Archiv der Kategorie: Rund um den Ätna

Voci di sicilia

Ein Land bereist man, weil man die Architektur sich ansehen will. Oder wegen der erholsamen Strände. Oder der abwechslungsreichen Geschichte. Weil man einen außergewöhnlichen Berg besteigen oder generell gern neue Landschaften erkunden will. Oder man will Orte besuchen, die man aus Filmen kennt und die einen sofort in den Bann ziehen. So wie es Sizilien macht. Ob man nun auf den Spuren des Paten wandelt, die wundervoll eingefangenen Drehorte von Wim Wenders‘ „Palermo shooting“ noch einmal abgeht, sofern man sie findet, die größte Insel des Mittelmeeres geizt nun wirklich nicht mit ihren zahlreichen Reizen. Und Sizilien bietet noch einen Grund mehr es zu bereisen: Die Stimmen des Landes, die Stimmen Siziliens.

Es sind bestimmt keine Stimmen, die sich hinter Zypressen verstecken. Sie treten ins Rampenlicht und künden vom Reichtum der Insel. Allen voran Etta Scollo.

Schon im ersten Kapitel über ihre Geburtsstadt Catania begreift man im Handumdrehen die Verbundenheit der Sizilianer zu ihrer Heimat. Ihre Umarmungen der nonna, der Oma, verwandeln sich im Nu in greifbare Erinnerungen. Einen weitaus nüchterneren Blick auf die Stadt hat dagegen Ambra Monterosso. Sie war jahrelang bei der Staatspolizei in Catania. Das Klischee der familienbewussten wischt sie mit wenigen Zeilen vom Tisch. Auch wenn sich die Mafia mittlerweile weniger offen darstellt, ist sie immer noch vorhanden. Was aber nichts am Reiz der Stadt ändert. Doch was wäre, wenn es keine Mafia gäbe? Dann wäre das Bild Catanias noch eindrucksvoller. Das macht sie nicht nur zwischen den Zeilen klar.

Etta Scollo gibt ihrer Heimat Sizilien, die sie einst verließ, um wiederzukehren mehr als nur eine Stimme. Von Palermo über Messina bis nach Caltanissetta eilt der Sängerin und Komponistin der Ruf als führende Stimme der Insel voraus. Bereitwillig breiten Schriftsteller, Philosophen und Politiker. Wie zum Beispiel Leoluca Orlando, der immer wieder gewählte Bürgermeister Palermos.

Noch ein Tipp: Das Buch gibt es in zwei Ausführungen. Unbedingt die Ausgabe verwenden, der eine CD mit Liedern von Etta Scollo beigelegt ist. Ihr glockenklare Stimme, ihr Timbre, ihre unvergleichliche Ausstrahlung gibt dem Buch den richtigen klangvollen Rahmen. Von ganz leisen Klängen bis hin zum stimmungsvollen canzone, das einen einfach nicht stillsitzen lässt, erklingt Sizilien in der ganzen Vielfalt seiner Bewohner. Ein Buch, das die angeordnete Quarantäne versüßen kann. Ein Buch, das Appetit macht sicilia umgehend zu bereisen und den Stimmen zu lauschen. Ein Buch, das niemanden unberührt lässt!

Der unschickliche Antrag

„Ich hätte gern einen Telefonanschluss, aber ein bisschen pronto, wenn es geht.“ Den Spruch hat man vor Jahren des Öfteren gehört. In Italien hat das Wörtchen „pronto“ eine weitere Bedeutung. Wenn man sich am Telefon meldet, verwendet man es. Doch wenn man der Erste ist, der ein Telefon samt Anschluss beantragt, in Sizilien, im Jahre 1891, also vierunddreißig Jahre bevor der Autor des Buches ebenda geboren wurde, dann ist das schon eine Geschichte wert. Und die kann von keinem anderen geschrieben werden als vom Großmeister des hintersinnigen Humors selbst: Andrea Camilleri.

Im Fußball nennt man es Rudelbildung, und es wird unnachgiebig mit einer gelben, im Ernstfall auch mit einer roten, Karte geahndet. Im hier vorliegenden Fall müssen sich alle Parteien – dieser Vergleich ist nicht unwillkürlich – irgendwie einigen. Und wenn das nicht klappt, schmiedet man Allianzen, ob die nun als heilig oder unheilig zu bezeichnen sind, obliegt dem Leser höchstselbst.

