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Von Istanbul nach Hakkari

Von Istanbul nach wohin? Hakkari? Wo ist das denn? Und schon zappelt man am Haken! Die Neugier ist geweckt. Man nimmt das Buch, blättert ein wenig darin herum und … ist hin und weg. Eine literarische Rundreise vom Bosporus im Nordwesten in den tiefen Südosten Anatoliens, dorthin, wo Touristen die goldenen Fünf-Sterne-Armaturen gegen das Abenteuer eintauschen.

Das besondere an diesem Buch ist die lange Reise, die nicht nach Autoren oder Themen gegliedert ist, sondern der Reiseroute folgt. Klar, Startpunkt ist im Schmelztiegel Istanbul, der seit Jahrhunderten, ach was Jahrtausenden nämlich genau das ist. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, vermischen ihre mitgebrachte Kultur mit der hier vorherrschenden und kreieren am laufenden Band den Fortschritt, den so viele fürchten.

Es wäre frevelhaft eine einzelne Geschichte hervorzuheben. Wie etwa die von Elvan, der nach dem Puffbesuch im Hamam seinen Schlüssel verliert. Ganz ehrlich, man müsste doch annehmen, dass der Schlüssel an einer anderen Stelle in der Stadt Bursa abhandenkommt, oder?! Und so streift man mit Yasar Kemal durch Istanbul, mit Tarik Dursun K. durch Izmir, erkundet mit Orhan Duru in Bodrum das Geheimnis einer riesigen Flasche und wandert mit Migirdic Margosyan das Heidenviertel von Diyarbakir.

Jede Geschichte ist ein Kleinod, das behutsam gelesen werden will. Alle Geschichten stammen aus einer Türkei, die – nach Atatürks Willen – sich dem Westen öffnet. Der Islam ist noch allgegenwärtig, aber keine Staatsreligion. Frauen sind bereits gleichberechtigt, die Schrift lateinischen Ursprungs. So wollte der große Reformer sein Land auf den nächsten Schritt vorbereiten und einschwören. Das ist ein knappes Jahrhundert her.

In dieser Zeit hat sich viel getan. Davon berichten die Autoren in diesem Buch. Mal launisch, mal euphorisch, mal heimatverbunden, mal melancholisch, doch immer mit der Liebe in der Schreibhand. So facettenreich der Ausgangspunkt der Reise, so bunt sind die Geschichten unterwegs. Ein Kaleidoskop der Vielfalt.

Seelenfrieden

So intensiv wurde Istanbul noch nie beschrieben! Mümtaz ist Istanbuler. Er ist es mit dem ganzen Herzen. Ein Mensch, den man gern um sich hat, weil er so warmherzig ist. Grüblerisch, sensibel, leidenschaftlich – wo wie Istanbul. Mümtaz ist Istanbul. Er leidet, wenn er leiden muss. Er lacht, wenn er lachen muss.

Und er lächelt als er Nuran trifft. Auch sie lächelt. Und für einen Sommer lang trägt jeder Tag, jede Minute, jeder Sonnenstrahl das Lächeln in sich, das Mümtaz und Nuran füreinander haben. Mümtaz schwärmt Nuran von Kristallen der Melodien vor, und sie auf ihn reflektieren. So blumig, so bildhaft, so farbenprächtig ist das Leben für ihn im Moment. Er ist erfahren genug zu wissen, dass es nicht immer so bleiben wird.

Wir sind in den 30er Jahren in Istanbul. Die Türkei hat sich in der jüngeren Vergangenheit rapide verändert und geöffnet. Mümtaz schwärmt von Wagner und Debussy gleichermaßen wie von einheimischen Musikern. Sanft greift er Nurans Hand und zeigt ihr Istanbul, die die große Stadt nur von Weitem kennt.

Nuran steht als geschiedene Frau immer noch bzw. wieder unter der Fuchtel ihrer Mutter. Frei sein ist anders. Doch Nuran sieht in Mümtaz mehr als nur einen Freund, er ist ihr Geliebter. Auch wenn sie es sich nicht von vornherein eingestehen will.

