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Wien Schmäh Hauptstadt capitol

Expeditionen ins dunkelste Wien

Wien von unten! Eine Rundreise durch das Wien, das keiner kennt. Und die, die es kennen, wollen es am liebsten vergessen. Max Winter galt als Pionier der Sozialreportage. Doch seine Recherchen führte er nicht mit gespitztem Bleistift und Notizblock durch. Er warf sich in Schale, um unter denen, die das dunkle Wien kannten und prägten, nicht aufzufallen.

Tarnung nennt man das. Und so steigt er in die Kanäle der Stadt hinab, nicht um „mal was anderes zu sehen“ (und dann daraus eine Reisereportage zu machen), sondern um denen, deren Tagesgeschäft dieser (Hin-)Abgang ist, über die Schulter zu schauen, mit ihnen auf Nahrungsjagd zu gehen, ihrem Broterwerb nahe zu sein.

Wien ist oben, unterm Himmel, eine Stadt voller Impressionen. Herrschaftliche Häuser und Paläste, elegante Boulevards, gediegene Kaffeehauskultur. Doch wo Licht, da auch Schatten. Die Reportagenauswahl in diesem Buch, Max Winter hat weit über tausend in seiner Karriere geschrieben, ist ein Querschnitt seiner Arbeit. Und zudem eine Sozialkritik an den Zuständen ganz unten. Was Günter Walraff für das Nachkriegsdeutschland ist, war Max Winter für die österreichische Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Für Max Winter waren Reportagen nicht nur Abbildungen der Wirklichkeit. Die kann man auch am Schreibtisch kreieren. Er ging voran, hinab, meist in Verkleidung. Die Ursachen des Lebens am unteren, äußeren Rand mussten erforscht, interpretiert und veröffentlicht werden. Als Chefredakteur einer Arbeiterzeitung sah er es als seine Pflicht an, denen eine Stimme zu geben, deren Hilferufe im Ansatz erstickt wurden.

Aus heutiger Sicht lesen sich die einzelnen Schicksale wie gerade erst geschrieben, obwohl sie ein Jahrhundert, zumindest aber fast so alt sind. Die Vehemenz der Worte, die unverstellte Sprache, der Wiener Dialekt, die schonungslose Offenheit, die unverblümte Wahrheit schockt den Leser. Von Seite zu Seite wünscht man sich die Helden in eine bessere Zeit versetzt. Man wünscht ihnen ein happy end. Doch alles ist echt. Nichts wurde hinzugedichtet. Das Licht am Ende des Tunnels ist nicht mehr als die Reflektion des Sonnenlichts durch die Öffnungen der Kanaldeckel.

Max Winter starb 1937 verarmt, verlassen und gekränkt in Amerika. Er floh vor den drohenden Konsequenzen, die ihm seine Texte bescheren würden. Zuvor war er Abgeordneter in Wien, sogar Vizebürgermeister.

Kurz nach dem Krieg wurde ein Platz nach ihm benannt, im zweiten Bezirk, Leopoldstadt. Gleich neben einem Park, der seinen Namen trägt. Eine Volksschule ist in unmittelbarer Nähe sowie Hotels. Eine Gegend, die Max Winter gefallen hätte.

Horak hasste es, sich zu ärgern

Wie die drei Affen: Nicht sprechen, nichts sehen, nichts hören! Erwin Horat ist deren fleischgewordene Phantasie. Am liebsten ist es ihm, wenn man ihn gar nicht wahrnimmt. Es sei denn er will im Café Hummel was zum Essen bestellen. Oder ein Achterl Roten. Ab und zu ein Kartenspiel mit seinem Freund geht ja noch. Ansonsten soll man ihn einfach ignorieren.

Elfriede ist nun auch schon seit geraumer Zeit Stammgast im Café Hummel im Achten, in der Josefstadt. Geschieden ist sie. Traurig ist sie deswegen nicht. Ihre forsche, manchmal mädchenhaft naive Art ist der Türöffner zu den Seelen der Menschen.

