Archiv der Kategorie: aus-erlesen bella

Lesereise Florenz

Wenn der Freiheit sechs Kugeln entgegengestellt werden, wenn große Meister ihren Auftraggebern trotzen, wenn Selbstgeschaffenes dem Massenluxus den Rang ablaufen soll, ist man in Florenz … goldrichtig.

Barbara de Mars schreitet zusammen mit dem Leser in ihrer „Lesereise Florenz“ durch das Florenz, das in Prospekten nicht angeboten wird. Die Uffizien, die David-Skulptur, der Ponte Vecchio sind Beiwerk oder vielmehr Ausgangspunkt für ihre Erkundungen der Stadt am Arno. Wenn sich jährlich scheinbar die halbe Welt durch die Wiege der Renaissance frisst, ist man als kundiger Leser dieses Buches auf der sicheren – ruhigeren – Seite des Gabentisches.

Die Autorin macht einen Abstecher ins Hinterland der Stadt, die als handliche Stadt bezeichnet wird (Warum? Lesen!). Biobauern betrachten ihre Arbeit nicht als Trend, sondern als Notwendigkeit und Passion.

Modeschöpfer, die das große Geld schon verdient haben, ohne dabei der Globalisierung anheimfallen zu müssen. Ihre Produktionsstätten waren, sind und bleiben in Florenz. Ihr Siegel „Made in Italy“ verdient diesen Namen noch. Andere verdienen vielleicht mehr, sind aber nicht mehr als Spekulationsobjekte von Fonds geworden, die sich mit dem Namen der Ahnen schmücken.

Rauhbeinige Fußballer, die dem Calcio Storico fröhnen, und tagsüber mit elegantem Schwung Pizza backen, kreieren und servieren.

Und immer wieder der Blick zurück. Zurück in die Zeit der Medici, Galileis, Machiavellis – Namen, die die Stadt prägten und deren Ruf bis heute nachhallt.

Die „Lesereise Florenz“ gehört ins Reisegepäck, wenn die Toskana und somit unweigerlich auch Florenz auf dem Plan stehen. Mit Wohlwollen nimmt man zur Kenntnis, dass Barbara de Mars darauf verzichtet jede Wegbiegung und jedes Histörchen mit einem Haltepunkt zu verbinden. Sie vermittelt ganz unvermittelt das Lebensgefühl der Stadt. Man wird sicher nicht zum Florentiner – das ist ein Gebäck – doch man spart sich das oftmals oberflächliche Werben um die Stadt aus den Mündern mehr oder weniger qualifizierter Guides, die mit Regenschirm ihrer Wandergruppe voranschreiten. Denn einen persönlichen Reiseguide hat man mit diesem Buch, in Person von Barbara de Mars bereits gefunden! Sie lebt seit zwei Jahrzehnten in der Toskana und kann mit Fug und Recht von sich behaupten eine echte Kennerin der Region zu sein. Ihr zu folgen, ist ein Vergnügen und Pflicht zugleich.

In Pompeji

„Ganz ruhig bleiben, ich will nichts Böses. Nur reinkommen. Mich ein wenig umschauen. Keine Angst. Es besteht kein Grund auszubrechen!“ Die Stadt Pompeji wird immer mit einem Gefühl der Ehrfurcht betreten, das antike Pompeji natürlich. Der Vesuv hat vor knapp zweitausend Jahren die blühende Stadt in ein Aschegrab immensen Ausmaßes verwandelt. Und so geschah es, dass Pompeji zu Sinnbild der modernen Ausgrabungen in Europa wurde. Heute kann man (fast) ruhigen Gewissens über das holprige Pflaster wandeln – Augen auf, denn auch da verbergen sich mehr oder weniger wichtige, auf alle Fälle zum Schmunzeln einladende Beweise – und sich einen detaillierten Überblick verschaffen, wie Zivilisation vor Jahrtausenden aussah.

Das Image der antiken Schönheit, die der Natur nichts als Durchhaltevermögen entgegensetzen konnte, zog schon immer die Besucher an. Unter ihnen auch große Namen. Charles Dickens und Mark Twain besuchten die Stadt. Letzterer hatte die Schrecken des amerikanischen Bürgerkrieges miterlebt und sah nun wie Italien nach und nach zu sich selber fand.

