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Ein Sommer

Jean und Jeanne – na das passt doch, nicht nur wegen der orthographischen Nähe. Jean hat einen Bruder, Pierre. Und den lädt er zusammen mit dessen Freundin Lone zu einem kurzen Segeltörn vor der Küste Neapels ein. Um sie herum nur Sonne und Wasser, das so grell des Licht bricht und wiederspiegelt. Dunkle Wolken – Fehlanzeige! Wenn man nur den Himmel betrachtet. Doch im Inneren des Bootes brodelt der Vulkan…

Der Vulkan der Leidenschaft. Und wenn Jean wüsste, dass der schon einmal gewaltig ausgebrochen ist … Der Reihe nach. Pierre ist ein wenig mulmig zumute als er die Einladung zum Mittelmeertrip erhält. Aber Kneifen gilt nicht. Und außerdem ist ja Lone, seine Freundin dabei. Man vermutet es bereits – Jeanne und Pierre, da war mal was.

Die Wellen plätschern dahin, die Sonne brennt erbarmungslos auf das Quartett hernieder. Pierre ist unwohl, das Schaukeln und die fremden Gerüche spielen seinem Magen einen Streich. Doch das gibt sich. Alles cool. Ein Leitspruch von Pierre. Alles cool.

Schon in der ersten Nacht wirkt er aber gar nicht mehr so cool. Auf und Ab bewegt sich das Boot. An Schlaf ist nicht zu denken. An Deck – frische Luft soll ja bei Schlaflosigkeit Wunder bewirken – gesellt sich Jeanne hinzu. Auch sie kann nicht schlafen. Doch aus einem anderen Grund. Sie hat die gemeinsame Nacht mit Pierre noch nicht vergessen. Die eindeutig zweideutigen Bemerkungen lassen Pierre nun erst recht nicht zur Ruhe kommen. Ist Jeanne doch mehr als „nur die Frau seines Bruders“? Das Meer liegt still und spiegelglatt vor den beiden. In ihnen brodelt der Vulkan.

Am nächsten Tag ist das Schrecken auf dem Boot eingekehrt. Lone hat eine fiese Beule am Auge. Sie muss zum Arzt. Bereitwillig rudert Jean die untröstliche Lone ans Land. Zurückbleiben Jeanne und Pierre…

Vincent Almendros wurde für „Ein Sommer“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet. Der schönste Roman des Frühlings nannte man ihn im Jahr 2015. Und das ist er seitdem. Die Strahlkraft der Zeilen reicht weit über Verzückung hinaus. Der Spannungsbogen, den Almendros zeichnet, führt den Leser an die Grenzen der Aufmerksamkeit. Fast will man nur noch umblättern, um zu erfahren wie und ob es weitergeht. Die Worte leicht wie ein Sommerwein, die Charaktere klar umrissen wie Schattenspiele an weißgekalkten Wänden, führt, nein verführt Vincent Almendros den Leser in die Tiefen einer ménage à quatre. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer wen wie und wann vor den Kopf stoßen wird. Zwischen Schwarz wie die Tiefen der See und grellem Weiß wie das Licht im Inneren der Sonne schwankt das Boot der Versuchung vor einer der schönsten Küsten des Mittelmeeres. Wie eine aufmerksame Drohne schwebt der Leser als stiller Beobachter über der nahenden Katastrophe.

Chirú

Eine Frau und ein Mann. Treffen sich. Eine Beziehung entwickelt sich. Eine Beziehung, die nicht sein darf. Denn sie ist mehr als doppelt so alt wie er. Netter Plot, aber nicht besonders originell. Wie wär’s damit?! Michela Murgia schreibt die Geschichte der achtunddreißigjährigen Eleonora, die auf Empfehlung den achtzehnjährigen Chirú unter ihre Fittiche nehmen soll.

Sie zweifelt. Was kann sie ihm beibringen? Ihm, dem jungen Schlacks mit den zu langen Armen, mit dem kindlichen Habitus, der ihr anfangs immer wieder das Gefühl vermittelt eine Art Trophäe zu sein. Klingt doch schon viel besser! Ist es auch!

Chirú steht also vor ihr, den Geigenkasten unterm Arm, ungelenk und schüchtern. Aber mutig genug der ersten Ablehnung nicht gleich resignierend nachzugeben. Hopfen und Malz scheinen doch noch nicht endgültig verloren zu sein. Und da ihr die Argumente fehlen ihm komplett die Zuneigung zu versagen, gibt sie sich einen Ruck und macht ihn zu ihrem Adlatus. Im gleichen Atemzug stellt sie sich jedoch weiterhin die Frage, was sie ihm eigentlich beibringen soll. Soll er sie begleiten auf der Bühne? Das Gesamtbild würde nicht mehr passen. Ach, was soll sie nur machen. Einen Versuch ist es aber wenigstens wert.

Chirú ist im siebten Himmel. Doch sein Wesen steht ihm im Weg dieser Freude den nötigen Ausdruck zu verleihen. Warum wurde er von der erfahrenen Lehrerin angenommen? Ist alles nur ein Zufall, ist es Schicksal, steckt mehr dahinter? Einen Versuch ist es wenigstens wert!

Und schließlich verstehen sich Eleanora und Chirú auf Anhieb. Kein Grund zum Zweifeln. Sie lehrt, er lernt. Nicht ganz: Dieses Verhältnis bleibt ungeklärt, für den Leser, für die beiden und vielleicht auch für die Autorin. Immer mehr entfernt sich Michela von der Vorstellung als Fachangestellte dem jungen Mitarbeiter Wissen einzupflanzen. Sie sieht sich als Wegbereiterin und Wegbegleiterin des jungen Chirú, der dann auch schon zögerlich ihre Hand ergreifen und sie in der Öffentlichkeit umarmen darf. Verwirrung? Ja, aber nur kurz. Denn mittlerweile sind die beiden unzertrennlich. Nicht wie ein Liebespaar im herkömmlichen Sinne, sondern wie zwei Vertraute, die zusammen einander guttun.

Mit scheinbarer Leichtigkeit zerreißt Michela Murgia die Klischees von Jung und Alt, die in den Köpfen der Starrsinnigen verankert sind. Wer erteilt wem eine Lektion steht hier keineswegs zur Debatte. Auch nicht, ob es dem jungen Mann gelingen wird die Dame seines Herzens „zu knacken“. In Murgias Geschichte geht es um mehr als Machtspielchen gegenüber dem Anderen. Sie sieht im Mit- und Nebeneinander der beiden die wahre Bedeutung der Liebe. Der unbewussten wie der bewussten, mit all ihren Aufs und Abs, die weder Sieger noch Besiegte kennt.

