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Ein Sommer

Jean und Jeanne – na das passt doch, nicht nur wegen der orthographischen Nähe. Jean hat einen Bruder, Pierre. Und den lädt er zusammen mit dessen Freundin Lone zu einem kurzen Segeltörn vor der Küste Neapels ein. Um sie herum nur Sonne und Wasser, das so grell des Licht bricht und wiederspiegelt. Dunkle Wolken – Fehlanzeige! Wenn man nur den Himmel betrachtet. Doch im Inneren des Bootes brodelt der Vulkan…

Der Vulkan der Leidenschaft. Und wenn Jean wüsste, dass der schon einmal gewaltig ausgebrochen ist … Der Reihe nach. Pierre ist ein wenig mulmig zumute als er die Einladung zum Mittelmeertrip erhält. Aber Kneifen gilt nicht. Und außerdem ist ja Lone, seine Freundin dabei. Man vermutet es bereits – Jeanne und Pierre, da war mal was.

Die Wellen plätschern dahin, die Sonne brennt erbarmungslos auf das Quartett hernieder. Pierre ist unwohl, das Schaukeln und die fremden Gerüche spielen seinem Magen einen Streich. Doch das gibt sich. Alles cool. Ein Leitspruch von Pierre. Alles cool.

Schon in der ersten Nacht wirkt er aber gar nicht mehr so cool. Auf und Ab bewegt sich das Boot. An Schlaf ist nicht zu denken. An Deck – frische Luft soll ja bei Schlaflosigkeit Wunder bewirken – gesellt sich Jeanne hinzu. Auch sie kann nicht schlafen. Doch aus einem anderen Grund. Sie hat die gemeinsame Nacht mit Pierre noch nicht vergessen. Die eindeutig zweideutigen Bemerkungen lassen Pierre nun erst recht nicht zur Ruhe kommen. Ist Jeanne doch mehr als „nur die Frau seines Bruders“? Das Meer liegt still und spiegelglatt vor den beiden. In ihnen brodelt der Vulkan.

Am nächsten Tag ist das Schrecken auf dem Boot eingekehrt. Lone hat eine fiese Beule am Auge. Sie muss zum Arzt. Bereitwillig rudert Jean die untröstliche Lone ans Land. Zurückbleiben Jeanne und Pierre…

Vincent Almendros wurde für „Ein Sommer“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet. Der schönste Roman des Frühlings nannte man ihn im Jahr 2015. Und das ist er seitdem. Die Strahlkraft der Zeilen reicht weit über Verzückung hinaus. Der Spannungsbogen, den Almendros zeichnet, führt den Leser an die Grenzen der Aufmerksamkeit. Fast will man nur noch umblättern, um zu erfahren wie und ob es weitergeht. Die Worte leicht wie ein Sommerwein, die Charaktere klar umrissen wie Schattenspiele an weißgekalkten Wänden, führt, nein verführt Vincent Almendros den Leser in die Tiefen einer ménage à quatre. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer wen wie und wann vor den Kopf stoßen wird. Zwischen Schwarz wie die Tiefen der See und grellem Weiß wie das Licht im Inneren der Sonne schwankt das Boot der Versuchung vor einer der schönsten Küsten des Mittelmeeres. Wie eine aufmerksame Drohne schwebt der Leser als stiller Beobachter über der nahenden Katastrophe.

Diese verdammte Hand

Groß ist die Freude, aber auch die Ernüchterung als der anonyme Erzähler seinen nicht minder anonymen Freund X nach fünfzehn Jahren besucht. Der hat sich in die Berge zurückgezogen, um Inspiration zu finden. Doch stattdessen wurde er einsam, ein gebeugter Mann, der krampfhaft Anschluss sucht. Und Inspiration. Der Erzähler will der Verzweiflung des Freundes auf den Grund gehen und … erhält dessen Tagebuch.

In irgendeinem kleinen französischen Dorf wächst der kleine Georges (X) auf. Schon früh merken er und die anderen, dass an ihm so einiges anders ist. Oft geistig abwesend, schlendert er durch seine Kindheit. Man ist ihm zugetan, doch auch auf der Hut. Denn Georges ist irgendwie anders, sonderbar, zum Glück aber nicht gefährlich. Erst Jahre später soll er begreifen, was mit ihm los ist. Er trifft Lucien, einen Maler. Und der klärt ihn im Handumdrehen auf: Georges ist ein Künstler! Durch und durch Künstler. Für den jungen Mann, der Lucien nach Paris folgt eine Offenbarung.

Doch die Medaille hat zwei Seiten. Klar, die gerngesehene Vorderseite, die glänzt, Bewunderung erntet. Aber auch die Rückseite, die, die niemand sieht. Niemand sehen will. Die schmutzige, die dunkle Seite, gespickt mit Selbstzweifel und unbändiger Wut. Wut darüber, dass Kopf und Körper nicht immer eine Einheit bilden.

Lucien und Georges, der Maler und der Schriftsteller gehen eine Symbiose ein, die zum Scheitern verurteilt ist. Denn Künstler müssen losgelöst von Konventionen und Abhängigkeiten wirken können. Als Lucien Georges für eine gewisse Zeit verlässt, wird Georges wieder in Kindertage zurückgeschleudert. Wohin mit sich und seiner Kreativität? Was anfangen mit den Tagen voller Öde und Leere? Doch Lucien ist bald zurück. Doch die Zeit verlangt ihre Opfer…

Octave Mirbeau ist dieser Georges. Kreativ ist er zweifelsohne. Doch er braucht den Anstoß, den ihn im richtigen Leben seine Frau geben musste. Die ihn aber auch unglücklich machte. Und Lucien? Wer ist dieser an sich selbst zerbrechende Mann, der dem jungen Georges so viel Enthusiasmus gab? Die Antwort liegt nahe: Vincent van Gogh.

Ein Tatsachenroman ist „Diese verdammte Hand“ bei Weitem nicht. Aber der Abriss eines Lebens. Das eines Künstlers, der an sich selber zerbrochen ist. Und zwar aus der Sicht eines Leidensgenossen. Wer schon immer mal tief in die verborgene Welt eines Künstlers eintauchen wollte, bisher aber nur an der Oberfläche gekratzt hat, erreicht mit „Dans le ciel“ wie der Roman im Original heißt, eine neue Ebene des Verständnisses. Ein anonymer Erzähler, von dem man annimmt, dass er der Autor ist, trifft einen Autor, der wiederum die Aufzeichnungen eines Künstlers hütet. Drei Ebenen, drei Menschen, eine Geschichte.

