Archiv der Kategorie: Rund um den Ätna

Feuer ans Stroh

Feuer ans Stroh

Wer Feuer ans Stroh gibt, heizt die die Stimmung an. Luigi Pirandello heizt die Sehnsucht nach Sizilien an. Seine Geschichten in diesem Band machen Appetit auf die Mittelmeerinsel.

Gleich die erste – namensgebende – Geschichte zeigt den liebevollen und  gewitzten Umgang der Menschen untereinander. Ein ehemals reicher Mann lebt seit geraumer Zeit von der Hand in den Mund. Alle meiden ihn, weil er ihnen etwas sonderbar erscheint. Zuhause hat er Vögel eingesperrt. Warum nur? Nur einer spricht mit ihm. Der ehemals Reiche, bittet ihn mit ihm zusammen die Vögel freizulassen. Und Feuer ans Stroh zu geben. Der Helfer tut wie im befohlen … allerdings mit einem anderen Ausgang der Geschichte.

Jede einzelne Geschichte ist ein Juwel aus dem literarischen Schaffen Luigi Pirandellos. Mal muss man unfreiwillig schmunzeln, mal schüttelt man den Kopf wegen der Eseleien der Menschen. Doch niemals stellt der Autor sie bloß. Respektvoll lässt er sie an der langen Leine ihre Dinge tun. Dem Leser wird’s gefallen. Wird er doch ins Sizilien der jüngeren Vergangenheit entführt und darf rege am Leben der Sizilianer teilhaben.

Die Helden sind Eigenbrödler, Leute mit besonderen Fähigkeiten, mutige Menschen, die in ihrer Einzigartigkeit jedoch vom Rest geschnitten werden. Sie warten auf ihre Chance sich zu beweisen, es den Anderen zu zeigen. Und sie bekommen alle ihre Chance.

Wer Luigi Pirandellos Geschichten liest wird adhoc in eine andere Zeit, in eine andere Welt versetzt. Er ist der geistige Vater von Leonardo Scascia und Andrea Camilleri, die ihrer Vaterfigur große Freude bereiten würden, wenn er ihre Geschichten noch lesen könnte.

Für sein Werk wurde Luigi Pirandello 1934 mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt.

Ein Samstag unter Freunden

Ein Samstag unter Freunden

Eine Freundschaft ist gold wert. Doch so fest die Bande zwischen den einzelnen Freunden sind, so fragil sind sie, wenn die Freundschaft auf die Probe gestellt wird. Andrea Camilleri lässt sieben Freunde ein Wiedersehen feiern, die sich alle seit Kindestagen kennen.

Sie haben zusammengespielt, die Schulbank gedrückt und so manches Abenteuer bestritten. Eine verschworene Gemeinschaft, die sich mit dem Erwachsenwerden immer weiter voneinander entfernt hat. Nun stehen sie da: Fabio, Giulia, Andrea, Matteo, Anna, Gianni und Rena. Freude und Abscheu lagen noch nie so eng beieinander. Denn die Freunde teilen nicht nur die Erinnerung an gemeinsame Kindertage, sondern auch ein dunkles Geheimnis. Eines, das der Leser suchen und die Lösung für das Rätsel finden muss.

Andrea Camilleri beschreibt die gegenwärtige Situation und die Lebensläufe der Freunde mit einfachen Worten ohne dabei in Ordinäre abzugleiten. Allesamt Akademiker, alle in Beziehungen, alle mit einer gehörigen Portion Wissen über das Schicksal des Anderen. Eine angespannte Lage, in der sich jeder Einzelne befindet.

Einige werden seit Neuestem erpresst. Mit Fotos. Darüber können sie nicht offen mit allen reden. Einer könnte der Erpresser sein. Und so schleppt sich der Abend dahin. Mit Freudentränen und versteckten Messern zwischen den Zähnen. Der offene Disput wird noch gescheut. Noch!