Es ist ein heißer Sommer in Wien. Alles strömt in den Schatten und am Abend ins Café Hummel. Kein Platz mehr frei. Für Horat kein Problem. Seit Jahrzehnten pflanzt er sich abends hier nieder, liest die Zeitung und ist der glücklichste Mensch der Welt, wann man ihn in Ruhe lässt. Doch diesen Gefallen tun ihm die Menschen so gut wie nie. Das Leben hupt, lärmt, blendet. Horat grantelt. Für Ärger hat er keine Zeit, steht ihm nicht der Sinn. Doch Elfriede könnte es durchaus schaffen ihn aus seinem Schneckenhaus heraus zu granteln. Sie findet keinen freien Platz im Lokal und fragt Horak, ob sie nicht bei ihm sitzen könne. Sie solle bestellen, essen, verschwinden. Letzteres als Erstes, aber das ist Wunschdenken und Elfriede ist weit davon entfernt dem knurrigen Alten um den Bart zu gehen.

Jeder kennt einen oder mehrere Menschen, denen man lieber aus dem Weg geht. Unsympathisch ist da noch geringste Attribut, das man ihnen geben möchte. Horak ist so einer. Doch in seiner Ungeselligkeit ist er kein aufbrausender oder gar cholerischer Zeitgenosse. Selbst dazu ist er einfach zu unumgänglich. Zu Hass ist er nur fähig, wenn er ihn nicht offen zeigen muss. Erwin Horak reicht Elfriede Steiner ungewollt den kleinen Finger. Und sie? Sie nimmt gleich die ganze Hand! Horak steckt in der Falle seines glückseligen selbstgewählten Gefängnisses.

Sportlicher Ehrgeiz, weibliche Neugier – wie auch immer man es nennt –  Elfriede beißt sich in Horak fest. Ob es ihm nun passt oder nicht. Ihn zu knacken, wird zu einer Art zeitlich begrenzter Lebensaufgabe. Oliver Hardy dreht in „Auf See“ vollkommen durch, wenn er Hörner und Hupen hört. Pogo ist das Ventil, mit dem Punks aus der Haut fahren. Und Professor Horak? Er schaut gerade mal verächtlich mit einem Auge hinter der Zeitung hoch. Das stachelt die unermüdliche Menschenfeundin aber nur noch mehr an. Kein noch so harte Kante kann sie verletzen, kein noch so böses Wort ihr Herz ritzen, keine noch so verächtliche Geste ihren Lebensmut mit Angst erfüllen. Die Herzensgüte in Person. Dabei ist sie eigentlich genauso stur wie Horak: Er will partout in Ruhe gelassen werden. Und mit derselben Enerviertheit will und kann sie nicht verstehen wieso ein Mensch unbedingt allein sein will …

Autorin Karoline Cvancara bereitet es eine diebische Freude mit Hilfe von Elfriede dem mürrischen Alten den Lebensweg vom Geröll der Eigenbrödelei zu befreien. Im idyllischen Ambiente des Cafés Hummel in der Josefstadt, das man schon während der Lektüre sofort besuchen will. Vielleicht trifft man ja dort das reale Horak’sche Pendant. Karoline Cvancara jedenfalls kam dort die Idee zu dieser kurzweiligen Wiener G’schichte.

Ich bleibe in der Stadt und verreise

Es gibt nur wenige Städte, in denen man diese Behauptung nachverfolgen und beweisen kann. Wien gehört zweifelsohne dazu. Zuhause bleiben und gleichzeitig auf ausgedehnte Erkundungstouren gehen. Oskar Aichinger tut dies. Doch er macht es nicht allein. Er nimmt den Leser mit Wien zu entdecken.

Und so geht man mit dem Autor – gehen, nicht laufen oder gar joggen – zum Weinhaus Sittl. Das Ziel ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Aichinger erzählt wie die Mariahilfer Straße seit Generationen den Konsumzwang oder wie sehr der Brunnenmarkt zum Sparen anregt, denn auf Letztem ist der Orient zu Hause. Die Reisekosten in den Orient sind also vernachlässigbar.

Genauso wie ein Dauerticket für den öffentlichen Personennahverkehr, Wien ist vollgestopft mit Sehenswertem, so dass eine Fahrt selbige nur auf das Nötigste reduzieren würde. Fußläufig die Stadt an der Donau zu erkunden ist des Neugierigen Elixier. Und Oskar Aichinger ist der Reiseleiter, der anekdotenreich die Gassen und Boulevards, die Paläste und Häuschen, die Lädchen und Magazine zu erklären weiß. Mit Wiener Schmäh und fundiertem Wissen führt den Leser, der schon bald sein Reisegepäck schnürt, durch seine Stadt.