Triest – Entdeckung einer Stadt

Urlaub in bella Italia – einst der Traum der großen weiten Welt. Heute ein echtes Dilemma, wenn Rom schon mehrmals na mehr als einem Tag erobert wurde. Wenn Mailands Grazie schnödem Shoppingwahn gewichen ist. Wenn Venedigs Kanäle schon längst keine Geheimnisse bergen. Wenn Neapel selbst Angsthasen keine Angst mehr einjagt. Wenn Florenz‘ Kultur als gegeben hingenommen wird. Es muss aber unbedingt wieder Italien sein! Nun, wohin? Wie wäre es mit einer Stadt, deren Name, wenn man ihn falsch ausspricht, so gar nicht ins Bild passt? Triest .. ist überhaupt nicht trist!

Ulrike Rauh liebt Italien. Sie liebt die Städte und ihre Umgebung. Und sie kennt sie wie kaum eine andere. Rom, Venedig, Neapel, Mailand, Verona hat sie beschrieben, fast schon besungen. Nun ist Triest nicht mehr vor ihr sicher. Und auch nicht vor ihrer Neugier. Als Leser lacht man sich ins Fäustchen. „Endlich neues Italofutter für die Seele!“. Ja, so ist es. Auf über einhundert Seiten heißt es nicht „Bonjour tristesse“, sondern „Boungiorno bella Triest“.

Hand in Hand mit James Joyce, Italo Svevo oder auch Rainer Maria Rilke bleibt der Autorin aber auch gar nichts verborgen. Ein Mehrwert für alle, die sich sofort in dieses Buch samt Stadt verlieben werden, ist jeder einzelne detaillierte Spaziergang inklusive der exakten Bezeichnung. Jede Straße, jedes Gebäude wirkt genau benannt und markiert, so dass man eigentlich schon gar nicht mehr nach Triest fahren müsste. Oder genau deswegen unbedingt besuchen muss. Letzteres trifft natürlich zu.

Es ist eine Wohltat mit Ulrike Rauh und ihrer unbändigen Affinität zu Fakten und ihrer leisen Erzählweise diese Stadt im Veneto zu erkunden. Auch wenn es hier Bestrebungen eines eigenen Staates gibt, kann hier der Multi-Kulti-Gedanke nicht vom Tisch gefegt werden. Slowenien in Spuckweite. Das Meer vor der eigenen Haustür. Kroatien zum Greifen nah. Italien auf der Zunge. Und Österreich im Herzen. Denn noch vor einem Jahrhundert waren Kaffeehäuser verbreiteter als Osterien, Triest ein fester royaler Bestandteil der Habsburger Monarchie, den man bis heute sieht und besichtigen kann.

Ulrike Rauh vermeidet es wohltuend explizite Tipps zu geben (das ganze Buch ist ein einziger (Geheim-) Tipp). Vielmehr schlendert sie wachen Auges und offenen Ohres durch eine Stadt, die man nicht sofort mit Italien-Urlaubs-Idylle in Verbindung bringt. Das Vorurteil „wenn wir schon mal hier sind, dann nur Venedig“ widerlegt sie mit einem Handstreich ohne dabei die Lagunenstadt in den Schlamm zu ziehen. Die Serenissima hat ihre Reize, Triest aber auch.

Als willkommene Zugabe zu einem aussagekräftigen Reiseband über Triest oder Friaul-Julisch Venetien ist „Triest – Entdeckung einer Stadt“ mehr als nur das Kopfnicken, weil Titel und Inhalt zu hundert Prozent übereinstimmen. Es ist der Aperitif, primo und secondo piatto und eine ordentliche Portion dolce… vita. Ja, lebendig ist die Stadt an der Adria, die sich auch hervorragend eignet, um Europa kennenzulernen. Nicht nur kulinarisch…

Alte Wunden

Acht Monate Aosta-Tal – klingt für einige wie ein nie enden wollender Urlaubstraum. Für den römischen Miesepeter Rocco Schiavone ist es die Hölle auf der alpinen Erde, die schlimmsten acht Monate seines verkorksten Lebens. Das Wetter, der Beruf, die Nachbarn – alle gehen ihn auf den Zeiger. Und der tendiert auch immer mehr gen Abneigung gegen so ziemlich alles. Da hilft nur Arbeit! Ein Verkehrsunfall mit zwei Toten und einem geklauten Nummernschild hilf da nicht wirklich – der Wochenbeginn ist eher zäh und geht Rocco gewaltig auf die Nerven. Genauso wie die dümmlichen Kollegen, die einfach nichts kapieren oder kapieren wollen. Lediglich Italo Pierron ist zu gebrauchen…

Doch die Woche hält für den mürrischen Ermittler noch eine Überraschung parat! Die achtzehnjährige Schülerin Chiara ist verschwunden. Entführung? Na klar! Zumindest für den Ermittler, nicht für die Eltern.

Die sind eher beunruhigt, dass die Polizei in Person von Rocco Schiavone nach den beiden verunglückten Personen fragt. Von der verschwundenen Chiara, ihrer Tochter, ihrem Fleisch und Blut ist keine Rede. Schiavone ist in seinem Element. Wenn jemand mit ihm Schlitten fahren will, bestimmt er die Route und das Tempo. Obwohl er Schnee im Mai hasst. Und es schneit…

Nach und nach kristallisiert sich ein verworrener Fall heraus. Chiaras Eltern sind reich. Nicht besonders, aber es reicht, um den Familienbetrieb mit einer kleinen Erpressung an sich zu reißen. Doch wer steckt dahinter? Die rechte Hand des Chefs?

Bei all den unfähigen Kollegen, den verstockten Bewohner Aostas, den kleinen, fiesen Geheimnissen, die hier jeder zu haben scheint, ist für den Großstädter Rocco Schiavone hier nicht viel zu holen. Denn immer mehr Verdächtige oder zumindest Personen, die alle etwas mit dem Verschwinden zu tun haben könnten tauchen auf. Ihr Freund Max, ihr Lehrer, der auch ihr Onkel ist, und mit der rechten Hand des Vaters eine Liaison hat oder sind noch ganz andere Mächte am Werk? Und was passiert, wenn Chiara gerettet wird? Wird sie die Entführer erkennen können?

