Archiv der Kategorie: Schmährufe

Wien Schmäh Hauptstadt capitol

Solo

Sie haben vieles erreicht in ihrem Leben. Sie sind Ärzte, Architekten, Blogger. Können von ihrem Job sich eine große Wohnung in Wien leisten, gehen auf Parties … stehen mitten im Leben. Doch sind sie auch zufrieden?

David bewohnt mit seinem Freund ein riesiges Loft. Als Erholungsort, sozusagen als Gegenstück zur harten Arbeit als Kinderarzt sind die Clubs seine Spielwiese. Hier trifft er sich mit seinen Freunden, sie lästern, sie scherzen, sie machen Pläne. Als nächstes liegt die Hochzeit von Lena und Rita an, von allen nur Lenarita genannt. Die machen das jetzt einfach! Ein unbeschwertes Leben.

Steph ist so was wie die Schwulenmutti von allen. Immer dabei, doch irgendwie nie so richtig. Als sie eines Tages – ganz old school, ohne Dating App – einen Mann mit nach Hause nimmt, schwört sie sich, dass den erstmal keiner zu sehen bekommt. Denn sonst zerreißen sich alle das Maul oder, noch schlimmer, wollen ihn ihr abspenstig machen. Sie will ihn ganz für sich allein.

Martin ist der beste Freund Davids. Schon 50 und betrachtet seinen Körper als Tempel. Wenn andere sich noch rasieren, analysiert er schon (oder noch) die Anzahl und Tiefe seiner Fältchen. Oberflächlich ist er dabei überhaupt nicht. Doch warum sollte man sich nicht selbst beobachten?

Es ist eine Clique wie aus einer amerikanischen Serie, Seinfeld, Friends, so was in der Art. Die Welt dreht sich nur um einen selbst. Die eigenen Probleme sind für alle da. Und für jedermann hörbar, wenn nicht sogar sichtbar.

Dann kommt endlich der große Tag. Lenaritas Verpartnerung. Die Zeremonie selbst verdient diesen Titel gar nicht. Alles sehr steif und nüchtern. Das Paar wird von der Standesbeamtin als Pärchen bezeichnet, so dass ja kein Zweifel aufkommt, dass es sich bei den beiden auf gar keinen Fall um ein „normales Paar“ handeln könnte. Doch die Anwesenden sind darüber erhaben. Weniger erhaben ist da allerdings schon die Party. Bisher geheime Avancen brechen ebenso auf wie versteckte Zwistigkeiten. Und Steph und viele Andere erleben ihr blaues Wunder…

Christopher Wurmdobler schreibt der Homo-Bobo-Generation eine Hymne auf den Leib. Wo Generationen zuvor noch heiße Kämpfe ausstanden, stehen die Schwulen heute auf der Sonnenseite. Doch so warm wie es ihnen zu oft angedichtet wird, können sie mit der Situation nicht werden. Eifersucht und Leichtlebigkeit haben ihren Preis. Die erkämpfte Freiheit kann nur verteidigt werden, wenn … ja, wenn was? Gemeinsam einsam suhlen sie sich in ihrem Hedonismus und treten ihre eigenen Werte mit Füßen. „Solo“ bietet die Chance auf mindestens eine Fortsetzung, „Duo“, Trio“ oder „Quartett“ treten dann die leichtfüßige Nachfolge eines Romans an, der Klischees außen vor lässt und dem die Szene, in der er spielt nicht permanent betroffenheitskitschig anspringt.

Ein Attentat

Wien, Mariahilfer Straße. Vor mehr als einem halben Jahrhundert. Ein namenloser Jura-Professor, steigt auf den Dachboden seiner Wohnung. Ein Paradies für Kinder, die unter der dicken Staubschicht aus der Vergangenheit ein Abenteuer machen können. Doch dieser namenlose Professor sieht mehr in diesem Chaos als so manch anderer. Eine Lafette, inkl. passenden Maschinengewehrs. Mit so einem Ding kann man gut geschützt riesigen Schaden anrichten. Doch woher kommt das Ding? Wer hat es aufgestellt? Und vor allem warum?

