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Grado abseits der Pfade

Städtetouren haben immer das Image, dass es bei oberflächlicher Betrachtung hektisch werden könnte. Straßenlärm, geschäftiges Markttreiben, eine lautstarke Glocke von Stimmenwirrwarr deckt die Passanten ein. Da wünscht man sich einen Ort ganz in der Nähe herbei, der ein wenig Kontrast, ein wenig Abwechslung bietet. Nun ist beispielsweise Triest sicher keine Stadt, in der man im Wust der Masse unterzugehen droht. Dennoch hat sie ein Kleinod „vor den Toren“, dass sich das Prädikat „besonders erholsam mit allen Sinnen“ redlich verdient. Die Rede ist von Grado.

Michael Dangl kennt die Sonneninsel, die auch gern die Goldinsel genannt wird, am äußersten Rand des Golfs von Venedig wie seine Westentasche. Und so plaudert er ein wenig über seine Sehnsucht. Keine zehntausend Einwohner, dafür voller Geschichten und reich an Hinguckern links und rechts der Pfade.

Eine Insel im Meer, eine Insel nah am Festland, eine Insel zum Verlieben. Wenn die Fischer ihren Fang anpreisen, wird die Straße der Fischer, die Via Dandolo, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. In der Bar Manzoni genießt man die Tramezzini wie sie traditioneller nicht sein könnten. Und das alles in Ruhe, ohne Straßenlärm. Denn Straßen gibt es hier nicht. Nur ein wenig weiter haben die Fischer des Ortes ihre Bar gefunden und plaudern bei dem einen oder anderen cubi, was anderswo als Weinschorle bekannt ist.

Klingt schon sehr nach Erholung und Ruhe. Im Buch ist es gerade mal das erste Kapitel, das man geschafft hat. Und es schafft neue Sehnsuchtsräume, die gefüllt werden wollen.

Es ist wahrhaft ein außergewöhnliche Reiseziel, diese Insel Grado.. Und Michael Dangl ist der passende Reiseleiter. Auch wenn seine Tipps auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken mögen. Zum Beispiel empfiehlt er einen Nachmittagsspaziergang auf der Friedhofsinsel La cove bei großer Nachmittagshitze zu beginnen. Über die Brücke der Maulbeerbäume schlendert man über einen beruhigten und beruhigenden Ort. In der Nase mal schwächer, mal stärker der Duft von Oleander. Was wie ein Filmtitel klingt, begleitet einen den ganzen Tag.

Selten zuvor wurden Reiseimpressionen und Reiseband so eindrucksvoll wie hier zusammengeführt. Michael Dangl wandert nicht durch eine Stadt, die ihre Schätze offendarlegt, sondern legt die Juwelen einer Stadt frei, die erobert werden will. Kein leichtes Unterfangen, wenn man nicht weiß, wo anfangen und wo lang schreiten. Michael Dangls Buch schmeichelt allen Sinnen und führte jeden, der dieses Buch intensiv liest an Orte, die er ohne das Buch nie gefunden hätte.

Triest abseits der Pfade

Was erwartet man von einem perfekten Urlaub? Landschaft, die einem vom ersten Blick an fasziniert. Lukullische Grenzüberschreitungen. Kultur in ihrer gesamten Vielfalt. Geschichte zum Anfassen. Das findet man an so einigen Stellen auf dieser Erde.

Doch in Triest und Umgebung treten diese Wünsche besonders kraftvoll zu Tage. Das findet auch Wolfgang Salomon. Im Klappentext des Buches steht, dass er von Beruf Stimmungsvermittler ist. Und das beweist er mit diesem außergewöhnlichen Reiseband aufs Eindrücklichste.

Triest ist keine Megametropole, in der sich Millionen Vergnügungssüchtiger rund um die Uhr den ultimativen Nervenkitzel geben. Es ist eine ruhige Stadt. James Joyce wählte sie zu seinem Exil. Und wer genau aufpasst, sprich das Buch genau liest, findet auch Hinweise, die man sonst übersieht, auch weil sie in keinem anderen Reiseband erwähnt werden.

