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Sarab

Das hätte sich Raphael nie träumen lassen. Ein einziger Tritt ins Zentrum des Lebens und zum ersten Mal spürt er die Marter des Krieges. Hochdekoriert, nie verwundet, keine Waffe der Welt hinterließ je auch nur einen Kratzer. Und nun? Ein Tritt und sein Mut färbt sich dunkelblau.

Es ist zwei Jahre nach dem deutschen Herbst. Und noch ein Vierteljahrhundert bis zum arabischen Frühling. November 1979. Die Große Moschee in Mekka wird Tatort einer bis heute nachhallenden Katastrophe. Terroristen besetzen das Heiligste aller Heiligtümer des Islam, nehmen Hunderte von Geiseln. Das saudische Herrscherhaus holt sich Hilfe aus Frankreich. Eine militärische Aktion beginnt, an deren Ende eine viel zu hohe Zahl von Toten und Verletzten steht.

Inmitten der Trümmer, des Blut- und Fäkaliengestankes sucht Raphael sein Heil in der Flucht. Doch sein Verfolger ist schneller, fesselt ihn und gibt ihm den wachrüttelnden Tritt. Um sie herum zischt, brennt es, stinkt es. Das Wasser steht unter Strom. Gasgeruch liegt in der Luft. Es sollen überraschende Stunden werden. Für Raphael auf alle Fälle.

Da auch Terroristen irgendwann mal schlafen müssen, nutzt Raphael die Gunst der Stunde, um sich von seinen Fesseln zu befreien. Und seinen Bewacher zu überrumpeln. Der schaut ziemlich verdutzt. Doch auch Raphael geht die Kinnlade ziemlich weit runter. Denn Saifallah – den Namen kennt Raphael vom Ausweis, der er ihm abgenommen hat – ist dessen Schwester Sarab. Eine Frau ihn übertölpelt, als Gesteinsbrocken in den unterirdischen Gängen der Moschee auf ihn niederprasselten.

Beide sind in einer vertrackten Situation. Beide konnten ihren Auftrag nicht pflichtgemäß zu Ende führen. Beide müssen ihn aber zu Ende führen.

Kurze Zeit später quittiert Raphael seinen Dienst. Das Töten als bezahlter Soldat einer französischen Eliteeinheit widert ihn an. Der Sinn seines Lebens ist nicht nur ins Wanken gekommen, er ist gestürzt. Doch an seiner Seite weiß er Sarab. Die eigentliche Aufarbeitung ihrer beider Leben beginnt erst jetzt…

Raja Alem gibt dem, was von Experten der Beginn des islamistischen Terrors genannt wird, eine Handlung, die dem Leser den Atem verschlägt. Der Kampf für … ja wofür eigentlich? … rückt in den Hintergrund, wenn es darum geht die eigene Haut zu retten und irgendwann einmal ein Leben führen zu können, dass frei von Angst, Hass und Gewalt ist. Kein leichter Weg dorthin. Mit nicht enden wollender Hingabe bereitet sie Sarab und Raphael einen steinigen Weg, den sie selbst verlegt haben und nun beschreiten müssen. Die Vielschichtigkeit ihrer Beziehung sorgt für Erstaunen. So unterschiedlich ihr bisheriges Leben war, so viele Gemeinsamkeiten weisen die beiden Leben immer wieder auf. Zweifel? Ja! Aufgeben? Niemals! So schillernd wie der Einband – übrigens ein Teilausschnitt aus einer Installation von Shadia Alem, der großen Schwester Raja Alems, das zu Biennale in Venedig 2011 ausgestellt wurde – so farbenfroh schildert sie das Leben nach dem grässlichen Terrorakt im November 1979. Die Intensität, mit der das Buch beginnt, lässt erst mit dem letzten Zeichen auf der letzten Seite nach.

Das verlorene Kopftuch

Bei vielen Reiseberichten über und aus dem Iran bekommt man immer wieder das Gefühl als ob ein Redaktionspraktikant oder Volontär sich auf die Suche nach dem Außergewöhnlichen machen musste. Der Iran ist zweigeteilt. Zum Einen der Iran aus den Nachrichten mit brennenden Stars and Stripes und lautstarkem Wehklagen. Zum Anderen der Iran, in dem Menschen ihre Kultur offen ausleben. Zwiespältig. Verschleiernd. Widersprüchlich.

