Archiv der Kategorie: Jedem die Seine

Paris Hauptstadt Eiffel Eiffelturm Seine Montmartre Montparnasse

Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht

Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant. So einen kann man doch gar nicht nett finden oder gar mögen. Semjon Golubtschik ist so einer. Mittlerweile lebt er in Paris. Auf Geheiß der Partei, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, irgendwann in der 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das Tari-Bari ist der Ort, in dem man sich trifft. Kaschemme, Lokal, Bar – auf alle Fälle ist es hier dunkel, grau, verraucht, düster. Auch die Besucher, meist Emigranten aus aller Herren Länder, meist Russen, sind grau, verbraucht, runtergekommen, desillusioniert. Und wenn einer bunt, kann man davon ausgehen, dass man ihn kennt.

Der Erzähler wohnt direkt gegenüber des Tari-Bari. Man kennt ihn. Er ist Stammgast. Ist ein bunter Vogel. Nur ungern gibt er sich als Russe zu erkennen. Zu viele Spitzel. Außerdem könnte man ihn als Spitzel ansehen. Doch dann schnappt er – schließlich spricht er russisch – ein paar Wortfetzen auf. Mörder! Dieses Wort lässt ihn aufhorchen und sich umdrehen. Da hinten, das ist der Mörder. Ein Mörder? Unter uns? Es ist Semjon Golubtschik.

Ehe sich alle versehen, scharen sie sich um Semjon. Und der hat endlich genug von seinem Leben und gibt selbiges zu Besten. Alle sind gespannt auf seine Geschichte. Eigentlich heißt er Krapotkin. Sein Blut ist blau, da sein Papa, besser gesagt, sein Erzeuger, ein Fürst war. Eben ein Krapotkin. Wohlhabend, adelig und keinem amourösen Abenteuer abgeneigt. So kam es auch, dass er der Mutter von Semjon Golubtschik über den Weg lief. Und siehe da, schon kurze Zeit später – neun Monate (!) – war der kleine Semjon geboren. Sein Vater, der Förster, zog Semjon nach seinen Vorstellungen groß. Warum auch nicht, Semjon ist ja sein Sohn.

Schon früh lernt Semjon, dass nicht der Förster, sondern der Fürst sein Vater ist. Alt genug eigene Entscheidungen treffen zu können, stellt er sich ihm vor. Im Schlepptau hat er einen gewieften Geschäftsmann aus Budapest. Der ihn immer wieder ermuntert sein Pläne für die Zukunft in die Tat umzusetzen. Nicht ganz ohne Eigennutz. Der Fürst empfängt den Zögling, speist ihn allerdings nicht minder geschwind mit einer Art Abfindung und abschiedsgrußlos ab. Als Geheimpolizist macht Semjon dann rasch Karriere.

Der Abend verfliegt, die Geschichte wird immer schauriger. Bis Semjon zum Kern des Pudels vordringt: Dem Mord. Oder war es mehr als einer?

Joseph Roth malt mit Worten ein düsteres Bild eines düsteren Menschen. Die Golubtschik / Krapotkin ist keiner, den man sich gern zum Feind macht. Ist er ein Opfer der Umstände oder bringen eben diese Umstände nur das Schwärzeste in ihm ans Tageslicht? Fasziniert und gebannt hechelt man der nächsten Perfidität des Widerlings hinterher. Denn man weiß, dass die Geschichte immer weiter gehen wird…

Klaus Waschk malt mit groben Linien ein nicht minder düsteres Bild. Genauer gesagt sind es fünfzig Bilder. Schroff, fast ausnahmslos Kohlezeichnungen, bieten sie dem Leser eine Leben dar, das gänzlich auf ehrliche Gefühle verzichtet. Der Drang sich selbst in ein Licht zu setzen, das weder strahlt noch eine glänzende Aura verströmt, lässt nur diese eine Art der Illustration zu. Eindrucksvoll und pointiert sind sie mehr als nur Beiwerk, sie sind die ideale Ergänzung zu Joseph Roths einmaliger Erzählweise.

