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Der letzte Granatapfel

Der letzte Granatapfel

Freundschaften pflegen können, Freundschaften ein Leben lang pflegen können, ist nur auf dem Papier heutzutage eine Leichtigkeit. Die sozialen Medien machen es möglich. Aber echte Freundschaften fußen nicht auf Worten und Emoticons, sie werden erst durch Taten zu dem, was sie sind. In einer Welt, die ganze Völkerstämme auf Wanderschaft gehen lassen, Familien schmerzhaft auseinanderreißen, existieren echte Freundschaften oft nur noch in Erinnerungen und bestehen aus Emotionen.

Muzafari Subhdam und Jakobi Snauber waren einst dicke Freunde. Sie teilten alles. Als Heranwachsende auch den Kampf. Als Peschmerga, kurdische Freiheitskämpfer, standen sie Seit an Seit, und stiegen in die Führungsriege auf. Trotz aller Martialität pflegten die beiden eine tiefe Freundschaft.

So beginnt das Buch „Der letzte Granatapfel“ von Bachtyar Ali. Muzafaris Subhdam sitzt im Gefängnis, einem Schloss. Ein Schloss wie es sich die beiden Freunde einst ersehnten. Irgendwo im Nirgendwo, umgeben von der namenlosen Wüste. Jakobi Snauber schickt ihm regelmäßig kleine Briefchen. Einundzwanzig Jahre geht das nun schon so. Gefangen im Ort seiner Träume. Träume, die keine mehr sind. Nach und nach verblassen auch die Erinnerungen an Damals. Damals als Muzafari und Jakobi ein Herz und eine Seele waren. Die Poesie der Worte, die Bachtyar Ali dem ewigen Gefangenen in den Mund legt, wird nur durch die Zahl Einundzwanzig (einundzwanzig Jahre Einöde, einundzwanzig Jahre Gefängnis, einundzwanzig Jahre Sand) mit der Realität verwoben.

Der Autor meint es gut mit dem kurdischen Grafen von Monte Cristo. Er lässt ihn aus der Isolation entkommen. Wieder mit Jakobi Snauber zusammentreffen. Und vielleicht auch mit seinen Kindern… Den nuancenreichen, wortgewaltigen, poetischen Part übernimmt ab hier Mohamadi Glasherz. Das Meer hat ihn an den Strand gespült. Zu zwei Schwestern, deren Namen Weißer Wind und Weißes Königsmeer bedeuten.

Auch Mohamadi ist auf der Suche. Wie Muzafari sucht er sein Paradies. Doch Mohamadi scheint dem Ziel nicht so weit entrückt zu sein…

Wer im unendlichen Heer der Flüchtenden der Erde nur die Gier nach dem scheinbar materiell besseren Leben sieht. Wer ihnen lediglich die Furcht vor Repressalien und Kugelhagel als „Ausrede“ für Flucht zu gesteht, wird mit diesem Buch eine weitere Komponente für Heimweh und Flucht in seine Überlegungen einbeziehen müssen. Flucht ist immer auch ein Weggehen von Heimat. Heimat nicht als Ort, wo man herumstromert und zufrieden den Tag verlebt. Heimat als emotionaler Anker des eigenen Selbst. Die Vertreibung aus dem selbst geschaffenen Paradies ist die schlimmste Folter von allen. Davon berichtet Bachtyar Ali in „Der letzte Granatapfel“. Es sind keine außergewöhnlichen Worte, die dieses Buch zum literarischen Highlight des Sommers 2016 machen. Es ist die gefühlsvolle Zusammenführung selbiger zu einem gefühlvollen Teppich aus Emotionen, Poesie und dem Drang nach Erlösung ohne menschliches Heldentum. Alle handeln konsequent und versichern sich herzensgut und aufrichtig ihrer Liebe. Die Aktualität der realen Geschichte macht die fiktionale Geschichte greifbar und wühlt mit jeder Zeile das Leserherz auf.

Die Ararat-Legende

Die Ararat-Legende

Da steht ein Pferd vor dem Haus! Ahmet staunt nicht schlecht als er am Morgen erwacht. Ein prächtiger Grauschimmel. Mit reich verziertem Sattelzeug. Ein Geschenk des Himmels. Oder der Götter.