Durch die Ungargasse, der von Ingeborg Bachmann ein literarisches Denkmal gesetzt wurde, wo Eichendorff wohnt und Beethoven seine letzte Sinfonie vollendete. Er lauscht Didgeridoo-Klängen, schaut den Menschen nach und schafft es in einem Absatz Sandler und Hannes Hölzl miteinander in Einklang zu bringen. Sandler und Hölzl? Wer oder was ist das denn? Noch ein Grund mehr dieses Buch zu lesen. Kleiner Tipp: Die einen haben maßgeblich an der Pracht der Ringstraße mitgewirkt, der andere war in den Achtzigern das musikalische Aushängeschild der Alpenrepublik über deren Grenzen hinaus. Als Spaziergänger mit Aichingers Wissen zeigt man dem Touristennepp die kalte Schulter, findet immer „a erholsames Platzl“, und weiß, wo man die Mädchen nicht im Rosengarten warten lässt…

Dieses Buch erfüllt gleich mehrere Funktionen. Zum Einen ist es Appetitanreger für eine unvergessliche Zeit. Zum Anderen Ratgeber während eben dieser Zeit. Und last but not least ein Erinnerungsstück – wenn man den Ausführungen im wahrsten Sinne des Wortes Folge geleistet hat – das die schönste Zeit des Jahres noch einmal zurückholen kann.

Kein Souvenir der Welt kann Eindrücke so nachhaltig zurückholen wie das, was man selbst erlebt hat. „Ich bleib in der Stadt und verreise“ ist die rühmliche Ausnahme dieser Regel. (Sich) in Wien ergehen gehört zu den eindrücklichsten Erfahrungen, die man machen kann.

Melange der Poesie

Schwarz-Weiß-Fotografien sind so was von out. Und im Kaffeehaus sitzen, das hat meine Oma gemacht. Kaffee hole ich mir mit Zutatenmonolog im Schnelldurchlauf im Vorbeigehen. Und jetzt stelle man sich Wien in quietschbunten Farben vor. Statt historisch gewachsener Kaffeehaus-Kultur gäbe es nur Warteschlangen mit Menschen, die ihren Zubereitungswunsch für sich herbrabbeln, um am Tresen dann kläglich zu versagen. Das kann man überall erleben, dafür muss man nicht nach Wien reisen. Oft reicht es sogar einfach nur aus der Haustür herauszutreten. Nein, nein, nein! Wien und Kaffeehaus bilden eine Symbiose, die jedem Trend trotzen, aber nicht negieren.

Barbara Rieger und Alain Barbero sind Fans dieses seit 2011 immateriellen UNESCO-Kulturerbes. Denn im Kaffeehaus wird nicht nur geschlürft, hier wird Weltliteratur kreiert. Berühmt die G’schichten vom Qualtinger, den man aus dem „Alt-Wien“ schon mal nach Hause tragen musste. Und der hatte bestimmt nicht einen arabica zu viel intus. Lag vielleicht am Knoblauchschnaps?

Der Charme der Kaffeehäuser hat sich bis gehalten. Auch wenn heuer kein Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka gegenübersitzt, kein Thomas Bernhard oder Elias Canetti vielleicht einen kleinen Einblick in ihr Werk genehmigen, so lebt ihr Geist in den oft kunstvoll gestalteten vier oder mehr Wänden weiter. Und Literaten gibt es ja heute noch, welch ein Glück!

Doch nicht in die Irre führen lassen! Das Jelinek ist nicht der Ort Elfriede Jelinek Ideen für den nächsten Bestseller zuzuflüstern. Das Jelinek heißt Jelinek, weil die die Besitzer so heißen. Elfriede Jelinek ist kein Mitglied dieser Familie.

Autorin und Fotograf schlenderten Jahre durch die Kaffeehäuser der Stadt. Sie taten Geschichtchen auf, trafen Autoren und luden sie ein an diesem Buch mitzuwirken. Viele stellten kurze Texte zur Verfügung, die dem Thema schmeicheln. Sie ließen sich ablichten. Sie erzählen vom Damals und Heute.

So umfangreich eine Karte im Kaffeehaus – Einspänner, Franziskaner (kein Bier!), Melange, kleiner Schwarzer, überstürzter Neumann, Fiaker, Maria Theresia, man könnte noch mehr Zeilen mit den Angeboten füllen), so abwechslungsreich sind die Geschichten in diesem Buch. Und wieder einmal denkt man sich, dass man doch nicht alles über Wien weiß, geschweige denn gesehen und erlebt hat.

