Archiv der Kategorie: aus-erlesen Auf und Ab

Wachtmeister Studer – Der Chinese

Selbstmord? Wachtmeister Jakob Studer glaubt nicht, dass der Chinese sich selbst gerichtet hat. Herzschuss. So viel steht fest. Aber wie um alles in der Welt soll der Tot sich dann noch das Hemd wieder feinsäuberlich zugeknöpft haben? Anna Hungerlott hat es auch dahingerafft. Darmgrippe. Naja, passiert. Doch in ihrem Taschentuch finden sich Spuren von Arsen. Anna war die Frau vom Hausvater der Armenanstalt in Pfründisberg, zu der zwei Bauernhöfe und eine Gartenbauschule gehören. Zufall? Mord? Gibt es gar einen Zusammenhang zwischen den beiden … Unglücksfällen?

Studer kennt den Chinesen, Farny heißt … hieß er. Hatte ihn schon mal getroffen. War viel rumgekommen. Kanada, Japan, Amerika. Und jetzt Pfründisberg. Damals, als Studer seine Bekanntschaft machte, der Chinese ihn „Bruder-Studer“ nannte, was Studer gar nicht gefiel, juxte der Chinese, dass man Studer wohl einmal bitten würde seinen Tod zu untersuchen. Nun wird aus dem Lacher bitterer Ernst. Zumal, wenn man bedenkt, dass Jakob Farny, der Chinese, einen Zeitraum von drei Monaten angegeben hat, in dem er wohl das Zeitliche segnen wird. Um einen Monat zu seinen Gunsten verrechnet, denkt sich Studer.

Bei den ersten Ermittlungen lernt Studer den Neffen des Chinesen kennen, Ludwig Farny. Der führte ein Leben, das auch nicht gerade von einer behüteten Kindheit überschattet war. Weggegeben, Verdingbub, Prügel. Der Onkel hatte ihn zu sich geholt, weil er der Meinung war, dass bald etwas Schlimmes passiere. Wie recht er doch hatte!

Alle Beteiligten scheinen was zu verbergen. Was wohl auch daran liegt, dass der Begriff der Vetternwirtschaft hier seinen Ursprung zu haben scheint. Jeder ist über weniger oder mehrere Ecken mit dem Anderen verbandelt. Ein Dickicht aus Abhängigkeiten verübelt Studer so manches Mal die Lösung der beiden Fälle. Der beiden Fälle? Es soll nicht bei den beiden bedauernswerten Opfern bleiben…

Friedrich Glauser gibt seinem Wachtmeister Studer eine echte Kopfnuss. Hin und Her gerissen von stückchenweise hingeworfenen Wissenshappen, der Gedanken an das eigene Scheitern – und einer möglichen persönlichen Befriedigung selbiger – und dem Drang den oder die Täter zu finden, ist Studer letztendlich ganz allein auf sich gestellt. Am Anfang des Buches wird Agatha Christie erwähnt, deren Hauptfigur Hercule Poirot am Ende des Buches von Studer fast schon Besitz ergreift.

Wachtmeister Studer – Die Speiche

Jede Medaille hat zwei Seiten. Wachtmeister Studers Tochter hat geheiratet, welche Seite der Medaille das nun ist, weiß Studer noch nicht. Auf alle Fälle hat Studer jetzt einen Schwiegersohn, den Albert. Auch hier ist ihm auch noch nicht recht klar, zu welcher Seite der Medaille der Albert gehört. Der ist nämlich bei der Kantonspolizei. Beim Fest gibt es – und das ist zweifelsohne die schlechte Seite der Medaille – eine Leiche. Stieger liegt erstochen im Garten. Mit einer Velospeiche. Auch die hat zwei Seiten: Eine stumpfe und eine angespitzte. Senkrecht in den Körper gerammt. Erst beim Abtasten des Rückens fällt Studer das Mordwerkzeug auf. E fehlt jedoch das Zusatzteil, mit dem die Speiche in den Körper getrieben wurde. Tja, die Feierstimmung ist wohl dahin.