„Ein Samstag unter Freunden“ zeigt wie sich Menschen im Laufe eines Lebens ihrer Altlasten entledigen können, ohne die Wurzeln derer zu vergessen. Immer wieder blitzen Gemeinsamkeiten auf, die dem Leser eine neue Sicht der Dinge präsentieren. Andrea Camilleri nimmt den Leser mit in seine Heimat Sizilien, auf einen Familienbesuch, eine Reise in die Vergangenheit. In eine Zeit, die unbeschwert sein sollte, es aber bei Weitem nicht war, wie man am Ende des Buches erfahren soll. Die Leichtigkeit des Seins muss Seite um Seite der Schweremut der Kindheitserinnerung weichen.

Mein ein und alles

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Giulio und Arianna – ein Traumpaar. Wenn man sie so sieht, glaubt man nicht, dass die beiden eine ungewöhnliche Beziehung leben. Verliebte Blicke, perfekt aufeinander abgestimmt, so schaut es für den Außenstehenden aus. Nur die Leute am Strand wissen Bescheid über ihr Geheimnis. Denn am Strand sind Giulio und Arianna nicht das verliebte, perfekte Paar, am Strand sind sie die sich verzehrende Arianna und der duldende Giulio. Doch beim Spiel mit den Jünglingen gibt es klare Regeln, über die der Strandwart wacht: Jeder nur zweimal! Und keine Anrufe bei ihr!

Giulio ist über ein Vierteljahrhundert älter als die begehrenswerte Arianna. Sie lernten sich kenne, als sie ihren Mann verlor. Dessen Familie war nie gut auf Arianna zu sprechen. Giulio schwebte botenhaft wie ein Engel in ihr Leben, dass von diesem Moment an ein anderes war. Finanzielle abgesichert konnte sie sich ihrer persönlichen Entfaltung widmen. Ganz oben auf dem Dachboden war und ist ihr Reich. Hier darf niemand rein.

Giulio ist Geschäftsmann. Klare Regeln sind für ihn die Basis eines jeden Geschäftes.

Und so läuft das angenehme Leben Tag vor Tag durch die beiden hindurch. Jeder hatte sein Leben bevor er den anderen kennenlernte. Jeder lebt sein Leben. Beide leben ihr Leben gemeinsam – das klingt auf den ersten Blick verwirrend. Doch Andrea Camilleri wäre nicht er selbst würde er es nicht ernst meinen und eine wunderbare Geschichte aufs Papier zaubern. Beim Lesen wird man das Gefühl nicht los, als sei diese Geschichte in einem fort geschrieben worden. Kleine Rückblenden in Ariannas Vergangenheit lassen den Nebel des Ungewissen verschwinden. Dem Leser öffnet sich eine traurige Welt, die Arianna längst verlassen zu haben scheint. Doch ist sie gerade dabei die Regeln zu verletzen. Mario – einer ihrer Auserwählten, den sie nur zweimal treffen darf, der sie nie anrufen darf – fühlt sich derart von ihr angezogen, dass er die Grenzen überschreitet. Arianna scheint das nur anfangs etwas auszumachen. Doch dann entscheidet sie sich anders: Wenn Arianna jemandem ihr ein und alles zeigt, ist das kein Vertrauensbeweis. Es ist viel mehr …

„Mein ein und alles“ gehört zu den stärksten Büchern des Sizilianers Andrea Camilleri. Was als ungewöhnliche Liebe zwischen einer jungen, vom Leben geschassten Frau und einem erfolgreichen, gönnerhaften Signore beginnt, entpuppt sich nach und nach als bittersüße Abrechnung mit dem Leben. Wer hier Opfer, wer Täter und wer Helfer ist, muss der Leser entscheiden. Montalbano hätte seine reine Freude an diesem Fall.

Mein Sizilien

Mein Sizilien

Wäre Sizilien ein Eisbecher, so wäre dieses Buch der Eislöffel. Man könnte das Eis auch ohne Löffel schlecken, aber nicht portionieren und schon gar nicht bis zum Boden aufessen. Die größte Insel des Mittelmeeres ist nicht einfach nur eine Insel, auf der es sich aushalten lässt. Sie ist auch die Heimat von Leonardo Sciascia, einem Autor, der mit seinen Geschichten seiner Insel ein Gesicht gab.