Am Horizont der Meere

Die starke Frau an der Seite, vor oder doch hinter dem übergroßen Dali? Oder doch hübsches Anhängsel? Oder gewiefte Geschäftsfrau? Helena Diakonova kam nicht mit dem goldenen Löffel im Kindermund zur Welt. Der Familie ging es gut, im zaristischen Russland als sie 1894 in Kasan zur Welt kam. Kaum vor dem Gesetz erwachsen, muss sie ins schweizerische Davos reisen. Zur Kur. Doch sie stirbt fast, vor Langeweile. Wären da nicht ihre Bücher – u.a. Anna Karenina – die blühende Schönheit würde bei klarer Bergluft eingehen wie Zimmerpflanzen, die man nicht gießt.

Als Wasserspender – bleiben wir bei dem Sprachbild –  erweist sich alsbald der junge Paul. Er liest ihr vor, umgarnt sie, beide sind sich sicher, dass sie ohne den Anderen nicht sein können. Doch der Kanonendonner dröhnt schon aus der Ferne und als die Kur der beiden vorbei ist, rasseln die Säbel und Panzerketten im Gleichklang. Mit Energie und Enerviertheit gelingt es Helena, die sich nur allzu gern Gala nennen lässt, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass Paul im fernen Paris der Eine für ihre Zukunft ist. Helsinki, Schweden, England sind ihre Zwischenhalte auf dem Weg in ihre persönliche Freiheit. Paul, Paul Éluard, der Dichter, stammt ebenfalls aus nicht gerade ärmlichen Verhältnissen. Auch seine Eltern haben Vorbehalte gegenüber der Auserwählten. Schließlich ist Krieg!

Aus Helena und Paul wird das Ehepaar Gala und Paul Éluard. Sein mühsam erdichtetes Geld steckt der ruhelose Künstler in Kunst. Picasso (echt) hängt an der Wand wie anderenorts heutzutage Billard spielende Hunde. Gala ist willkommen im Kreis der Bohème von Paris. Und sie strahlt über beide Ohren ob dieses Umstandes. Als Dada die Kunstszene Europas durcheinanderwirbelt, sind Breton und Paul engste Vertraute, Freunde, Tippgeber, Anstupser … und Paul auch der Vater ihrer Tochter. Mit der kann Gala allerdings wenig anfangen. Sie wächst den größten Teil ihrer Kindheit bei Pauls Eltern auf.

Paul stellt Gala Max Ernst vor. Ein begnadeter Künstler wie Paul meint. Gala findet das auch, wird seine Muse und ein bisschen mehr. Paul ist gekränkt, aber im gleichen Maße weiterhin in Gal verliebt. Als ihm die Luft zum Atmen dennoch geraubt wird, flieht er. Gen Westen, bis in die Südsee. Gala wagt einen letzten Versuch ihre Ehe zu retten. Von Liebe keine Spur, Zusammengehörigkeits- und Pflichtgefühl sind der Kitt, der beide zusammenhält. Paul begeht ein weiteres Mal den Fehler Gala einem begnadeten Künstler vorzustellen. Doch dieses Mal wird Gal nicht mehr zu Paul zurückkehren. Denn der Mann, den sie am Strand in Spanien trifft, der so penetrant nach Ziege stinkt, ist Salvador Dali. Aufstrebender Star der Surrealisten. Er wird den Surrealismus an sich reißen, dass neben ihm nur noch Platz für Trittbrettfahrer sein wird. Gala sieht die Chance sich zu verwirklichen und Dali zu einer Marke zu machen.

Unda Hörner strickt den durchaus nachvollziehbaren Fakten des Lebens von Gala Dali ein feines Gewand das so luftig-leicht daher kommt wie selten eine Romanbiographie zuvor. Dabei verzichtet sie auf die Klischees, die unweigerlich mit dem Namen Dali einhergehen. Die Biographie endet an dem Zeitpunkt als Gala und Salvador aufeinandertreffen. Alles, was sie bis zu diesem Treffen ausmachte, nennt man Leben. Und genau um dieses Leben geht es der Autorin. An ihrem 125. Geburtstag am 7. September 2019 gedenkt man vielerorts Gala Dali. Diese Biographie wird dem Einfluss Galas auf die Kunstwelt mehr als gerecht.

Le spleen de Paris – Der Spleen von Paris

Der Sommer 2017 brachte der Literaturwelt und ihren Lesern ein besonderes Stück Weltliteratur zurück in die Herzen: Die Neuübersetzung von Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“.  Ein Buch, eine Gedichteflut voller Hingabe, die auch diejenigen überzeugte, die mit Gedichten nicht allzu viel anfangen konnten. Jetzt durften sie sich in die Schar derjenigen einreihen, die dem großen – zu Lebzeiten verkannten, verhassten und gescholtenen – Autor nun für immer folgen würden.

