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Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.

Iran – Tausend und ein Widerspruch

Die Besucherzahlen steigen in erheblichem Maße. Vorurteile werden als solche demaskiert. Und in den Nachrichten wird der Iran immer noch als repressiv und aggressiv verteufelt. Nur ein Widerspruch. Lässt man Politik und religiösen Stillstand außer Acht, gehört der Iran jedoch zu den fortschrittlichsten Ländern. Und zu den reichsten. Nicht allein nur wegen des Öls, nein, wegen der unermesslichen kulturellen Hinterlassenschaften eines Jahrtausende alten Strebens nach Fortschritt.

Die Fotografen Samuel Zuder und Mina Esfandiari sowie der Journalist Stephan Orth haben den Iran besucht. Nicht einfach nur, um mal zu schauen, ob und wie schön es denn im Iran sei. Das wussten sie schon vorher. Ihnen ging es darum den Alltag einzufangen. Einen Alltag, der in unseren Augen voller Widersprüche steckt.

Zuallererst fallen die intensiven Bilder auf. Sie bestechen durch Motivwahl und die Wirkung. Grandiose Lichtermeere künden vom regen Leben in den Großstädten wie Teheran. Strukturierte Architektur sind Zeugnisse städteplanerischer Notwendigkeit. Diese Bilder sind jedermann zugänglich, der den Iran besucht.

Immer werden jedoch Bilder eingestreut, die man selbst auch wahrnehmen kann, deren Einordnung einer gewissen Vorbereitung (von nun an auch durch dieses Buch) bzw. Erklärungen bedürfen. Sechs Holztüren. Folklore kommt dem Betrachter da erst einmal in den Sinn. Doch neben dem Glanz, der Kunstfertigkeit, der Schlichtheit und der Funktionalität treten Geheimnisse zutage, die man so nie vermutet hat. Zwei Türklopfer pro Eingang. Beide reich verziert. Der Eine erzeugt einen tiefen, dumpfen Klang und der Andere ein helleren … Geschlechtertrennung auf iranisch.

Das Leben im Iran ist geprägt von Regularien, die sich in unseren Breiten fremd bis unterwerfend anhören. Dann liest man vom hohen Bildungsgrad der Menschen, auch bei Frauen. Dass sie, die Frauen, diesen nicht oft ausnutzen können, ist so widersprüchlich wie die Bilder in diesem Buch. Da stehen Beinprothesen an einem Strand und nur wenige Seiten später erstrahlt die Imam-Moschee in Isfahan in einem Farbenmeer, dass kein Kirchenfenster der christlichen Welt nachahmen könnte. Nasenkorrekturen sind im Iran so alltäglich die Märtyrerverehrung. So selbstverständlich Schleier getragen werden, die Revolutionswächter kommen sonst vorbei – im günstigsten Fall „nur mit einem bunten Staubwedel“ – so selbstverständlich ist es unbeobachtet Selfies ohne die Verschleierung online zu stellen.

Man mag den Kopf schütteln über die Ignoranz gegenüber den vermeintlich falschen Werten. Man mag es faszinierend finden wie ein so riesiges Volk immer noch scheinbar altertümlichen Riten brav folgt. Fakt ist, dass der Iran ein Land ist, dass wir trotz aller Reiseerleichterungen immer noch nicht ganz verstehen. Dieses Buch ist der richtige Schritt, um Vorurteile abzubauen und mit beeindruckenden Bildern die Augen für eine wahrhaft fremde Welt zu öffnen. Es kann nur im Falschen enden, wenn man Vergleiche mit sich selbst anstellt, um etwas schön, interessant oder bemerkenswert zu finden. Manchmal reicht es einfach nur sich zurückzulehnen und ein bisschen über den Tellerrand schauen zu können.

Mehr über Mina Esfandiari gibt’s hier.