Ein Pfad ist laut Definition ein Fußweg ohne viele Abzweigungen. Klare Kanten gibt es nicht. Das Grün ist niedergetrampelt. Oder anders: Hier sind schon viele entlang und darüber gelaufen. Viele Besucher, viele Eindrücke, aber alle haben nun mal das Gleiche gesehen. Deckt sich das mit den Vorstellungen eines besonderen, einzigartigen Urlaubs? Wohl kaum, oder nur teilweise. Links und rechts ein bisschen schauen, das macht jeder. Doch abbiegen, weiterlaufen, schnuppern, schmecken, tasten, hören, sehen, fühlen – das ist nicht der Pfad der Tugend, es ist der Pfad abseits der Pfade.

Wolfgang Salomon macht gleich auf den ersten Seiten klar, dass es in seinem Buch nicht um die Befriedigung der Shoppoholics oder Adrenalinjunkies geht. Das Adrenalin schießt ganz automatisch in den Körper, wenn man auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert – so zwei, drei Wochen vor der Abreise die erwünschte Portion Sehnsucht mitten in die Venen gespült. Leckerer Schinken, bei alle Zutaten um die Ecke gedeihen. Und dann Ruhe. Viel Ruhe, um zu reifen. Jede Zeile ein Hochgenuss, den man bald selbst schon erleben darf. Inklusive Anfahrtsbeschreibung, die man zweispältig betrachtet. Auf der einen Seite möchte man so viele daran teilhaben lassen wie möglich. Auf der anderen Seite könnten die dann aber auch zusammen mit einem das alles erleben, was man doch so gern für sich allein beanspruchen möchte. Womöglich trinken die einem sogar noch den Prosecco mit sizilianischem Orangenzesten-Extrakt weg!

Bei aller Vorfreude auf die kommende Urlaubszeit darf man nicht vergessen, dass ein Urlaub erst dann richtig erholsam wird, wenn man den Alltag wirklich vergessen kann. Ganz im Gegenteil zu diesem Buch. Wer es vergisst (und vorher nicht alles auswendig gelernt hat), wird es bitter bereuen. Bei all der Fülle an Geheimtipps ist es schwer vorstellbar, dass das Tourismusbüro in Triest diese Fülle ebenso bieten kann. Karstgestein, das Flüsse verschluckt und wieder ausspuckt, ein gigantischer Steg in die Unendlichkeit und k.u.k.-Architektur ziehen jeden Besucher in ihren Bann. Sie sind überall und jederzeit verfügbar. Doch grenzenlose Gastfreundschaft, bereitwilliges In-Die-Töpfe-Schauen bietet nur ein Buch: Triest abseits der Pfade. Lesen und Nachmachen! Da macht die Urlaubsplanung mindestens genauso viel Spaß wie das Reisen.

Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

Als 2016 Prince aus der aktiven Musikwelt schied, überschlugen sich die Schreiber mit Superlativen. Er war so ungemein produktiv wie kaum einer zuvor. Vielleicht noch mit Mozart zu vergleichen, dem man so manches Werl abspenstig machen könnte, da es unmöglich erscheint in so kurzer Zeit so viele Werke (von Weltruhm) zu produzieren. Wie immer im Überschwang der Gefühle, vergisst man dabei leicht den einen oder anderen „Großproduzenten“.

Gioacchino Rossini wurde 1792 in Pesaro geboren. Im Nachbarland Frankreich standen die Fallbeile nicht still, in Italien dümpelte man vor sich hin, salopp betrachtet. Noch keine dreißig Jahre alt hatte Rossini schon den Ruf eines Wunderkindes weg. Gesegnet mit einer glockenklaren Stimme war er früh ein kleiner Star – was ihn mit Prince durchaus vergleichen lässt. Was den frühen Ruhm betrifft. Mailand und Neapel stritten sich um das Engagement Rossinis. Stilistisch war die Oper stehengeblieben. Erst die Leidenschaft Rossinis für die buffa, die komische Oper, brachte neuen Schwung ins Kulturleben. Und Rossini war ihre Triebfeder.

Bei all der Produktivität und Kreativität müsste Rossini eigentlich ein langweiliges Leben geführt haben. Meint man. Doch weit gefehlt! Eine sein Leben lang anhaltende Harnweginfektion sind erste Anzeichen für sein ausschweifendes Leben. Die Frauen waren ihm zugetan, er ihnen nicht abgeneigt.

