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Die letzten Stunden meiner Brille

Die letzten Stunden meiner Brille

Nino Vetris erster Roman entführt den Leser ins Palermo der Geschichten. Sein Vater verliert nach und nach sein Gedächtnis. Auf dem Weg zum Doktor fallen ihm immer wieder Geschichten aus der Kindheit ein.

Damals wollte er eine Punkband gründen. Der Unbegabteste sollte Schlagzeug spielen. Wie universell doch Punk sein kann. Der Großvater hat noch ein Maschinengewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Das fasziniert die Jugendlichen ebenso wie die neugewonnene Anerkennung als Band. Die einzelnen Geschichten nachzuerzählen fällt schwer, weil jedes Schicksal mit dem anderen verwoben ist. Zeitsprünge werden nicht angekündigt.

Der Leser wird trotzdem nicht überfordert. Im Gegenteil: Er wird gefühlvoll durch das Labyrinth der Geschichten geführt. Zwischen Bombenhagel und Gitarrengeschrammel findet er sich mitten in Palermo wieder. Einer Stadt, in der die Bewohner stets von Sehnsucht getrieben sind. Die Geschichte bietet ihnen die Basis für ihr eigenes Leben, das sie nun selbst gestalten müssen, dürfen, können.

Als Beiwerk gibt es eine CD mit Musik von „La Banda di Palermo“, der Band von Nino Vetri. Eine Art Ethno-Folk. Lässt man sie während des Lesens nebenbei laufen, tauchen die Bauten der Stadt vor einem auf. Der Straßenlärm versinkt im Klang der Instrumente.

Andrea Camilleri war begeistert von diesem Buch: „Ironisch, elegant und direkt“, nannte er das Erstlingswerk von Nino Vetri. „Die letzten Stunden meiner Brille“ ist ein Kurzroman, den man mehrmals liest. Und bei jedem Mal erschließt sich eine andere Welt. Kriegserinnerungen, Jugendsünden, Schicksale. Immer wieder wird der Leser in eine neue, faszinierende Welt geführt. Siziliens Dichter waren seit jeher von ihrem Land angetan. Nino Vetri führt diese schöne Tradition fort und den Leser durch seine Heimat.

Sizilien: Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Sizilien - Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Wow was für eine Reise! Diesen Ausspruch kennt man, wenn man aus Sizilien zurückkehrt. Neidisch lauschen Freunde und Familie den Schilderungen der Reisenden. Es kann aber auch als Fazit dieses Buches gelten. Bleiben wir bei Letzterem.

Das Autorenduo Weber / Sehn beginnt mit einem literarischen Rundumschlag. Sie zeigen anhand sizilianischer Autoren, die über Sizilien schreiben, wie Sizilien ist, wie die Menschen ticken. Zitate und Analysen verschaffen dem Leser und Sizilienenthusiasten einen umfassenden Überblick über das, was die Insel ausmacht. „Die Königin der Inseln“ offenbart sich am besten in Büchern, keine Binsenweisheit – eine Tatsache. Pirandello, di Lampedusa, Camilleri und Sciascia und viele andere gaben ihrer Heimat eine Stimme. Den historischen Zusammenhang der Bücher stellen Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn unumstößlich dar.

Literarisch geht es auch weiter, wenn Sizilien als Reiseland entdeckt wird. Rund zweieinhalb Jahrhunderte erst wird die größte Insel des Mittelmeeres als Reiseziel wahrgenommen. Natürlich war auch Goethe hier, dem es fast die Sprache verschlagen hat. Johann Gottfried Seume war Sizilien einen Fußmarsch wert. Von Sachsen aus lief er zu Fuß nach Sizilien. Heutzutage ist das schon wieder ein eigenes Buch wert…