Nadine Pungs weiß auch nicht genau, was sie erwarten wird, was sie erwarten soll, als sie auf dem Flughafen von Teheran landet. Das Schlimmste bringt sie allerdings gleich hinter sich. Auf der Taxifahrt versucht der Fahrer sie mit deutschem Pop von Modern Talking herzlich zu begrüßen. Folter auf höchstem Niveau. Doch nichts anderes als eine Geste der Gastfreundschaft, die mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist. Auch, dass sie – durch Beziehungen – absolut kostenfrei und so lange sie möchte eine Privatunterkunft in der Millionenmetropole gefunden hat, lässt sie am Nachrichtenbild des Irans zweifeln.

Nadine Pungs hat sich akribisch vorbereitet. Sie hat Unmengen an Büchern gelesen. Stundenlang Fernsehbeiträge geschaut. Sie weiß viel über den Iran. Doch als es an der Tür klingelt, ihre „Vermieter“ haben sich angekündigt, weiß sie nicht, ob sie nun ein Kopftuch tragen soll oder nicht. Schließlich sind sie sich alle fremd. Muss sie nicht, wird sie beruhigt. Und schon das nächste Fettnäpfchen. Es wird sich bei der Begrüßung dreimal auf die Wange geküsst.

Kaum zehn Prozent des Buches gelesen und schon weiß man mehr über den Iran als man vorher auch nur zu wissen glaubte. Punktlandung.

Vier Wochen wird sie dieses Land bereisen. Ein Land, in dem strenge Sittenwächter bestimmt darauf hinweisen, dass das Kopftuch eine Locke hervorblitzen lässt, aber Haschisch so alltäglich ist wie andernorts auf der Welt das Feierabendbier. Ein Land, das vor ehrlicher Gastfreundlichkeit strotzt, die Ehe auf Zeit genauso erlaubt wie chirurgische Nasenkorrekturen.

Nadine Pungs ist nicht die Volontärin, die dem Chefredakteur die ungewöhnlichsten Geschichten auf den Tisch wirft. Der Iran hat ihr Herz wahrlich berührt, und das nicht nur, um einen schmissige Unterzeile für ihren Titel zu erhalten. Alltag und Wahnsinn gehen im Iran genauso Hand in Hand wie anderswo. Doch hier – fernab von permanenter Leuchtreklame der so genannten Global Player, westlicher Sittendekadenz – fällt es eher auf. Auch im Iran ist das Leben normal. Nur eben anders. Doch die Ausschläge nach oben in der Fremdlichkeitsskala sind extremer. Die Freundlichkeit in Gastfreundlichkeit wiegt hier mehr als der Gast.

Vorsicht muss hier immer walten lassen. Doch man gewöhnt sich daran zu allem und jedem seine Meinung laut kundzutun. So wie man es generell im Ausland halten sollte. So was nennt man kulturelle Unterschiede. Nadine Pungs gelingt es mit federleichter Vehemenz ihr Erstaunen in nuancierte Worte zu fassen. Die umwerfenden Paläste sind sichtbare Zeichen einer bemerkenswerten Kultur. Nadine Pungs bringt diese Hinterlassenschaften in Einklang mit den Menschen, deren Vorfahren diese errichtet haben. Darin liegt die Besonderheit dieses Buches.

Tatort Algerien

Das Rad zurückdrehen, um das Heute verstehen zu können. So geht es einem, wenn man dieses Buch liest. „Tatort: Algerien“ – ein martialischer Titel. Doch es ist nicht der Titel, der martialisch ist, sondern die Fakten in ihm.

1998 war vom so genannten arabischen Frühling noch keine Rede. Algerien stöhnte unter der Knute des Terrors. Ein unsicheres Land. Für Touristen fast unbereisbar. Ein starres System, das seine Macht mit allen Mitteln verteidigte. Freie Wahlen gab es maximal auf dem Papier. Abgebrochene Wahlen waren die Realität. Fundamentalistische Gruppen marodierten durchs Land und verbreiteten Angst und Schrecken. Die Intelligenz des Landes floh, wie so viele.