Holland, Belgien, Frankreich waren drei Stationen im Leben des zu Lebzeiten verkannten Malergenies Vincent van Gogh. Heute sind seine Werke unbezahlbar. Wer dennoch in der Lage ist eines zu ersteigern, reißt ein gewaltiges Loch in die Portokasse. Da ist es doch einfacher (und vor allem preiswerter) einen Tag oder gleich ein paar Tage auf den Spuren des Künstlers zu wandeln und zu reisen. Sei es nun ein Tag im Van Gogh Museum in Amsterdam oder einer Tour durch Brabant, seine Heimat oder nach Mons (Europas Kulturhauptstadt 2015), wo er zum ersten Mal sich ausschließlich der Malerei widmete. Wer sich damit nicht zufrieden geben kann, wird mit einer Tour von Amsterdam über Otterlo, Paris bis zum Beispiel nach Auvers-Sur-Oise oder Arles geradezu überschüttet mit Eindrücken, die van Gogh zu seinen Werken inspirierten. Auf www.RouteVanGoghEurope.com wird jeder fündig, dem die Sonnenblumen mehr geben als nur bloße Dekoration einer Küchenwand oder die neuesten Zahlen aus dem Hause Sotherby’s, wenn wieder mal ein van Gogh Höchstpreise erzielt hat. Sechs länderübergreifende Touren wurden zusammengestellt, neun Standorte vervollständigen das Bild des Malers Vincent van Gogh und laden ein ihn zu Hause zu erleben und ihm über die Schulter zu schauen.

Meine Gourmet Tour de France

Tres bien! Das war lecker! Den Col de „Gefüllte Taschenkrebse“ erklommen, als Rolleur „Normannische Brioche“ und „Milchreis“ genossen, und zum Abschluss eine „gratinierte Zwiebelsuppe“ obendrauf. Das, was den Teilnehmern der Tour de France während ihrer dreiwöchigen Rundreise vorenthalten wird, darf man nun nachkochen, mit allen Sinnen genießen und das tagein, tagaus. So macht Frankreich, so macht Urlaub, so macht ein Kochbuch Spaß!

Julie Andrieu nimmt die Strapazen der Tour auf sich und klappert mit den Kochtöpfen für den Leser die schönsten Passagen der Küchen an der Wegstrecke ab. Und genau wie jede Etappe ihre Eigenheiten hat, so ist eben auch die Küche Frankreichs nicht zu verallgemeinern. Dort, wo die Tour de France seit 1975 endet, in Paris, beginnt sie ihre Gaumenrundfahrt. Gleich die zweite Etappe hat es in sich. Nur 20 Minuten lang (also Zubereitungszeit), doch voller Geschmacksexplosionen: Entenleberpastete mit Nussaromen. Da steigt man gern vom Drahtesel und genehmigt sich noch Nachschlag. Vorbei an Louvre und Eiffelturm – das Auge isst doppelt mit, denn Fotos aus den vorgestellten Regionen sind hier mehr als nur das Salz in der Suppe – geht es weiter über Hasenpastete mit Cidre und Hähnchen mit flambierten Calvados-Äpfeln zu rosa Venusmuscheln, womit wir schon im Nordwesten angekommen sind. Hier, wo der Wind den Pedalrittern seitwärts das Vorwärtskommen gern mal erschwert, tischen die Autorin Rezepte auf – übrigens allesamt von passionierten Amateuren (als Gegenentwurf zum Profi) der Autorin verraten – deren Name schon das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Seebarsch in Salzkruste mit weißer Buttersauce.

Oder wie wäre es mit einer Tarte? Tarte Kougin-Amann aus Buchweizenmehl. Typisch für die Bretagne, dass man hier Buchweizenmehl verwendet. Originell und traditionell.

Der sonnige Süden, dort, wo die Berge nur echte Kerle zu sich herauflassen, wartet am Ende der Etappe Mandelpudding und Mandelgebäck. Und das alles ohne unerlaubte Zutaten. Alles, was hier in den Töpfen verschwindet, in den Backformen zur Hochform aufläuft, duftend aus Kellen serviert wird, nur darauf wartet nachgekocht zu werden, verdient das Prädikat lecker. Deftig und süß, raffiniert und bodenständig, exquisit und neu interpretiert – hier kommt man nach einem anstrengenden Tag im Sattel wieder zu Kräften. So eine Tour de France lässt man sich nicht entgehen!

Tom Ripley

Im Jahr 1955 betrat einer der anziehendsten Gauner die literarische Bühne: Tom Ripley. Fünf Romane schrieb Patricia Highsmith über ihren cleveren Betrüger und Mörder, gab ihm aber auch Kunstgeschmack und verstand mit an die Hand. Zahlreiche Verfilmungen, unter anderem mit Alain Delon, Matt Damon, Philip Seymour Hoffman und Cate Blanchett in tragenden Rollen, trugen dazu bei, dass er auch sechzig Jahre nach seiner Geburt immer noch für Furore bei den Lesern sorgt. Der Diogenes-Verlag setzt diesem Mann ein weiteres Denkmal. Die Romane „Der talentierte Mr. Ripley“, „Ripley Under Ground“, „Ripley’s Game“, „Der Junger, der Ripley folgte“ und „Ripley Under Water“ sind in einer geschmackvollen Sonderedition in einer Geschenkkassette erschienen. Ein Muss für Krimifans – ein ideales Geschenk für alle, denen verschlungene Pfade als Reiseroute willkommen sind.

 

Der talentierte Mr. Ripley

Raus aus New York. Weg von den Schwindeleien des alter ego George McAlpin und den dürftigen Einnahmen. Ab nach Europa! Italien, Süditalien! Mongibello! Und das Beste ist: Fürstlich entlohnt! Tom Ripley hat es geschafft! Er soll Dickie Greenleaf zurückholen. Zurück in die Heimat. Seine Eltern möchten, dass der Filius die Firma übernimmt und endlich sesshaft wird, dem Lotterleben entsagt. Und Tom soll den renitenten Sprössling genau dazu überreden. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig als zuzusagen. Schließlich kennt er Dickie ja sooooo gut.

Und Tom trifft Dickie, erzählt von der List des Vaters im fernen New York. Dickie ist nicht sonderlich beeindruckt. Er kennt seine Familie, will sich aber hier im Süden, am Meer selbst verwirklichen. Und eine ruhige Kugel schieben, malen und mit Marge, die enttäuschte Frau an seiner Seite, in den Tag hinein leben.

Tom ist diese Welt fremd. Seit dem Tod seiner Eltern lebt er von der Hand in den Mund. Die monatlichen Schecks von Tante Dottie reichen hinten und vorne nicht. Und nun dieser Lebensentwurf! Keine Regeln, keine Grenzen. Und als Krönung: Keine finanziellen Sorgen. Auch Tom könnte so ein Leben, das Leben von Richard Greenleaf gefallen. Warum also nicht ein Leben als Richard Greenleaf leben? Die Klamotten von Dickie passen schon mal…

Was als Spaß beginnt, wandelt sich nach und nach in ein ernstes Spiel. Toms Passion für das sorgenfreie Leben schlummerte bisher in seinem Herzen. Jetzt ergreift die Idee langsam Besitz von seinem Kopf. Clever war Tom schon immer. Zahlenspiele beherrscht er aus dem Effeff. Parodien sind sein Steckenpferd. Unwiderstehlich reift in ihm reift der Gedanke daraus ein lohnendes Geschäft zu machen.