Am Fuße des Ararats ist das Leben karg, genauso wie die Landschaft. Die Menschen sind rechtschaffend und traditionsbewusst. Ahmet kann sich nicht lange über den Gaul freuen. Denn der rechtmäßige Besitzer, der Pascha, will ihn zurück. Er lädt Ahmet und die Weisen des Dorfes in den Palast ein, besser gesagt, er lässt sie vorladen. Die „Delegation“ gibt ihm erst einmal einen Einführungskurs in Tradition. Wenn einem hier in dieser Gegend, zu Füßen des Ararat etwas geschenkt wird, gehört es ihm. Zurückholen ist nicht drin. Der Pascha hört es sich an, sein Puls steigt, bis es zur Explosion kommt. Man wisse wohl nicht wer er sei. Ihm gehöre das prächtige Pferd. Und die Dorfbewohner hätten es ihm gestohlen. Augenblicklich sollen sie ihm sagen, wo das Tier sich befände. Seine Wutrede stößt auf taube Ohren. Ahmet wird eingekerkert. Schlimmeres wird ihm angedroht.

Der Pascha hat drei Töchter. Die beiden Ältesten sind wahre Prachtstücke, elegant, gebildet. Sie lieben es in ihrem goldenen Käfig, im Palast zu leben. Die Dritte schlägt ein bisschen aus der Art. Auch hübsch anzusehen, nicht ganz so feingliedrig wie ihre älteren Schwestern. Gülbahar ist eher bodenständig, hat einen Draht zu den Menschen draußen, vor dem Palast. Und auf einen hat sie besonders ein Auge geworfen…

Yaşar Kemal beweist mit der Ararat-Legende seine unglaubliche Fähigkeit mit sanften Worten einen harten Konflikt auszudrücken. Über allem thront der ehrwürdige Viertausender Ararat, ein wahrhaft heiliger Berg, der den Menschen im Tal immer mal wieder den Weg weisen muss. Er ist die Lebenskonstante der Bergbewohner, wer sich ihm in den Weg stellt, bekommt seinen Zorn zu spüren, doch wer sich liebt, wird ihn ihm Zuflucht finden. Und das ist bis heute so!

Der Schüttler von Isfahan

Der Schüttler von Isfahan

Prozentrechnen für Weltreisende: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung kennen Sie, die schon mal in der Schweiz waren? Garantiert mehr als 90 %. Und in Thailand? 70%? Namibia, Niger, Kirgistan? Weniger als ein Viertel? Und jetzt alles zusammen, also von Armenien und Chile über Iran und Usbekistan bis nach Burkina Faso und Grenada. Es tendiert wohl gegen Null. Darf ich vorstellen: Georges Hausemer. Seines Zeichens Weltreisender und eloquenter Geschichtenerzähler. Und Mister Einhundert Prozent!

Heruntergekommene Hotelzimmer, euphorisch begrüßter Kaffeegenuss, enervierende (russische) Flugzeugpassagiere, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, unglaubliche Naturphänomene am Ende der Welt, der ganz „normale Wahnsinn“ in ehemaligen Sowjetrepubliken, missverständlicher Smalltalk im Taxi … die Liste der Geschichten ließe sich unendlich fortsetzen.

Die titelgebende und so viele Assoziationen hervorrufende Story ist derart überraschend, dass man selbst sofort die eigenen Urlaubserlebnisse niederschreiben möchte. Denn das, was Georges Hausemer in den vergangenen Jahren passiert ist, kann jedem passieren. Nur halt nicht so oft und schon gar nicht in so vielen Ländern. Und schon gar nicht kann jeder diese Erlebnisse so pointiert niederschreiben.

Reisen bildet – und es schafft Platz im Hirn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der Alltag als Besonderheit ist der Boden auf dem die Reisegeschichten des Autors wachsen. Man muss nur hinschauen. Wachen Auges schreitet Georges Hausemer durch die entlegensten Flecke der Erde. Fast scheint es so, als ob er der Typ ist, den man am Abend an der Bar, auf der Terrasse, im Restaurant irgendwo auf der Welt gesehen hat, wie er mit Stift und Papier bewaffnet seine Eindrücke festhielt. Nicht immer streng nach den Regeln wie er selbst in einer Geschichte einräumt. Denn das A und O der Aufzeichnungen sind Daten und Fakten. Manchmal ist das Erlebte so spannend, so neu, so faszinierend, dass man darüber hinaus diese vergisst. Den Ausführungen tut das keinen Abbruch. Die verlorenen Fakten machen die Texte mystischer und den Autor nahbarer.

