Archiv der Kategorie: Schmährufe

Wien Schmäh Hauptstadt capitol

Sugar Dead

Da sitzen sie nun im Beisl und diskutieren über die Sachen, die sie umtreiben. Oberst Karl Tannhacker vom LKA Wien, Abteilung Gewaltverbrechen und der Grafiker Jonny Graberth. Eine dieser Sachen ist der Mord an Edwin Kohut-Bäumler. Der hatte im Sechsten Bezirk, Mariahilf, für seine, tja, wie soll man sie nun bezeichnen? Gespielin? Seine Affäre?, eine Wohnung freigehalten. Nun ist er tot. Erschossen. Mitten ins Herz.

Auch Alfons Wyskidensky schied relativ schmerzlos aus dem Leben. Der Bauunternehmer war wie Kohut-Bäumler gern im „Sugar Dad“ anzutreffen. Hier war das schummrige Begegnungszentrum von jungen Damen und älteren Herren. Alles kann, nichts muss! So verkaufte es der Besitzer.

Der Tod von Hans-Werner Strohmer bringt allerdings noch mehr diffuses Licht in diesen undurchsichtigen Fall. Denn er konnte sich das „Sugar Dad“ bzw. das Personal gar nicht leisten. Ihm gehörten keine Immobilien, er baute auch keine. Er war pensionierter Bahnbeamter. Drei Morde. Dreimal das Wort „Kinderficker“ mit Lippenstift an den Badezimmerspiegel geschrieben. Man müsste irgendwie an die Person rankommen, die diese drei Herren miteinander verbindet. Aber wie?

Neunzehn Jahre zuvor: Dem Ehepaar Scherwath wird eine Tochter geboren, Auxiliadora, die Helferin der Christen, soll sie nach dem Willen ihres Vaters heißen. Das Kind wächst heran. Sie ist höflich, zuvorkommend, fleißig, eloquent. Schon im Teenageralter ist sie jedoch zu höflich und zu zuvorkommend… Eigenschaften, die ihr immer wieder Probleme einbringen werden. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht! Bis zu dem Moment, in dem ihr das Blaulicht das Gesicht erhellt. Tannhackers Vorgesetzten bleibt nur eine Wahl, das junge Ding mit dem vielsagenden Namen festzusetzen und anzuklagen. Doch Tannhacker und vor allem Graberth kommen gehörige Zweifel auf…

Alexander Kautz spielt keine Spielchen mit seinen Ermittlern. Sie wittern heiße Spuren, wischen falsche Fährten mit einem Handstreich vom Tisch und verlassen sich auf ihren gesunden Menschenverstand. Klischees haben in diesem dichten Krimi keinen Platz. Der Amateur Graberth ist keine lästige Fliege, die vom Profi Tannhacker immer wieder genervt von der Backe verjagt werden muss. Er ist Ideengeber und darf sogar auf eigene Faust ermitteln. Dabei hat er selbst genug zu tun. Labradormischling Foster fordert liebevoll Zuneigung ein. Seine Freundin Jessy fordert mehr gemeinsame Zeit ein. Und der Job erledigt sich auch nicht von allein.

„Sugar Dead“ führt den Leser durch ein Wien, das von Gewaltverbrechen durchdrungen ist, dessen Leben aber nicht dadurch allein bestimmt wird. Empathie und Wortwitz – abgeschmeckt mit einer ordentlichen Portion Schmäh – bauen sich vor dem Leser auf und lassen ihn herzhaft miträtseln, wer denn da im Hintergrund die Fäden und am Abzug zieht.

Eszters Wende

Schöne heile Welt mitten in Wien. Sophie bezieht ihre erste eigene Wohnung im zentralen Ersten Bezirk von Wien. Gleichzeitig tritt Eszter Nagy, eine Ungarin, ihren ersten Arbeitstag an. Sie pflegt von nun an die Opernsängerin Isabelle Janssen. Die gefeierte Opernsängerin hatte vor Kurzem einen Schlaganfall und ist seitdem nicht mehr dieselbe. Ihr Gatte braucht unbedingt Unterstützung. Im Haus wohnt auch Dr. Volker Schmidt mit seiner Frau Lilly. Sie wünscht sich sehnlichst Kinder, doch er versperrt vor diesem Wunsch stets die Ohren. Ganz oben wohnen Bernhard, EU-Politiker Bernhard und Felix, der Schriftsteller. Schöne heile Welt mitten in Wien? Mit nichten.