Die Leidenschaft, die Mümtaz und Nuran füreinander empfinden, ist der Nährboden für Suats Hass. Er will Nuran. Und er will nicht, dass es ein Mümtaz und Nuran gibt. Und er verbeißt sich in den Gedanken, die beiden Liebenden auseinander zu bringen.

Mümtaz, Nuran und Suat sind wie drei Säulen eines Lebens: Freude und Angst, Liebe und Hass, Vergangenheit und Zukunft. Wo Licht ist, ist auch Schatten. So hell die Liebe strahlt, so dunkel sind die Wolken der Verbitterung. Am anderen Ende des Mittelmeeres fallen schon die ersten faschistischen Bomben, während Istanbul aus dem Dunkel der Geschichte ins Hell der Moderne tritt. Kontinentaleuropa ist schon zerrissen – Istanbul und die Türkei versuchen gerade den Spalt zwischen Orient und Okzident zu kitten. Und mittendrin eine Liebesgeschichte, die exemplarisch wie keine andere für diese Zeit steht.

So kaltherzig, so grau, so unwirtlich die aktuelle in so manchen Augen erscheinen mag, so überbordend hoffnungsvoll, bunt und einladend ist Istanbul in den Worten von Ahmet Hamdi Tanpınar. Eine Liebeserklärung an Istanbul und das Leben, gleichzeitig die herzlichste Einladung an den Leser die gelesenen Zeilen hautnah zu erleben.

Atlas der Antike

Atlas der Antike

Ein Atlas ist ein Kartenwerk. Und Karten weisen den Weg. Beziehungsweise, sie wiesen den Weg. Heute benutzt ja kaum noch jemand (aus-)gedruckte Karten. Doch der Name Karte oder der Begriff Atlas sind noch gängige Begriffe. Und so ist der Titel „Atlas der Antike“ nicht zufällig gewählt. Zweieinhalbtausend Jahre Geschichte auf einhundertsechzig Seiten – da kommt schon einiges zusammen. Schon bei der Einordnung, was Antike eigentlich ist, welchen Zeitraum sie einnimmt, kommt so mancher, der im Geschichtsunterricht lieber den Fußboden betrachtete als dem Tafelbild zu folgen, ins Schwitzen. Ist halt verdammt lang her!

Holger Sonnabend ist allerdings ein Lehrer, schließlich ist er Prof. Dr., den man folgen sollte. Und dem man vor allem folgen kann. Zum Beispiel die Etrusker. Hat man schon mal gehört, Etrusker. Die wohnten doch in … ja, genau, Italien. Dort, wo heute die Toskana-Fraktion die schönste Zeit des Jahres verbringt. Die Etrusker sind so geheimnisvoll, dass ihre Erbe bis heute ungelöste Rätsel aufgibt. Sie hatten eine Schrift, die der Griechischen ähnelte. Aber entziffern kann man sie bis heute nicht vollständig. Sie waren ein hochentwickeltes und kulturell bedeutendes Volk. Sie schmiedeten Allianzen und wurden wieder aus diesen hinausgekämpft. Sie waren die Vorgänger der Römer. Und auf deren Prinzipien beruht heute das Zusammenleben der Welt.

Die Reise geht weiter über die Beziehungen der Griechen und Perser. Wenn man sich die heutige Welt betrachtet, ist der Kampf immer noch im Gange. Wenn auch mit einer anderen Sichtweise – Persien / Iran gilt als einer der einträglichsten Märkte weltweit und Griechenland … naja, wer dort investiert, ist verdammt risikoreich. Alexander der Große, die Römer, Monarchien und Sklavenhaltergesellschaft – die Reise geht quer durch die Geschichte. Immer mit Rückfahrticket.

Anschauliche Übersichtskarten geben dem Leser einen eindrucksvollen Einblick in den Aufbau von Ländern und Städten. Zahlreiche Abbildungen von Gemälden, Stichen und Reliefs veranschaulichen exakt die Beschreibungen der Zeit.

