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Frühstück mit der Drohne

Es ist doch verrückt, geradezu pervers: Im Fernsehen, bei einem Sender, der das Wort „Fun“ im Namen trägt wird „Counter strike live“ übertragen. Krieg spielen, live im Fernsehen. Im Regal der ungelesenen Bücher liegt „Frühstück mit der Drohne“ von Atef Abu Saif. Er berichtet darin vom Krieg (live) in seiner Heimat Gaza, im Lager Jabalia. Hier gibt es keine Stadt, hier gibt es Lager! Man lebt wie in einer Stadt, dennoch ist man in einem Lager. Mehr als hunderttausend Einwohner auf knapp anderthalb Quadratkilometer. Es ist der 6. Juli 2014. Ein Tag, an dem an vielen Orten der Erde ausgelassen Geburtstag gefeiert wird. Menschen werden geboren, Menschen sterben. Und in geselliger Runde riechen Atef Abu Saif und seine Freunde den Krieg. Sie konnten ihn schon immer riechen. Ihre Kinder werden es auch eines Tages können. Zwei Jahre Frieden ist das Höchste, was sie erleben durften. Immer wieder Bomben, Feuer, Rauchsäulen. Einen Tag später wird traurige Gewissheit, was ihre Nasen am Vortag vernahmen.

Atef Abu Saif führt ab diesem Tag Buch über die Geschehnisse. Bis zum 26. August 2014, dem Tag der Tage, wie er es hoffnungsvoll und erleichtert nennt – aber auch angstvoll, weil er weiß wie brüchig so ein Frieden sein kann.

Schon zwei Tage später haben die F16-Bomber ganze Arbeit geleistet. Familien, die ihre Mahlzeiten zubereiteten, wurden ausgelöscht. Im Fernsehen läuft das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien. Eine Parallele zwischen dem Elend in Gaza und dem Untergang der Seleção verbieten sich an dieser Stelle.

Die Straßen sind übersät mit den Überresten der Häuser. Glassplitter säume Flure, Betonreste zeichnen ein bizarres Muster auf den Asphalt. Das Leben geht weiter, muss weitergehen. Für die Kinder, die schon nach der Schule betteln. Für viele jedoch ist das Leben jäh beendet, wenn die Drohnen und die F16 ihre todbringende Fracht abwerfen. Wie Lottozahlen der perfidesten Lotterie der Welt beenden sie in Klammern das Leben der Menschen. Zehn, vierzig, fünfzehn, drei, siebzig. Das waren Menschenalter!

Ohne den Aggressoren vors Schienbein zu treten, ihnen die Anklagepunkte um die Ohren zu brüllen, ohne Frucht und Scheu beschreibt Atef Abu Saif das Leben in Gaza, das binnen Bruchteilen einer Sekunde zu Ende sein kann. Das Flirren der Drohnenmotoren ist Allerzeiten und allerorts zu vernehmen. Man nimmt es wahr, schiebt die permanente Gefahr gewissenhaft beiseite und weiß doch tief im Inneren, dass am anderen Ende der Leitung einer sitzt, der mit einer Fingerbewegung allem ein Ende setzen kann.

Der fatalistisch anmutende Titel „Frühstück mit der Drohne“ berichtet aus der Hölle eines jahrzehnteandauernden Krieges, der ganzen Generationen das Gefühl von Sicherheit mit Gewehrsalven und Bombardements entriss. Dem Autor gelingt es dem Leser in einfachen Szenen dem unvorstellbaren Leben mit der Angst (und der Drohne) eine ungefähre Vorstellung dessen zu geben. Dagegen sind die eingangs erwähnten Fernsehübertragungen ein Witz. Einer über den man nicht lachen kann.

Die letzte Meldung zum Autor stammt von Mitte März 2019: „Fatah Spokesman in Gaza Attacked by Masked Assailants Amid Protests“ – Atef Abu Saif wurde auf offener Straße von maskierten Angreifern krankenhausreif geschlagen. Das war live!

