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Reden wir Spanisch, man hört uns zu

Es gibt nicht mehr viele, die man fragen kann wie es damals war. Damals zwischen den Kriegen. Und die, die man fragen kann, waren zu klein, um echte Eindrücke wiedergeben zu können. Ihre Berichte beruhen meist auf Geschichten, die sie selbst nur gehört haben oder, die ihnen erzählt wurden.

César Vallejo wurde 1892 in Peru geboren. Er war Dichter und in jungen Jahren in einen Aufstand verstrickt, der ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. 1923 erfüllte er sich einen Traum, die „Alte Welt“ bereisen zu können. Fünfzehn Jahre lang reiste er durch Europa, von Spanien bis in die Sowjetunion, Paris blieb aber immer sein neuer Heimathafen. Peru, seine Heimat, hat er nie wieder gesehen. Als Korrespondent für verschiedene lateinamerikanische Zeitungen berichtete er regelmäßig über das und sein Leben in Europa. Die in diesem Buch zusammengefassten Berichte geben ein ungeschöntes Bild der Alten Welt wieder.

Einen besonders tiefen Eindruck hat Madrid bei César Vallejo hinterlassen. Drei Stunden im Restaurant beim Mittagessen – das musste er bereits in Paris erfahren. Beschwerde zwecklos. Seinen Lesern im fernen Peru und Lateinamerika schwärmt er nun vor, wie gelassen Madrid ihm erscheint. Der technische Fortschritt wird hier entgegengenommen, jedoch nicht auf einen Sockel oder gar in einen Heiligenschrein gestellt. Wer in Madrid stirbt, stirbt nicht arm. Man hilft sich hier, nicht einmal, wenn nötig sogar zweimal. Madrid ist für ihn die einzigartigste Stadt der Welt. Im Vergleich zu heute…

Europa fasziniert den wissbegierigen Autor. In Paris beäugt er seine Landsleute, Lateinamerikaner mit besonderer Neugier. Da gibt es die offiziellen Künstler – angepasst, auf der Jagd nach Anerkennung und Ruhm. Und es gibt die Inoffiziellen. Sie suchten und fanden Freiheit. Die Freiheit sich auszudrücken. César Vallejo sieht sich als Mitglied letzter Gruppe. Er hat keine Zeit andere zu verachten. Und selbst, wenn er die Zeit hätte, würde er es nie tun. Zu anständig ist er. Und außerdem würde er die Bedeutung der Anderen durch seine Be- bzw. Verachtung nur erhöhen. So wie Frankreich zu dieser Zeit Amerika verachtet und dadurch in unerreichbare Höhen katapultiert.

César Vallejo gelingt es mit unsichtbarer Eleganz Themen anzureißen, um sie im nächsten Moment mit einem Momentum zu verknüpfen. Er macht keinen Elefanten aus einer Mücke, doch seine Gedankengänge sind trotz ihres Laufes nachvollziehbar. Wer Europa heute verstehen will, findet in seinen Aufzeichnungen – den Aufzeichnungen eines Außenstehenden, der nach und nach seinen Beobachterstatus gegen den des aktiven Teilnehmers tauscht – die Wurzeln unseres heutigen Europas. Und das kam manchmal auf leisen Sohlen daher, mal polternd, doch immer unter den wachsamen Augen der Anderen.

Reise von Paris nach Java

Die Sehnsucht verweigert sich strikt der Evolution. Die Objekte der Begierde variieren, doch die Sucht, das Wesen des Verlangens, bleibt gleich. Wer träumt nicht davon einmal auf einer Insel unter der Sonne den Tag, die Tage, die Wochen an sich vorbeiziehen zu lassen? Und träumt sich selbst auf eben ein solches Eiland? Honoré de Balzac ging es vor knapp zweihundert Jahren nicht anders. Allerdings kann man bei ihm davon ausgehen, dass sein Blut nicht unbedingt unfreiwillig in Wallung gekommen ist. Der manische Kaffeetrinker hat nebenbei auch gern mal an was anderem genascht…

Und so träumt er sich auf eine Reise gen Java. Damals – wir reden hier von den Dreißigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts – war so ein Trip fast noch Utopie. Unbezahlbar. Für kaum jemanden, über den und für die Balzac schrieb realistisch.