Was dieses Buch so einzigartig, so benutzenswert macht, ist, dass es nicht wie ein Lexikon immer brav der Zeitlinie folgt, sondern, dass einzelne Wissenschaftsgebiete einzeln beleuchtet werden. Fachgebiete wie Politik, Kultur und Medizin ergeben für den Leser ein Komplettbild dessen, was uns in der Schule oft zu langweilen begann. Der Autor schafft es mit einfachen Worten die Begeisterung, die einst unsere Lehrer dazu bewegten Geschichte zu lehren im Leser zu wecken. Wichtige Ereignisse werden in farbigen Kästen hervorgehoben, ohne dabei die Haupttexte in den Hintergrund zu rücken. Ein echter Wegweiser durch die Jahrtausende!

Lesereise Türkei

Lesereise Türkei

Um Istanbul (touristisch) zu erobern, sollte man gestärkt in den Tag starten. Überhaupt sollte jeder Urlaubstag mit einem „guten Frühstück“ beginnen. Und Christiane Schlötzer beginnt ihre „Lesereise Türkei“ in Istanbul mit einem kahvaltı. Käse, Oliven, Honig sind nur drei Zutaten für einen idealen Start in den Tag. Und genauso gehaltvoll wie das Frühstück – in Istanbul kann sich dieses durchaus auch gern mal fast über den gesamten Tag hinziehen – sind auch die Schilderungen der Autorin. Wer da nicht Appetit auf mehr bekommt, wird im „Übermorgenland“ verhungern…

Wenn „newsweek“ Istanbul als die coolste Stadt der Welt bezeichnet, so findet Christiane Schlötzer sofort und zahlreich Gegenargumente. Eines ist sicher: In Istanbul tut sich was! Kaum eine andere Stadt auf der Welt verändert sich so rasend schnell wie die Zwei-Kontinente-Stadt. Auf der einen Seite der Boom der exklusiven Bars und hippen Lokale, auf der anderen Seite die ursprünglichen Viertel, die man noch (noch!) besichtigen kann. Tarlabaşi ist so ein Viertel. Auf den ersten Blick heruntergekommen, sozialer Vorhof zur Hölle, Ausstiegschancen gleich Null. Wer hier ist, geht nur selten wieder weg. Aber nicht aus nostalgischen Gründen, sondern wegen mangelnder Angebote. Doch dieses Viertel soll bald einem Prunkviertel weichen. Schanzelize. So soll es heißen, die türkische Version von Champs Elysées. Bürotürme so kahl und clean wie überall auf der Welt sollen den Aufstieg und Reichtum der Stadt symbolisieren. Und genau hier trifft die Autorin Menschen, die es mit dem harten Leben in der „coolsten Stadt der Welt“ tagein tagaus aufnehmen. Aus allem, was sie finden, machen sie die eine oder andere Lira. Wohlwollend verzichtet sie dabei aber auf die üblichen Klischees von motivierten Menschen, die von einem besseren Leben träumen. Resigniert haben sie nicht. Aber sie kämpfen jeden Tag für ihr Auskommen und bald schon um ihr Viertel.

Die Türkei wurde oft und auch lange von großen Männern regiert. Einer hat die Türkei in die Moderne geführt: Kemal Atatürk. Seit Anfang des Jahrtausends hat ein anderer Mann die Macht, der sich gern als großer Mann sieht. Recep Tayyip Erdoğan wird geliebt und gehasst. Innen wie außen. Dazwischen gibt es nichts. Die, die im London des Orients genauso viel Geld scheffeln wollen wie an der Themse lieben ihn. Die, die das New York des Orients ausmachen sind in der Mehrheit für ihn. Die, die das (und bisher wird es nicht so genannt) demokratische Istanbul sich wünschen, hassen ihn. Die Unruhen und Eskapaden auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park sind noch nicht verhallt, der Präsident kennt trotzdem kein Erbarmen. Mit aller Macht schützt er sich und sein Gefolge gegen jede Art von Widerstand. Da werden soziale Netzwerke gekappt, Demonstranten niedergeknüppelt, Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht. Als Tourist bekommt man nur in Abständen die Veränderungen mit.