Eine Träne. Ein Lächeln

Das Wort Integration ist zu einem Feindbild geworden. Wohl aus deshalb, weil keiner so recht weiß, was dieses viersilbige Wort alles beinhaltet. Anpassen, mit dem Strom schwimmen, unauffällig sein. Das ist in den Augen der meisten die Definition von Integration. Das bedeutet aber auch die eigene Identität einzutauschen. Eigene Traditionen über Bord zu werfen. Die eigene Geschichte in einen Schleier des Vergessens hüllen. Luna Al-Mousli wuchs in Damaskus auf, einer der ältesten Städte der Welt. Wenn sie also von Traditionen spricht, sind manche älter als hierzulande ganze Landstriche bewohnt sind. Ihr Erstlingswerk „Eine Träne. Ein Lächeln“ ist die Essenz ihrer Erinnerungen. Keine ausschweifenden Anmerkungen, was das Leben ihr bot, was das Leben aus ihr machte. Viele kleine Anstupser, die sie nicht mehr vergessen kann, die sie prägten und niemals aus ihrem Gedächtnis verschwinden werden. Der Duft von Jasmin, die Großmutter, die diesen immer zupfte und sammelte. Die politische Indoktrination in der Schule – Willkür und Stockhiebe. Die große Familie, die immer da war. Die Vorsicht vor dem Assad-Regime.

Mancher Leser wird vielleicht diese Ausführungen vermissen. Die Erinnerungen sind nicht nur für die Autorin Cliffhanger, um sich ihrer Wurzeln bewusst zu bleiben. Auch der Leser kann sich fortwährend einen Reim auf sie machen. Was macht es mit einem jungen Mädchen, wenn sie nach Joghurt ansteht und die Staatsmacht in Gestalt einen Soldaten sie betatscht? Angst? Unsicherheit? Ungläubigkeit? Vertrauensverlust?  Wahrscheinlich alles zusammen.

Luna Al-Mousli lebt heute in Wien. Ist sie integriert? Sie selbst ist sich da nicht so sicher. Die Sprache beherrscht sie akzentfrei. Sie kann tun und lassen, was sie möchte. Kann studieren. Kann sich entfalten. Sie ist ihres Glückes eigener Schmied. In Syrien ist Familie. Sind die Familientreffen. In Syrien ist sie geborgen. Aber auch immer auf der Hut.

Man darf dieses Buch nicht als Markstein für gelungene oder misslungene Integration ansehen. Es ist – bei aller wundervollen Gestaltung – ein Rückschauhalten einer jungen Frau, die ihren Weg gegangen ist, diesen nun ab und zu verlassen kann, um eigen Pfade anzulegen. Sie blickt zurück, was sie nicht daran hindert nach vorn zu schauen.

Das Schneckenhaus

Es ist eine Szene wie sie millionenfach an Flughäfen rund um den Erdball zu beobachten ist: Ein Paar steht sich gegenüber. Einer der beiden wird bald abreisen und den anderen zurücklassen. Es ist eine Szene wie sie tausendfach an Flughäfen rund um den Erdball zu beobachten ist: Ein Paar steht sich gegenüber. Sie will um alles in der Welt nicht, dass er davonfliegt. Sie fleht, bettelt, weint fast. Ihn zieht es in die Ferne, in die Heimat zurück. Die hat er seit Jahren nicht gesehen. Seine Heimat ist Syrien in den Achtzigerjahren. Hafiz al-Assad regiert das Land mit stahlharter Faust und hat Rückendeckung aus Moskau. In knapp zwei Jahrzehnten wird er seinen Posten an seinen Sohn Baschar vererben.

Der unbekannte junge Mann, der Ich-Erzähler, stimmt in großen Teilen mit dem Autor des Buches Mustafa Khalifa überein. In Frankreich hat er Film studiert, Khalifa nicht. Was nach der Landung geschieht, hat sich niemand vorstellen können. Weder der Autor, seine Freundin, die er heiraten durfte, noch der Ich-Erzähler. Der Geheimdienst nimmt ihm seinen Pass ab, und gemeinsam fahren sie durch die Wüste. Die war einmal seine Heimat, die Heimat, die er so sehnlichst wieder sehen wollte. Den Koffer auspacken und sich heimisch fühlen – diese Handgriffe wird er für Jahrzehnte nicht mehr tun können. Jahr(!)zehnte!