Die mehrere Dutzend Geschichten vermitteln einen beeindruckenden Überblick über die Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Welt. Geht in Deutschland ein Taxi kaputt, geht gleich die Welt unter. In Armenien oder Georgien nimmt man es hin. Man weiß, dass es etwas länger dauern kann. Die Definition von „etwas länger“ ist im Kaukasus auch eine gaaaaanz andere als bei uns. Aus dem kleinen Luxemburg in die Welt hinausgeschleudert, auf einem Blatt Papier um die Welt reisend, mit spitzer Feder vom Erdball die letzten Geheimnisse kratzend. Georges Hausemer ist der Reiseleiter, den sich jeder wünscht. Und sei es nur in Buchform.

Mögen deine Augen leuchten

Mögen Deine Augen leuchten

Es gab eine Zeit, da musste man selbst auf der weltgrößten Reisemesse ITB in Berlin ziemlich gründlich suchen, um auch nur eine sehr kleinen Prospekt mit Informationen über Iran zu bekommen. Man reiste einfach nicht in den Iran. Warum? Krieg, Sanktionen, Drohgebärden. Doch seit einigen Jahren steigt die Anzahl der Aussteller stetig und vor allem gewaltig an. Teheran, Isfahan, Yazd, Persepolis, Shiraz sind die am meisten angepriesenen Reiseziele in dem Land, das so eine reichhaltige Geschichte hat. Bita Schafi-Neya ist im Iran geboren, lebt in Deutschland und verbringt ihre Urlaube regelmäßig in ihrer zweiten Heimat.

Und nun berichtet sie – nach der Lektüre sagt man „endlich“ – über Iran. Doch ihr Buch ist mehr als nur ein Reisebericht mit exklusiven Eindrücken. Sie will und kann die Zusammenhänge der Geschichte, die Verbindungen in die Gegenwart nicht außer Acht lassen. Und so wird jedem Kapitel, jedem Ausflug, jeder neuen Geschichte eine Lektion in älterer und jüngerer Geschichte beigefügt. Als Leser fühlt man sich nicht gleich wie in Tausendundeiner Nacht, vielmehr in einem Land, von dem man einfach nicht viel weiß.

Iran ist ein fortschrittliches Land. Frauenquote? In Deutschland ein heiß umkämpftes Thema, bei dem sich die großen (fortschrittlichen) Konzerne immer noch schwertun. Im Iran Alltag. Allerdings muss man auch zugeben, dass es immer noch sehr schwierig ist überhaupt eine Anstellung zu bekommen. Iran ist auch ein Land der Gegensätze.

Allein schon wegen der blumigen Umschreibungen der Eindrücke lohnt sich dieses Buch zu lesen. Riesige Basare mit klaren Strukturen – eine Gasse pro Handwerk – locken mit ihren Handwerkern und Produkten. Wie in einem fernen Land wandelt Bita Schafi-Neya durch ein Land, das sie besser kennt als die meisten ihrer Kollegen, Freunde und Nachbarn, und das sie immer noch überraschen kann.

Als Leser ist man auf der Sonnenseite des Reiselebens. Eine Reiseleiterin, die ihr Spielfeld kennt. Eine Autorin, deren Schreibstil gefällt. Ein spannungsgeladenes Land, das mit Gastfreundlichkeit und unermesslichem Reichtum auf neue friedliche Eroberer wartet. Was will man mehr? Leuchtende Augen!

Die Fremde im Spiegel

Die Fremde im Spiegel

Es ist dunkel in dem großen Haus. In dem Haus, in dem Hanan wohnt, zusammen mit ihrem Mann und der Dienerin Alia. Dunkel wie die Nacht nur sein kann. Ein Lichtstrahl durchschneidet das Nachtschwarz scharf wie ein Schwerthieb. Leises Wispern. Ohne das Licht kaum wahrnehmbar. Hanan folgt dem Licht. Die offene Tür zum Gemach ihres Gatten steht offen. Nur ein ganz klein wenig, doch genug um den Korridor ausreichend zu erhellen. Da liegt, erschöpft, mit einem Gesicht, das sie so noch nie gesehen hat. Aber sie hat eh nie auf sein Gesicht geachtet, wenn sie sich vereinigten. Um ihn geschlungen liegt Alia. Glücklich sieht anders aus. Doch sie ist da. Das reicht.