Doch zum Erfolg muss Dickie aus dem Weg geräumt werden. Die erstbeste Möglichkeit – ein gemeinsamer Ausflug nach San Remo – nutzt Tom, um denjenigen aus dem Weg zu schaffen, der das Tor zum Paradies versperrt. Dickie ertrinkt bewusstlos vom Schlag Toms vor der Küste der Blumenriviera.

Eine Rückkehr nach Mongibello ist nun jedoch ausgeschlossen. Denn Marge ist dort und die kennt Dickie, und auch Tom. Rom ist nun das neue Sehnsuchtsziel. Doch auch hier lauert die Gefahr. Und zwar in Person von Freddie Miles. Tom empfindet ihn als abstoßend. Tom hatte Freddie nur kurz mal gesehen und sofort entschieden, dass er ihn nicht mag. Zu aufdringlich, zu überheblich, zu blass.

In Rom gesellt sich noch eine weitere Eigenschaft Freddies hinzu. Er ist gefährlich. Gefährlich für Tom. Denn Freddie wittert etwas. Weiß er von dem Mord an Dickie? Nein, aber er vermutet, dass Tom irgendwie involviert ist. Tom muss schnell handeln…

Zwei Morde, zwei Persönlichkeiten, die Polizei, Marge und Dickies Eltern in die Irre geführt – es könnte so schön sein ein unbescholtenes, sorgenfreies Leben zu führen. Doch der Zug ist schon lange für Tom Ripley abgefahren. Seine Spielchen treiben ihn immer mehr in die Enge. Die Polizei ist ihm auf den Fersen. Marges Misstrauen bestärkt auch die Greenleafs dem Verschwinden ihres Sohnes nachzugehen – da bleibt nur die Flucht. Die Flucht nach Venedig. Neue Stadt, neues Glück?

Tom Ripley ist ein komischer Kauz. Man weiß nicht recht, ob man ihn bedauern oder postwendend verteufeln soll. Dass er einen Knacks weg hat, steht außer Zweifel. Dass er hochgradig kriminell ist auch. Und doch fühlt man mit ihm, man tut sich schwer zu akzeptieren, dass er das personifizierte Böse sein soll. Wer Städte wie Rom und Venedig so begierig in sich aufsaugt, kann nicht von Grund auf böse sein.

Mit sorgfältig gewählten Worten schickt Patricia Highsmith ihren Helden auf eine Odyssee der Gefühle durch die beeindruckenden Stadtlandschaften Italiens. Wie eine Schlange windet sich der sehnsüchtige Tom Ripley immer wieder aus kniffligen Situationen heraus, vereinnahmt die Metropolen für sich.

 

Ripley Under Ground

Es ist ein paar Jahre her, dass der Ruf von Tom Ripley – hätte er denn einen zu verteidigen gehabt – stark beschmutzt worden wäre. Dickie Greenleaf ist Geschichte. Und Tom lebt nun an der Seine. Er hat eine gute Partie geheiratet. Heloise Plisson ist die Tochter eines schwerreichen Pharmaunternehmers. Kein Grund sich zur Ruhe zu legen. Tom Ripley hat auch ein ganz einträgliches Unternehmen. Er erhält zehn Prozent von Derwatt Ltd. Das ist natürlich nicht legal. Denn Derwatt gibt es nicht, nicht mehr. Er war Künstler, kam bei einem Unfall vor Griechenland ums Leben. Doch seine Bilder verkauften sich ganz gut. Derwatt war nicht bekannt, so fiel auch niemandem sein Tod auf. Als sich Firmen meldeten und unter dem Namen Derwatt ihre Artikel vermarkten wollten, wurde die Idee geboren: Derwatt ist ein verschrobener Maler. Lebt abgeschieden in einem Dorf in Mexiko. Über eine Galerie in London werden seine Werke exklusiv vertrieben. In Wirklichkeit sind es aber fast alles Fälschungen. Bernard Tufts ist dafür zuständig. Zum Imperium gehören auch eine Kunstschule und – was am einträglichsten ist – eine Immobilienfirma.

Nun will es der Zufall, dass der Sammler Thomas Murchison einige seiner Derwatts miteinander verglichen hat und feststellen musste, dass es Ungereimtheiten in Bezug auf Technik und Farbgebung gibt. Und nun ist dieser Murchison auf dem Weg von New York nach London. In der Galerie stehen alle Kopf. Nur Ripley bewahrt selbigen. Mit der ihm eigenen Coolness will er Murchinson davon überzeugen, dass er – Ripley, geschminkt und maskiert – der verschrobene Eigenbrödler Derwatt ist.

Ein wunderbarer Einstieg in einen erstklassigen Krimi. Wald-Und-Wiesen-Autoren würden Ripley nun schnell zur Tat schreiten lassen und damit wären knapp einhundert Seiten voll. Doch Patricia Highsmith hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Viertel ihres spannungsgeladenen Krimis vollendet. Ein Fest für den Leser!

Wer sich auch nur ein wenig in der Kunstszene auskennt, weiß um das Problem von Fälschungen. Schließlich kann die zu zahlende Differenz einen zwei-, sogar dreistelligen Millionenbetrag ausmachen. Mr. Murchison muss also irgendwie beruhigt werden. Noch ist Tom Ripley selbst ganz ruhig. Er trifft den Sammler und bietet an ihm seine Derwatts zu zeigen. Murchison nimmt dankend an. Denn je mehr Derwatts er untersucht, desto früher kann er seinen Derwatt als echt oder unecht deklarieren. Tom weiht aber nicht das ganze Team in seinen Plan. Denn Bernard hat sich still und heimlich mit Murchison getroffen… Denn es kommt wie es kommen musste: Thomas Murchison darf einfach nicht lebend Tom Ripleys Grundstück verlassen.

Ein zweiter Besucher kündigt sich bei Tom Ripley an: Ein Amerikaner. Blond, groß gewachsen, feinfühlig. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert. Wäre da nicht der Name: Chris Greenleaf!

Tom Ripley sitzt auf einem Angstpendel. Allerdings ein Pendel, das gleich in mehrere Richtungen ausschlägt. Von wem geht die größere Gefahr aus? Von Bernard, weil er die Nerven verlieren und alles verraten könnte? Von Chris, weil er so unverhofft auftaucht? Von Heloise, weil sie, wenn sie hinter seine Machenschaften kommt, ihm die Hölle heiß macht? Oder von der Polizei, weil sie unnachgiebig das Verschwinden von Murchison und Derwatt verfolgt?