Bernhard sieht seine Karriere gefährdet, sollte er seine Homosexualität offenlegen. Was würde die Partei sagen? Und wie würden die Wähler reagieren? Felix spielt bisher duldsam die zweite Geige in ihrer Beziehung. Doch lange will und wird er dieses Spielchen wohl nicht mehr mitmachen.

Volker Schmidt hat die Praxis von seinem Vater übernommen. Er selbst hatte immer alle Prüfungen mit Bravour bestanden. Einzig allein der Gedanke, dass die Prüfungsergebnisse massiv mit dem exzellenten Ruf seines Vaters zusammenhängen könnten, stört ihn. Seine Eltern haben sich nach der plötzlichen Praxisaufgabe aufs Altenteil zurückgezogen. Nicht ganz freiwillig. Denn Volkers Vater leidet an Schizophrenie. Die allerdings hat er mit Medikamenten gut im Griff. Die Krankheit ist allerdings vererbbar. Was der Grund ist, dass Volker Lillys Kinderwunsch andauernd ausweicht. Sie begnügt sich derweil mit dem Einkauf von Kindersachen. Man weiß ja nie…

Die Pflege von Isabelle Janssen ist für Eszter ein echter Glücksgriff. Herr Janssen lässt ihr alle Freiheiten, und Isabelle genießt die Spaziergänge durch die Stadt. Die Erinnerungen an ihre große Zeit allerdings versetzt sie immer wieder in Apathie. Eszters Traum bald schon einen Blumenladen eröffnen zu können, wird schon bald konkrete Konturen annehmen können.

Und was ist mit Bernhard und Felix? Alle im Haus scheinen mit einem Mal ihr Leben in geordnete Bahnen lenken zu können. Wird Bernhard über seinen Schatten springen sich offen zu Felix bekennen?

Silvia Hlavin lässt einen frischen Hauch durch dieses ehrenwerte Haus wehen. Eszter und Sophie schweben wie gerufene Engel durch das Gemäuer und lassen Farben erstrahlen wo sonst in absehbarer Zeit der Putz von den Wänden bröckeln würde. „Eszters Wende“ liest sich wie schnörkelloser Roman, dessen Ende man gern vorausnehmen würde und dessen Ende zwar nicht überrascht, aber in der brachialen Umsetzung dann doch für große Augen sorgt.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.

Hietzing

Hietzing bei Hitze genießen – da muss man einen kühlen Kopf bewahren. Denn der Stadtteil der Donaumetropole Wien bietet eine Menge an historischen Schmeckerchen, die man auch auf den zweiten Blick nicht erkennen wird. Eine U-Bahn-Haltestelle nach dem Tourismusmassenphänomen Schönbrunn öffnet sich dem neugierigen Besucher eine fast schon als geheimnisvoll zu bezeichnende Welt. Prächtige Villen reihen sich neben unscheinbare Wohnhäuser, deren einstige Bewohner die Welt eroberten. Für Filmfans ein wahres El Dorado.

Gleich schräg gegenüber der U-Bahnstation trifft man schon auf die erste Leinwandikone. Ein Platz ist nach diesem Filmschauspieler benannt. Im deutschsprachigen Raum eine Legende: Hans Moser. Das Haus, in dem er wohnte, befindet sich fußläufig ein paar Minuten entfernt. Dichte Hecken umgarnen die Stadtvilla. Kameras verraten, dass hier etwas zu beschützen ist. Auf den beliebten Volksschauspieler weist erst einmal nichts hin. Um die Ecke jedoch: Botschaft der Republik Aserbaidschan. Die hat die Villa des nuschelnden Schauspielers als ihre neue Heimat in der Fremde angenommen und eine Erinnerungstafel angebracht.

Leopoldine Konstantin ist sicher den wenigsten Filmfans ein Begriff. Doch ihre Rolle als Mutter eines glühenden Nazis in Hitchcocks „Notorious“ machte sie nach Jahren in der Bedeutungslosigkeit wieder bekannt. Sie lebte einst in der Trauttmansdorffgasse 29. An sie erinnert keine Tafel.

Anders sieht es da in der Maxingstraße 18 aus. Hier komponierte Johann Strauss die „Fledermaus“, im selben Haus starb auch Franz Schubert, dem der Bauchtyphus das Leben kostete.