Die folgenden Kapitel sind den Wurzeln Siziliens gewidmet. Griechen, Deutsche, Normannen und Araber haben allerorten ihre Zeugnisse hinterlassen, die teils heute noch besichtigt werden können. Kenntnisreich und moderat führen die Autoren durch die wechselvolle Geschichte der Invasoren und Herren Siziliens. Das Zeitalter des Barocks hat in Sizilien zahlreiche, überbordende Denkmäler hinterlassen. Da hier die Erde sehr oft bebte und immer noch bebt, wurde so mancher Ort dem Erdboden gleichgemacht. Noto im Südosten wurde barock und farbenfroh wieder aufgebaut. Nur halt ein paar Kilometer weiter. Fachkundig und begeistert zugleich berichten die beiden Autoren von den nicht zu übersehenden barocken Besonderheiten der Stadt.

Bei einem Streifzug durch Sizilien dürfe zwei Dinge nicht fehlen: Die Küche und die Mafia. Nach über zweihundert Seiten Geschichtsunterricht, der auf keiner der Seiten auch nur ansatzweise langweilig wird, nun der folkloristische Teil. Hier verlassen die Autoren ihre Sach-Komfortzone und geben handfeste Tipps. Zum Beispiel geben sie den Ort preis, an dem Commissario Montalbano, Andrea Camilleris Vorzeige-Kommissar, am liebsten seine Leibspeise einnimmt. Und wenn wir schon bei Ermittlern sind, ist die Mafia nicht weit. Sie ist untrennbar mit Sizilien verbunden. Man sieht sie nicht immer und überall, jedoch ist sie da. Seit jeher. Auch dafür haben Weber und Sehn ein Auge. Von den Ursprüngen, die nur selten erwähnt werden, bis hin zum aktuellen Stand wird dem Mob auf den Zahn gefühlt.

Literaturliste, Geschichtsbuch, Legendenbildung, Kochtopfneugier – Sizilien wird bei Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn zum umfassenden Leseerlebnis. Sizilien ist ein Reiseziel für Kopf und Herz. Beides wird in diesem Buch hervorragend gefüttert.

Mamas wunderbares Herz

Mamas wunderbares Herz

Sizilien ist Italien und doch wieder nicht. Die Sonne brennt erbarmungsloser. Der Trubel auf den Straßen ist lauter, das Pesto grober. Palermo setzt dem Ganzen die Krone auf. Man spricht italienisch, in maurisch-normannischer Architektur. Wer Sizilien kennt, will es intensiv erleben, nie mehr loslassen müssen. Wer Nino Vetri liest, wird es nicht wieder erkennen.

Drei Geschichten, die Palermo, Viale Michaelangelo so darstellen wie es ist und niemals auch nur annähernd von einem Touristen erlebt werden kann. So liebevoll wurde die Nähe zu einer Respektsperson – das Wort Pate wäre hier völlig unangebracht – noch nie beschrieben. Mit voller Inbrunst beschreibt Nino Vetri die Düfte des Viertels. Die Flora von Michelangelo wiegt sich im Wind der Worte. Die ganze Blütenpracht der Welt vereint sich in diesem Mikrokosmos. Hier schreibt das Leben die besten Geschichten. Und der Leser ist hautnah dabei.

Eigentlich ist Nino Vetri Musiker. Er gründete „La Banda di Palermo“ – googeln lohnt sich. So mitreißend ihre Musik, so bezaubernd sind auch die Geschichten Nino Vetris. Unprätentiös, echt, voller Liebe für die Menschen und mit wachem Auge beobachtet er die Menschen um ihn herum. Was dabei herauskommt, muss sich nicht vor Andrea Camilleri und Leonardo Sciascia verstecken.

Jede einzelne Begebenheit wird zu einem echten Ereignis. Kurz und kraftvoll schlägt das Schicksal zu. Der Leser kommt kaum hinterher ohne sich gehetzt zu fühlen. Die Hitze der Mittelmeerinsel ist spürbar. Die Härte des Lebens engt den Leser nicht ein, sie gibt ihm Raum sich einzufühlen.