Es ist eine Art Hassliebe zwischen Sciascia und Sizilien. Auf der einen Seite die einmalige Natur, auf der anderen Seite die ebenfalls einmalige Kultur und ihre Menschen. Für Fremde schwer einzusehen. Für Einheimische schwer zu beschreiben. Leonardo Sciascia versucht es trotzdem. Die Kultur, seinen Zeilen nachzuerzählen wäre mühevoll. Er schwelgt zwischen Adjektiven wie eine Nussschale in der tosenden See. Als Besucher Siziliens sieht man die Hinterlassenschaften der einstigen Herrscher, man erfreut sich an der Gastfreundlichkeit. Doch Sizilien echt und wahrhaftig zu erleben, das schaffen nur wenige.

Leonardo Sciascias „Mein Sizilien“ hilft beim Verstehen, beim Entdecken der sizilianischen Kultur. Es ist kein Reiseführer im herkömmlichen Sinn. Vielmehr ein Ratgeber, eine Handreichung für mit allen Sinnen Reisende. Die Schilderungen haben schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Vieles hat sich seitdem verändert – die gleichen Eindrücke zu sammel wird also schwierig. Doch das Denken der Menschen, ihr Handeln erfolgt langsamer. Insofern sind also die Reisen Sciascias und derer, an die er erinnert, zu den Menschen immer noch nachvollziehbar.

Die zahlreichen schwarz-weiß Fotos unterstreichen den erhabenen nostalgischen Charakter des Buches. Jedes Farbfoto würde eine Herabwürdigung darstellen. Ausdrucksstarke Kontraste wirken beruhigend auf das menschliche Auge. Knallig Bonbonfarben entsprächen weder dem Buch noch Sizilien. Dieses Buch gehört eins Reisegepäck. Auf gemächlichen Bahnfahrten, oder einer Ruhepause in den Weiten der Insel, oder beim Espresso – diese Geschichten verzaubern bei jedem Mal. Dem Geheimnis der Sizilianer kommt man nur schwer auf die Schliche. Ein kleines Geheimnis bewahren sie für die nächste Reise. So soll es sein. Und so bleibt zum Schluss ein Rest im Eisbecher Sizilien. Wie bei gutem Rotwein.

Ehrenwerte Leute

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Wenn einer einem dumm kommt, dann setzt es was. Für viele ein willkommener Anlass sich wie die Axt im Walde zu benehmen. Elena ist da anders. Sie ist Lehrerin. Und sie hat eine Stelle in einem sizilianischen Bergdorf angenommen. Fans dieses Plots wissen jetzt worum es geht: Omerta, das Gesetz des Schweigens. Elena ist sieht sich auf raffinierte Weise diesem Gesetz ausgesetzt. Jeder, der ihr nicht wohlgesonnen ist, stirbt. Nicht eines natürlichen Todes! Sie ist verzweifelt. Niemand kann ihr helfen. Denn niemand traut sich etwas zu sagen. Zu groß die Angst der Nächste zu sein.

Im Strudel der Gefühle schwankt die junge Frau zwischen Abkehr und Aufgabe und Trotz und Widerstand. Montenero Valdemone – mit ein bisschen Italienischkenntnissen kommt man dem Geheimnis dieses Ortes auf die Schliche. Monte – Berg, nero – schwarz, Val – das Tal, demone – der Teufel. Alles hier ist anders. Die Kinder schmutzig und ungebildet. Die Männer, besonders einer, aufdringlich. Doch sie scheint willkommen. Ein eigentümlicher Anwalt, der älter aussieht als er anscheinend ist, bietet ihr eine sehr hübsche Bleibe an. Ein Kollege hilft ihr sich einzugewöhnen. Alles doch nicht so schlimm?

Der aufdringliche Typ, der keine Gelegenheit ausließ Elena bei ihrer Ankunft zu „umschmeicheln“, wird tags darauf erschossen mit einer Blume im Mund für alle sichtbar auf dem Marktplatz drapiert. Jeder weiß um die Symbolik der Blume. Doch damit nicht genug. Auf einmal ist Elena eine geachtete Frau. Sie wird gegrüßt, man wünscht ihr alles Gute für den Tag. Nur die Polizei ist misstrauisch. Die muss doch was mit den Toten zu tun haben!

