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Der schöne Heilige

Blasphemie! Heilige sind nicht schön, sie sind heilig! Doch das ist nicht die einzige Neuerung, die von diesem Roman ausgeht. Es ist Philippe Soupaults erster Roman, ein neuer Star am Literaturhimmel. Und – und das ist noch viel bedeutender – ein Hauch von Surrealismus schwingt in ihm mit.

Jean X und Philippe Soupault – einer der Hauptakteure heißt genauso wie der Verfasser – kennen sich von Kindesbeinen an. Sie mögen sich. Sind unzertrennlich. Und doch entwickeln sie sich in unterschiedliche Richtungen. Der eine will schreiben, der andere die Welt aus den Angeln heben. Jean X wird den ganzen Roman über unter dem Deckmantel des Pseudonyms Jean X verborgen bleiben. Wer jedoch schon ein paar Texte von Philippe Soupault gelesen hat – es empfiehlt sich also nicht mit „Der schöne Heilige“ die Entdeckungsreise ins Werk Soupaults anzutreten – kennt Jean X in und auswendig. Es ist der Autor selbst! Zusammengefasst: Philippe Soupault schreibt einen Roman über zwei Freunde, die beide gleichermaßen er selbst sind. Puh, das ist echt neu!

Soupaults (im Roman) Bewunderung für Jean X ist grenzenlos. Er ist fasziniert von dessen Ehrlichkeit und Forscherdrang. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist Paris. Hier treffen sie Michel Palmyre, der im echten Paris Guillaume Apollinaire hieß und Philippe Soupault, den Autor, zu seinen ersten Veröffentlichungen verhalf.

Es ist ein rechtes Auf und Ab in der Beziehung der beiden. Jean X treibt immer wieder in die Ferne. Als er endgültig verschwindet, ist Soupault betrübt, als einzige Hinterlassenschaft an den Freund hat der ihm sein Tagebuch hinterlassen. Dieses dient als Rechtfertigung über ihre Freundschaft öffentlich zu reden und zu schreiben. Denn Ereignisse, die man gemeinsam erlebt, haben nun mal zwei Seiten, von denen sie betrachtet werden können.

Wer erkannt hat, dass Jean X und Philippe Soupault ein und dieselbe Person ist, jeder mit einem eigenen Charakter ausgestattet, wird sich an „Der schöne Heilige“ nicht satt lesen können. Man streift durch das Paris der literarischen Avantgarde wie über ein Feld gerade frisch erblühter Blumen. Alles duftet so unschuldig. Man ist der erste, der zwischen den Blättern hindurch wandert. Und wenn man mal nicht weiter weiß, hilft einem der Autor Soupault den Hauptakteur Soupault zu verstehen. Wenn es noch einen Grund bedurfte Philippe Soupault anzupreisen – bitte sehr, hier ist er!

Das letzte Spiel

Jeder kennt diese Typen: Sie sonnen sich im Glanze der Anderen, hecheln ihnen nach, begrüßen die eigentliche Fremden wie vertraute Freunde, die man ewig nicht mehr gesehen hat und grinsen permanent grenzdebil in jede Kamera. Julien, um den es in diesem Buch geht, meint, dass er der einzig starre Punkt im Universum ist. Und sich alles um ihn zu drehen hätte. Er ist Schriftsteller, und er arbeitet gerade an seinem „großen Roman“. Ein Denkschrift, eine Trauergeschichte … sein Leben. Denn, wenn er einmal nicht mehr ist, wird man merken wie wertvoll sein Leben war.

Wir sind im Paris der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Julien geht es finanziell gut. Arbeiten im eigentlichen Sinne muss er nicht. Er treibt Sport, um die Glieder geschmeidig zu halten, schreibt im Café ein paar Zeilen, nur um sie dann lautstark wieder zu verteufeln. Es ist ein hartes Leben. Für ihn.