Pierre-Auguste Renoir holte sich in den Ruinen ernsthafte Inspirationen für seine Werke. Roberto Rossellini verführte Ingrid Bergman mit einem Ausflug hierher zur Zusammenarbeit. Pompeji war und ist immer noch ein Ort, den man mit besonderer Ehrfurcht betritt.

Fernab der Touristengruppen, die sich mehr oder weniger gelangweilt ellenlange mehr oder weniger inspirierende Vorträge anhören (müssen), legt die Stadt dem Wissbegierigen ihr Herz frei.

So beeindruckend die Stadt bis heute ist, so unbeholfen wirkt man heute oftmals, wenn man die Eindrücke beschreiben will. Ingrid Rowland ging es nicht anders, als mit acht Jahren das erste Mal nach Pompeji kam. Erst die Abreise aus New York, dann die Aussicht auf ein halbes Jahr Mainz in Deutschland, wo ihr Vater arbeiten konnte. Der Abstecher nach Italien veränderte ihr Leben. Immer die Kamera in der Hand wurde sie von Pompeji magisch angezogen. Das ging so weit, dass es ihr ein Herzensbedürfnis war dieses Buch zu veröffentlichen. Von Mozart bis Renoir, von Twain bis Dickens lässt sie große Worte in diesem Buch zusammenfließen zu einer appetitanregenden Mixtur aus Historie, Erläuterungen der selbigen und leicht eingängiger Wissensvermittlung. Man muss kein großer Antikenfreund sein, um den Zeilen folgen zu können. Nur Interesse muss man mitbringen, dann wird „In Pompeji“ zu einem Buch, dass die Reiselust weckt und so manche Mußestunde versüßt.

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.

Sizilien. Eine Geschichte von der Antike bis in die Moderne

Je nach Größe verfügt jede Stadt, jede Region, jedes Land über eine gewisse Anzahl von Bauwerken oder Naturschönheiten, die unverwechselbar sind. Und jeder Besucher will dort hin. Oft sind es die Stilbrüche, die einen Ort so einzigartig machen. Und je mehr davon zu sehen ist, desto beliebter war dieser Ort, diese Region, diese Insel (wir nähern uns langsam dem Thema). Davon kann man ausgehen. Denn zum Einen war der Ort – okay, sagen wir wie es ist: Die Insel – schon vor Zeiten ein Anziehungspunkt und man blieb auch lang genug, um sich hier ein Denkmal zu setzen, eine Burg zu bauen, auf jeden Fall etwas Bleibendes zu hinterlassen. Eine Frühform von Multikulti.

Und dann steht man in Sizilien. Auf einer Piazza, einer Via in einer Stadt, einem Dorf oder am Strand. Und überall wimmelt es nur von fremder Architektur, exotische Düfte umschwirren die Nase, ein seltsam hartes Italienisch dringt ins Ohr … es ist zwar Italien, aber auch noch vieles Anderes. Je nach Reiseband ist man nun aufgeschmissen oder man erfährt so manches, warum es hier so aussieht wie es ist.

Man kann aber auch die Abkürzung nehmen und den Richtigen fragen. John Julius Norwich ist der Richtige. Er ist der Chronist der Winde und Stürme, die über die größte Insel des Mittelmeeres jemals fegten. Und er kennt sie alle, die Griechen, die Karthager, die Römer und die Barbaren, von Napoleon bis zur Mafia. Es ist faszinierend dem Autor auf seinem Ritt durch die Geschichte zu folgen. Und folgen kann man ihm ganz leicht. Als ob es die einfachste Sache der Welt wäre, macht er Geschichte, die Geschichte Siziliens greifbar, nahbar. Kein stupides Daten herunterrasseln oder gehetztes „dann kam der, dann der und dann die“ etc. Hier ist ein Fachmann am Werk, der nicht nur sein Themengebiet beherrscht, sondern spielerisch Anekdoten und Fakten miteinander zu verknüpfen weiß.