Während Europa sich im Wandel nachhaltig verändert, sucht Rossini den Erflog auf der Bühne. Berühmt die Anekdote von der Katze während der Premiere von „Der Barbier von Sevilla“, die das Premierenpublikum zu Lachanfällen inspirierte. Wäre er nicht direkt davon betroffen gewesen, hätte er die Geschichte schrecklich amüsant gefunden. Denn Rossini galt als Liebhaber solcher Geschichten, die er gern zum Besten gab.

Die fetten Jahren gingen schnell vorüber, Autor Joachim Campe nennt sie auch die hellen Jahre. In Paris feierte er Triumphe, dirigierte in Madrid, wo er mit tosendem Beifall bedacht wurde, Doch zurück in Mailand war all der Ruhm wie hinweg geblasen. Neid, Missgunst und Unzuverlässigkeiten vergällten ihm den Alltag. Sein Stern begann zu sinken.

Ein wenig Fachwissen tut dem Leser gut, bevor er sich diesem Buch widmet. Eine Oper sich anzusehen, ist das Eine. Sie einzuordnen, Besonderheiten zu erkennen das Andere. Joachim Campe versteht es sein Fachwissen einem breiten Publikum nahezubringen ohne dabei die Hörer / Seher außeracht zu lassen. Rossinis Leben war spannend, zum Ende hin fast schon tragödienhaft. Geblieben sind fulminante Ouvertüren und eine riesige Anzahl an Werken, die bis heute begeistern. Rossinis Leben hingegen ist weitgehend unbekannt. Joachim Campe schiebt dem nun einen über 200 Seiten starken Riegel vor.

La Fidanzata

Ein Name wie Donnerhall schallt durch die Arenen der Welt: Juve kommt! Fans wie Spieler freuen sich bis heute, wenn die nationale Denkmal des italienischen Fußballs zu einer anderthalbstündigen Stippvisite vorbeikommt. Meist krallen sich die Spieler auf dem Platz gleich die Willkommensgeschenke mit gierigen Pranken und entführen regelmäßig drei Punkte von fremden Plätzen. Auf dem Platz standen und stehen Ikonen den Weltfußballs: Dino Zoff, Zlatan Ibrahimovic und Gianluigi Buffon und andere spielen mit Grandezza, während der Gegner noch darüber grübelt, ob die schwarz-weiß gestreiften Trikots nur Tarnung sind oder echten Gefängnisinsassen gehören.

Juventus Turin wird gern die alte Dame genannt. Echte Fans nennen sie La Fidanzata, die Verlobte. Zahlenjongleure sehen in Juventus Turin den trophäensammelnden Verein aus dem Norden, der unbarmherzig Spiele für sich entscheidet.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde dieser Unbarmherzigkeit (und dem Titelsammeln) der Riegel vorgeschoben. Und das nicht nur sprichwörtlich. 2005 wurde Juventus zum zigsten Mal italienischer Meister. Diese Meisterschaft war etwas ganz besonderes. Es wäre die achtundzwanzigste Scudetto gewesen. Doch der Titel musste noch ein paar Jahre warten. Denn aus Abhörprotokollen der Staatsanwaltschaft ging eindeutig hervor, dass Spiele manipuliert wurden und somit die Meisterschaft erkauft wurde. Im Jahr darauf wurde Juve wieder Meister, doch die beiden letzten Meistertitel wanderten unversehens in den Abfallkorb der Geschichte und La Fidanzata in die Serie B. Mit dem Handicap von 30 Punkten Minus. Daraus wurden später 17 Punkte, doch der Gang in die Zweitklassigkeit blieb unangetastet – anders als bei weiteren in diesen Skandal verwickelten Vereinen wie AC Milan, AC Florenz und Lazio Rom. Ein Jahr im Keller, auferstanden wie Phönix aus der Asche. Ein Jahr später war man wieder oben auf und zu Beginn des zweiten Jahrzehnts stärker denn je. Sechs Meisterschaften in Folge gaben wieder Anlass zu Kopfschmerzen bei den Fans der gegnerischen Vereine.