„Melange der Poesie“ vereinigt 55 Autoren mit dem erlesenen Geschmack des Kaffees und der hier einhergehenden Kultur. Wenn der Tod a Wiener is, labt er sich am Seelenleid der Intellektuellen bestimmt an einem Tisch in einem der zahlreichen Kaffeehäuser. Und der Leser schaut zu!

Weihnachtlich glänzet der Wald

Der Tod muss a Wiener sein. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Weihnachtskrimis aus dem Hause Edition Karo in der Wohlfühloase des Jenseits Einzug halten. Nirgendwo sonst wird mit so viel Grandezza und Schmäh gemordet. Zum vierten Mal wurde der KaroKrimiPreis für Weihnachtskrimis ausgelobt und dieser blutrünstige Adventskalender mit vierzehn Türchen gestaltet.

Die Mariahilferstraße ist eine verkehrsberuhigte Zone wie der Amtsschimmel es so freudlos nennt. Trotzdem wuselt es hier an allen Ecken und Enden. Vom Ring kommend erklimmt man die leichte Steigung und ist verzaubert vom Lichterglanz der Weihnachtszeit. Doch in den Ecken brodelt die Wut, sie brodelt. Das Blut kocht, es kocht. Und zappzarapp ist ein Lichtlein schon ausgepustet.

Wien steckt voller Prachtbauten. Herrschaftliche Paläste zeugen vom Glanz des Habsburger Reiches. Auf ihren Treppen und Stufen tummeln sich die Pärchen. Und zwischendrin liegt auch ab und zu mal a scheene Leich. Kümmert’s wen? Naa, warum denn. A Leich is a Leich. Helfen kannst eh net.

Die Anthologie steckt voller Mordsideen.

Die Autoren verstricken ihre Opfer und Täter in Situationen, die nur einen Ausweg kennen. Einen absoluten, einen endgültigen. Und es gibt kein Zurück. So manches Weihnachtsgebäck bleibt einem da schon mal im Halse stecken. Oder soll es das gar nicht? Alles doch nur eine nette Geste?

„Weihnachtlich glänzet der Wald“ ist die ideale Einstimmung auf die grauen Tage. An diesen Kurzkrimis – der Champions League unter den Krimis – spürt man das Lokalkolorit und die Verbindung der Wiener zum Tod. Alles hat das besondere Etwas. Die Fluchtwege, die Spaziergänge durch die Donaumetropole, die ausgeklügelten Taten können nur hier angesiedelt sein. Die Verbindung der Wiener zum Tod ist legendär – erklären lässt sie sich nur schwer. Vielleicht liegt es am Schmäh, am fast schon britischen schwarzen Humor, am Umgang mit dem Unausweichlichen.

Denn unausweichlich sind auch die Verbrechen. Als Leser wird man zum Komplizen, zum verständnisvollen Mitwisser. Ja, Schuld lädt auf sich, wer dem Täter die Hand reicht. Aber alles nur Fiktion. Kein Grund zur Sorge und zu Selbstzweifeln.

Die drei Gewinner des KaroKrimiPreises eröffnen den Reigen der weihnachtlich rot (tot?) geschmückten Stadt. Ein Stadtrundgang durch körperwarme Lebenssäfte in vierzehn Etappen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wie es an Weihnachten nun einmal ist, tritt dabei so manche Überraschung zutage…

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.

Die Reise

Ein echter Delage soll es sein! Den Spruch will Frank Delage hören. In seiner Heimat Australien hat er einen neuen Flügel entwickelt. Der Sound soll revolutionär sein. So wie die Akustik der Elbphilharmonie in Hamburg. Und in Wien hofft er auf zahlreiche zahlungskräftige Klientel. Hier, wo er auf den Stufen hinauf schreitet, die schon Mozart trugen. Hier, wo Mahler, Brahms, Strauss ihre unvergesslichen Melodien schrieben. Doch die Klientel bleibt aus. Man verschließt sich der Neuerung, hängt den Traditionen nach.