So schnell wie sich an einem Apriltag das Wetter drehen kann, ändert sich Juliens Leben. Er muss die Seiten wechseln, vom Schreiber zum Beschriebenen. Nach einem (durchorganisierten – ja, das kann Julien) Kurzurlaub in der Bretagne zusammen mit Berthe, seiner Freundin, fiebert Julien. Und zwar gewaltig. So sehr, dass er sein eigenes Ende kommen sieht. Er beschließt im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben … zu ordnen. Hektisch kritzelt er sein Testament aufs Papier. Sein unehelicher Sohn, der aus einer kurzen, aber heftigen Liaison einst an der Côte entstand, soll alles erben. Während seine Mutter in der Küche für ihn kocht, soll sein Freund Alfred Juliens Werke zurückkaufen. Ohne den „großen Roman“ vollendet zu haben, ist es nicht anzuraten, dass andere sein Werk lesen. Noch immer dreht sich Juliens Welt nur um einen Punkt.

Julien ist so von sich überzeugt, dass er keinerlei Ratschläge annimmt. Er suhlt sich gern im eigenen Leid. Mögen Freunde, Familie, Ärzte sagen, dass es ihm über Kurz oder Lang wieder gutgehen wird – Julien wird sterben. Er weiß das. Und er will in Ruhe sterben. Doch es kommt anders. Der leidende Literat erholt sich. Und doch ist alles anders. Die Freunde sind passé. Julien hat niemanden mehr, dem vom „großen Roman“ erzählen kann, dem er sein Leid klagen kann. Das unbeschwerte Leben verliert an Reiz. Selbst Maud, in die er sich verguckt, kann ihn nicht aus der Reserve locken. Eine Affäre würde beiden nichts bringen. Der Fieberwahn hat seine Auswirkungen hinterlassen.

Philippe Soupault gibt seinem Helden die Sporen des Lebens. Und des Leidens. Als betuchter Bohème lebt Julien in den Tag hinein. Alles hat seinen Platz, alles ist durchdacht, straff organisiert. Mit einem Mal ist alles anders. Planungen streifen die Reichweite seiner Arme. Freundschaften befinden sich außerhalb selbiger. Und wenn einem doch einmal eine helfende Hand gereicht wird, kann man sie aus unerfindlichen Gründen nicht greifen. Julien reift in „Das letzte Spiel“ vom lästigen Angeber zum mitleiderregenden Verlierer, der scheinbar doch nicht alles hatte.

Die Zeit der Mörder

Am Abend des 12. März 1942 kommt Philippe Soupault an sein Haus. Das Tagwerk ist vollbracht – da steht plötzlich ein Mann hinter ihm. Elegant, wie aus einem Gangsterfilm entsprungen. Er lupft sein Revers. Polizei. Zwei weitere Gestalten halten sich ohne ein Wort, stoisch und deswegen bedrohlich im Hintergrund. Sie wollen ein paar Fragen beantwortet haben, sich ein wenig umschauen. An der Wende zum Freitag, dem 13. März 1942 muss er ihnen aufs Revier folgen. Zeugenbefragung. Ganz vorsichtig ist man von nun an auf beiden Seiten. Soupault braucht den geforderten Anwalt nicht, er solle ja nur als Zeuge befragt werden. Mehr nicht. Wäre er abergläubisch, wüsste er, was auf ihn am Folgetag zukommt.

Kurzer Prozess. Er wird inhaftiert. Wegen Landesverrat. Er habe – wir sind im unter französischer (Vichy-Regime, wohlgemerkt!) Protektion stehenden Tunesien – wichtige Papiere an den Feind – England – weitergegeben, wodurch ein Versorgungsschiff für die Truppen Rommels nicht seiner Aufgabenerfüllung gerecht werden konnte.

Philippe Soupault hatte Jahre zuvor den Auftrag bekommen in Tunis einen Radiosender zu installieren und zu leiten, der der Mussolini-Propaganda durch Radio Bari entgegenwirken sollte. Léon Blum, der erste sozialistische Ministerpräsident Frankreichs persönlich gab dem Journalisten und Künstler Soupault den Auftrag. Es ist immer die Wahrheit, die das erste Opfer des Krieges bildet. Das weiß Soupault. Er weiß von auch, was ihm blüht, wenn die Geheimpolizei, das Vichy-Regime, die Pétain-Schergen ihn in die Finger bekommen.