Sandokan: Die Tiger von Mompracem

Ein Fernsehabend im letzten Quartal des vergangenen Jahrtausends: Frisch gebadet, voller Spannung sitzen tausende von Kindern vor der Glotze und singen lautstark mit: Sandoka-aa-aan. Ein markerschütterndes Geschrei, gefolgt von einem wilden Sprung von der Sofakante. Auf dem Bildschirm springt ein edler Prinz mit dein m Dolch in der Hand unter einem Tiger hindurch und schlitzt ihm den Bauch auf.

Das sind für Generationen die ersten Berührungen mit Sandokan, dem gefallenen Herrscher aus Malaysia, der auf der Insel Momparcem auf Rache sinnt. Als Pirat ist er gefürchtet, die kolonialen Briten würden viel darum geben ihn in die Finger zu bekommen. Hängen soll er, der Tiger von Malaysia.

Sandokan ist ein wütender Mensch. Ein Pirat. An seiner Seite steht treu sein Kamerad Yanez. Ein Draufgänger, der den Mut für sich gepachtet hat. Sandokan ist bestimmt in dem, was er tut. Eines Tages hört er von einer betörenden Schönheit. Einem Engel mit blauen Augen und goldenem Haar. Sie lebt auf Labuan.

Und genau da liegt das Problem. Die englischen Kolonialherren haben einst Sandokans Familie ermordet. Seitdem sinnt er auf Rache. Und auf Labuan könnte sein Traum Rache nehmen zu können endlich wahr werden. Doch die Engländer sind auf der Hut. Sie kennen den Mut von Sandokan. Und seine Gewitztheit. Einfach mal so an Land gehen, wird nicht möglich sein. Eine List muss her!

Doch die misslingt. Seine treuen Gefolgsleute werden im Schlachtengetümmel aufgerieben. Sandokan kann schwer verletzt entkommen. Rettung naht in Gestalt eines seiner ärgsten Feinde. Er nimmt und richtet den Piraten wieder auf, ohne dessen wahre Identität zu kennen. Ein Prinz in seinen Gemäuern behausen zu können, ist ihm Ehre genug. Doch dann erfährt der Wohltäter die ganze Geschichte. Sandokan ist nicht mehr sicher. Der hat sich in der Zwischenzeit in Marianna verliebt. Und sie sich in ihn. Sie, die Perle von Labuan, der goldene Engel mit den blauen Augen, ist dem mutigen Rächer verfallen. Es scheint keine rosige Zukunft für die beiden Liebenden zu geben. Es sei denn…

Emilio Salgari siedelt seine Abenteuergeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts in Malaysia an. Zu einer Zeit, in der Malaysia gerade von den Briten besetzt wurde und man in Europa dieses Land fast gar nicht kannte. Ein Hauch von Exotik umwehte den Landstrich, der so fern war wie kaum etwas Vergleichbares auf der Welt. Bis heute hat diese Geschichte nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Unzählige Generationen ergötzen sich bis heute an den Abenteuern des mutigen Piraten, der edlen Geschlechts war und gegen die Aggressoren mit unerbitterlicher Härte kämpfte.

Die Stadt der weißen Musiker

Dieses Land gibt es auf keiner Landkarte. Die Stadt existiert ebenso nur in der Phantasie des Autors und des Lesers. In dieser Stadt lebt ein Wunderkind. Dschaladat. Ein aufgeweckter kleiner Junge, der wie niemand sonst schafft einer Flöte Töne zu entlocken. Die Magie seines virtuosen Spiels verzaubert von nun alle, die ihn hören.

Doch an eine Karriere wie man sie nun vermuten könnte, ist nicht zu denken. Ishaki Lewzerin nimmt sich des Jungen an als der Krieg näher rückt. In den Bergen suchen und finden sie kurzzeitig Ruhe, um durchzuschnaufen. Doch die Stadt hat keine Ohren für die Poesie der sanften Klänge. Harte Einschläge aus der Ferne dringen an die Ohren der Städter, die längst kapituliert zu haben scheinen.