Die Brissago im Mund, sich den Kopf kratzend schnaubt Studer seinem letzten Fall entgegen. Der örtliche Fahrradhändler (von Glauser so herrlich für uns altmodisch Velohändler genannt) ist einer der Hauptverdächtigen. Motiv: Eifersucht. Stieger und Graf waren in die gleiche Frau verknallt. Fräulein Loppacher. Es gibt halt immer zwei Seiten.

Die Loppacher arbeitet bei einer Privatdetektei, die Stieger und Krock gehört. Sie war vor Kurzem erst vom Graf zum Stieger „gewechselt“. Nun ist einer der Detektive tot. Bald schon auch der Zweite. Krock fällt mit Schaum vorm Mund vom Hocker als er gerade am Klavier saß. Dr. Salvisberg kann nur noch den Tod durch Vergiftung feststellen.

Nach und nach wird Studer klar, dass Graf nicht der Mörder von Stieger sein kann, und auch, dass es doch keiner besonderen Kraftanstrengung benötige, um die angespitzte Speiche in einen Körper zu jagen. Vielmehr interessiert den Ermittler warum der zweite Tote, Krock, an den Polizeipräsidenten in Mannheim einen Brief geschrieben hat. Von der Stadt, in der der Hotelbesitzer, und jetzige Ehemann von Anni, einer Schulfreundin von Studer, und jetziger Gastgeberin, sein Vermögen gemacht hatte. Viele Fragen, viele Seiten, zwei Morde.

Und dann gerät auch noch die Anni ins Fadenkreuz seiner Ermittlungen. Denn der ermordete Stieger hatte zweitausend Franken für sie dabei bevor das Zeitliche segnen musste. Doch Habgier?

Das so fröhliche Ereignis – die Hochzeit der eigenen Tochter – und dann so ein verzwickter Fall – Studer schlittert fast in seine eigene Ermordung. Für die Schönheit der Umgebung hat Jakob Studer keine Zeit. Der Berner trifft im Appenzeller Land auf seine eigene Vergangenheit, muss sich mit der Situation abfinden, dass er fernab von zuhause ein Fest feiern muss, und wird schlussendlich wieder in seinen alten Trott zurückgeworfen. Jede Medaille hat halt immer zwei Seiten …

Bevor sie Euch töten

Wären Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele Urlauber auf Sizilien, sie hätten das Paradies für sich entdeckt. Doch die Situation stellt sich ganz anders dar. Sie verstecken sich in den Bergen, denn ihr Leben ist nichts mehr wert. Mitte der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts fliegen die alliierten Bomber einen Angriff nach dem anderen. Ganze Landstriche werden verwüstet.

Die einstigen Herren erhalten ihre Macht durch grundbesitzt, den sie schonungslos verteidigen. Harte Arbeit und schlechte Bezahlung lassen die Menschen aufbegehren. Ihre Anliegen werden niedergeknüppelt. Und auch sonst herrscht das Gesetz der Stärkeren. Die Vier haben alle ihre Gründe vor der Realität zu fliehen. Hier in den Bergen sind sie sicher. Ab und zu werden sie mit Proviant verpflegt. Ihr Ziel: Venezuela. Ein sorgenfreies Leben. Mit Frauen. Davon träumen sie, wenn sie den Tag passieren lassen. Insgeheim wissen sie, dass hier ihr Leben enden wird. Doch die Hoffnung, dass dem nicht so ist, lässt sie weiter in ihrer Phantasie schwelgen.

Zwischen perfiden Arten des Mordens und eindrucksvollen Landschaftsbeschreibungen verführt Giuseppe Fava den Leser in ein Sizilien, das so gar nichts mit der verklärten Prospektwelt der Reiseveranstalter zu tun hat. Entlaufene Töchter, entehrte Familien, unmenschliche Arbeitsbedingungen in sengender Hitze, skrupellose Landbesitzer sind real und werden ungeschönt beschrieben. Fava geht soweit, seinem Quartett eine letzte Chance zu geben: Vier Pässe gegen einen „einfachen Mord“. Werden die Vier das Angebot annehmen? Sind damit endgültig alle Schrecken vergessen, und wird ihnen nun das Paradies offenstehen?

