denen man einen Umbruch, ein Umdenken gleichsetzt. Alles begann jedoch schon einige Zeit früher.

Vietnam ächzte seit über einem Jahrzehnt unter dem Krieg der USA. Das brachte humanistische Denker und Täter auf die Straßen und Barrikaden. In Berlin wurden Demos gegen das totalitäre Regime des Schahs brutal niedergeknüppelt. Der bekennende Nazi Kurras erschoss den Studenten Benno Ohnesorg. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund mit Rudi Dutschke an der Spitze protestierte lautstark und an der Grenze des damals Legalen gegen den Krieg, das Vergessen und verkrustete Strukturen in der Gesellschaft. Berlin war damals eine losgelöste Stadt mit Sonderstatus. Und es war die Hauptstadt der Proteste in Deutschland.

Eintausendneunhundertachtundsechzig Jahre nach Christi Geburt wurden wieder oder immer noch die neuen Götter ans Kreuz genagelt. Doch anders als das gelobte Land und Jerusalem ist das brandenburgische Golgatha noch nicht zur Pilgerstätte der 68er-Jünger geworden. Wohl auch, weil die Orte der Revolte kaum noch im Bewusstsein verankert sind bzw. in Berichten über diese Zeit nur am Rande erwähnt werden, um Pilgerströme zu verhindern.

Das gediegene Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße, eine mittlere 50er Zahl. Wer‘s googelt, bekommt als Treffer einen Gastronomiebetrieb, dessen Geschäftsgegenstand der Betrieb einer Bar ist. Von freier Liebe ist man hier meilenweit entfernt – 1968 war hier die Kommune 1. Die erste von vielen Kommunen, doch mit Abstand die berühmteste mit den berühmtesten Bewohnern und Gästen: Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Andreas Baader.

An die blutigen Knüppeleien der Beschützer des Schahs, die am 2. Juni am heutigen John-F.-Kennedy-Platzes geschahen, erinnert heute wenig bis gar nichts mehr. Trotzdem ein historischer Platz – schon wegen des Namens und der vorangegangenen Kundgebung, knapp vier Jahre zuvor, als Kennedy sein berühmtes Bekenntnis zur Stadt hinausplärrte. Hier machten die Massen auf das menschenverachtende und verschwenderische Regime des Schahs aufmerksam. Nach dem Besuch der Oper, Bismarckstraße, hieß es „Knüppel frei!“ auf der einen, und „Beine in die Hand nehmen!“ auf der anderen Seite. Für Benno Ohnesorg war in der  Krummen Straße Schluss. Ebenso für die Zeit der Unschuld.

Es sind nicht nur die Plätze der Gewalt, die in diesem Buch Zeugnis ablegen, vom Berlin vor einem halben Jahrhundert, einer Zeit, die bis heute nachwirkt und die Gesellschaft wahrhaftig und nachhaltig verändert hat (was allerdings erst heute so richtig bewusst ist). Und es sind nicht nur Orte in West-Berlin, die über diese Zeit berichten. Chausseestraße 131, heute 10115 Berlin. Dort wohnte Wolf Biermann, der hier die Zeilen zu „Drei Schüsse auf Rudi Dutschke“ schrieb. Und wieder Gewalt! Die Schüsse fielen am Ku’damm, Hausnummer 71, dem SDS-Zentrum in Berlin. Dutschke wohnte ein paar Häuser weiter, damals in 1000 Berlin 31.

„1968 in Berlin – Schauplätze der Revolte, ein historischer Stadtführer“ ist sicher kein Wegweiser in die Revolution. Die Orte der Aufstände aber der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, wäre fatal. Der Höhepunkt der teilweise gesellschaftlichen Umwälzungen gehört zum Sprachgebrauch, genauso wie die Häuser, Straßen, Plätze, die Geschichte machen sollten. Keiner will mehr Wasserwerfer, egal, ob auf dem Ku’damm oder sonst wo, sehen. Niemand will mehr anlässlich eines Staatsbesuches mit Zaunlatten traktiert werden. Und Straßenlöcher sollen nicht ihre Ursache im Weitwerfen haben. Doch die Erinnerungen an bewegte Zeiten zu löschen, ist kein Kavaliersdelikt. Auch und gerade als gelungenes Gegenstück zu den unzähligen Shopping-Ratgebern für die neue alte Hauptstadt ist dieses Buch mehr als ein Mitbringsel für jeden Berlin-Besucher.