Der Sommer 2019 vervollständigt nun das Bild des Charles Baudelaire und seiner Kunst der wohligen Worte. Man muss kein Prolet sein, um Missstände direkt anzuprangern. Man muss nicht immer hinter vorgehaltener Hand das Offensichtliche, doch Unaussprechliche nach außen tragen. Baudelaire kannte keine falsche Scham. Ekstase und Kontemplation waren für ihn nicht einerlei, sondern zart verwobene Tatsachen, die einträchtig Hand in Hand gingen, sich umschlangen und sich nicht darum kümmerten, wer da pikiert zur Seite schaut.

Charles Baudelaire bezeichnet man als Erfinder der Prosalyrik. Nun, wer immer noch meint, dass Gedichte sich auf Teufel-Komm-Raus reimen müssen, der wird an diesem Werk keine Freude haben. Wer sich auf die kurzen Texte einlässt und sich Wortwucht erfreuen kann, kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Der Titel „Der Spleen von Paris“ ist vielleicht ein wenig irreführend. Denn so spleenig sind die Pariser auch wieder nicht. Jede Stadt, jedes Land hat seine Eigenarten – das nennt man Kultur. Das Bild von Baudelaires Kunst wird durch diesen Band abgerundet und in gewisser Weise abgeschlossen. Wieder entdeckte Gedichte genießen denselben Stellenwert wie Gedichte, die ihm zugeordnet werden sowie seine frühen Werke und die namensstiftenden Gedichte, die unter dem Titel „Le Spleen de Paris“ bekannt wurden. In ihnen eingeschlossen sind das Stück „Idéolus“ und „Die Fanfarlo“, eine Novelle, die persönlicher kaum sein kann.

Wer sich in die Seiten vertieft, kommt unweigerlich in Gedanken in der französischen Hauptstadt an, auch ohne sie je besucht zu haben. Parkanlagen, dunkle Kemenaten und zwielichtige Bars sind das Terrain von Charles Baudelaire. Über fünfhundert Seiten – zweisprachig, was den Reiz des Lesens durchaus verstärkt, auch wenn man des Französischen nicht mächtig ist – ziehen den Leser in eine Welt, die seit mehr als hundert Jahren Geschichte ist. Heute ist Paris laut, überlaufen und Karneval der Eitelkeiten. Letzteres war es übrigens auch schon zu Baudelaires Zeiten. Wer sich die Mühe macht ein ruhiges Plätzchen in Paris zu suchen (schwer, aber nicht unmöglich – ganz früh auf den Stufen von Sacre coeur) und auch nur ein wenig die Augen über diese Zeile fliegen zu lassen, versteht warum beispielsweise Jim Morrison von den Doors einst Paris als letztes Exil sich suchte. Dank der Übersetzung von Simon Wehrle ist Paris, ist Baudelaire um ein Geheimnis ärmer. Aber der Leser um ein Vielfaches reicher geworden.

Ich schreibe aus Paris

Korrespondenten haben einen tieferen Einblick in etwas Fremdes mit Sichtweise von außen. Sie vermitteln Eindrücke, stellen Zusammenhänge, berichten aus fernen Ländern. Ohne sie wäre man gefangen in der eigenen kleinen Welt.

Helen Hessel war so eine Korrespondentin, die der Frau zuhause (in Deutschland) die große weite (Mode-) Welt zeigte. 1912 ging sie nach Paris. Dort lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel, den sie im Folgejahr heiratete. Es begann eine wilde Zeit, die von Francois Truffaut in „Jules et Jim“ so nachhaltig verfilmt wurde. Mit dieser Kurzbiographie wird man der Autorin Helen Hessel aber keineswegs gerecht.