Einzig allein die Hoffnung, dass Adele, eine Freundin ihn besuchen will, scheint Schiavone halbwegs milde zu stimmen. Wenn er wüsste, was er mit seiner Zustimmung sie zu beherbergen anrichtet…

Tom Ripley

Im Jahr 1955 betrat einer der anziehendsten Gauner die literarische Bühne: Tom Ripley. Fünf Romane schrieb Patricia Highsmith über ihren cleveren Betrüger und Mörder, gab ihm aber auch Kunstgeschmack und verstand mit an die Hand. Zahlreiche Verfilmungen, unter anderem mit Alain Delon, Matt Damon, Philip Seymour Hoffman und Cate Blanchett in tragenden Rollen, trugen dazu bei, dass er auch sechzig Jahre nach seiner Geburt immer noch für Furore bei den Lesern sorgt. Der Diogenes-Verlag setzt diesem Mann ein weiteres Denkmal. Die Romane „Der talentierte Mr. Ripley“, „Ripley Under Ground“, „Ripley’s Game“, „Der Junger, der Ripley folgte“ und „Ripley Under Water“ sind in einer geschmackvollen Sonderedition in einer Geschenkkassette erschienen. Ein Muss für Krimifans – ein ideales Geschenk für alle, denen verschlungene Pfade als Reiseroute willkommen sind.

 

Der talentierte Mr. Ripley

Raus aus New York. Weg von den Schwindeleien des alter ego George McAlpin und den dürftigen Einnahmen. Ab nach Europa! Italien, Süditalien! Mongibello! Und das Beste ist: Fürstlich entlohnt! Tom Ripley hat es geschafft! Er soll Dickie Greenleaf zurückholen. Zurück in die Heimat. Seine Eltern möchten, dass der Filius die Firma übernimmt und endlich sesshaft wird, dem Lotterleben entsagt. Und Tom soll den renitenten Sprössling genau dazu überreden. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig als zuzusagen. Schließlich kennt er Dickie ja sooooo gut.

Und Tom trifft Dickie, erzählt von der List des Vaters im fernen New York. Dickie ist nicht sonderlich beeindruckt. Er kennt seine Familie, will sich aber hier im Süden, am Meer selbst verwirklichen. Und eine ruhige Kugel schieben, malen und mit Marge, die enttäuschte Frau an seiner Seite, in den Tag hinein leben.

Tom ist diese Welt fremd. Seit dem Tod seiner Eltern lebt er von der Hand in den Mund. Die monatlichen Schecks von Tante Dottie reichen hinten und vorne nicht. Und nun dieser Lebensentwurf! Keine Regeln, keine Grenzen. Und als Krönung: Keine finanziellen Sorgen. Auch Tom könnte so ein Leben, das Leben von Richard Greenleaf gefallen. Warum also nicht ein Leben als Richard Greenleaf leben? Die Klamotten von Dickie passen schon mal…

Was als Spaß beginnt, wandelt sich nach und nach in ein ernstes Spiel. Toms Passion für das sorgenfreie Leben schlummerte bisher in seinem Herzen. Jetzt ergreift die Idee langsam Besitz von seinem Kopf. Clever war Tom schon immer. Zahlenspiele beherrscht er aus dem Effeff. Parodien sind sein Steckenpferd. Unwiderstehlich reift in ihm reift der Gedanke daraus ein lohnendes Geschäft zu machen.

Doch zum Erfolg muss Dickie aus dem Weg geräumt werden. Die erstbeste Möglichkeit – ein gemeinsamer Ausflug nach San Remo – nutzt Tom, um denjenigen aus dem Weg zu schaffen, der das Tor zum Paradies versperrt. Dickie ertrinkt bewusstlos vom Schlag Toms vor der Küste der Blumenriviera.

Eine Rückkehr nach Mongibello ist nun jedoch ausgeschlossen. Denn Marge ist dort und die kennt Dickie, und auch Tom. Rom ist nun das neue Sehnsuchtsziel. Doch auch hier lauert die Gefahr. Und zwar in Person von Freddie Miles. Tom empfindet ihn als abstoßend. Tom hatte Freddie nur kurz mal gesehen und sofort entschieden, dass er ihn nicht mag. Zu aufdringlich, zu überheblich, zu blass.

In Rom gesellt sich noch eine weitere Eigenschaft Freddies hinzu. Er ist gefährlich. Gefährlich für Tom. Denn Freddie wittert etwas. Weiß er von dem Mord an Dickie? Nein, aber er vermutet, dass Tom irgendwie involviert ist. Tom muss schnell handeln…

Zwei Morde, zwei Persönlichkeiten, die Polizei, Marge und Dickies Eltern in die Irre geführt – es könnte so schön sein ein unbescholtenes, sorgenfreies Leben zu führen. Doch der Zug ist schon lange für Tom Ripley abgefahren. Seine Spielchen treiben ihn immer mehr in die Enge. Die Polizei ist ihm auf den Fersen. Marges Misstrauen bestärkt auch die Greenleafs dem Verschwinden ihres Sohnes nachzugehen – da bleibt nur die Flucht. Die Flucht nach Venedig. Neue Stadt, neues Glück?

Tom Ripley ist ein komischer Kauz. Man weiß nicht recht, ob man ihn bedauern oder postwendend verteufeln soll. Dass er einen Knacks weg hat, steht außer Zweifel. Dass er hochgradig kriminell ist auch. Und doch fühlt man mit ihm, man tut sich schwer zu akzeptieren, dass er das personifizierte Böse sein soll. Wer Städte wie Rom und Venedig so begierig in sich aufsaugt, kann nicht von Grund auf böse sein.

Mit sorgfältig gewählten Worten schickt Patricia Highsmith ihren Helden auf eine Odyssee der Gefühle durch die beeindruckenden Stadtlandschaften Italiens. Wie eine Schlange windet sich der sehnsüchtige Tom Ripley immer wieder aus kniffligen Situationen heraus, vereinnahmt die Metropolen für sich.