La Fidanzata ist die Spalttablette im Calcio auf dem Stiefel. Wie das Trikot der Spieler gibt es nur Schwarz oder Weiß, Liebe oder Hass. Einfach, ernsthaft, zurückhaltend ist das Spielsystem von Juve von jeher gewesen. Schon früh waren ausländische Spieler und Trainer die Säulen des Erfolges eines vereins, der von Gymnasiasten gegründet wurde und seit fast einhundert Jahren in den Händen einer Familie liegt: Agnelli. Die Nachfahren des Fiat-Gründers schafften es dem Kaufwahn der Ölmilliardäre zu widersteh und Juve bis heute von fremdem Geld unabhängig zu machen.

Birgit Schönau ist für die ZEIT und die Süddeutsche in Italien tätig. Sie schafft mit inbrunstiger Wortgewalt dem Mythos Juventus den würdigen Blätterrahmen zu verleihen. Wie in einem Almanach folgen die Augen den Worten wie einer galant geschlagenen Flanke. Wie den Elfmeterschuss erwartende kann man es kaum erwarten bis man die nächste Seit aufschlagen kann. Und schlussendlich der Volltreffer, wenn man die zweihundert Seiten vollendet hat. Spieler, Namen, Anekdoten sind nun vertraut die Tante Trude um die Ecke, die Faszination ist weiterhin ungebrochen, wenn nicht sogar noch verstärkt worden. Keine Lobeshymne, jedoch ein Buch, das Spaß macht gelesen zu werden – egal, ob man nun Fan ist oder nicht.

Lesereise Latium

Ruhig und bunt, verlassen und überbordend, nah und fern – das Latium ist weit mehr als nur der Speckgürtel der italienischen Hauptstadt. Vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht wie Veronika Eckl in ihrer Lesereise Latium zu berichten weiß.

Für die Römer war und ist es Volkssport am Wochenende ins Grüne zu fahren. Und mit dem Latium haben sie das Paradies quasi vor den Toren der Stadt. Hier grünt es nicht allein nur zum Vergnügen, für die Sinne, sondern auch für den Magen und somit auch wieder für den einen oder anderen Sinn. Die Märkte quellen über mit Produkten der Region, deren Geschmack noch ursprünglich ist, weil sie keine lange Reise zu den Ständen am Campo dei fiori unternehmen müssen. Staubige Pisten halten – zwar nicht immer, doch immer öfter – den Massentourismus gern von idyllischen Ecken und friedlichen Plätzen.

Nicht immer zum Gefallen der Einwohner. In Castellgandolfo residiert der Papst schon seit Jahrhunderten und lässt sich die Sommerfrische um die Nase wehen. Doch seit Franziskus ist es ruhiger geworden im Ort. Die Händler vermissen ihre eigene Vorfreude, wenn sich der hohe Besuch ankündigt. Sein Vorgänger war da volksnäher.

Filmfans lassen es sich nicht entgehen Castel San Pietro Romano zu besuchen. Hier startete die Karriere von Gina Nationale, Gina Lollobrigida. Der Ort war Kulisse und Statistenlieferant für „Brot, Liebe und Fantasie“, einem Meisterwerk des Neorealismo. Fast alle im Ort spielten im Film mit. Vittorio de Sica verehren sie noch heute. Doch für Lollo haben sie nicht viel übrig. Angeblich war ihr die Pasta im Ort zu schmutzig. Einen Besuch ist das pittoreske Dorf noch heute allemal wert.

Der Tiber als Lebensader für Rom ist hier drauß0en, im Latium Einnahmequelle für einen ganz besonderen Kapitän. Veronika Eckl lässt sich von ihm herumschippern und erfährt so Einiges, das wohl niemals in einem Reiseband stehen wird. Wenn selbst die örtliche Obrigkeit den Anlegeplatz kaum kennt …

Die Lesereise Latium liest sich wie eine Werbebroschüre für alle diejenigen, die Augustus-Mausoleum, Petersplatz, Spanische Treppe, Kolosseum, und Pantheon aus dem eff-eff kennen, aber noch immer nicht genug von Rom bekommen haben. Mehr als nur einen Abstecher ist es schon wert, das Latium. Die Konsulstraßen, versteckte Klosteranlagen, reichhaltig gedeckte Tische warten auf die, die dieses Buch als Appetitanreger verschlungen haben. Verschlucken wird man sich nicht, aber man ärgert sich sollte man das Latium besuchen und dieses Buch nicht als Urlaubslektüre in der Jackentasche dabei haben. Auch ohne konkrete Wegbeschreibung ist es unerlässlich eine im Schatten der Stadt stehende Region zu besuchen.