Amalia von Schalla tut ihr Bestes, um dem Unternehmer den roten Teppich auszurollen, doch das kunstinteressierte Wien, zeigt dem Aussie die kalte Schulter. Enttäuscht reist er wieder ab. Mit dem Containerschiff, seiner Erfindung und einem blaublütigen Mitglied derer von Schalla, Elisabeth, begibt er sich dreiunddreißig Tage auf See. Noch immer verstört, nicht fassen, was in Wien passierte bzw. nicht passierte, soll diese Reise Abschied und Aufbruch zugleich sein.

Es gibt nicht viel zu sehen auf See. Auch das Schiff, es ist schließlich ein Arbeitstier und kein Vergnügungspalast, bietet wenig Abwechslung. Aber dafür viel Zeit sich der jüngeren Vergangenheit zu widmen. Den bornierten Kunstfortschrittsbanausen in Wien, die sich im Stillstand suhlen und jedwedes Vorankommen ignorieren. Delage ist immer noch bitter enttäuscht, doch findet in Elisabeth eine willige Stichwortgeberin, die ihn in seiner Meinung bestätigt.

Dekadent und reaktionär finden die beiden das Wiener Publikum. Und hier draußen auf See wird die Seele mal so richtig durchgepustet. Wie die Besatzung werfen die beiden ihren Müll in die weite See. Der, der Crew schwimmt oben auf, verschmutzt die Meere. Delages und Elisabeths Müll ist mehr symbolischer Art.

Murray Bails „Die Reise“ gehört zu den ungewöhnlichsten Titeln des Literatur-Sommers 2017. Die Präzision, mit der jedes Wort den Nerv der Situation trifft, ist einzigartig. Sehnsucht nach Meer, nüchterne Abrechnung nach einer geschäftlichen Enttäuschung, zarte Bande zwischen zwei Menschen – das alles vereint der Autor auf knapp dreihundert Seiten, die man ohne Unterbrechung lesen muss.

Wiener Märkte – Kulinarische Spaziergänge

Nur ein kleiner Buchstabendreher und alles wird bunt. Wien – Wein. Wein – Wien. Wien verändert sich. Keine breiteren Boulevards, keine neuen Einkaufstempel, die seelenlos das Fußvolk anlocken – nein, überall sprießen neue und alte Märkte aus dem Boden, um dem Frischgebot der Zeit Tribut zu zollen. Georg Renöckl hat sich die Nase geputzt und ist selbiger gefolgt, um Wiens Attraktionen eine weitere bzw. gleich mehrere zu addieren.

Istanbul, Dubai, Goa ohne Märkte – undenkbar. Folklore, wohin man nur sieht. Das Gemeinschaftserlebnis Shopping, das gute Gefühl beim Erzeuger sich die besten Stücke aussuchen zu können, ein verstohlener Blick in die Körbe der „Mitstreiter“, ach, welch ein Erlebnis!

Von der Inneren und der Leopoldstadt über Mariahilf und Alsergrund bis zur Jesefstadt und Hernals, Ottakring, und Liesing schlendert Korbträger Renöckl mit dem Leser über gestandene und neue Märkte der Hauptstadt Österreichs. Und man mag es kaum glauben, aber jeder Markt hat ein unverkennbares Merkmal, den so genannten unique selling point, kurz USP. Also das besondere Etwas, was sonst niemand hat und weswegen man eben genau dorthin geht, und nicht woanders hin.

Wien-Besucher aufgepasst! Zur Stärkung vor und nach dem Spaziergang aufm Zentralfriedhof, nach dem Besuch des Kunsthistorischen, vor dem Staunen und Flanieren im Graben, wird sich erstmal gestärkt. Und zwar kräftig, und zwar vor Ort, und zwar direkt vom Hersteller. Auf geht’s!

Schon die ersten Worte des ersten Kapitels machen Appetit. Denn nur eine gewachsene Stadt kann am rechten Fleck den Bauch haben. Mittendrin. Im ersten Bezirk. Zentraler geht’s nicht. Auf der Freyung wird’s  bio. Seit drei Jahrhunderten kommt hier nur das an den Stand, was jedem gedeckten Tisch zur Zierde gereicht. Hier war schon immer ein Markt, und er wird es auch bleiben. Mit Tradition hat man’s halt an der Donau.

Einzigartig – und auch das verblüfft bei einer so großen Stadt – ist der Meiselmarkt, Wiens einzige Markthalle im 15. Aber er stand nicht immer da. 1990 wurde beschlossen an der originalen Stelle ein – na was schon – Einkaufszentrum zu bauen. Doch die Buden blieben, blieben erhalten und siedelten fünf Jahre später an ebenfalls historischen Ort um. Ein alter nicht mehr genutzter Wasserspeicher wurde zum neuen Anlaufpunkt für das Markttreiben.