Seinen Anzug, ein Paar Rasiermesser, sechs Hemden und leichtes Gepäck – mehr braucht der Mann von Welt im Jahr 1831 nicht, um die Seine gegen den Pazifik einzutauschen. Und erst die Frauen auf Java … Dem Verleger von 1832 waren die erotischen Ausführungen des wuchtigen Schriftsteller zu wuchtig, zu detailliert, zu direkt, dass er sie einfach strich. Skandal! Und dieser wird nun endlich gesühnt. Im Anhang dieses kleinen Büchleins, das auf jedem noch so kleinen Nachttischchens Platz finden muss, ist die gestrichene Passage abgedruckt. Für die heutige Zeit fast schon brav, doch man kann sich vorstellen, dass man damals – und vielleicht noch heute – die Schamesröte deutlich ins Gesicht schießen sah.

Honoré de Balzac war nie auf Java. Wenn man aber diese fast vergessene Geschichte liest, musste er auch nicht dorthin reisen. Er hatte viel gelesen. Solche Reiseberichte waren zur damaligen Zeit auch immer kleine Werbetexte für die Handelskompanien, die für die Anpreisung ihrer exotischen Waren über jedes Wort dankbar waren. Und so kam es wohl auch, dass Balzac diesen Text – sicher nicht ganz nüchtern und in der ihm eigenen Rasanz – zu Papier brachte.

Heute liest man diesen Text mit einem genüsslichen Lächeln auf den Lippen. Im Schein der Leselampe rückt das Moderne in den Hintergrund und das Verlangen von einst rückt immer näher.

Katharina von Medici

Ein Bilderbuchstart ins Leben sieht anders aus. Zwei Wochen nach der Geburt stirbt die Mutter, Prinzessin Madeleine de la Tour d’Auvergne. Etwas später ihr Vater Lorenzo di Piero de‘ Medici. Katharina wird zu ihrem Großonkel geschickt. Der soll sich um das Mündel kümmern. Zufällig ist er Papst Leo X. Katharina ist da gerade mal im Grundschulalter. Und wissbegierig. Ringsum Florenz brodelt es. So wie in ganz Europa. Die Reformation macht den Katholiken ordentlich Dampf unter den Sutanen. In der Toskana – Medici-Land – erheben sich immer mehr gegen die Herrscher. Der Papst stirbt, Katharina wird als Geisel genommen. In einem Dominikanerkloster muss sie lernen, dass der goldene Löffel der Medici hier aus Blech oder gar Holz ist. Denn die Dominikaner mögen die Medici nicht. In Rom regiert derweil der vorerst letzte nichtitalienische Papst. Doch nur zwei Jahre. Dann kommt Clemens VII. Wieder ein Medici. Das Blatt wendet sich abermals. Ach ja, Frankreich meldet auch Ansprüche an die kleine Medici an, ihre Mutter ist schließlich französischen Adelsblutes. Katharina ist Teenager, und die Welt der Medici, die Welt in und um Florenz, das sich unter Lorenzo dem Prächtigen zum Schmuckstück der Welt aufschwang, ist wieder in Ordnung? Katharina wurde von erlesenen Lehrern unterrichtet, sie interessiert sich für Mathematik. Und ihre große Zeit soll noch kommen. Doch es herrscht immer noch Krieg. Florenz wollen sich viele Herrscher unter den Nagel reißen. Clemens VII. findet, dass es an der Zeit ist Katharina zu verheiraten. Viele Herzogtümer, Königreiche und andere Staatengebilde kommen für eine Vermählung in Frage, bzw. ihre Denker und Lenker. Frankreich soll das Rennen machen. 1533 verlässt Katharina Florenz und Italien, sie wird nie mehr zurückkehren. Heinrich ist der Auserwählte. Zwei vierzehnjährige Grünschnäbel, die Geschicke eines Großteils Europas einmal beherrschen sollen. Die Hochzeitsnacht, der Vollzug der Ehe soll von Heinrichs Vater mit den Worten „Allons mon fils!“ begutachtet und befeuert worden sein.