Die Geschichten sind gespickt mit kleinen Anekdoten, die zusammengefügt ein farbenfrohes Bild Palermos zeichnen. Doch die Gefahr lauert überall…

Feuer ans Stroh

Feuer ans Stroh

Wer Feuer ans Stroh gibt, heizt die die Stimmung an. Luigi Pirandello heizt die Sehnsucht nach Sizilien an. Seine Geschichten in diesem Band machen Appetit auf die Mittelmeerinsel.

Gleich die erste – namensgebende – Geschichte zeigt den liebevollen und  gewitzten Umgang der Menschen untereinander. Ein ehemals reicher Mann lebt seit geraumer Zeit von der Hand in den Mund. Alle meiden ihn, weil er ihnen etwas sonderbar erscheint. Zuhause hat er Vögel eingesperrt. Warum nur? Nur einer spricht mit ihm. Der ehemals Reiche, bittet ihn mit ihm zusammen die Vögel freizulassen. Und Feuer ans Stroh zu geben. Der Helfer tut wie im befohlen … allerdings mit einem anderen Ausgang der Geschichte.

Jede einzelne Geschichte ist ein Juwel aus dem literarischen Schaffen Luigi Pirandellos. Mal muss man unfreiwillig schmunzeln, mal schüttelt man den Kopf wegen der Eseleien der Menschen. Doch niemals stellt der Autor sie bloß. Respektvoll lässt er sie an der langen Leine ihre Dinge tun. Dem Leser wird’s gefallen. Wird er doch ins Sizilien der jüngeren Vergangenheit entführt und darf rege am Leben der Sizilianer teilhaben.

Die Helden sind Eigenbrödler, Leute mit besonderen Fähigkeiten, mutige Menschen, die in ihrer Einzigartigkeit jedoch vom Rest geschnitten werden. Sie warten auf ihre Chance sich zu beweisen, es den Anderen zu zeigen. Und sie bekommen alle ihre Chance.

Wer Luigi Pirandellos Geschichten liest wird adhoc in eine andere Zeit, in eine andere Welt versetzt. Er ist der geistige Vater von Leonardo Scascia und Andrea Camilleri, die ihrer Vaterfigur große Freude bereiten würden, wenn er ihre Geschichten noch lesen könnte.

Für sein Werk wurde Luigi Pirandello 1934 mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt.

Ein Samstag unter Freunden

Ein Samstag unter Freunden

Eine Freundschaft ist gold wert. Doch so fest die Bande zwischen den einzelnen Freunden sind, so fragil sind sie, wenn die Freundschaft auf die Probe gestellt wird. Andrea Camilleri lässt sieben Freunde ein Wiedersehen feiern, die sich alle seit Kindestagen kennen.

Sie haben zusammengespielt, die Schulbank gedrückt und so manches Abenteuer bestritten. Eine verschworene Gemeinschaft, die sich mit dem Erwachsenwerden immer weiter voneinander entfernt hat. Nun stehen sie da: Fabio, Giulia, Andrea, Matteo, Anna, Gianni und Rena. Freude und Abscheu lagen noch nie so eng beieinander. Denn die Freunde teilen nicht nur die Erinnerung an gemeinsame Kindertage, sondern auch ein dunkles Geheimnis. Eines, das der Leser suchen und die Lösung für das Rätsel finden muss.

Andrea Camilleri beschreibt die gegenwärtige Situation und die Lebensläufe der Freunde mit einfachen Worten ohne dabei in Ordinäre abzugleiten. Allesamt Akademiker, alle in Beziehungen, alle mit einer gehörigen Portion Wissen über das Schicksal des Anderen. Eine angespannte Lage, in der sich jeder Einzelne befindet.

Einige werden seit Neuestem erpresst. Mit Fotos. Darüber können sie nicht offen mit allen reden. Einer könnte der Erpresser sein. Und so schleppt sich der Abend dahin. Mit Freudentränen und versteckten Messern zwischen den Zähnen. Der offene Disput wird noch gescheut. Noch!