Zorn, Verzweiflung, Selbstaufgabe umgeben den Gefangenen im „Fall de R.“ – Soupault – von nun an. Die Aussicht bald die Einzelzelle gegen das Sonnenlicht einzutauschen schwindet mit jedem Tag. Doch er bewahrt sich seien Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Mehr als einen Monat sitzt er zu Beginn in Einzelhaft. Seiner Frau verschweigen die Behörden die Festnahme. Erst Tage danach darf sie ihren Mann im Gefängnis besuchen.

Soupault findet Freunde – Vertraute – begegnet aber solchen, denen man lieber aus dem Weg geht. Denunzianten gibt es überall. Im Gefängnis ist ihre Macht jedoch stärker, wie einige Mitgefangene leidvoll erfahren müssen.

Die Zeit verrinnt. Die Hoffnung einmal wieder seine Familie zu sehen, ist für ihn kein Thema. Er hätte zu sehr unter enttäuschten Hoffnungen zu leiden. Doch eines Tages geschieht das Unerwartete: Philippe Soupault kommt frei! Als freier Häftling darf wieder hinaus in die Welt. Ja, ein Häftling wird er immer bleiben, da ist er sich ganz sicher. Aus alter Verbundenheit besucht er regelmäßig seine ehemaligen Leidensgenossen. Was für Unruhe sorgt. Genauso wie die bevorstehende Invasion der Alliierten. Soupault schafft es rechtzeitig die Stadt zu verlassen. Doch zu welchem Preis?

Philippe Soupaults Erinnerungen an die Gefängniszeit sind düster und erhellend zugleich. Die Zustände beklemmen in erster Linie ihn, den Schreiber, den Gefangenen, aber auch den Leser. Der zaghafte Optimismus, der nie offen zur Schau getragen werden darf, lässt Hoffnung aufkeimen. Dennoch bleibt „Die Zeit der Mörder“ ein bedrückendes Zeitdokument, das für den Autor Fluch und Segen zugleich war. Das Buch erschien1945 in den USA. Es dauerte siebzig Jahre (!) bis es auch in Frankreich, seiner Heimat erschien, obwohl er wieder dort lebte und maßgeblich im Widerstand arbeitete. Nur zwei Jahre dauerte es bis das Buch auf Deutsch erschien…

Frankreich á la carte

Essen wie Gott in Frankreich. Schreiben über das Essen wie Gott in Frankreich. Lesen, um das Leben wie Gott in Frankreich zu fühlen. „Frankreich à la carte“ ist die Spitze dieser Assoziationskette. Autoren wie zum Beispiel Émile Zola, Gustave Flaubert oder Alexandre Dumas haben Romane geschrieben, die ein Spiegelbild ihrer Zeit waren. Und dazu gehört nun mal auch die Nahrungsaufnahme mit Genuss oder als Notwendigkeit.

Das Baguette ist so eng mit Frankreich verbunden wie kaum ein anderes Gericht. Doch das kulinarische savoir-vivre nur mit dem braungebrannten Teigling in Verbindung zu bringen, kommt dem Ruf der Cuisine unseres Nachbarn nur im Ansatz nahe.

Man setzt sich an den Tisch mit Größen der französischen Kultur. Trinkt einen Tropfen Roten. Kommt ins Schwärmen. Seite für Seite wird das Barrett zurechtgerückt und Zeigfinger und Daumen öffnen sich blitzartig, wenn man sie von den Lippen wegstößt. Mmmmh excellent!