Sabine Appel beschert ab dem ersten Kapitel dem Leser eine erfrischende Reise in die Vergangenheit. Katharina de Medici, die einmal den Thron Frankreichs besteigen soll, liebt ihren Gatten. Trotz des Arrangements. Der ist ein zurückhaltender Jüngling, der seine Augen nicht von seiner Ziehmutter, Diane de Poitiers, immerhin neunzehn Jahre älter, lassen kann. Seine Mutter ist quasi dauerschwanger, sein Vater hält sich mehrere Mätressen und Katharina wird und wird einfach nicht schwanger. Erst nach zehn Jahren und mit Hilfe einer Gehilfin, ebenfalls Diane de Poitiers, gebärt sie endlich einen Thronfolger. Ihre Macht ist somit erhalten. In zwölf Jahren bringt Katharina zehn Kinder zur Welt. Sieben überleben. Sie selbst ist robust und die ständigen Kränkeleien und Kränkungen steckt sie weg. Und sie erwächst zu einer selbst- und machtbewussten Frau heran. Sie wird Europa einmal lenken. Sie wird dem Kontinent ihren Stempel aufdrücken. Machtspielchen der Herren in Rom, London, Madrid oder Paris bietet sie Paroli. Und irgendwann wird sie das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Wer in Geschichte ein bisschen aufgepasst hat, dem ist die Bartholomäusnacht ein Begriff. Ein Pogrom gegen die Hugenotten, die reformistischen Anhängers von Luthers Thesen, sorgte im katholischen Hochadel Europas für Beifallsstürme. Auch hier hatte Katharina de Medici ihre Finger im Spiel.

War sie nun die Giftspritze mit Hang zur Machtversessenheit? Oder nur ein Produkt ihrer Zeit? Glückskind? Auf alle Fälle war sie eine intelligente Frau, die das, was um sie herum geschah sehr wohl wahrnahm.

Sabine Appel zeichnet ein abwechslungsreiches Bild einer Frau, die Zeit ihres Lebens kämpfen musste. Schon als Kind als Goldesel in Geiselhaft konnte sie über Jahre hinweg und über immense Entfernungen Ränkespiele und Machtpoker aus der ersten Reihe beobachten. Sie war ja nur ein Mädchen, eine Frau. Eine Frau, die man nicht unterschätzen hätte dürfen. So manches Opfer würde zu gern das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen.

Berliner Schicksalsorte

Wer keinen Koffer in Berlin stehen hat, kommt wohl als Tourist in die deutsche Hauptstadt. Und dann will man schließlich auch was erleben. Und fernab der neuen urbanen Kulturausrichtung inklusive der monetären Nebenwirkungen bietet die Stadt einen breiten Teppich aus historischen Orten.

Armin A. Woy unternimmt mit dem Leser einen Rundgang zu zweiundvierzig Schicksalsorten, der einen Bogen von knapp sieben Jahrhunderten schlägt. Und der Rundgang beginnt gleich mit einer deftigen Abreibung. 16. August 1325, Markttag. Berlin wird von den Wittelsbachern regiert und anerkannt. Wegen und vielleicht auch vor allem wegen des Papstbannes, mit dem das Herrschergeschlecht belegt wurde. Die Kirche selbst war damals gespalten, der bannsprechende Papst Johannes XXII. saß im provenzalischen Avignon.  In der Marienkirche sprach Nikolaus Cyriacus von Bernau. Und was er sagte, erzürnte die Berliner. In der Kirche rumorte es, doch es blieb ruhig. Als jedoch der Domprobst aus der Kirche trat, gab es kein Halten mehr. Die Soutane wurde ihm vom Körper gerissen, der Mob macht kurzem Prozess mit ihm. Da die Berliner von jeher ein lockeres Mundwerk haben, hätten sie die Abendstunden wohl sicher mit dem Begriff Barbecue umschrieben, wenn sie ihn schon gekannt hätten. Bis heute steht an dieser Stelle ein Sühnekreuz, das man – wenn die Geschichte darum nicht kennt, sicherlich übersehen bzw. nicht so recht wahrnehmen würde.