Das Räderwerk im Oberstübchen des Professors beginnt sich in Bewegung zu setzen. Schnell wird klar, dass hier etwas Großes im Gange zu sein scheint. Denn ein wichtiger Staatsgast hat sich angesagt. Die Augen der Weltöffentlichkeit, wie es so schön heißt, sind auf Wien gerichtet. Der Staatsgast trägt die Initialen N.C., und er kommt aus Moskau: Nikita Chruschtschow. Soll ihm von hier der Garaus gemacht werden? Aus dieser Mansarde im Sechsten? Die Auswirkungen wären immens, welterschütternd, langanhaltend bis zerstörerisch. Doch wem soll man sich anvertrauen?

Das Rätselraten mit den Freunden und Kollegen steigert sich fast zu einer Hysterie. Der Tanzbär aus Moskau – soll er wirklich hier in Wien um die Ecke gebracht werden? Von wem? Den eigenen Genossen? Ungarn, die sich für die Niederschlagung ihres Aufstandes rächen wollen? Den Amerikanern? Oder gar von einem oder mehreren verrückten? Die Gedanken sprießen wie Unkraut.

Der Professor schweift in dieser für ihn durchaus brenzligen Situation immer wieder ab. Wie verlief sein Leben bis hierhin? Was musste er tun, was hat er getan, um der zu sein, der er jetzt ist? Wie Blitzeinschläge holen in ihn die Lafette, die Waffe wieder zurück ins wahre Leben…

Ernst Brauner lässt seinen namenlosen Professor ganz schön schwitzen. Kriege hat er überlebt, Besetzungen überstanden, Genugtuung in seiner Arbeit und Frieden in seiner Ehe gefunden. Das Leben hat es gut mit ihm gemeint. Und nun das? Unerhört! Doch der Kampfgeist ist noch nicht verschwunden. Intellektuell, komisch, dramatisch – „Ein Attentat“ fordert die volle Konzentration des Lesers. Kein Roman, der mit anderen zu vergleichen ist. Kein puff, peng, bumm, und alles ist wieder wie es mal war. Aktionismus, blind oder wütend, führt zur Katastrophe. Die Auswirkungen können die Handlenden selbst beeinflussen. Opfer gibt es am Ende immer. Tod und Flucht – wer hat eigentlich gewonnen? Viele Fragen, die der Autor nicht komplett beantwortet und die lange am Leser nagen werden…

Quer durch Wien

Peter Payer reist mit allen Sinnen durch Wien. Doch er vermeidet es im Überschwall der Eindrücke einen weiteren Wien-Reiseband auf den Markt zu werfen. „Quer durch Wien“ ist keine Anleitung zum Hotspot-Suchen oder eine Geheimtipp-Anleitung für die Donau-Metropole.

Es sind die Dinge, die einem erst auf dem zweiten, vielleicht sogar erst dritten Blick auffallen, die ihn antreiben. Vieles fällt selbst Wien-Experten erst beim Lesen dieses Buches auf. Wie zum Beispiel die Anzahl an öffentlichen Uhren. Man ist es ja schon gewöhnt immer auf der Höhe der Zeit zu sein, sein zu müssen. Selbst auf Reisen sind Stunde und Minute für viele der Gradmesser an Erholung und Erfahrung. Wie viele Attraktionen kann ich bis zur nächsten Mahlzeit abarbeiten etc.? Nein, Peter Payer ist wahrhaft kein Sammler von Eindrücken, die Postkartenqualität haben.

Doch wer gerade Wien sich als Objekt der Begierde erwählt hat, wird so manches entdecken können, das Wien von anderen Städten unterscheidet. Die Geschichten, die dahinter stehen, sind es dieses Buch zu einem wahrhaften Schatz anwachsen lassen. Eine ruhige Viertelstunde auf einer Parkbank. Die Seele baumeln lassen und ein wenig in diesem Buch schmökern. Die Kapitel sind nicht lang, laden geradezu ein, sich inspirieren zu lassen. Da kann man gut und gerne mal ein paar Tage Wien erleben und dabei ganz vergessen, dass es grandiose Attraktionen en masse gibt. Doch die will jeder sehen. Jeder muss da hin. Und jeder steht in der Warteschlange vor einem.