Das reicht! Hanan schmeißt Alia aus dem Haus. Schickt sie fort. Ihn den namenlosen, treulosen Gatten straft sie mit Nichtachtung – ihm ist es gleich.. Er wird es überleben. Alia aber? Darum sorgt sich Hanan, doch noch wiegt der Verrat schwerer. Im Spiegel trifft sie eine Frau, die ihr gar nicht ähnlich sieht. Eine Frau, die ihr so fremd ist wie die gerade erlebte Situation. Alia, die schöne Dienerin, die mit ihrer Herrin mehr verbindet als nur das bloße Angestelltenverhältnis.

Das große Haus scheint auf einmal noch größer, kälter, unnahbarer, fremd. Und immer wieder die Frau im Spiegel. Und es bietet Raum zur Erinnerung. Hanan erinnert sich zurück an den Tag als Alia ihr angeboten wurde. Das kleine Mädchen, das völlig regungslos an der Hand des „Barbarenvaters“ wie sie ihn nannte für ein Bündel Geld Hanan und ihrem Mann angeboten wurde. Alia war froh endlich dem elterlichen Heim zu entkommen. Hier gab es weder Kindheit noch Freude. Gewalt und Tyrannei bestimmten ihr bisheriges Leben. Ihre Schwester verstarb noch bevor Alia geboren wurde. Der Vater war schuld. Und Alia bekam bei ihrer Geburt den Name der Schwester. Eine schwere Bürde.

Hanan ist in Gedanken versunken und stellt fest, dass Alia und sie selbst etliche Parallelen aufweisen. Auch Hanan war froh dem Martyrium des Elternhauses entfliehen zu können. Ihre Heirat war Mittel zum Zweck. Wie in so vielen syrischen Familien. Und Alia war ihr immer eine treue Gefährtin. Oder doch nicht? War Alia nicht still und heimlich zur Herrscherin über Haus und Hof geworden? Hanan befreit sich nach und nach aus ihrem Kokon, den sie als ihr Leben angesehen hat…

Samar Yazbek reflektiert in „Die Fremde im Spiegel“ das Leben in Syrien vor dem unendlich scheinenden Krieg. Das Schicksal von Hanan und Alia steht exemplarisch für die Traditionen in einem Land, das die meisten seit Jahrzehnten nur als Kriegsschauplatz wahrnehmen. Alia kam als Dienerin in den Haushalt der Familie, die zur Elite des Landes gehört. Hanan stieg durch die Heirat mit dem alten Krokodil, wie sie ihren Mann nur noch abschätzig nennt, in die Oberschicht auf. Die gibt sich in ihrer Langeweile nur mit sich selbst in verrückten Spielchen ab. Das ist kein Leben für Hanan. Und so macht sie sich auf die Suche nach Alia, einem Leben, einer Zukunft.

Stern von Algier

Stern von Algier

Die Zukunft sieht nicht rosig aus, die Gegenwart ist trist. Doch Moussa lässt sich nicht beirren. Er wird der neue Michael Jackson. In einem Land wie Algerien, irgendwann in den 90er Jahren, ein schönes Ziel. Eine Notwendigkeit. Denn ohne Ziel ist man in diesem Land verlassen.

Kablyischer Chanson nennt sich die Musikrichtung, benannt nach der Gegend, aus der er kommt. An der Wand das große Idol, in der Tasche der Walkman. Sind die Batterien leer, verzichtet Moussa auf vieles. Hauptsache das teil dudelt. Auf dem Schwarzmarkt kosten Batterien oft das Zehnfache des normalen Preises. Aber es gibt dort welche. Musik ist sein Leben, sein Traum.

Und es scheint auch wirklich voranzugehen. Er hat Auftritte, bekommt Zeit in einem Aufnahmestudio, Plakate für Konzerte werden gedruckt. Aber es gibt auch die Schattenseiten. Seine Freundin verlässt ihn, seine Freunde sind ihm fremd geworden. Alles ist ihm fremd. Islamisten stehen an allen Ecken. Das Land steckt in einer Krise. Korruption und Machtverlust bestimmen die Gazetten.

Der große Traum rückt immer weiter in den Hintergrund – Moussa wird immer unzufriedener. Die Aufnahmen geraten nicht so wie er dachte. Als sein Lied im Radio gespielt wird – gebannt hockt er sich vor den Empfänger – erkennt er sein eigenes Lied nicht wieder. Völlig entstellt! Er stellt die Verantwortlichen zu Rede, sie ihn im Regen stehen. Die Wut kocht in ihm hoch. Bis… , ja bis es eskaliert!