Man muss dieses Buch nicht lesen, um Sizilien zu lieben. Aber es ist Basislektüre, um es zu verstehen. John Julius Norwich stellt keine Hinterlassenschaften in den Vordergrund, er stellt die Erbauer vor, führt den Leser in längst vergangene Zeiten und verknüpft die historischen Eckpunkte zu einem edlen Teppich, auf dem sich vorzüglich Sizilien erkunden lässt. Die Liebe zu der Insel ist in jedem Absatz spürbar. Immer weiter zieht der Autor den Leser in die ereignisreiche Historie der Insel, die von den Normannen genauso beeinflusst wurde wie von deutschen Kaisern, sarazenischem Säbelrasseln, griechischer Kulinarik oder anderen „Ehrenmännern“. Sizilien ist der wahrgewordene Urlaubstraum, dieses Buch der ideale Begleiter.

Italien – Der Norden

Das reicht fürs Erste! Meint man schelmisch, wenn man das über sechshundert Seiten starke Werk in den Händen hält. Unhandlich? Ja, ganz so leicht wie so manch anderer Reiseband ist dieser hier nicht. Aber die Macher haben eine verdammt gute Ausrede. Denn Italiens Norden ist reicher an Kulturschätzen als die meisten Länder dieser Erde überhaupt vorweisen können. Und hätten wir alle doppelt so große Hände, könnte das dann viermal so große Werk immer noch nicht alles in Wort UND Bild erfassen. Nehmen wir die Größe des Buches hin und schauen nach den inneren Werten. Fast wie im richtigen Leben…

Als erstes muss man die beiliegende Karte herausholen. Das Schmatzen der Folie, wenn man die Karte zum ersten Mal herausfingert, fördert die Neugier, Beim Auffalten wird klar: Von Turin bis Triest, von Como bis Rom, von Parma über Florenz und Genua bis nach Bologna wird der Reiselust ordentlich Zucker gegeben.

Die Fülle an historischen Plätzen und die schier unendliche Menge an Kulturgütern lassen eine Planung oft schon im Keim ersticken. Mit diesem Buch in der Hand lässt es sich erquicklich planen. Das erste Viertel – immerhin einhundertfünfzig Seiten – gibt einen Einblick in die lange Geschichte des Stiefels. Es wird mit Klischees aufgeräumt, Tipps zum Verhalten gegeben und mögliche Ausflugstouren vorgeschlagen. Diese sollte man als Italien-Neuling ernstnehmen. Denn, auch wenn Verlaufen in Italien niemals zum Desaster gerät, wer planlos Italien erkunden will, kommt nur schwer von der Stelle. In Spuckweite lauert garantiert schon das nächste Highlight.

Auf den folgenden Seiten wird der Norden Italiens alphabetisch unter die Lupe genommen. Geographische Kenntnisse sind also nicht von Nöten – das erleichtert so manchem die Suche, welcher Ort denn nun als nächstes erobert werden kann und endloses Blättern. Herausklappbare Seiten sparen Platz und vermitteln trotzdem die Pracht und Herrlichkeit von so beeindruckenden Bauwerken wie dem Mailänder Dom oder der Piazza della Signora in Florenz oder dem Palazzo Ducale in Mantua oder … ach, es gibt so vieles zu entdecken im Norden Italiens.

Angereichert wird jeder Ort – und es sind nicht nur die großen Städte und Gemeinden, die im Buch Erwähnung finden – mit kurzen Tipps zu den Sehenswürdigkeiten, die man unbedingt gesehen haben muss. Auch Restauranttipps, Übernachtungsmöglichkeiten und nützliche Hinweise zum Geld verprassen runden das Bild ab.

Sicher, es gibt handlichere Reisebände. Aber da steht dann eben nur das drin, was eh offensichtlich ist. Wer auf dem Markus-Platz in Venedig den Markusturm sucht, muss sich nur umdrehen und braucht keinen Reiseband. Wer aber allumfassend informiert sein will, die eine oder andere Touristenfalle umgehen und versteckte Ecken erkunden möchte, braucht Rat. Und den findet jeder in diesem Buch. Ein Begleiter, der äußerlich auf den ersten Blick etwas zu viel auf den Rippen zu haben scheint, doch innerlich ein Füllhorn an Informationen und eingängigen Tipps parat hält.