In einem Gefängnis – das Gedächtnistagebuch kennt nur Tage, keine Jahreszahlen, geschweige denn Orte – wird er gleich mit Schreien, später mit Blut und Hautfetzen bekannt gemacht. Auch die Foltersituationen sieht er anfangs mit eigenen Augen. In einen Autoreifen gezwängt, der an der Decke befestigt ist, wird einem Gefangenen das Fleisch von den Fußsohlen geprügelt. Dem Ich-Erzähler blüht alsbald das Gleiche. Und alles nur, weil er in Paris, im Gespräch mit Freunden, einem zu aufgeschlossenen Ohr unverhohlen seine Meinung über den Präsidenten mitteilte. Dieses offene Ohr hatte nichts Besseres zu tun als seinen Bericht postwendend an die Behörden in Syrien weiterzuleiten.

Kaum gelandet beginnt eine Tortur, die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Getauft und Atheist in einem islamischen Land, das sich eine funktionierende Diktatur aufgebaut hat – hier kann kein Freigeist existieren. Jeder Strohhalm wird ergriffen und im gleichen Moment fällt das Kartenhaus der Hoffnung krachend und schmerzvoll zusammen. Ein Alkoholiker kann seiner Welt entkommen, nur schwer, aber er hat zumindest die Möglichkeit das Licht am Ende des Tunnels zu erreichen. Die Gefängnisse in Syrien haben keine Tunnel. Und erst recht erlaubt man kein Licht. Nicht einmal Stifte und Papier sind erlaubt. Der Ich-Erzähler / Mustafa Khalifa hat nur eine Zuflucht: Sein eigenes Ich. Er zieht sich zurück wie eine Schnecke, die Gefahr wittert. Aus diesem Schneckenhaus heraus beobachtet er die rohe Welt ohne Horizont. Seine Gehirnwindungen sind die Schreibblöcke. Denn nicht nur die Gefängnisbetreiber und Bediensteten trachten ihm nach dem Leben. Er wird als Muslimbruder in den Büchern geführt. Die sind dem Assad-Regime ein Dorn im Auge. Die Muslimbrüder im Gefängnis beäugen ihn misstrauisch. Ist er einer von ihnen? Will er sie verraten? Hat er es vielleicht sogar schon getan?

„Das Schneckenhaus“ wird als das Evangelium der syrischen Revolution bezeichnet. Mit jeder Zeile, die man mit Kopfschütteln – ja, der Mensch ist tatsächlich zu so vielem im Stande zu tun – aufsaugt, beginnt man diesen Zeilen Glauben zu schenken. So was denkt man sich nicht aus! So was ist wirklich passiert, und passiert immer noch. Wer meint, dass so manche Widerwärtigkeit nicht immer wieder in Erinnerung gebracht werden muss, sollte dieses Buch lesen. Man kann nicht oft genug an Derartiges erinnern!

Nachts unterm Jasmin

Es sind Momente wie die, wenn man ein Buch wie „Nachts unterm Jasmin“ in den Händen hält. Dann weiß man, dass man bei Weitem noch lange nicht alles erlebt bzw. gelesen hat, was unter dem Himmel existiert. Die Geschichten in diesem Band von Maïssa Bey aus Algerien zeichnen ein Bild des größten Landes Afrikas, was so vielleicht von einigen erwartet, aber niemals in so klarer Sprache, mit so vielen Nuancen gezeichnet wurde.

Da ist eine Frau, die sich schlafend stellt, weil ihr Mann permanent sein Recht als gatte einfordert. Das Kind in ihrem Arm bietet ihr Schutz und ist ihr größter Schatz. Doch sie weiß, dass sie diesen Schatz eines Tages verlieren wird. Er wird die demütigen, sie verlassen. Ihr eigenes Kind.

Nach der verheerenden Umweltkatastrophe im November 2001 – weil die Bouteflika-Regierung in einigen Stadtteilen der Hauptstadt Algier Kanäle zumauern ließ, brachen sich Wassermassen fast ungehindert ihren Weg durch die Stadt und rissen hunderte von Menschen in den Tod – brach der Volkszorn über die Regierenden herein. Die Unfähigkeit und die Teilnahmslosigkeit der Behörden entzündeten eine Protestwelle bisher ungekannten Ausmaßes. In den Nachrichtensendungen Europas war die Katastrophe nur eine Meldung unter vielen. Doch die Schicksale der Menschen, die direkt davon betroffen waren, sind bis heute unbekannt. Dank dieses Buches, das zum ersten Mal in deutscher Sprache erschien, bekommen die Opfer und Beteiligten eine Stimme.

