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Perla

Perla – kein Kosename für die Angebetete. Sondern ein Name für eine Frau, deren Schicksal gar nicht glänzend war. Sie ist die Mutter des Autors Frédéric Brun. Erst nach dem Tod der Mutter traut sich Brun sich ihr und ihrem Schicksal zu nähern. Perla war in Auschwitz! Und sie überlebte! Was sie nie vollends überwinden konnte!

Für Frédéric Brun ist es immer noch schwer zu verstehen, dass in einem Land, aus dem so viele von ihm verehrte Dichter kamen so viele Henker hervorbringen kann. Er schafft Parallelen und bringt sie im gleichen Moment zum Einsturz. Er lässt Caspar David Friedrich auferstehen und schüttelt den Kopf, wenn er schreibt, dass Hölderlin von Auschwitz-Insassen wie Erbauern gleichermaßen geliebt wurde.

Ein besonders nachhallender Vergleich ist der von Josef Mengele, dem KZ-Arzt in Auschwitz, der im Exil im Meer ertrank und seinem noch ungeborenen Sohn Julien, den er in einem wohligen Meer im Bauch der Mutter heranwachsen lässt. Ein Vergleich, der nur Phantasievollen naheliegt, und den Leser ins Herz trifft. Und den Leser im Mark erschüttert. Perversion und Unschuld in einem Kapitel – das prägt das Bild dieses Buches. Denn dieser Josef Mengele war es, der mit einer Handbewegung Perla das Leben rettete. Eine perfide Vorstellung, denn ein Leben in Auschwitz war nicht mit menschlichen Maßstäben messbar.

Frédéric Brun kleidet Gedankenblitze und Erinnerungen an seiner Mutter unaufgeregt mit wohl platzierten Worten aus. Die Wucht der Bedeutung der Worte fegt jeden um, die Poesie der Sprache hebt jeden sanft an. Nun kann man sich wie in einem spannenden Krimi durch dieses Buch lesen. Man kann aber auch Zeile für Zeile aufsaugen. Letzteres ist auf alle Fälle empfehlenswert. Es lohnt sich dem Wohlklang der Worte hinzugeben. Ein weiteres Leben wird diesen Worten durch Christine Cavalli, die Übersetzerin, eingehaucht. Mit Sicherheit keine leichte Aufgabe, da jedes Wort sehr persönlich ist und von Erinnerungen geformt wurde. „Perla“ ist eine echte Perle. Und der Auftakt einer Trilogie.

La Garçonne

Na, das ist ja ein hübsches Früchtchen, diese Monique Lerbier. Möchte man meinen, wenn man die ersten Seiten dieses Romans liest. Die Eltern haben es zu eine gewissen Reichtum gebracht. Was Mama erlaubt den Tag mit Flanieren, den Abend mit Tanzen zu verbringen. Und Papa ist nur am Wochenende daheim, und selbst dann geht es immer nur ums Geschäft. So wird Monique von wechselnden Mademoiselles erzogen. Mal mehr, mal weniger beliebt. Und von Tante Sylvia. Die ist keine Schönheit, aber eine Kühnheit.

Die Jahre vergehen, Papa hat eine Erfindung gemacht, die sehr einträglich ist, der Schützengrabenkrieg dauert an, und bald schon wird Monique zu einer jungen Frau heranreifen, die sich an der Seite ihres liebenden Gatten wiederfindet. So hat es das Standesleben für sie vorgesehen. Und vor allem Papa. Das erfährt Monique aus einem Brief. Anonym, selbstverständlich. Darin wird behauptet, dass Lucien, so der Name des Auserwählten, durchaus anderweitig Zerstreuung sucht (und findet) und ebenso mehr als nur Monique als Grund anführen könnte, sie zu heiraten. Denn die Hälfte der Firma Papas winkt in der Ferne. Die Mitgift würde ein zu großes Loch in den Sparstrumpf Papas reißen. So waren die Zeiten vor reichlich hundert Jahren.