 

Ripley Under Ground

Es ist ein paar Jahre her, dass der Ruf von Tom Ripley – hätte er denn einen zu verteidigen gehabt – stark beschmutzt worden wäre. Dickie Greenleaf ist Geschichte. Und Tom lebt nun an der Seine. Er hat eine gute Partie geheiratet. Heloise Plisson ist die Tochter eines schwerreichen Pharmaunternehmers. Kein Grund sich zur Ruhe zu legen. Tom Ripley hat auch ein ganz einträgliches Unternehmen. Er erhält zehn Prozent von Derwatt Ltd. Das ist natürlich nicht legal. Denn Derwatt gibt es nicht, nicht mehr. Er war Künstler, kam bei einem Unfall vor Griechenland ums Leben. Doch seine Bilder verkauften sich ganz gut. Derwatt war nicht bekannt, so fiel auch niemandem sein Tod auf. Als sich Firmen meldeten und unter dem Namen Derwatt ihre Artikel vermarkten wollten, wurde die Idee geboren: Derwatt ist ein verschrobener Maler. Lebt abgeschieden in einem Dorf in Mexiko. Über eine Galerie in London werden seine Werke exklusiv vertrieben. In Wirklichkeit sind es aber fast alles Fälschungen. Bernard Tufts ist dafür zuständig. Zum Imperium gehören auch eine Kunstschule und – was am einträglichsten ist – eine Immobilienfirma.

Nun will es der Zufall, dass der Sammler Thomas Murchison einige seiner Derwatts miteinander verglichen hat und feststellen musste, dass es Ungereimtheiten in Bezug auf Technik und Farbgebung gibt. Und nun ist dieser Murchison auf dem Weg von New York nach London. In der Galerie stehen alle Kopf. Nur Ripley bewahrt selbigen. Mit der ihm eigenen Coolness will er Murchinson davon überzeugen, dass er – Ripley, geschminkt und maskiert – der verschrobene Eigenbrödler Derwatt ist.

Ein wunderbarer Einstieg in einen erstklassigen Krimi. Wald-Und-Wiesen-Autoren würden Ripley nun schnell zur Tat schreiten lassen und damit wären knapp einhundert Seiten voll. Doch Patricia Highsmith hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Viertel ihres spannungsgeladenen Krimis vollendet. Ein Fest für den Leser!

Wer sich auch nur ein wenig in der Kunstszene auskennt, weiß um das Problem von Fälschungen. Schließlich kann die zu zahlende Differenz einen zwei-, sogar dreistelligen Millionenbetrag ausmachen. Mr. Murchison muss also irgendwie beruhigt werden. Noch ist Tom Ripley selbst ganz ruhig. Er trifft den Sammler und bietet an ihm seine Derwatts zu zeigen. Murchison nimmt dankend an. Denn je mehr Derwatts er untersucht, desto früher kann er seinen Derwatt als echt oder unecht deklarieren. Tom weiht aber nicht das ganze Team in seinen Plan. Denn Bernard hat sich still und heimlich mit Murchison getroffen… Denn es kommt wie es kommen musste: Thomas Murchison darf einfach nicht lebend Tom Ripleys Grundstück verlassen.

Ein zweiter Besucher kündigt sich bei Tom Ripley an: Ein Amerikaner. Blond, groß gewachsen, feinfühlig. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert. Wäre da nicht der Name: Chris Greenleaf!

Tom Ripley sitzt auf einem Angstpendel. Allerdings ein Pendel, das gleich in mehrere Richtungen ausschlägt. Von wem geht die größere Gefahr aus? Von Bernard, weil er die Nerven verlieren und alles verraten könnte? Von Chris, weil er so unverhofft auftaucht? Von Heloise, weil sie, wenn sie hinter seine Machenschaften kommt, ihm die Hölle heiß macht? Oder von der Polizei, weil sie unnachgiebig das Verschwinden von Murchison und Derwatt verfolgt?

 

Ripley’s Game

Das ist ein Leben! Zu Hause in einem herrschaftlichen Anwesen an der Seine, ein treues Weib und ohne finanzielle Sorgen. Tom Ripley geht’s gut. Niemand kann ihn wegen eventueller Verfehlungen im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Dickie Greenleaf oder dem rätselhaften Selbstmord von Bernard Tufts etwas anhaben. Er ist und fühlt sich sicher. Und das soll gefälligst auch so bleiben! Deswegen lehnt er auch dankend ab, als sein alter Freund Reeves Minot aus Hamburg ihn um Hilfe bittet. Er braucht jemanden, der den perfekten Mord verübt. Oder gleich zwei. Und vielleicht noch einen Diebstahl. Mehr nicht.

Nein, Tom Ripley sieht Mord eher als letzten Ausweg. So vergnügt er sich derweil auf der Party des Bilderrahmers Jonathan Trevanny. Dort ist auch der Kunsthändler Gauthier und Trevannys bester Freund Alan McNears. Nicht besonders aufregend, aber eine Abwechslung. Aufregend wird es kurz nach der Party als Jonathan Trevanny einen Brief seines besten Freundes erhält, den dieser kurz vor seiner Abreise nach Amerika geschrieben hat. Alan drückt darin sein Bedauern aus, dass es gesundheitlich so schlecht um Jonathan steht. Letzterer ist verwundert. Klar, ihm geht es nicht gut, Leukämie. Aber so schlimm auch nun wieder nicht. Alan gesteht, dass er die Information von Gauthier hat. Seltsam! Gauthier ist sich sichtlich beschämt so über den Geschäftspartner (hin und wieder schanzt er Trevanny einen Kunden zu) geredet zu haben. Damit ist die Sache aus der Welt.

Wer bereits die beiden Vorgängerromane „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Ripley Under Ground“ gelesen hat, weiß, dass es sich bei dieser Sache nicht um einen Zufall handelt. Tom Ripley hat seine Finger im Spiel. Er will Reeves und Jonathan zusammenbringen. Ein fast sechsstelliges Honorar ist eine würdige Entschädigung für seine aufopferungsvollen Bemühungen. Er nennt Reeves Namen und Adresse des möglichen „neuen Geschäftspartner“ und will von nun an nicht mehr damit zu tun haben.