„Ein Samstag unter Freunden“ zeigt wie sich Menschen im Laufe eines Lebens ihrer Altlasten entledigen können, ohne die Wurzeln derer zu vergessen. Immer wieder blitzen Gemeinsamkeiten auf, die dem Leser eine neue Sicht der Dinge präsentieren. Andrea Camilleri nimmt den Leser mit in seine Heimat Sizilien, auf einen Familienbesuch, eine Reise in die Vergangenheit. In eine Zeit, die unbeschwert sein sollte, es aber bei Weitem nicht war, wie man am Ende des Buches erfahren soll. Die Leichtigkeit des Seins muss Seite um Seite der Schweremut der Kindheitserinnerung weichen.

Mein ein und alles

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Giulio und Arianna – ein Traumpaar. Wenn man sie so sieht, glaubt man nicht, dass die beiden eine ungewöhnliche Beziehung leben. Verliebte Blicke, perfekt aufeinander abgestimmt, so schaut es für den Außenstehenden aus. Nur die Leute am Strand wissen Bescheid über ihr Geheimnis. Denn am Strand sind Giulio und Arianna nicht das verliebte, perfekte Paar, am Strand sind sie die sich verzehrende Arianna und der duldende Giulio. Doch beim Spiel mit den Jünglingen gibt es klare Regeln, über die der Strandwart wacht: Jeder nur zweimal! Und keine Anrufe bei ihr!

Giulio ist über ein Vierteljahrhundert älter als die begehrenswerte Arianna. Sie lernten sich kenne, als sie ihren Mann verlor. Dessen Familie war nie gut auf Arianna zu sprechen. Giulio schwebte botenhaft wie ein Engel in ihr Leben, dass von diesem Moment an ein anderes war. Finanzielle abgesichert konnte sie sich ihrer persönlichen Entfaltung widmen. Ganz oben auf dem Dachboden war und ist ihr Reich. Hier darf niemand rein.

Giulio ist Geschäftsmann. Klare Regeln sind für ihn die Basis eines jeden Geschäftes.

Und so läuft das angenehme Leben Tag vor Tag durch die beiden hindurch. Jeder hatte sein Leben bevor er den anderen kennenlernte. Jeder lebt sein Leben. Beide leben ihr Leben gemeinsam – das klingt auf den ersten Blick verwirrend. Doch Andrea Camilleri wäre nicht er selbst würde er es nicht ernst meinen und eine wunderbare Geschichte aufs Papier zaubern. Beim Lesen wird man das Gefühl nicht los, als sei diese Geschichte in einem fort geschrieben worden. Kleine Rückblenden in Ariannas Vergangenheit lassen den Nebel des Ungewissen verschwinden. Dem Leser öffnet sich eine traurige Welt, die Arianna längst verlassen zu haben scheint. Doch ist sie gerade dabei die Regeln zu verletzen. Mario – einer ihrer Auserwählten, den sie nur zweimal treffen darf, der sie nie anrufen darf – fühlt sich derart von ihr angezogen, dass er die Grenzen überschreitet. Arianna scheint das nur anfangs etwas auszumachen. Doch dann entscheidet sie sich anders: Wenn Arianna jemandem ihr ein und alles zeigt, ist das kein Vertrauensbeweis. Es ist viel mehr …

„Mein ein und alles“ gehört zu den stärksten Büchern des Sizilianers Andrea Camilleri. Was als ungewöhnliche Liebe zwischen einer jungen, vom Leben geschassten Frau und einem erfolgreichen, gönnerhaften Signore beginnt, entpuppt sich nach und nach als bittersüße Abrechnung mit dem Leben. Wer hier Opfer, wer Täter und wer Helfer ist, muss der Leser entscheiden. Montalbano hätte seine reine Freude an diesem Fall.