City Lights

Die Tage werden kürzer, das Grau des Alltags spiegelt sich nun auch am Himmel wieder. Da holt man gern noch einmal die Fotos vom erst kürzlich vergangenen Urlaub heraus, obwohl der auch schon wieder Monate her ist. Man erinnert sich, ist stolz auf die Schnappschüsse, erfreut sich an einzigartigen Perspektiven, bei denen sogar der schiefe Turm von Pisa kerzengerade in den wolkenfreien Himmel wächst. Noch einmal durchschnaufen – bald ist Weihnachten. Und dann gilt es einmal mehr der Kreativität freien Lauf zu lassen, um zu beeindrucken. Dieses Jahr wird es ein Leichtes sein dem Beschenkten ein „Ah“ und ein „Oh“, vor allem aber ein „Bist Du verrückt?!“ zu entlocken.

Vincent Laforet machte am 29. September 2001 ein Foto von einem afghanischen Flüchtlingskind, das vielleicht nicht um die Welt ging, dafür aber die Jury der Pulitzer Prize beeindruckte. Zusammen mit dem Team der New York Times gewann er den begehrten Preis für die beste Fotoreportage (Best Feature Photography). Schon kurze Zeit später galt er als einer der einflussreichsten Fotografen. Mit „City Lights“ zeigt er sein ganzes Können bei der Darstellung von Städten bei Nacht. Klingt erst einmal nach „Ja, das kann ich auch“, ist aber gar nicht so einfach, um es kurz und verständlich auszudrücken.

Und dann schlägt man dieses Buch, nein … diesen Prachtband auf! Eine Offenbarung! Noch nie waren nächstens erleuchtete Städte so blau. Noch nie so verwundbar. Noch nie so offensichtlich anonym. Sydney ist für sich genommen schon eine Augenweide. Auch und gerade bei Nacht. Aber: Bei Nacht, von Oben fotografiert … das Leuchten der Lebensadern … Details zu funkelnden Pixeln degradiert, um in der Gänze eine nie zu erwartende Wirkung zu erzielen, ohne Blitzlicht – da lassen die Synapsen kräftig die Sektkorken knallen!

Barcelona als buntes Potpourri, London als Regenbogen in Hochglanz, Chicago Reißbrettentwurf in Sonnenblumengelb oder Las Vegas in gar nicht mehr so bunt wie es die Prospekte einem vorgaukeln wollen – City Lights haben ihre eigene Magie. Sie einzufangen, ist Aufgabe von Dokumenteuren wie Vincent Laforet. Und wenn das Auge des Fotografen einmal Blut geleckt hat, dann kann sich der Betrachter auf eine riesige Portion Emotionen gefasst machen. Als Leser ist man von Natur aus in der richtigen Position auf dieses Buch und auf die Städte herabzublicken. Von oben auf Gebäude, Stadtteile, ganze Städte zu schauen, hat etwas Erhabenes. Mit dem kiloschweren Buch auf dem Schoß nehmen die Aufnahmen die Angst vor der großen unbekannten Stadt undverwandeln sie in ein Objekt der Begierde. Einmal nicht mit dem Finger auf ein Gebäude zeigen, sondern es einmal „in Echt“ zu bestaunen und vielleicht zu berühren, wenn das das Ziel des Buches war, dann ist die Aufgabe auf jeder Seite übererfüllt worden.

Die Humboldts in Berlin

Man mag es kaum glauben, aber Berlin war einmal zu klein für große Geister. Für Willi und Alex, besser bekannt als Wilhelm und Alexander von Humboldt, waren Berlin und Schoss Tegel, wo sie aufwuchsen, die erklärte Langeweile. Vielleicht nicht mit sprichwörtlichen „goldenen Löffel im Mund“, aber zumindest aus Edelmetall, genossen sie Privatlehrer und die Freiheiten eines finanziell sorglosen Lebens. Der Umzug nach Berlin in die Jägerstraße 22, wo heute eine Plakette auf den Geburtsort Alexanders hinweist (was nicht zu beweisen ist), war für beide nach dem Tod des Vaters in jungen Jahren der Abstieg in die gedankenbefreite Hölle.