Aziz Chouaki schreibt in „Stern von Algier“ von einem Mann, der sein Leben selbst in die Hand genommen hat. Doch auf dem nach oben, in ein besseres, hoffnungsvolles Leben, muss er steinige Treppen überwinden. Immer wieder stolpert er von einem Reinfall in den nächsten. Der trostlose Alltag ist noch zu stemmen. Genug Übung hat Moussa schließlich. Doch, wenn es um seine Träume geht, entwickelt er ungeahnte Kräfte. Leider nicht immer zu seinem Besten. Gitarren statt Knarren könnte der Untertitel sein. Ein frommer Wunsch, der dem Schicksal des jungen Musikers als Leitbild dient, und schlussendlich nicht als Enttäuschung für ihn parat hält.

Der letzte Tag des Präsidenten

Der letzte Tag des Präsidenten

Acht Jahre sind Alwan und Randa nun schon verlobt, ein Paar sind sie schon länger. Sandkastenliebe. Doch den letzten Schritt haben sie noch nicht getan. Nicht aus Scham oder Angst. Es fehlen ihnen einfach die Mittel ihrer Liebe den entscheidenden Schups in Richtung Unendlichkeit zu geben.

Die Zeiten sind hart in Ägypten. Anwar as-Sadat hält das Land im Griff, seine Günstlinge es am Tropf. Das Volk kommt kaum über die Runden. An Feste kaum zu denken. Für die beiden kommt eine Hochzeit mit Abstrichen nicht in Frage. Ihre Liebe steht über allem. Doch übersteht sie nicht die Zeit.

Sie beschließen sich zu trennen. Randa soll einen Mann finden, der ihr das bieten kann, was Alwan nicht im Stande ist zu leisten. Und Alwan ebenso. Schweren Herzens, doch mit dem Gefühl etwas Gutes für den Anderen zu tun, setzen sie ihren Plan in die Tat um.

In den Cafés plaudern die Menschen, hetzen gegen die Zeit, resignieren. Hoffnung, sagt man, ist das Letzte, was stirbt. Hoffnung hat hier schon keiner mehr. Ägypten ist ein totes Land. Die Menschen sind es ebenso. Abwechslung bringt nur die Parade zum Jahrestag. Die Armee stolziert geziert und steif an der hübsch aufgereihten Tribüne mit der Regierungsmannschaft vorbei. Staatsgäste machen teils gute Miene zum bösen Spiel. Der Präsident hat sich in Schale geschmissen. Das Volk schaut am Fernseher zu. Die, die sich keinen leisten können, hängen gebannt am Radio. Manche hören die Signale und verheißen rosige Zeiten. Ewig kann sich der Präsident seine Politik nicht mehr leisten. Vorahnung oder hoffnungsvolle Orakeln?

Dann, der große Knall. Erst akustisch, dann in den Köpfen der Menschen. Der Präsident ist tot, hatte seinen letzten Tag. Wenigstens in schicker Uniform. Hoffnung keimt sofort auf. Auch bei Alwan und Randa…

Literaturpreisträger Nagib Machfus setzt die Hoffnungen vieler seiner Landsleute an diesem Tag, in dieser Zeit ein literarisches Denkmal. Ägyptens starker Mann, der die Macht gnadenlos ausnutzte, sich mit Gleichgesinnten umgab und dem Volk oft mehr als sprichwörtlich die Klinge an den Hals setzte, starb bei einem Attentat. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Fernsehstationen aus aller Welt setzten an diesem 6. Oktober 1981 ihr Fernsehprogramm aus und strahlten die spärlichen Bilder nach dem Attentat aus.

Nagib Machfus war 1988 der erste arabische Schriftsteller, der den Literatur-Nobelpreis erhalten hat. Seine Erzählungen und Romane spielen allesamt in Ägypten, in Kairo, teils in den Straßen seiner Nachbarschaft. Auch er wurde bei einem Attentat religiöser Fanatiker schwer verletzt. 2006 starb er im hohen Alter von 94 Jahren in seinem geliebten Kairo.

Algier-Trilogie: Morituri – Doppelweiß – Herbst der Chimären

Morituri - Doppelweiß - Herbst der Chimären

Morituri

Kommissar Brahim Llob ist ein Schnüffler wie man ihn sich wünscht, wenn man Hilfe braucht. Er ist der ärgste Feind, wenn er einen am Beinkleid zerrt. Der Freund, auf den man immer zählen kann, mit dem man auch mal etwas derbere Scherze macht. Der Feind, den man nicht einschätzen kann, der aufmüpfig ist, die Meinung (manchmal auch die Faust) ungefiltert entgegen schleudert. Korruption überlässt er generös den Anderen.