Bleibt man in der Maxingstraße hat sich das Soll an sehenswerten Promi-Ex-Behausungen noch nicht erschöpft. Maria Lassnig, die Avantgardistin der österreichischen Malerei lebte auf der gleichen Straßenseite nur ein paar Häuser weiter stadteinwärts.

Nun ist sicher nicht jeder darauf erpicht, in seinem Urlaub Plätze zu besuchen, die mehr oder weniger berühmte Menschen mit ihrer Anwesenheit beglückten. Doch das Wissen darum, lässt so manche Fassade in anderem Licht erscheinen. Das Klimt-Haus, das erst nach dem Tod von Gustav Klimt erbaut und an der Stelle seines einstigen Ateliers um seine Wirkungsstätte herum gebaut wurde, ist dagegen ein Anziehungspunkt für alle Wien-Kultur-Reisenden. Hietzing hat gleich zwei Klimt-Orte vorzuweisen. Und einmal Schiele. Alles gut erkennen, wenn man weiß, wo man schauen soll.

Werner Rosenberger setzt dem ehemaligen Wiener-Alltagsfluchtziel Hietzing die Krone auf. Je länger man durch diesen beschaulichen Stadtteil flaniert, und je mehr man in diesem Buch blättert, desto häufiger betritt man historischen Boden. Burgschauspieler, Musiker, Stadtplaner fanden hier den Ort, der sie gewähren ließ.

Als Besucher und Leser findet man hier das Paradies. Die Promis von annodazumal sind nicht mehr. Ihre Häuser, das Dach überm Kopf von damals sind noch da. Man muss sie nur suchen. Nur einen Steinwurf von Sisi und Franz kann man das Wien von Johann, Rudolf, Alban und vielen anderen bedeutend gelassener erkunden als ein, zwei U-Bahn-Haltestellen zuvor. Und mit diesem Buch im Handgepäck entdeckt man Wien immer wieder neu.

Inferno

Süße achtzehn ist Ursula. Die Schule hinter, das Leben vor sich. An der Kunstschule angenommen. Das Leben kann kommen. Die Straßen sind voller Eindrücke. Eindrücke, die ihr Leben beeinflussen. Das Offensichtliche jedoch bleibt Ursula noch verschlossen. Im Unterricht erschießt sich ein Mitschüler. Weil er es nicht mehr aushielt zu schweigen. Weil er kein Verräter sein wollte. Weil er nur diesen einen Ausweg sah.

Ursula bemerkt sehr wohl die Veränderungen um sie herum. Massen drängen auf die Straße, Uniformen bestimmen immer mehr das, was sie tagtäglich sieht. Auf der Straße, in der Schule, ja sogar zuhause. Häuser brennen. Menschen werden nicht einfach nur aus Versehen geschupst, sie werden verprügelt, geschlagen, ihnen die Klamotten vom Leibe gerissen. Es ist die Zeit des so genannten Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich. Wer nicht ins Bild passt, muss die Konsequenzen ziehen. Auch Ursula. Ihr Vater und ihr Bruder, besonders Letzter, tragen das Abzeichen, das sie zur neuen Elite zugehörig anzeigt. Ihr Bruder sieht die neuen Herren als Chance. Eine Chance zum Weiterleben. Ihr Vater hat schon aufgegeben, läuft mit. Besser man hält den Mund, denn die Wände haben Ohren. Und es werden immer mehr.

Ursulas Freund anerkennt die neuen Herren nicht. Er ist einer derjenigen, die Widerstand leisten. Und er hat Glück im Unglück. Man ist ihm und seiner Gruppe schon auf der Spur. Im Geheimen treffen sie sich. Planen ihren Untergrund, ihre Aktionen. Doch Verräter gibt es allenthalben. Vorsicht ist für ihn mehr als eine Worthülse. So mancher hält dem Druck nicht Stand. Das weiß Ursula. Sie war dabei als einer zusammenbrach…

Mela Hartwig zeichnet ein detailliertes Bild einer Grauzone. Es gibt kein einfaches Schwarz-Weiß in der Familie Ursulas. Eher ein Braun-Weiß. Doch selbst der Bruder besinnt sich seiner Familie und warnt, denn der Vater wird argwöhnisch (der auch das Abzeichen trägt) beobachtet. Die Täter handeln aus verschiedenen Motiven. Opportunismus und Machtgetue liegen oft näher beieinander als man es sich selbst eingestehen will.