Der wilde Ritt durch die Jahrhunderte geht weiter. Wir überspringen die Hinrichtungen von Hans Johlhase1540 am Strausberger Platz und von Lippold Ben Chluchim im Jahr 1573 am Neuen Markt und kommen zum Bülowplatz. „Ich liebe doch alle Menschen“, wer ihm und seinen Worten glaubte, bekommt hier die Quittung für seine Blauäugigkeit. Der doppelte Erich, Erich Ziemer und Erich Mielke, sollten 1931 den Mord an einem ihrer KPD-Genossen rächen. Das Land war in Aufruhr und im Umbruch. Husar und Schweinebacke waren auch da als sich die Massen auf dem Bülowplatz. Husar und Schweinebacke waren allerdings keine Kampfnamen des Parteiselbstschutzes, wie sich der paramilitärische Arm der KPD nannte, sondern Polizisten. Schon lange ein Dorn im Auge jedes rechtschaffenden Bürgers. Ein heilloses Durcheinander folgte den aus nächster Nähe abgegebenen Schüssen. Rund ein halbes Dutzend Tote und über dreißig Verletzte waren das Ergebnis. Was wurde aus den Tätern? Erich Mielke konnte sich über sechzig Jahre in Sicherheit wiegen. Erst 1993 wurde er zu sechs Jahre Gefängnis verurteilt. Knapp zwei Jahre später war wieder frei und starb 2000 unbehelligt in Berlin-Hohenschönhausen.

Nur zwei der schicksalsträchtigen Orte Berlins. Vom Tatort, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde und dem Ausgangsort des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 über die Glienicker Brücke und die Discothek „La Belle“, die durch einen abscheulichen Terrorakt berühmt wurde bis hin zur Mauer und dem Olympiastadion geht die historische Reise vom Armin A. Woy. Unterhaltsam, aber vor allem detailreich gibt dieser Band Auskunft über Orte, die man sicherlich schon mehrmals besucht hat, die man gequert hat, die man aber nicht als solche erkannt hat. Von nun an ist Berlin ein Ort, an dem man aufpasst, wo man hintritt. Dank dieses Buches.

Atlas der Mittelmeerinseln

Inselurlaub im Mittelmeer ist der Traum vieler Erholungssuchender. Mallorca-Besucher in der Masse mal ausgenommen. Den schönsten Sonnenuntergang gibt’s auf Santorin, die meiste Geschichte auf Kreta, den Clash of cultures auf Sizilien. Ibiza, Zypern, Korsika und Sardinien gehören zum festen Bestanteil einer jeden Überlegung, wenn man die schönste Zeit des Jahres plant. Simone Perotti hat auch mal solche Planungen vorangetrieben. Doch die genannten Inseln waren nicht als Anlandepunkte, sondern als Orientierungshilfen gedacht.

Seit Jahren bereist er das Mittelmeer mit einem Segelschiff. Und findet so unbekannte Inseln wie Tavolara. Die Insel ist mittlerweile kartographiert, liegt in Spuckweite von Sardinien entfernt. Kaum bewohnt. Aber es hat einen König. Tatsächlich! Dessen Wappen ließ Königin Victoria im Buckingham Palace ausstellen. Wie es dazu kam, ist nur eine der wunderbaren Geschichten, die Simone Perotti zu erzählen weiß.