Schon früh interessierte sich Alexander für Pflanzen, Stillsitzen und dem Lehrer gebannt lauschen, war ihm fremd. Wilhelm war der strebsame, aufmerksame Schüler. Die beiden wuchsen heran und in ihnen der Drang auszubrechen. Dank des Erbes war der monetäre Aspekt ihrer Ausbrüche vernachlässigbar. Die Ergebnisse sind bekannt: Wilhelm wurde zur Triebfeder in Berlin eine Universität zu gründen und Alexanders Reisen nach Amerika sind bis heute Grundlagen vieler Studiengänge.

Paris, Rom, Wien, London, Mexiko waren die Stationen, in denen das Bruderpaar individuell seine Spuren hinterließ. Die Neuordnung Europas durch den Tilsiter Frieden und Napoleons Expansions-„Politik“ sowie der preußische Machtapparat, der durch Behäbigkeit so lang durchhielt durchkreuzten öfter als gewünscht ihre Pläne. Alexanders Abneigung gegen Berlin ging soweit, dass er in zwei Jahrzehnten summa summarum nicht einmal ein komplettes Jahr in Berlin verbrachte. Welch Glücksgefühl muss es in ihm ausgelöst haben, als er vom kargen sandigen Boden Berlins in die Blütenpracht am Orinoco eintauchen durfte?

Mit diesem Bild vor Augen liest sich „Die Humboldts in Berlin“ ganz anders. So sehr die beiden mit Berlin verwoben zu sein scheinen, so konträr war die Realität. Peter Korneffel begleicht an mancher Stelle die Rechnungen der beiden mit ihrer Heimatstadt. Aber auf alle Fälle zeigt der Autor ein Berlin, das man als „Kurzzeit-Gast“ nur im Vorübergehen wahrnimmt. Viele Gebäude tragen den Namen Humboldt. Die Brüder wirkten an so vielen Stellen, die man gar nicht alle aufzählen bzw. in kurzer Zeit besuchen kann. Und ist dieses Buch auch die längste Geburtstagsparty der Geschichte. Wilhelm von Humboldt feierte am 22. Juni 2017 seinen 250. Geburtstag und Alexander wird 14. September 2019 (!) sein Vierteljahrtausend vollenden. Der Leser ist eingeladen zwei herausragende Persönlichkeiten der Stadt, Preußens und Deutschlands, Europas kennenzulernen und mit ihnen eine Zeitreise zu unternehmen, die man in keinem Reisebüro buchen kann.

Verlassene Orte in Berlin

Blut spritzt, Knochen splittern – das tut weh. Farbe blättert, Putz bröckelt, Scheiben klirren – das hat Charme. Metropoler shabby chic mitten unter uns. Berlin ist die Metropole des Schauderns – Ciarán Fahey zeigt Berlin wie es sich Berlin Touristen nicht vorstellen können. Und doch gibt es mehr als genug Neugierige, die dem Charme des Verfallenen nicht widerstehen können. So wie der Autor.

Er kraucht dort hinein, wo man sich schmutzig macht. Wo man sich die Hosen zerreißt und vielleicht auch die eine oder andere Schramme holt. Und er erhellt das Dunkel der Vergangenheit, in dem er zum Beispiel die Bärenquell-Brauerei ihres letzten Geheimnisses beraubt. Nämlich dem wie es heute um die einstige Hopfentränke bestellt ist. Ein gelinde gesagt staubiger Eindruck. Als ob hier von einer Minute die Feierabendsirene ertönt wäre und man vergessen hätte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Wo vor hundert Jahren noch – sogar werktags – geschwoft wurde, hätte selbst die beste Feuchtigkeitscreme keine Chance die Risse in der Fassade glattzubügeln. Das Ballhaus Grünau ist heute nur noch annähernd ein Schatten seiner selbst.

Mit detaillierter Versiertheit beschreibt er die Orte, die einmal Großes darstellten und heute aus den verschiedensten Gründen den Naturgewalten anheimfallen (gelassen werden).

Verlassen? Ja! Vergessen? Nein! Dank Ciarán Fahey. Der irische Autor geht auf die Knie vor den erhabenen Bauten und robbt sich vor ins Innere der meist abgesperrten Hinterlassenschaften aus Urgroßmutters Zeiten. Wer heutzutage bei Siemens die S-Bahn verlassen will, landet im Nirgendwo. Siemensbahn – die Geisterstationen von Siemens‘ verlassener S-Bahnlinie heißt das Kapitel, das – genau wie der Rest des Buches – eindrucksvoll beschreibt wie der Zahn der Zeit an Plattform, Handlauf, Dach und Informationstafeln genagt hat. Rost ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung, scheinen einem Text und Bilder entgegen zu schreien. Und doch gedeiht hier noch oder schon wieder Pflanzen. Die Natur gibt, die Natur nimmt. Was schon einmal samtzart das Auge berührte, wirkt gegenwärtig wie pubertierende Akne auf verwelkter Haut.