 

Ripley’s Game

Das ist ein Leben! Zu Hause in einem herrschaftlichen Anwesen an der Seine, ein treues Weib und ohne finanzielle Sorgen. Tom Ripley geht’s gut. Niemand kann ihn wegen eventueller Verfehlungen im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Dickie Greenleaf oder dem rätselhaften Selbstmord von Bernard Tufts etwas anhaben. Er ist und fühlt sich sicher. Und das soll gefälligst auch so bleiben! Deswegen lehnt er auch dankend ab, als sein alter Freund Reeves Minot aus Hamburg ihn um Hilfe bittet. Er braucht jemanden, der den perfekten Mord verübt. Oder gleich zwei. Und vielleicht noch einen Diebstahl. Mehr nicht.

Nein, Tom Ripley sieht Mord eher als letzten Ausweg. So vergnügt er sich derweil auf der Party des Bilderrahmers Jonathan Trevanny. Dort ist auch der Kunsthändler Gauthier und Trevannys bester Freund Alan McNears. Nicht besonders aufregend, aber eine Abwechslung. Aufregend wird es kurz nach der Party als Jonathan Trevanny einen Brief seines besten Freundes erhält, den dieser kurz vor seiner Abreise nach Amerika geschrieben hat. Alan drückt darin sein Bedauern aus, dass es gesundheitlich so schlecht um Jonathan steht. Letzterer ist verwundert. Klar, ihm geht es nicht gut, Leukämie. Aber so schlimm auch nun wieder nicht. Alan gesteht, dass er die Information von Gauthier hat. Seltsam! Gauthier ist sich sichtlich beschämt so über den Geschäftspartner (hin und wieder schanzt er Trevanny einen Kunden zu) geredet zu haben. Damit ist die Sache aus der Welt.

Wer bereits die beiden Vorgängerromane „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Ripley Under Ground“ gelesen hat, weiß, dass es sich bei dieser Sache nicht um einen Zufall handelt. Tom Ripley hat seine Finger im Spiel. Er will Reeves und Jonathan zusammenbringen. Ein fast sechsstelliges Honorar ist eine würdige Entschädigung für seine aufopferungsvollen Bemühungen. Er nennt Reeves Namen und Adresse des möglichen „neuen Geschäftspartner“ und will von nun an nicht mehr damit zu tun haben.

Getarnt als Wister nimmt Reeves Minot Kontakt zu Jonathan Trevanny auf. Er bietet ihm fast eine halbe Million Franc an, wenn er einen, unter Umständen zwei Menschen umbringt – und eventuell noch einen Diebstahl begeht. Wisters / Minots Hauptargument ist die überschaubare Lebenserwartung des möglichen Killers. Trevanny entgegnet, dass es gar nicht so schlecht um ihn stehe. Doch Wister setzt ihm den Floh ins Ohr, dass Dr. Perrier nicht ganz offen zu seinem Patienten war. So was nennt man wohl eine vertrackte Situation. Ein Killer, der nicht mal in die Nähe eines Verdachts kommt, weil er überhaupt keine Verbindung zu den Opfern hat. Die Strafe dafür – würde er dennoch geschnappt werden – übernehme kein Gericht dieser Welt, sondern Mutter Natur selbst. Und man könnte die letzten Tage, Wochen, Monate das Leben in vollen Zügen genießen und trotzdem noch ausreichend Erbe hinterlassen. Je mehr sich Jonathan Trevanny sträubt, desto interessanter klingt das Angebot. Zumal Wister aus Hamburg ist, und das liegt einige Flugstunden und noch mehr Fahrstunden entfernt…

Simone, Jonathans Ehefrau, glaubt ihrem Gatten, dass er wegen einer Untersuchung nach Hamburg fährt. Dass er dort zum Killer wird, wissen nur er selbst und die Auftraggeber. Reeves, der sich nun auch als Reeves Minot zu erkennen gibt, erklärt dem Amateur-Auftragskiller peinlich genau wie alles ablaufen soll. Und siehe da: Jonathan Trevanny ist ein Naturtalent. Alles verläuft reibungslos. Das Opfer ist tot, der Täter entkommt unerkannt.

Leider muss Trevanny erkennen, dass alles bis auf eine entscheidende Kleinigkeit geregelt wurde: Die Geldübergabe. Schließlich stehen ihm nun fast eine halbe Million Franc zu. Reeves druckst rum. Eigentlich sollten ja zwei Leute erschossen werden. Nur so kann ein Bandenkrieg im Hamburger Glücksspielmilieu entfacht werden. Einen Teil könne sofort ausgezahlt werden, fünftausend Franc. Ein Bruchteil! Mehr nicht. Der Rest der Teilsumme wird auf einem Schweizer Nummernkonto deponiert. Und die volle Summe gibt‘s erst, wenn der zweite Mord geschehen ist. Es wird Zeit, dass der Spielleiter ins Geschehen eingreift und Ordnung ins Spiel bring. Tom Ripley will helfen, muss helfen, macht aber alles nur noch schlimmer.

Ein treusorgender Ehemann und Vater, der zum Killer wird – geht das? Meistens nicht gut. Doch Patricia Highsmith lenkt ihre Helden – Ripley und Trevanny – so geschickt durch das Labyrinth der Gauner und Mafiosi, dass der Leser jede Zeile ernst nimmt. Sie geht sogar soweit, dass sie stellenweise den Sympathievorschuss (für Tom Ripley) des Lesers aufs Spiel setzt.

 

Der Junge, der Ripley folgte

Die einstige Souveränität weicht. Ein bisschen schreckhaft erscheint Tom Ripley zu Beginn des Buches. Oder ist es eine intensiver ausgelebte Vorsicht? Grund hätte er allemal. Oder besser: Mehrere Gründe. Schließlich ist er in mehrere Morde verstrickt. Einige hat er selbst begangen, an mindestens einem war er indirekt beteiligt. Andere waren eher zufällig und wurden mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen.

Im Café, bei Marie fällt Ripley ein Junge auf. Der scheint ihn zu beobachten. Als Ripley zahlt, zahlt auch der Boy. Und folgt ihm. Spricht ihn an. Bobby Rollins heiße er. Komme aus New York. Und er habe von Mister Ripley in den Zeitungen gelesen. Angriff ist die beste Verteidigung – Tom lädt den Burschen zu sich nach Hause ein. Bobby arbeite in der Nähe, als Gärtner. Und neugierig ist der Kleine. Ein Werbebrief erregt seine Aufmerksamkeit. Darin bitten „Wohltäter“ um eine Spende für vernachlässigte Tiere. Sicher ein Trick, um ahnungslosen Leuten ein paar Franc zu entlocken. Billy will der Sache nachgehen. Tom Ripley ist ein wenig amüsiert ob des Tatendrangs.