Wohl kaum. Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele stehen sinnbildlich für die Verzweiflung Siziliens. Jung und Alt, begehrend, verzweifelt, hoffnungsvoll, hungrig – nur mit dem Ziel ihre geliebte Heimat alsbald verlassen zu können. So stark die Verwurzelung auch sein mag, so stark ist der Wunsch diese Wurzeln anderswo gedeihen zu lassen. Ihr Versteckspiel – wie werden immer noch aus verschiedenen Gründen als Banditen gesucht – ist eine Art Abschiedswanderung. Doch der Abschied will einfach nicht nahen…

Giuseppe Fava engagierte sich sein Leben lang im Kampf gegen Korruption, namentlich Mafia, und er hatte keinen Berg, auf dem er sich verstecken konnte und den Spieß umdrehen konnte. Seien Helden sehen keinen anderen Ausweg als selbst zu dem zu werden, das sie bekämpfen. Fava wurde von der Mafia ermordet, vor seinem Theater in Catania, in dem sein Anti-Mafia-Stück aufgeführt wurde. Trotz aller Versuche der Mafia einen Prozess zu verhindern, sitzen die Schuldigen heute hinter Gittern.

Reise in die Schweiz – Kulturkompass fürs Handgepäck

Reise in die Schweiz - Kulturkompass fürs Handgepäck

Die Schweiz ist ein kleines Land, klein an Fläche. Die Schweiz ist ein reiches Land, reich an sehenswerten Orten. Schwer sich da zu recht zu finden. Klar, dass ein Reiseband da nottut. Aber was ist mit den Dingen, die die Schweiz ausmachen? Kultur, Verhaltensregeln, Sehnsüchten? Wer die Schweiz besucht, denkt gar nicht so weit, dass es wegen der Nähe – vor allem sprachlich – doch gewaltige Unterschiede zu unseren Gefilden gibt. Wenn es doch nur ein Buch geben würde, das dem Besucher erlaubt die Schweiz einmal fernab von „Da müssen Sie hin, das muss man gesehen haben“ näherbringt. Gibt es doch! Und jeder kann ihn haben! Den Kulturkompass fürs Handgepäck für eine Reise in die Schweiz.

Und gleich zu Beginn eine Überraschung. Susann Sitzler behauptet (und kann es auch belegen), dass die Schweizer raus wollen aus ihrer Schweiz. Aber auch Heimweh haben, teils sogar daran kränkeln. Ein Widerspruch?! Zum Einen verengen die Berge die Sicht, zum Anderen geben sie auch Sicherheit und Geborgenheit. Die Schweizer sind mobil. Viele machen sich bevorzugt am Wochenende auf, um mit dem Töff das Land zu erkunden. Das Töff ist übrigens das Motorrad, kein abschätziges Wort, sondern ernstgemeinter Begriff.

Und so rollt man dann gemütlich durch die Schweiz. Über Berge und Täler, durch Dörfer. Und gelangt vielleicht sogar in einen Musikwettstreit. So wie Friedrich Glauser im Buch. Oder wird Zeuge von typisch schweizerischen Sportarten wie Schwingen und Hornussen, bei dem es um Herunterholen, Abtun oder Ablöschen geht.

Eine weitere Schweizer Tradition ist das Käsemachen. Doch Käse ist nicht gleich Käse. Kenner bemerken den Unterschied zwischen Alp- und Talkäse, und Jeremias Gotthelf gibt einen kleinen Einblick in die Naturgeschichte der Käsereien.

Die Schweiz ist mehr als eine bergige Binnenenklave mit Kreuz, Schoggi und Kuhglocken. Obwohl man sich hier gern dieser Klischees bedient, um dem Gast alles so angenehm wie möglich zu gestalten. Namhafte Autoren wie zum Beispiel Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt vermitteln dem Schweizunkundigen und Schweizneugierigen einen umfassenden Überblick über das, was die Schweiz ausmacht. Als Tourist fühlt man sich mit diesem Buch weniger als Selbiger. Pflichtlektüre vor der Reise, Stichwortgeber währenddessen und Memoirenbewahrer zu jeder Zeit.