Anthologien machen von jeher Appetit auf Weiterlesen. Sie sind die amuse geuele aus der Schreiberwerkstatt, die oftmals zur Küche des guten Geschmacks wird. Madame de Sévigné zum Beispiel berichtet in einem ihrer berühmten Briefe an Madame de Grignan von einem opulenten Mahl. Zugegen war auch der König, Ludwig XIV., der Sonnenkönig. In diesem Brief setzte sie ein weiteres Mal dem Hofhofmeister und Koch, Vatel, ein Denkmal. Leider hatte der an diesem Tag nicht gerade viel Glück. Zu viele Gäste, zu wenig Braten. Vatel war untröstlich. Was heißt untröstlich, gekränkt und enttäuscht von sich selbst, war er. So sehr, dass ihm das Schwert näher war als der Trost der Anwesenden. Es war das letzte Mahl, das er zubereitete.

Je mehr man in dieses Buch vordringt, desto appetitlicher zeigen sich die Seiten. Keine Exkurse in die Exotik der Froschschenkel und Gänsestopfleber, vielmehr eine kulturhistorische Reise, die selbst Jahrhunderte später immer noch für Magenknurren und Kopfzerbrechen sorgt. Kopfzerbrechen, weil die wohl gewählten Worte ihre Wirkung nicht verfehlen. Political correctness und falsch verstandene Zurückhaltung sind ad acta gelegt, es regieren die Genüsse und lassen den Leser mit einem knurrenden Magen zurück.

Hunger und Appetit sind es, die man benötigt, um dieses Buch vollständig aufsaugen zu können. Auch wenn in Frankreich „auch nur mit Wasser gekocht wird“, so sind es die Zutaten eines Marcel Proust oder der Durst eines Guy de Maupassant, die dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Wie ein elegantes Menü mit mehreren Gängen verführen die Autoren den Leser zum Schmatzen und Schwelgen in den delikatesten Speisen, die je ersonnen wurden. Bon Appetit!

Paris mon amour

Paris und die Liebe – mehr als nur ein Klischee. Paris und die Liebe – so massenkompatibel wie wahrhaftig. Paris und die Liebe – immer wieder eine Anregung für Autoren ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Es bleibt nicht beim Klischee.

Durch die Jahrhunderte hindurch war Paris ein Sehnsuchtsort. Grenouille – ja, genau der Grenouille aus der Feder von Patrick Süßkind – wird gezwungen auch andere Sinne einzusetzen, um sich im Strudel der Düfte zurechtzufinden. Michael, der Held aus F. Scott Fitzgeralds Geschichte, harrt der Dinge, die ihn auf einer Hochzeitsparty ereilen sollen. Ob Jojo Moyes oder Friedrich Glauser – ihre Helden verlieben sich in Paris, sind bereits verliebt oder entdecken die Liebe immer wieder neu. Und mit ihnen auch der Leser.

Immer wieder blitzen Orte in Paris auf, die nach Verführung und Alles-Um-Sich-Herum-Vergessen-Können klingen, wie der Jardin du Luxembourg. Man streift mit den Protagonisten durch die Stadt der Liebe und entdeckt sie immer wieder neu. Ob beim Flanieren am Kanal du Saint Martin oder am Eiffelturm.

Doch kann die Liebe auch auf den Magen schlagen. Zu viel des Guten ist ungesund. Zu wenig eine Schande.

Die Pariser Liebesgeschichten in diesem Buch – Joey Goebel hat eigens dafür eine Geschichte beigesteuert – lassen mindestens noch einmal Urlaubsgefühle aufkommen. Ein Croissant am Morgen zur Stärkung, eine Geschichte auf den Stufen von Notre Dame am Vormittag, das Ablaufen einer Kurzgeschichte an Originalschauplätzen am Nachmittag, und Abend lässt man in einem der erwähnten Restaurants den Tag ausklingen und Revue passieren. Schon verliebt? Garantiert!