So anklagend die Texte auf den ersten Blick sind, so poetisch ist ihre Wirkung auf den Leser. Klare Aussagen gehen hier Hand in Hand mit dem Respekt vor den Akteuren und ihrer Sprache. Ob als Bettlektüre oder Auszeit vom Alltag lesen sich die Geschichten wie moderne Ausschnitte aus dem realen Leben.

„Nachts unterm Jasmin“ besticht durch die Vielfalt der Themen und die Zwischentöne, die man laut vernimmt beim Lesen.

Die Allee der Zähne

Ihm geht es wie vielen, die dieses Land besuchen: Alle sind fasziniert von der Gastfreundlichkeit und den Geheimnissen des Handelns. Und wenn ein Händler beispielsweise Tomaten als Geschenk anbietet, dafür aber ein Gedicht als Gegenleistung fordert, sagt man brav seine Verse auf. Phantastisch! Aber leider die falsche Sprache, die der Händler nicht versteht. So muss man bezahlen. Lokalkolorit nennt man das dann wohl. Ihm, das ist Guy Helminger, und dieses Land ist der Iran, wohin Helminger 2007 reiste.

Seine Tagebuchaufzeichnungen sind in diesem Buch zu einer Reiseimpression verschmolzen, die Geheimnisse aufdeckt, zum Schmunzeln anregt und vor allem Appetit auf mehr machen. Der Iran des Jahres 2007 ist nicht der Iran der Gegenwart. Es regierte zu dieser Zeit Mahmud Ahmadineschād, ein Präsident, der den Iran wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte, dabei aber leider ein vollkommen verzerrtes Bild zeichnete. Ein Bild von einem rückschrittlichen Land, das jedweden Fortschritt westlicher Lesart verteufelte, das eigene Volk knechtete und die Errungenschaften der Geschichte auf ganz eigene Art interpretierte. Der Iran von heute ist weltoffener, doch nicht minder traditionsbewusst.

Guy Helminger erzählt von einem Land, das sich in seiner Gegensätzlichkeit von den meisten absetzt. Auf der einen Seite strenge Revolutionsgardisten, die sich im Glanze ihrer Macht sonnen. Auf der anderen Seite Jugendliche, die mit Religion nicht so viel am Hut haben wie allgemein angenommen. Revolution allerorten. Es sind die täglichen Begegnungen mit echten Menschen, die ihm – und somit auch dem Leser – den Iran näherbringen. Näher als es reisebände vermögen, intensiver als jeder Fernsehbericht von zehn Minuten Länge. Immer wieder lacht man mit dem Autor über die Sprachbarrieren und deren unvermeidliche Irritationen.

In „Die Allee der Zähne“ erzählt Guy Helminger keine erfundenen Geschichten. Alles echt, alles genau so passiert. Und deswegen gehört dieses Büchlein zur Pflichtlektüre für alle, die den Iran besuchen wollen. Schreckensszenarien wie die von seinem Rückflug, als er erfährt, dass sein Sitzplatz bereits wieder vergeben wurde, da er sich nicht rechtzeitig (was auch immer rechtzeitig bedeuten soll) gemeldet hat, sind nur Randnotizen privater Natur (schlussendlich ging aber alles gut). Teheran und Isfahan standen auf dem Reiseplan des Autors sowie ein Abstecher in ein Dorf, das sich einer Besonderheit rühmen darf. Besteigt man eines der Minarette der Moschee und bringt sie leicht zum Schwanken, wackelt auch der Geschwisterturm. Mittlerweile gibt es dort auch Souvenirminiaturen dieser Besonderheit. So unaufgeregt dieses Buch geschrieben ist, so unaufgeregt sollte man auch die News über Iran annehmen.

Gebrauchsanweisung für Iran

Taarof – wie schmeckt das? Ist nichts zu essen. Ist auch kein Ort. Es ist die iranische Antwort auf gutes Benehmen, Höflichkeit, Gastfreundschaft. Was fast nie in Reportagen und Nachrichtenmeldungen gezeigt wird, ist gelebte Gastlichkeit. Niemals einen Taxifahrer nach dem Weg fragen, wenn man noch nie etwas von Taarof gehört hat! Denn sonst hat man schnell mal die Polizei im Nacken. Denn die Antwort ist meist ausweichend. Und dann beginnt eine Art Feilschen. Bei dem übrigens keiner den Platz als Verlierer verlassen wird.