In dieser namenlosen Stadt regiert die Gewalt. Patrouillen schwadronieren durch die Straßen und Gassen. Jedes bewegliche Ziel wird zum Objekt der schießwütigen Einheiten. Wenn Dschaladat nun seine Kunst zeigen würde, wäre er dem Ende seines jungen Lebens näher als im bewusst ist. Das Einzige, was ihm blieb, was ihn auszeichnet, muss er wohl oder übel aufgeben, um überleben zu können.

Bachtyar Ali schreibt mit einer unfassbaren Poesie von dem Grauen eines menschenunwürdigen Lebens. Wenn man all seiner Phantasie und somit der Zukunft beraubt wird, bleibt nicht mehr viel wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Viele würden die Flinte ins Korn werfen und einem aufgezwungenen Lebensrhythmus folgen. So grau die Realität für Dschaladat ist, so bunt ist sein Herz. Und das strahlt in der Stadt der weißen Musiker wie kaum eine anderes.

Der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali lebt seit er seine nordirakische Heimat verlassen musste in Köln. Mit „Der letzte Granatapfel“ setzte er den Startpunkt für eine literarische Karriere, die mit „Die Stadt der weißen Musiker“ die logische Fortsetzung erfährt. Die Bildsprache Alis ist mit keinem seiner Kollegen zu vergleichen. Dem Leserfällt es fast schon schwer zu glauben, dass Menschen in verzweifelten Situationen tatsächlich noch so hoffnungsvoll sein können. Wenn alle Auswege verstellt sind, zündet Bachtyar Ali eine Kerze an, um seinen Helden den Weg zu weisen.

Von Istanbul nach Hakkari

Von Istanbul nach wohin? Hakkari? Wo ist das denn? Und schon zappelt man am Haken! Die Neugier ist geweckt. Man nimmt das Buch, blättert ein wenig darin herum und … ist hin und weg. Eine literarische Rundreise vom Bosporus im Nordwesten in den tiefen Südosten Anatoliens, dorthin, wo Touristen die goldenen Fünf-Sterne-Armaturen gegen das Abenteuer eintauschen.

Das besondere an diesem Buch ist die lange Reise, die nicht nach Autoren oder Themen gegliedert ist, sondern der Reiseroute folgt. Klar, Startpunkt ist im Schmelztiegel Istanbul, der seit Jahrhunderten, ach was Jahrtausenden nämlich genau das ist. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, vermischen ihre mitgebrachte Kultur mit der hier vorherrschenden und kreieren am laufenden Band den Fortschritt, den so viele fürchten.

Es wäre frevelhaft eine einzelne Geschichte hervorzuheben. Wie etwa die von Elvan, der nach dem Puffbesuch im Hamam seinen Schlüssel verliert. Ganz ehrlich, man müsste doch annehmen, dass der Schlüssel an einer anderen Stelle in der Stadt Bursa abhandenkommt, oder?! Und so streift man mit Yasar Kemal durch Istanbul, mit Tarik Dursun K. durch Izmir, erkundet mit Orhan Duru in Bodrum das Geheimnis einer riesigen Flasche und wandert mit Migirdic Margosyan das Heidenviertel von Diyarbakir.

Jede Geschichte ist ein Kleinod, das behutsam gelesen werden will. Alle Geschichten stammen aus einer Türkei, die – nach Atatürks Willen – sich dem Westen öffnet. Der Islam ist noch allgegenwärtig, aber keine Staatsreligion. Frauen sind bereits gleichberechtigt, die Schrift lateinischen Ursprungs. So wollte der große Reformer sein Land auf den nächsten Schritt vorbereiten und einschwören. Das ist ein knappes Jahrhundert her.

In dieser Zeit hat sich viel getan. Davon berichten die Autoren in diesem Buch. Mal launisch, mal euphorisch, mal heimatverbunden, mal melancholisch, doch immer mit der Liebe in der Schreibhand. So facettenreich der Ausgangspunkt der Reise, so bunt sind die Geschichten unterwegs. Ein Kaleidoskop der Vielfalt.