Und nun soll ausgerechnet dieser Mann, dem Anbiedern ein Graus ist, dem großen Ghoul Malik, einer Ikone der Vetternwirtschaft Algiers und ganz Algeriens, zu Diensten sein? Dessen Tochter Sabrine ist seit Wochen verschwunden. Der Ruf als exzellente Spürnase eilt Llob voraus. Nun ja, es ist sein Job Leute wieder aufzuspüren. Doch bitte schön, auf seine Art.

Doch das ist nicht der einzige Fall, an dem er arbeitet. Ein Komiker, der erpresst wird, fällt genauso einem Anschlag zum Opfer wie einige andere Verdächtige. Ein Club, der sich als Bordell herausstellt. Eine mögliche Verbündete segnet das Zeitliche. Und mittendrin Brahim Llob.Die Mörder machen auch vor der Polizei nicht halt. Ein Teammitglied wird ermordet.

Die Mächtigen des Landes haben überall ihre Finger im Spiel. Sie berufen sich auf ihre Ruhmestaten während des Befreiungskrieges, geiseln aber ihre Heimat, um die sie einst kämpften (zumindest gaben sie es vor), wie es nie zuvor der Fall war. Dass er aufpassen muss, weiß Llob seit Jahren. Er ist der Bulle. Viele würden ihn lieber heute als morgen tot sehen. So ist jeder Tag ein Geschenk für ihn. Schmeicheleien perlen an ihm ab. Einflussnahme riecht er schon lange bevor sie sein Ohr erreicht. Sarkasmus lässt ihn die auferlegte Untätigkeit und die Korruption im Lande ertragen.

Kommissar Llob schlägt sich durchs Leben. Nicht mal mehr oder weniger gut, sondern immer wieder, tagein, tagaus. Er verzweifelt nicht an den oft so aussichtslosen Situationen. Er sucht sich dann eben ein Schlupfloch, durch das er entschwinden kann, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Dass er dazu auch manchmal über die Stränge schlägt, macht ihn sympathisch. Und letzten Endes findet er, was er sucht. Die Auflösung des Falles ist in „Morituri“ ein gelungenes Happy end für den Leser und Genugtuung für den schreibenden Kommissar.

 

 

Doppelweiß

Das Schreiben ist für Brahim Llob mehr als nur ein bloßer Zeitvertreib. Seine Bücher werden ja schließlich auch gelesen. Unter anderem von Ben Ouda. Der arbeitete sich einst vom armen Bauernjungen zum erfolgreichen Diplomaten hoch. Er war so erfolgreich, dass man ihm einst mit übler Nachrede das Leben mehr als schwer machte. Damals, da war Kommissar Llob noch nicht Kommissar. Irgendwo im Nirgendwo versah er seinen Dienst. Und er hielt große Stücke auf Ben Ouda. Denn der Intellektuelle schien die richtigen Ideen für die Entwicklung Algeriens parat zu halten. Doch dann trennten sich ihre Wege. Llob ging nach Algier, wurde Kommissar. Ouda stieg immer weiter auf und wurde … am auffälligsten … fett. Doch seine Ideen keimten immer noch. Die beiden treffen sich. Ouda kann sich beim besten Willen nicht an den jungen Llob erinnern und schon gar nicht an dessen Heldentaten. So philosophieren die beiden. Bis Ouda endlich mit der Sprache rausrückt und dem sich fragenden Llob den Grund ihres Zusammentreffens mitteilt. Er will mit Llobs Hilfe ein Buch schreiben, in er große gesellschaftliche Veränderungen vorstellen möchte. Auch hat er geheime Papiere. Llob will es sich überlegen.

Doch zu lange. Denn schon bald ist Ouda tot. Nachdem das Team um einen Ermittler dezimiert wurde, kommt eine echte Verstärkung zu Llob und seinem Leutnant Lino: Ewegh Seddig, ein Hüne, ein Schrank von einem Kerl. Und er weiß um seine (Schlag-)Wirkung… das Trio ermittelt und stößt relativ schnell auf den Namen Dahmane Faïd. Der hat es geschafft in all den Jahren nach der Befreiung Geld und Macht im Überfluss anzuhäufen. Der schienbare Sozialismus Algeriens kam ihm dabei anfangs entgegen, später musste er sich Verbündete suchen. Faïd gehört zu der Sorte Menschen, mit denen sich Llob besonders gern anlegt. Typen, die meinen alles und jeden kaufen zu können. Leider gibt ihnen die Realität oft genug recht. Doch Llob ist da anders.