Vor 85 Jahren begann dieses dunkle Kapitel. Vor 80 Jahren brannten die Feuer und beleuchteten dieses dunkle Kapitel für die Welt. Vor 70 Jahren schrieb Mela Hartwig diesen Roman. Und 2018 ist er endlich erschienen. Wein wird mit den Jahren immer besser, sagt man. Dieses Buch war von Anfang an ein Juwel. Doch nach dem Krieg waren auch die Verlage vorsichtig. Das Inferno der noch nicht lang zurückliegenden Zeit sollte nicht wieder aufgerüttelt werden. Und so schlummerte dieser Schatz jahrzehntelang in Archiven und wartete auf seine Entdeckung. Endlich wurde dieser Schatz gehoben. Ein mahnender Schatz, denn die Wortverdreher halten bereits wieder Hof und spitzen die Giftpfeile…

Wiener Melange

Während man in anderen Salons Wiens nicht um Pardon bitten muss – wie im Musical „Elisabeth“ – so ist man bei Alma Mahler-Werfel der Etikette verpflichtet. Der Etikette eine Diskussion so zu führen, dass am Ende der Diskussion niemand mit Groll nach Hause gehen muss. Aber es sind halt auch Künstler darunter, und somit ist der Salon auch eine Arena der Eitelkeiten.

Das Wien der 20er und 30er Jahre ist immer noch ein Dreh- undAngelpunkt der Progression. Das einstige Reich hat sich geteilt, mehrfach. Ein Zehntel der Bevölkerung ist nun Österreicher, der Rest Slowene, Ungar, Bosnier etc. Die Kunst ist immer noch agil und weltoffen wie eh und je. Und davon berichtet dieses Buch. Was heißt berichtet? Es führt den Leser in eine Zeit, die vielleicht noch die Oma, als sie in Kinderschuhen steckte entfernt wahrnehmen konnte. Die Orte des Geschehens sind heute noch zum größten Teil besuchbar. Wie das Café Landmann, das Café Herrenhof hat zwar so machen Zwist, zwei verheerende Kriege überstanden, doch 2006 war dann doch endgültig Schluss. Jetzt steht dort das Steigenberger Hotel Herrenhof. Der Geist von Egon Erwin Kisch, Franz Werfel, Elias Canetti oder Milena Jesenská wird nur durch dieses Büchlein wieder lebendig.

Heike Herrberg und Heidi Wagner begeben sich auf Spurensuche in einem Wien, das Weltruhm genießt. Fotos lässt man bei Madame d’Ora machen, Dora Kallmus, es sei denn man ist Tänzerin. Dann geht man natürlich zur Fleischmann, Trude Fleischmann. Ihre Tanzaufnahmen sind bis heute der Grundstein der Tanzfotographie. Dora Kallmus war die Erste, die Wein verließ. Das war 1925. Ihr Ziel war Paris. Das war noch weltläufiger als Wien. Ihr sollten viele folgen, doch nicht wegen mangelnder Weltläufigkeit, sondern des widerwärtigen Naziterrors wegen. Die Kundschaft war nicht mehr da oder hatte Angst oder war schon auf dem Sprung oder hatte Wichtigeres im Sinn als sich fotografieren zu lassen. Ein Aderlass unermesslichen Ausmaßes.

Tänzer, Literaten, Maler, Sänger – sie prägten das Stadtbild Wiens. In den Cafés waren sie Stammgäste, in den Salons das Salz in der Suppe. Und dieses Buch ist das Rezeptbuch für die Seele. Starke Frauen, die sich Freiräume schafften und diese zu nutzen wussten. Viele von ihnen sind heute dem breiten Publikum unbekannt. Die beiden Autorinnen holen sie anekdotenreich aus dem Reich des Vergessens zurück auf die Bühne, die ihnen zusteht. Applaus garantiert.

Kärtner Ecke Ring

Der Zweck heiligt die Mittel. Die große Sache steht über dem Schicksal des einzelnen. Das Ziel ist wichtiger als der Weg. Ludwig Bilinski ist von einer gnadenlosen Idee beseelt. Wien muss wieder erblühen. Weg mit dem gentrifizierten Mist. Weg mit dem Schutt des Alltags. Weg mit der Apathie des Hinnehmens. Es ist Zeit zu Handeln.