Bevor sie Euch töten

Wären Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele Urlauber auf Sizilien, sie hätten das Paradies für sich entdeckt. Doch die Situation stellt sich ganz anders dar. Sie verstecken sich in den Bergen, denn ihr Leben ist nichts mehr wert. Mitte der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts fliegen die alliierten Bomber einen Angriff nach dem anderen. Ganze Landstriche werden verwüstet.

Die einstigen Herren erhalten ihre Macht durch grundbesitzt, den sie schonungslos verteidigen. Harte Arbeit und schlechte Bezahlung lassen die Menschen aufbegehren. Ihre Anliegen werden niedergeknüppelt. Und auch sonst herrscht das Gesetz der Stärkeren. Die Vier haben alle ihre Gründe vor der Realität zu fliehen. Hier in den Bergen sind sie sicher. Ab und zu werden sie mit Proviant verpflegt. Ihr Ziel: Venezuela. Ein sorgenfreies Leben. Mit Frauen. Davon träumen sie, wenn sie den Tag passieren lassen. Insgeheim wissen sie, dass hier ihr Leben enden wird. Doch die Hoffnung, dass dem nicht so ist, lässt sie weiter in ihrer Phantasie schwelgen.

Zwischen perfiden Arten des Mordens und eindrucksvollen Landschaftsbeschreibungen verführt Giuseppe Fava den Leser in ein Sizilien, das so gar nichts mit der verklärten Prospektwelt der Reiseveranstalter zu tun hat. Entlaufene Töchter, entehrte Familien, unmenschliche Arbeitsbedingungen in sengender Hitze, skrupellose Landbesitzer sind real und werden ungeschönt beschrieben. Fava geht soweit, seinem Quartett eine letzte Chance zu geben: Vier Pässe gegen einen „einfachen Mord“. Werden die Vier das Angebot annehmen? Sind damit endgültig alle Schrecken vergessen, und wird ihnen nun das Paradies offenstehen?

Wohl kaum. Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele stehen sinnbildlich für die Verzweiflung Siziliens. Jung und Alt, begehrend, verzweifelt, hoffnungsvoll, hungrig – nur mit dem Ziel ihre geliebte Heimat alsbald verlassen zu können. So stark die Verwurzelung auch sein mag, so stark ist der Wunsch diese Wurzeln anderswo gedeihen zu lassen. Ihr Versteckspiel – wie werden immer noch aus verschiedenen Gründen als Banditen gesucht – ist eine Art Abschiedswanderung. Doch der Abschied will einfach nicht nahen…

Giuseppe Fava engagierte sich sein Leben lang im Kampf gegen Korruption, namentlich Mafia, und er hatte keinen Berg, auf dem er sich verstecken konnte und den Spieß umdrehen konnte. Seien Helden sehen keinen anderen Ausweg als selbst zu dem zu werden, das sie bekämpfen. Fava wurde von der Mafia ermordet, vor seinem Theater in Catania, in dem sein Anti-Mafia-Stück aufgeführt wurde. Trotz aller Versuche der Mafia einen Prozess zu verhindern, sitzen die Schuldigen heute hinter Gittern.

Accabadora

Was haben „Der Dritte Mann“, „Accabadora“ und beispielsweise „Tom Sawyer“ gemeinsam? Auf Anhieb ist man in der Geschichte, riecht die Umgebung, taucht ein in eine fremde Welt und spürt, dass etwas Besonderes im Gange ist. Es gibt sicher noch mehr Bücher, die so oder so ähnlich auf den Leser wirken, aber „Accabadora“ sticht aus dieser schier unendlichen Reihe noch einmal ganz besonders hervor.

Michela Murgia setzte sich mit ihrem ersten Roman ein Denkmal, das niemand wagen sollte umzustürzen. Sardinien zu einer Zeit, die nicht näher beschrieben wird, was aber auch unerheblich ist. Denn Traditionen werden auf Sardinien nicht nur für Touristen „aufgeführt“, sie sind elementarer Bestandteil der Inselkultur.