Die Inschrift

In Diktaturen lässt sich gut leben, wenn man das Maul und sich an die Regeln hält. Und immer schon nach dem Mund reden und auf gar keinem Fall den Blick über den eigenen Tellerrand heben. Als Freigeist oder Humanist hat man in solch einem Fall ganz schlechte Karten.

Michele Ragusano ist ein Sonderfall. Er ist Faschist aus Überzeugung. Einen Tag nach Italiens marktschreierischem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg kehrt er in seinen Heimatort zurück. Seine alten Weggefährten strafen ihn mit Missachtung. Eine Art gefallener Engel, der zurückkehrt, so was kann man nicht gutheißen. Schließlich waren vor Jahren alle einer Meinung, dass Michele in die Verbannung gehört. Einstimmiger Beschluss – wie sich das für eine ordentliche Diktatur gehört. Gleichschritt statt eigener Meinung! Basta!

Doch in ganz edler faschistischer Manier – einige ganz Überzeugte pochen auf die „Werte“ der Faschisten – lässt man ihn doch zu Wort kommen. Don Manueli Persico ist die graue Eminenz des Vereins „Faschismus und Familie“. Sein grauer Bart bedeckt die karge Gestalt, die so vortrefflich und fast schon märchenhaft von Andrea Camilleri beschrieben wird. Der Rückkehrer Ragusano macht eine Andeutung über das Vorleben von Persico, dass es dem die Sprache nimmt, die Luft und schließlich das Leben raubt.

Michele Ragusano hat ein zweites Mal gegen die Regeln verstoßen. Er wusste, dass der Don schwach ist. Und das Worte töten können (eigentlich heißt es, dass die Kehle schneller tötet als das Schwert, aber Faschisten neigen nur allzu gern bei Gedankennot zur Umdeutung). Michele wird dem Gericht überstellt, damit es Recht spreche.

Doch die Worte zeigen Wirkung. Der Don war gar nicht so sehr Faschist und rein wie ihn alle gern gesehen haben. In fast hundert Jahren Lebenszeit ändert sich der Mensch, auch seine Sicht auf die Dinge und die Sicht auf ihn. Zum Glück, sonst wäre ja heutzutage in Deutschland der Begriff „mäßiger Postkartenmaler“ mit allerlei schlechten Assoziationen und einem schlechten Gewissen behaftet…

Der eilig gefasste Beschluss eine Straße nach Don Manueli Persico zu benennen, wackelt an jeder Ecke. Besonders die Erläuterung, die Inschrift, muss nochmal überdacht werden. Und da bricht sich der faschistische Kleinbürger, der lieber nicht gewohnte Bahnen verlässt, seinen ziellosen Weg frei.

Kopfschütteln, gelehriges Wissen und die Gedanken an die Gegenwart mischen sich beim Lesen dieser Satire aus der Feder Andrea Camilleris. Wer die Augen nur stur geradeaus hält, verpasst, was links und rechts geschieht. Nur wer für seine Überzeugungen einsteht, kann ruhigen Gewissen Prügel beziehen. Äußerliche Wunden heilen, innere vernarben sichtbar.

Der Centaur

Paul Heyse – Italienische Novellen. Klingt auf den ersten Blick gar nicht italienisch. Und Paul Heyse – schon mal gehört, aber wer war das doch gleich? Immerhin der erste deutsche Schriftsteller, der den Literatur-Nobelpreis für sein belletristisches Werk bekam. Das war 1910. Thomas Mann verschlang seine Bücher. Heute ist er vielen nur noch als Namensgeber von der Parallelstraße bekannt.