Christiane Schlötzer spricht mit Aktivisten vom Gezi-Park, saugt „den Rest der Türkei“ in sich auf, schlürft Kaffee, spricht mit Opfern eines Grubenunglücks und zeigt die miserablen Sicherheitsvorkehrungen auf, die nicht minder schlecht wie die Lehren aus dem Unglück sind. Auch die Verbindungen Deutschlands zum Gemetzel an den Armeniern, das AKP-Chef Erdoğan immer noch als Völkermord anerkennt, findet Eingang ins Buch.

Die „Lesereise Türkei“ ist kein Buch mit Ratschlägen á la „das müssen Sie gesehen haben“. Es ist vielmehr wie in einem Kaffeehaus: Man sitzt beisammen und unterhält sich. Leise klingen im Hintergrund orientalische (oft auch moderner Türk-Pop) Melodien. Die Autorin lebte lange in Istanbul. Sie weiß wie es ist hier zu leben, kennt die Menschen und ihre Kultur. Und nun auch der Leser. Zumindest besser als zuvor.

Gebrauchsanweisung für Istanbul

Gebrauchsanweisung Istanbul

„My kind of a town“, meinte einst Al Capone über Chicago. Hier konnte er zeitweise schalten und walten wie er wollte. Und Istanbul? Was sagt der geneigte Besucher über diese Stadt? „My kind of a cultural clash“. Hier stoßen die urbanen Lebensentwürfe wie Kontinentalplatten aufeinander. Nicht so langsam – ganz im Gegenteil – jedoch nicht weniger eindrucksvoll. Und hier kann der Gast schalten und walten wie er will. Wenn er sich auskennt! Zur perfekten Reisevorbereitung gehört neben dem unverzichtbaren Reisebuch auch ein wenig wohl formulierte Literatur. Und die liefert Kai Strittmatter. Nun ist Kai Strittmatter nicht nach Istanbul gekommen, weil er hier schon immer mal Urlaub machen wollte. Er wollte, nein er durfte als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung von Peking nach Istanbul wechseln. Der Unterschied zwischen „normalem Touristen“ und dem Autor ist nicht besonders groß. Beide wissen wo ihr Haus wohnt (sorry, aber der Gag musste jetzt einfach sein), der Tourist hat sein Hotel, Kai Strittmatter seine Wohnung (mit Bosporusblick und allem Drum und Dran). Beide wissen, was sie hier zu tun haben, sich umschauen, aufsaugen und berichten. Und beide kommen anfangs nicht aus dem Staunen raus! Wo „normale Touristen“ nicht mehr als ein „Boah“ herausbekommen, arbeitet sich Kai Strittmatter sanft und wortstark durch die einzelnen Kulturschichten. Für den Leser heißt das: Achtung Suchtgefahr! Die Intensität der Worte lässt an der Wahl des Urlaubsortes, sofern er denn nicht Istanbul heißt, zweifeln. Erste Umbuchgedanken kommen auf. Vielleicht doch eher Istanbul statt, Westerwald? Nicht unbedingt. Istanbul rennt nicht weg. Die Stadt gehört zu den Ältesten der Welt. Aber den Gedanken aus dem Kopf zu bekommen, wird verdammt schwer!

Die kurzen Kapitel machen das Buch zu eine echten Lese-Dauerbrenner. Kurz und knapp taucht man immer tiefer in die Seele der Stadt ein. Kurz unterbrochen von farbenprächtigen Absätzen, die einem Istanbul auf Gefühlsebene näher bringen. Mit eines der längsten Kapitel trägt den Titel „Auskosten“. Na klar, was sonst?! Istanbul sollte man in vollen Zügen genießen. Sich dem Rhythmus der Stadt anpassen. Nix für Frühaufsteher! Keyf nennt man das hier. Eine Art Müßiggang mit Zusatzleistungen. Laissez-faire mit Würde.