Mario Puzo und sein Pate haben wenig zu tun mit den „ehrenwerten Leuten“ des Giuseppe Fava. Bei Puzo haben sie ein Gesicht, eine Geschichte. Favas Mafiosi sind unerkannt. Von Opfern und Jägern gleichermaßen. Die zelluliodselige Verfremdung, die zum Mythos Mafia mehr beigetragen hat, als Regisseur Francis Ford Coppola es wollte, ist eine perfide Gesellschaft, die bei Giuseppe Fava Konturen bekommt. Mehr leider nicht. Aber der Mythos bekommt Kratzer, wird entthront, wird fratzenartig verzerrt. Die Opfer sprechen und klagen ihr Leid. Wie soll man sich wehren, wenn es keiner hören will? Ein Opfer, dem kein Haar gekrümmt wird, ist das überhaupt ein Opfer? Misstrauen macht sich breit.

Der weitreichende Arm der Mafia (oder wie auch immer man die ehrenwerten Leute der Insel nennen will) erreichte auch den Autor Giuseppe Fava. In seinem Theater wurde gerade sein Stück „L’ultima violenza“ (wie vielsagend: „Das letzte Verbrechen“) aufgeführt, als sein – lange unbekannter – Mörder zuschlug.

Der Kampf gegen die Mafia ist auch für Leoluca Orlando zur ungeliebten, aber leidenschaftlichen Aufgabe geworden. Der Bürgermeister von Palermo (seit 2012 wieder) manifestiert in seinem Vorwort zu diesem Buch die Notwendigkeit der Mafia den Kampf anzusagen, ihr Paroli zu bieten wo und wann immer man kann. Der Kampf beginnt beim Vorwort und endet noch lange nicht auf der letzten Seite.

Sizilien Wanderführer

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Ein Wanderbuch mit Wanderrouten durch Sizilien erstellen – ein Kinderspiel. Mag sein, einen nützlichen Wanderband zu erstellen, der Sizilien in seiner gesamten Pracht ablichtet, das bedarf schon eines Peter Amann. Sage und schreibe 35 Touren hat er in diesem Buch zusammengestellt. Über 360 Kilometer Wanderrouten, das ist ein Kilometer pro Kalendertag. Oder aller 1,7725 Kilometer eine Seite im Buch. Doch Sizilien anhand von Zahlen zu vermitteln, wäre verschwendete Liebesmüh. Sizilien muss man leben, atmen, sehen, lesen. Wandern!

Die unterschiedlich langen Touren haben auch unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Für jeden ist etwas vorbei. Ob nun nur ein paar Kilometer rund um den Burg Francavilla, hindurch einen Naturlehrpfad oder der fast zehnmal so lange Gewaltmarsch der höchsten Kategorie von Ganivecchio auf den Cozzo Regiovanni im Inneren Siziliens. Hier führt der Weg vorbei an ehemaligen Gutshöfen, über Zäune und durch Hecken.

Egal, ob geübter Wanderer mit Hightechausrüstung oder gelegentlicher Wandervogel. In diesem Wanderbuch findet jeder seine Strecke. Hinauf die Lavapisten zum Ätna oder auf alten Hirten- und Pilgerwegen in und um Palermo.

Wer das Wandern zum Anlass nimmt, sich ein wenig Technikspielzeug zu leisten, der bekommt in der ersten Umschlagseite einen Code, mit dem er über die Verlagshomepage die Touren direkt auf sein GPS-Gerät downloaden kann.

Ob man Sizilien als die schönste Insel der Welt wieder und wieder erobern oder wie eine Spezialeinheit aus der Zukunft „Kilometer schrubben“ will, wer dieses Wanderbuch im Rucksack, in der Tasche oder in der Hand hat, wird die Insel oft von einer anderen Seite kennenlernen. Jede Routenbeschreibung enthält Tipps zur Rast und besonderen Aussichtspunkten. Jede Route wird durch eine eigens für diese Route angefertigte Karte und durch ein Höhenprofil vervollständigt. So ist man generell auf der Höhe der Zeit.