Weiter geht’s ins Levantische Meer, sprich das östliche Mittelmeer. Auf die Nelson-Insel. Nur ein paar Meilen vor Alexandria, 0,02 km² groß, ein Felsen und … unbewohnt. Sie wurde nach dem berühmten Admiral Nelson benannt. Der schlug hier eine seiner zahllosen Schlachten. Die Insel birgt in sich einen unfassbaren Schatz. Der Archäologe Paolo Gallo grub hier Reste einer Siedlung aus. Mit allem, was dazu gehört: Leuchtturm, eine Festung, Häuser mit Bad. Die Makedonier waren hier einmal die Herren. Damals, als die Insel sicher noch mit dem ägyptischen Festland verbunden war. Heute kommen allenfalls ein paar Badegäste.

Nur zwei Inseln von über vierzig, die Simone Perotti bereiste und in diesem Buch vorstellt. Es als Reiseband zu bezeichnen, würde alle anderen Reisebände in den Schatten stellen. Es ist ein Sehnsuchtsband, den man in den Händen halten darf. Detailreiche und verheißungsvolle Landkarten skizzieren die Inseln und ihre Lage. Doch die Geschichten dazu sind fabelhaft. Sie sind wahr oder zumindest ernsthafte Legende. Wer als das Glück hat einmal Espardell, Malu Entu, Panarea, Alimia oder Arwad zu besuchen, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört. Und wer nun wirklich alles auf der Welt schon gesehen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Diesen Atlas packt man sich gern in den Ranzen für die Weltreise. Gestalterisch wie inhaltlich eine glatte Eins. Wenn es doch nur mehr Urlaubstage gäbe…

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Ein Sonntag auf dem Lande

Das Leben hat es gut gemeint mit Monsieur Ladmiral. Mitte siebzig ist er mittlerweile. Ein erfülltes Leben liegt hinter ihm. In Saint-Ange-des-bois hat er ein gemütliches Häuschen gefunden. Kurz vor den Toren von Paris. Der Garten ist vorzeigbar und zum Bahnhof braucht man nur acht Minuten. Monsieur Ladmiral benötigt aber immer länger, das Alter halt. Doch mit stoischer Ruhe schiebt er die verlängerte Laufzeit zum Bahnhof auf die Unzuverlässigkeit der Bahn. Das amüsiert ihn insgeheim. Für Mercédès, seine Hausangestellte, ist es eine willkommene Gelegenheit ihrem Chef ein wenig Gegenwehr zu verabreichen.

Die kleinen Beschwerden über das Älterwerden pflegt Monsieur Ladmiral. Genauso wie den sonntäglichen Besuch seines Sohnes Gonzague. Seit Jahr und Tag kommt er regelmäßig mit seiner Frau Thérèse, den Jungens Emile und Lucien sowie der kleine Mireille zu Besuch. Leidige Pflicht auf beiden Seiten. Wobei der Alte die Besuche genießt. Die kleine Mireille ist für ihn der Jungbrunnen, in den er gern steigt. Für Gonzague, der von seiner Frau bevorzugt Edouard genannt wird – sein richtiger Name, Gonzague behagt ihr keineswegs – ist es jedes Mal ein Graus.

Denn Monsieur Ladmiral hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Wohl geraten ist er wohl, sein Sohn. Doch als eine Ausgeburt an Esprit würde ihn wohl kaum jemand bezeichnen. Das Geld reicht, und wenn nicht, bekommt er großzügig eine Lohnerhöhung. Für Thérèse eine nicht zu unterschätzende Stütze… Monsieur mag die nur allzu gewöhnliche Schwiegertochter keineswegs. Und so vergeht der Sonntag mit kleinen Fotzeleien, die Gonzague über sich ergehen lässt und der Alte ohne groß nachzudenken, großzügig verteilt. Bis … ja bis Irène eintrifft. Sie ist der Wirbelwind in der Familie. Und Gonzagues Schwester. Ein Plappermaul, das mit ihrem Elan davon abzulenken versucht, dass ihre Einnahmequellen eventuelle nicht den üblichen Standrads entsprechen könnten. Für Monsieur Ladmiral eine willkommene Abwechslung. Denn sie bekommt er nicht jeden Sonntag vor die Augen. Gonzague sieht in Irène eher eine Bedrohung.