Kai Strittmatters Texte lesen sich wie ein Roman. Der Ich-Erzähler verzichtet auf das Links-Und-Rechts-Verweisen, was man gesehen haben muss und was nicht so sehr von Bedeutung ist (das gibt’s tatsächlich in Istanbul). Vielmehr ist die Gebrauchsanweisung ein echtes Handbuch, um sich nicht allzu sehr als Fremder im Millionenmoloch Istanbul zu fühlen. Ausflüge gibt es nur in die Geschichte. Alle anderen Trips sind wichtiger Bestandteil des Lebens am Bosporus. Kai Strittmatter geht Vorurteilen nach, belegt oder widerlegt sie, und wenn sie stimmen, forscht er nach woher sie kommen. Wer noch keinen Reisebegleiter für Istanbul gefunden hat: Bitte sehr, hier ist er! Vierundzwanzig Stunden verfügbar, eloquent, ratgebend und unerlässlich.

City Impressions Istanbul

Istanbul City impressions

Während andere Städte sich damit brüsten die Teilung überstanden zu haben, verbucht Istanbul auf Grund dieser Tatsache einen nicht enden wollenden Strom an Besuchern. Denn die Teilung ist keine politische, sondern eine geografische. Europa und Asien – Fusion food für die Sinne. Und das zeigt dieser einmalige Prachtband auf über 300 Seiten.

Wer jetzt meint, dass Bernd Rücker, der hinter diesem Buch steht, einfach mal drauf losgelaufen ist und ein paar hübsche Urlaubsbilder zwischen zwei Buchrücken gepresst hat, liegt so falsch wie alle, die meinen schon alles in und von Istanbul gesehen zu haben. Denn das elegante Spiel von Licht und Schatten sind seine Welt, und die der Stadt am Bosporus. Wenn die Bäume ihren erfrischenden Schatten auf Jahrhunderte alte Gemäuer werfen, wird es Zeit das Auge zu schärfen. Wenn der Leben spendende Feuerball am Himmelszelt starre Säulen zu gigantischen Zeigern über die Mauern der Stadt kreisen lässt, ist es Zeit die Phantasie spielen zu lassen. Wenn hoch am Himmel die Fauna ihre Kunststücke vor himmelblauer Kulisse vollführt, ist es fast schon zu schade die Zeit mit Kamera rausholen, scharf stellen und abdrücken zu vergeuden. Bernd Rücker war schneller und fasziniert Istanbul-Süchtige wie –Kenner gleichermaßen.

Doch Istanbul ist nicht nur die Heimstätte von Hagia Sophia, Blauer Moschee und einer der beeindruckendsten Brücken der Welt. Es ist vor allem die Mischung aus altehrwürdiger Architektur, liebevoll sich präsentierenden Wohnhäusern und wahrhaft magischen Momenten, die – im richtigen Licht – jede Minute oder in diesem Fall jede Buchseite zum Erlebnis machen.

Was so leicht aussieht, sind ausgeklügelte Bildkompositionen, die den Betrachter sofort in ihren Bann ziehen. Mit der richtigen Optik ragen die Türme der Moscheen nicht kerzengerade in den Himmel, sondern weisen auf einen zentralen Punkt. Schon staatstragende Nachtstimmung bedarf keiner Textzeile: Das brodelnde Nachtleben erwacht, während die Bauten sich in Schweigen hüllen. Sie tanken Kraft um tags darauf wieder in voller Pracht zum Verweilen einzuladen.