Der Holzhändler Filippo Genuardi, von allen nur Pippo genannt, will einen Telefonanschluss für den privaten Gebrauch. Die monatlichen Schreiben an den Präfekten von Vigáta sind an Unterwürfigkeit kaum zu überbieten. Man stell sich vor, dass man heute solche Anträge schreiben würde – der Großteil der empfangenden Sachbearbeiter wäre überfordert, zumindest würden sie sich auf den Arm genommen fühlen. Wozu braucht Pippo einen Telefonanschluss? Dazu noch für den privaten Gebrauch. Nicht einmal die Stadtoberen besitzen solch eine Errungenschaft. Pippo kämpft auf verlorenem Posten. Doch er lässt sich nicht unterkriegen. Er wird proaktiv, wie man es heutzutage huldvoll nennen würde. Denn er kennt so manches schmutzige Geheimnis von Leuten, die ihm helfen könnten sein Ziel zu erreichen. Weil die jemanden kennen, der jemanden kennt, … etc. etc. Man kennt das vielleicht aus eigenen Erfahrungen?

Pippo ist schon eine echte Marke. Er ist weit und breit der Einzige, der einen Phonographen besitzt. Vor Kurzem hat er sich sogar einen Vierräder besorgt. Extra für ihn importiert aus dem feinen Paris. Auf Deutsch: Er hat sich ‘ne Karre besorgt. Französisches Fabrikat. Und das mitten in Sizilien. Dort, wo weit und breit nichts als Natur und Landschaft ist. Hier wird gearbeitet, gedarbt, geflucht, und ein bisschen gelebt. Luxus ist für andere da. In Sizilien sieht man zu, dass man mit dem Hinterteil die Wand berührt. Was passiert aber, wenn die eine Hand die Andere wäscht? Werden Träume wahr?

Andrea Camilleri zieht mit der Wortwitzpeitsche über das karge Land. In und zwischen den Zeilen blitzt es an jedem Wortende auf: Das raffinierte Spiel um Macht mit den Werkzeugen der Mittellosen. Was man weiß, muss man nicht preisgeben. Die Andeutung allein reicht, um dem Gegenüber ein mulmiges Gefühl zu geben. Der darf sich nun darum kümmern der Misere den eigenen Stempel aufzudrücken. Als Außenstehender erlebt man ein Schauspiel erster Güte.

Die Mühlen des Herrn

Is‘ doch ganz nett hier! Ein hübsches Häuschen, geschmackvoll eingerichtet. Hier lässt es sich aushalten. Giovanni Bovara ist als Mühleninspekteur nach Vigata geschickt worden. Hier wurde er geboren, doch schon im Alter von ein paar Monaten zogen er und seine Eltern in den Norden. Das Haus, in dem er bis zur Beendigung seiner Inspektion wohnen wird, gehört Donna Trisìna Cicero. Sie ist Witwe. Ihr Gatte hinterließ ihr eine ganze Menge irdischer Schätze. Mit allem anderen wurde sie von Mutter Natur gesegnet. Und das nicht zu knapp.

Das ist Padre Artemio Carnazza auch schon aufgefallen. Ihm gelüstet dann und wann nach Donna Trisìna. Sie lässt es geschehen. Aber nur bis zu einer gewissen Grenze. Und auch nur für einen entsprechenden Gegenwert! Silberlöffel, Betttücher etc. So staffiert sie unter anderem auch die Wohnung des Mühleninspektors aus. Bald schon wird auch einen funkelnden Kerzenleuchter bekommen. Denn der Padre ist auf einen besonderen (ihm lange verwehrten) Handel eingegangen.

Schon bei seiner Ankunft wird Giovanni Bovara mit den örtlichen Gepflogenheiten vertraut gemacht. Als Inspekteur des Staates darf er selbstredend keine Geschenke in Empfang nehmen. Es empört ihn umso mehr als er von Don Cocò Afflitto zum Essen eingeladen wird. Was er nicht minder empört ausschlägt. Seiner Arbeit will er nachgehen, nicht in irgendwelche Geschäfte, Intrigen oder ähnliches hineingezogen werden. Doch weit gefehlt!