Pierre Bost gehörte in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu den produktivsten und viel gelesenen Autoren Frankreichs. Dies ist sein letzter Roman, die letzten Jahrzehnte seines Lebens schuf er kein weiteres Werk und widmete sich Autorenaufträgen für Filme. Mit jeder Zeile dieses Miniromans dringt die ländliche Idylle tiefer und tiefer ins Herz des Lesers. Das Grün des üppigen Gartens, das Rascheln des Laubes, die Unbekümmertheit der Zeit ergreifen von einem Besitz. Die Neckereien der erwachsenen Geschwister ist greifbar, doch sind beide erwachsen genug nicht vor dem Vater ausfallend zu werden. Ihm gehört der gesamte Respekt. Gonzague verbindet die Vergänglichkeit mit Angst, Iréne ist tief im Hier und Jetzt verwurzelt. Und Monsieur Ladmiral weiß, dass er eh nichts mehr ändern kann. Den Lebensgenuss jedoch kann ihm keiner und nichts wegnehmen.

Schuld und Gewissensbiss

Es ist nicht das glamouröse Paris, in dem Pierre mit seiner Violette spaziergeht. Unaufhörlich fällt der Schnee, was nicht der Grund für die fehlende Noblesse der Stadt ist. Vielmehr sind es die Ausweglosigkeit und das Wissen darum, dass sich Auswege einem niemals zeigen werden, sondern, dass man sie suchen muss. Violette ist verschüchtert, eingeschüchtert. Brav tippelt sei ein paar Schritte hinter Pierre. Er sieht sich als Verlierer. Sie pflichtet ihm bei. Er will jede sich bietende Möglichkeit nutzen seinem Leben eine andere Wendung zu geben, nutzen. Sie glaubt ihm und pflichtet ihm abermals bei. Zwei, die im Schnee sanfte Pläne schmieden, doch insgeheim wissen, dass es nur Phantasien bleiben werden und die Lippenbekenntnisse ihren Träumen niemals Flügel verleihen werden.

Ein kleiner Mann tritt herbei. Ein Redeschwall prasselt auf das Paar ein. Auch er war einmal voller Hoffnungen. Damals, vor den Wahlen. Und jetzt? Alles vorbei! Pierre platzt der Kragen. Er drückt den kleinen Mann gegen die Wand. Der Schreck fährt ihm in die Glieder, als der kleine Mann reglos in der Ecke liegt. Ist er tot?

Die Gewissensbisse nagen am zerbrechlichen Nervenkostüm Pierres. Er stellt sich den zufällig ihm entgegenkommenden Polizisten. Die suchen schon nach ihm. Beziehungsweise nach einem Dieb, der zusammen mit einer jungen Dame Schreckliches getan hat. So trist der Himmel über Paris scheinen mag, so sehr blendet Pierre das Licht, dass aus der Dunkelheit des Alltags ihm entgegen scheint. Es gibt nur einen Ausweg: Schuld bekennen, und die Gewissensbisse werden verschwinden. Doch Paris hat anderes mit ihm vor…

Die Figuren in den Geschichten von Emmanuel Bove haben das Glück nicht gepachtet. Sie plagt Schuld – wie in dem gleichnamigen Kurzroman. Gewissensbisse erinnern sie an ihre menschliche Gestalt. Klopft das Glück an ihre Tür, klopft ihr Herz heftiger als je zuvor. Kommt nun die Sühne? Droht Strafe?