Hoch oben in der guten Luft

Hoch oben in der guten Luft

Elegant ist es hier, in Davos. Alles ein bisschen sauberer und mondäner als anderswo. Und vor allem gesund! Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in dem einst kleinen Dorf ein neuer „Industriezweig“: Das Kuren. Kuraufenthalte in Davos waren von je her kein preiswertes Vergnügen. Man musste es sich leisten können. Der einstige Belle-Epoque-Charme wich im Laufe der Jahre Form-folgt-Funktion-Architektur. Doch als Davos noch das Mekka der lungenkranken hautevolee war, konnte man im Eingangsbuch von so manchem Sanatorium auf Autogrammjagd gehen: Katia Mann, Gala (baldige Gala Dali), Klabund, Paul Elouard. Auch wer nicht wegen der Gesundheit bzw. wegen Krankheiten hierher kam, konnte sich hier exzellent vergnügen und entspannen. Hermann Hesse fuhr hier regelmäßig Ski, Béla Bartók gab Konzerte.

Literarisch setzte Thomas Mann dem Ort ein Denkmal. In seinem „Zauberberg“ diente Dr. Jessen und als Vorbild für den Hofrat Behrens. Und sein Waldsanatorium war das siebenjährige steingewordene Exil für Hans Castorp.

Gala, die zu dieser noch Helena Dimitrowna Diakonowa hieß, verliebte sich hier in Paul, der zu dieser Zeit noch Eugène Émile Paul Grindel war. Beide aus guten Elternhaus – wie gesagt, hier konnte es sich nicht jeder leisten „gesund zu werden“. Sie fand Zugang zu den Surrealisten und später auch zu Salvador Dali.

Davos als Tummelplatz der Enttäuschten, der Entbehrungsgeprüften, führte kein (Kurschatten-)Dasein. Lange Liegekuren, ausgedehnte Spaziergänge, ein bisschen Kupferlösung hier, ein bisschen Chemie da. Und dann? Kuren war Anfang des 20. Jahrhunderts eine langwierige und oft auch langweilige Sache. Kein Animationsprogramm wie es heute oft üblich ist. Der Patient sollte zur Ruhe kommen. Kreativ waren die meisten von Natur aus. Sie mussten nicht bespaßt werden.

Unda Hörner untersucht die Wirkung des Ortes auf das Schaffen der Literaten, der Bohème, die so gar nichts mit Rodolfo und Marcello aus Puccinis gleichnamiger Oper zu tun zu haben scheinen. Außer vielleicht dem Krankheitsbild von Mimi. Dieses Buch macht Lust auf Davos und auf die Werke der ehemaligen Patienten. „Hoch oben in der guten Luft“ verführt dazu noch einmal am Bücherschrank vorbeizugehen und sich das eine oder andere Buch noch einmal herauszugreifen. Oder es überhaupt zum ersten Mal zu lesen. Dada, Surrealismus, Poesie, Klassiker – die Reihe der im Buch genannten Werke mit Bezug zu Patienten und Davos ist schier unendlich. Ein Appetitmacher auf große Literatur und auf Entdeckungsreisen in den Höhen der Schweiz.

Tessin

Tessin

Es gilt ein Vorurteil abzubauen. Das, das man auch ohne Vorbereitung ins Tessin reisen kann. Is ja eh alles toll dort! Stimmt! Aber, … Moment … ABER: Ganz ohne Vorkenntnisse ins Tessin reisen und erwarten, dass man wirklich alles oder zumindest die wichtigsten dieser Schönheiten sieht, funktioniert auch nicht. Also doch vorbereiten. Doch mit Stil und Kenntnis, bitte.