Doch Monique war schon immer etwas anders. Ein bisschen aufmüpfiger ohne dabei gleich eine Revolution vom Zaun zu brechen. Dennoch mit eigenem Kopf. Und für solch einen Viehhandel ist sie sich zu schade. Sie ist keine petit pauvre, kein armes Kind und schon gar nicht eine arme Kleine. Sie ist rigoros, entschlossen, durchsetzungsfähig. Lucien ist Vergangenheit. Vor liegt das Leben, das pralle Leben! Mit all seinen Facetten. Das Theater, der Rausch, die Bohème. Eine echte Garçonne eben. Unabhängig, unangepasst, nicht Willens den Konventionen auch nur eine Handbreit Platz zu geben.

Victor Margueritte schuf mit „La Garçonne“ einen echten Skandalroman. Wie kann sich eine junge Frau erdreisten sich gegen ihre Eltern, ihren Stand, gegen die Gesellschaft zu erheben? Und dann auch noch ins Bohème-Leben des brodelnden Paris eintauchen. Bis heute liest sich „La Garçonne“ wie ein Abenteuerroman. Die Konventionen mögen sich verschoben – gelockert – haben. Doch die Empörung wird immer noch vorhanden sein. In einer Zeit, in der sich scheinbar auf „alte Werte“ zurückbesonnen wird, sind Frauen wie Monique Lebier ein gefundenes Fressen für die neuen Moralwächter der Gegenwart. Auch und gerade aus diesem Grund ist Victor Marguerittes Buch ein Volltreffer, auch fast einhundert Jahre nach der Erstveröffentlichung.

Hintergrund für Liebe

Ein Mann – nicht irgendein Mann – eine Frau – nicht irgendeine Frau – eine Reise – nicht irgendeine Reise. Eine Reise, zu einer Zeit, in der nicht viele sich die Mühe machen konnten und gut vorbereitet in die Sommerfrische zu fliehen. Viele flohen vor dem braunen Terror!

Der Mann ist Kurt Wolff, die Frau Helen – noch nicht Wolff – zumindest sind Er und Sie dem späteren Verlegerpaar mehr als nur ähnlich. Das Ziel der Reise ist Südfrankreich. Er ist der erfahrene Lebemann, wissend, charmant, abenteuerlustig. Sie hängt an seinen Lippen, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Das muss bald auch er feststellen.

Denn sie ist bald verschwunden. Das Weltmännische an ihm wird allzu schnell in Langeweile gehüllt. Der Mann, der sie aus Deutschland entführte, ist nicht mehr der Mann, der im Süden das kleine unschuldige Ding verzaubern kann. Sie ist selbständig genug, um das Leben in der Fremde genießen und es sich leisten zu können. Sie braucht keinen Luxus, um Freude zu empfinden. Ein kleines Haus genügt ihr. Langusten sind schmackhaft, doch die einfache Küche liegt ihr mehr. Genauso die einfachen Menschen, die das Leben um seiner selbst mögen.

Die getrennten Wege, die Sie und Er im Urlaub gehen, tun beiden gut. Und wie es der Zufall will, finden beide das auch bald schneller heraus als sie jemals zu träumen wagten. Unter der Sonne Südfrankreichs gibt ihnen das Schicksal eine zweite Chance. Doch nun treffen sich nicht mehr die Kleine, die nur allzu gern große Augen macht und der Große, der sich nicht gern kleinmachen wollte. Es treffen sich Mann und Frau, die sich erstaunlich schnell aufeinander treffen, um miteinander die Welt aushebeln werden…

Manchmal muss man getrennte Wege gehen, um sich zu finden. Im Leben wie im Roman. Kurt Wolff musste Deutschland verlassen, um den Schergen der Nazis zu entgehen. An seiner Seite Helen Wolff. Auch sie hat geschrieben, allerdings – als Frau eines Verlegers, selbst Verlegerin – ohne jemals etwas zu veröffentlichen. Günter Grass, Uwe Johnson und Max Frisch konnten durch ihre Arbeit dem amerikanischen Publikum zugängig gemacht werden.

„Hintergrund für Liebe“ wurde zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben. Doch erst jetzt – durch das fortwährende Engagement des Verlegers Stefan Weidle – wurde dieser nachhaltige Roman einem Publikum präsentiert, das den Namen Kurt Wolff vielleicht kennt, aber den seiner Frau bisher nur beiläufig wahrnahm. Helen Wolff trat nach dem Tod ihres Mannes dessen Erbe an. Die Reiseerinnerungen sind so anschaulich, dass jeder Eindruck der Autorin bis heute nachvollziehbar ist. Ihrer Beziehung zu Kurt Wolff, die im Roman noch zarte Knospen trägt, beim Wachsen zusehen zu dürfen, ist ein Riesenglück für alle Leser, denen die Geschichten hinter der Geschichte am Herzen liegen.