Es ist ein Privileg der freien Zeit, dass man sich und die Welt mit anderen Augen sehen kann. Nun ist Paris sicherlich keine Stadt mehr, die gänzlich unbekannt ist, jedoch immer noch Geheimnisse in sich birgt. Ein Reiseband ist ein unerlässlicher Helfer, um sich in ihr bewegen zu können. In sie eintauchen wird man aber nicht können, wenn man nur die Sehenswürdigkeiten wie ein Schwamm aufsaugt. Hier sind die Literaten als Chronisten der Zeit gefragt. Sie zeigen ein Paris abseits von Arc de Triomphe und Centre Pompidou. Sie finden die kleinen Gassen, in denen sich das Leben tummelt. Und dieses Leben ist es letztendlich, das Paris zum Leben erwachen lässt.

„Paris mon amour“ ist ungeschminkt elegant, das kleine Büchlein, dass man immer dabei hat, um bei Rast auch Ruh zu finden. Egal, ob man verliebt ist oder selbige noch sucht – hier wird jeder Paris-Gast wie ein Freund empfangen.

Les fleurs du mal – Die Blumen des Bösen

Was haben die „Bolivianischen Tagebücher“, „Siddharta“ und „Die Blumen des Bösen“ gemeinsam? In unzähligen Haushalten fristen abgegriffene, vergilbte, abgerockte Ausgaben davon ihr Dasein. Es sind Erinnerungen an eine Zeit des Suchens und des Findens. Sie waren (und sind) Wegweiser, Denkanstifter und inhaltsschwere Zeitvertreibe.

„Les fleurs du mal – die Blumen des Bösen“ sind nun in einer Neuauflage erschienen, die niemals vergilbt, abgegriffen oder abgerockt aussehen wird. Wirft man einen Blick hinter die Fassade, den Schutzumschlag, wird dies schnell klar: Dunkelgrauer Einband mit futuristischer Symbolik. Enger könnte die Verbindung zum Inhalt nicht sein. Denn Charles Baudelaire hat mit seinem Hauptwerk, das vor 150 Jahren erstmals erschien, viele Nerven getroffen. Skandal! So was darf man doch nicht schreiben, schon gar nicht veröffentlichen! Das gehört sich nicht! Die Konsequenzen waren weitreichend. Für ihn, und für die Zeit. Er prägte den Stil der Lyrik nachhaltig, so dass sein Erbe, dessen Großteil dieses Buch ist, bis heute immer wieder aufgelegt wird.

Das Besondere an diesem Buch ist nicht allein die Tatsache, dass die sechs in der zweiten Originalfassung gestrichenen Gedichte in diesem Buch veröffentlicht werden, sondern die zweisprachige Ausgabe. Links das französische Original, rechts immer die Neuübersetzung von Simon Werle. Dieser hat ohne Sinnverlust die „alten“ Zeilen in eine zeitgemäße Deutschversion übertragen. Und wenn man den deutschen Text liest, Zeile für Zeile mit dem Original vergleicht – auch wenn man des Französischen nicht unbedingt so mächtig ist – kommt man dem Geheimnis von Baudelaires Sprachgewalt allmählich auf die Spur.

Das Schwierige an Lyrik ist die Verschlossenheit gegenüber exakter Analyse. Aufbau und Struktur kann man untersuchen und sich an der Schönheit und Reinheit erfreuen. Doch Lyrik kommt vom Herzen, und Gefühle können schlecht sortiert bzw. allumfassend analysiert werden. Es sind immer nur Fragmente, die entschlüsselt werden und dann auf das Große und Ganze umgerechnet werden. Auch lässt sich Lyrik im Allgemeinen, und „Les fleurs du mal“ im Speziellen nicht auf einmal komplett lesen. Die Emotionen springen sonst im Viereck, doch ist es eine Wohltat zu wissen, dass ein Standardwerk immer griffbereit im Regal steht und zu jeder Tages- und Nachtzeit wohlige Worte den Raum erfüllen können.

Man muss sich auf die Zeilen einlassen, vielleicht am Canal Saint-Martin in Paris, wo wie man Tom Sawyer am Mississippi liest, oder eben Siddharta in einem indischen Ashram, oder die bolivianischen Tagebücher in den Anden. Denn dann treffen „echte Welt“ und deren Interpretation dort aufeinander, wo ihre Wurzeln liegen. So wie man van Goghs Sonnenblumen nur in der Provence erst richtig auf den Grund gehen kann.