Schon bald ist Bovara mitten im Geschehen. Er erfährt nach und nach wie die Dinge hier laufen. Der Padre und sein Cousin stehen im ewigen Streit. Geldverleih und Kanzelreden sind hier einerlei. Frömmigkeit und Sündenfall liegen hier so eng beieinander wie nirgends anders. Wer einen Vorteil für sich sieht, beißt auch gern mal die Hand, die einen füttert. Doch Vorsicht! So ein Biss kann tödlich sein!

Das wird der Padre am eigenen Leib erfahren müssen. Zufällig ist gerade auch der Mühleninspekteur zur Stelle. Röchelnd bekundet der Sterbende Padre dem gewissenhaften Bovara seinen Mörder. Blöd nur, dass Bovara des Dialektes nicht ganz Herr wird. Will der Sterbende ein Kissen oder war es sein Cousin, der ihm die tödliche Kugel verpasste? Für die Behörden – je nachdem wessen Hand sie gerade halten oder beißen – sind eifrig bei der Sache. Denn es gilt die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Dass dabei auch gleich noch das Verschwinden einer Mühle ans Tageslicht kommt, macht es allen Beteiligten nicht einfacher…

Andrea Camilleris Geschichte fußt auf einer wahren Begebenheit. Er nimmt sie zum Anlass seiner sizilianischen Heimat einmal mehr ein literarisches Denkmal zu setzen, dass den Leser in ein Land führt, dessen Beben unter der Oberfläche nur allzu oft falsch verstanden wird. Es brodelt allenthalben. Und die Mühlen des Herrn mahlen … wie auch immer … sie mahlen!

Die Sekte der Engel

Palizzolo, Sizilien, 1901. Siebentausend Einwohner werden von einer Handvoll Barone und Grundbesitzer regiert. Und einem Mafioso, dessen Namen aber keiner aussprechen will. Ach, was soll’s, is ja nur Fiktion: Sein Name ist zù Carmineddru. Man lebt so vor sich hin, regelt in erlauchtem Kreis, was zu regeln ist. Nur Matteo Teresi, der Anwalt, passt nicht so recht ins Stadtbild. Seine aufwieglerischen Schriften in seiner von ihm verlegten Zeitschrift stören das Gleichgewicht in den Gemeinden. Allen Pfarrern, allen ehrenwerten Leuten ist er ein Dorn im Auge. Dem kleinen Mann hingegen ist er ein Segen. Ein Segen, den sie von höherer Stelle niemals zu erhoffen wagten, gingen sie auch alle noch so fromm und regelmäßig in die Kirche.

Nun begab es sich zu dieser Zeit – ach ja, so ganz erfunden ist die Geschichte gar nicht, Andrea Camilleri bedient sich ein weiteres Mal in der Geschichte seiner sizilianischen Heimat – dass ein wenig Aufruhr Palizzolo ergriff. Die Cholera verbreitet sich schlagartig. Viele verlassen ihre eigenen vier Wände. Bis sich herausstellt, dass eigentlich gar nichts passiert ist, um eine derartige Stadtflucht auszulösen. Aus Respekt und aus Berufsethik hat der Doktor, der plötzlich mehrere gleichlautende Diagnosen stellen musste, den Mund gehalten über die wahren Gründe seiner Hausbesuche. Auch gegenüber den Familien, die wiederum aus Unwissenheit das Gerücht eines Choleraausbruchs in die kleine Welt Palizzolos setzten. Der wahre Grund ist eigentlich ein erfreulicher. Gleich mehrere junge Damen sind schwanger. Und das seit zwei Monaten. Alle zur gleichen Zeit schwanger geworden. Alle jungen Damen schweigen sich über die Vaterschaft aus. Da stimmt was nicht! Doch was?

Montagnet, eine Ermittler aus dem Norden, einer nicht minder verlassenen Gegend wie Palizzolo, trifft auf eine Horde Verdächtiger und schweigsamer Wissender. Auf Mörder und Ermordete. Auf Vergewaltiger und Vergewaltigte. Alle schweigen und versuchen nur die Ordnung im Ort wieder herzustellen. Und dann noch der Aufwiegler Teresi, der seine politischen Ambitionen verfolgt und dabei in ein Wespennest sticht, das weder der Leser noch der Ermittler sich vorzustellen wagen. Denn die wahren Schuldigen dienen …

Andrea Camilleri lässt kein gutes Haar an den Beteiligten. Sie handeln alle unter einem anderen Vorwand. Eigene Interessen weisen alle weit von sich. Doch tief im Inneren – allerdings nicht tief genug, dass man es nicht doch noch erkennen kann – tut sich ein Höllenschlund auf. Bei aller Abscheu schafft es Camilleri dennoch, dass dem Leser nicht schlecht wird. Das liegt zum Einen an der exakten Faktenlage, zum Anderen an der ihm eigenen Art zu schreiben.