Mein Sizilien

Mein Sizilien

Wäre Sizilien ein Eisbecher, so wäre dieses Buch der Eislöffel. Man könnte das Eis auch ohne Löffel schlecken, aber nicht portionieren und schon gar nicht bis zum Boden aufessen. Die größte Insel des Mittelmeeres ist nicht einfach nur eine Insel, auf der es sich aushalten lässt. Sie ist auch die Heimat von Leonardo Sciascia, einem Autor, der mit seinen Geschichten seiner Insel ein Gesicht gab.

Es ist eine Art Hassliebe zwischen Sciascia und Sizilien. Auf der einen Seite die einmalige Natur, auf der anderen Seite die ebenfalls einmalige Kultur und ihre Menschen. Für Fremde schwer einzusehen. Für Einheimische schwer zu beschreiben. Leonardo Sciascia versucht es trotzdem. Die Kultur, seinen Zeilen nachzuerzählen wäre mühevoll. Er schwelgt zwischen Adjektiven wie eine Nussschale in der tosenden See. Als Besucher Siziliens sieht man die Hinterlassenschaften der einstigen Herrscher, man erfreut sich an der Gastfreundlichkeit. Doch Sizilien echt und wahrhaftig zu erleben, das schaffen nur wenige.

Leonardo Sciascias „Mein Sizilien“ hilft beim Verstehen, beim Entdecken der sizilianischen Kultur. Es ist kein Reiseführer im herkömmlichen Sinn. Vielmehr ein Ratgeber, eine Handreichung für mit allen Sinnen Reisende. Die Schilderungen haben schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Vieles hat sich seitdem verändert – die gleichen Eindrücke zu sammel wird also schwierig. Doch das Denken der Menschen, ihr Handeln erfolgt langsamer. Insofern sind also die Reisen Sciascias und derer, an die er erinnert, zu den Menschen immer noch nachvollziehbar.

Die zahlreichen schwarz-weiß Fotos unterstreichen den erhabenen nostalgischen Charakter des Buches. Jedes Farbfoto würde eine Herabwürdigung darstellen. Ausdrucksstarke Kontraste wirken beruhigend auf das menschliche Auge. Knallig Bonbonfarben entsprächen weder dem Buch noch Sizilien. Dieses Buch gehört eins Reisegepäck. Auf gemächlichen Bahnfahrten, oder einer Ruhepause in den Weiten der Insel, oder beim Espresso – diese Geschichten verzaubern bei jedem Mal. Dem Geheimnis der Sizilianer kommt man nur schwer auf die Schliche. Ein kleines Geheimnis bewahren sie für die nächste Reise. So soll es sein. Und so bleibt zum Schluss ein Rest im Eisbecher Sizilien. Wie bei gutem Rotwein.

Ehrenwerte Leute

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Wenn einer einem dumm kommt, dann setzt es was. Für viele ein willkommener Anlass sich wie die Axt im Walde zu benehmen. Elena ist da anders. Sie ist Lehrerin. Und sie hat eine Stelle in einem sizilianischen Bergdorf angenommen. Fans dieses Plots wissen jetzt worum es geht: Omerta, das Gesetz des Schweigens. Elena ist sieht sich auf raffinierte Weise diesem Gesetz ausgesetzt. Jeder, der ihr nicht wohlgesonnen ist, stirbt. Nicht eines natürlichen Todes! Sie ist verzweifelt. Niemand kann ihr helfen. Denn niemand traut sich etwas zu sagen. Zu groß die Angst der Nächste zu sein.

Im Strudel der Gefühle schwankt die junge Frau zwischen Abkehr und Aufgabe und Trotz und Widerstand. Montenero Valdemone – mit ein bisschen Italienischkenntnissen kommt man dem Geheimnis dieses Ortes auf die Schliche. Monte – Berg, nero – schwarz, Val – das Tal, demone – der Teufel. Alles hier ist anders. Die Kinder schmutzig und ungebildet. Die Männer, besonders einer, aufdringlich. Doch sie scheint willkommen. Ein eigentümlicher Anwalt, der älter aussieht als er anscheinend ist, bietet ihr eine sehr hübsche Bleibe an. Ein Kollege hilft ihr sich einzugewöhnen. Alles doch nicht so schlimm?