Man riecht den Moder und die Verwesung, sieht aber das Potential der abgebildeten Objekte und schnauft tief durch. Warum nur findet sich niemand den Reiz der Vergangenheit noch einmal zu alter Blüte zu verhelfen? Waschbären als Hüter des Augenblicks, Graffitis als Boten der Moderne, Schrottautos als stillgelegter Protest gegen das Vergessen?

Dieses Buch ist ein reiseband der besonderen Art. Kein Aufforderung Grenzen zu überschreiten. Wohl aber ein gedrucktes Mahnmal für den Erhalt der eigenen Geschichte.

Mit dem Schiff durch Berlin

Es gibt viele Gründe nach Berlin zu fahren. Die Weltläufigkeit, die unbegrenzte Möglichkeit zum Shoppen, die Architektur, das Angebot an Konzerten. Doch Berlin als Schiffsmetropole zu betrachten, das ist ungewöhnlich. Nur auf dem ersten Blick! Denn Berlin ist von Wasserstraßen durchzogen wie kaum eine andere Stadt in Deutschland.

Armin Gewiese und Ulrike Dömeland nehmen den Leser mit auf eine kapitale Hafenrundfahrt. In Zahlen heißt das: Rund 60 km² Berlin sind vom Wasser erobert, die Uferlängen aller Gewässer sind fast doppelt so lang wie das S-Bahnnetz, und einer der größten Exportschlager der Welt wurde vor 125 Jahren auf dem Dampfer Hertha gegründet.

Von Kladow bis Erkner, von Krampenburg bis Tegel/Greenwich Promenade, vorbei an Hauptbahnhof und Schlossbrücke – janz Berlin liegt uffm Wasser. Zumindest am Wasser. Und es gibt auch überall was zu sehen! Museen, die Museumsinsel ist nur eine Augenweide, extravagante Illuminationen, Schlösser … und das Beste ist, dass lästige Parkplatzsuche keine Zeit mehr vom Besuch der Stadt abknabbern kann. Möglichkeiten zum Aussteigen und Besteigen der Schiffe gibt es zuhauf, um Berlin und Umgebung (wie zum Beispiel das architektonisch wie technisch einzigartige Schiffshebewerk Niederfinow) zu erkunden.

Kleine Karten erleichtern die Orientierung und am Ende des Buches geben die Autoren Tipps zur Hungerbewältigung an Havel, Spree, Dahme, Landwehrkanal, Teltowkanal, Müggelsee, Tegeler See, Seddinsee sowie Adressen von Kreuzfahrtveranstaltern, Reedereien und An- und Ablegestellen.

In den informativen Kapiteln kann man als Leser Berlin nicht schon „schon mal kurz vorher“ kennenlernen. Immer wieder lassen Bilder dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen, was er beim nächsten Berlintrip alles erleben kann. Berlin, die Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, arm aber sexy ist, urbanen Charme mit Modernität wie kaum eine andere zu verweben versteht, mal anders. Keine Touren für diejenigen, die schon alles gesehen haben, sondern eine echte Neuentdeckung der Hauptstadt.

Kommissar Gennat ermittelt

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Das Leben in Balance halten. Für jedes Yin gibt es ein Yang. Und für jeden Berliner Ganoven einen Gennat. Vor- und Nachteil: Wer vor Kommissar Ernst Gennat davon rannte, war eindeutig auf der Gewinnerstraße, denn Spitznamen wie „der volle Ernst“ oder „Buddha der Kriminalisten“ kamen nicht von ungefähr. Doch hatte „Papa Gennat“ einen erstmal in den dicken Fingern, gab es kein Entrinnen. Regina Stürickow setzt einem einst echten Denkmal ein gedrucktes Denkmal.

Ernst August Ferdinand Gennat war der Schrecken der Ganoven von Berlin. Ende des 19. Jahrhunderts in ein Berlin hineingewachsen, das aus den Nähten platzt. Ein schwindelerregender Bevölkerungsanstieg zieht auch so manch schwarzes Schaf an. Gennat ist einer der wenigen Beamten im Exekutiv der Hauptstadt. Und – so scheint es – bald der einzige, der seinen Beruf nicht als Absicherung, sondern als Berufung versteht.