Mit allen Sinnen genießen, allen Sinnen – wer das will, darf sich den Leibniz- und Viktor-Adler-Markt nicht entgehen lassen. Georg Renöckl nennt dieses Kapitel „Der Sound der Petersilie“. Kosten erlaubt, Staunen und Schmatzen erwünscht. Wenn man beim Lesen nicht schon Appetit bekommen würde, könnte man ja einfach weiterlesen. Doch die stimmungsvollen Spaziergänge machen erst einmal einen Gang zur Küche notwendig. Hunger stillen. Gegen das Reisefieber und den Entdeckerdrang hilft nur noch ein Wien-Trip. Am besten mit leerem Magen, damit so viel wie möglich aus diesem Buch besichtigt, gekostet, geschluckt und verdaut werden kann. Ein leicht verdauliches Buch, das niemals schwer im Magen liegen wird. Und dessen Wirkung lange anhält.

Am Tiefpunkt genial

Ach Mensch, Paul! Du wusstest es doch! Als Stefanie so vertraut mit Markus war. Das Klingeln im Ohr?! Du hast es doch gehört. Nun ist sie weg, die Stefanie. Jetzt gibt es dafür Markus und Stefanie. Mensch Paul! Kippen, Bücher und Musik sind doch nicht alles.

Man möchte Paul anschreien, ihn wachrütteln. Ein bisschen Selbstmitleid sei ihm zugestanden, ihm dem Buchhändler, der so sehr an Zigaretten und Musik hängt. Und bis vor Kurzem hing er auch noch an Stefanie. Sie, das Modepüppchen, die nächtelang die Clubs unsicher machte, sehr, zu auf ihr Äußeres achtete und dieses hegte und pflegte. Stundenlang. Und Paul, der Mode zwar buchstabieren kann, aber ansonsten damit nichts anfangen kann. Warum hat Bernhard diesen Markus auch angeschleppt?!

Hass empfindet Paul nicht. Mit Klarissa hingegen spricht er sich aus. Seine Ex. Sie kennt ihn und mag ihn und fühlt sich immer noch ein wenig für ihn verantwortlich. Aber vor allem macht sie ihm Mut. Die Trennung war gut für ihn. Den Eigenbrödler. Und dann wieder Bernhard. Lass uns treffen. Alle zusammen. Auch Markus? Ja. Der Soundtrack des Lebens hält für den Musikliebhaber Paul aber auch immer wieder eine B-Seite parat. Kein stimmungsvoll-melancholischer B.B. King, keine immer passenden Stones, kein beruhigender Miles Davis.

Und wie im richtigen Muskleben enthält die B-Seite eine echte Rarität. Markus und Paul können sich in die Augen schauen, miteinander reden und sich sogar die Hand geben. The kids are alright oder doch Sympathy fort he devil?

Wer nun meint, dass mit Paul wieder alles in Ordnung ist, irrt. Mit Paul war schon immer alles in Ordnung. Aus falschem Pflichtgefühl heraus bildet er sich ein, dass Schicksalsschläge unbedingt mit tiefer Trauer, Selbstzweifel und vielleicht sogar Hass einhergehen müssen. Doch Paul hat seine Bücher, seine Kippen und seine Musiksammlung. Und wenn ihm danach ist, haut er sich einfach aufs Sofa. Nichts tun, den Herrgott einen liebe Mann sein lassen. Er verliert seinen Job und erkennt, dass Markus auch bloß ein Aufschneider ist, der gern andere in seine Machenschaften zieht. Im ersten Moment keine sonderlich schönen Ereignisse. Dennoch: Paul kann zufrieden sein. Denn schlussendlich ist da noch etwas. Das Leben!

Karoline Cvancara zeichnet mit Paul einen Lebemann, den man nicht auf Anhieb dieses Attribut verleihen würde. Er ist wie eine Katze, landet immer wieder auf den Füßen. Die Abgründe, die sich vor ihm auftun, kennt jeder. Man kann sich verkriechen, die Decke über den Kopf ziehen, aber das zögert die Lösung des Problems nur hinaus. Man kann sich bewusst Hilfe suchen, aber dann muss man alles noch einmal aufrollen, ob’s hilft, weiß man vorher nicht. Oder man lässt alles erst einmal sacken und blickt nach vorn. So wie Paul.