Die Münze von Akragas

Das Aufregende an historischen Romanen – aufregend im Sinne von „sich aufregen“ – ist doch, dass die Autoren in ungehörigem Maße unsauber recherchierten und unbedacht die Gegenwart in der Zeitachse nach vorn verlagern. Bei Andrea Camilleri muss man sich da keine Gedanken machen. Die Legende der Münze von Akragas ist mehr als nur Hörensagen, die Münzen existierten tatsächlich. Die handelnden Personen hat sich der Autor ausgedacht, ohne dabei den Pfad der Realität zu verlassen.

Alles beginnt vor rund zweieinhalb Jahrtausenden. Akragas, das heutige Agrigent, wird von einer riesigen Streitmacht der Kartharger dem Erdboden gleichgemacht. Das konnte nur durch Verrat geschehen. Der Söldner Kalebas kann dem Gemetzel entkommen. Im Gepäck hat er seinen Goldschatz, der heutzutage als Portemonnaie bezeichnet werden würde. Denn jede der Goldmünzen entsprach genau einer Tagesration Weizen. Auf der Flucht beißt ihn eine Viper, was ungewöhnlich ist, da zu diesem Zeitpunkt sozusagen keine „Jagdzeit“ für Vipern ist. Einen Arzt kann er nicht rufen, ihn würde eh keiner hören. Sofern man noch davon sprechen kann, wirft er geistesgegenwärtig die Münzen so weit weg wie er noch kann.

Die Zeit vergeht, Wind, Schnee, Regen lassen Gras und andere Vegetation über die Sache und die Münzen wachsen. Bis im Jahr 1909 ein Bauer etwas Glänzendes bei der Verrichtung seines harten Tagwerkes entdeckt. Es ist eine Goldmünze mit einem Greifvogel, der einen Hasen erlegt und einer Krabbe auf der Rückseite. Die sagenumwobene Münze von Akragas ist durch Pflug und Zeit wieder ans Tageslicht zurückgekehrt. Der Bauer weiß auch schon wem er die Münze vermachen wird. Einem Arzt. Der hat ihm einmal vor der Schande der Amputation bewahrt.

Dieser Doktor erkennt sofort den Wert der Münze. Und jetzt beginnt ein Spiel um Münze, Mord und Meineid. Mit vielen Opfern, aufgetretenen Türen und dem ewigen Spiel mit der Moral. Und sogar einem echten König!

Andrea Camilleri waren seine historischen Romane die liebsten. Commissario Montalbano brachte ihm Weltruhm ein, doch Geschichten wie diese lagen ihm mehr am Herzen als alles andere. Und das spürt man in jeder Zeile. Hintersinnige Humor gepaart mit harten Fakten packen den Leser am Sinneszentrum. Münzjagd, Familiengeheimnisse, bürokratisches Wirrwarr, Untreue – ein Füllhorn menschlichen Versagens. Doch immer mit einem Schmunzeln auf den Lippen, das Camilleri unweigerlich beim Schreiben getragen haben muss. Anders lässt sich das Ergebnis seiner Gedanken nicht erklären.

Brief an Matilda

Es ist nicht vielen vergönnt die Urenkel beim Erkunden der Welt zusehen zu dürfen. Auch Andrea Camilleri fühlte sein Ende nahen. Doch Matilda, seine Urenkelin, durfte er noch in den Arm nehmen. Im Bewusstsein, dass auch seine Zeit begrenzt ist, er und Matilda sich wahrscheinlich nie ernsthaft miteinander unterhalten können, fasste er den Entschluss und verfasste einen – sehr langen – Brief an sie. Auch wenn sie ihn nicht sofort lesen könne, so soll er ihr, wenn die Zeit reif ist, Uropas Entscheidungen nachvollziehbar machen.