Laaanges Wochenende

Die Zeit zwischen zwei Urlauben ist die härteste für alle, die nicht zwischen den eigenen vier Wänden festwachsen wollen. Ein Kurztrip übers Wochenende – oder noch besser das Wochenende ein wenig verlängern – ist der immer mehr in den Fokus der Tourismusmanager rückende Kurzurlaub. Mal ein, zwei, drei Tage raus aus dem Trott und schauen, wo auf der Welt es was zu entdecken gibt. Ob nun einfach mal die Seele baumeln lassen oder auf eine knackige Entdeckertour gehen – in der Kürze liegt die Würze. Nur ein paar Stunden entfernt von Zuhause sieht die Welt oft schon ganz anders aus. Die Auswahl ist riesengroß. Vom irischen Galway bis in die alte polnische Königsstadt Krakow, vom idyllischen Oslo bis ins quirlige Palma de Mallorca, auch mal ohne Komasaufen: Dieser Band wird ein redseliger Ratgeber sein für alle, die dem Grau des Alltags das Bunte der Welt entgegensetzen wollen.

Hält man das Buch erstmalig in den Händen, ist man auf Anhieb fasziniert von der Auswahl der vorgestellten Destinationen. Von Strasbourg über Portofino, von Porto bis Brno sind die Ziele wohlbekannt, doch oft dem Schnellzugriff bei der Urlaubsortfindung entzogen. Weniger bekannte Orte wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, ist von nun an ein Sehnsuchtsort, den man gesehen haben muss. Wenn man vorsichtig an den Klippen wandert und den Blick nach unten schweifen lässt, wird man Zeuge der Urgewalt des Meeres. Wer nur ein wenig nordöstlich reist, landet unweigerlich auf einer der Kanalinseln wie Jersey, die seit ein paar Jahren wieder verstärkt um die Gunst der Besucher buhlt.

In Luzern über die Kapellbrücke schlendern, in Dubrovnik auf der Stadtmauer auf Meer und Altstadt schauen oder originelles Windowshopping im Stockholmer Stadtteil Södermalm – hier wird jeder fündig. Bei jedem Umblättern steigt der Puls und die Zeit bis zu den nächsten freien Tagen wird unerträglich lang. Jetzt hat man aber zumindest ein Ziel vor Augen, beziehungsweise sind es gleich zweiundvierzig in fünfzehn europäischen Ländern.

Am anderen Ende der Stadt

Pures Lebensgefühl, keine Einschränkungen am Horizont – so wuchs Pascal auf. So beschrieb Gérard Scappini es in den Kindheitserinnerungen „Ungeteerte Straßen“ – so eindrucksvoll, so kindlich naiv, so lyrisch. Das Leben geht weiter. Die ungeteerten Straßen sind passé. Das Wohnsilo am anderen Ende der Stadt ist klinisch rein. Und hier ist das neue Zuhause. Und es ist durchorganisiert. Findet sein Vater. Er und seine Mutter, und auch seine Schwester, sehen nur die grauen Betonblöcke einer anonymen Trabantenstadt. Fernab von den Freunden, die immer noch auf ungeteerten Straßen ihren Weg suchen.

Der Nachfolgeband, der die Jugend im Beton-Quartier beschreibt, muss sich Pascal anstrengen, um Schönes zu finden. Seine Mutter lenkt sich ab, indem sie einkauft, damit es im Betonklotz halbwegs gemütlich wirken kann – mit ordentlich Wut im Bauch, denn auch sie vermisst die Unregelmäßigkeiten des Lebens im alten Zuhause. Pascal durchlebt binnen kürzester Zeit eine Achterbahn der Gefühle. Der Englischlehrer ist ein Sadist. Die Züge auf dem Bahnhof sind viel interessanter. Missbrauch und erste Liebe liegen bei Pascal so eng beieinander, dass er kaum noch unterscheiden kann. Er weiß nur eines: Den Mund halten hilft. Trauer und jugendlicher Übermut wechseln sich derart schnell ab, dass man – ob man nun will oder nicht – das Buch doch das eine oder andere Mal beiseitelegen muss. Die von Vater verordnete Frischzellenkur bringt der Familie erstmal nur Sorgen. Sorgen, wie sie nur ein Teenager haben kann. Sorgen, die der Familie nicht gut tun.