Wandern ohne dieses Buch ist möglich. Aber – und das ist garantiert – dann erlebt man eben auch nur halb so viel. Und Sizilien ist es mehr als wert komplett erforscht zu werden.

Der Bahnwärter

Der Bahnwärter

Nino und Minica beziehen ein Bahnwärterhäuschen – alles scheint so zu verlaufen wie das Paar es sich vorstellt. Die Arbeit ist nicht allzu schwer. Er kümmert sich ums Haus, sie sich um den Garten. Zur Zertreuung geht Nino einmal in der Woche zum Singen in die nahegelegene Stadt. Minica bleibt derweil lieber zuhause.

Der näher rückende Krieg – wir schreiben das Jahr 1942 – durchbricht auch die sizilianische Idylle am Meer. Soldaten beginnen Bunkeranlagen zu bauen. Nächtliches Klopfen beängstigt die junge Frau. Ein kleines Zwischenhoch verflüchtigen die Sorgen. Nino gewinnt ein halbes Jahresgehalt in der Lotterie.

Das Zwischenhoch dauert jedoch nur kurze Zeit. Die Alliierten rüsten sich zum Kampf gegen den Duce. Und so geraten die Schwarzhemden – so wurden die Faschisten in Italien genannt – in Panik. Musizieren wird nur noch unter Auflagen gestattet. Nino und sein Gesangspartner Toto machen aus der Not eine Tugend. Angepasst an die neue Situation singen sie nun die gewünschten Lieder  – allerdings in abgewandelter Form. Ein Fehler, der sie für kurze Zeit ins Gefängnis bringt. Michele wird in dieser Zeit den Job des Bahnwärters übernehmen. Er ist ein strammer, überzeugter Faschist. Und ein gefährlicher Mann.

Das ständige nächtliche Klopfen an der Tür, wenn Nino nicht anwesend war, die Angst etwas Schreckliches geschehen könnte, das alles hat Minica weggesteckt. Doch das Schlimmste kann sie nicht verhindern. Endlich schwanger (Andrea Camilleri beschreibt mit liebevoller Hingabe wie die beiden die Empfängnisschwierigkeiten beseitigen), fällt sie einem perfiden Verbrechen anheim, in dessen Folge ihr gemeinsames Leben komplett umgekrempelt wird. Süß und trotzdem nicht befriedigend fällt die Rache aus. Minica verfällt immer mehr dem Wahnsinn.

„Der Bahnwärter“ ist der zweite Teil der Metamorphosen-Trilogie von Andrea Camilleri. Und wieder verzaubert uns der sizilianische Magier mit seinen Zeilen. Ein Märchen aus Lava und Gischt. Eine Geschichte wie sie nur aus einer Feder stammen kann. Auch wenn die Erzählung sehr handfest ist, so schafft es Andrea Camilleri den Reiz und die Eigenarten der Sizilianer poetisch einzufangen.

Unterwegs in Sizilien

Unterwegs in SizilienUlrike Rauh ist eingefleischten Italienreisenden als Autorin phantasievoller und harmonischer Spaziergänge durch Venedig, Rom, Florenz, Neapel und Ischia bekannt. Da ist es fast schon eine Schlussfolgerung, dass nun eine weitere abwechslungsreiche Destination am Stiefel Ulrike Rauh ins Visier genommen hat: Sizilien.

Die Autorin hat sich fest vorgenommen, ihre Freunde in Noto zu besuchen. Noto – so ganz nebenbei gesagt – war auf der Tourismusmesse in Berlin übrigens die einzige Stadt Siziliens, die mit einem Stand auf sich aufmerksam machte. Ende des 17. Jahrhunderts wurde wie durch ein Erdbeben komplett zerstört. Innerhalb kürzester Zeit wurde eine bis heute blühende Barockstadt auf dem Lavaboden gestampft.