Zwischen 1921 und 1938 war sie Auge und Ohr der deutschen (modebewussten und emanzipierten) Frau in der Hauptstadt der Welt, Paris. Und das immer mit fesselnder Neugier und einem zwinkernden Auge. Ein bisschen Modevorbildung wäre nicht schlecht – wer meint, seine Vorstellungen von Mode würden mit fünf Folgen Shopping Queen vollständig sein, kommt schon auf den ersten Seiten gewaltig ins Trudeln. Wer weiß schon was Foulard ist, was ein Coupeur so alles tut oder was well groomed bedeutet? Aber auch ohne entsprechendes Vokabular – das kann man alles nachschlagen – wird man sich in diese Auswahl von Artikeln sofort verlieben. Denn Mode kommt nie aus der Mode. Und die Beschreibung der selbigen wird trotz inflationärer „Ach wie spannend“ oder „Find ich mega“ ist niemals von gestern.

„Ich schreibe aus Paris“ erinnert an ein altmodisches Reportageformat, in dem dieses Genre noch von enthusiastischen Könnern ihres Faches in Höchstform gestaltet wurde. Helen Grund – sie schrieb damals schon wieder unter ihrem Mädchennamen, wer „Jules et Jim“ gesehen hat, weiß warum – wäre heute eine Influencerin ersten Grades, die selbst Anna Wintour (Chefin der amerikanischen Vogue, ihr Urteil wird in der Modebranche gefürchtet wie geliebt)  vor Neid erblassen lassen würde.

Helen Hessel aka Helen Grund weiß aber nicht nur Modetrends zu erkennen und zu beschreiben. Ganz Paris ist ihre Bühne. Von soldatischen Uniformen bis hin zum Finale von Roland Garros (zwischen William Tilden und René Lacoste – da ist sie wieder, die Verbindung zur Mode) findet sie hier ihre Bühne, von der sie in ihre alte Heimat berichtet. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das jeden fesselt und dankbar sein lässt, dass Helen Hessels Texte doch nicht endgültig im Nirvana der Zeitungsarchive zu Staub werden.

Pariser Romanze

Stahlgrollen und Erdfetzen im Gleichklang mit dem sanften Wiegen der Baumkronen im Wind und der Ruhe vor dem Sturm. Arnold Wächter ist im Krieg. Und wenn der Wind leise durch die Natur schwebt, nutzt er die Zeit seinem Freund Claude Briefe zu schreiben. Er beklagt sich nicht über Kommissbrot, dreckige Uniformen und die Angst vor den Bomben. Er erinnert sich lieber an Paris. Denn diese Stadt hat ihn an- und er sie ausgesogen.

Paris ist für Arnold Wächter zweite Heimat geworden. Der Name lässt es vermuten, er ist Deutscher und hat sein Heimatland verlassen. In Paris lernt er Lotte kennen. Sie will malen, und er wird ihr seine Stadt zeigen. Das fast schon verklärte Paris der Künstler, in dem Drogen und zwanglose Beziehungen zum guten Ton gehören wie der Dame die Tür aufzuhalten.

Diese Erinnerungen an Paris, die er Claude  schreibt, sind eine Liebeserklärung. Paris als Stadt der Fremden, die Paris formen und die diese Fremden, besonders die Deutschen, anspuckt. Dieses Paris spuckt aber auch einen künstlerischen Ausdruck aus, der nach dem Krieg nie wieder so stark zu hören sein wird wie vor 1914. Das ist dem Ich-Erzähler Wächter klar. Wehmut? Keineswegs! Wenn dieser widerwärtige Krieg zu Ende ist, wird Paris für ihn wieder Paris werden. Allerdings ohne Lotte. So viel steht fest.

Franz Hessel und Arnold Wächter haben viel gemeinsam. Sie zog es weg aus der grauen Enge ihrer deutschen Heimat in die Weite der Weltstadt Paris. Apollinaire und Picasso gehören hier zum Inventar wie Champagner und Baguette im Café um die Ecke. Es ist die Leichtigkeit der Zeilen, die den Leser nach der letzten Zeile fasziniert zurücklässt. Doch der Leser ist nicht allein. Er weiß, dass Franz Hessel die gleich Sehnsucht nach Sein, Montmartre, Montparnasse und niemals ruhen lassen wird. Dieses Paris – und da hatte Hessel leider vollkommen recht – ist heute ein anderes Paris. Es sind andere Schätze, die den Besucher anziehen. Umso verlockender diese Erinnerungen an Paris vor den großen Kriegen, die so viel veränderten.