Große Worte, großes Gedankengut. Norbert und Tamara Bauer sind hierfür wie gemacht. Mit der Mutter bändelt Ludwig an, mit dem Sohn verschlägt es ihn in die Opera Toilet Vienna. Norbert ist vom Leben nicht nur enttäuscht, es kotzt ihn an. Den Vater hat er früh verloren – wenn er wüsste, dass der erst vor Kurzem ins Gras gebissen hat und als Poet und Sänger in Wien so manchen neuen Gassenhauer ersonnen hat. Die Mutter verbot ihm strengstens eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Als Steppke hat er eine Gitarre mal in der Abstellkammer entdeckt und ein wenig darauf rumgeklimpert. Patsch, peng, Erst ins Gesicht, seines, dann gegen den Türrahmen, die Gitarre.

Jetzt schlägt sich Norbert mehr schlecht als recht durchs Leben. Ein Blowjob da, ein Joint hier. Der Einbeinige, bei dem er lebt, ist auch nicht gerade das Paradies. Doch weniger ist besser als gar nichts.

Man liest sich fasziniert vom Wortschwall des Autors Paul Auer (der Name erscheint nicht nur auf dem Cover, sondern am Anfang und am Ende des Buches als Doktor – auf die Idee muss man erst mal kommen) und merkt gar nicht wie tief man in den Strudel der kommenden Ereignisse hineingezogen wird. Es ist ein Labyrinth. Eines aus dem nur der Leser entkommen kann. Aber warum sollte er? Es ist doch grad so schön!

Ludwig sieht das anders. Nichts ist schön. Alles ist verkommen. Er selbst steckt in einem perfiden Spiel fest. Die Spielregeln kennt er allerdings noch nicht. Nicht mal die Spielanleitung wurde ihm angeboten. Die liegt irgendwo im kranken Hirn von Ludwig Bilinski rum.

Wer Wien besucht, kommt automatisch irgendwann an der Kärntner Ecke Ring vorbei. An der Oper, und der Toilette. Eine Querstraße weiter ist das Sacher. Die Häuserfassaden verschwimmen im Meer der neuen Architektur. Und hier soll das neue Wien erstehen. Aus Ruinen. Doch die müssen erst einmal geschaffen werden. Paul Auer geht mit dem Leser auf einen Trip, von dem man verändert wieder zurückkehren wird. Das monarchische Ambiente reizt immer noch, doch ein Beigeschmack wird immer am Leser hängenbleiben. Viel Spaß beim nächsten Wien-Besuch! Und nicht vergessen: Hinterher immer brav die Hände waschen!

Schmidt ist tot

Schmidt ist tot! Nicht Schmidtchen, nicht Schmidti, nicht Patrick Schmidt, nein René Schmidt ist tot! Achtung Spoiler-Alarm, er ist es nicht! Patrick Schmidt ist der kleine Bruder von René. Immer im Schatten und permanenten Konkurrenzkampf stehend.

Der Anruf kommt für um Acht. Kurz nach Acht. Aus Wien. Tausend Kilometer entfernt. Ein Herr Müller ist dran, stammelt, entschuldigt sich, fordert. Er fordert, dass Schmidt, Schmidt Patrick, so schnell wie möglich nach Wien kommen möge. Beerdigung, Wohnung auflösen, bei der Klärung des Sachverhaltes helfen. Denn Schmidt, René Schmidt, ist nicht einfach s aus dem Leben geschieden. Selbstmord, so soll es gewesen sein.

Patrick und sein Bruder René standen sich nie besonders nah. Der Eine ordentlich, der Andere Rebell. Einser-Schüler und Nachahmer. Kaum Kontakt seitdem René die Biege gemacht hat. Die Eltern sind beide tot. Drei Schmidts tot, nur noch Patrick übrig.

Kaum in Wien angekommen, verändert Autor Raoul Biltgen die Tonart. Jetzt mitten in einem Agentenkrimi. René soll Terrorist gewesen sein, oder vielmehr Drogendealer. Na was jetzt? Fragt sich Patrick. René kann er ja nicht mehr fragen. Engl, die Freundin, pardon: Ex-Freundin von René ist auch keine große Hilfe. Eher wortkarg. Ein bisschen abwesend, die Gute.