„Brief an Matilda“ ist das Resümee eines der größten Schriftsteller Italiens, Europas und der Welt. Die Schlichtheit der Worte fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Matilda ist die Adressatin, sie soll ihn verstehen. Dass Andrea Camilleri die Welt an seinem Leben noch einmal teilhaben lässt, ist einmal mehr ein Indiz dafür, dass er ein Menschenfreund durch und durch war.

Auch er hatte dunkle Zeiten zu durchleben. Den Musolini-Faschismus durchschaute er rasch. Und er wurde Kommunist, was er bis ans Lebensende blieb. Auch das brachte ihm so manche Knüppel ein, der ihm zwischen die Beine geworfen wurde. Im Gegenzug hatte er aber auch Gönner und Freunde, die sein Talent erkannten und vor allem förderten, so dass er eine lebenslange Anstellung bei der RAI, dem staatlichen italienischen Rundfunk innehatte.

Seine Anfänge als Schriftsteller waren steinig und schwer. Bis ihm Montalbano über den Weg lief. Ein, zwei Romane. Mehr sollten es nicht werden. Doch die Fernsehserie und die Buchreihe ließen ihn umstimmen.

Von den Studentenrevolten der 68er über die Entführung des Ministerpräsidenten Aldo Moro bis hin zur Machtergreifung Berlusconis hat Andrea Camilleri die unterschiedlichsten Epochen Italiens miterlebt und teils mitbestimmt. Nur als Politiker wollte er sich nicht instrumentalisieren lassen. Ein Wahlerfolg wäre mehr als vorhersehbar gewesen. Doch wollte Camilleri nicht seine Leidenschaft – das Schreiben – an den Nagel hängen. Über hundert Bücher hat er geschrieben. Den Mund hat er sich allzu oft verbrannt. Mit der Mafia hat er sich angelegt. Mit einer Krimireihe erlangte er Weltruhm. Die historischen Romane waren ihm seine liebsten.

Jede Zeile, jedes Wort in diesem sehr langen Brief an seine Urenkelin Matilda sitzt unverrückbar. Es ist die Liebe, die in den Zeilen und sogar in den Zwischenräumen allgegenwärtig ist. Sie ist es auch, die man stets mit dem im Sommer 2019 verstorbenen Charmeur und Romancier in Verbindung bringen wird.

Der letzte Satz des Buches, in dem er Matilda auffordert ihm zu berichten, treibt einem die Tränen in die Augen. Denn Matilda lernt nun erst Lesen. Wann sie den Brief – dieses Buch – lesen kann, es verstehen kann, wird noch ein wenig dauern. Doch auch sie wird in dem Autor einen Menschen erkennen, den man gekannt, zumindest jedoch gelesen haben muss!

Der Leopard

Ein angeschossenes Reh wird seinen Häschern niemals entkommen. So geht es auch dem Haus Salina. Der Hausvorstand, Don Fabrizio, gibt sich der Astronomie hin – seine mathematischen Berechnungen sind hier angebracht. Wenn es allerdings um die Familienfinanzen geht, versagten schon seine Vorfahren. Man pflegt die katholischen Traditionen. Das Gebet, der Rosenkranz, gehört zum Alltag wie der Sonnenaufgang.

Der Zahn der Zeit, der Fortlauf der Geschichte – ob man es sehen oder gar wahrhaben will oder nicht – wird auch vor dem Landsitz des Fürsten nicht halt machen. Ob er weiß, dass er den Untergang seines Hauses noch erleben wird?

Garibaldi steht vor der Landung auf Sizilien. Nicht wird mehr so sein wie es einmal war. Italien wird geeint werden. Eine Revolution wie es sie noch nie gegeben hat. Und auch in der traditionsbewussten Familie Salina gibt es Sympathisanten mit den Aufständischen. Tancredi, der Neffe des Dons, hat nichts zu verlieren. Adelig, ja, das ist er. Doch ohne Mittel und Einfluss. Garibaldi und seine Ideen sind für Tancredi wie ein Fanal für die leuchtende Zukunft. Auch für die Salinas.