Und bevor jetzt Zyniker die Bühne betreten, sei allen Lesern versichert, dass nicht der Krieg diese wunderbaren Erinnerungen hervorruft, sondern nur ein Könner seines Fachs wie Franz Hessel solche Schätze entwerfen konnte.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Schuld und Gewissensbiss

Es ist nicht das glamouröse Paris, in dem Pierre mit seiner Violette spaziergeht. Unaufhörlich fällt der Schnee, was nicht der Grund für die fehlende Noblesse der Stadt ist. Vielmehr sind es die Ausweglosigkeit und das Wissen darum, dass sich Auswege einem niemals zeigen werden, sondern, dass man sie suchen muss. Violette ist verschüchtert, eingeschüchtert. Brav tippelt sei ein paar Schritte hinter Pierre. Er sieht sich als Verlierer. Sie pflichtet ihm bei. Er will jede sich bietende Möglichkeit nutzen seinem Leben eine andere Wendung zu geben, nutzen. Sie glaubt ihm und pflichtet ihm abermals bei. Zwei, die im Schnee sanfte Pläne schmieden, doch insgeheim wissen, dass es nur Phantasien bleiben werden und die Lippenbekenntnisse ihren Träumen niemals Flügel verleihen werden.

Ein kleiner Mann tritt herbei. Ein Redeschwall prasselt auf das Paar ein. Auch er war einmal voller Hoffnungen. Damals, vor den Wahlen. Und jetzt? Alles vorbei! Pierre platzt der Kragen. Er drückt den kleinen Mann gegen die Wand. Der Schreck fährt ihm in die Glieder, als der kleine Mann reglos in der Ecke liegt. Ist er tot?

Die Gewissensbisse nagen am zerbrechlichen Nervenkostüm Pierres. Er stellt sich den zufällig ihm entgegenkommenden Polizisten. Die suchen schon nach ihm. Beziehungsweise nach einem Dieb, der zusammen mit einer jungen Dame Schreckliches getan hat. So trist der Himmel über Paris scheinen mag, so sehr blendet Pierre das Licht, dass aus der Dunkelheit des Alltags ihm entgegen scheint. Es gibt nur einen Ausweg: Schuld bekennen, und die Gewissensbisse werden verschwinden. Doch Paris hat anderes mit ihm vor…

Die Figuren in den Geschichten von Emmanuel Bove haben das Glück nicht gepachtet. Sie plagt Schuld – wie in dem gleichnamigen Kurzroman. Gewissensbisse erinnern sie an ihre menschliche Gestalt. Klopft das Glück an ihre Tür, klopft ihr Herz heftiger als je zuvor. Kommt nun die Sühne? Droht Strafe?

Emmanuel Bove selbst schrieb in den 20er und 30er Jahren wie ein Besessener. Begegnete er einer Geschichte, musste er sie niederschreiben. Doch selbst der mit 50.000 Francs dotierte Prix Figuière brachte ihm kein (finanzielles) Glück. Alimente und die Pleite der Bank seiner zweiten Frau ließen ihn nicht ruhen. Er starb Mittle Juli 1945, sein Grab auf dem Friedhof Montparnasse liegt in der Familiengruft seiner Frau.

Die in diesem Buch zusammengefassten neun Geschichten und der einleitende Kurzroman geben einen tiefen Einblick in das Schaffen dieses zwischen Faszination hervorrufenden und dennoch fast unbekannten Autors wieder. Der elegante Einband – Halbleinen – steht im Widerspruch zum einfachen Leben der Hauptprotagonisten. Ein Sinnbild für Emmanuel Bove: Als Autor frei im Tun, doch im ständigen Kampf um Anerkennung und den ersehnten (auch finanziellen) Ruhm. In der Außenwirkung elitär, im Inneren ein Kleinod an Sprachgewalt im Milieu der Außenseiter.

Modigliani, mon amour

Es gab keinen besseren Zeitpunkt sich über den Weg zu laufen. Dicke, graue Wolken hingen unbeweglich über Paris. Europa erstickte im Pulverdampf, der aus den Schützengräben quoll. Jeanne Hébuterne ist Kunststudentin an der Academie Colarossi. Und da begegnet ihr Amadeo Modigliani. Das Grau ist auf einmal, und nur für kurze Zeit wie weggeblasen.