Jasmin

Dania ist Schriftstellerin in Algerien. Die Gewalt im Islam und die Rolle der Frau beschäftigen sie nicht nur in ihren Romanen, sondern auch im wahren Leben. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Und das obwohl die Dreiundzwanzig ihre Zahl ist. Um sie dreht sich alles. Sie ist an einem Dreiundzwanzigsten geboren. Die Quersumme ist die Fünf. Vier Schwestern sind sie und die Mama. Alle wie Gebete. Morgengebet, die beiden Mittagsgebete. Dania steht für das Gebet für den Sonnenuntergang, Maghreb, die Nachzüglerin Sonja für den Epilog des Tages. Melodisch, verträumt, sanft sind die Worte von Dania. Schroff hingegen der Vater, der der Poesie des Tages und der Frauen, Rohheit und Ablehnung entgegenspeit.

Isabelle ist französische Journalistin, die in Algier Dania bei einer Lesung kennenlernt. Isabelle ist frei nach den Maßstäben Danias. Doch auch sie ist gefangen im Korsett ihres Alltags. Zwischen den beiden beginnt eine spannende und wohlfruchtende Freundschaft, die sich in ihren Briefen und Mails zwischen den beiden ihren Weg bahnt.

Auch Isabelle hat eine besondere Beziehung zur Dreiundzwanzig. An einem Dreiundzwanzigsten hatte sie eine Eingebung Algerien zu besuchen. Wieder zu besuchen! Denn vor einem halben Jahrhundert, vor den großen Umwälzungen im mittlerweile größten Land Afrikas, verließen sie und ihre Familie Algerien. Seitdem lässt sie der Gedanke noch einmal Algier zu sehen nicht mehr los.

Nadia Sebkhi lässt Dania und Isabelle ihre Leben selbst reflektieren. Im Dialog aneinander brechen sie mit den Regeln des Schweigens. Sie finden den Mut und eine gewisse Art Erlösung in den Zeilen, die sich gegenseitig schreiben. Intellektuell und wortstark bestärken sie sich in ihren Gedanken.

Seit dreißig Jahren existiert der Verlag von Donata Kinzelbach. Dreißig Jahre, in den sie unermüdlich Literatur vorrangig aus dem Maghreb aufstöbert, übersetzt und auf Deutsch veröffentlicht. Diese Arbeit wurde 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt mit der Begründung, dass sie mit ihrer Arbeit die Tür zur Vermittlung zwischen Kulturen und Kulturkreisen aufgestoßen habe. In der Zwischenzeit sind über einhundert Titel im Kinzelbach-Verlag erschienen. „Jasmin“ ist sicherlich einer der herausragendsten Titel in dieser Reihe, aber noch lange nicht der letzte.

Die Stadt mit der roten Pelerine

Rio de Janeiro sollte es sein, als Özgür ihre türkische Heimat verließ. Das ist eine Zeit her. Und noch immer sorgt sich die Mutter daheim um die Tochter in der Ferne. In Istanbul fällt Schnee, während in Rio die Sonne erbarmungslos auf die Köpfe herniederbrennt. Irgendwo wird geschossen, wieder. Oder immer noch?! Özgür nimmt die hörbare Gefahr kaum noch wahr.

Die Favelas haben die Hügel der Stadt erobert. Drogenhandel, Mädchenhandel, Waffenhandel haben nicht dazu beigetragen Rio als Handelszentrum zu etablieren. Touristen werden allerorten und zu jederzeit auf die Gefahren der Stadt hingewiesen: Kein Schmuck, keine Wertgegenstände, Vorsicht AIDS. Der schönste Ort der Welt ist gelichzeitig einer der gefährlichsten. Und Özgür? Sie lebt hier, ja, Leben. Eines, das sie in ihrer Heimat nicht leben konnte.