Marcus X. Schmid ist ein Verfechter dieser Argumentation und wer seinen Reiseband über das Tessin liest, auch wenn er nur ein wenig darin rumblättert, muss ihm zwangsläufig beipflichten. Wobei auch die Lese- und Vorbereitungsfaulen in ihrer Meinung bestätigt werden – sie sehen dann halt weniger. Viel weniger! Das Tessin, der italienische Name Ticino klingt zwar weltläufiger, aber der Einfachheit halber belassen wir es bei Tessin, ist keine Region, die nur Bergenthusiasten anspricht. Wer noch keiner ist, der wird es spätestens hier. Und das obwohl hier gespart wurde. Zum Beispiel braucht man – das ist ein Klischee, aber wenn man sich die Bilder im Buch anschaut, bekommt dieses Klischee permanent Futter – um den Himmel zu malen nur eine Farbe: Blau. Kein hellblau, oder babyblau. Nein, ein kräftiges, vor Kraft strotzendes Blau reicht vollkommen aus. Egal, ob im Norden, am Lago Maggiore, den Tälern des Locarnese, im Luganese oder im Mendrisiotto. Womit auch gleich die einzelnen Kapitel vorgestellt wären.

Nachdem man sich im Buch durch die standardmäßigen und wegweisenden Basisinformationen gelesen  und sich dabei die ersten Sehnsuchtsfäden aus dem Gesicht gewischt hat, beginnt die Verzauberung des Lesers. Von der Sonnenstube der Schweiz ist da die Rede. Schon wenige Seiten später warten die ersten der 10 Wanderungen auf Entdecker.  Zumindest die Hinweise. Denn alle Wanderungen und Touren werden am Ende des Buches detailliert beschrieben, mit allen Hinweisen, die man braucht. Allen!

Jeder Ort wird entsprechend seines Erholungs- und Besuchswertes vorgestellt. Ja, hier ist alles sehenswert. Aber warum? Das steht nur im Buch. Spätestens bei den gelben Infokästen macht sich das Buch schon bezahlt. Man stelle sich vor, man besucht das Tessin. Irgendeinen Ort. Jetzt teilt sich der Besucherstrom. Die Einen gehen mit der Masse, sehen das, was jeder sieht und jeder kennt. Der kleinere Teil, oft gut ausgerüstet mit einem Buch, das im Buchrücken einen Regenbogen hat, wuselt neugierig herum. Findet da etwas, kann etwas dazu erklären, weiß sofort Bescheid. Wer dieses Buch nicht zur Hand hat, sollte sich nicht grämen, sondern der kleineren gruppe folgen. Denn die haben dieses Buch gelesen, vielleicht sogar studiert. Die wissen wo’s lang geht!

Es ist erstaunlich, wie viele Informationen auf 264 Seiten untergebracht werden können, ohne dabei an Gehalt zu verlieren. Einzelne so genannte hot spots aufzuzählen, wäre mühselig, und außerdem hat das ja schon Marcus X. Schmid getan. Das ausgewogene Verhältnis zwischen ansprechenden texten und vielversprechenden Bilder, die aussagekräftigen und brauchbaren Karten, die nützlichen Infos für Magen und Haupt (Essen und Schlafen), die klare Gliederung machen dieses Buch fast noch wichtiger als festes Schuhwerk auf Wanderungen. Nur eines ist noch wichtiger: Die Neugier!

Graubünden

Graubünden

Na das ist ja ein Ding! Ein Reiseband, der mit einer Lüge beginnt. Grau ist hier in Graubünden nichts. Nicht einmal die Theorie. Alles farbenfroh! Buntbünden träfe es wohl besser! Über diesen Kanton kann man nichts Graues berichten. Friedrich Dürrenmatt durfte das, er ließ den Schrott, den Kindsmörder aus „Es geschah am hellichten Tag“ seine Opfer an einer Straße, die nach Graubünden führt sein Unwesen treiben. Aber das war‘s schon.

Bleiben wir noch ein wenig bei den Künstlern, also solchen wie Dürrenmatt. Alberto Giacometti, der Bildhauer, dessen Statuen zu den am höchsten gehandelt der Welt gehören, wurde im Stampa geboren. Und das liegt in Graubünden, dem Kanton im Südosten der Schweiz mit Grenzen zu Österreich, Liechtenstein und Italien. Leckermäuler lechzen förmlich nach dem Bündner Fleisch. Bei vielen hört hier das Wissen über Graubünden auf.