Tancredi liebt Angelica. Sie ist nicht blauen Geblütes, noch nicht (wissentlich). Eine Hochzeit mit einer Bürgerlichen, einer, die Garibaldi von Hause aus zugetan sein muss, unmöglich! Was die Revolution in Italien im Großen, setzt sich im Kleinen im Hause Salina fort. Tancredi steigt in der Revolutionsarmee auf. Der Don hingegen bekommt die Möglichkeit seine Würde zu wahren, seine Familie samt Einfluss zu retten, an der Erneuerung aktiv mitzuwirken. Er lehnt ab. Ein Salina wird niemals das Zugpferd einer progressiven Bewegung sein! …

Giuseppe Tomasi di Lampedusa hat den Erfolg seines einzigen Romans nicht mehr erlebt. Er starb ohne das Wissen, dass „Il Gattopardo“ so der Originaltitel, jemals veröffentlicht werden könnte. Die Neuübersetzung von Burkhart Kroeber – es ist die dritte Übersetzung ins Deutsche – hält sich an den Originaltext, versucht aber die sizilianischen Begrifflichkeiten so denn überhaupt möglich, so relevant wie möglich dem deutschen Lesefluss anzupassen. Keine einfache Aufgabe, denn schon der Titel gattopardo, bedeutet nicht zwangsläufig Leopard. Ein Serval trifft es wohl eher. Vielleicht hat der Autor aber auch mit der Verkleinerung des Tiernamens die Entwicklung und Bedeutung der Fürstenfamilie vorwegnehmen wollen. Ein Geheimnis, das er wohl mit ins Grab genommen hat.

„Der Leopard“ ist den meisten sicherlich aus der gleichnamigen Verfilmung von Luchino Visconti bekannt. Eine der besten – weil nahe am Original – Literaturverfilmungen, wenn nicht sogar die beste überhaupt. Burt Lancaster als desillusionierter Don Fabrizio, Alain Delon als heißblütiger Tancredi und die perfekte Besetzung der Angelica mit Claudia Cardinale. Im Falle des Leoparden ist es ausnahmsweise mal kein Frevel zuerst den Film zu schauen und dann das Buch zu lesen. Buch und Film sind in ihrer Gattung unbestritten auf den ersten Plätzen der Charts zu finden. Und das schon seit über einem halben Jahrhundert!

Lillehammer – Palermo oder: Suite für eine viertel Kuh

Je nachdem von wo man anreist, liegen Lillehammer wie Palermo am Ende der Welt. Die Zeiten sind vorbei, in denen man dachte, dass, wenn man am Rande der Welt Gleichgewichtsstörungen bekommt, sofort in ein tiefes Nichts fällt. Das passiert weder im hohen Norden, noch im tiefsten Süden Europas. Lillehammer, die Stadt, die erst seit knapp drei Jahrzehnten eine Rolle in den Köpfen der Menschen spielt, seit 1992 hier die Olympischen Winterspiele stattfanden, und seitdem als das Maß aller Dinge gelten. Und Palermo, die Stadt, die für die meisten das Italien aufblühen lässt, das sie gar nicht ist, da ihre Wurzeln wie kaum woanders in Europa interkontinental sind.

Stig Sæterbakken und Nino Vetri – unschwer zu erkennen, wer aus welcher Stadt kommt – begeben sich in ihren Geschichten an den Rand Europas. Abseits der Pfade, abwegig in jeder Hinsicht. Und dabei so eindringlich und voller Sehnsucht, dass selbst Märchensammler wie die Gebrüder Grimm grün vor Neid werden. So groß die Entfernung der beiden geographisch war, so eng sind ihre Schicksale als Künstler miteinander verwoben. Sie haben sich nie getroffen. Doch ihr Verleger hat sie – im Falle von Sæterbakken posthum – miteinander vermählt. Ein rauschendes Fest für den Leser!

Nino Vetris beitrag, die Erzählung „Suite für eine viertel Kuh“ beginnt mit dem seltsamen Zusammentreffen des Erzählers, welcher unverkennbar der Autor selbst ist, mit einem Magier. Ein echter Freigeist in jedweder Lesart: Freischaffend, depressiv, angewidert, unverstanden, … pleite. Ein echter Künstler eben. Er eckt an mit seiner Kunst, und die Leute nehmen kein Blatt vor dem Mund, wenn sie ihm ihre Meinung geigen. Oder sie schütten gleich ihr Bier über seinem Haupt aus. Ein hartes Leben als Künstler. Wagner III., so nennt sich dieser Magier, geht schon seit Längerem mit einer Idee für eine Theaterstück schwanger. In diesem soll eine Kuh, Ratten, Fäkalien und Gift eine Rolle spielen. Die Provokation als Kunst. Auch der Erzähler hat eine Idee für eine Geschichte. Sie handelt von Freud und Jung, den Psychoanalytikern. Wagner III. klaut Passagen bzw. gleich die ganze Geschichte. Der Erzähler wird unweigerlich ins perfide Spiel des Magiers hineingezogen. Die Grenzen zwischen Realität und Kunst verschwimmen sehenden Auges.