Seine Sinne sind geschärft. Irgendwas an dem Jungen ist falsch. Zumindest verdächtig. Ripley ahnt was, ist sich aber nicht sicher. Frank Pierson heißt der Bengel! Sohn eines millionenschweren Unternehmers. Und dessen Sohn hat sich aus dem Staub gemacht. Verschwunden. Ja, Bobby Rollins ist Frank Pierson!

Voller Stolz berichtet Bobby / Frank von seinem Erfolg. Er habe den Gaunern, die mit ihrer Mitleidstour sich ein schönes Leben machen wollen, einen Schreck eingejagt, behauptet er bei einem neuerlichen Essen mit Tom Ripley. Auch dass er in Wirklichkeit Frank heißt und von zu Hause abgehauen ist, gibt er zu. Tom ist abermals beeindruckt ob der Courage. Doch was will Frank wirklich? Was will er von Tom Ripley?

Tom will sehen wie Frank lebt. Er fährt ihn zum Anwesen der Boutins ein paar Kilometer entfernt. Vor dem Haus wartet ein Wagen mit Pariser Kennzeichen. Als die beiden ihn entdeckten wendet er und rauscht ab. Madame Boutin ist inzwischen wach geworden und steckt Frank, dass heute zwei Männer nach ihm fragten. Tom sieht darin eine gewisse Gefahr für seinen neuen jungen Freund und nimmt ihn großmütig bei sich auf. Heloise soll er aber vorerst als Bobby den neuen Gärtner vorgestellt werden.

Tom beschäftigt sich mit Frank immer mehr, so dass der Junge Vertrauen fasst. Und dann rückt er mit der Wahrheit raus. Er habe seinen Vater umgebracht – die Polizei geht weiterhin von einem Unfall aus, doch die Tat nagt an Frank Piersons Nerven.

Und Ripley? Er versucht sich zur Abwechslung mal als Wohltäter. Fast schon väterlich kümmert er sich um den Ausreißer. Er reist mit ihm nach Berlin, zeigt ihm die geteilte Stadt. Und macht Pläne. Frank solle so schnell wie möglich in die USA zurückreisen, um alles zu klären, seinen Frieden mit der Familie machen. Die hat inzwischen einen Detektiv zusammen mit Johnny, Franks Bruder, nach Europa geschickt, um Frank zu suchen. Doch dann wird Frank vor dem Augen Tom Ripleys entführt! Blitzschnell reagiert Tom und setzt sich mit der Familie und dem Detektiv in Verbindung. Er will die Sache regeln – dank seiner „Kontakte“ kann er schnell Hilfe organisieren. Reeves und seine Kumpane sind endlich mal zu was Gutem nütze. Und der talentierte Tom Ripley kann endlich das tun, was er schon zuvor hätte tun sollen…

 

Ripley Under Water

Da ist es wieder dieses unangenehme Gefühl. Ripley fühlt sich verfolgt. Seit Neuestem treiben sich die Pritchards in Villeperce herum. Hier, wo Tom und Heloise Ripley auf Belle Ombre ihr Leben genießen. David und Janice sind ziemlich aufdringlich, findet er. Er mag sie nicht. Vielleicht sind sie ja hinter ihm her. Privatdetektive oder gar Schlimmeres. Vielleicht aber auch nur Einbildung. Tom und Heloise werden bald verreisen. Nach Tanger, Marokko. Dann ist die Aufregung eh vergessen. Nur noch wenige Tage. Was kann da schon passieren? Na zum Beispiel kann Reeves Minot wieder mal anrufen. Ihn um einen „kleinen Gefallen“ bitten. Ein Päckchen entgegennehmen, es für vier, fünf Tage aufbewahren und dann weiterleiten. Zum Beispiel. Ihm kann Tom nichts abschlagen, auch wenn er seine „Geschäftsbeziehungen“ zu ihm auf ein Minimum begrenzen möchte. Was kann noch passieren? Ach ja, die Pritchards können Tom und Heloise zum Dinner einladen. Gleich am nächsten Tag. Was tun? Langeweile ertragen und Gewissheit erlangen oder in Ruhe mit der Ungewissheit leben? Kompromiss: Tom Ripley geht allein zu den Pritchards.

David Pritchard ist ein vulgärer Typ, dem es Spaß macht die Menschen in seiner Umgebung zu provozieren, zu brüskieren, vor den Kopf zu stoßen. Er stichelt für sein Leben gern. So fragt er unverhohlen Tom, ob er Cynthia kennt. Cynthia, die Freundin von Bernard Tufts, der aus Angst vor dem Geist Ripleys in den Tod sprang und von Tom verbrannt wurde. Auch zu den Greenleafs scheint David Pritchard eine Verbindung zu haben. Ripley muss handeln. Er setzt sich mit London in Verbindung. Dort ist die Galerie, in der die (unter anderem in Ripleys Auftrag) gefälschten Derwatts verkauft werden. Janice Pritchard spielt eine weitere seltsame Rolle. Sie telefoniert heimlich mit Tom Ripley, will ihn treffen. Aus Versehen (oder doch nicht?) gesteht sie dem neugierigen Ripley von Davids Eskapaden. Ab und zu rutsche ihm mal die Hand aus. Und außerdem zeigt er gern Anderen seine Macht. Tom Ripley ist geschickt, er lässt sich keine Angst anmerken, fragt kaum sichtlich nach. Denn er weiß nicht, welches Spiel Janice spielt. Sofern sie es tut.

Erstmal Urlaub – Tanger – die Seele baumeln lassen. Neue Leute treffen. Ha, da hat sich Tom Ripley getäuscht. Denn wird sitzt da an der Bar und macht seine makabren Späßchen? David Pritchard! Jetzt muss Ripley handeln. London ist sein nächstes Ziel. Er muss wissen inwieweit Cynthia in die ganze Sache verstrickt ist. Und er braucht einen Plan. Am besten einen todsicheren…

Seit sechzig Jahren versetzt Patricia Highsmith ihre Leser mit ihrem Tom Ripley in atemberaubende Spannung. Jäger und Gejagte sind gleichermaßen auf Post, Flugzeuge und nicht auf infiltriertes Internet und Mobiltelefone angewiesen. Hier zählt noch der Grips! Hilfsmittel sind eine gehörige Portion Skrupellosigkeit, Erfindungsreichtum und Sorgfalt. Ihre Charaktere sind bis heute die unumstrittenen Helden der dunklen Seite. Auf der einen Seite kann man nicht gutheißen, was Tom Ripley alles anstellt, um zu Geld und Ruhm zu gelangen. Andererseits ringen ihm seine Geschick und seine Eleganz Bewunderung ab.

Paris abseits der Pfade I

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Über die Boulevards schlendern, den Eiffelturm erklimmen, auf den Treppen vor Sacré Cœur ein Eis schlecken – Paris. Ein Traum! Viel zu erleben, aber auch viel zu verpassen. Denn nur Boulevards, Turm und Ausblick mit Eis macht aus keinem Gast einen Paris-Experten. Das unter anderem beweist dieser Reiseband, der jedem Paris-Besucher unters Kopfkissen gelegt gehört.