Der aufdringliche Typ, der keine Gelegenheit ausließ Elena bei ihrer Ankunft zu „umschmeicheln“, wird tags darauf erschossen mit einer Blume im Mund für alle sichtbar auf dem Marktplatz drapiert. Jeder weiß um die Symbolik der Blume. Doch damit nicht genug. Auf einmal ist Elena eine geachtete Frau. Sie wird gegrüßt, man wünscht ihr alles Gute für den Tag. Nur die Polizei ist misstrauisch. Die muss doch was mit den Toten zu tun haben!

Mario Puzo und sein Pate haben wenig zu tun mit den „ehrenwerten Leuten“ des Giuseppe Fava. Bei Puzo haben sie ein Gesicht, eine Geschichte. Favas Mafiosi sind unerkannt. Von Opfern und Jägern gleichermaßen. Die zelluliodselige Verfremdung, die zum Mythos Mafia mehr beigetragen hat, als Regisseur Francis Ford Coppola es wollte, ist eine perfide Gesellschaft, die bei Giuseppe Fava Konturen bekommt. Mehr leider nicht. Aber der Mythos bekommt Kratzer, wird entthront, wird fratzenartig verzerrt. Die Opfer sprechen und klagen ihr Leid. Wie soll man sich wehren, wenn es keiner hören will? Ein Opfer, dem kein Haar gekrümmt wird, ist das überhaupt ein Opfer? Misstrauen macht sich breit.

Der weitreichende Arm der Mafia (oder wie auch immer man die ehrenwerten Leute der Insel nennen will) erreichte auch den Autor Giuseppe Fava. In seinem Theater wurde gerade sein Stück „L’ultima violenza“ (wie vielsagend: „Das letzte Verbrechen“) aufgeführt, als sein – lange unbekannter – Mörder zuschlug.

Der Kampf gegen die Mafia ist auch für Leoluca Orlando zur ungeliebten, aber leidenschaftlichen Aufgabe geworden. Der Bürgermeister von Palermo (seit 2012 wieder) manifestiert in seinem Vorwort zu diesem Buch die Notwendigkeit der Mafia den Kampf anzusagen, ihr Paroli zu bieten wo und wann immer man kann. Der Kampf beginnt beim Vorwort und endet noch lange nicht auf der letzten Seite.

Sizilien Wanderführer

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Ein Wanderbuch mit Wanderrouten durch Sizilien erstellen – ein Kinderspiel. Mag sein, einen nützlichen Wanderband zu erstellen, der Sizilien in seiner gesamten Pracht ablichtet, das bedarf schon eines Peter Amann. Sage und schreibe 35 Touren hat er in diesem Buch zusammengestellt. Über 360 Kilometer Wanderrouten, das ist ein Kilometer pro Kalendertag. Oder aller 1,7725 Kilometer eine Seite im Buch. Doch Sizilien anhand von Zahlen zu vermitteln, wäre verschwendete Liebesmüh. Sizilien muss man leben, atmen, sehen, lesen. Wandern!

Die unterschiedlich langen Touren haben auch unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Für jeden ist etwas vorbei. Ob nun nur ein paar Kilometer rund um den Burg Francavilla, hindurch einen Naturlehrpfad oder der fast zehnmal so lange Gewaltmarsch der höchsten Kategorie von Ganivecchio auf den Cozzo Regiovanni im Inneren Siziliens. Hier führt der Weg vorbei an ehemaligen Gutshöfen, über Zäune und durch Hecken.