L’amour toujours – toujours l’amour?

Um es gleich vorwegzunehmen und jeglichen Zweideutigkeiten die Luft aus den Segeln zu nehmen: Es geht um die Liebe!, nicht ums Liebemachen. Zum Beispiel um die so wunderbar klinge ménage à trois – klingt nur im Französischen so geheimnisvoll. Jean-Baptiste Robert ist ein glücklicher Mann. Er hat die Liebe in all ihren Vorzügen gepachtet. Ein ihn liebendes Eheweib und eine ihn liebende Geliebte. Alice – die Ehefrau – umsorgt ihn, Célia – die Geliebte – empfängt und umfängt ihn. Clémentine Beauvais lässt ihn gewähren, bis eines Tages Célia ihm die Zweisamkeit kündigt. Tief gekränkt versucht herauszufinden, wer der geheimnisvolle Jüngling ist, der ihm von nun an die Schäferstündchen stiehlt. Wahrlich ein Fortschritt für Célia, muss er neidlos anerkennen. Doch dann sieht aus seinem Versteck heraus eine weitere Person sich aus Célias Wohnung stehlen…

Immer wieder die Liebe, für immer – kurze Texte, die die ganze Bandbreite der Liebe, wenn man es so nüchtern betrachten will – darbieten. So wie Frankreich ist, unterschiedliche Kulturkreise aus aller Herren Länder, sind auch die Geschichten in Afrika, Osteuropa, und natürlich auch im Mutterland der Liebe angesiedelt.

Jede Geschichte ist es wert abgedruckt zu werden. Dass so viele Texte in einem Buch dem liebestrunkenen Lesevolk in die Hand gegeben werden, ist ein Glücksgriff für jeden, der auch nur wenige Seiten in diesem Buch blättert. Preisgekrönte Autoren, allesamt noch jung, einigen sich ohne Absprachen darauf, dass die Liebe einzigartig und vielfältig in Einem ist.

Von der Liebe zu Charlotte Corday, die auf dem Schafott endete, von roten Socken, die allein nur einem Zweck dienen: Dem, die Liebe zu entfachen und am Brennen zu halten oder einem neuen Rotkäppchen – davon erzählen die Autoren, die bislang wenig bekannt sind.

Wer es sich nicht verkneifen kann und dieses Buch Seite für Seite nacheinander durchliest, wird den Fortgang der Geschichten wie einen Liebesakt erleben. Vom zarten Annähern bis hin zur ungeschminkten Ekstase ist der Leser gern gesehener Gast im Boudoir der Autoren, stiller Teilhaber im Beben der Körper und (wissbe-)gieriger Voyeur neuer Geschichten des beliebtesten Themas der Literatur.

Ein gewisses Lächeln

Eine Geste, ein Satz – und schon hat Dominique Bertrand, der nur schnell Zigaretten holen ist, vergessen und redet sich ein, dass Luc, der mit der Geste und dem Satz – Bertrands Onkel, ihr neuer Geliebter werden wird. Ja, vielleicht sogar muss.

Bertrand und Dominique studieren, stehen kurz vor ihrem Examen und genießen das freie Wochenende. Bei Luc, dem Weitgereisten, soll noch einmal Kraft getankt werden vor dem großen Tag des Examens. Wobei Bertrand viel mehr Gewicht in diesen Tag legt als Dominique. Sie studiert zwar, weiß aber gar nicht so recht warum. Sie ist mit Bertrand zusammen. Sie weiß warum – sie mag seine Liebe. Doch ihre eigene Bedeutungslosigkeit stört sie nicht.

Mit Luc erwacht plötzlich das eigene Verlangen wieder. Das Verlangen danach selbst zu lieben. Zwei Wochen Badeurlaub sind da die sprichwörtliche willkommene Abwechslung. Luc ist anders. Klar, erfahrener, anders. Und Dominique genießt die Zeit. Ohne zu merken, dass da mehr ist als nur jugendliche Neugier. Liebe? Oui, bien sûr. Doch Dominique ist immer noch im Überschwang der Gefühle, so dass ihr ihre Liebe erst gar nicht bewusst wird.