Die Gestrandeten, die Geächteten, die Gepeinigten sind die nächsten Verwandten ihrer neuen Familie. Die Armut ist, was sie verbindet. Immer noch ist sie als Gringa, als Ausländerin zu erkennen. Und somit verstärkt den Begehrlichkeiten der zwielichtigen Gestalten ausgesetzt. Doch dieses Leben ist die Grundlage ihres Buches, das sie schreiben will. Ein Buch über eine Stadt, die sich in einem Umhang aus menschlichen Fasern hüllt. Ein Umhang, der modrig riecht wie das Leben. Ein Umhang, der Geborgenheit gibt, egal wie schäbig er aussieht. Ein Umhang – eine Pelerine.

Aslı Erdoğan bricht mit der Tradition, dass alles seine Ordnung haben muss. Ein sehr persönlicher Roman, der den Leser nicht in die türkische Heimat der Autorin führt, sondern ins paradiesische Rio de Janeiro. Paradies? Bei Weitem nicht. Wer hier im wahrsten Sinne des Wortes strandet, kommt nicht mehr von hier weg. Und Özgür (oder doch Aslı Erdoğan?) lässt die Stadt nicht mehr los. Die Gemeinsamkeiten Rios und Istanbuls werden nicht offen ausgesprochen, doch sie sind erkennbar. Riesenstädte, die aus allen Nähten platzen. Hoffnungsvolle Salbungen für alle Sinne. Orte, in die sich kein Tourist wagt. Beide Städte sind auf Gegensätzen errichtet. Das Eine kann nicht ohne das Andere. Und Özgür kann nicht ohne beides.

Das Werk von Aslı Erdoğan ist geprägt von fremden Kulturen und ihrem Verständnis für sie. Das brachte ihr mehr als einmal Ärger, aber 2010 auch den bedeutendsten Literaturpreis der Türkei. Seit August 2016 sitzt Aslı Erdoğan in türkischer Untersuchungshaft.

Seelenfrieden

So intensiv wurde Istanbul noch nie beschrieben! Mümtaz ist Istanbuler. Er ist es mit dem ganzen Herzen. Ein Mensch, den man gern um sich hat, weil er so warmherzig ist. Grüblerisch, sensibel, leidenschaftlich – wo wie Istanbul. Mümtaz ist Istanbul. Er leidet, wenn er leiden muss. Er lacht, wenn er lachen muss.

Und er lächelt als er Nuran trifft. Auch sie lächelt. Und für einen Sommer lang trägt jeder Tag, jede Minute, jeder Sonnenstrahl das Lächeln in sich, das Mümtaz und Nuran füreinander haben. Mümtaz schwärmt Nuran von Kristallen der Melodien vor, und sie auf ihn reflektieren. So blumig, so bildhaft, so farbenprächtig ist das Leben für ihn im Moment. Er ist erfahren genug zu wissen, dass es nicht immer so bleiben wird.

Wir sind in den 30er Jahren in Istanbul. Die Türkei hat sich in der jüngeren Vergangenheit rapide verändert und geöffnet. Mümtaz schwärmt von Wagner und Debussy gleichermaßen wie von einheimischen Musikern. Sanft greift er Nurans Hand und zeigt ihr Istanbul, die die große Stadt nur von Weitem kennt.

Nuran steht als geschiedene Frau immer noch bzw. wieder unter der Fuchtel ihrer Mutter. Frei sein ist anders. Doch Nuran sieht in Mümtaz mehr als nur einen Freund, er ist ihr Geliebter. Auch wenn sie es sich nicht von vornherein eingestehen will.

Die Leidenschaft, die Mümtaz und Nuran füreinander empfinden, ist der Nährboden für Suats Hass. Er will Nuran. Und er will nicht, dass es ein Mümtaz und Nuran gibt. Und er verbeißt sich in den Gedanken, die beiden Liebenden auseinander zu bringen.