Hat der gewichtige Kommissar einen „Janoven“ erstmal zwischen seinen dicken Fingern, gibt es kein Zurück mehr. Fast schon liebevoll umschmeichelt er sein Gegenüber, zeigt die Grenzen und Folgen des nutzlosen Tuns auf und löst mit einem Fingerschnipp den Fall. Fast wie im Film. Apropos: Fritz Lang hat in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ seinem Ermittler Kommissar Karl Lohmann unverkennbar Gennats Züge angedeihen lassen.

Drei gesellschaftliche Epochen drückte der beleibte Kommissar seinen Stempel auf: Unterm Kaiser, in der Weimarer Republik und auch unter den Nazis. Immer dabei: Sein Trudchen. Sein nicht weniger fülliger Assistenz-Engel, an dem kein Vorbeikommen war. Und die immer für eine mit Sahnestückchen gefüllte Schublade sorgte. Die einzige Sünde, der er sich je hingab. Privatleben gab es für Ernst Gennat nicht. Fast bis zum Ende seines Lebens blieb er Junggeselle – er heiratete kurz vor seinem Tod … eine Kollegin. Wenn er im Verhör mal kurz wegnickte (im Zuckerkoma), atmete so mancher Delinquent kurz auf. Doch sobald die Äuglein über dem Doppel-später Dreifach-zum Ende Vierfach-Kinn, wieder aufblitzten, setzte Gennat nahtlos an der vorangegangenen Frage an. Es war ein Graus für alle Taugenichtse, Räuber, Erpresser und Mörder.

Von Letzteren gab es zu Gennats Zeiten Unmengen. Die Polizei wurde der Lage nie so recht Herr. Gennat war es, der eine Art Handreichung, einen Arbeitsablauf, fast schon eine Betriebsanweisung erstellte. Tatorte wurden gern mal für die Ermittler „hergerichtet“. Einen Saustall konnte man ja wohl den hohen Herren (die meisten Ermittler waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts adeliger Herkunft bzw. zumindest aus besseren Kreisen) nicht zumuten. Und immer mit dabei: Die Presse. Das Opium fürs Volk waren die gedruckten Räuberpistolen, die zeitweise mehrmals täglich erschienen.

Regina Stürickow hat Archive gewälzt, die wenigen Aufzeichnungen der Vor-Gennat-Ära analysiert und ins rechte Licht gerückt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist ein Doku-Krimi-Zeitabriss der besonderen Art. Die Texte der Autorin und die Gestaltung des Buches lassen dem Leser nur eine Wahl: Sich gebannt der Lektüre ergeben. Widerstand zwecklos. Der Kommissar gewinnt am Ende doch.

Alltag in Berlin

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Wie spannend kann der Alltag schon sein? Aufstehen, arbeiten, essen, schlafen, aufstehen, … und so weiter. Klingt nicht gerade sehenswert. Denkste! Denn Alltag ist Kultur, Kultur, die jeden betrifft, die jeder kennt, die jeder formt und gestaltet. Und mal ganz ehrlich: Neugierig sind wir doch alle, wollen wissen wie‘s beim Nachbarn aussieht, was der alles so treibt. Und wie das in Berlin aussah, kann man nun in diesem Prachtband nachlesen, kann kieken wie’s um die Ecke aussah, kann man bestaunen und wieder entdecken.

Hans-Ulrich Thamer und Barbara Schäche haben sich das Mammutprojekt „Alltag in Berlin“ vorgenommen und beeindruckend umgesetzt. Barbara Schäche saß bis 2015 an der Quelle. Als Leiterin der Fotothek des Berliner Landesarchives war die Herrin über einen unfassbar großen Bestand an Aufnahmen der Stadt, die den Begriff „wechselvolle Geschichte“ für sich gepachtet zu haben scheint.

Was dieses Buch dankenswerterweise nicht ist: Ein Regenbogen der Promis in der Hauptstadt. Wahre Begebenheiten, echte Menschen, reale Situationen, nachvollziehbare Prozesse sind die Zier und das Brot dieses Buches. Eine fast ausgestorben scheinende Werkhalle – letzter Tag der Abfüllung bei Bärenquell. Oder wohlverdiente Pause bei Borsig – Lehrlinge, denen harte Arbeit nichts ausmacht, aber einer Pause nicht abgeneigt sind.