Und Marcus X. Schmid kommt hier erst so richtig in Fahrt. Ähnlich dem Bernina Express. Da hat man kaum das Buch aufgeschlagen, und schon wird man mit der harten, aussichtsreichen realität vertraut gemacht. Denn Graubünden leistet sich eine Privatbahn, die RhB, die Rhätische Bahn. Und zu der gehört der Bernina Express über den gleichnamigen Pass auf über zweitausend Metern Höhe. Wenn Berlin am Savigny-Platz am berlinischsten ist, wie einmal der Schauspieler Otto Sander sagte, so ist die Schweiz hier wohl am schweizerischsten. Über den Morteratschgletscher ins Puschlav. Keine Orte, die einem wie Schnitzel oder Kartoffelsalat über die Lippen gehen, doch eingehend besucht werden können und sollten. Der Morteratschgletscher ist der Größte in Graubünden. Acht Kilometer ist er (noch) lang und einen Kilometer (noch) breit. Er reicht nicht mehr bis an die Schienen des Bernina Express heran, jedoch sind Wege zu ihm vorhanden, ausgeschildert und leicht zu bezwingen. Also nicht nur für geübte Kletterer zu bewundern. Wie es genau hingeht, weiß der Autor und teilt dies freundlicherweise im Buch mit.

Was sich zuerst wie ein Balkan-Hauptgericht anhört, gerät schnell zum Erlebnis für alle Sinne: Puschlav oder auch Valposchiavo. Hier ist man schon fast in Italien. Hier wächst Wein. Für das Wort Regen scheint es auch keine Übersetzung zu geben. Auch hier hat der Autor wieder einen Tipp parat, den man sich zu Herzen nehmen sollte: Mit dem Zug fahren, Fensterplatz im Panoramazug reservieren und sich zurücklehnen. Außer die Augen offenhalten, hat man nichts weiter zu tun. Das Staunen, das freudige Stöhnen, das Verzücken – kommt alles von ganz allein! Der Autor setzt noch einen drauf. Gletschertöpfe soll es hier geben. Wer mit dem Begriff nichts anfangen kann, blättert um und staunt…

Schon das Titelbild verrät, dass Graubünden ein Zugfahrland ist. Meisterleistungen der Ingenieurskunst lassen schmucke Züge, die RhB fährt generell in (Schweizer?) Rot, riesige Talschluchten überwinden, die dem Passagier ein erhabenes Gefühl bereiten. Mitten in den Bergen, in etwa gleiche Entfernung zu den Gipfeln wie in die Täler lassen den Begriff Mitte, oder gar das Mittelmaß, zu etwas Großartigem reifen. Das einzige, was einem hier noch passieren kann, ist der Wetterumschwung. Von extrem schön zu sehr schön. Aber auch dagegen gibt es etwas: Die Lektüre dieses Buches! Mit reist man immer extrem gut informiert, extrem gut unterhalten und immer extrem erholt.

Der Schüttler von Isfahan

Der Schüttler von Isfahan

Prozentrechnen für Weltreisende: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung kennen Sie, die schon mal in der Schweiz waren? Garantiert mehr als 90 %. Und in Thailand? 70%? Namibia, Niger, Kirgistan? Weniger als ein Viertel? Und jetzt alles zusammen, also von Armenien und Chile über Iran und Usbekistan bis nach Burkina Faso und Grenada. Es tendiert wohl gegen Null. Darf ich vorstellen: Georges Hausemer. Seines Zeichens Weltreisender und eloquenter Geschichtenerzähler. Und Mister Einhundert Prozent!

Heruntergekommene Hotelzimmer, euphorisch begrüßter Kaffeegenuss, enervierende (russische) Flugzeugpassagiere, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, unglaubliche Naturphänomene am Ende der Welt, der ganz „normale Wahnsinn“ in ehemaligen Sowjetrepubliken, missverständlicher Smalltalk im Taxi … die Liste der Geschichten ließe sich unendlich fortsetzen.