Günstlingswirtschaft und Bereicherung am Reichtum des Volkes – stehen im Fokus von „Doppelweiß“. Das alles scheint so weit weg, in einem Land, das so gut wie gar nicht in den Medien auftaucht. Doch schon beim Lesen tauchen erste Parallelen zur Gegenwart auf. Machtgierige Geier, die sich allen Richtungswechseln zum Trotz mehr als lebensnotwendig über Wasser gehalten haben und immer und überall ihre Finger im Spiel haben. Ein perfider Plan zum Umsturz der Gesellschaft ohne Folgen für diejenigen, die daran so gar kein Interesse haben, bildet den Auftakt zu einer Mordserie, bei der es letztendlich keinen Gewinner gibt. Aber Einen, der das Rätsel löst.

 

Herbst der Chimären

Man hätte es ahnen können, vielleicht sogar müssen: Ein schreibender Kommissar, der die Missstände im Land anprangert – das kann nicht lange gutgehen. Und wird ihm, Brahim Llob, eines seiner Werke zum Verhängnis und der Gang zum obersten Chef zu seinem Letzten. Die Dienstmarke ist futsch. Aus und vorbei der ewige Kampf um Ordnung auf den Straßen Algiers. Vorbei der Kampf für die Gerechtigkeit. Haben die Oberen gesiegt? Die Schlacht vielleicht…

Beim Besuch seines Freundes Arezki Naït-Wali, einem Intellektuellen, wird es ihm klar: Die, die sich Gedanken machen, sind Fluch und Segen zugleich. Ein Segen für jedes Land und jede Gesellschaft, die sie analysieren und verbessern wollen. Fluch für diejenigen, die das zu verhindern wissen. Denn Veränderungen ohne deren Einflussnahme ist keine gute Veränderung. So einfach ist die Welt!

„Herbst der Chimären“ gerät zu einer Art Abrechnung und Abgesang auf die Hoffnung für ein friedliches und lebenswertes Algerien. Die religiösen Fanatiker sind zum Spielball von denen geworden, denen sie nützlich sind: Finanz-Mafia, -Haie, -Jongleure wie auch immer man sie nennen mag.

Wem es nicht schon zuvor aufgefallen war: Brahim Llob ist Yasmina Khadra und die / der ist Mohammed Moulessehoul. Als hoher Offizier in der algerischen Armee hatte er schon Bücher in seinem Heimatland veröffentlicht. Doch mit der Algier Trilogie konnte er unmöglich in Algerien unter seinem eigenen Namen in Erscheinung treten. Seine Frau (Llobs Ehefrau heißt Mina) stellte ihm ihren Namen zur Verfügung, um der Nachwelt ein Zeugnis über den Bürgerkrieg in Algerien in der 1990er Jahren hinterlassen zu können. Ihr und ihrem Mann ist es zu verdanken, dass man heute so detailliert über diesen Krieg, der mehr als einhunderttausend Opfer forderte, Bescheid weiß.

Memed IV – Der letzte Flug des Falken

Memed IV - Der letzte Flug des Falken

Memed ist müde. Müde vom Kampf, müde vom Versteckspiel, müde vom Leben. Jetzt will er sich im Land, wo Orangenduft die Luft erfüllt, die Zitronen den Tag erhellen, niederlassen. Hier unten im Tal ist er wieder Mensch. In den Bergen war er nur ein Aussetziger, ein Outlaw, ohne Würde. Da das karge Land, das nur wenig her gab für die Wenigen, die aus dem Wenigen ihr tristes Leben bestritten. Hier das fruchtbare Land, das ihm wie das Paradies erscheint. Hier unten im Tal kann er die Schönheit seines einstigen Exils, die Berge, in ihrer vollen Pracht genießen. Das Farbenspiel der Sonne, das sich in den Gipfeln der Berge in einen Regenbogen verwandelt. Memed der Rebell, der Kämpfer, der Held ist Geschichte.

Und in Geschichten. Immer wieder machen Fata Memeds die Runde, lassen den Helden und Kämpfer für das Gute noch einmal auferstehen. Aus dem furchtlosen Memed wird Memed die Legende. Er genießt die Ruhe, den Frieden. Auch wenn um ihn herum noch vereinzelt gekämpft wird, ist Memed, der Falke nur noch Beobachter. Memed blickt zurück auf sein Leben, auf Freunde und Weggefährten, auf Verräter und gnadenlose Häscher. Viel hat er erlebt. Nicht eine Sache bereut er, möchte er missen.