Bei Sæterbakkens Part in diesem Buch spielen Versatzstücke eine große Rolle. Aus dem Nachlass entnommene Stücke spiegeln genau das wieder, was am anderen Ende, nicht der Welt, immerhin jedoch, Europas ebenso passieren kann. Der Künstler als unverstandener Interpret der Zeit. Die Notate aus dem Nachlass von Stig Sæterbakken lesen sich wie die Einverständniserklärung für das Leben des Wagner III., das der Feder Nino Vetris entsprungen ist. Wagner III. wurde erst nach seinem Tod bekannt. Sæterbakken war schon vor seinem Tod ein geachteter Autor. Er schied am 24. Januar 2012 freiwillig aus dem Leben. In Zusammenhang mit diesem Buch ist der Tod eines weiteren Menschen vielleicht nicht von Bedeutung, aber doch auffallend (könnte von Wagner III. nicht besser inszeniert worden sein): Zwei Tage vor Sæterbakken starb der amerikanische Football-Coach Joe Palermo.

Der Teufel, natürlich

Da will man jemandem was Gutes tun … und der Schuss geht voll nach hinten los. Oder man will jemand aus Angst selbst enttarnt zu werden in die Pfanne hauen, und fällt in die Grube, die man selbst ausgehoben hat. Da müssen doch höhere Mächte am Werk sein! Nicht immer. Manche nennen es Schicksal. Manche erkennen in solchen Taten den Teufel. Nüchtern betrachtet ist es ausgleichende Gerechtigkeit.

Für Andrea Camilleri war – ja, leider muss man es nun so sagen: Es war. Andrea Camilleri schloss am 17. Juli 2019 endgültig die letzten Seiten seines Lebensbuches – war es fast schon ein diabolisches Vergnügen dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten, ohne dabei den berüchtigten Zeigefinger warnend zu schwenken.

Diese Geschichtensammlung kann man nicht in Auftrag geben. Sie wird einem angeboten. Und das Angebot sollte man annehmen! Schon allein die erste Geschichte der Philosophen Jean-Paul Dassin und Dieter Maltz zeigt Camilleris Fähigkeit Fiktion und Realität in einen einmaligen Einklang zu bringen. Beide Philosophen kannten sich nicht. Die Medien heizten durch Spekulationen, dass Dassin der Literaturnobelpreis zugesprochen werden solle, jedoch die Feindschaft an. Maltz ließ das kalt. Er als sich die Politik einzumischen versucht, nimmt Maltz die Herausforderung an. Die Akademie, die den Preis verleiht, sieht sich gezwungen, Dassin aus dem Kreis der Anwärter zu streichen. Zu viel öffentliches Interesse, könne die Wahl beeinflussen. Maltz schreibt in einer derart überhöht satirisch über Dassins Werk, dass nun niemand mehr umherkam, Dassin den Preis schlussendlich doch zuzusprechen. Die Satire war derart gut zwischen den Lobeshymnen versteckt, dass niemand die spitze Zunge auffiel.

Der Teufel steckt halt immer im Detail. Doch selbst, wenn man ihn erkennt, nimmt man ihn nicht ernst. Doch das Ende der Geschichten ist nicht immer vorhersehbar. Ein Einbrecher entdeckt verräterische Fotos und zwei Briefe der Erpressten. Ihr Verführer hat sie beim heimlichen Liebesspiel fotografiert. Sie solle zahlen, dann bekäme sie die Negative. Doch der Erpresser dachte gar nicht daran die Kuh, die er molk auf die Weide zurückzulassen. Er wollte mehr. Für die Verführte eine delikate Angelegenheit, denn sie war die Ehefrau eines angesehenen Mannes. Der Erpresser lässt in einem Anflug von Edelmut ihr die Fotos zukommen. Sie hatte die Fotos und die Affäre schon fast vergessen, die Zeit heilt alle Wunden. Doch dann beginnt der Todeskreislauf von vorn …