Die Reihe City impressions verführt nicht nur mit den großformatigen, eindrucksvollen Bildern. Jeder Band – und so auch das Buch über Istanbul – hält kleine Alltagsgeschichten, die, obwohl fiktional, so echt wirken, dass sie jedem hier passieren können. Keine Dramen, die im Kino für Furore sorgen. Nein, es sind wahr erscheinende Geschichten, die die Protagonisten die Stadt mit anderen Augen sehen lassen. Und genau das passiert auch mit dem Leser! Istanbul zwischen Verfall und Boulevard der Eitelkeiten. Prallgefüllte Erinnerungsschatten und lichtstarke Ausblicke entblättern sich vor den Augen des Betrachters. Der Istanbul-Bildband der City-impressions-Reihe ist das erste Museum, das man mit geneigtem Kopf betritt und hoch erhobenen Hauptes verlässt. Man lehnt sich zurück und wünschte man wäre schon da.

Die endlose Stadt

Die endlose Stadt

Wo nichts ist, war nie was. Wo was war, sieht man. Was es war, versucht Holle mit der Kamera einzufangen. Sie ist Fotografin und lebt in Istanbul. Hier hat sie auch Celal kennengelernt, was sie nicht davon abhält – wie kann sich nicht erklären warum – Dr. Christoph Wanka interessant zu finden. Anziehend findet sie ihn nicht. Denn er lebt in einer anderen Welt. Vorstand. Die Kunst ist für ihn nicht Lebenselixier (wie bei Holle), sondern Gegenstand seines Status. Nicht aus Schwäche, nicht aus Resignation, sondern aus der Tatsache heraus, dass es in ihre Konzept passt, willigt sie ein, dass Wanka nach langem Drängen ihr einen Aufenthalt in Mumbai spendiert. Beide Städte sind vergleichbar und auch wieder nicht. Annähernd die gleiche Einwohnerzahl ist Istanbul mehr als achtmal so groß wie der indische Moloch. Wo eben noch etwas war, ist hier schon wieder etwas anderes. Anders als in Istanbul sind die Zeichen des Dagewesenen schnell verblasst. Holle verlässt Mumbai wieder Richtung Istanbul. Ihre Wohnung in Mumbai übernimmt Theresa. Sie ist Journalistin. Auch eine Künstlerin, aber eine, die im Korsett der Fakten und Deadlines gefangen ist.

Auch Theresa begegnet Dr. Wanka. Im Film wäre die Rolle des Wanka eine Nebenrolle: Was im Englischen als „supporting role“ bezeichnet wird. Eine Titulierung, die dem Charakter näher kommt. Die Namensähnlichkeit mit Willy Wonka aus „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ist beabsichtigt oder nicht. Im Film ist er die Antriebsfeder, in „Die endlose Stadt“ ist Wanka / Wonka Vehikel des Fortschritts. Beide Frauen begegnen ihm, ändern ihr Leben, folgen ihm und sagen sich von ihm los.

Istanbul und Mumbai sind der Ulla Lenzes Nährboden für die Schicksale zweier Frauen. Welche der beiden Städte die „endlose Stadt“ ist, bleibt dem Leser überlassen.  Der Roman ist keine leichte Kost für „mal eben zwischendurch“. Dafür sind die Charaktere zu ausgefeilt, zu komplex, zu streitbar. Die Abkehr vom Materialismus und der Zwang, sich mit der Bezahlung der Arbeit einen Lebensentwurf leisten zu müssen, wirft zahlreiche Konflikte auf. Ob lokal oder global, ist einerlei. Die Beschäftigung mit den Problemen lässt viele scheitern. Die Protagonistinnen sind sich noch nicht sicher, ob sie scheitern oder weitersuchen.

Unter dem Asphalt

Unter dem Asphalt

„Schatz, ich gehe mal ins Theater.“ „Gut, bringst Du mir bitte ein Glas Gurken mit?!“ – Was sich nach Witzparade im Ersten anhört, kann ich Neapel durchaus Realität sein. Denn durch die vielen Vulkanausbrüche baute man auf den Trümmern einfach die neue Stadtgeneration wieder auf. Und von so mancher Wohnung gelangt man direkt in ein römisches Theater.