Kriegsinvalide werden Badevergnügen gegenüber gestellt – Freud und Leid liegen nicht nur literarisch eng beieinander.

Dieses Buch schaut man sich immer wieder an. Schon allein deswegen, weil man es nur schwer auf einmal von der ersten bis zur letzten Seite anschauen kann. Zu viel Input, wie man heute sagen würde. Die Wucht der Bilder ist nicht nur bei intensiver Beschäftigung erdrückend. Zwischen den Bildern, die Abläufe zeigen, die heute kaum mehr einer kennt, der noch nicht in Rente ist, wie das Wäschewaschen im Waschkessel im Waschhaus, erquicken den Leser Aufnahmen von erholsamen Unterbrechungen, Gartenparties oder Faschingsfeiern im Kindergarten.

Demos für Frieden und Solidarität auf beiden Seiten der Mauer waren Gemeinsamkeiten und Unterscheide in der geteilten Stadt. Sie gehörten zum Stadtbild wie Menschen „von janz weit her“ über „aus Not auf die Straße getriebene Mädchen“ bis hin zum quirligen Treiben vor dem Ringbahnhof in Mitte. Wohlgemerkt, das sind drei Bilder von zwei sich gegenüberliegenden Seiten. Abwechslung ist geboten, das hat sich Berlin bis heute bewahrt. Es ist den beiden Sammlern zu verdanken, dass nicht nur der momentane Wandel in Bildern festgehalten wurde, sondern vor allem das, auf dem heute dieser Wandel überhaupt noch stattfinden kann. Als Berlinkenner ist es ein Riesenspaß die genauen Standorte der Fotografen zu bestimmen. Und vielleicht erkennt sich ja jemand wieder auf den Bildern. Det wär ‘ne Schau!

Böser die Glocken nie klingen

Böser die Glocken nie klingen

Ach ist das schön muckelig! Draußen schneit’s! Die klirrende Kälte bleibt, wo sie hingehört, draußen. Drinnen spendet die Heizung wohlige Wärme. Alles ist hell erleuchtet. Illuminiert nennen das die neuen Kunsthelden. Jedes Fenster ist festlich geschmückt. Doch hinter so mancher Fassade wedelt der Tod mit seiner Sense. Er ist in Wartestellung. Selbst Hand anlegen muss er nicht. Das machen schon die Anderen. Es ist Weihnachten! Die Zeit des Vergebens, des Schenkens, des Geben und Nehmens. In dieser Kurzkrimisammlung wird erst genommen, dann gegeben…

Es ist schon kurios, warum – gerade zur „heiligen“ Weihnachtszeit – so gern, so ausgiebig, so einfallsreich und vor allem, aus welchen Gründen – gemordet wird. ‘Ne Eisenbahn als Auslöser. Eine Modelleisenbahn. Ein so genanntes Krokodil. Frauchen hat’s ja! Aber sie will die Kohle nicht rausrücken. Lieber das „Krokodil“ im Maßstab Eins zu Eins anschauen. Och nee! Zum Glück ist Wasser (Badewasser) ein exzellenter elektrischer Leiter. Klar, was jetzt kommt, oder?! Wasser – Fön – stöhn! Doch wie groß ist das Entsetzen, als die Geschenke geöffnet werden…

Weihnachten ist aber auch die Zeit, in der man so manchen Streit der Vergangenheit anheim schenkt. Vergeben und vergessen. Zweisamkeit ist Trumpf. Vielleicht entdeckt man sogar wieder Gemeinsamkeiten. Etwas wie Harry und Elfriede. Seit Jahren sind sie verheiratet. Die Pflichterfüllung ist ihnen näher als die gemeinsame Gefühlslage. Kurz: Sie gehen sich tierisch auf den Geist. Er immer nur bei seinen Fröschen und sie die vernachlässigte Gattin. Da muss man was unternehmen. Denken beide, unabhängig voneinander und handeln. Mit mörderischem Resultat!