Fünf zauberhafte Novellen schmücken die Seiten dieses 240 Seiten starken Büchleins. Und in jeder schlummert die Wortgewalt der deutschen Sprache. Man liest vom Murren im Inneren des Vesuvs, drohendem Klirren der „Geräthe“ und vom Widerhall der Frühlingsstimmen. Wer da nicht sofort die Koffer packen und gen Sorrent fliehen will, ist immun gegen jedwede Art von Poesie.

Fünf Novellen, denen man den Charme und die Vorfreude auf sie nehmen würde, müsste man sie einer genaueren Analyse unterziehen. So viel sei gesagt: Paul Heyse verbrachte tatsächlich eine angemessene Zeit im Land wo die Zitronen blühen. Im Laufe seines Lebens schaffte er es tatsächlich fast zweihundert Novellen zu schreiben. Nicht alle aus und über Italien. Diese fünf Novellen sind so vielschichtig in sich und so abwechslungsreich in ihrer Vielfalt, dass man aus dem Verzücken nicht mehr herauskommt. Das Buch beiseitelegen scheint fast unmöglich.

Immer tiefer reißt der Autor den Leser in seine Welt voller Phantasien, scheinbar trostloser Lebenswege, überraschender Geheimnisse und melancholischer Welten. Ein Fest für die Augen und die Gehirnzellen, die mit jeder Seite aufs Neue stimuliert werden.

Die Texte basieren auf den Originaltexten Paul Heyses. Immer wieder setzt er gekonnt Akzente, indem er den Leser in die Irre führt oder der Realität romantische Vorstellungen entgegensetzt. Vom spannenden Agententhriller bis zum fast schon Märchenhaften zeigt dieses Buch die Kunst des Schreibens als Kunst für jedermann auf. Es ist schade (und ein bisschen auch bedenklich), dass ein Schriftsteller wie Paul Heyse ein Mauerblümchendasein in den Bücherregalen der durchstrukturierten Bücherläden führen muss. Im Wust der Schwarz-Weiß-Malerei sind seine Texte der Regenbogen, der auch über hundert Jahre nach seinem Tod noch so strahlt wie am Erstveröffentlichungstag.

Römische Augen Blicke

Rom kann man nur offenen Auges erfassen. So wie jede andere Stadt auch. Doch in Rom lohnt es sich besonders. Das weiß Birgit Ohlsen auch. Und sie liebt Rom. Das merkt man nicht nur daran, dass ihre Prosaskizzen den poetischen Titel „Augen Blicke“ wie eine Krone tragen, sondern vor allem an den kurzen, teils nachdenklichen Texten zwischen den kunstvoll gestalteten Buchdeckeln.

Die Autorin vermeidet es dem Leser eine Route vorzugeben, dafür gibt es Reisebücher. Sie schlendert durch die Ewige Stadt mit der Neugier im Kopf. Immer wieder hält sie inne, hält den Moment mit Kamera und Stift fest. Wer noch nie in Rom war, kommt jetzt erst recht auf den Geschmack. Und so nimmt man dieses Buch schlussendlich doch als Wegweiser für einen Ausflug an den Tiber.

Auf der Piazza S. Maria sopra Minerva steht eine erstaunliche Statue. Ein Elefant, der einen Obelisken trägt. Es ist an sich nicht der Elefant selbst, der die Gemüter erregt. Sondern seine Position. Denn sein Hinterteil zeigt symbolträchtig in Richtung des Dominikanerklosters.  Zwei große Köpfe der Geschichte würden diese Statue als Teil später Gerechtigkeit empfinden. Galileo Galilei und Giordano Bruno wurden hier gefoltert, gedemütigt und zum Widerruf ihrer Schriften und Ideen gezwungen. Wer einfach daran vorbeiläuft, dem ist ein wichtiger Teil Roms an selbigem vorbeigelaufen.

Nachdenklich wird die Germanistin Birgit Ohlsen, wenn sie im wahrsten Sinne des Wortes über so manchen Stein stolpert. Stolpersteine nennt man die Gedenksteine, die in den Boden eingelassen wurden, um die Greueltaten der Faschisten ewig erinnerlich zu halten. Man liest die Lebensdaten, deren Ende bis heute manchmal unbekannt ist. Man rechnet nach wie alt die Menschen waren als es brachial an der Tür klopfte oder die Pforte mit Gewalt zerbarst, weil hochmotivierte Karrieristen und menschenverachtende Querdenker es so für nützlich hielten. Als Deutsche, die sich intensiv mit deutscher Sprache, also dem originärem Kulturgut beschäftigt ein äußerst saurer Drops, den sie aber bereit ist zu lutschen.