Wer es sich dennoch erlaubte Zeilen niederzuschreiben und gar zu veröffentlichen – egal, ob er im Ausland war oder die Heimat nicht verlassen konnte – dem drohte im Mindesten Ungemach, im Normalfall Repressionen, zu oft der Tod.

Jeder der Autoren, die Texte zu diesem Buch beisteuerten, konnte sich sicher sein seinen Namen in einer Art Hitliste des Grauens wiederzufinden. Todeslisten. Doch sie ließen sich nicht unterkriegen. Sie berichten von grausamer Folter. Ein Arzt, ein Intellektueller wurde direkt vom Krankenbett eines Kindes verschleppt. Zuerst nahm man ihm die Finger, dann weitere Gliedmaßen bis hin zur Verstümmelung. Sein Todeskampf dauerte einen Tag.

Es sind nicht die im Buch beschriebenen brutalen Methoden, die das Buch zu einem besonderen Buch machen. Es sind die Ohnmacht und der nicht enden wollende Wille zum Kampf und zu Veränderung des Landes und der Kämpfer, die mutig ihren Kopf und ihre Stimme erheben.

Wer Parallelen zur Gegenwart (nicht zwingend verortet im maghrebinischen Raum) erkennt, ist nicht verwirrt, sondern ein aufmerksamer Beobachter der Aktualität. Zwanzig Jahre existiert dieses Buch. Lehren wurden kaum geschlossen. Die alten Köpfe sind weg – neue Köpfe haben das sagen. Die Perfidität der Machterhaltung hat lediglich eine andere Form angenommen.

Aleppo literarisch

Das Erste, das im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Dann kommt der Wiederaufbau. Den muss man feiern. Und wie? Mit neuen Gebäuden, Einkaufszentren, neu errichteten, durchgestylten Vierteln. In einer Zeit, in der anscheinend Bilder mehr bewirken als Worte, verlieren so genannte immaterielle Werte schnell an Bedeutung. Sie sind halt einfach nicht greifbar, nicht darstellbar. Doch sind es genau diese Werte, die eine kulturelle Identität darstellen, kreieren, interpretieren und für kommende Generationen bewahrt werden müssen.

Der Krieg in Syrien ist mittlerweile zum Tagesgeschäft geworden. An allen Ecken und Enden zerrt man am plattgemachten Land. Millionen Syrer sind verstreut in alle Himmelsrichtungen. Ihre Erinnerungen schwinden mit jedem Tag ein bisschen mehr. Assimilation verlangt man von ihnen. Damit einher geht oft auch die Forderung Vergangenes zu vergessen.

Mamoun Fansa wurde in Aleppo geboren. Er spricht auch nach einem halben Jahrhundert immer noch den Dialekt seiner Heimatstadt, die auf syrisch Halep heißt. Im deutschen Exil ist er immer noch Halbi, Aleppiner. Leider bietet die deutsche Sprache ihm nicht die Möglichkeit zwei Heimaten zu besitzen. In Aleppo ist das egal. Hier gilt er als einer der Einheimischen. Ihn beschäftigt sehr, dass die Kultur seines Landes, seiner Geburtsstadt den Schreckensmeldungen der Nachrichten weichen muss. Mit diesem Buch setzt er diesem menschenverachtenden Treiben einen Gedankenstopp entgegen. Kinderspiele, Musiktraditionen, Gedichte und ein Rückblick in die Geschichte geben der Stadt, in der der Bürgerkrieg so arg wütet (es ist kaum mehr als das, was in den Nachrichten transportiert werden kann), ein Stück Wahrhaftigkeit zurück. Zusammen mit Schriftstellern, Musikern und Historikern setzt er einen Teil der kulturellen Identität der Stadt, die durch Giftgasangriffe, Bombardements und Elend zu einem Synonym des Krieges geworden ist, ein lebendiges Denkmal.