Und wenn man es dann wieder hervorholt und auch nur ein bisschen darin blättert, erlebt man Paris wie es selbst viele Pariser nicht jeden Tag erleben. Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch „hintereinander wegzulesen“, ist nur was für Menschen mit fotografischem Gedächtnis. Die Dichte an Informationen erschlägt den Leser. Fast! Denn so manche Straße ist dem Besucher schon bekannt. Doch erfährt man nun erst, was man alles übersehen hat, welche Histörchen sich hier zugetragen haben. Auf einzelne Beispiele kann aus Platzgründen nicht eingegangen werden.

Georg Renöckl hat all seine Sinne geschärft, um dem Leser das Flanieren so einfach wie möglich zu machen. Der Duft von exotischen Kräutern aus aller Herren Länder steigt in die Nase, das Auge zuckt von einem denkwürdigen Platz zum Anderen, die Ohren vernehmen schon ab den ersten Seiten den Klang von Paris. Mit dem Autor genießt man ein krosses Baguettes und blickt auf die Ratten von Paris. Nicht sprich-, sondern wortwörtlich. Keine Angst, die tun nichts mehr!

Mit Victor Hugo durch Paris laufen, Haussmanns Erbe in sich aufsaugen, mit Napoleon die Welthauptstadt erobern und zwischendurch die kleinen, in keinem Reiseführer verzeichneten Geheimtipps aufsuchen. Georg Renöckl hat viel gelesen, hat in Paris gelebt, ist also der ideale Paris-Guide für Anfänger und Paris-Kenner. Romantisch verklärte Klischees sucht man vergebens in diesem Buch. „Augen auf!“, heißt es vielmehr, wenn man durch das Häusermeer spaziert. Den Blick immer schweifen lassen, kein Detail außer Acht lassen.

Bei der Fülle an Eindrücken gibt der Autor immer wieder Tipps zur Erholung, sprich wo man es sich schmecken lassen kann. Am Ende der Kapitel noch einmal kompakt zusammengefasst. Egal, wo man sich gerade befindet. Auch in den so genannten No-Go-Areas. Die liegen eh im Auge des Betrachters. Wer sich von den hypermodernen Hipster eher abgestoßen fühlt, meidet andere Quartiers als die Stubenhocker, die immer nur auf ihre eigene ach so tolle Kultur pochen. Alles ist relativ. Nur Paris nicht! Paris ist absolut: Lecker, bestaunenswert, vielfältig und abwechslungsreich. Und mit oder nach der Lektüre dieses Buches eine Stadt, die man so noch nicht gesehen hat.

Oft heißt es in einem Gespräch, dass man eine gute und eine schlechte Nachricht hat. Hier ist es anders: Es gibt einen Lichtblick und die Frage „Wie liest man dieses Buch?“. Der Lichtblick ist der Titel „Paris abseits der Pfade – Band 1“, d.h. die Reise wird weitergehen. Die Frage nach der Leseart ist da schon schwieriger zu beantworten. Beim Gehen schmökern? Dann verpasst man ja alles! Vor dem Flanieren lesen oder hinterher? Beides! Eindeutig beides. Zuerst anfüttern und am Abend Revue passieren lassen. So liest man „Paris abseits der Pfade“. Und Paris ist kein Traum mehr, sondern das wahre Leben!

Französisch ganz leicht – Jubiläumsausgabe – Sprachkurs für Anfänger

Französisch ganz leicht Jubiläumsausgabe

Bongschur, Bongsoah, orevoahr. Sieht nicht gut aus! Klingt aus nicht besonders professionell! Aber der Wille ist zu erkennen. Wenigstens etwas. Für alle, die sich vom Buchstabensalat beirren lassen: Bonjour, Bonsoir, Au revoir! Guten Tag, Guten Abend, auf Wiedersehen. Dafür braucht man keinen Sprachkurs! Sofern man es nicht schreiben muss…

Es ist immer ratsam auf Reisen ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen. Das erleichtert den Zugang zum Land, zu den Menschen, zur Kultur. Außerdem … nein … keine Vorurteile. Viele Reisebücher werben damit ein paar Brocken Französisch auf ihren Seiten den Leser mit auf den Weg zu geben. Das ist löblich, doch schon bei einfacher Konversation stößt man an seine Grenzen. Doch extra nur für einen Urlaub sich noch einmal wochen- oder gar monatelang auf die Schulbank zu setzen und Vokabeln zu pauken, nur um im Urlaub ein wenig glänzen zu können? Ist auch übertrieben.

Der Sprachkurs für Anfänger „Französisch leicht gemacht“ findet spielerisch das überzeugende Mittelmaß. Nicht zu viel, nicht zu wenig, doch genug, um im Falle plötzlich einsetzenden Interesses weiterzumachen. Echte Szenarien, denen man garantiert begegnen wird, bilden die Grundlage des Einsteigerkurses. Vorbildung braucht man nicht. Von Nöten sind nur ein wenig Zeit und der Wille sich ein wenig auf die neue Sprache einzulassen.

Ohne viel Anlaufzeit geht es schon los. Begrüßung, Vorstellung und dazwischen immer wieder die Eigenheiten der französischen Sprache. Denn das deutsche und das französische Alphabet sind zwar gleich auf dem Papier, doch fließen Vokale und Konsonanten ganz anders aus den Mündern – ganz am Ende des Buches werden die Ausspracheunterschiede noch einmal klar aufgegliedert, das erleichtert in mancher Situation das mühselige Nachschlagen.

Die einzelnen Kapitel werden immer wieder von Hinweisen zu den beiden mitgelieferten CDs unterbrochen. Das dient nicht nur der Auflockerung, sondern vor allem dem Verstehen. Keine Angst, wenn es nicht sofort klappt. Denn nicht immer geht es darum jedes einzelne Wort exakt zu bestimmen. Manchmal ist es völlig ausreichend den Gesamtzusammenhang zu erfassen. Oft reicht es schon aus, wenn man ungefähr weiß worum es beispielsweise bei einer Durchsage auf einem Flughafen oder Bahnhof geht.