Die Römischen Augenblicke versetzen mehr als den Sehsinn in Bewegung. Immer wieder erkennt man vielleicht Bekanntes, das man selbst anders oder nur im Vorbeigehen wahrgenommen hat. Birgit Ohlsen versetzte den Leser wieder zurück an den Ort und die Zeit, wo Rom nicht einfach nur Rom war. Rom war Sehnsuchtsort, den man unbedingt sehen wollte. Doch nachdem er Alltag wieder eingekehrt war, verblasste so manches Erlebnis im Grau der Monotonie. Hier werden Erlebnisse wieder lebendig, werden neue Sehnsüchte geboren. Denn wenn eine Stadt schon ewig existieren wird, lohnt es sich immer wieder dorthin zu fahren. Und dann sicherlich mit diesem Buch im Gepäck.

Oberitalien

Es ist einsam, da oben an der Spitze – so mancher wünscht sich das auch da oben, in Oberitalien, an so manchem Ort. Überall staunende Touris, die es nicht lassen können, sich dort breitzumachen wohin sie die Reisebände für die Masse(n) hinführen. Eigentlich bräuchte Oberitalien (also die Gegend von … bis … in nord-südlicher Ausrichtung, und von … bis … in west-östlicher Richtung) keine Reisebände. Ist ja eh alles bekannt. Meint man. Dann kann (und es wird so sein!) es natürlich passieren, dass die „Anderen“ das genauso sehen, und einem permanent über den Weg laufen. Erholung kann dann sehr anstrengend sein.

Eberhard Fohrer stellt sich der Mammutaufgabe Oberitalien auch abseits der offensichtlichen Schönheiten zu erkunden und dem Leser ein (Ober-) Italien zu zeigen, dass er ohne dieses Buch wohl nicht so einfach entdecken könnte. Oberitalien ist der Bereich oberhalb des Stiefelschafts plus eine gedachte Linie von der Kniescheibe bis ins obere Drittel der Wade. Sofern der italienische Stiefel unter dem Knie endet! In anderen Worten: Von Südtirol bis San Marino und von Turin bis Triest. Auch wer im Geschichtsunterricht mehr aus dem Fenster statt an die Tafel geschaut hat, weiß, dass hier Geschichte geschrieben wurde und – aus touristischer Sicht – immer noch geschrieben wird.

Wer in der Lombardei seine Erholung sucht, kommt am Namen Visconti nicht vorbei. Ja, die Viscontis, deren berühmtester Vertreter der Regisseur Luchino Visconti. Seine Vorfahren machten sich gern und häufig in dieser Region breit. Ihre Hinterlassenschaften sind bis heute Markenzeichen von so manchem Ort. Borghetto, ein Ortsteil von Vallegio sul Mincio zu Füßen des Gardassees wartet ebenso mit einer Ponte Visconti auf – unbedingt den Parco Giardino Sigurtà besuchen, eine riesige Gartenanlage, die jeglichen Anflug von Sorgen im Handumdrehen vertreibt – wie Pavia mit seinem Castello Visconteo. Piacenza, gerade so in die Region Emilia Romagna eingebettet, kann sich ebenfalls mit einer Visconti-Behausung schmücken. Wirklich: Schmücken! Nur drei Orte, die innerhalb von einer reichlichen Stunde per Bahn zu erreichen sind. Bahnfahren in Italien – ein Muss, ein Schongang für den Geldbeutel und ein einwandfrei funktionierendes Beförderungssystem, das nur mit wenigen Verspätungen auskommt.