Getarnt als Wister nimmt Reeves Minot Kontakt zu Jonathan Trevanny auf. Er bietet ihm fast eine halbe Million Franc an, wenn er einen, unter Umständen zwei Menschen umbringt – und eventuell noch einen Diebstahl begeht. Wisters / Minots Hauptargument ist die überschaubare Lebenserwartung des möglichen Killers. Trevanny entgegnet, dass es gar nicht so schlecht um ihn stehe. Doch Wister setzt ihm den Floh ins Ohr, dass Dr. Perrier nicht ganz offen zu seinem Patienten war. So was nennt man wohl eine vertrackte Situation. Ein Killer, der nicht mal in die Nähe eines Verdachts kommt, weil er überhaupt keine Verbindung zu den Opfern hat. Die Strafe dafür – würde er dennoch geschnappt werden – übernehme kein Gericht dieser Welt, sondern Mutter Natur selbst. Und man könnte die letzten Tage, Wochen, Monate das Leben in vollen Zügen genießen und trotzdem noch ausreichend Erbe hinterlassen. Je mehr sich Jonathan Trevanny sträubt, desto interessanter klingt das Angebot. Zumal Wister aus Hamburg ist, und das liegt einige Flugstunden und noch mehr Fahrstunden entfernt…

Simone, Jonathans Ehefrau, glaubt ihrem Gatten, dass er wegen einer Untersuchung nach Hamburg fährt. Dass er dort zum Killer wird, wissen nur er selbst und die Auftraggeber. Reeves, der sich nun auch als Reeves Minot zu erkennen gibt, erklärt dem Amateur-Auftragskiller peinlich genau wie alles ablaufen soll. Und siehe da: Jonathan Trevanny ist ein Naturtalent. Alles verläuft reibungslos. Das Opfer ist tot, der Täter entkommt unerkannt.

Leider muss Trevanny erkennen, dass alles bis auf eine entscheidende Kleinigkeit geregelt wurde: Die Geldübergabe. Schließlich stehen ihm nun fast eine halbe Million Franc zu. Reeves druckst rum. Eigentlich sollten ja zwei Leute erschossen werden. Nur so kann ein Bandenkrieg im Hamburger Glücksspielmilieu entfacht werden. Einen Teil könne sofort ausgezahlt werden, fünftausend Franc. Ein Bruchteil! Mehr nicht. Der Rest der Teilsumme wird auf einem Schweizer Nummernkonto deponiert. Und die volle Summe gibt‘s erst, wenn der zweite Mord geschehen ist. Es wird Zeit, dass der Spielleiter ins Geschehen eingreift und Ordnung ins Spiel bring. Tom Ripley will helfen, muss helfen, macht aber alles nur noch schlimmer.

Ein treusorgender Ehemann und Vater, der zum Killer wird – geht das? Meistens nicht gut. Doch Patricia Highsmith lenkt ihre Helden – Ripley und Trevanny – so geschickt durch das Labyrinth der Gauner und Mafiosi, dass der Leser jede Zeile ernst nimmt. Sie geht sogar soweit, dass sie stellenweise den Sympathievorschuss (für Tom Ripley) des Lesers aufs Spiel setzt.

 

Der Junge, der Ripley folgte

Die einstige Souveränität weicht. Ein bisschen schreckhaft erscheint Tom Ripley zu Beginn des Buches. Oder ist es eine intensiver ausgelebte Vorsicht? Grund hätte er allemal. Oder besser: Mehrere Gründe. Schließlich ist er in mehrere Morde verstrickt. Einige hat er selbst begangen, an mindestens einem war er indirekt beteiligt. Andere waren eher zufällig und wurden mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen.

Im Café, bei Marie fällt Ripley ein Junge auf. Der scheint ihn zu beobachten. Als Ripley zahlt, zahlt auch der Boy. Und folgt ihm. Spricht ihn an. Bobby Rollins heiße er. Komme aus New York. Und er habe von Mister Ripley in den Zeitungen gelesen. Angriff ist die beste Verteidigung – Tom lädt den Burschen zu sich nach Hause ein. Bobby arbeite in der Nähe, als Gärtner. Und neugierig ist der Kleine. Ein Werbebrief erregt seine Aufmerksamkeit. Darin bitten „Wohltäter“ um eine Spende für vernachlässigte Tiere. Sicher ein Trick, um ahnungslosen Leuten ein paar Franc zu entlocken. Billy will der Sache nachgehen. Tom Ripley ist ein wenig amüsiert ob des Tatendrangs.

Seine Sinne sind geschärft. Irgendwas an dem Jungen ist falsch. Zumindest verdächtig. Ripley ahnt was, ist sich aber nicht sicher. Frank Pierson heißt der Bengel! Sohn eines millionenschweren Unternehmers. Und dessen Sohn hat sich aus dem Staub gemacht. Verschwunden. Ja, Bobby Rollins ist Frank Pierson!

Voller Stolz berichtet Bobby / Frank von seinem Erfolg. Er habe den Gaunern, die mit ihrer Mitleidstour sich ein schönes Leben machen wollen, einen Schreck eingejagt, behauptet er bei einem neuerlichen Essen mit Tom Ripley. Auch dass er in Wirklichkeit Frank heißt und von zu Hause abgehauen ist, gibt er zu. Tom ist abermals beeindruckt ob der Courage. Doch was will Frank wirklich? Was will er von Tom Ripley?

Tom will sehen wie Frank lebt. Er fährt ihn zum Anwesen der Boutins ein paar Kilometer entfernt. Vor dem Haus wartet ein Wagen mit Pariser Kennzeichen. Als die beiden ihn entdeckten wendet er und rauscht ab. Madame Boutin ist inzwischen wach geworden und steckt Frank, dass heute zwei Männer nach ihm fragten. Tom sieht darin eine gewisse Gefahr für seinen neuen jungen Freund und nimmt ihn großmütig bei sich auf. Heloise soll er aber vorerst als Bobby den neuen Gärtner vorgestellt werden.

Tom beschäftigt sich mit Frank immer mehr, so dass der Junge Vertrauen fasst. Und dann rückt er mit der Wahrheit raus. Er habe seinen Vater umgebracht – die Polizei geht weiterhin von einem Unfall aus, doch die Tat nagt an Frank Piersons Nerven.