Das Aleppo der Erinnerungen wird niemals wieder so sein wie es mal war. Zumindest nicht auf Bildern. In den Köpfen kann es wieder erblühen. Bis es soweit ist, müssen diese Werte bewahrt werden – da ist es wieder das Wörtchen „wahr“. Es gibt ein paar Bildbände über Syrien und Aleppo. Auch Mamoun Fansa hat beim Nünnerich Asmus Verlag einen beeindruckenden Bildband („Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“) veröffentlicht. Seite an Seite, Seite für Seite zeigt er Aleppo vor und während des unsäglichen, und vor allem unnützen Krieg. „Aleppo literarisch“ ist nicht nur eine Fortsetzung, es ist die logische Konsequenz einer Stadt nicht die Erinnerung zu nehmen und den Kämpfern das Feld zu überlassen.

Noch ein Wort zur „nicht greifbaren Kultur“. So weit entfernt Aleppo von Deutschland zu sein scheint, so ähnlich sind sich doch die gebräuchlichen Sprichworte. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder „Lange Rede kurzer Sinn“ oder „Platz ist in der kleinsten Hütte“ sind hier wie da seit jeher gebräuchlich. Gehen sie hier im Wust der Abkürzungen und Neuschöpfungen des digitalen Zeitalters langsam, aber sicher verloren, werden sie im Bombenhagel immer noch hochgehalten. Das ist wahre Courage!

Marrakesch

Schon mal einem Besessenen gegenüber gesessen? Keine Angst, dieser hier beißt nicht. Er pflanzt nur eine Sehnsucht in Ihre Gedanken. Und das ist ausschließlich positiv gemeint. Jalid Sehouli, wobei das J in Jalid wie ein CH gesprochen wird – warum wird im Anhang so wunderbar erklärt – ist in Berlin geboren, hat durch seine Eltern die marokkanischen Wurzeln nie verleugnet.

Und jetzt lässt er sie sprießen. Marrakesch trägt die Sehnsucht irgendwie schon im Namen. Ein mystischer Ort? Nicht unbedingt. Ein sagenumwobener Ort? Schon eher, aber das trifft es auch nicht exakt. Ein bunter Ort? Oh ja! Und wie!

Djemaa el Fna ist der zentrale Platz in der roten Stadt, wie Marrakesch auch genannt wird. Der Platz der Gehängten, was nicht ganz korrekt übersetzt ist, denn eigentlich ist es der Ort der Rechtsprechung oder die Versammlung der Toten. Lässt man alle Vorurteile mal beiseite, kommt man der wahren Bedeutung schon auf die Spur. Oder man fährt selbst nach Marrakesch, was der einzige Ausweg ist, dieses Buch vollends zu verstehen.

Die zahlreichen Geschichten, die Jalid Sehouli, heute Ordinarius der Charité in Berlin, sind ein Füllhorn an Emotionen, Träumen und Sehnsüchten, die in ihrer Buntheit, Unterschiedlichkeit und Bandbreite so eindrucksvoll von der tausendjährigen Stadt erzählt werden. Ihnen entkommt man nicht!

Wie ein roter Faden – da ist es wieder das Rot Marrakeschs – zieht sich auch die Sehnsucht nach Pastilla. Dem Leibgericht des Autors. Wie man es zubereitet, das ist die Belohnung für seitenlanges Lesen und Gedulden. Denn am Ende des Buches lüftet er ein paar Zubereitungsgeheimnisse dieses Gerichtes. Viele waren selbst ihm zuvor noch nicht bekannt. Doch wie „im richtigen Leben“ beginnt eine Reise schon mit dem Gedanken an selbige.

Jalid Sehouli zu folgen ist eine wortgewaltige Freude. Jeder Absatz kündet von einem Abenteuer, das man gern mit dem Autor zusammen erleben möchte. Er ist kein Reiseführer, er ist ein ReiseVERführer. Man stelle sich vor, dass man wie zuvor schon beispielsweise Truman Capote, die rote Stadt besucht. Man atmet den Duft der Gewürze ein, stöhnt über die bis tief in die Abendstunden hinein wirkende Hitze, folgt den Staubwolken des Alltags und hat dieses Buch zur Hand. Eine Befriedung der schlechten Gedanken, eine Bestätigung dessen, was vor Reiseantritt alles getan wurde. Marrakesch ohne Jalid Sehoulis Buch, ist wie ein Schnitzel im Dschungel. Möglich, aber unvorstellbar.

Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.

Iran – Tausend und ein Widerspruch

Die Besucherzahlen steigen in erheblichem Maße. Vorurteile werden als solche demaskiert. Und in den Nachrichten wird der Iran immer noch als repressiv und aggressiv verteufelt. Nur ein Widerspruch. Lässt man Politik und religiösen Stillstand außer Acht, gehört der Iran jedoch zu den fortschrittlichsten Ländern. Und zu den reichsten. Nicht allein nur wegen des Öls, nein, wegen der unermesslichen kulturellen Hinterlassenschaften eines Jahrtausende alten Strebens nach Fortschritt.

Die Fotografen Samuel Zuder und Mina Esfandiari sowie der Journalist Stephan Orth haben den Iran besucht. Nicht einfach nur, um mal zu schauen, ob und wie schön es denn im Iran sei. Das wussten sie schon vorher. Ihnen ging es darum den Alltag einzufangen. Einen Alltag, der in unseren Augen voller Widersprüche steckt.

Zuallererst fallen die intensiven Bilder auf. Sie bestechen durch Motivwahl und die Wirkung. Grandiose Lichtermeere künden vom regen Leben in den Großstädten wie Teheran. Strukturierte Architektur sind Zeugnisse städteplanerischer Notwendigkeit. Diese Bilder sind jedermann zugänglich, der den Iran besucht.

Immer werden jedoch Bilder eingestreut, die man selbst auch wahrnehmen kann, deren Einordnung einer gewissen Vorbereitung (von nun an auch durch dieses Buch) bzw. Erklärungen bedürfen. Sechs Holztüren. Folklore kommt dem Betrachter da erst einmal in den Sinn. Doch neben dem Glanz, der Kunstfertigkeit, der Schlichtheit und der Funktionalität treten Geheimnisse zutage, die man so nie vermutet hat. Zwei Türklopfer pro Eingang. Beide reich verziert. Der Eine erzeugt einen tiefen, dumpfen Klang und der Andere ein helleren … Geschlechtertrennung auf iranisch.

Das Leben im Iran ist geprägt von Regularien, die sich in unseren Breiten fremd bis unterwerfend anhören. Dann liest man vom hohen Bildungsgrad der Menschen, auch bei Frauen. Dass sie, die Frauen, diesen nicht oft ausnutzen können, ist so widersprüchlich wie die Bilder in diesem Buch. Da stehen Beinprothesen an einem Strand und nur wenige Seiten später erstrahlt die Imam-Moschee in Isfahan in einem Farbenmeer, dass kein Kirchenfenster der christlichen Welt nachahmen könnte. Nasenkorrekturen sind im Iran so alltäglich die Märtyrerverehrung. So selbstverständlich Schleier getragen werden, die Revolutionswächter kommen sonst vorbei – im günstigsten Fall „nur mit einem bunten Staubwedel“ – so selbstverständlich ist es unbeobachtet Selfies ohne die Verschleierung online zu stellen.

Man mag den Kopf schütteln über die Ignoranz gegenüber den vermeintlich falschen Werten. Man mag es faszinierend finden wie ein so riesiges Volk immer noch scheinbar altertümlichen Riten brav folgt. Fakt ist, dass der Iran ein Land ist, dass wir trotz aller Reiseerleichterungen immer noch nicht ganz verstehen. Dieses Buch ist der richtige Schritt, um Vorurteile abzubauen und mit beeindruckenden Bildern die Augen für eine wahrhaft fremde Welt zu öffnen. Es kann nur im Falschen enden, wenn man Vergleiche mit sich selbst anstellt, um etwas schön, interessant oder bemerkenswert zu finden. Manchmal reicht es einfach nur sich zurückzulehnen und ein bisschen über den Tellerrand schauen zu können.