Bis eines Tages sein der Lehrer Zeki Nejad ermordet wird. Der war der Einzige, der gegen die Landherren noch aufbegehrte. Er wetterte gegen die Schergen und gegen die blinden Fanatiker, die die Belohnung für den Kopf Memed einstreichen wollten. Memed sieht sich gezwungen och einmal in die Schlacht zu ziehen. Einmal Kämpfer, immer Kämpfer. Auf viel Hilfe kann er nicht vertrauen – es ist wie immer. Doch allein kann auch der Mythos Memed, der Falke nicht siegreich…

Yaşar Kemal zieht mit „Der letzte Flug des Falken“ einen wortgewaltigen Schlussstrich unter seinen Memed-Zyklus. Über ein halbes Jahrhundert schrieb er an den vier Teilen des türkischen Helden. Als Journalist bereiste er sein Land, die Türkei, um Geschichten aus den Dörfern zu sammeln. Sie alle sind in seine Romane auf die eine oder andere Art eingeflossen. Dem Auflehnen der einfachen Bauern gegen die Willkür der Landbesitzer gab er in seinen Romanen eine unvergessliche Stimme. Yaşar Kemals Verdienst ist es, dass er in der Sprache seiner Leser schrieb. Das gab es bis dahin nicht. Yaşar Kemal starb Anfang 2015, bei seiner Beerdigung säumten tausende Leser, Freunde, Fans den Weg.

Memed II – Die Disteln brennen

Memed II - Die Disteln brennen

Yaşar Kemal durchstreifte während seiner journalistischen Karriere die Weiten seiner Heimat mit offenen Augen und Ohren. Was er da zu sehen und zu hören bekam, wurde im „Memed-Zyklus“ zum Volksgut. In einer Türkei, die die meisten als All-inclusive-Paradies verehren, einer Türkei, die für Andere aus der pulsierenden Metropole Istanbul besteht. Yaşar Kemals Memedi ist der störrische Rebell, der der Landbevölkerung zu neuer Hoffnung verhilft.

Ali Safa Bey gerät in Erregung, wenn er seinen Fuß in „seine“ Avaranza-Ebene stampft. Das ist sein Land. Nur er sieht den Reichtum darin. En bisschen wehmütig denkt er an die Zeit zurück, als er hier schalten und walten konnte wie er wollte. Ein paar Lira hier, eine Kuh da – und schon war das Land in seinem Besitz, die Bauern umgesiedelt. Und er war wieder um ein paar Morgen Land reicher. Reich sein, welch schönes Privileg.

In dieser Gegend wächst nicht viel. Der Stechdorn bedeckt das Land und überzieht es mit seinem undurchdringlichen Dickicht aus messerscharfen, eisenharten Stacheln, in dem Hasen und Dachse Unterschlupf finden. Wer sich darin verfängt, zahlt seinen Blutzoll.

Mitten in der Nacht taucht ein Fremder auf. Hoch zu Ross, ermattet von der letzten Schlacht. Soldaten hatten ihn umzingelt. Wollten ihm den Garaus machen. Mit letzter Kraft konnte er im Schutz der Dunkelheit seinen Häschern entwischen. Nun will er nach Vayvay – er kennt das Dorf, will zu Osman dem Mächtigen. Zaghaft klopft er an dessen Tür. Nach und nach lüftet sich das Geheimnis des Fremden. Osman er kennt ihn: Ince Memed, der Falke. Der mutige Kämpfer, der Ali Safa Bey die Stirn bot. Und ihm sie wieder bieten wird. Doch die Stirn bieten bedeutet Kampf. Und Kampf bedeutet Verlust. Verlust der Ruhe vor Ali Safa Bey, Verlust von Freunden. Und dieser Kampf kann nicht allein geführt werden.

Yaşar Kemal lässt im zweiten Teil seinen Helden und Rebellen Memed noch einmal auferstehen. Er ist Heilsbringer und Gefahr zugleich. Eine Gefahr für Vayvays Bewohner und Ali Safa Bey. Heilsbringer nur bedingt für die Dorfbewohner.

Worte wie Flügelschläge von Engeln schweben über die Seiten und verzaubern den Leser, entführen ihn in eine andere Welt. Es ist fast wie im Märchen. Doch wird das Gute diesmal siegen?