Und Ripley? Er versucht sich zur Abwechslung mal als Wohltäter. Fast schon väterlich kümmert er sich um den Ausreißer. Er reist mit ihm nach Berlin, zeigt ihm die geteilte Stadt. Und macht Pläne. Frank solle so schnell wie möglich in die USA zurückreisen, um alles zu klären, seinen Frieden mit der Familie machen. Die hat inzwischen einen Detektiv zusammen mit Johnny, Franks Bruder, nach Europa geschickt, um Frank zu suchen. Doch dann wird Frank vor dem Augen Tom Ripleys entführt! Blitzschnell reagiert Tom und setzt sich mit der Familie und dem Detektiv in Verbindung. Er will die Sache regeln – dank seiner „Kontakte“ kann er schnell Hilfe organisieren. Reeves und seine Kumpane sind endlich mal zu was Gutem nütze. Und der talentierte Tom Ripley kann endlich das tun, was er schon zuvor hätte tun sollen…

 

Ripley Under Water

Da ist es wieder dieses unangenehme Gefühl. Ripley fühlt sich verfolgt. Seit Neuestem treiben sich die Pritchards in Villeperce herum. Hier, wo Tom und Heloise Ripley auf Belle Ombre ihr Leben genießen. David und Janice sind ziemlich aufdringlich, findet er. Er mag sie nicht. Vielleicht sind sie ja hinter ihm her. Privatdetektive oder gar Schlimmeres. Vielleicht aber auch nur Einbildung. Tom und Heloise werden bald verreisen. Nach Tanger, Marokko. Dann ist die Aufregung eh vergessen. Nur noch wenige Tage. Was kann da schon passieren? Na zum Beispiel kann Reeves Minot wieder mal anrufen. Ihn um einen „kleinen Gefallen“ bitten. Ein Päckchen entgegennehmen, es für vier, fünf Tage aufbewahren und dann weiterleiten. Zum Beispiel. Ihm kann Tom nichts abschlagen, auch wenn er seine „Geschäftsbeziehungen“ zu ihm auf ein Minimum begrenzen möchte. Was kann noch passieren? Ach ja, die Pritchards können Tom und Heloise zum Dinner einladen. Gleich am nächsten Tag. Was tun? Langeweile ertragen und Gewissheit erlangen oder in Ruhe mit der Ungewissheit leben? Kompromiss: Tom Ripley geht allein zu den Pritchards.

David Pritchard ist ein vulgärer Typ, dem es Spaß macht die Menschen in seiner Umgebung zu provozieren, zu brüskieren, vor den Kopf zu stoßen. Er stichelt für sein Leben gern. So fragt er unverhohlen Tom, ob er Cynthia kennt. Cynthia, die Freundin von Bernard Tufts, der aus Angst vor dem Geist Ripleys in den Tod sprang und von Tom verbrannt wurde. Auch zu den Greenleafs scheint David Pritchard eine Verbindung zu haben. Ripley muss handeln. Er setzt sich mit London in Verbindung. Dort ist die Galerie, in der die (unter anderem in Ripleys Auftrag) gefälschten Derwatts verkauft werden. Janice Pritchard spielt eine weitere seltsame Rolle. Sie telefoniert heimlich mit Tom Ripley, will ihn treffen. Aus Versehen (oder doch nicht?) gesteht sie dem neugierigen Ripley von Davids Eskapaden. Ab und zu rutsche ihm mal die Hand aus. Und außerdem zeigt er gern Anderen seine Macht. Tom Ripley ist geschickt, er lässt sich keine Angst anmerken, fragt kaum sichtlich nach. Denn er weiß nicht, welches Spiel Janice spielt. Sofern sie es tut.

Erstmal Urlaub – Tanger – die Seele baumeln lassen. Neue Leute treffen. Ha, da hat sich Tom Ripley getäuscht. Denn wird sitzt da an der Bar und macht seine makabren Späßchen? David Pritchard! Jetzt muss Ripley handeln. London ist sein nächstes Ziel. Er muss wissen inwieweit Cynthia in die ganze Sache verstrickt ist. Und er braucht einen Plan. Am besten einen todsicheren…

Seit sechzig Jahren versetzt Patricia Highsmith ihre Leser mit ihrem Tom Ripley in atemberaubende Spannung. Jäger und Gejagte sind gleichermaßen auf Post, Flugzeuge und nicht auf infiltriertes Internet und Mobiltelefone angewiesen. Hier zählt noch der Grips! Hilfsmittel sind eine gehörige Portion Skrupellosigkeit, Erfindungsreichtum und Sorgfalt. Ihre Charaktere sind bis heute die unumstrittenen Helden der dunklen Seite. Auf der einen Seite kann man nicht gutheißen, was Tom Ripley alles anstellt, um zu Geld und Ruhm zu gelangen. Andererseits ringen ihm seine Geschick und seine Eleganz Bewunderung ab.

Frauen

Von den Alten lernen … über das Schreiben, was man kennt … niemals den Respekt verlieren. Oder kurz gesagt: Andreas Camilleris neues Buch „Frauen“. Man hätte es ja fast schon ahnen können, worum es geht. Auch wenn seine erfolgreichste Figur ein männlicher Sizilianer ist, so sind es doch die Frauen, die Andrea Camilleri zum Schreiben anregen, antrieben, ihn umgarnen.

So wie Elvira. Eigentlich sind es zwei Elviras. Die Eine war seine Großmutter, dem ist nichts mehr hinzu zu fügen, das sind eh die Frauen, die den größten Einfluss haben. Die Andere war seine Verlegerin. Eine echte Freundin, die ihm auch in einer Schreibpause nie aufgab.

Und wenn wir schon bei den Büchern von Andrea Camilleri sind: Ingrid. Studentin. Skandinavierin mit dem Hang zur überbordenden Spontaneität. Er, also Camilleri, der Professor, der die italienische Kultur und Kunst näherbringen soll. Sie, die wissbegierige und leidenschaftliche Studentin, die ihm mehr als nur Kopfschmerzen bereiten soll. Der Ausgang der Geschichte ist weniger leidenschaftlich als gedacht (herbeigewünscht?). Was bleibt ist die Freundin von Commissario Montalbano, Ingrid.

Schon beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses – Camilleri ist ganz Gentleman und ordnet die Frauen in seinem Leben alphabetisch – wird deutlich, dass es hier nicht um eine Abrechnung geht. Antigone, Carmen, Desdemona. Allesamt literarische Helden, denen er immer noch zutiefst verbunden ist. Helga, Beatrice, Inés waren und sind real. Jede auf ihre eigene Art. Pedantisch, emotional, fordernd.