Peter Payers Reisen durch Wien sind wie gemalt für Andersreisende. Ob Paternoster oder Gartenstadt, ob Schwimmbad oder Filmindustrie – Wer (mit) „Quer durch Wien“ ist, kommt auf alle Fälle auf seine Kosten. Und bleibt nicht auf ihnen sitzen. Es ist die Vielfalt der Stadt und die Detailverliebtheit ihres Autors, der dem Leser das Gefühl vermittelt an etwas wirklich Großen teilzuhaben. Selbst gestandene Wiener werden mit großen Augen sich durch dieses Buch fressen und aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Die Essays verlangen wenig Vorwissen. Doch schon nach ein paar Kapiteln kann man sich getrost als „Wiener with benefits“ bezeichnen, der schon lange über das „Tauben vergiften im Park“ hinaus ist.

Bücher wie „Quer durch Wien“ lassen den Abenteuerdrang und den Forschergeist eines jeden wieder aufleben. Suchen, Haschen, Raten ist die Überschrift eines der Kapitel – kann aber auch als Untertitel für dieses Buch, die nächsten Besuche gelten.

Expeditionen ins dunkelste Wien

Wien von unten! Eine Rundreise durch das Wien, das keiner kennt. Und die, die es kennen, wollen es am liebsten vergessen. Max Winter galt als Pionier der Sozialreportage. Doch seine Recherchen führte er nicht mit gespitztem Bleistift und Notizblock durch. Er warf sich in Schale, um unter denen, die das dunkle Wien kannten und prägten, nicht aufzufallen.

Tarnung nennt man das. Und so steigt er in die Kanäle der Stadt hinab, nicht um „mal was anderes zu sehen“ (und dann daraus eine Reisereportage zu machen), sondern um denen, deren Tagesgeschäft dieser (Hin-)Abgang ist, über die Schulter zu schauen, mit ihnen auf Nahrungsjagd zu gehen, ihrem Broterwerb nahe zu sein.

Wien ist oben, unterm Himmel, eine Stadt voller Impressionen. Herrschaftliche Häuser und Paläste, elegante Boulevards, gediegene Kaffeehauskultur. Doch wo Licht, da auch Schatten. Die Reportagenauswahl in diesem Buch, Max Winter hat weit über tausend in seiner Karriere geschrieben, ist ein Querschnitt seiner Arbeit. Und zudem eine Sozialkritik an den Zuständen ganz unten. Was Günter Walraff für das Nachkriegsdeutschland ist, war Max Winter für die österreichische Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Für Max Winter waren Reportagen nicht nur Abbildungen der Wirklichkeit. Die kann man auch am Schreibtisch kreieren. Er ging voran, hinab, meist in Verkleidung. Die Ursachen des Lebens am unteren, äußeren Rand mussten erforscht, interpretiert und veröffentlicht werden. Als Chefredakteur einer Arbeiterzeitung sah er es als seine Pflicht an, denen eine Stimme zu geben, deren Hilferufe im Ansatz erstickt wurden.

Aus heutiger Sicht lesen sich die einzelnen Schicksale wie gerade erst geschrieben, obwohl sie ein Jahrhundert, zumindest aber fast so alt sind. Die Vehemenz der Worte, die unverstellte Sprache, der Wiener Dialekt, die schonungslose Offenheit, die unverblümte Wahrheit schockt den Leser. Von Seite zu Seite wünscht man sich die Helden in eine bessere Zeit versetzt. Man wünscht ihnen ein happy end. Doch alles ist echt. Nichts wurde hinzugedichtet. Das Licht am Ende des Tunnels ist nicht mehr als die Reflektion des Sonnenlichts durch die Öffnungen der Kanaldeckel.

Max Winter starb 1937 verarmt, verlassen und gekränkt in Amerika. Er floh vor den drohenden Konsequenzen, die ihm seine Texte bescheren würden. Zuvor war er Abgeordneter in Wien, sogar Vizebürgermeister.