Egal, ob geübter Wanderer mit Hightechausrüstung oder gelegentlicher Wandervogel. In diesem Wanderbuch findet jeder seine Strecke. Hinauf die Lavapisten zum Ätna oder auf alten Hirten- und Pilgerwegen in und um Palermo.

Wer das Wandern zum Anlass nimmt, sich ein wenig Technikspielzeug zu leisten, der bekommt in der ersten Umschlagseite einen Code, mit dem er über die Verlagshomepage die Touren direkt auf sein GPS-Gerät downloaden kann.

Ob man Sizilien als die schönste Insel der Welt wieder und wieder erobern oder wie eine Spezialeinheit aus der Zukunft „Kilometer schrubben“ will, wer dieses Wanderbuch im Rucksack, in der Tasche oder in der Hand hat, wird die Insel oft von einer anderen Seite kennenlernen. Jede Routenbeschreibung enthält Tipps zur Rast und besonderen Aussichtspunkten. Jede Route wird durch eine eigens für diese Route angefertigte Karte und durch ein Höhenprofil vervollständigt. So ist man generell auf der Höhe der Zeit.

Wandern ohne dieses Buch ist möglich. Aber – und das ist garantiert – dann erlebt man eben auch nur halb so viel. Und Sizilien ist es mehr als wert komplett erforscht zu werden.

Der Bahnwärter

Der Bahnwärter

Nino und Minica beziehen ein Bahnwärterhäuschen – alles scheint so zu verlaufen wie das Paar es sich vorstellt. Die Arbeit ist nicht allzu schwer. Er kümmert sich ums Haus, sie sich um den Garten. Zur Zertreuung geht Nino einmal in der Woche zum Singen in die nahegelegene Stadt. Minica bleibt derweil lieber zuhause.

Der näher rückende Krieg – wir schreiben das Jahr 1942 – durchbricht auch die sizilianische Idylle am Meer. Soldaten beginnen Bunkeranlagen zu bauen. Nächtliches Klopfen beängstigt die junge Frau. Ein kleines Zwischenhoch verflüchtigen die Sorgen. Nino gewinnt ein halbes Jahresgehalt in der Lotterie.

Das Zwischenhoch dauert jedoch nur kurze Zeit. Die Alliierten rüsten sich zum Kampf gegen den Duce. Und so geraten die Schwarzhemden – so wurden die Faschisten in Italien genannt – in Panik. Musizieren wird nur noch unter Auflagen gestattet. Nino und sein Gesangspartner Toto machen aus der Not eine Tugend. Angepasst an die neue Situation singen sie nun die gewünschten Lieder  – allerdings in abgewandelter Form. Ein Fehler, der sie für kurze Zeit ins Gefängnis bringt. Michele wird in dieser Zeit den Job des Bahnwärters übernehmen. Er ist ein strammer, überzeugter Faschist. Und ein gefährlicher Mann.

Das ständige nächtliche Klopfen an der Tür, wenn Nino nicht anwesend war, die Angst etwas Schreckliches geschehen könnte, das alles hat Minica weggesteckt. Doch das Schlimmste kann sie nicht verhindern. Endlich schwanger (Andrea Camilleri beschreibt mit liebevoller Hingabe wie die beiden die Empfängnisschwierigkeiten beseitigen), fällt sie einem perfiden Verbrechen anheim, in dessen Folge ihr gemeinsames Leben komplett umgekrempelt wird. Süß und trotzdem nicht befriedigend fällt die Rache aus. Minica verfällt immer mehr dem Wahnsinn.

„Der Bahnwärter“ ist der zweite Teil der Metamorphosen-Trilogie von Andrea Camilleri. Und wieder verzaubert uns der sizilianische Magier mit seinen Zeilen. Ein Märchen aus Lava und Gischt. Eine Geschichte wie sie nur aus einer Feder stammen kann. Auch wenn die Erzählung sehr handfest ist, so schafft es Andrea Camilleri den Reiz und die Eigenarten der Sizilianer poetisch einzufangen.