Mümtaz, Nuran und Suat sind wie drei Säulen eines Lebens: Freude und Angst, Liebe und Hass, Vergangenheit und Zukunft. Wo Licht ist, ist auch Schatten. So hell die Liebe strahlt, so dunkel sind die Wolken der Verbitterung. Am anderen Ende des Mittelmeeres fallen schon die ersten faschistischen Bomben, während Istanbul aus dem Dunkel der Geschichte ins Hell der Moderne tritt. Kontinentaleuropa ist schon zerrissen – Istanbul und die Türkei versuchen gerade den Spalt zwischen Orient und Okzident zu kitten. Und mittendrin eine Liebesgeschichte, die exemplarisch wie keine andere für diese Zeit steht.

So kaltherzig, so grau, so unwirtlich die aktuelle in so manchen Augen erscheinen mag, so überbordend hoffnungsvoll, bunt und einladend ist Istanbul in den Worten von Ahmet Hamdi Tanpınar. Eine Liebeserklärung an Istanbul und das Leben, gleichzeitig die herzlichste Einladung an den Leser die gelesenen Zeilen hautnah zu erleben.

Der Spaziergänger von Aleppo

Es muss sich zynisch für Niroz Malek anhören, wenn ihm der Ratschlag gegeben wird, mal wieder einen Spaziergang zu unternehmen. Tief einzuatmen, die Lungen zu füllen, Kraft tanken. Niroz Malek wohnt in Aleppo. Niroz Malek LEBT in Aleppo, dem Sinnbild der blinden Zerstörungswut einen perfiden Regimes und seiner oft nicht minder perfiden Gegner. Und zwischendrin die, die einfach nur einen ganz normalen Alltag haben wollen. Und ungestört spazieren gehen wollen.

In Aleppo und in ganz Syrien gibt es mittlerweile eine halbe Generation Menschen, die das Wort Frieden nur vom Hörensagen kennt. Kaum ein Tag, an dem nicht eine Granate einschlägt, das Zischen einer Rakete die Luft durchschneidet oder ein herrischer Gewehrträger mit Nachdruck seine vermeintliche Macht zur Schau stellt. Die Balkons hängen wie Trauerweiden von den durchsiebten Wänden herab. Immer in Sichtweite: Checkpoints. Wer weiter will, ist auf die Launen der bewaffnete Hüter der Kontrollstellen angewiesen. Auf gut Deutsch: Man kann gar nicht so viel kotzen wie man es bei der Lektüre von „Der Spaziergänger von Aleppo“ möchte. Nicht, weil Niroz Malek schlecht schreibt. Nicht, weil er Teil der groß angelegten Lügenoffensive der gleichnamigen Presse ist. Nicht, weil er auf die Tränendrüse drückt. Nein, nein, nein. Sondern, weil Niroz Malek eindrucksvoll und ehrlich beschreibt, wie er trotz der täglichen, stündlichen, minütlichen Repressionen den Mut aufbringt durch sein Aleppo zu spazieren. Mit mehr als einer Träne im Knopfloch! Und einem mehr als flauen Gefühl in der Magengrube.

Und dennoch gibt es hier so etwas wie Alltag. Einen Alltag, den man sich in friedlichen Regionen nicht vorstellen kann, sich ihn nicht vorstellen möchte. Vor dem man aber die Augen nicht verschließen darf! Niroz Malek geht „wie wir auch“ zum Bankautomaten, um Geld abzuheben. Er bleibt stehen, wenn er etwas sieht, das ihn interessiert. Wir ernten vielleicht einen irritierten Blick, wenn wir unvermittelt stehenbleiben. Er wird sofort weggezogen, weil man an dieser Stelle nicht stehenbleiben darf. Es ist Krieg! Er sieht Frauen und Männer, die trotz all dem, was um sie herum passiert, nicht den Kopf in die Trümmer stecken, sondern sich eine Zukunft aufbauen. Wo auch immer diese stattfinden wird.