Hat man sich an dieses atemlose Schreiben gewöhnt, kann man den Zeilen wieder genussvoll folgen. Vor Jahren spielte Pascal noch auf unebenen Straßen, jetzt ist das Leben selbst uneben wie ein pickeliges Teenagergesicht. Der glatte Asphalt hat so gar nichts, was nach Leben aussieht! Die Schule lässt Pascal bald hinter sich. Unfreiwillig. Die Arbeit im Arsenal – naja. Bringt Geld. Dass jedoch bringt Pascal auch schnell durch.

Eine Jugend in Frankreich lautet der Untertitel des Buches. Die Fröhlichkeit der Kindheit ist der Schroffheit der Jugend gewichen. Altes ist vergessen, das Neue zeigt noch nicht sein wahres Gesicht. Und so schließt „Am anderen Ende der Stadt“ mit dem schlussfolglichen Cliffhanger: Einberufung zur Armee!

Französische Weihnachten

Endlich Weihnachten, endlich wieder die Familie um sich versammelt (und auch die, die man liebt, wenn man ein wenig Zynismus diesem Weihnachtsgericht beimengen möchte…). Dass dabei nicht immer alles glatt geht, versteht sich von selbst. Denn zu viel Weihnachtsenthusiasmus schadet der geruhsamen Atmosphäre.

Philippe Djian kann davon ein Lied singen bzw. eine wunderbar schräge wie herzliche Weihnachtsepisode zum Besten geben. Kurz vor Weihnachten musste der Erzähler seine Frau Marlène ins Krankenhaus bringen. Beim Baumschmücken fiel sie von der Leiter und brach sich den Arm. Schon die Beschreibung wie der aus dem Pullover herausragt (ähnlich dem Ausguck eines U-Bootes) lässt einen schmunzeln. Doch Marlène muss schon wieder ins Krankenhaus. Erst vor wenigen Tagen erlitt sie eine Fehlgeburt. Das ist nun wirklich nicht witzig! Philippe Djian schafft es aber trotz der Schwere des Stoffes ein wenig Heiterkeit in seinen Zeilen unterzubringen. Dass Weihnachten doch noch ein angenehmes Fest wird, erfreut den Leser, aber vor allem den Erzähler. Im fortgeschrittenen Alter darf er noch einmal unter die Decke mit einer weitaus Jüngeren huschen. Doch – oh weh – auch hier lauert schon wieder der Schabernack aus der Feder von Philippe Djian.

Ob romantische Weihnachten in der Provence mit Marcel Pagnol oder eine überraschende Weihnacht mit tatsächlich einmal Geschenken von Colette oder eiskalte Eindrücke aus der Bretagne von Sylvain Tesson – alle in diesem zauberhaften Büchlein versammelten Weihnachtsstücke stimmen auf das fest ein, dass in Frankreich wie keine anderes als Fest der Familie gefeiert wird. Da darf – zum Abschluss des Buches – natürlich auch kein kulinarischer Ausflug an die Kochtöpfe fehlen.

Anekdoten, bissige Satire, frohlockende Aussichten – Weihnachten ist so individuell wie gemeinschaftlich. Mit einem lachenden Auge blättert man durch das Buch und findet bei jedem neuerlichen Lesen Neues und Erheiterndes in den Zeilen von Michel Houellebecq, Arthur Brügger oder Michel Tournier. Als Einstimmung auf die Festtage, als Ruhepol währenddessen oder als Hoffnungsträger danach ist dieses kleine rote Büchlein nicht nur Lektüre für Minuten oder Stunden, sondern fast schon eine Art Ratgeber oder Licht in dunklen Zeiten.