Auch ist es durchaus üblich die Gastgeberin mit überbordenden Komplimenten, die hierzulande schon längst in die Klamottenkiste gepackt wurden, zu loben. Man wünscht ihr zum Beispiel, dass ihre Hände niemals schmerzen sollen. So viel Enthusiasmus wird in Europa eher misstrauisch beäugt.

Einen ganz speziellen Tipp hat Bita Schafi-Neya, Halbiranerin mit deutschem und iranischem Pass, für ganz Neugierige. Nowruz heißt das Neujahrsfest, bei dem mindestens sieben Sachen, die mit einem „S“ beginnen, auf dem Tisch stehen müssen. Sib, der Apfel, für die Gesundheit – Somagh, Gewürz, für den Geschmack des Lebens – Senjed, Maulbeeren, für die Saat des Lebens – Serkeh, Essig, für die Fröhlichkeit (so weit sind unsere Kulturen doch nicht auseinander) – Sir, Knoblauch, für den Schutz – Sonbol, Hyazinthe, für die Freundschaft  und Samanu, der Weizen für Wohltat und Segen. Ein riesiges Fest, das mehrere Tage dauert und entsprechend zelebriert wird.

Keine Scheu, generell gilt in Iran: Wenn man eingeladen wird, zusagen. Alle Horrormärchen sind nicht wahr. Vielleicht ein paar. Aber mit gesundem Menschenverstand kann man den sofort erkennen – wie überall auf der Welt.

Diese Gebrauchsanweisung verdient ihren Titel von Anfang bis Ende. Ob nun Tipps, was man besichtigen soll, kann, muss, wie man die iranische Währung versteht (Rial und Tomen sind ein und dasselbe nur sind Tomen um eine Null am Ende gekürzt), warum die Traditionen gepflegt und schienbar fast überall und jederzeit missachtet werden können – die Rettung im Dickicht der kulturellen Eigenheiten naht in Form dieses Buches.

Das letzte Kapitel des Buches heißt: „Quo vadis, Iran?“. Wohin steuert das Land der unermesslichen Ölvorkommen und endlosen Reichtümer? Diese Frage kann auch die Autorin nicht beantworten. Doch sie kann die Frage eines jedes Lesers mit einem „Sofort!“ parieren. Nämlich die Frage, wann man in diesem nun nicht mehr so fremden Land die schönste Zeit des Jahres verbringen wird.

Die Seidenstraßen

Seidenstraße 28, Bagdad – hier gibt’s das beste bakllavë der Stadt. Nein, darum geht es nicht in nächsten genialen Wurf von Peter Frankopan. Es geht sehr wohl um Straßen, um verheißungsvolle Pfade des Erlebens. Seine Seidenstraßen sind jedoch Synonyme der Geschichte. Er benutzt den Begriff Seidenstraßen als Vehikel, um Kindern die Weltgeschichte näherzubringen. Natürlich ist die auch eng mit den Seidenstraßen der Vergangenheit verknüpft. Denn die eine Seidenstraße – wie oft angenommen wird- gab es nicht. Es waren Wege von Ost nach West und, was oft vergessen wird, ebenso von West nach Ost.

Einst brachten Karawanen Gewürze und Tuch ins Abendland. Im Gegenzug stürmten Handelsleute aus West, Süd und Nord voller Dollarzeichen (oder Talerzeichen?) in den Augen gen Osten. Es entstand ein Mythos, der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat. Peter Frankopan löst diese starren Vorstellungen auf wie einst Alexander den Gordischen Knoten. So eroberte Alexander Asien, oder zumindest einen Teil.

Für Peter Frankopan sind die Seidenstraßen Lebensadern. Sie führen je nach Betrachtungsweise zum Islam oder in die Hölle, befördern Sklaven, befeuern Konflikte. Wie der Windhauch der Geschichte streift der Autor das Wissen des Lesers. Vieles hat man schon mal gehört, kann es jedoch nicht mehr so recht einordnen. Der Orient als Zankapfel, der Allianzen schmiedet und auch wieder zerbrechen lässt. Das britische Empire war da ganz groß im Geschäft.