Kurz nach dem Krieg wurde ein Platz nach ihm benannt, im zweiten Bezirk, Leopoldstadt. Gleich neben einem Park, der seinen Namen trägt. Eine Volksschule ist in unmittelbarer Nähe sowie Hotels. Eine Gegend, die Max Winter gefallen hätte.

Horak hasste es, sich zu ärgern

Wie die drei Affen: Nicht sprechen, nichts sehen, nichts hören! Erwin Horat ist deren fleischgewordene Phantasie. Am liebsten ist es ihm, wenn man ihn gar nicht wahrnimmt. Es sei denn er will im Café Hummel was zum Essen bestellen. Oder ein Achterl Roten. Ab und zu ein Kartenspiel mit seinem Freund geht ja noch. Ansonsten soll man ihn einfach ignorieren.

Elfriede ist nun auch schon seit geraumer Zeit Stammgast im Café Hummel im Achten, in der Josefstadt. Geschieden ist sie. Traurig ist sie deswegen nicht. Ihre forsche, manchmal mädchenhaft naive Art ist der Türöffner zu den Seelen der Menschen.

Es ist ein heißer Sommer in Wien. Alles strömt in den Schatten und am Abend ins Café Hummel. Kein Platz mehr frei. Für Horat kein Problem. Seit Jahrzehnten pflanzt er sich abends hier nieder, liest die Zeitung und ist der glücklichste Mensch der Welt, wann man ihn in Ruhe lässt. Doch diesen Gefallen tun ihm die Menschen so gut wie nie. Das Leben hupt, lärmt, blendet. Horat grantelt. Für Ärger hat er keine Zeit, steht ihm nicht der Sinn. Doch Elfriede könnte es durchaus schaffen ihn aus seinem Schneckenhaus heraus zu granteln. Sie findet keinen freien Platz im Lokal und fragt Horak, ob sie nicht bei ihm sitzen könne. Sie solle bestellen, essen, verschwinden. Letzteres als Erstes, aber das ist Wunschdenken und Elfriede ist weit davon entfernt dem knurrigen Alten um den Bart zu gehen.

Jeder kennt einen oder mehrere Menschen, denen man lieber aus dem Weg geht. Unsympathisch ist da noch geringste Attribut, das man ihnen geben möchte. Horak ist so einer. Doch in seiner Ungeselligkeit ist er kein aufbrausender oder gar cholerischer Zeitgenosse. Selbst dazu ist er einfach zu unumgänglich. Zu Hass ist er nur fähig, wenn er ihn nicht offen zeigen muss. Erwin Horak reicht Elfriede Steiner ungewollt den kleinen Finger. Und sie? Sie nimmt gleich die ganze Hand! Horak steckt in der Falle seines glückseligen selbstgewählten Gefängnisses.

Sportlicher Ehrgeiz, weibliche Neugier – wie auch immer man es nennt –  Elfriede beißt sich in Horak fest. Ob es ihm nun passt oder nicht. Ihn zu knacken, wird zu einer Art zeitlich begrenzter Lebensaufgabe. Oliver Hardy dreht in „Auf See“ vollkommen durch, wenn er Hörner und Hupen hört. Pogo ist das Ventil, mit dem Punks aus der Haut fahren. Und Professor Horak? Er schaut gerade mal verächtlich mit einem Auge hinter der Zeitung hoch. Das stachelt die unermüdliche Menschenfeundin aber nur noch mehr an. Kein noch so harte Kante kann sie verletzen, kein noch so böses Wort ihr Herz ritzen, keine noch so verächtliche Geste ihren Lebensmut mit Angst erfüllen. Die Herzensgüte in Person. Dabei ist sie eigentlich genauso stur wie Horak: Er will partout in Ruhe gelassen werden. Und mit derselben Enerviertheit will und kann sie nicht verstehen wieso ein Mensch unbedingt allein sein will …

Autorin Karoline Cvancara bereitet es eine diebische Freude mit Hilfe von Elfriede dem mürrischen Alten den Lebensweg vom Geröll der Eigenbrödelei zu befreien. Im idyllischen Ambiente des Cafés Hummel in der Josefstadt, das man schon während der Lektüre sofort besuchen will. Vielleicht trifft man ja dort das reale Horak’sche Pendant. Karoline Cvancara jedenfalls kam dort die Idee zu dieser kurzweiligen Wiener G’schichte.