Wer sich die Mühe macht und Kapitel für Kapitel in regelmäßigen Abständen durchzuarbeiten, wird schnell auf den Geschmack kommen. Dann kann man Frankreich viel entspannter genießen und hat nicht immer nur die Wahl zwischen vin blanc oder vin rouge, sondern kann exakt seinen Wunsch vortragen. Und vielleicht klappt’s dann in der Hauptstadt der Liebe auch mit der Liebe, wie bei den beiden auf dem Cover der Box…

Brunos Küchenkalender 2017

Brunos Küchenkalender

Bei Philip Marlows denkt man eine raffinierte femme fatale, ausgebuffte Betrüger und rauchende Knarren. Bei Guido Brunetti sind es die leisen Töne, die die Szenerie bestimmen. In Venedig löst man Fälle ohne viel Geballer. Und bei Bruno Courrèges im Périgord? Erfahrenen Lesern läuft schon bei der bloßen Erwähnung des Namens das Wasser im Munde zusammen. Verworrene Seilschaften, Motive, deren Ursachen oft weit zurückreichen, eine Menge Verdächtiger und … ein reichlich gedeckter Tisch. Wenn Bruno einlädt oder eingeladen wird, wird’s deliziös. Einer der Gründe warum die Krimis von Martin Walker um den rührigen Chef de police so erfolgreich sind.

Im Jahr 2017 feiert Martin Walker seinen 70. Geburtstag. Und seine Bruno-Reihe den neunten Fall. Und der Leser sitzt am Kopf der reich gedeckten Tafel und ergötzt sich kulinarisch an Truite fumée au raifort, Vichyssoise et crème d’oseille oder Cèpes & cie en persillade. Klingt erstmal verlockend und vor allem exotisch, wenn man kein Französisch spricht. Dabei handelt es sich um geräucherte Forelle mit Meerrettichsauce, eine kalte französische Kartoffel-Lauch-Cremesuppe und Sauerampfer-Cremesuppe und Steinpize & Co. mit Knoblauch und Petersilie. Raffiniert wie der Autor dem Leser – oder in diesem Fall Betrachter – das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.

Am besten serviert an einem der zwölf in diesem Kalender abgebildeten Orte, die allesamt Handlungsorte der Krimis waren bzw. sind. Excellent!

Jedes Gericht (wie passend, schließlich droht den meisten Tätern dasselbe Schicksal) wird eingehend beschrieben, so dass die eventuell fehlende Location fast schon vergessen werden kann. Und für die Trüffelschweine unter den Lesern gibt’s auch das Motiv für dieses Rezept: Den entsprechenden Auszug aus dem Roman, in dem es schon literarisch für Furore sorgte. Bruno höchstpersönlich gibt Ratschläge wie man das ohnehin Zunge schnalzende Mahl noch verfeinern kann.

Mit knurrendem Magen kann man keinen Tag und auch kein Buch genießen. So ist es nur logisch, dass der gemütliche Ermittler einen genießerischen Kalender seiner treuen Leserschaft als kulinarische Schnitzeljagd zum Geschenk macht. Voller Spannung kann man es kaum erwarten den nächsten Monat beginnen zu können, um ein neues Rezept auszuprobieren. So viel Geduld muss man schon aufbringen, Bruno tut es schließlich auch, immer wieder. Und immer wieder mit Erfolg! Dann wird man mit atemberaubenden Landschaftsaufnahmen und lukullischen Extravagenzen belohnt. Wie zum Beispiel mit Lammstelzen mit Knoblauch und Monbazillac-Wein, was im Original noch viel verführerischer klingt: Manchons d’agneau à l’ail et au Monbazillac.

Lanterne rouge

Lanterne rouge

Big Pharma ist wieder unterwegs! Man nennt sie auch Tour de France. Seit Jahren wird den Fernsehzuschauern und Sportbegeisterten die Lust am Radsport gehörig vermiest. Immer wieder neue Dopingskandale, neue Enthüllungen über Vertuschungsversuche (vor allem und oft angeordnet von höchster Stelle) und höchstfragwürdige Ausreißversuche an den unmöglichsten Stellen der größten Rundfahrt der Welt. Und doch schaut man hin, ist die Faszination Radsport ungebrochen. Viele schauen ja nur noch zu, weil es sonst keine so langen Reportagen über Frankreich gibt …

Max Leonard ist selbst Radfahrer aus Leidenschaft. Auch er hat sich schon mal eine Etappe der Tour de France probiert. Ist leider gescheitert. Zu kalt, zu windig, zu verregnet. Ist der deswegen ein Verlierer? In keinster Weise! Er hat es versucht. Mit modernen Mitteln, also nicht mit Pillen oder ähnlichem, sondern mit einem hochentwickelten Fahrrad. Hat alles nichts genützt. Das war einhundertacht Jahre nach der ersten Tour de France. Gewonnen hat damals Maurice Garin. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 26 km/h. Mit knapp 16 km/h kam Arsène Millochau ins Ziel. Allerdings benötigte er fast fünfundsechzig Stunden (!) mehr. Er war das Schlusslicht der allerersten Tour de France. Kleine Parallele zur Gegenwart: Maurice Garin nahm ein Jahr später wieder an der Grande Tour teil. Allerdings machte er es sich unterwegs in einem Zugabteil gemütlich. Er flog auf. Betrügen und Tour de France gehörten also schon immer irgendwie zusammen. Das mildert vielleicht etwas die Bauchschmerzen bei der nächsten Übertragung.

Das vermeintliche Versagen beim Selbstversuch eine Tour-de-France-Etappe zu meistern bestärkte Max Leonard in seinem Bestreben nach einem Buch über die wahren Helden der Frankreichrundfahrt. Nämlich die, die durchhalten, egal, mit welchem Rückstand sie ins Ziel rollen (oder wanken). So entstand dieses einzigartige und mehr als lesenswerte Buch, das frei von unerlaubten Mitteln und trotzdem das Siegerbuch unter den Almanachs ist.

Der Autor setzt den Roten-Laternen-Trägern ein Denkmal für die Ewigkeit! Sie sind die wahren Sieger, stehen im Schatten der Großen, die sich von nun an (noch mehr) den Anfeindungen widersetzen müssen. In den vergangenen hundert Jahren hat sich viel getan. Die Tour ist länger geworden. Die Tour ist schwieriger geworden. Die Tour ist ein Reklame-Tross geworden mit sportlichem Anhang (kaum ein Sportler wird noch nach seiner Herkunft benannt, sondern nach dem Team für das er fährt – wo liegt eigentlich Alpecinien? Oder das Quick-Steppanien?) Die Kameras sind nach vorn gerichtet, auf tête de la course, und auf die Poursuivants. Das Peloton ist auch ab und zu mal im Bild. Doch die Letzten sind fast nie im Bild. Ganz hinten, kurz vor dem Besenwagen ist keine Kamera mehr. Das „internationale Bild“ hat dafür kein Auge. Max Leonard ist das Auge für die wahren Sportfans und hat ein Herz und die Leidenschaft für alle, die sich schinden und den olympischen Gedanken im Herzen am nächsten Tag wieder befeuern. Ihre Passion erlischt nie. „Lanterne Rouge“ strotzt vor Anekdoten. Ein Fest für alle, die den Radsport betreiben, sich an Übertragungen noch erfreuen können. Vielleicht trägt es ja dazu bei, dass im kommenden Jahr eine extra Kamera auf die enthusiastischen Cyclisten gerichtet ist. Schon vorher ist dieses Buch ein Must Have für Sportreporter, Radsportfans und vielleicht sogar Ansporn für den einen oder anderen Nachwuchsradler.