Und immer wieder die Polizei. Leonhardtsberger, Süß, Müller. Mindestens einer von denen spielt falsch. Müller ist nicht mehr bei dem Verein. Konnte die Vertuschung nicht mehr ertragen. Er versucht Schmidt, Patrick Schmidt, Schmidt Patrick, auf die richtige Fährte zu führen. Die führt nach Ungarn. Und Patrick erinnert sich an ein Spiel mit René aus Kindertagen…

Raoul Biltgen lässt die Gedanken von Schmidt, und nun ist es egal, welcher damit gemeint ist, wie die Laserblitze im gedruckten Orbit herumgeistern. Straffe Dialoge, die nicht viel preisgeben, aber dafür umso mehr die Spannung anheizen. Was? Wie? Warum? Werden bei ihm zu Was! Wie! Darum! Ein herrenloses Floß auf einem tosenden Fluss ist dagegen geradlinig unterwegs. Wien als Austragungsort todessehnsüchtiger Skurrilitäten ist wie gemalt für die schwarzhumorige Krimipersiflage „Schmidt ist tot“. Lachkrämpfe inklusive. Raoul Biltgen ist der Meister der Ein(wort-)sätze. Ehe man sich versieht, vertauscht man Fragesteller mit Antwortgeber und beginnt noch einmal von vorn. Und immer wieder entdeckt man neue Aspekte im Spiel von echten Begegnungen und gedachter Erinnerung. Wer sich durch das Netz aus Lügen und Halbwahrheiten durchgekämpft hat, wird mit einer einzigartigen Geschichte belohnt.

Clos Gethseman

Wie bringt man das älteste Weinbaugebiet der Welt, Jacques Cousteau, Pablo Picasso und Sisi zwischen zwei Buchrücken? Indem man vier Bücher schreibt, eines über jeden. Bliebe da noch das Problem mit den ZWEI Buchrücken. Es ist eine wilde Hatz, der man gerne folgt, wenn Walter Hönigsberger diesen vier berühmten Namen ein paar weitere zur Seite stellt und einen Krimi von biblischem Ausmaß schreibt.

Karl Breitenstein hat von seiner reichen Tante geerbt. Und zwar für Körper und Geist. Ein Dach überm Kopf muss er nicht mehr suchen – gut für den Körper. Und für den Geist hat die liebe Erbtante reichlich Rebensaft hinterlassen. Nicht irgendwelche Weine, besondere Weine. Und Karl konnte seinen Job an den Nagel hängen. Jetzt besteht sein Lebensinhalt darin dem Geist des Weines auf den Grund zu gehen. Bodensatzleserei? Bei Weitem nicht. Mittlerweile ist er ein ausgewiesener Experte, wenn es darum geht alte – noch trinkbare – Weine aufzustöbern.

So trifft er auch Jakob Jünger, dessen Alter so gar nichts mit seinem Namen zu tun zu haben scheint. Schon seine Vorfahren gaben sich dem Weinbau hin. Und so baut er nicht nur Wein an, sondern ist sogar dem Nachwuchsexperten Breitenstein um Längen voraus. Er und seine Vorfahren tranken schon Weine mit Picasso und anderen Größen ihrer Zeit.

Marion Drygalski ist Journalistin, und mit Karl Breitenstein bildet sie ein Paar. So trifft sie eines Tages einen Weinhändler, der sie umschmeichelt, dass es ihr fast den Magen umzudrehen droht. Er war schon mit Jacques Cousteau auf den Meeren der Welt unterwegs. Doch nicht, um Fischen die Flosse zu reichen, sondern nach versunkenen Schätzen zu suchen. Denn so manches gesunkene Schiff hatte reichliche Wein an Bord. Auf diesen Händler stößt sie als sie zu einem dreisten Weinrebenraub recherchiert. Unbekannte haben dem Emporkömmling der Weinszene die Reben auf dem Boden geholt. Ein immenser Schaden.

Und was ist mit Sisi? Die liegt bekanntermaßen in der Kapuzinergruft in Wien. Jetzt wird’s fiktional – die Gruft stürzt in sich zusammen. Ein großer Schock für die Kulturwelt. Doch auch für den wissbegierigen Weinhändler. Dessen Kellergewölbe, das voller Schätze ist, grenzt nämlich unmittelbar an die Gruft. Währenddessen ist Karl Breitenstein in Georgien unterwegs. Und stößt auf ein welterschütterndes Geheimnis…

Walter Hönigsbergers wilder Ritt durch die Geschichte fesselt ab der ersten Seite. Er holt weit aus, um die Charaktere zu bestimmen. Und gleichzeitig zieht er den Leser immer tiefer in seinen Bann. Reichlich vierhundert Seiten lang zerrt er den Leser von einem Ort zum nächsten, spannt Brücken vom Damals ins Heute und zeichnet ein Bild der Zukunft, dass einem der Atem stockt.