Doch die Reise geht weiter. Durch das Tal der Tempel, Cefalu bis nach Palermo. Eine Stadt, die ihres gleichen sucht. Mafiahochburg, Heimat der schönsten Gärten Südeuropas, die in Italien verwirrenderweise Villa heißen, die die Autorin feststellt. Auch die Besteigung des Ätnas darf bei der Rundreise nicht fehlen. So, reichlich einhundert Seiten gelesen und erfahren, was alles gesehen haben muss. Die eigene Reise kann also beginnen.

Wer „Unterwegs in Sizilien“ so abschließt, darf nicht nach Sizilien einreisen. Das müsste verboten werden. Denn Ulrike Rauhs Bücher muss man mehrmals lesen – zwischen den Zeilen. Erst dann wird die Tragweite ihrer Worte sichtbar. Erst dann tritt die Schönheit der Landschaft vor den Vorhang des Nichtwissens. Erst dann kann man die Vielfalt Siziliens so richtig aufsaugen.

Ulrike Rauh nimmt sich außerdem die Zeit die Landschaft auf der Leinwand festzuhalten. Einige ihrer Bilder sind im Buch zu sehen und machen apettito auf mehr. Mehr Reiseimpressionen. Mehr Anekdoten. Mehr Sizilien. Ulrike Rauh beschreibt nicht nur nuancenreich, was sie alles gesehen hat. Sie hat sich vor der Reise informiert und lässt nun den Leser daran teilhaben. Wie ein Reiseleiter, nur ohne drohenden Signalschirm, der einem verheißt, dass es nur hier – und nirgendwo anders! – die Extraportion Wissen gibt. Ulrike Rauh und Sizilien – eine wortwörtliche Allianz, die man dank des Wiesenburgverlages immer wieder genießen kann.

Die Frau aus dem Meer

Die Frau aus dem Meer

Ist Gnazio ein Verlierer, weil er eine Frau heiratet, die ihm weil abverlangt und er sie nie verstehen wird? Nein! Ein entschiedenes Nein! Im Gegenteil: Gnazio ist ein wahrer Glückspilz, ein Gewinnertyp. Für wahr er ist nicht mit Geistesblitzen und händlerischem Geschick gesegnet. Dennoch ist Gnazio auf der Gewinnerstraße.

Endes des 19. Jahrhunderts kehrt Gnazio Manisco in seine sizilianische Heimat zurück. Durch einen Unfall ist er im geheiligten Amerika zu Geld gekommen. Soviel, dass es ihm erlaubt sein Heimat wiederzusehen. Er kauft sich ein schönes Stück Land. Er baut ein Haus. Auf dem Land stehen Olivenbäume. Er baut einen Brunnen. Das Land war günstig, obwohl es direkt am bzw. über dem Meer liegt. Gnazio mag das Meer nicht, deswegen zeigen alle Fenster im von ihm gebauten Haus weg vom Meer. Die Zeit vergeht, Gnazio ackert und lebt sich nach und nach wieder in seiner Heimat ein. Und doch fehlt etwas. Beziehungsweise jemand. Eine Frau.

Donna Pina, eine Alte aus dem Dorf, die mit Kräutern umzugehen weiß, berät den unglücklichen Rückkehrer. Seine Wahl fällt schließlich auf Maruzza Musumeci. Er sieht nur ein Foto der betörenden Schönheit und schon ist er ihr verfallen. Von nun an gibt es nur noch ein Ziel: Dieses Wesen zu erobern. Es klappt. Maruzza sieht auch in Gnazio den Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen will. Es muss nur noch die Urgroßmutter der Braut überzeugt werden. Hat sie etwas gegen die Liaison einzuwenden, sind alle Pläne dahin.

Urgroßmutter Minica hat nichts gegen die Verbindung und stimmt der Hochzeit zu. Die findet am gleichen Abend statt. Selbst Gnazio scheint das ein wenig übereilt, doch die Freude siegt über die Vernunft. Die rituelle Hochzeit erscheint dem bodenständigen Arbeiter etwas verwegen. Dennoch fügt er sich in sein Schicksal. Schließlich ist Maruzza an seiner Seite, für immer.