Die titelgebende und so viele Assoziationen hervorrufende Story ist derart überraschend, dass man selbst sofort die eigenen Urlaubserlebnisse niederschreiben möchte. Denn das, was Georges Hausemer in den vergangenen Jahren passiert ist, kann jedem passieren. Nur halt nicht so oft und schon gar nicht in so vielen Ländern. Und schon gar nicht kann jeder diese Erlebnisse so pointiert niederschreiben.

Reisen bildet – und es schafft Platz im Hirn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der Alltag als Besonderheit ist der Boden auf dem die Reisegeschichten des Autors wachsen. Man muss nur hinschauen. Wachen Auges schreitet Georges Hausemer durch die entlegensten Flecke der Erde. Fast scheint es so, als ob er der Typ ist, den man am Abend an der Bar, auf der Terrasse, im Restaurant irgendwo auf der Welt gesehen hat, wie er mit Stift und Papier bewaffnet seine Eindrücke festhielt. Nicht immer streng nach den Regeln wie er selbst in einer Geschichte einräumt. Denn das A und O der Aufzeichnungen sind Daten und Fakten. Manchmal ist das Erlebte so spannend, so neu, so faszinierend, dass man darüber hinaus diese vergisst. Den Ausführungen tut das keinen Abbruch. Die verlorenen Fakten machen die Texte mystischer und den Autor nahbarer.

Die mehrere Dutzend Geschichten vermitteln einen beeindruckenden Überblick über die Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Welt. Geht in Deutschland ein Taxi kaputt, geht gleich die Welt unter. In Armenien oder Georgien nimmt man es hin. Man weiß, dass es etwas länger dauern kann. Die Definition von „etwas länger“ ist im Kaukasus auch eine gaaaaanz andere als bei uns. Aus dem kleinen Luxemburg in die Welt hinausgeschleudert, auf einem Blatt Papier um die Welt reisend, mit spitzer Feder vom Erdball die letzten Geheimnisse kratzend. Georges Hausemer ist der Reiseleiter, den sich jeder wünscht. Und sei es nur in Buchform.

Erzähl mir von Ladakh

Erzähl mir von Ladakh

Wer sich auf dem Drahtesel über Pässe quält, die sechstausend Meter über dem Meeresspiegel auf dem indischen Subkontinent liegen, muss einfach seine Impressionen niederschreiben. Nicht, weil die Reise irgendwie finanziert werden muss. Nein, weil er nach dem Urlaub in geselliger Runde wohl kaum jemanden finden wird, der das gleiche Schicksal, die gleichen Eindrücke wiedergeben kann. So einen Urlaub macht man meist nur einmal.

Adi Traar hat schon mehrere solcher Reisen unternommen. Er kennt sich aus. Doch diese Reise wird auch ihn verblüffen. Die einzelnen Kapitel haben keine blumigen Überschriften – sie sind nach Höhenmetern unterteilt. So nüchtern das klingen mag, so farbenfroh sind die Reisebeschreibungen. Poetry slam im höchsten Gebirge der Welt. Adi Traar trifft in echt echte Typen, die man nicht überall auf der Welt als Reisegefährten sieht. Und alle sind genauestens informiert. Nicht über das Vorhaben des verrückten, der mit dem Rad in gebirgige Höhen aufsteigen will. Nein, das Schicksal Michael Jacksons ist ihr Tages- bzw. Wochen- bzw. Monatsthema. Alle sprechen ihn darauf an. Die Reise fand kurz nach dem Tod des Kings of Pop statt.

Den Autor plagen derweil andere Probleme. Hält die Technik, zum Beispiel? Um es vorweg zu nehmen: Nein, zumindest nicht immer. Antriebslos wird er deswegen nicht. Improvisieren in tausenden Metern Höhe. Auch ein Abenteuer, das nicht jeder erleben darf. Oder die durchaus als besonders zu bezeichnende Befriedigung ein echtes Bett unter dem geschundenen Körper spüren zu können. Die seltsame Küche Indiens und der Bergregionen zu genießen. Adi Traar genießt wirklich jeden Tag, jede Stunde, jede Minute in den Bergen. So manchen Abschnitt vielleicht auch erst im Nachhinein. Doch Genuss ist der ständige Begleiter des radelnden Reporters.