Berlin zur Weihnachtszeit. Ein gefundenes Fressen für Krimifans und Autoren. Und für den Leser! Der bekommt ein reichhaltiges Menü, versetzt mit Witz und Niedertracht, ebenso mit Genialität und verschrobenen Charakteren. Det is ne Schau! Für die Polizisten ist es die Hölle. Denn sie müssen nun ermitteln. Und sie wissen, dass es jetzt, wenn alle so freundlich sind, viele nur so tun. Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist jetzt keine Hexerei – auch wenn es manchmal daran zu grenzen scheint – es ist Puzzlearbeit. Und der Leser darf mit Ecken anfangen. Alles andere ergibt sich von selbst…

Fußball in Berlin

Fußball in BerlinIch bin ein Fan von Hertha! Is erstmal ‘n Statement. Aber welche Hertha? Literatur-Nobelpreisträgerin Hertha Müller? Politik-Dauer-Nörglerin Hertha Däubler-Gmelin? Oder doch Hertha Suurbier, die mit der eigenen Fahne…

Dann doch lieber Hertha BSC. Als Fußballfan eines Hauptstadtvereins hat man in England die Qual der Wahl – Chelsea, Arsenal, Tottenham ganz oben mit dabei, West Ham, Crystal Palace, Fulham eher Kellerkinder. In Frankreich ist es der Hauptstadtclub PSG, der seit einiger Zeit den Ton angibt – und wie! Italiens römische Vereine sticheln gern und oft, aber Meister kommen dann doch von „weiter oben“. Und in Deutschland? Von den 54 Vereinen, die jemals in der Bundesliga gespielt haben – ja, auch vorher wurde schon Fußball gespielt, aber … – hat sich der Hauptstadtclub auf Platz Zwölf der ewigen Bundesligatabelle eingerichtet. Nicht schlecht! Aber ohne Titel eben. Die letzte Meisterfeier stammt aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Im Ostteil der einst geteilten Stadt wurde dagegen regelmäßig der Meistertitel gefeiert. Allerdings hatten da höhere Mächtige ihre Hände im Spiel, echte Menschenfreunde wie sie meinten…

Noch einmal zur Ewigen Tabelle. Ein Berliner Verein führt diese an – allerdings nur, wenn man sie auf den Kopf stellt: Der SC Tasmania 1900 Berlin. Acht kümmerliche Punkte nach der Dreipunktregel. Zur aktiven Zeit  der Verein ist mittlerweile Pleite – waren es sogar nur sechs Punkte. Zwei Siege, zwei Unentschieden. Und sagenhafte einhundertacht Gegentore. Das ist Fußball in Berlin! Nicht ganz. Meint zumindest Henry Werner, Autor des Buches „Fußball in Berlin“. Und er hat recht!

In Berlin wurde 1897 der erste Fußballverband gegründet, im „Dustren Keller“ in der Bergmannstraße 107, unweit des Flughafens Tempelhof. Das Buch ist mehr als ein Almanach der Punkteverteilung. Historische Plakate wie dem von den Internationalen Fußball-Wettspielen, fotografischen Zeugnissen u.a. von Viktoria Berlin und den Gründungsvätern des BFV oder auch athletischen Momentaufnahmen des Weltsports Fußball. Die Texte strotzen nur so von Fachwissen.

Über einhundert Jahre Fußballgeschichte aus und in einer der bedeutendsten Städte der Welt, deren Veränderungen Jahrzehnte, gar Jahrhunderte bewegten und immer noch bewegen. Auch wer kein Fußballfan eines Berliner Vereins ist – und Vereine gibt es hier mehr als Baustellen – wird sich an diesem Buch erfreuen können. Immer wieder streut der Autor kleine Anekdoten ein, die man einfach nicht kennen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wie die der „Spartaner“. Ernst Fuhry gründete diese sektenartige Mannschaft in der dunkelsten Zeit Deutschlands. Nationalsozialistische Ideologien paarten sich mit kruden Idealen, die den Spielern wirklich jeden Spaß am Leben verdarben. Doch ihr Spielstil war einzigartig: Fair, ritterlich, aufopferungsvoll und ohne Fouls und Tacklings. Das war selbst den Machthabern suspekt. Fuhry selbst wurde denunziert, verfolgte aber – ganz Sportsmann – stur seine Linie. Die Spartaner wurden dem Post-SV untergeordnet, das war das Ende der Spartaner. Dennoch wurden sie in der Saison 1937/38 ungeschlagen Berliner Meister. In 27 Spielen kassierten sie lediglich 17 Gegentore.