Die Jahre vergehen und Gnazio gewöhnt sich an die Marotten seiner Frau. Vor der Hochzeit wurde ihm geraten, Maruzza gewähren zu lassen, und Gnazio hält sich an diesen Ratschlag. Er baut ihr eine Zisterne, damit sie darin schwimmen kann. In ihrem Schlafzimmer zeigen die Fenster Richtung Meer. Maruzza ist eine Sirene. Sie zieht es immer wieder hinaus aufs Meer. Gegensätzlicher können zwei Menschen kaum sein…

Am Ende dieses kurzweiligen, famosen, herzerweichenden, zauberhaften Märchens sieht man einen kleinen Jungen, der über beide Wangen lachend sich über eine Schreibmaschine beugt. Es ist kein abwertendes Lachen, weil er jemanden in die Pfanne gehauen hat. Es ist vielmehr das ergreifende Lachen eines Jungen, der etwas geschaffen hat, dass er sofort jemand schenken möchte. Dieser Junge ist Andrea Camilleri und die Beschenkten sind wir Leser.

Der Hirtenjunge

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Glücklich der, der Arbeit nicht als solche empfindet. Nur dann wird das Erwirtschaften des „Täglich-Brot“ zur Lust. Die Last des steten Schuftens, um ein das erträumte Leben leben zu können, ist hinweg geblasen wie eine Feder im Sturm. Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Wer sich ein Leben lang auf seine Berufung freut, wird umso bitterer enttäuscht, wenn der Lebensplan aus den Fugen gerät.

Der 14jährige Guirlà Savatteri ist furchtlos. Als eines Tages zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Rattenfänger sein kleines Fischerdorf aufsuchen, um Jungen in den Minen der Umgebung arbeiten zu lassen, schickt ihn sein Vater in die Berge. Er soll Ziegen hüten und sich so den Schergen des Minenbesitzers entziehen. Denn die Arbeitsbedingungen unter Tage sind menschenunwürdig: Kaum Lohn, den man auch noch mit den „alten Hasen“, die sich in jeder Hinsicht um den Nachwuchs kümmern, teilen muss. Eine ruinierte Gesundheit, und niemand, der die geschundenen Körper pflegt. Sein Vater hat sich etwas anderes für seinen Filius vorgestellt.

Giurlà ist eine echte Wasserratte. Fische mit bloßen Händen fangen, im Meer herumtollen, aber auch die harte Arbeit – das ist seine Welt. Und nun soll er fernab von Meeresrauschen und Wellenschlagen sein Leben in den Bergen fristen? Was anfangs noch unvorstellbar erscheint, ist der Wendepunkt im Leben des jungen Giurlà. Schnell findet er sich in der unwirtlichen, unvertrauten Umgebung zurecht. Seine Kollegen respektieren die rasche Auffassungsgabe des Jungen und geraten in Erstaunen, als der Junge beim Baden im eiskalten See einen Fisch an Land holt. Giurlà ist in der neuen Umgebung angekommen. Sein „Gastspiel“ von drei Monaten – so lange soll er die Ziegen hüten – erlaubt es ihm seine Familie finanziell zu unterstützen. Die Liebe und Zuneigung zu Beba, einer Ziege, die Andrea Camilleri genüsslich und respektvoll darbietet, wird unversehens zu einem weiteren Wendepunkt im Leben des Heranwachsenden.

„Der Hirtenjunge“ ist der dritte Teil der Metamorphosen-Reihe des sizilianischen Erfolgsautors Camilleri. Das unbeschwerte Leben an den Ufern des Mittelmeeres tauscht der Held des Buches ungewollt, doch akzeptierend gegen die Einsamkeit der Berge ein. Der Wandel vom erwartungsvollen Leben, das durch Tradition vorgezeichnet scheint, wird von einem auf den anderen Tag auf den Kopf gestellt. Doch statt selbigen in den weichen Strandsand zu stecken, rafft sich Giurlà auf, und gibt seinem Leben unbewusst einen neuen Sinn. Verlust und Neuentdeckung liegen oft so eng zusammen, dass man erst später bemerkt, dass das Leben niemals still steht.