Während im standardisierten Europa über Sterbehilfe mit falschem Pathos und unerträglicher political correctness gestritten wird, übt hier im Mittelmeer die Accabadora diese Dienstleistung aus. Auch das sensible Thema Adoption wird hier eher praktisch gehandhabt. Maria ist das vierte Kind. Ihre drei Schwestern sind schon groß, sie als Nachzüglerin wird zu Tzia Bonaria gegeben. Tzia ist das sardische Wort für Tante. Bonaria Urrai heißt sie mit vollem Namen. Und eben diese Tzia Bonaria ist eine oder die Accabadora. Nachts schleicht sie sich heimlich raus, damit die Kleine nicht wach wird. Außerdem ist es ein „Job“, den man nicht an die große Glocke hängt. Wenn Maria groß genug ist, wird sie es schon einzuordnen wissen.

Die Zeit vergeht. Maria wächst heran. Das Verhältnis zur Mutter – ganz großer Unterschied zum bürokratischen Europa – ist noch vorhanden. Tochter Maria und Mutter Anna Teresa Listru stehen sich nahe, aber nicht so nahe wie Maria es sich wünscht. Es ist durchaus üblich, dass Kinder woanders aufwachsen, aber dennoch einen Teil ihrer Zeit bei den leiblichen Eltern verbringen. Sie ist ein Kind des Herzens für Tzia Bonaria. Eine liebevolle Bezeichnung.

Und nicht minder liebevoll ist jede einzelne Seit der Sardin Michela Murgia. Anfangs ein bisschen mystisch, dann fast märchenhaft, nimmt der Roman immer klarere, reale Formen an. Traditionen und Fortschritt schließen sich nicht aus. Wobei die Traditionen, bei Todesfällen wird nicht nur Aufwartung gemacht, sondern echt Trauerarbeit geleistet – niemand würde es aber so bezeichnen, weil es eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Der Leser wird in eine Welt entführt, die geographisch gar nicht so weit entfernt ist, dennoch in unendlichen Weiten verortet wird. Es ist das nicht hoch genug anzurechnende Verdienst der Autorin dem Leser diese Welt leichtfüßig zu erklären. Das Fremde ist, wie so oft im Leben, gar nicht so furchteinflößend. Es ist eben fremd, aber das kann man ja kennenlernen. „Accabadora“ jedenfalls gehört in jede Strandtasche an jedem Strand der Welt.

Oberitalienische Seen

Die Lage der Laghi ist aber auch idyllisch! Lago Maggiore, Lago die Como, Lago d’Iseo, Lago die Garda – schon die pure Erwähnung lässt das Herz höher schlagen. Ringsherum die Alpen, nur eine Wetterlage, nämlich Sonne, vor Kraft strotzende Vegetation und glasklares Wasser. Nur ein Klischee? Nicht ganz, natürlich regnet es hier auch einmal. Aber ansonsten stimmt alles. Jeder, der hier schon einmal geurlaubt hat, wird es bestätigen. Schlimm nur, wenn man den ganzen Tag nur auf der faulen Haut gelegen und nichts vom Drumherum genossen hat.

Für’s Drumherum gibt es den Reiseband „Oberitalienische Seen“ von Eberhard Fohrer. Er hat den Traumjob an Land gezogen und „betreut“ dieses Projekt. Um es vorweg zu nehmen, auch die kleineren Seen wie Lago di Caldaro, Lago di Bráies, Lago di Fiè und einige andere mehr werden genauso ausführlich vorgestellt und präsentiert wie die großen Vier. Es ist an der Zeit Inselhopping hintenan zu stellen und Lake-Hopping zu betreiben. Mit dem Rad, mit dem Auto oder per pedes. Ob mit dem Bus in lautstarker Runde mit 24/7-Betreuung bis zur Selbstaufgabe oder ganz individuell nach Lust und Laune. Ob mit offenen Augen oder den Strapazen der Wanderungen ins Auge schauend – ein jeder wird mit diesem Buch einen zufriedenen Urlaub erleben dürfen.