Rendezvous in Paris

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Manchmal reicht ein winziger Moment aus, um das Leben umzukrempeln. Und dann wieder alles in den Originalzustand zu versetzen … ein sinnloses Unterfangen. Das klappt nie!

Es ist Dienstagabend. Irgendwo in Berlin wird getanzt, gelacht, geschmust. Die Tennismeisterschaften sind vorbei, der Sieger gekrönt und mittendrin tanzen Frank, der amerikanische Geschäftsmann, und Evelyn, die Frau des Landgerichtstrates, gedankenverloren miteinander. Nur noch Minuten, dann muss Frank den Zug nach Paris besteigen. Minuten, die beide zwischen Hoffnung, Skepsis und momentanem Glück schwanken lassen.

Soll es das nun gewesen sein? Eine kurze, glückliche, verheißungsvolle Zeit in den Armen eines Fremden? Soll es das nun gewesen sein? Eine kurze, glückliche, abenteuerliche Zeit in den Armen einer Frau, die so sehr nach mehr zu lechzen scheint? Soll der Abend schon zu Ende sein? Droht nun wieder der Alltag mit dem lästigen Prozess, der so zu schaffen macht?

Drei Menschen: Evelyn, Frank und Kurt, Gatte von Evelyn. Alle Drei erleben ein und denselben Tag. Jeder hat seine Sichtweise, auf das Jetzt und die Zukunft. Jeder hat seine eigenen Sorgen und Nöte.

Evelyn wagt den Sprung ins kalte Wasser. Frank hat sie zu sich gelotst. Sie in Paris. Ihr Gatte im Gerichtssaal, die Kinder wohlbehütet daheim. Frank voller Vorfreude in Paris, seine Verhandlungen mit den französischen Geschäftspartnern laufen schwierig, aber sie laufen. Ist Evelyn nur der amüsante Zeitvertreib zwischen Verhandlungen und Vertragsunterzeichnung?

Wie in einem Tagebuch seziert Vicki Baum die wenigen Tage, die Evelyns Leben so stark veränderten. Jeder der Beteiligten – Evelyn, Frank und Kurt – wird zum Chronisten des Zerfalls. Für Kurt ist Evelyn auf dem Lande bei Marianne, der energischen Freundin Evelyns. Frank und Evelyn genießen anfangs die gemeinsame Zeit. Doch sie sind rational genug zu wissen, dass ihre amour fou ein rasch nahendes Ablaufdatum hat. Es sei denn, …

Wer schon immer mal einen echten Liebesroman – mit allen seinen Höhen und Tiefen – lesen wollte, kommt mit „Rendezvous in Paris“ voll auf seine Kosten. Kein Kitsch, sondern ausgefeilte Szenarien umgarnen den Leser und lassen ihn erst wieder los, wenn das Buch zugeklappt wird. Wer Vicki Baums Roman liest, ist versaut für die nachkommenden Werke. Es ist schwer an ihr emotionales Sprachgewitter heranzukommen.

Styleguide Paris

Styleguide Paris

Einen Styleguide zieht man zu Rate, wenn man merkt, dass der eigene Style nicht mehr ganz … mmmh sagen wir mal … passt. Eine Stadt wie Paris, eine Stadt, die für jeden Touristen auf den ersten sich als Selbstläufer darstellt, eine Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, braucht keinen Styleguide. Oberflächlich betrachtet mag das stimmen. Aber was ist mit denjenigen, die „auf der anderen Seite stehen“? Die, die Paris besuchen? Wenn man die tennisbesockten Sandalenträger in der Warteschlange am Eiffelturm sieht, haben die einen Styleguide mehr als nötig.

Dieses Buch ist für alle Parisbesucher, denen das Überangebot an extravaganten Hotspots die Sprache verschlägt. Und für diejenigen, die den Parisaufenthalt als Höhepunkt des Jahres ansehen. Bloß nichts verpassen! Auf gar keinen Fall irgendetwas vermissen müssen in der schönsten Zeit des Jahres.

Da ist man endlich in Paris. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages in Montmartre genießen, am besten mit einem Croissant in der Hand. Doch wo bekommt man die besten Croissants? Wo den besten Café? Am besten frischgebrüht, mit frisch gerösteten Kaffeebohnen. Elodie Rambaud ist Pariserin, Fotostylistin. Dem Namen und dem Beruf nach die ideale Beraterin in Sachen Style und Paris. Sie ist der Styleguide Paris, wenn es um Essen, Einkaufen und Liebe geht. Egal wie lange man in Paris verweilt, mit diesem Buch ist man bestens ausgerüstet, um wirklich nichts zu verpassen.

Gleich zu Beginn des Buches gibt die Autorin eine kleine Anleitung wie man ein Wochenende in Paris verbringen kann. Kann! Elodie Rambaud gibt Ratschläge, keine sie macht keine Vorgaben! Wer länger belieben kann, blättert weiter und hüpft wohlgemut von Tapetenladen Diptyque zum Maison M, einer Boutique mit ausgewählten Schreibwaren, die es sonst nirgends in Paris gibt, um dann im Yveline Kurioses zu entdecken. Unterwegs kann man im Mahatsara allerlei Buntes und Nützliches aus Afrika bestaunen und shoppen. Oder im Pour vos beaux yeux sich von der Brillenvielfalt verzaubern lassen.

Sicherlich sollte ein Urlaub dazu dienen sich zu erholen. Die einen tun dies, indem sie tagelang am Strand faulenzen. Andere kraxeln lieber Berge hinauf und wieder hinab. Als Städtebesucher erliegt man leicht der Versuchung durch die Shops der Stadt zu tingeln und hier und da sich mit dem „Nötigsten“ einzudecken. Und wie überall ist die Gefahr groß sich nichtssagenden Tinnef ins Reisegepäck zu stopfen, den man zuhause eh bloß versteckt. Der Styleguide Paris ist die Präventivmedizin für alle, die gar zu schnell im Rausch der Zeit dem Rausch des Konsums verfallen. Nicht das „mehr“ ist besser, sondern „besser“, „origineller“ lautet das Gebot der Stunde. Globalisierten Mainstream findet man in diesem Buch nicht. Jeder einzelne vorgestellte Ort ist ein Symbol für Paris, seine Eigenständigkeit als Marke stellt Paris auch mit seinen extravaganten, einzigartigen Shoppingaltären, die die Flaniermeilen der Citytripper links und rechts nicht nur füllen, sondern Paris immer wieder neu kreieren.

Die gekonnte, eigenwillige Aufmachung des Buches verführt zu mehr als dem bloßen Herumblättern. Ein Bildband im Taschenformat, der eine zweite Welle der Impressionen in Bewegung setzt.