Kindern Geschichte schmackhaft zu machen – daran scheitern regelmäßig Generationen von Geschichtslehrern. Peter Frankopan kann sich getrost als überragende Ausnahme von der Regel bezeichnen. Unfassbar sitzt man vor dem riesigen Buch und staunt wie einfach doch Zusammenhänge her- und dargestellt werden können. Vorbei die Zeit, in der man fast ohnmächtig sein Haupt auf den Pult legte und inständig hoffte, dass das Zahlenherunterbeten endlich ein Ende finden wird.

Auf den beschriebenen Seidenstraßen herrschte niemals Ruhe. Berittene Armeen und bekömmliche Köstlichkeiten kommen in Eintracht daher. Die beeindruckenden Illustrationen von Neil Packer lenken den Leser nicht ab, sie verstärken die ersten und garantiert bleibenden Eindrücke um ein Vielfaches. Mal als Untermalung des Textes, mal als Verstärkung auf einer komplett eingefärbten Seite, doch als verbürgtes Highlight im Doppelseitenformat. Warum aufhören, wenn Bücher am schönsten sind. Peter Frankopan ist der Märchenonkel der Geschichte. Die Vorgängertitel „Licht aus dem Osten“ und „Kriegspilger“ bescherten Geschichtsinteressierten einen ungeahnten Zustrom an Neulingen, die sich durch diese Bücher ihrer und anderer Geschichte zuwandten.

„Die Seidenstraßen – Eine Weltgeschichte für Kinder“ wird nicht nur unterm Weihnachtsbaum für Furore sorgen, sondern ganze Bücherregale um ein faktenreiches, grandios gestaltetes Wissenswerk auf eine neue Stufe heben.

Was bleibt von uns

Die Straße der Hoffnung ist ein steiniger Pfad. Die wenigen ebenen Abschnitte sind mit Mut, Entbehrungen und Verlust geteert. Diese Erkenntnis muss Nahid seit Jahrzehnten begehen. Anfang der 80er war sie der Stolz der Familie. Als Frau im Iran war sie Medizinstudentin. Als sie Masood kennenlernt engagiert sie sich politisch. Sie demonstriert gegen die islamische Revolution. In ihrer Unbekümmertheit und dem felsenfesten Glauben daran, dass ihr Aufruhr vom Erfolg gekrönt sein wird, nimmt sie eines Tages ihre kleine Schwester Noora mit auf eine dieser Demonstrationen. Doch alles läuft aus dem Ruder, Noora verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Saber, Verbündeter und Freund wird zu Tode gefoltert. Weggefährten werden verhaftet, und niemand wird wieder etwas von ihnen hören. Nahid und Masood müssen fliehen. Schweden wird ihr neues Zuhause. Den erhofften Neuanfang erleben beide mit der Geburt ihrer Tochter Aram.

Die Rahmenhandlung, die Golnaz Hashemzadeh Bonde in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman skizziert, scheint auf den ersten Blick ein typischer Fluchtroman zu sein. Doch Nahid treibt etwas anderes um. Mittlerweile hat sie mehr als die Hälfte ihres Lebens gelebt, gehofft. Aram ist nun selbst erwachsen und erwartet ihr erstes Kind, eine Tochter. So wie Nahid nur Schwestern hatte – im Iran gelten männliche Nachkommen immer noch als größerer Segen als Mädchen. Ein Mädchen, ein Hoffnungsschimmer.

Den hat Nahid dringend nötig. Sie weiß, dass ihre Tage gezählt sind. Ihre Wurzeln sind so weit entfernt, dass sie selbst nur schwer akzeptieren kann, eine Heimat zu besitzen.

Doch ist sie selbst Heimat. Und zwar des Krebses. Er hat von ihr Besitz ergriffen. Ihre Mutter kann ihr nicht beistehen. Sie lebt immer noch im Iran. Und ist immer noch verbittert über Nahids Weggang. Ganz zu schweigen vom Verlust des Nesthäkchens Noora.