Ich bleibe in der Stadt und verreise

Es gibt nur wenige Städte, in denen man diese Behauptung nachverfolgen und beweisen kann. Wien gehört zweifelsohne dazu. Zuhause bleiben und gleichzeitig auf ausgedehnte Erkundungstouren gehen. Oskar Aichinger tut dies. Doch er macht es nicht allein. Er nimmt den Leser mit Wien zu entdecken.

Und so geht man mit dem Autor – gehen, nicht laufen oder gar joggen – zum Weinhaus Sittl. Das Ziel ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Aichinger erzählt wie die Mariahilfer Straße seit Generationen den Konsumzwang oder wie sehr der Brunnenmarkt zum Sparen anregt, denn auf Letztem ist der Orient zu Hause. Die Reisekosten in den Orient sind also vernachlässigbar.

Genauso wie ein Dauerticket für den öffentlichen Personennahverkehr, Wien ist vollgestopft mit Sehenswertem, so dass eine Fahrt selbige nur auf das Nötigste reduzieren würde. Fußläufig die Stadt an der Donau zu erkunden ist des Neugierigen Elixier. Und Oskar Aichinger ist der Reiseleiter, der anekdotenreich die Gassen und Boulevards, die Paläste und Häuschen, die Lädchen und Magazine zu erklären weiß. Mit Wiener Schmäh und fundiertem Wissen führt den Leser, der schon bald sein Reisegepäck schnürt, durch seine Stadt.

Durch die Ungargasse, der von Ingeborg Bachmann ein literarisches Denkmal gesetzt wurde, wo Eichendorff wohnt und Beethoven seine letzte Sinfonie vollendete. Er lauscht Didgeridoo-Klängen, schaut den Menschen nach und schafft es in einem Absatz Sandler und Hannes Hölzl miteinander in Einklang zu bringen. Sandler und Hölzl? Wer oder was ist das denn? Noch ein Grund mehr dieses Buch zu lesen. Kleiner Tipp: Die einen haben maßgeblich an der Pracht der Ringstraße mitgewirkt, der andere war in den Achtzigern das musikalische Aushängeschild der Alpenrepublik über deren Grenzen hinaus. Als Spaziergänger mit Aichingers Wissen zeigt man dem Touristennepp die kalte Schulter, findet immer „a erholsames Platzl“, und weiß, wo man die Mädchen nicht im Rosengarten warten lässt…

Dieses Buch erfüllt gleich mehrere Funktionen. Zum Einen ist es Appetitanreger für eine unvergessliche Zeit. Zum Anderen Ratgeber während eben dieser Zeit. Und last but not least ein Erinnerungsstück – wenn man den Ausführungen im wahrsten Sinne des Wortes Folge geleistet hat – das die schönste Zeit des Jahres noch einmal zurückholen kann.

Kein Souvenir der Welt kann Eindrücke so nachhaltig zurückholen wie das, was man selbst erlebt hat. „Ich bleib in der Stadt und verreise“ ist die rühmliche Ausnahme dieser Regel. (Sich) in Wien ergehen gehört zu den eindrücklichsten Erfahrungen, die man machen kann.

Melange der Poesie

Schwarz-Weiß-Fotografien sind so was von out. Und im Kaffeehaus sitzen, das hat meine Oma gemacht. Kaffee hole ich mir mit Zutatenmonolog im Schnelldurchlauf im Vorbeigehen. Und jetzt stelle man sich Wien in quietschbunten Farben vor. Statt historisch gewachsener Kaffeehaus-Kultur gäbe es nur Warteschlangen mit Menschen, die ihren Zubereitungswunsch für sich herbrabbeln, um am Tresen dann kläglich zu versagen. Das kann man überall erleben, dafür muss man nicht nach Wien reisen. Oft reicht es sogar einfach nur aus der Haustür herauszutreten. Nein, nein, nein! Wien und Kaffeehaus bilden eine Symbiose, die jedem Trend trotzen, aber nicht negieren.