Bildband oder Nachschlagewerk? Das ist hier nicht die Frage! Fußballfieber zwischen zwei Buchdeckeln trifft es eher. Das Großformat trägt der Bedeutung der Stadt als Fußball-Dauerbrenner Rechnung. Wer Berlin besucht, kommt irgendwann auch am Olympiastadion vorbei – auf der letzten Umschlagseite mit der „Berliner Fußball-Karte“ übrigens als Standort „3:10“ gekennzeichnet. Spätestens hier wird auch der neutrale Beobachter vom Fußballfieber gepackt. Für echte Fans müssen nicht immer die Alte Försterei oder der Jahnsportpark sein…

Skandale in Berlin

Skandale in Berlin

Skandale und Berlin. Das passt, wenn man sich die aktuellen Ereignisse um den Flughafen betrachtet. Doch Skandale und (und in) Berlin sind keine Erfindung der Gegenwart. Regina Stürickow reist zusammen mit dem bis ans Ende des 19. Jahrhunderts. Schon damals erschreckten underschütterten Skandale die Hauptstadt.

Und zum Beginn gleich eine saftiger Aufreger: Sex im Königshaus! Doch nicht Wilhelm II. und seine Angetraute sind darin verwickelt – naja irgendwie schon, aber erst im Nachgang, also zumindest er, der Kaiser – sondern seine Entourage, der Adel, die Schmeißfliegen, die sich gern im Glanze des Staatsoberhauptes sonnen. In diesem Falle muss es wohl eher heißen: Sich im Glanze des Kaisers suhlen. Es ist Januar im Jahre 1891. Der Grunewald ist schneebedeckt. Er ist der einzig Jungfräuliche in dieser Geschichte. Über ein Dutzend Männer und Frauen treffen sich zu einer, heute würde man Party sagen. Es wird königlich gespeist. Man ist gesättigt und doch noch hungrig. Der Magen ist gefüllt, das Blut in Wallung, und schon ist man in einer wüsten Orgie. Wer mit wem, wie oft, warum, in welcher Konstellation – das war, ist und bleibt verborgen. Doch dass es stattgefunden hat, daran wird jeder einzelne bald und eindringlich erinnert. Denn schon kurze Zeit später tauchen Briefe auch. Briefe an die Teilnehmer. Wer ist denn nun der Übeltäter? Oder ist es eine Übeltäterin. Charlotte von Hohenau soll angeblich hinter den Briefen stecken. Wenn das rauskommt! Oh je. Doch eine weitere Charlotte, die Schwägerin des Kaisers, hat ihre Finger im Spiel. Ihr ist das (liebs-)tolle Leben ihrer Namensvetterin ein Dorn im Auge. Auch der Zeremonienmeister des Hofes von Kotze – wie er wohl die ganze Sache empfindet? – ist verdächtig. Und wird auch angeklagt. Aber freigesprochen. Es kommt zum ersten Duell. Später folgen weitere. Wenn man ihm etwas anhaben will, ist nun der Zeitpunkt gekommen ihm einen Strick zu drehen. Denn Duelle sind verboten. Doch der Kaiser wiegelt ab. Von Kotze wird zwar nicht verurteilt, doch all seiner Ämter enthoben. Außer Spesen nichts gewesen? Nicht ganz. Die Beteiligten, ob nun bekannt oder nicht, haben einen der ersten Skandale produziert. Dank der Skandalpresse – warum verwendet man dieses eindeutige Wort heute eigentlich nicht mehr? Regenbogenpresse klingt so harmlos! – werden auch die Berliner darüber mehr oder weniger detailreich informiert. Heute würde so ein Skandal nur noch zum Schmunzeln taugen. ’Ne Orgie bei Hofe – na und! Lass sie doch!

Und weiter geht der wilde Ritt durch die Geschichte(n) Berlins. Friedrich Ebert in Badehose, Unterschlagungen und Erpressung – alles Histörchen, die heute in Vergessenheit geraten sind und erst durch dieses Buch wieder ans Tageslicht geholt werden. Und einige kommt einem seltsam bekannt vor: Wetten, Bauskandale … Berlin ist halt immer für einen Skandal gut!

„Skandale in Berlin“ ist das Schwesterbuch von „Verbrechen in Berlin“, beide aus der Feder von Regina Stürickow. Mit akribischer Recherche und einer ordentlichen Portion Neugier ist sie den Skandalen, die Berlin und oft darüber hinaus erregten. Sie skizziert die Gesellschaft der Zeit und zeigt somit dem Leser die Parallelen zur Gegenwart auf. Vieles hat sich seit den ersten Skandalen geändert, so manches ist auch heute noch für einen Skandal zu gebrauchen.