Nahid versucht ihrer Tochter das zu geben, was sie selbst nie hatte. Hoffnung. Geborgenheit. Doch Aram ist in der Vergangenheit zu einer Art Projekt geworden. Nahid kann nur Ratschläge geben. Liebe und Geborgenheit flackern nur sporadisch auf. Darunter leidet Aram. Während der Krebs immer weiter voranschreitet, wächst in Aram neues Leben heran. Und Nahid kann nur noch einen Gedanken hegen: Als Großmutter von dieser Welt zu gehen.

„Was bleibt von uns“ ist ein intensiver Roman, der sich wie ein wohlwollender Virus unter die Haut setzt und im Herzen ein neues Zuhause findet. Nahid, ihre Mutter und ihre Tochter sind Frauen, die vom Verlust gezeichnet sind, die Gewalt am eigenen Körper (und der Seele) erfahren mussten und dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Wehmut, mal mehr, mal weniger, schwingt in ihrem Leben immer mit ohne dabei den Takt anzugeben.

Sarab

Das hätte sich Raphael nie träumen lassen. Ein einziger Tritt ins Zentrum des Lebens und zum ersten Mal spürt er die Marter des Krieges. Hochdekoriert, nie verwundet, keine Waffe der Welt hinterließ je auch nur einen Kratzer. Und nun? Ein Tritt und sein Mut färbt sich dunkelblau.

Es ist zwei Jahre nach dem deutschen Herbst. Und noch ein Vierteljahrhundert bis zum arabischen Frühling. November 1979. Die Große Moschee in Mekka wird Tatort einer bis heute nachhallenden Katastrophe. Terroristen besetzen das Heiligste aller Heiligtümer des Islam, nehmen Hunderte von Geiseln. Das saudische Herrscherhaus holt sich Hilfe aus Frankreich. Eine militärische Aktion beginnt, an deren Ende eine viel zu hohe Zahl von Toten und Verletzten steht.

Inmitten der Trümmer, des Blut- und Fäkaliengestankes sucht Raphael sein Heil in der Flucht. Doch sein Verfolger ist schneller, fesselt ihn und gibt ihm den wachrüttelnden Tritt. Um sie herum zischt, brennt es, stinkt es. Das Wasser steht unter Strom. Gasgeruch liegt in der Luft. Es sollen überraschende Stunden werden. Für Raphael auf alle Fälle.

Da auch Terroristen irgendwann mal schlafen müssen, nutzt Raphael die Gunst der Stunde, um sich von seinen Fesseln zu befreien. Und seinen Bewacher zu überrumpeln. Der schaut ziemlich verdutzt. Doch auch Raphael geht die Kinnlade ziemlich weit runter. Denn Saifallah – den Namen kennt Raphael vom Ausweis, der er ihm abgenommen hat – ist dessen Schwester Sarab. Eine Frau ihn übertölpelt, als Gesteinsbrocken in den unterirdischen Gängen der Moschee auf ihn niederprasselten.

Beide sind in einer vertrackten Situation. Beide konnten ihren Auftrag nicht pflichtgemäß zu Ende führen. Beide müssen ihn aber zu Ende führen.

Kurze Zeit später quittiert Raphael seinen Dienst. Das Töten als bezahlter Soldat einer französischen Eliteeinheit widert ihn an. Der Sinn seines Lebens ist nicht nur ins Wanken gekommen, er ist gestürzt. Doch an seiner Seite weiß er Sarab. Die eigentliche Aufarbeitung ihrer beider Leben beginnt erst jetzt…

Raja Alem gibt dem, was von Experten der Beginn des islamistischen Terrors genannt wird, eine Handlung, die dem Leser den Atem verschlägt. Der Kampf für … ja wofür eigentlich? … rückt in den Hintergrund, wenn es darum geht die eigene Haut zu retten und irgendwann einmal ein Leben führen zu können, dass frei von Angst, Hass und Gewalt ist. Kein leichter Weg dorthin. Mit nicht enden wollender Hingabe bereitet sie Sarab und Raphael einen steinigen Weg, den sie selbst verlegt haben und nun beschreiten müssen. Die Vielschichtigkeit ihrer Beziehung sorgt für Erstaunen. So unterschiedlich ihr bisheriges Leben war, so viele Gemeinsamkeiten weisen die beiden Leben immer wieder auf. Zweifel? Ja! Aufgeben? Niemals! So schillernd wie der Einband – übrigens ein Teilausschnitt aus einer Installation von Shadia Alem, der großen Schwester Raja Alems, das zu Biennale in Venedig 2011 ausgestellt wurde – so farbenfroh schildert sie das Leben nach dem grässlichen Terrorakt im November 1979. Die Intensität, mit der das Buch beginnt, lässt erst mit dem letzten Zeichen auf der letzten Seite nach.