Der Urlaub ist vorbei. Der Alltag wieder allgegenwärtig. Auch Bertrand. Der hat von der Badeliebelei Wind bekommen. Freunde können halt nicht immer ihren vorlauten Mund halten. Er nimmt all seinen Mut zusammen und stellt Dominique vor die Wahl: Freundschaft oder Liebe. Luc oder nie wieder der Onkel. Verzeihen oder Vergessen. Dominique entscheidet sich für Freundschaft, Luc und Verzeihen.

Françoise Sagan ist schonungslos in ihrer Betrachtung von Dominiques Entwicklung. Sie gestattet ihrer Hauptfigur zum ersten Mal in ihrem Leben eigene Entscheidungen zu treffen. Und dann gleich so eine bedeutungsvolle Entscheidung! Die Liebe als Instrument der Befreiung von den eigenen Fesseln, die bislang weder Fleisch noch Seele einschnitten. Selbst als der Angebetete sich gefühlte Ewigkeiten nach einer Reise nicht meldet, reagiert Dominique nicht ausfallend oder ungewöhnlich (aggressiv). Sie ist vielmehr dankbar für die Einsicht, dass die Liebe nicht mehr nur für Andere gilt. Sie ist nicht länger die Empfängerin, sie kann auch geben. Das tat sie vorher schon, nur wusste sie es nicht zu schätzen. Und das ringt ihr ein gewisses Lächeln ab…

Bretagne – Eine literarische Einladung

Schroff und nicht immer einladend – die Bretagne. Nicht unbedingt die erste Wahl, wenn man Urlaubsregionen in Frankreich aufzählen soll. Doch im vorderen Mittelfeld auf alle Fälle. Die einstige Künstlerkolonie Pont-Aven, in der Paul Gauguin lebte, und von wo er in die Welt aufbrach, gehört ebenso zum Bild der Landschaft wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, an dem unaufhörlich die Wellen gegen das Bollwerk aus Gestein krachen und in meterhoher Gischt ein Naturschauspiel sondergleichen bieten. Das Festival Interceltique in Lorient, das jährlich im August Tausende in die kleine Stadt lockt, um die Neugier nach der oft falsch verstandenen Kultur der Kelten zu stillen. Das, und noch vieles mehr, ist die Bretagne.

Das findet man auf Landkarten, in Reisebüchern und in Prospekten der office du tourisme der Region. Was man hingegen darin nicht findet, sind die Gedanken der Bretonen, ihre niedergeschriebenen Gefühle, die literarischen Feinheiten der Söhne und Töchter der Region. Woher soll man es auch wissen, wenn man nicht dazu eingeladen wird? Da gibt’s doch was von Wagenbach. Genau, die literarische Einladung in die Bretagne. Niklas Bender spricht diese Einladung aus und umgarnt den Leser mit Werken von Alain Robbe-Gillet, Benoîte Groult bis Mona Ozouf. Die kennen Sie nicht? Na dann wird’s aber Zeit!

Die Sehnsucht nach der rauhen Wirklichkeit er Bretagne eröffnet in wohlklingenden Versen diese Anthologie in Rot. Am besten liest man sie laut. So kommt von der ersten Seite echte Urlaubsstimmung auf. Hart ist das Leben im Westen, am Atlantik. Wie das Wetter, so der Mensch. Schroff, mit rollendem Rrrrrrrrrr!

Der aktuell prominenteste literarische Bretone ist Dupin, der Commissaire, der gleich mal eine Einweisung in Sachen Salz der Bretagne erhält. Und ganz nebenbei einen Crashkurs in Mythologie. Yann Queffélec wird beim ersten Durchlesen den meisten als Erstes in Erinnerung bleiben. Mit viel bretonischem Wortschatz versetzt er den Leser an den Tisch eines Restaurants, an die Bars oder verwickelt ihn in ein Gespräch auf der Straße.