Paris bietet schon seit Jahren Rundgänge durch die Katakomben der Stadt an. Schaurige Geschichten, Türme aus Schädeln und Gebeinen, stimmungsvolles Licht – auch unter dem Eiffelturm gibt’s Vieles zu entdecken. Die Location ist so angesagt, dass bis vor wenigen Jahren dort regelmäßig Underground-Parties stattfanden. Bis die Stadt die Eingänge verschweißte, zumauerte, anonymisierte.

Berlin ist seit 1997 dank des Vereins Berliner Unterwelten wieder eine geteilte Stadt: Oberirdisch und unterirdisch. Eine Viertelmillion Besucher durchforsten jedes Jahr Bunkeranlagen und einst geheime Gänge. Angelegt um vor den Bomben der Alliierten sicher zu sein (was ein Trugschluss war), sind die Agentengänge, Luftschutzbunker und anderen unterirdischen Anlagen heute eine echte Touristenattraktion.

Leoni Hellmayr hat sich die Erde von unten betrachtet. Sie traf bei ihren Recherchen auf übel riechende Rinnsale, auf prächtige Bauten und geschichtenerzählende Räume. Wer heutzutage eine Stadt, eine Metropole besucht, kratzt nur an der Oberfläche. Sämtliche Attraktionen, die man gesehen haben muss, liegen vor unseren Augen offen da. Wer in eine Stadt eintauchen will, muss sich in die Niederungen des urbanen Raumes begeben. Hier lauern an jeder Ecke Geschichten, die noch (wieder-)entdeckt werden wollen. Von Lima bis Tokio, von Moskau bis Neapel, von Istanbul bis Montreal.

Dem Leser wird schnell klar, dass er auf seinen Reisen das Eine oder Andere verpasst hat. Was bisher nur als Filmkulisse einigen bekannt war, wie die Zisternen von Istanbul in „007 – Liebesgrüße aus Moskau“, wird hier greifbar. Als kenntnisreicher Begleitband zu einem Reiseband ist dieses Buch beim nächsten Urlaub ein unverzichtbares Utensil!

Kleine Geschichte Istanbuls

Kleine Geschichte Istanbuls

Eine Stadt in Worte zu fassen, ihrem Lebenslauf darzulegen, ist eine schwierige Angelegenheit. Besonders, wenn sie seit über 2.000 Jahren existiert und ein so wechselvolle Geschichte wie Istanbul vorzuweisen hat. Brigitte Moser und Michael W. Weithmann haben sich der Mammutaufgabe gestellt und haben einen idealen Begleitband einer jeden Istanbulreise erschaffen.

Jeder kennt die Wahrzeichen der Stadt am Bosporus: Hagia Sophia, Blaue Moschee, die Bosporus-Brücke. Doch die Geschichten, die dahinterstehen, kommen oft zu kurz. Dabei sind sie erzählenswert. Auf den reichlich 180 Seiten erfährt der Leser schon vor der Abfahrt mehr über Istanbul als wenn er pauschal die Stadt erkunden will. Ein Flug nach Istanbul dauert mit Check-In und allem Drumherum ca. vier bis fünf Stunden. Stunden, in denen die Neugier auf den Zusammenprall von Orient und Okzident kaum noch auszuhalten ist. Hier eine Kontrolle, da eine Passage. Die Zeit sinnvoll zu nutzen, fällt wegen der Anspannung schwer. Mit diesem Buch im Handgepäck – Bücher sind allen Restriktionen nach 9-11 zum Trotz immer noch erlaubt – wird die unerträgliche Wartezeit zum Ausflug in eine andere Welt. Vor Ort kommt dem Reisenden der erweiterte Wissensschatz ab dem Flughafen zugute.

Selbst wer Istanbul nach eigenem Bekunden schon in- und auswendig kennt, wird hier noch die eine oder andere Anekdote herausfiltern können. Auf einzelne Geschehnisse einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Zum umfangreiche ist das dargebotene Wissen.