Der dritte Mann

Ein Mann wird am helllichten Tag auf der Straße von einem Fahrzeug angefahren. Sofort ist ein Arzt da. Das Opfer wird sofort im herbeieilenden Krankenwagen ins Spital gebracht. Ein Freund und noch ein dritter Mann begleiten ihn. Doch es ist zu spät – der Mann ist tot! Vor einigen Jahrzehnten lautete nun die Aufgabenstellung „Machen sie was draus! Schreiben Sie einen Klassiker!“ Gesagt, getan. Graham Greene gelang es mit scheinbarer Leichtigkeit. Es selbst sagte jedoch, dass mit dem Drehbuch zum Film (übrigens seit Jahren, seit Jahrzehnten immer wieder als bester britischer Film betitelt – auch wenn er beispielsweise an Drehorten in Wien immer noch als Hollywoodfilm bezeichnet wird) die Geschichte so richtig zum Tragen kommt. Die wegweisende Kameraführung und die damit geschaffenen expressionistischen Bilder, das diabolische Genie von Orson Welles, die beängstigende nächtliche Kulisse des vom Krieg gezeichneten Wiens sind nur drei Zutaten für diesen Klassiker.

Kann man diesen nun noch eine weitere Komponente hinzufügen, um ihn für die Nachwelt zu erhalten und den Ruf als „Must-Have“ der Literatur und Filmkunst zu bestärken? Ja!

Annika Siems studierte Mode und Illustration in Hamburg und Paris, recherchierte im Internet, um die Stimmung der Geschichte einzufangen. Ihr gelang es an die Grenzen des world wide web zu stoßen und ging nach Wien. Das Nachkriegs-Wien in Bildern nachzuempfinden war nicht einfach, fast schon unmöglich. Hier fand sie die nötige Inspiration dem „Dritten Mann“ das passende Gewand zu schneidern. Sie entschied sich bewusst dafür ihm keinen neuen Anzug zu entwerfen, sondern ihm mit den vorhandenen Materialien einen frischen, nichts verfälschenden Look zu verpassen.

Für sie war es eine echte Herausforderung. In der Welt der Farben ist sie zu Hause. Ein wohl dosiertes Farbspektrum zeichneten bisher ihre Arbeiten aus. Und nun das expressionistische Schwarz-Weiß in Szene setzen? Nicht leicht. Sie sammelte alles, was sie in die Finger bekommen konnte: Stadtansichten, Modefotografien, Szenenfotos – und wenn man Annika Siems über ihre Mappe mit den Inspirationsmaterialien reden hört, geht jedem Filmfan das Herz auf: Das flammt immer wieder die Leidenschaft auf, die man auf jeder von ihr gestalteten Seite von Oben bis Unten, von links nach rechts sehen und erleben kann.

Kunst, die mit Handwerk Hand in Hand geht, wirkt! Der Film als Inspirationsquelle für die künstlerische Ader und das Dritte-Mann-Museum Wien als ewig sprudelnder Quell für die handwerkliche Umsetzung. Hier und bei Spaziergängen durch die Stadt keimten die Ideen für die Neuauflage bei der Edition Büchergilde. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja bald noch mehr Filmvorlagen, die so nah am Original sind und doch neue Ansichten eines Klassikers anbieten… Verbessern kann man sie nicht, aber auf eine neue Ebene heben schon.

Wien steckt voller Überraschungen und zeigt sich Besuchern gern von seiner schönsten Seite. Filmfans aus aller Welt wandeln hier auf den Pfaden von so manchem Leinwandstar. Unter all diesen Spaziergängen ragt einer besonders hervor: Ein Rundgang durch Wien auf den Spuren des Dritten Mannes. Film und nun auch dieses exzellent gestaltete Buch machen Appetit auf mehr. Mehr dritter Mann und mehr Gänsehauterfahrungen. Und noch ein Mehr: Mehr gibt es unter events.wien.info/de/6k/dritte-mann-tour/ und www.viennawalks.com. Kleiner Tipp: Die späten Touren geben sowohl die Stimmung des Films als auch der Stadt am besten wieder. Wer Glück hat, trifft in seiner Gruppe auf einen Hutträger: Schummriges Licht, lange Schatten – fast wie im Film!