Die literarische Einladung ist zugleich ein Willkommen bei Nachbarn und Freunden. Am Tor zur Welt die eigene Kultur bewahrt – mit dieser Sichtweise kommt man den Bretonen und der Bretagne langsam auf die Spur. Folgt man dieser, kommt man automatisch zu diesem Buch. Immer wieder flackern Eigenarten der Menschen auf, die so nur hier zu erleben sind. Das „hier“ steht sowohl für die Bretagne als auch dieses Buch. Und wer ganz genau hinsieht, entdeckt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen diesem eleganten roten Buch und seinem Inhalt.

Ein Sommer

Jean und Jeanne – na das passt doch, nicht nur wegen der orthographischen Nähe. Jean hat einen Bruder, Pierre. Und den lädt er zusammen mit dessen Freundin Lone zu einem kurzen Segeltörn vor der Küste Neapels ein. Um sie herum nur Sonne und Wasser, das so grell des Licht bricht und wiederspiegelt. Dunkle Wolken – Fehlanzeige! Wenn man nur den Himmel betrachtet. Doch im Inneren des Bootes brodelt der Vulkan…

Der Vulkan der Leidenschaft. Und wenn Jean wüsste, dass der schon einmal gewaltig ausgebrochen ist … Der Reihe nach. Pierre ist ein wenig mulmig zumute als er die Einladung zum Mittelmeertrip erhält. Aber Kneifen gilt nicht. Und außerdem ist ja Lone, seine Freundin dabei. Man vermutet es bereits – Jeanne und Pierre, da war mal was.

Die Wellen plätschern dahin, die Sonne brennt erbarmungslos auf das Quartett hernieder. Pierre ist unwohl, das Schaukeln und die fremden Gerüche spielen seinem Magen einen Streich. Doch das gibt sich. Alles cool. Ein Leitspruch von Pierre. Alles cool.

Schon in der ersten Nacht wirkt er aber gar nicht mehr so cool. Auf und Ab bewegt sich das Boot. An Schlaf ist nicht zu denken. An Deck – frische Luft soll ja bei Schlaflosigkeit Wunder bewirken – gesellt sich Jeanne hinzu. Auch sie kann nicht schlafen. Doch aus einem anderen Grund. Sie hat die gemeinsame Nacht mit Pierre noch nicht vergessen. Die eindeutig zweideutigen Bemerkungen lassen Pierre nun erst recht nicht zur Ruhe kommen. Ist Jeanne doch mehr als „nur die Frau seines Bruders“? Das Meer liegt still und spiegelglatt vor den beiden. In ihnen brodelt der Vulkan.

Am nächsten Tag ist das Schrecken auf dem Boot eingekehrt. Lone hat eine fiese Beule am Auge. Sie muss zum Arzt. Bereitwillig rudert Jean die untröstliche Lone ans Land. Zurückbleiben Jeanne und Pierre…

Vincent Almendros wurde für „Ein Sommer“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet. Der schönste Roman des Frühlings nannte man ihn im Jahr 2015. Und das ist er seitdem. Die Strahlkraft der Zeilen reicht weit über Verzückung hinaus. Der Spannungsbogen, den Almendros zeichnet, führt den Leser an die Grenzen der Aufmerksamkeit. Fast will man nur noch umblättern, um zu erfahren wie und ob es weitergeht. Die Worte leicht wie ein Sommerwein, die Charaktere klar umrissen wie Schattenspiele an weißgekalkten Wänden, führt, nein verführt Vincent Almendros den Leser in die Tiefen einer ménage à quatre. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer wen wie und wann vor den Kopf stoßen wird. Zwischen Schwarz wie die Tiefen der See und grellem Weiß wie das Licht im Inneren der Sonne schwankt das Boot der Versuchung vor einer der schönsten Küsten des Mittelmeeres. Wie eine aufmerksame Drohne schwebt der Leser als stiller Beobachter über der nahenden Katastrophe.