Barbara Rieger und Alain Barbero sind Fans dieses seit 2011 immateriellen UNESCO-Kulturerbes. Denn im Kaffeehaus wird nicht nur geschlürft, hier wird Weltliteratur kreiert. Berühmt die G’schichten vom Qualtinger, den man aus dem „Alt-Wien“ schon mal nach Hause tragen musste. Und der hatte bestimmt nicht einen arabica zu viel intus. Lag vielleicht am Knoblauchschnaps?

Der Charme der Kaffeehäuser hat sich bis gehalten. Auch wenn heuer kein Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka gegenübersitzt, kein Thomas Bernhard oder Elias Canetti vielleicht einen kleinen Einblick in ihr Werk genehmigen, so lebt ihr Geist in den oft kunstvoll gestalteten vier oder mehr Wänden weiter. Und Literaten gibt es ja heute noch, welch ein Glück!

Doch nicht in die Irre führen lassen! Das Jelinek ist nicht der Ort Elfriede Jelinek Ideen für den nächsten Bestseller zuzuflüstern. Das Jelinek heißt Jelinek, weil die die Besitzer so heißen. Elfriede Jelinek ist kein Mitglied dieser Familie.

Autorin und Fotograf schlenderten Jahre durch die Kaffeehäuser der Stadt. Sie taten Geschichtchen auf, trafen Autoren und luden sie ein an diesem Buch mitzuwirken. Viele stellten kurze Texte zur Verfügung, die dem Thema schmeicheln. Sie ließen sich ablichten. Sie erzählen vom Damals und Heute.

So umfangreich eine Karte im Kaffeehaus – Einspänner, Franziskaner (kein Bier!), Melange, kleiner Schwarzer, überstürzter Neumann, Fiaker, Maria Theresia, man könnte noch mehr Zeilen mit den Angeboten füllen), so abwechslungsreich sind die Geschichten in diesem Buch. Und wieder einmal denkt man sich, dass man doch nicht alles über Wien weiß, geschweige denn gesehen und erlebt hat.

„Melange der Poesie“ vereinigt 55 Autoren mit dem erlesenen Geschmack des Kaffees und der hier einhergehenden Kultur. Wenn der Tod a Wiener is, labt er sich am Seelenleid der Intellektuellen bestimmt an einem Tisch in einem der zahlreichen Kaffeehäuser. Und der Leser schaut zu!

Weihnachtlich glänzet der Wald

Der Tod muss a Wiener sein. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Weihnachtskrimis aus dem Hause Edition Karo in der Wohlfühloase des Jenseits Einzug halten. Nirgendwo sonst wird mit so viel Grandezza und Schmäh gemordet. Zum vierten Mal wurde der KaroKrimiPreis für Weihnachtskrimis ausgelobt und dieser blutrünstige Adventskalender mit vierzehn Türchen gestaltet.

Die Mariahilferstraße ist eine verkehrsberuhigte Zone wie der Amtsschimmel es so freudlos nennt. Trotzdem wuselt es hier an allen Ecken und Enden. Vom Ring kommend erklimmt man die leichte Steigung und ist verzaubert vom Lichterglanz der Weihnachtszeit. Doch in den Ecken brodelt die Wut, sie brodelt. Das Blut kocht, es kocht. Und zappzarapp ist ein Lichtlein schon ausgepustet.

Wien steckt voller Prachtbauten. Herrschaftliche Paläste zeugen vom Glanz des Habsburger Reiches. Auf ihren Treppen und Stufen tummeln sich die Pärchen. Und zwischendrin liegt auch ab und zu mal a scheene Leich. Kümmert’s wen? Naa, warum denn. A Leich is a Leich. Helfen kannst eh net.

Die Anthologie steckt voller Mordsideen.