Egon Erwin Kisch dichtete man die Aufforderung „Schreiben Sie das auf, Kisch!“ an. Adi Traar möchte man zurufen: „Pack die Sachen, verreise und schreib alles auf!“. Mit Verve und lockerer Schreibe setzt er der seit Kurzem einsetzenden Himalaya-Bilderflut ein wortgewaltiges, fast unscheinbares Büchlein entgegen. Jeder Satz sitzt, jedes Wort ein Volltreffer, das den Leser die Strapazen einer solchen Reise vergessen lässt. Die Leichtigkeit seiner Worte steht im krassen Kontrast zu den Anstrengungen im Gebirge im Wiegeschritt voranzukommen. Oft muss man Schmunzeln, oft gerät man ins Grübeln. Doch immer unterliegt man dem Charme des Autoren und der unbeschreiblichen Landschaft.

Wieder einmal wird ein weißer Fleck auf der Landkarte der Abenteurer durch ein kleines Büchlein in ein Farbenmeer an Impressionen ersetzt.

Himalaya

Himalaya

Wer hoch hinaus will, muss unten anfangen, könnte ein asiatisches Sprichwort lauten. Ist aber eher eine Adaption. Oder auch der Leitspruch eines jeden Alpinisten, der das höchste Gebirge der Welt erklimmen möchte. Hier oben ist das Leben rau, echt, selten einladend. Viele, die die Spitze der Welt erobern wollten, konnten von ihren Taten nicht mehr berichten. Und die, die es konnten, vergaßen nie wieder, was sie erlebt hatten. Auch davon berichtet dieses Buch.

Es ist trotz der enorm fortgeschrittenen touristischen Erschließung immer noch eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. Die Berge des Himalaya zu bezwingen (schon anhand der Wortwahl – bezwingen – lässt sich die Schwierigkeit des Unterfangens erkennen), ist ein so genannter Menschheitstraum. Dazu gehört zum Einen die Vision, zum Anderen die Umsetzung dieses Traumes. Philip Parker und sein Autorenteam haben sich auf Spurensuche begeben.

Die Eroberung des Himalaya begann nicht erst mit der Bezwingung des Mount Everest Ende Mai 1953. Sie begann viel früher, nur eben unbemerkt. Obwohl in den Höhenzügen des Himalaya nicht gerade das Leben tobt, so lebt man hier schon seit Ewigkeiten, nur eben unbemerkt. Seit ein paar Jahrzehnten ist es allerdings vorbei mit buddhistisch erhabener Ruhe. Biwaks und der damit verbundene Müllberg (der ist allerdings wirklich neu) bestimmen die Szenerie.

Wer davon liest, hat schon den größten Teil des Buches bezwungen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Leser von den Königreichen auf dem Dach der Welt erfahren, ist mit Pilgern und Missionaren auf Gipfel geklettert und hat mit dem Autor Stewart Weaver den Himalaya vermessen. Und natürlich auch mit Tenzing Norgay und seinem berühmten Schrittgefährten Sir Edmund Hillary auf alle herabgesehen.

„Himalaya – Die höchsten Berge der Welt und ihre Eroberung“ ist aktuell der einzige Abenteuerroman, der auf echten Fakten beruht. Natürlich ist es ein Sachbuch, aber geschrieben ist es wie ein echter Thriller. Und wer meint, dass mit der Erstbesteigung alle Messen gelesen sind, wird im letzten Kapitel von Doug Scott eines Besseren belehrt. Denn im Himalaya ist das Abenteuer noch lange nicht zu Ende. Begonnen hat das Abenteuer mit einem Traum, fortgesetzt wird es in diesem Buch, abgeschlossen wohl niemals.