Ein Leben für die Liebe

Sie wurde von Männern umschwirrt, nicht von Motten, die ums Licht kreisen: Louise de Vilmorin. Und es waren echte Männer, keine Motten: André Malraux, Orson Welles, Antoine Saint Exupery, Jean Cocteau, Graf Esterhazy. Ihr „Madame De“, das Buch ihres Lebens, wurde von Max Ophüls mit Vittorio de Sica und Danielle Darrieux verfilmt, und für den Oscar nominiert. Und trotzdem ist der Name de Vilmorin heute nur noch einigen Wenigen ein Begriff.

1902 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, kannte ihr Leben zunächst nur eine Richtung, bergab. Eine unbesorgte Kindheit vor den Toren der Weltmetropole Paris wurde gegen ein verhältnismäßig „normales“ Leben an der Seine eingetauscht. Schon früh machte man ihr den Hof. Einer der ersten, ganz sicher jedoch der zu dieser Zeit berühmteste war der Pilot Antoine Saint Exupery. Viel später erst würde er mit dem Kleinen Prinzen einen nachhaltigen Erfolg schreiben. Die Figur der Laternenanzünderin, der allumeuse. Ein Feuer entfachen, das konnte sie. Es am Lodern halten, da haperte es fast ihr gesamtes Leben lang. Sie wurde geliebt. Ob sie lieben konnte – zumindest dauerhaft – kann man in Frage stellen.

Ihre Eleganz und Eloquenz, aber vor allem ihr Wille nachhaltig zu wirken, bescherten ihr zeitlebens Erfolg. Als Schriftstellerin mit Orthographie-Schwäche – Cocteau und Malraux korrigierten unermüdlich ihre Texte – konnte Sie Erfolge feiern. Ob unverstanden oder unvollkommen – Louise de Vilmorin sagte jedem Künstler von den 30er Jahren bis zu Ihrem Tod 1969 etwas. Für viele war sie Wegbereiter, ihre Salonabende waren vielleicht nicht so legendär wie die von Berta Zuckerkandl im Wiener Cafè Landtmann, aber an Avantgardistenpotential nicht zu überbieten.

Es fällt schwer sich eine exakte Meinung über Louise zu bilden. Zu umfangreich war ihr Leben, und ist immer noch in gewissen Kreisen in aller Munde. Ursula Voß holt die für die meisten verschollen Louise de Vilmorin wieder ans Tageslicht. Wie in einem Zug reist man durch ein ereignisreiches Leben, dass von der Liebe geprägt war. Zwischenhalte bei Autoren, Abenteurern und Schauspielern inklusive.

Brunos Gartenkochbuch

Das Buch wirbelt ganz schön Staub auf, wenn man es in die frisch gepflügte Erde fallen lässt. Das liegt zum Einen an der Größe, mehr als doppelt so groß wie der „normale“ Bruno-chef-de-police-Krimi, zum Anderen liegt es vor allem am Inhalt.

Klar, Bruno ist ein Ermittler wie man ihn sich wünscht, wenn man nicht gerade ein Krimineller ist. Denn hat man ganz schlechte Karten! Brunos Netzwerk ist Saint-Denis. Hier lebt er, hier kennt ihn jeder, hier schätzt man seine ruhige besonnene Art die Dinge anzugehen. Und man schätzt seine Erfolge. Was man aber am allermeisten an ihm mag, sind seine Kochkünste. Kein Falle ohne Küchenzwischenspiel, bei dem auch Balzac, sein Basset niemals zu kurz kommt.

Die Krimireihe wu4rde in der Vergangenheit durch Kalender und ein Kochbuch ergänzt. Nun begibt sich Martin Walker, der geistige Vater von Bruno, in seinen eigenen Garten. Was da aus der Erde lugt, landet früher oder später in Töpfen und Pfannen und auf den Tellern. Zusammen mit seiner Frau Julia Watson hat er es sich im Périgord gemütlich gemacht. Hier in der Wiege der französischen Küche, anders kann man dieses Idyll nicht bezeichnen, findet er die Inspiration für Brunos Fälle, die immer (!) mit einem lukullischen Menü verfeinert werden.