Mehr über Mina Esfandiari gibt’s hier.

Sandokan: Die Tiger von Mompracem

Ein Fernsehabend im letzten Quartal des vergangenen Jahrtausends: Frisch gebadet, voller Spannung sitzen tausende von Kindern vor der Glotze und singen lautstark mit: Sandoka-aa-aan. Ein markerschütterndes Geschrei, gefolgt von einem wilden Sprung von der Sofakante. Auf dem Bildschirm springt ein edler Prinz mit dein m Dolch in der Hand unter einem Tiger hindurch und schlitzt ihm den Bauch auf.

Das sind für Generationen die ersten Berührungen mit Sandokan, dem gefallenen Herrscher aus Malaysia, der auf der Insel Momparcem auf Rache sinnt. Als Pirat ist er gefürchtet, die kolonialen Briten würden viel darum geben ihn in die Finger zu bekommen. Hängen soll er, der Tiger von Malaysia.

Sandokan ist ein wütender Mensch. Ein Pirat. An seiner Seite steht treu sein Kamerad Yanez. Ein Draufgänger, der den Mut für sich gepachtet hat. Sandokan ist bestimmt in dem, was er tut. Eines Tages hört er von einer betörenden Schönheit. Einem Engel mit blauen Augen und goldenem Haar. Sie lebt auf Labuan.

Und genau da liegt das Problem. Die englischen Kolonialherren haben einst Sandokans Familie ermordet. Seitdem sinnt er auf Rache. Und auf Labuan könnte sein Traum Rache nehmen zu können endlich wahr werden. Doch die Engländer sind auf der Hut. Sie kennen den Mut von Sandokan. Und seine Gewitztheit. Einfach mal so an Land gehen, wird nicht möglich sein. Eine List muss her!

Doch die misslingt. Seine treuen Gefolgsleute werden im Schlachtengetümmel aufgerieben. Sandokan kann schwer verletzt entkommen. Rettung naht in Gestalt eines seiner ärgsten Feinde. Er nimmt und richtet den Piraten wieder auf, ohne dessen wahre Identität zu kennen. Ein Prinz in seinen Gemäuern behausen zu können, ist ihm Ehre genug. Doch dann erfährt der Wohltäter die ganze Geschichte. Sandokan ist nicht mehr sicher. Der hat sich in der Zwischenzeit in Marianna verliebt. Und sie sich in ihn. Sie, die Perle von Labuan, der goldene Engel mit den blauen Augen, ist dem mutigen Rächer verfallen. Es scheint keine rosige Zukunft für die beiden Liebenden zu geben. Es sei denn…

Emilio Salgari siedelt seine Abenteuergeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts in Malaysia an. Zu einer Zeit, in der Malaysia gerade von den Briten besetzt wurde und man in Europa dieses Land fast gar nicht kannte. Ein Hauch von Exotik umwehte den Landstrich, der so fern war wie kaum etwas Vergleichbares auf der Welt. Bis heute hat diese Geschichte nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Unzählige Generationen ergötzen sich bis heute an den Abenteuern des mutigen Piraten, der edlen Geschlechts war und gegen die Aggressoren mit unerbitterlicher Härte kämpfte.

Die Stadt der weißen Musiker

Dieses Land gibt es auf keiner Landkarte. Die Stadt existiert ebenso nur in der Phantasie des Autors und des Lesers. In dieser Stadt lebt ein Wunderkind. Dschaladat. Ein aufgeweckter kleiner Junge, der wie niemand sonst schafft einer Flöte Töne zu entlocken. Die Magie seines virtuosen Spiels verzaubert von nun alle, die ihn hören.

Doch an eine Karriere wie man sie nun vermuten könnte, ist nicht zu denken. Ishaki Lewzerin nimmt sich des Jungen an als der Krieg näher rückt. In den Bergen suchen und finden sie kurzzeitig Ruhe, um durchzuschnaufen. Doch die Stadt hat keine Ohren für die Poesie der sanften Klänge. Harte Einschläge aus der Ferne dringen an die Ohren der Städter, die längst kapituliert zu haben scheinen.