Obwohl vierzehn Jahre Altersunterscheid, sie gerade mal 18, er 32, sind sie im Geiste vereint. Ihre Welt ist zu klein. Sie stammt aus einer Familie, deren Sittenstrenge mehr bedeutet als alles andere. Er stammt aus gutbürgerlichem jüdischem Hause. Beide haben keine Beziehung zu Geld, sie haben keines. Eine Skizze für einen Wermut, so machen Wirt des „La Rotonde“ und der Maler jeweils ihren Schnitt. Und Jeanne? Ihr über alles geliebter Bruder André ist im Krieg. Er brachte sie zur Malerei, unterstützte sie in dieser Flucht vor der Langeweile.

Amadeos und Jeannes Beziehung steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Er ist zornig, meist betrunken. Sie ist vorsichtig, doch kann sich dem Charme des Künstlers nicht entziehen. Nur André zieht Jeanne wie an einem unsichtbaren Gummiband immer wieder zurück zur Vernunft. Denn tief im Inneren weiß sie, dass sie Modigliani nicht gerecht werden kann. Er behandelt sie nicht so wie man eine Lady behandeln soll. Seine Liebesschwüre erschauern wie Befehle. Selbst eine Einladung zu einem Ball kann sie nicht ablehnen, weil sie seiner Vehemenz nichts entgegen zu setzen hat. Zwischen Picasso, Soutine, Cendrars, Jacob und Cocteau wirkt sie verloren. Nur Modigliani kann sie in seiner unverkennbaren Art befreien. Sie werden ein Paar.

Seine Anfälle, seine Affären, die Ablehnung Modiglianis von ihrer Familie gehen nicht spurlos an ihr vorüber, doch sie steht zu dem Mann, dessen Erscheinung sie damals in der Academie wie der Blitz traf. Das Leben ist hart. Modigliani wird einmal berühmt sein, und reich. Das behaupten alle in seiner Umgebung. Seine Zeit ist aber noch nicht gekommen.

Olivia Elkaim gibt der letzten Muse Amadeo Modiglianis ihr Leben zurück. Als er zu Beginn des Jahres 1920 auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise begraben wird, steht die Künstlerelite Spalier. Kurz darauf wird sie begraben. Sie sie Mutter seines Kindes. Nicht verheiratet. Angefeindet. Kein Pomp, kein Prunk, nicht einmal derselbe Friedhof. Allein gelassen wie eh und je.

„Modigliani, mon amour“ ist der Inbegriff der traurigen Liebe. Eine Frau, die alle Unwägbarkeiten beiseite wischt, um ihn zur Seite stehen zu dürfen. Er verachtet sich und die Welt, ist unfähig wahre Zuneigung zu zeigen. Das Leben der Bohème war nicht romantisch, es war hart. Aber vor allem eine emotionale Qual.

Paris, Exil

Es gab eine Zeit, in der Paris die Stadt des Lichts war, nicht, weil sie so wundervoll des Nachts erstrahlte, sondern weil hier der Funke Hoffnung noch ein wenig Erhellung im wahrsten Wortsinne versprühte. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Lichter ausgingen. Wer fliehen konnte, tat es. Nicht wenige strandeten in der Seine-Metropole. Doch wie sollte es nun weitergehen?

Joseph Roth, Walter Benjamin, Hans Sahl oder Anna Seghers waren keine Auswanderer wie man sie heute im Fernsehen beim Scheitern und Sich-Wundern bestaunen / belächeln kann. Ihre Gedanken, ihre Schriften waren Gift für die neuen Herren und ihre neue Zeit. Doch auch in der Fremde war es nur allzu natürlich nach Essen, nach einem Dach über dem Kopf zu lechzen.

Judith N. Klein macht sich auf Spurensuche. Doch nicht der vor ihr liegende Weg ist das Ziel. Vielmehr hält sie eine literarische Rückschau auf dem Stadtplan von Paris. Während sie zielstrebig vom Leseplatz der Bibliothek aufbricht, stößt sie auf Hinterlassenschaften, erinnert sich an Textpassagen und ihr eigene Familie. Auch ihre Vorfahren flohen vor dem Terror der „Heimattreuen“. Es entsteht ein seltsam beklemmendes Gefühl. Paris als Sehnsuchtsort, als urlaubskassenplündernder Großstadtdschungel, der im Mix der Kulturen seine ganze Kraft entwickelt, wird zum Exilantenteppich, der einfach nicht abheben will. Dernier arrêt Paris.