Es ist ein Vergnügen den Erinnerungen eines Mannes zu folgen, der das Leben als lebenswert angenommen hat. Kein böses Wort fließt aus seiner Feder. Wohlwollen und Verständnis, Freude über das Zusammentreffen, Erinnerungen voller Lachen und Träume, Verzückung und ohne Reue.

Angelica ist die Erste. Zunächst nur pure Phantasie, später zum Greifen nah und dann doch durch die Finger rinnend wie der feine Sand in der Sanduhr, die das Warten so unerträglich macht. Frust? Niemals.

Andrea Camilleri besitzt die unerschütterliche Gabe Frauen zu lieben und dieser Liebe Ausdruck zu verleihen. Nicht einmal der Anflug von Plumpheit, selbst in Jugendtagen, lassen die Frauen – und den Leser – erschaudern. Keine Szene wirkt gestelzt oder künstlich herbeigeführt. Man könnte fast neidisch werden…

Im Labyrinth des Kolosseums

Freiberger-Zitzl_Kolosseum_neu:Karneval

Wer sich ein Haus baut, will, dass es lange steht und bewohnbar ist. Die Grundstücksauswahl ist somit nicht nur der erste Schritt, sondern ein elementarer. Niemand würde sich ein Heim auf schwachem Grund bauen.

Doch die Geschichte zeigt, dass es auch anders geht. Wer Rom besucht – eigentlich jeder, egal ob er schon in Rom war, dort hin will oder es nie vorhaben wird – kennt die Anziehungskraft, die vom Kolosseum ausgeht. Ein gigantischer Bau, von dem, wenn man das Alter des Bauwerks bedenkt, noch sehr viel zu sehen ist. Und noch mehr zu erahnen ist. Und dieses Bauwerk steht an einer Stelle, die heutzutage als natürlicher Spa-Bereich durchgehen würde. Bauherr war Kaiser Vespasian, er regierte von 69 bis 79 unserer Zeitrechnung. Und zu eben dieser Zeit war an dieser Stelle zwischen Via Celio Vibenna und Via Nicola Salvi, die es damals garantiert noch nicht gab, ein See.

Klaus Stefan Freyberger und Christian Zitzl sezieren das Bauwerk, die vorhandenen Pläne und die Niederschriften dazu bis ins kleinste Detail. Als Leser ist man mitten im Geschehen. Ein bisschen Vorbildung ist allerdings vonnöten, wenn man den gesamten Text voll umfänglich verstehen will. Die Sitzanordnung, architektonische Besonderheiten und die Lage ergeben einen Sinn. Das Kolosseum ist von nun an nicht mehr nur eine touristische Attraktion, sondern ein vertrautes Bauwerk, das den Vergleich mit ähnlichen Amphitheatern wie denen in Verona, Pompeji oder Nîmes (auch diese werden in diesem Buch ausführlich beschrieben) nicht scheuen muss.

Doch dann der Bruch! Vielleicht war alles ganz anders? War das, was wir als Neubau sehen, nur ein Erweiterungsbau? Warum wurde dann nicht schon früher über ein Theater an dieser Stelle geschrieben? Wieso kennt das niemand? Fragen, die sich bis heute Wissenschaftler stellen. Und die der Leser nur zur Kenntnis nehmen kann. Doch Freyberger und Zitzl geben mögliche Antworten. Man darf diese Lücke nicht mit heutigen Maßstäben schließen. Heute schaut man ins Netz und ist oft schlauer, meist jedoch mit einer Theorie betraut.

Eindeutige Antworten können auch die beiden Autoren nicht liefern, doch ihre Überlegungen überzeugen den Leser. Wer Rom besucht, kommt unweigerlich am Kolosseum vorbei. Pflichttermin nennt man so was. Ob man nun dieses Buch vorher eingehend studiert hat oder es aufgeschlagen bei der Besichtigung mitführt, ist jedem selbst überlassen. Fakt ist, dass es wohl nur wenige Guides gibt, die so kenntnisreich informieren können. Jeder Bogen, jedes Tor, jeder Rang erscheint in einem neuen Licht. Und warum nicht im Urlaub Erholung mit Wissen verbinden. Schaden kann’s nicht!

Italienische Weihnachten

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Endlich Weihnachten, endlich ist die besinnliche Zeit da. Es sei denn, man ist Bestandteil der in diesem köstlichen Band vereinten Geschichten. „Italienische Weihnachten“ ist der Festbraten unter den Weihnachtsgeschichtenbänden der Saison.

Andrea Camilleri zum Beispiel lässt den selbsternannten Weihnachtsmann von seinen Helfern aufspießen. Der Weihnachtsmann ist natürlich nicht echt. Aber James Emery könnte es sein. Fast schon fanatisch lebt er sein Alter Ego. Auch rentiere hat er, zwei Damen und einen Herren. Als er eines Tages einer Dame zu sehr zugetan ist, reicht es dem Rentier-Herren: Eifersüchtig, sich um seine Position als Platz-Rentier betrogen, greift er zu den Waffen, seinem Geweih, und schwupp, findet sich James Emery im Gehörn des weihnachtlichen Helfers. Es nützt dem Tier nichts. Der Mensch, und noch viel mehr der Weihnachtsmann ist stärker. Und die Moral von der Geschicht? Lesen! Man verrät ja auch nicht, was man an Weihnachten verschenkt.

Gesitteter geht es bei Luigi Malerba zu. Drei Männer sind unterwegs zu einem und derselben Person. Drei Männer? Auf dem Weg? Da war doch mal was! Wie die wohl heißen…? Ein Kind wurde geboren. Und die Drei haben auch Geschenke dabei bzw. wollen unterwegs noch schnell anhalten, um eines zu besorgen. Ein Junge soll es sein. Faszinierend an der Geburt ist die Tatsache, dass der betagte Vater unfruchtbar und die Mutter Jungfrau ist. Um es abzukürzen: Ganz neu ist die Geschichte nicht, aber das Ende hat es in sich. Großartige Fabulierkunst, sinnige Geschichten, vorzügliche Aufarbeitung – das sind nur drei Bestanteile dieses im wagenbachschen (weihnachtlichen?!) rot gehaltenen Weihnachtsbandes. Zusammengestellt von Verleger Klaus Wagenbach persönlich.