Jede dieser über fünfzig Geschichten, die weder in Aleppo noch in Syrien bisher veröffentlicht wurden, sondern bisher nur in Frankreich und Schweden – und nun endlich auch in Deutschland, birgt in sich einen Schatz, den es zu entdecken und zu bewahren gilt. Auch wenn es weltweit immer mehr Wirrköpfe gibt, die meinen, dass das Vergessen nun auch endlich mal zur Geltung kommen muss…

„Der Spaziergänger von Aleppo“ ist im Literaturfrühling 2017 das gedruckte Gewissen eines vergessenden Europas für den vergessenen Syrienkonflikt. Schon wieder so ein zynischer Begriff: Konflikt. Nein, für den Syrienkrieg! Niroz Malek LEBT immer noch in Aleppo, seiner Stadt. Einer Stadt, die auf ihren neu gewonnen Namen in der Weltpolitik gern zugunsten einer Friedensphase verzichtet hätte.

Die Alhambra

Die Alhambra

So was wird ja heutzutage überhaupt nicht mehr gebaut! Richtig! Und das ist auch gut so. Denn Exklusivität hebt das Ansehen. Die Alhambra hat dies allerdings nicht nötig. Eine Burganlage, die fast tausend Jahre auf den Mauern hat und seitdem immer wieder erweitert, verändert und verschönert wurde. Das, was wir heute als Alhambra millionenfach besuchen können, ist knapp achthundert Jahre alt. Der Zahn der Zeit nagt zwar an dem einen oder anderen Bereich, doch vom satten Teller-Bei-Seite-Schieben-Und-Zufrieden ist dieses UNESCO-Weltkulturerbe weit entfernt.

Schatten spendende Alleen, erhabene Säulengänge, wuchtige Türme, gigantische Höfe, filigrane Muster, ach die Liste der Sehenswürdigkeiten ließe sich endlos fortsetzen. Sie in Worte zu fassen, ihr gebührend Respekt zu erweisen, ist schwer.

Sabine Lata wählt einen einfachen und sehr beeindruckenden Weg die Alhambra greifbar zu machen. Auge und Mund sind ihre Werkzeuge. Sie fixiert einen Punkt im Raum, richtet ihre Kamera aus und, klick, ist der Moment als Foto festgehalten. Doch dabei belässt sie es nicht. Kenntnis- und detailreich schildert sie die Besonderheiten der Alhambra. Die, oft doppelseitigen, Bilder vermitteln eine unverhoffte Nähe. Man steht umgeben von grazilen Säulen, vor von Löwen umrankten Wasserbecken, unter im höchsten Maße kunstvoll gearbeiteten Bögen oder in verzauberten Gärten. Von draußen drängt kraftvoll das Sonnenlicht durch Fensteröffnungen, offene Dächer und durch geheimnisvolle Ornamente.

Die Nasriden hatten sich hier niedergelassen und wurden erst vor reichlich fünfhundert Jahren wieder vertrieben. Eine Trutzburg sollte hier entstehen. Ist es auch. Bei so viel Glanz und Gloria mag man als Besucher sich nicht die sicherlich oft blutigen Schlachten vorstellen. Denkt man sich die Touristenströme weg – auf den Bildern im Buch klappt das einwandfrei, es ist keine einzige weiße Tennissocke in Sandalen zu sehen – ist hier ein Ort der Ruhe. Und dieses Buch liefert den gedruckten Soundtrack zum Staunen. Wer noch nie die Alhambra besucht hat, könnte fast an seiner Urlaubsplanung zweifeln. Ist ja alles im Buch! Muss man nicht mehr sehen! Stimmt nur zur Hälfte. Denn das Buch liefert Unmengen an Eindrücken, erspart aber nicht die steigende Reisefieberkurve, vielmehr wird das Fernweh noch verstärkt.