Lago d’Idro – nie gehört. Kein Verbrechen, aber eine Ordnungswidrigkeit das Kapitel zu überlesen. Nicht mal eine Stunde braucht man mit dem Auto, um vom Rummelplatz Gardasee, wie Eberhard Fohrer es schreibt, zum nicht weniger idyllischen Idro-See zu gelangen. Es ist der höchstgelegene See der Lombardei. Hobbyangler kommen hier auf ihre Kosten sowie eigentlich alle, die nur eines suchen: Ruhe und Erholung. Und das kann auch aktiv geschehen. Bei entsprechenden Windverhältnissen lassen Kite-Surfer ihren Drachen steigen. In einem der berühmten gelb unterlegten Rahmen – das durch den Michael-Müller-Verlag zum Standard erhobenen Neben-der Strecke-Was-Interessantes-Erfahren gibt Eberhard Fohrer einen Tipp, den man nicht ausschlagen sollte: Eine Fünf-Seen-Tour. Lago die Garda, Lago di Valvestino, Lago d’Idro, Lago d’Ampola und Lago di Ledro. Den ersten See kennt man, die anderen dürften für die meisten mehr als nur eine Überraschung parathalten. Am besten mit dem Rad. Denn hier werden die Autofahrer gewarnt, dass hier auch andere Schaulustige unterwegs sind. Sonst müssen immer die Pedalisten Obacht vor den motorisierten Urlaubern nehmen.

Wer sich die Seenlandschaft Oberitaliens auf eigene Faust erschließen will, ist auf Hilfe angewiesen, wenn er so viel wie möglich in der viel zu kurzen Urlaubszeit erleben will. Eberhard Fohrer bietet sich gern an, als Reiseführer, als Hinweisgeber, als Einladender für jeden, der Grandezza mit Calma verbinden will.

Übrigens wird für den 1. August 2017 die achte Auflage der südlichen Schwester dieses Reisebandes das Licht der Welt erwartet. „Oberitalien“, das Buch, das nicht nur Wassererlebnisse, sondern auch die Metropolen Mailand und Turin, Venetien, Friaul-Julisch Venetien, Trentino und Piemont mit dem Aosta-Tal bietet. Wird Zeit, denn die siebte Auflage ist bereits vergriffen. Solange „begnügt“ man sich mit den Seen des Nordens. Mehr als nur eine Wartezeitverkürzung.

Jasmin

Dania ist Schriftstellerin in Algerien. Die Gewalt im Islam und die Rolle der Frau beschäftigen sie nicht nur in ihren Romanen, sondern auch im wahren Leben. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Und das obwohl die Dreiundzwanzig ihre Zahl ist. Um sie dreht sich alles. Sie ist an einem Dreiundzwanzigsten geboren. Die Quersumme ist die Fünf. Vier Schwestern sind sie und die Mama. Alle wie Gebete. Morgengebet, die beiden Mittagsgebete. Dania steht für das Gebet für den Sonnenuntergang, Maghreb, die Nachzüglerin Sonja für den Epilog des Tages. Melodisch, verträumt, sanft sind die Worte von Dania. Schroff hingegen der Vater, der der Poesie des Tages und der Frauen, Rohheit und Ablehnung entgegenspeit.

Isabelle ist französische Journalistin, die in Algier Dania bei einer Lesung kennenlernt. Isabelle ist frei nach den Maßstäben Danias. Doch auch sie ist gefangen im Korsett ihres Alltags. Zwischen den beiden beginnt eine spannende und wohlfruchtende Freundschaft, die sich in ihren Briefen und Mails zwischen den beiden ihren Weg bahnt.

Auch Isabelle hat eine besondere Beziehung zur Dreiundzwanzig. An einem Dreiundzwanzigsten hatte sie eine Eingebung Algerien zu besuchen. Wieder zu besuchen! Denn vor einem halben Jahrhundert, vor den großen Umwälzungen im mittlerweile größten Land Afrikas, verließen sie und ihre Familie Algerien. Seitdem lässt sie der Gedanke noch einmal Algier zu sehen nicht mehr los.

Nadia Sebkhi lässt Dania und Isabelle ihre Leben selbst reflektieren. Im Dialog aneinander brechen sie mit den Regeln des Schweigens. Sie finden den Mut und eine gewisse Art Erlösung in den Zeilen, die sich gegenseitig schreiben. Intellektuell und wortstark bestärken sie sich in ihren Gedanken.