Jede einzelne Geschichte ist es wert mit größter Sorgfalt gelesen zu werden. Langeweile oder enttäuschtes Überblättern kommen dem Leser erst gar nicht in den Sinn. Da sitzt jedes Wort und jedes Komma! Alberto Moravia oder auch Leonardo Sciascia sind vielleicht noch die bekanntesten Vertreter italienischer Schreibkunst. Doch Namen sind es nicht, die den Leser in Verzückung geraten lassen. Es sind einzig allein die Zeilen, die Weihnachtsstimmung, ein wohlwollendes Lächeln und zufriedene Mienen zurücklassen, wenn man das Buch liest. Einzig allein das drohende Ende des Buches lassen ein wenig Wehmut aufkommen. Dafür gibt es die letzten Seiten mit umfangreichen Tipps für den Gabentisch.

Mailand – Eine literarische Einladung

Mailand - Eine literarische Einladung

Eine Stadt in Worte fassen? Wie soll das gehen? Noch dazu eine Metropole, die einzige Metropole Italiens, wie Herausgeber Henning Klüver meint. Schwierig, schwierig. Sollte man meinen! Denn oft beliebt es doch bei einem „wunderbar, schön, beeindruckend“. Beim Wagenbach-Verlag schlägt man da einfach einen Salto (so nennt sich die Buchreihe mit Büchern, die diesem Vorurteil beeindruckend – da ist es wieder! – entgegenstellen) und beweist auf 144 Seiten das Gegenteil. Knallrot, nicht vor Scham, sondern aus Gründen der Aufmerksamkeit, marktschreien die Autoren der Stadt dem Leser ihre Sichtweise auf ihr Milano um die Augen. Ein Fest für die Phantasie, eine Lehrstunde für Besucher, der Beweis, dass man Städte sehr wohl in lose Korsett der Wörter fassen kann.

Wurde in der Geschichte noch blumig von Mailand geredet, so sind es Dichter wie Dario Fo, immerhin Literatur-Nobelpreisträger, die mit Anekdoten ihrer Stadt ein Denkmal setzen. Er war Teil einer Gruppe, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Stadt narrten, in dem sie das Gerücht in die Welt setzten Picasso würde nach Mailand kommen. Doch der kam nicht, hatte das auch gar nicht vor. Kurzerhand wurde ein Double engagiert. Helle Aufregung allenthalben. Selbst die Polizei, die die Menschenansammlung auflösen will, gerät in Verzückung als sie vom bevorstehenden Ereignis hört…

Natürlich ist Mailand eine Stadt, die man gesehen haben muss. Auch, weil sie eine Stadt für Flaneure ist. Der, der das behauptet ist Maurizio Cucchi, Mailänder Autor. Er meint, dass sich die Stadt niemandem aufdrängt. Und doch immer präsent ist. Wem sie nicht gefällt, kann das ja gern so halten. Kritik wird hier eh mit einem Schulterzucken hingenommen. Mehr Reaktion sollte man nicht erwarten.

Die in diesem Buch versammelten Autoren vermeiden es wohlwollend die Hotspots der Stadt in den Himmel zu loben. Kommen auch sie nicht ohne Dom und Scala aus, so doch eher im Unterbewusstsein. Das macht wahrscheinlich auch den Charme der Stadt aus: Sie gräbt sich ohne Wunden zu hinterlassen ins Gedächtnis ein. Wie ein Roman, der unauffällig Seite für Seite verschlungen wird, und am Ende wundert man sich, dass man ihn schon ausgelesen hat. Die „Literarische Einladung Mailand“ sollte man nicht ausschlagen. Denn sie ist eine Einladung zum Bummeln, Lernen, Staunen, eine Reisevorbereitung auf höchstem Niveau, Sehnsuchtsauslöser, Träumerei, unterhaltsamer Wegbereiter und –begleiter und ein Erreger persönlichen Jagdtriebes.

Typisch Italienisch

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Deutsche in Italien – ein Kapitel für sich. Schon „olle Goethe“ pries die einzigartige Landschaft an. Der hatte aber auch nicht so viele Länder, die er bereisen konnte zur Auswahl. Der Cartoonist Peter Gaymann hat sich der Spezies traveller germanicus angenommen und die skurrilsten Typen mit dem Pinsel zu Papier gebracht.

Viele, die nach dem Urlaub an Adria, am Lago oder in den Bergen zurückkommen und sich dieses Buch anschauen, werden so manch einen wiedererkennen. Jeden Tag Tiramisu, weil man es aus der Pizzeria von nebenan bei Ahmed oder Kostas so kennt. Endlich mal so viel Espresso trinken wie man es Italienern gern unterstellt. Oder den Karikaturisten bitten ein Foto von einem zu schießen. Dieses kleine Büchlein nimmt die Eigenarten der unbelehrbaren Touris aufs Korn. Ein köstlicher Spaß!

Peter Gaymann braucht nicht viele Pinselstriche oder Sprechblasen, um den auf den ersten Blick lustigen Begebenheiten den passenden (Schmunzel-) Rahmen zu geben. Tradition und Moderne finden dort zusammen, wo es meist nicht passt. Peinliches Halbwissen sorgt genauso für Erheiterung wie die kleinen Details der Bilder, die man oft erst auf den zweiten Blick entdeckt. Stichwort Socken und Sandalen.

So bierernst der Deutsche oft erscheinen mag: Eigentlich sind alle Touristen auf die eine oder andere Weise eine eigene Gattung, die es wert ist beobachtet zu werden. Peter Gaymann hat Italien schon vor Jahrzehnten zu seiner zweiten Heimat erkoren. Er kennt beide Seiten: Besucher und Besuchte. Schockierende Momente gibt es beiderseits. Es kommt nur darauf an, wie man ihnen begegnet. Am besten mit Humor! Und noch besser: Mit dem Humor von Peter Gaymann. Treffsicher karikiert er Reisende in entspannter Atmosphäre vor dem Rätsel Fremde. Denn nur wer sich unvoreingenommen der Herausforderung stellt, kann und darf Fehler machen. Beim nächsten Mal erinnert er sich und verhält sich anders. Peter Gaymann ist der Glückpilz, der beim ersten Fettnäpfchentreten Block und Pinsel parat hält und den peinlichen, lustigen, immer aber skurrilen Moment festhält.

Die gesammelten Werke der einprägsamen Ereignisse sind in diesem Büchlein festgehalten und lassen bella italia noch einmal hochleben.

Besser als jedes Fotoalbum! Komischer als jede Comedyshow! Nachhaltiger als jedes Pizzawettessen!