Ihrer Verzweiflung machten die Autoren, die zwischen 1933 und 1940 Paris als Rettungsanker wahrnahmen, in ihren Schriften Luft. Kaum was zu essen, der eigenen Wurzeln beraubt, haltlos im Sturm, der über Europa toste. Immer wieder brennt Judith N. Klein dem Leser die Landmarken der Verdammnis ins Gedächtnis.

Ein Wanderführer ist dieses Buch keineswegs, sollte es auch nie werden. „Paris, Exil – Mehr Wandern als Wohnen“ der Untertitel nimmt es vorweg handelt vom Fortschritt, auch wenn der nicht immer gleich ins Auge sticht. Doch jeder Tag Leben, hieß zu dieser Zeit ein Tag mehr, Fortschritt. Das Buch rüttelt an den Nerven. Denn auch heute noch ist Paris Zufluchtsstätte für Gestrandete und Auswanderer wider Willen aus dem In- und Ausland.

Paris, Mai ’68

Anne Wiazemsky ist Cineasten ein Begriff. Als Schauspielerin, die mit Robert Bresson, Pier Paolo Pasolini und Jean-Luc Godard arbeitete, mit dem sie auch verheiratet war. Auch als Schriftstellerin machte sie sich einen Namen.

Das Jahr 1968 beginnt wie jedes andere auch für die junge Schauspielerin, die – gerade mal zwanzig – in Jean-Luc Godard die Liebe gefunden hat. Ihr Leinwandstern beginnt gerade richtig zu funkeln als in Paris erste Unruhen das öffentliche Leben zu stören beginnen. Im Frühjahr eskaliert die Gewalt auf den Straßen. Das Pflaster wird aufgerissen, um den Strand ans Licht zu holen. Knüppel und Schutzschilde auf der einen, Tücher vor dem Mund und eindeutige Parolen auf der anderen Seite. Und mittendrin ihr Gatte. politisiert, angestachelt von Kameraden und dem Drang mitzugestalten.

Jean-Luc Godard ist nun nicht mehr nur die Ikone der nouvelle vague, sondern will in die erste Reihe der Kämpfer hervorstoßen. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne großes Grübeln über die Wahl der Worte, sehr wohl aber der Waffen, stürzt er sich ins Getümmel. Wer Widerworte gibt, bekommt die volle Breitseite seines Wortschatzes zu spüren. Unversöhnlich ist er. Nur gegenüber Anne ist er ab und an ein wenig zahmer.

Für sie ist der Mai 1968 ein Wendepunkt. Mit aller Macht wird sie in die Unruhen, die Kämpfe, die politischen Agitationen hineingezogen, obwohl ihr Filmemachen näher ist als der gesellschaftliche Umsturz. Bernardo Bertolucci macht ihr Offerten für einen Film. Die Beatles, wollen mit Godard drehen. Die Stones drehen mit Godard.

Filme werden radikaler, die Kunst einmal mehr als Waffe installiert. Wirtschaftlich weitgehend abgesichert, lässt es sich besser kämpfen als mit knurrendem Magen. In der Wohnung von Jean-Luc Godard und Anne Wiazemsky tummeln sich die Agitatoren. Sie ekelt sich vor ihrer rüden Sprache, ihrem ungepflegten Aussehen, kann ihrer Logik nicht folgen. Jean-Luc ist Feuer und Flamme, stößt alte Weggefährten vor den Kopf. Die Ehe wackelt und wird bald schon vor dem Aus stehen. Doch darüber wird sie niemals schreiben. Da bleibt sie sich treu.

„Paris, Mai ‘68“ ist kein aufwieglerisches Manifest, das zum Kampf aufruft. Es sind Memoiren einer Frau, die in einen Kampf hineingezogen wurde, der nicht der ihre war. Sie gibt einen Einblick in Kreise, die ihr eigenes Leben führen. Elitär – ja, aber stets darum bemüht dem wahren Leben auf der Straße nicht mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Daniel Cohn-Bendit, François Truffaut und Bruno Cremer treten in Episoden auf wie der Nachbar von nebenan, den man an der Supermarktkasse trifft. Gespickt mit Anekdoten, die das Lesen dieses ernsten Textes immer wieder auflockern, zeigt Anne Wiazemsky ihre Sicht auf die Dinge im Mai ’68 und die darauf folgende Zeit.