Emmanuel Bove selbst schrieb in den 20er und 30er Jahren wie ein Besessener. Begegnete er einer Geschichte, musste er sie niederschreiben. Doch selbst der mit 50.000 Francs dotierte Prix Figuière brachte ihm kein (finanzielles) Glück. Alimente und die Pleite der Bank seiner zweiten Frau ließen ihn nicht ruhen. Er starb Mittle Juli 1945, sein Grab auf dem Friedhof Montparnasse liegt in der Familiengruft seiner Frau.

Die in diesem Buch zusammengefassten neun Geschichten und der einleitende Kurzroman geben einen tiefen Einblick in das Schaffen dieses zwischen Faszination hervorrufenden und dennoch fast unbekannten Autors wieder. Der elegante Einband – Halbleinen – steht im Widerspruch zum einfachen Leben der Hauptprotagonisten. Ein Sinnbild für Emmanuel Bove: Als Autor frei im Tun, doch im ständigen Kampf um Anerkennung und den ersehnten (auch finanziellen) Ruhm. In der Außenwirkung elitär, im Inneren ein Kleinod an Sprachgewalt im Milieu der Außenseiter.

Exil unter Palmen

Klingt wie ein Traumurlaub, der niemals enden sollte: Eine sehr lange Zeit an der Côte d’Azur. Das savoir-vivre genießen. Die ewig strahlende Sonne. Ja, für viele ist das das Synonym von Paradies oder zumindest einer zeitlich begrenzten Erholungsphase selbigen Ausmaßes. Doch es gab eine Zeit, in der Die Côte d’Azur nicht nur der Sehnsuchtsort der Sonnenanbeter war, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Zuflucht. Ein Ort, an dem man Terror, Erniedrigung und Angst ums eigene Leben ein wenig vergessen konnte. Sanary-sur-Mer war einmal das Exil von Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Thomas Mann, Hermann Kesten. Die Künstler mussten ihre Heimat verlasse, da sie als Dorn im Fleisch des Faschismus Verderb bedeuteten. Schon kurz nach der Machtübernahme der Nazis flohen sie zuhauf. Hermann Kesten, Lektor beim Gustav Kiepenheuer Verlag, war einer der Lockvögel. Er war der erste Ansprechpartner und Wohnungsvermittler. In La Tranquille fanden die Manns, Thomas, Katia, Golo, Michael, Erika und Monika das gewünschte Domizil – mit entsprechender Zimmeranzahl und funktionierender Struktur.

Die Villa Valmer wurde das Arbeits- und Lebenskosmos von Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta. Sie war es auch, die die Besucher tagsüber abwimmelte, damit ihr Gatte an seinen Werken schreiben konnte. Doch das „Exil unter Palmen“, wie es die Autorin dieses Buches, Magali Nieradka-Steiner, nennt, unterliegt auch dem Gang der Geschichte und ihrer Wendungen.

Anfangs waren die Deutschen, man nannte den Ort schon Sanary der Deutschen, noch willkommen. Sie waren still, blieben unter sich und im Ort achtete man sie auch wegen ihrer angeborenen Etikette. Man stand sich nicht im Weg. Das Vichy-Regime brachte neuen Wind an die Côte. Behörden wurden effizienter. Aus dem Sanary der Deutschen wurde das Sanary der Juden. Wieder mussten Dutzende Deutsche – eine Gedenktafel im Ort weist fast siebzig Exilanten aus Deutschland und Österreich auf – flüchten. Die Nähe zu Marseille war Glück im Unglück. Denn von hier gab es meist nur die letzten Passagen gen Afrika, Lissabon, um dann weiter in Richtung Süd- oder Nordamerika zu kommen. Einige schafften den Absprung sofort. Viele wurden interniert. So wie Lion Feuchtwanger oder Alfred Kantorowicz. Wenigen gelang die Flucht. Zu viele ertrugen die Lagerzeit nicht.