In dieser namenlosen Stadt regiert die Gewalt. Patrouillen schwadronieren durch die Straßen und Gassen. Jedes bewegliche Ziel wird zum Objekt der schießwütigen Einheiten. Wenn Dschaladat nun seine Kunst zeigen würde, wäre er dem Ende seines jungen Lebens näher als im bewusst ist. Das Einzige, was ihm blieb, was ihn auszeichnet, muss er wohl oder übel aufgeben, um überleben zu können.

Bachtyar Ali schreibt mit einer unfassbaren Poesie von dem Grauen eines menschenunwürdigen Lebens. Wenn man all seiner Phantasie und somit der Zukunft beraubt wird, bleibt nicht mehr viel wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Viele würden die Flinte ins Korn werfen und einem aufgezwungenen Lebensrhythmus folgen. So grau die Realität für Dschaladat ist, so bunt ist sein Herz. Und das strahlt in der Stadt der weißen Musiker wie kaum eine anderes.

Der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali lebt seit er seine nordirakische Heimat verlassen musste in Köln. Mit „Der letzte Granatapfel“ setzte er den Startpunkt für eine literarische Karriere, die mit „Die Stadt der weißen Musiker“ die logische Fortsetzung erfährt. Die Bildsprache Alis ist mit keinem seiner Kollegen zu vergleichen. Dem Leserfällt es fast schon schwer zu glauben, dass Menschen in verzweifelten Situationen tatsächlich noch so hoffnungsvoll sein können. Wenn alle Auswege verstellt sind, zündet Bachtyar Ali eine Kerze an, um seinen Helden den Weg zu weisen.

Von Istanbul nach Hakkari

Von Istanbul nach wohin? Hakkari? Wo ist das denn? Und schon zappelt man am Haken! Die Neugier ist geweckt. Man nimmt das Buch, blättert ein wenig darin herum und … ist hin und weg. Eine literarische Rundreise vom Bosporus im Nordwesten in den tiefen Südosten Anatoliens, dorthin, wo Touristen die goldenen Fünf-Sterne-Armaturen gegen das Abenteuer eintauschen.

Das besondere an diesem Buch ist die lange Reise, die nicht nach Autoren oder Themen gegliedert ist, sondern der Reiseroute folgt. Klar, Startpunkt ist im Schmelztiegel Istanbul, der seit Jahrhunderten, ach was Jahrtausenden nämlich genau das ist. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, vermischen ihre mitgebrachte Kultur mit der hier vorherrschenden und kreieren am laufenden Band den Fortschritt, den so viele fürchten.

Es wäre frevelhaft eine einzelne Geschichte hervorzuheben. Wie etwa die von Elvan, der nach dem Puffbesuch im Hamam seinen Schlüssel verliert. Ganz ehrlich, man müsste doch annehmen, dass der Schlüssel an einer anderen Stelle in der Stadt Bursa abhandenkommt, oder?! Und so streift man mit Yasar Kemal durch Istanbul, mit Tarik Dursun K. durch Izmir, erkundet mit Orhan Duru in Bodrum das Geheimnis einer riesigen Flasche und wandert mit Migirdic Margosyan das Heidenviertel von Diyarbakir.

Jede Geschichte ist ein Kleinod, das behutsam gelesen werden will. Alle Geschichten stammen aus einer Türkei, die – nach Atatürks Willen – sich dem Westen öffnet. Der Islam ist noch allgegenwärtig, aber keine Staatsreligion. Frauen sind bereits gleichberechtigt, die Schrift lateinischen Ursprungs. So wollte der große Reformer sein Land auf den nächsten Schritt vorbereiten und einschwören. Das ist ein knappes Jahrhundert her.

In dieser Zeit hat sich viel getan. Davon berichten die Autoren in diesem Buch. Mal launisch, mal euphorisch, mal heimatverbunden, mal melancholisch, doch immer mit der Liebe in der Schreibhand. So facettenreich der Ausgangspunkt der Reise, so bunt sind die Geschichten unterwegs. Ein Kaleidoskop der Vielfalt.