„Der Teufel, natürlich“ ist nur wenige Tage nach seinem Tod auf Deutsch erschienen. Dreiundreißig Geschichten, die nur von ihm geschrieben werden konnten. Den Finger in die Wunde legen und zu behaupten, dass er es doch gleich gesagt hätte, dass es schief geht, war nicht sein täglich Panino. Aber ohne Schadenfreude zu beobachten wie Pläne sich ins Gegenteil verwandeln, den Prozess des Niedergangs zu beschreiben, gelang mit einer Leichtigkeit und Präzision, die jedem Diamantenschleifer die eigene Unzulänglichkeit vor Augen führt.

Für jede Seite, jeden Absatz, jedes Wort sollte man Andrea Camilleri ein Denkmal setzen. Mit Tränen in den Augen fliegt nicht über die Sätze, man taucht in die Geschichten ein. Luftholen unnötig. Camilleri erstickt den Leser mit einem zufriedenen Gefühl, dass man derartigen Schicksalen bisher aus dem Weg gehen konnte. Man ist aber nun auf der Hut!

Jedem das Seine

Der 23. August 1964 hätte ein großer Feiertag für den Apotheker Manno und Doktor Roscio werden können. Bei der Jagd hatten sie elf Kaninchen, sechs Rebhühner und drei Hasen erlegt. Zu dumm nur, dass auch die beiden Schützen erlegt wurden. Von Weidmanns Dank keine Spur. Jetzt kommt so manchem die Geschichte von vor ein paar Tagen gar nicht mehr so unerheblich vor. Der Apotheker Manno bekam einen Drohbrief. Für das, was er getan hat, müsse er nun sterben. So was kommt immer mal vor, ein Scherz, so tat es der Apotheker ab. Schon der Postbote ahnte etwas von dem, was an diesem 23. August 1964 geschehen sollte.

Da die beiden Opfer – außerdem ist ein weiteres Opfer ist außerdem zu beklagen: ein Jagdhund des Apothekers – angesehene Personen des öffentlichen Lebens in dem kleinen sizilianischen Ort sind, und beide aus noch angeseheneren Familien stammen, rückt sofort die Polizei an. Doppelte Mannschaftsstärke, es darf auf keinen Fall irgendein Detail übersehen werden. Doch Maresciallo noch Carabinieri werden fündig. Überhaupt ist der gesamte Ort ziemlich schweigsam. Das kommt dem Lehrer Laurana seltsam ungewöhnlich vor. Er macht sich höchstpersönlich auf die Suche nach den Mördern – es müssen mindestens zwei gewesen sein. Denn wer begibt sich selbst in Gefahr, wenn er zwei versierte und mit geladener, zum Schuss bereiter Waffen tragende Jäger ermorden will? Ihm, dem Lehrer wird, schnell klar, dass hinter der ehrenwerten Fassade der beiden Jagdfreunde ein ordentlicher Haufen voller Hinterlist und Zwietracht liegt. Doch wie ermitteln ohne dabei Staub aufzuwirbeln?

Laurana zieht es in die Ferne. Zu den Verwandten, nicht seinen, sondern denen der Opfer. Auch die Zeitungsausschnitte, mit denen der Drohbrief verfasst wurde, sind für ihn von Belang. Als er wieder in den Ort, an den Ort des Verbrechens zurückkehrt, blickt er klarer in den Abgrund. Zu dumm nur, dass auch andere dieses Klarersehen erkennen… War alles nur ein Missverständnis oder doch ein klug ersonnener perfider Plan?

Leonardo Sciascia lässt die Puppen tanzen! Sie umgarnen den Leser mit ihrem Liebreiz und verschleiern ihm die Sicht. Nur der Geschichtslehrer lässt sich von den Ablenkungen nicht den Kopf verdrehen. Hier und da blitzen kleine wohl platzierte Hinweise auf. Das Offensichtliche lauert hinter elegant schwebenden Schleiern, die erst nach und nach sich liften, um das Ungewisse, doch Unvermeidliche ins Rampenlicht treten lassen. Mit fatalen Folgen!