Die Autoren verstricken ihre Opfer und Täter in Situationen, die nur einen Ausweg kennen. Einen absoluten, einen endgültigen. Und es gibt kein Zurück. So manches Weihnachtsgebäck bleibt einem da schon mal im Halse stecken. Oder soll es das gar nicht? Alles doch nur eine nette Geste?

„Weihnachtlich glänzet der Wald“ ist die ideale Einstimmung auf die grauen Tage. An diesen Kurzkrimis – der Champions League unter den Krimis – spürt man das Lokalkolorit und die Verbindung der Wiener zum Tod. Alles hat das besondere Etwas. Die Fluchtwege, die Spaziergänge durch die Donaumetropole, die ausgeklügelten Taten können nur hier angesiedelt sein. Die Verbindung der Wiener zum Tod ist legendär – erklären lässt sie sich nur schwer. Vielleicht liegt es am Schmäh, am fast schon britischen schwarzen Humor, am Umgang mit dem Unausweichlichen.

Denn unausweichlich sind auch die Verbrechen. Als Leser wird man zum Komplizen, zum verständnisvollen Mitwisser. Ja, Schuld lädt auf sich, wer dem Täter die Hand reicht. Aber alles nur Fiktion. Kein Grund zur Sorge und zu Selbstzweifeln.

Die drei Gewinner des KaroKrimiPreises eröffnen den Reigen der weihnachtlich rot (tot?) geschmückten Stadt. Ein Stadtrundgang durch körperwarme Lebenssäfte in vierzehn Etappen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wie es an Weihnachten nun einmal ist, tritt dabei so manche Überraschung zutage…

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.

Die Reise

Ein echter Delage soll es sein! Den Spruch will Frank Delage hören. In seiner Heimat Australien hat er einen neuen Flügel entwickelt. Der Sound soll revolutionär sein. So wie die Akustik der Elbphilharmonie in Hamburg. Und in Wien hofft er auf zahlreiche zahlungskräftige Klientel. Hier, wo er auf den Stufen hinauf schreitet, die schon Mozart trugen. Hier, wo Mahler, Brahms, Strauss ihre unvergesslichen Melodien schrieben. Doch die Klientel bleibt aus. Man verschließt sich der Neuerung, hängt den Traditionen nach.

Amalia von Schalla tut ihr Bestes, um dem Unternehmer den roten Teppich auszurollen, doch das kunstinteressierte Wien, zeigt dem Aussie die kalte Schulter. Enttäuscht reist er wieder ab. Mit dem Containerschiff, seiner Erfindung und einem blaublütigen Mitglied derer von Schalla, Elisabeth, begibt er sich dreiunddreißig Tage auf See. Noch immer verstört, nicht fassen, was in Wien passierte bzw. nicht passierte, soll diese Reise Abschied und Aufbruch zugleich sein.

Es gibt nicht viel zu sehen auf See. Auch das Schiff, es ist schließlich ein Arbeitstier und kein Vergnügungspalast, bietet wenig Abwechslung. Aber dafür viel Zeit sich der jüngeren Vergangenheit zu widmen. Den bornierten Kunstfortschrittsbanausen in Wien, die sich im Stillstand suhlen und jedwedes Vorankommen ignorieren. Delage ist immer noch bitter enttäuscht, doch findet in Elisabeth eine willige Stichwortgeberin, die ihn in seiner Meinung bestätigt.

Dekadent und reaktionär finden die beiden das Wiener Publikum. Und hier draußen auf See wird die Seele mal so richtig durchgepustet. Wie die Besatzung werfen die beiden ihren Müll in die weite See. Der, der Crew schwimmt oben auf, verschmutzt die Meere. Delages und Elisabeths Müll ist mehr symbolischer Art.

Murray Bails „Die Reise“ gehört zu den ungewöhnlichsten Titeln des Literatur-Sommers 2017. Die Präzision, mit der jedes Wort den Nerv der Situation trifft, ist einzigartig. Sehnsucht nach Meer, nüchterne Abrechnung nach einer geschäftlichen Enttäuschung, zarte Bande zwischen zwei Menschen – das alles vereint der Autor auf knapp dreihundert Seiten, die man ohne Unterbrechung lesen muss.