Eine Stadt, die sich Zeit ihres Lebens Angriffen erwehren musste, und dies öfter als andere auch erfolgreich tat, lebt vom Mythos ihrer Unbezwingbarkeit und ihrem reichen kulturellen Erbe. Istanbul ist somit eine der reichsten Städte der Welt. Vierzehn Millionen Einwohner erleben jeden Tag, was es heißt in einer so genannten Megacity zu wohnen. Noch einmal knapp 50 Prozent davon kommen jährlich als Touristen hinzu. Sie sind es, die den Ruhm Istanbuls in die Welt hinaustragen. Sie künden von erhabenen Bauten und lebhaften Plätzen, von einzigartigen Touren durch eine der faszinierendsten Städte weltweit und von den Hinterlassenschaften von knapp drei Jahrtausenden. Und ab sofort kennen sie außerdem noch die Hintergründe, dank dieses Buches haben sie das Wissen Geschichte einzuordnen und weiterzugeben.

Die Großstädter

Die Großstädter

Wie viel kostet es einmal um die Welt zu reisen? Der Betrag liegt bestimmt im fünfstelligen Bereich, meint man. Wenn nicht, dann wenigstens ein paar tausend Euro. 16,50 €, und keinen Cent mehr. Also etwas mehr als ein Taschenbuch. Doch 16,50 € für ein Taschenbuch, das einem rund um die Welt führt – und das mit den eloquentesten Metropolen-Guides, die man sich vorstellen kann – sind ein wahres Schnäppchen! Mit Ernest Hemingway durch Madrid, der Hauptstadt der Welt. Mit dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk durch Istanbul, der Perle zwischen Europa und Asien. Mit Pier Paolo Pasolini durch die Ewige Stadt Rom. Ja, das gibt es alles für nur 16,50 €!

Der Septime-Verlag (das E wird nicht weggelassen) hat mit diesem Buch aus der Reihe „Perspektivenwechsel“ ein Standardwerk für Capital-Touristen auf den Markt geworfen, das für eine sehr lange Zeit einen Maßstab bilden wird. Denn die hier versammelten Autoren überrumpeln den Leser nicht nur mit ihrer Sprachgewalt, sondern auch mit ihrem ganz besonderen Blick auf die Eigenheiten einer jeden Metropole. Diese Eigenheiten sind offensichtlich, dennoch nicht für jeden erklärbar.

Wenn 007 in New York ist, diniert er im „Astor“. Das Rezept für das Rührei „James Bond“ liefert sein geistiger Vater Ian Fleming gleich mit. Eine echte Cholesterin-Bombe. Was sonst, Bond ist schließlich Agent mit der Lizenz zum Töten.

Arezki Mellal zeigt dem Leser seine Hauptstadt. Mellal ist Algerier und in Algier sind alle Fenster gen Meer ausgerichtet. Eine Tatsache, die man als Tourist eher unterschwellig wahrnimmt. Ines Sommer und Betty Kolodzy nehmen Berlin unter die Lupe, Ost und West. Des Weiteren geht die Reise nach Mexiko-Stadt, Prag, Lissabon, Buenos Aires, Wien … also einmal rund um den Erdball. Wen da nicht das Reisefieber packt, der kann sich für 16,50 € Bier und Knabbereien besorgen und es sich auf der Couch gemütlich machen. Für alle anderen besteht akute Reisewarnung! Dieses Buch macht süchtig nach Erlebnissen wie sie die Autoren beschreiben. Menschen formen eine Metropole, die Metropole formt den Menschen. Es ist ein Geben und Nehmen. Die Autoren geben ihr Bestes, die Besucher nehmen die Worte an und begeben sich zuerst lesenderweise auf Weltreise, um anschließend eine weltumspannende Kur zu unternehmen.

Individualtouristen, die ihre Weltreise online zusammenstellen, sei angeraten, das Buch immer am Mann zu haben. So viel Erfahrungsschatz zieht Diebe an…