Kleine Kostprobe gefällig? Salat aus Frühlingsgemüse mit weichem Ziegenkäse. Pamelas gekühlte Tomatensuppe mit Kräutermousse, ideal für den sonnendurchfluteten Sommer im Périgord. Kleine Walnuss-Birnen-Blauschimmel-Käse-Törtchen, schon beim zweiten Bindestrich läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Und im Winter? Enten-Schwein-Pflaumen-Walnuss-Terrine. Ohne Worte. Buch, Augen und Mund auf – fertig ist das Paradies!

Martin Walkers Gartenkochbuch ist ein Ratgeber durch Gartenjahr, von denen es in den Bücherregalen wimmelt. Was diese Ausgabe so besonders macht, ist die Hingabe des Autors und seiner Frau zu jeder einzelnen Zutat. Das spürt man beim Betrachten der ganzseitigen Bilder, bei den Rezepten mit den sorgfältig ausgewählten Ingredienzien, bei jeder Zeile, die die Zubereitung beschreibt. Hin und wieder ist der Einkauf der Zutaten mit ein bisschen Recherche verbunden, da sie nicht sofort greifbar sind. Aber wie bei einem guten Krimi, ist jeder Schritt in die richtige Richtung ein Fortschritt, der zu einem Ergebnis führt, das alle am Tisch in ein wohliges Schmatzen einstimmen lässt.

Wer Bruno mag, wird sich in dieses Gartenkochbuch verlieben. Als Zuckerli für die gespannte Krimileserseele gibt es zwei neue Geschichten um Bruno, das Essen, und das Périgord.

Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht

Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant. So einen kann man doch gar nicht nett finden oder gar mögen. Semjon Golubtschik ist so einer. Mittlerweile lebt er in Paris. Auf Geheiß der Partei, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, irgendwann in der 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das Tari-Bari ist der Ort, in dem man sich trifft. Kaschemme, Lokal, Bar – auf alle Fälle ist es hier dunkel, grau, verraucht, düster. Auch die Besucher, meist Emigranten aus aller Herren Länder, meist Russen, sind grau, verbraucht, runtergekommen, desillusioniert. Und wenn einer bunt, kann man davon ausgehen, dass man ihn kennt.

Der Erzähler wohnt direkt gegenüber des Tari-Bari. Man kennt ihn. Er ist Stammgast. Ist ein bunter Vogel. Nur ungern gibt er sich als Russe zu erkennen. Zu viele Spitzel. Außerdem könnte man ihn als Spitzel ansehen. Doch dann schnappt er – schließlich spricht er russisch – ein paar Wortfetzen auf. Mörder! Dieses Wort lässt ihn aufhorchen und sich umdrehen. Da hinten, das ist der Mörder. Ein Mörder? Unter uns? Es ist Semjon Golubtschik.

Ehe sich alle versehen, scharen sie sich um Semjon. Und der hat endlich genug von seinem Leben und gibt selbiges zu Besten. Alle sind gespannt auf seine Geschichte. Eigentlich heißt er Krapotkin. Sein Blut ist blau, da sein Papa, besser gesagt, sein Erzeuger, ein Fürst war. Eben ein Krapotkin. Wohlhabend, adelig und keinem amourösen Abenteuer abgeneigt. So kam es auch, dass er der Mutter von Semjon Golubtschik über den Weg lief. Und siehe da, schon kurze Zeit später – neun Monate (!) – war der kleine Semjon geboren. Sein Vater, der Förster, zog Semjon nach seinen Vorstellungen groß. Warum auch nicht, Semjon ist ja sein Sohn.

Schon früh lernt Semjon, dass nicht der Förster, sondern der Fürst sein Vater ist. Alt genug eigene Entscheidungen treffen zu können, stellt er sich ihm vor. Im Schlepptau hat er einen gewieften Geschäftsmann aus Budapest. Der ihn immer wieder ermuntert sein Pläne für die Zukunft in die Tat umzusetzen. Nicht ganz ohne Eigennutz. Der Fürst empfängt den Zögling, speist ihn allerdings nicht minder geschwind mit einer Art Abfindung und abschiedsgrußlos ab. Als Geheimpolizist macht Semjon dann rasch Karriere.

Der Abend verfliegt, die Geschichte wird immer schauriger. Bis Semjon zum Kern des Pudels vordringt: Dem Mord. Oder war es mehr als einer?