Magali Nieradka-Steiner stellt einen Ort vor, dessen Lage für Urlauber ideal ist. Mittlerweile hat sich der Ort seiner historischen Bedeutung gestellt und weist hier und da auf die berühmten ehemaligen Bewohner hin. Sie alle, von Ernst Bloch bis Stefan Zweig von Egon Erwin Kisch bis Alfred Neumann, waren auf der Flucht. Sie fanden hier kurz- bis mittelfristig eine Raststätte auf ihrem weiteren Weg in eine bessere Zeit. Manche kehrten noch einmal zurück, nachdem die Schrecken vorbei waren. Andere fanden in Kalifornien, ihre Lebensheil. Sie kehrten nie mehr in ihre Heimat oder ihr Exil unter Palmen zurück.

Clos Gethseman

Wie bringt man das älteste Weinbaugebiet der Welt, Jacques Cousteau, Pablo Picasso und Sisi zwischen zwei Buchrücken? Indem man vier Bücher schreibt, eines über jeden. Bliebe da noch das Problem mit den ZWEI Buchrücken. Es ist eine wilde Hatz, der man gerne folgt, wenn Walter Hönigsberger diesen vier berühmten Namen ein paar weitere zur Seite stellt und einen Krimi von biblischem Ausmaß schreibt.

Karl Breitenstein hat von seiner reichen Tante geerbt. Und zwar für Körper und Geist. Ein Dach überm Kopf muss er nicht mehr suchen – gut für den Körper. Und für den Geist hat die liebe Erbtante reichlich Rebensaft hinterlassen. Nicht irgendwelche Weine, besondere Weine. Und Karl konnte seinen Job an den Nagel hängen. Jetzt besteht sein Lebensinhalt darin dem Geist des Weines auf den Grund zu gehen. Bodensatzleserei? Bei Weitem nicht. Mittlerweile ist er ein ausgewiesener Experte, wenn es darum geht alte – noch trinkbare – Weine aufzustöbern.

So trifft er auch Jakob Jünger, dessen Alter so gar nichts mit seinem Namen zu tun zu haben scheint. Schon seine Vorfahren gaben sich dem Weinbau hin. Und so baut er nicht nur Wein an, sondern ist sogar dem Nachwuchsexperten Breitenstein um Längen voraus. Er und seine Vorfahren tranken schon Weine mit Picasso und anderen Größen ihrer Zeit.

Marion Drygalski ist Journalistin, und mit Karl Breitenstein bildet sie ein Paar. So trifft sie eines Tages einen Weinhändler, der sie umschmeichelt, dass es ihr fast den Magen umzudrehen droht. Er war schon mit Jacques Cousteau auf den Meeren der Welt unterwegs. Doch nicht, um Fischen die Flosse zu reichen, sondern nach versunkenen Schätzen zu suchen. Denn so manches gesunkene Schiff hatte reichliche Wein an Bord. Auf diesen Händler stößt sie als sie zu einem dreisten Weinrebenraub recherchiert. Unbekannte haben dem Emporkömmling der Weinszene die Reben auf dem Boden geholt. Ein immenser Schaden.

Und was ist mit Sisi? Die liegt bekanntermaßen in der Kapuzinergruft in Wien. Jetzt wird’s fiktional – die Gruft stürzt in sich zusammen. Ein großer Schock für die Kulturwelt. Doch auch für den wissbegierigen Weinhändler. Dessen Kellergewölbe, das voller Schätze ist, grenzt nämlich unmittelbar an die Gruft. Währenddessen ist Karl Breitenstein in Georgien unterwegs. Und stößt auf ein welterschütterndes Geheimnis…

Walter Hönigsbergers wilder Ritt durch die Geschichte fesselt ab der ersten Seite. Er holt weit aus, um die Charaktere zu bestimmen. Und gleichzeitig zieht er den Leser immer tiefer in seinen Bann. Reichlich vierhundert Seiten lang zerrt er den Leser von einem Ort zum nächsten, spannt Brücken vom Damals ins Heute und zeichnet ein Bild der Zukunft, dass einem der Atem stockt.