Das verlorene Kopftuch

Bei vielen Reiseberichten über und aus dem Iran bekommt man immer wieder das Gefühl als ob ein Redaktionspraktikant oder Volontär sich auf die Suche nach dem Außergewöhnlichen machen musste. Der Iran ist zweigeteilt. Zum Einen der Iran aus den Nachrichten mit brennenden Stars and Stripes und lautstarkem Wehklagen. Zum Anderen der Iran, in dem Menschen ihre Kultur offen ausleben. Zwiespältig. Verschleiernd. Widersprüchlich.

Nadine Pungs weiß auch nicht genau, was sie erwarten wird, was sie erwarten soll, als sie auf dem Flughafen von Teheran landet. Das Schlimmste bringt sie allerdings gleich hinter sich. Auf der Taxifahrt versucht der Fahrer sie mit deutschem Pop von Modern Talking herzlich zu begrüßen. Folter auf höchstem Niveau. Doch nichts anderes als eine Geste der Gastfreundschaft, die mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist. Auch, dass sie – durch Beziehungen – absolut kostenfrei und so lange sie möchte eine Privatunterkunft in der Millionenmetropole gefunden hat, lässt sie am Nachrichtenbild des Irans zweifeln.

Nadine Pungs hat sich akribisch vorbereitet. Sie hat Unmengen an Büchern gelesen. Stundenlang Fernsehbeiträge geschaut. Sie weiß viel über den Iran. Doch als es an der Tür klingelt, ihre „Vermieter“ haben sich angekündigt, weiß sie nicht, ob sie nun ein Kopftuch tragen soll oder nicht. Schließlich sind sie sich alle fremd. Muss sie nicht, wird sie beruhigt. Und schon das nächste Fettnäpfchen. Es wird sich bei der Begrüßung dreimal auf die Wange geküsst.

Kaum zehn Prozent des Buches gelesen und schon weiß man mehr über den Iran als man vorher auch nur zu wissen glaubte. Punktlandung.

Vier Wochen wird sie dieses Land bereisen. Ein Land, in dem strenge Sittenwächter bestimmt darauf hinweisen, dass das Kopftuch eine Locke hervorblitzen lässt, aber Haschisch so alltäglich ist wie andernorts auf der Welt das Feierabendbier. Ein Land, das vor ehrlicher Gastfreundlichkeit strotzt, die Ehe auf Zeit genauso erlaubt wie chirurgische Nasenkorrekturen.

Nadine Pungs ist nicht die Volontärin, die dem Chefredakteur die ungewöhnlichsten Geschichten auf den Tisch wirft. Der Iran hat ihr Herz wahrlich berührt, und das nicht nur, um einen schmissige Unterzeile für ihren Titel zu erhalten. Alltag und Wahnsinn gehen im Iran genauso Hand in Hand wie anderswo. Doch hier – fernab von permanenter Leuchtreklame der so genannten Global Player, westlicher Sittendekadenz – fällt es eher auf. Auch im Iran ist das Leben normal. Nur eben anders. Doch die Ausschläge nach oben in der Fremdlichkeitsskala sind extremer. Die Freundlichkeit in Gastfreundlichkeit wiegt hier mehr als der Gast.

Vorsicht muss hier immer walten lassen. Doch man gewöhnt sich daran zu allem und jedem seine Meinung laut kundzutun. So wie man es generell im Ausland halten sollte. So was nennt man kulturelle Unterschiede. Nadine Pungs gelingt es mit federleichter Vehemenz ihr Erstaunen in nuancierte Worte zu fassen. Die umwerfenden Paläste sind sichtbare Zeichen einer bemerkenswerten Kultur. Nadine Pungs bringt diese Hinterlassenschaften in Einklang mit den Menschen, deren Vorfahren diese errichtet haben. Darin liegt die Besonderheit dieses Buches.