Joseph Roth malt mit Worten ein düsteres Bild eines düsteren Menschen. Die Golubtschik / Krapotkin ist keiner, den man sich gern zum Feind macht. Ist er ein Opfer der Umstände oder bringen eben diese Umstände nur das Schwärzeste in ihm ans Tageslicht? Fasziniert und gebannt hechelt man der nächsten Perfidität des Widerlings hinterher. Denn man weiß, dass die Geschichte immer weiter gehen wird…

Klaus Waschk malt mit groben Linien ein nicht minder düsteres Bild. Genauer gesagt sind es fünfzig Bilder. Schroff, fast ausnahmslos Kohlezeichnungen, bieten sie dem Leser eine Leben dar, das gänzlich auf ehrliche Gefühle verzichtet. Der Drang sich selbst in ein Licht zu setzen, das weder strahlt noch eine glänzende Aura verströmt, lässt nur diese eine Art der Illustration zu. Eindrucksvoll und pointiert sind sie mehr als nur Beiwerk, sie sind die ideale Ergänzung zu Joseph Roths einmaliger Erzählweise.

Wir waren eine gute Erfindung

Heute Abend kommt wieder die ganze Familie zusammen, um mit dem Sederabend das Pessachfest zu feiern. Salomon freut sich schon darauf. Dieses Jahr ist jedoch allesanders. Sarah ist nicht mehr da. Seine geliebte Sarah. Die mit so viel Hingabe das Essen zubereitete und mit noch mehr Liebe dieses Fest zu einem ganz besonderen Fest machte.

Was nicht immer einfach war, und es wohl auch niemals sein wird. Salomon wird wie immer seine Witze reißen. Witze, die nur er machen darf. Witze, die viele vor den Kopf stoßen. Witze, die sich um Auschwitz handeln. Er kennt die Hölle von Auschwitz. Er überlebte sie. Deswegen ist es sein Recht sich darüber lustig zu machen. Die Erinnerungen daran sind auch Jahrzehnte danach immer noch präsent.

Wie immer liegt er am Morgen noch in seinem Bett. Seine Seite der Schlafstätte zerwühlt, neben ihm alles wie am Abend zuvor. Heute Abend geht es wieder rund. Wenn seine Jüngste Michelle und ihr Gatte Patrick mit ihren Kindern Tania und Samuel auftauchen. Hoffentlich hat Patrick dieses Mal seine Verdauung im Griff! Wahrscheinlich eher nicht. So wie schon bei seiner Bar Mizwa. Salomon ergreifen die Erinnerungen.

Sarah hat immer die Familie über alles gestellt. Sie schaffte es mit Leichtigkeit Streit zu ertragen und niemandem Vorwürfe zu machen. Der Sederabend mit Sarah war immer ein Ereignis. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wird dieses Fest nur das Fest der Juden sein, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnern soll.

Auch Salomons und Sarah Älteste Denise wird vorbei kommen. Wie immer zu spät. Wie immer mit einer ordentlichen Portion Mut im Gepäck. Mut allem, was ihr nicht passt die Stirn zu bieten. Die Stunden bis die Familie eintrifft, sind für Salomon Stunden der Erinnerung. An Urlaub mit den Kindern, an vergangene Sederabende, an die Fragen der Kinder, die ihren Vater und Opa durchlöcherten mit ihrer unschuldigen Neugier. Und an die Witze, die Salomon riss. An die beiden Goldfische, die er für Michelle und Denise auf dem Jahrmarkt eroberte. Göbbels und Göhring. So nannte er die beiden Fische. Salomons Humor war schon immer ganz speziell.

Joachim Schnerf schildert mit wohltuender Ruhe vom Wechselbad der Gefühle eines Mannes, der seiner Familie mit ganz besonderer Zuneigung entgegentritt. Sarah war es, die Harmonie versprühte, die die Autorität besaß jedwedem Zwist den Garaus zu machen. Leicht wurde es beiden nie gemacht. Streit und Geschrei gehörten zum Sederabend wie Lesen der Texte über die Flucht aus der Sklaverei. Die Bissigkeit des eigenen Schicksals, verbunden mit der Leichtigkeit der Liebe sind die Zutaten für ein gelungenes Fest, das dieses Buch kompromisslos feiert.