Oft ist es so, dass prall gefüllte Reisebände, die einen großen Teil eines Landes beschreiben sollen, bei der Aufzählung von Kirchen und anderen heiligen Stätten ihr Potential ausgeschöpft sehen. Man hetzt dann von Kirche zu Kirche – in Brescia liegen Alter und Neuer Dom schmerzfrei nebeneinander – und verpasst dabei den Rest. Wer also nicht nur siebenhundert Seiten gefühltes Kirchensponsoring sucht, sondern paradiesische Aussichten (zu empfehlen hier der Lago d’Iseo, der kleinste der vier großen Seen im Norden, wo echte Pyramiden in den Himmel wachsen), erlebnisreiche Touren (mit dem Rad am Po entlang – ein Genuss und dank der kaum vorhandenen Hügel für jedermann erlebbar) und genussvoll die Gaben italienischen Küche (nodo d’amore – bekannt, aber unter einem anderen Namen…mit eigenem Festival) als Normalität in sich aufsaugen will, tut Not daran die eingeschlagenen Wege eines Eberhard Fohrer zu nutzen. Jeder noch so kleiner Restauranttipp sitzt, jeder Aussichtspunkt hält das, was der Autor verspricht und mit jeder Seite, die man nach dem Urlaub noch einmal grob überschaut, wächst die Sehnsucht noch einmal Pavia, Bologna, Brescello (dort, wo Don Camillo und Peppone mit ihren Nickligkeiten dem Anderen das Leben erschwerten) zu besuchen. Noch ein Grund gefällig? Viele Tourismusbüros sind genau dann geschlossen, wenn man sie am nötigsten hat. Und dann? Warten? Nein, zum Fohrer greifen!

Lesereise Florenz

Wenn der Freiheit sechs Kugeln entgegengestellt werden, wenn große Meister ihren Auftraggebern trotzen, wenn Selbstgeschaffenes dem Massenluxus den Rang ablaufen soll, ist man in Florenz … goldrichtig.

Barbara de Mars schreitet zusammen mit dem Leser in ihrer „Lesereise Florenz“ durch das Florenz, das in Prospekten nicht angeboten wird. Die Uffizien, die David-Skulptur, der Ponte Vecchio sind Beiwerk oder vielmehr Ausgangspunkt für ihre Erkundungen der Stadt am Arno. Wenn sich jährlich scheinbar die halbe Welt durch die Wiege der Renaissance frisst, ist man als kundiger Leser dieses Buches auf der sicheren – ruhigeren – Seite des Gabentisches.

Die Autorin macht einen Abstecher ins Hinterland der Stadt, die als handliche Stadt bezeichnet wird (Warum? Lesen!). Biobauern betrachten ihre Arbeit nicht als Trend, sondern als Notwendigkeit und Passion.

Modeschöpfer, die das große Geld schon verdient haben, ohne dabei der Globalisierung anheimfallen zu müssen. Ihre Produktionsstätten waren, sind und bleiben in Florenz. Ihr Siegel „Made in Italy“ verdient diesen Namen noch. Andere verdienen vielleicht mehr, sind aber nicht mehr als Spekulationsobjekte von Fonds geworden, die sich mit dem Namen der Ahnen schmücken.

Rauhbeinige Fußballer, die dem Calcio Storico fröhnen, und tagsüber mit elegantem Schwung Pizza backen, kreieren und servieren.

Und immer wieder der Blick zurück. Zurück in die Zeit der Medici, Galileis, Machiavellis – Namen, die die Stadt prägten und deren Ruf bis heute nachhallt.

Die „Lesereise Florenz“ gehört ins Reisegepäck, wenn die Toskana und somit unweigerlich auch Florenz auf dem Plan stehen. Mit Wohlwollen nimmt man zur Kenntnis, dass Barbara de Mars darauf verzichtet jede Wegbiegung und jedes Histörchen mit einem Haltepunkt zu verbinden. Sie vermittelt ganz unvermittelt das Lebensgefühl der Stadt. Man wird sicher nicht zum Florentiner – das ist ein Gebäck – doch man spart sich das oftmals oberflächliche Werben um die Stadt aus den Mündern mehr oder weniger qualifizierter Guides, die mit Regenschirm ihrer Wandergruppe voranschreiten. Denn einen persönlichen Reiseguide hat man mit diesem Buch, in Person von Barbara de Mars bereits gefunden! Sie lebt seit zwei Jahrzehnten in der Toskana und kann mit Fug und Recht von sich behaupten eine echte Kennerin der Region zu sein. Ihr zu folgen, ist ein Vergnügen und Pflicht zugleich.