Seit dreißig Jahren existiert der Verlag von Donata Kinzelbach. Dreißig Jahre, in den sie unermüdlich Literatur vorrangig aus dem Maghreb aufstöbert, übersetzt und auf Deutsch veröffentlicht. Diese Arbeit wurde 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt mit der Begründung, dass sie mit ihrer Arbeit die Tür zur Vermittlung zwischen Kulturen und Kulturkreisen aufgestoßen habe. In der Zwischenzeit sind über einhundert Titel im Kinzelbach-Verlag erschienen. „Jasmin“ ist sicherlich einer der herausragendsten Titel in dieser Reihe, aber noch lange nicht der letzte.

Der Riss

Ein Buch über einen Konflikt zwischen zerstrittenen Parteien im Krieg braucht eigentlich nur zwei Zutaten: Partei A und Partei B. Der sich daraus erschließende Zwist ist oft bekannt und das Buch bietet nur selten etwas Erhellendes. „Der Riss“ von Paolo Eimilio Petrillo – der Name lässt es erahnen, von welcher Seite das Problem/der Konflikt betrachtet wird – nimmt sich eines weiteren Themas an. Eines Themas, das man so nicht vermutet hat und dass auch sonst kaum Beachtung findet.

Deutschland und Italien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Europa wird vom Mantel des Schreckens verhüllt. Menschenmassen werden ermordet. Und die Allianz zwischen dem Führer und dem Duce steht fest wie ein Fels in der Brandung. Ein Band, das auch die Alliierten nur schwer zerschneiden können. Doch dann kam der 8. September 1943. Italien löst die Verbindung zum Deutschen Reich. Wie kam es dazu? Und vor allem, welche Spuren hat die Vertragsauflösung hinterlassen?

Fünf Jahre hat Paolo Emilio Petrillo für die Recherchen zu diesem Buch aufgewendet. Fünf Jahre, die ihm viel Neues zeigten und nun als Buch auch auf Deutsch zu neuen Erkenntnissen führen werden. Die Komplexität des Buches erlaubt es nicht auf einzelne Begebenheiten in einer Buchbesprechung einzugehen. Irgendwas würde immer fehlen – und somit den ersten Eindruck verfälschen.

Dieses besagte Datum war ein Einschnitt im Verhältnis Deutschlands zu Italien. Und umgekehrt natürlich auch. Aber war es auch ein Bruch für die Italiener und Deutschen? Oder doch nur für das, was als Italien und Deutschland bezeichnet wird? Fakt ist, dass schon kurze Zeit später dieses Mal in friedlicher Absicht die Deutschen zurückkamen – als Besucher. Als Sonnenanbeter. Und die Italiener? Begrüßten sie mit offenen Armen. Doch kein Riss, der nicht zu kitten ist? Ein eindeutiges Ja!

Der Journalist und Deutschland-Korrespondent Petrillo nimmt sich die Verflechtungen der Jahre 1915 bis 1943 vor. Nicht einmal dreißig Jahre, die aber für Europa, für die Welt eine wegweisende Zeit war. Zwei Weltkriege ließen selbige aus den Fugen geraten, führten Veränderungen in ungeahntem Ausmaß in einer sehr kurzen Zeit herbei. Derartige Umwälzungen kannte man nicht. Und man (in Deutschland sowieso, im Rest der Welt mit unterschiedlichem Ergebnis) gewöhnte sich nur schwer daran.

Mit akribischer Recherche und nicht nachlassender Energie befragt Petrillo Historiker, Politiker und Diplomaten wie sie – mit einigem (zeitlichen) Abstand – sie den 8. September 1943 bewerten. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches Abbild der Geschichte zweier Länder, die noch geographisch so nah, gefühlt aber weit auseinander liegen. Die Geschichte des zweiten Weltkrieges muss nicht neugeschrieben werden. Viel Neues wird es nie mehr geben. Doch Paolo Emilio Petrillo ist es zu verdanken, dass ein bislang unterbewertetes Kapitel in den Fokus gerückt wird.