Archiv der Kategorie: Rund um den Ätna

Sizilien. Eine Geschichte von der Antike bis in die Moderne

Je nach Größe verfügt jede Stadt, jede Region, jedes Land über eine gewisse Anzahl von Bauwerken oder Naturschönheiten, die unverwechselbar sind. Und jeder Besucher will dort hin. Oft sind es die Stilbrüche, die einen Ort so einzigartig machen. Und je mehr davon zu sehen ist, desto beliebter war dieser Ort, diese Region, diese Insel (wir nähern uns langsam dem Thema). Davon kann man ausgehen. Denn zum Einen war der Ort – okay, sagen wir wie es ist: Die Insel – schon vor Zeiten ein Anziehungspunkt und man blieb auch lang genug, um sich hier ein Denkmal zu setzen, eine Burg zu bauen, auf jeden Fall etwas Bleibendes zu hinterlassen. Eine Frühform von Multikulti.

Und dann steht man in Sizilien. Auf einer Piazza, einer Via in einer Stadt, einem Dorf oder am Strand. Und überall wimmelt es nur von fremder Architektur, exotische Düfte umschwirren die Nase, ein seltsam hartes Italienisch dringt ins Ohr … es ist zwar Italien, aber auch noch vieles Anderes. Je nach Reiseband ist man nun aufgeschmissen oder man erfährt so manches, warum es hier so aussieht wie es ist.

Man kann aber auch die Abkürzung nehmen und den Richtigen fragen. John Julius Norwich ist der Richtige. Er ist der Chronist der Winde und Stürme, die über die größte Insel des Mittelmeeres jemals fegten. Und er kennt sie alle, die Griechen, die Karthager, die Römer und die Barbaren, von Napoleon bis zur Mafia. Es ist faszinierend dem Autor auf seinem Ritt durch die Geschichte zu folgen. Und folgen kann man ihm ganz leicht. Als ob es die einfachste Sache der Welt wäre, macht er Geschichte, die Geschichte Siziliens greifbar, nahbar. Kein stupides Daten herunterrasseln oder gehetztes „dann kam der, dann der und dann die“ etc. Hier ist ein Fachmann am Werk, der nicht nur sein Themengebiet beherrscht, sondern spielerisch Anekdoten und Fakten miteinander zu verknüpfen weiß.

Man muss dieses Buch nicht lesen, um Sizilien zu lieben. Aber es ist Basislektüre, um es zu verstehen. John Julius Norwich stellt keine Hinterlassenschaften in den Vordergrund, er stellt die Erbauer vor, führt den Leser in längst vergangene Zeiten und verknüpft die historischen Eckpunkte zu einem edlen Teppich, auf dem sich vorzüglich Sizilien erkunden lässt. Die Liebe zu der Insel ist in jedem Absatz spürbar. Immer weiter zieht der Autor den Leser in die ereignisreiche Historie der Insel, die von den Normannen genauso beeinflusst wurde wie von deutschen Kaisern, sarazenischem Säbelrasseln, griechischer Kulinarik oder anderen „Ehrenmännern“. Sizilien ist der wahrgewordene Urlaubstraum, dieses Buch der ideale Begleiter.

Bevor sie Euch töten

Wären Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele Urlauber auf Sizilien, sie hätten das Paradies für sich entdeckt. Doch die Situation stellt sich ganz anders dar. Sie verstecken sich in den Bergen, denn ihr Leben ist nichts mehr wert. Mitte der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts fliegen die alliierten Bomber einen Angriff nach dem anderen. Ganze Landstriche werden verwüstet.

Die einstigen Herren erhalten ihre Macht durch grundbesitzt, den sie schonungslos verteidigen. Harte Arbeit und schlechte Bezahlung lassen die Menschen aufbegehren. Ihre Anliegen werden niedergeknüppelt. Und auch sonst herrscht das Gesetz der Stärkeren. Die Vier haben alle ihre Gründe vor der Realität zu fliehen. Hier in den Bergen sind sie sicher. Ab und zu werden sie mit Proviant verpflegt. Ihr Ziel: Venezuela. Ein sorgenfreies Leben. Mit Frauen. Davon träumen sie, wenn sie den Tag passieren lassen. Insgeheim wissen sie, dass hier ihr Leben enden wird. Doch die Hoffnung, dass dem nicht so ist, lässt sie weiter in ihrer Phantasie schwelgen.

Zwischen perfiden Arten des Mordens und eindrucksvollen Landschaftsbeschreibungen verführt Giuseppe Fava den Leser in ein Sizilien, das so gar nichts mit der verklärten Prospektwelt der Reiseveranstalter zu tun hat. Entlaufene Töchter, entehrte Familien, unmenschliche Arbeitsbedingungen in sengender Hitze, skrupellose Landbesitzer sind real und werden ungeschönt beschrieben. Fava geht soweit, seinem Quartett eine letzte Chance zu geben: Vier Pässe gegen einen „einfachen Mord“. Werden die Vier das Angebot annehmen? Sind damit endgültig alle Schrecken vergessen, und wird ihnen nun das Paradies offenstehen?

Wohl kaum. Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele stehen sinnbildlich für die Verzweiflung Siziliens. Jung und Alt, begehrend, verzweifelt, hoffnungsvoll, hungrig – nur mit dem Ziel ihre geliebte Heimat alsbald verlassen zu können. So stark die Verwurzelung auch sein mag, so stark ist der Wunsch diese Wurzeln anderswo gedeihen zu lassen. Ihr Versteckspiel – wie werden immer noch aus verschiedenen Gründen als Banditen gesucht – ist eine Art Abschiedswanderung. Doch der Abschied will einfach nicht nahen…

Giuseppe Fava engagierte sich sein Leben lang im Kampf gegen Korruption, namentlich Mafia, und er hatte keinen Berg, auf dem er sich verstecken konnte und den Spieß umdrehen konnte. Seien Helden sehen keinen anderen Ausweg als selbst zu dem zu werden, das sie bekämpfen. Fava wurde von der Mafia ermordet, vor seinem Theater in Catania, in dem sein Anti-Mafia-Stück aufgeführt wurde. Trotz aller Versuche der Mafia einen Prozess zu verhindern, sitzen die Schuldigen heute hinter Gittern.

Frauen

Von den Alten lernen … über das Schreiben, was man kennt … niemals den Respekt verlieren. Oder kurz gesagt: Andreas Camilleris neues Buch „Frauen“. Man hätte es ja fast schon ahnen können, worum es geht. Auch wenn seine erfolgreichste Figur ein männlicher Sizilianer ist, so sind es doch die Frauen, die Andrea Camilleri zum Schreiben anregen, antrieben, ihn umgarnen.

So wie Elvira. Eigentlich sind es zwei Elviras. Die Eine war seine Großmutter, dem ist nichts mehr hinzu zu fügen, das sind eh die Frauen, die den größten Einfluss haben. Die Andere war seine Verlegerin. Eine echte Freundin, die ihm auch in einer Schreibpause nie aufgab.

Und wenn wir schon bei den Büchern von Andrea Camilleri sind: Ingrid. Studentin. Skandinavierin mit dem Hang zur überbordenden Spontaneität. Er, also Camilleri, der Professor, der die italienische Kultur und Kunst näherbringen soll. Sie, die wissbegierige und leidenschaftliche Studentin, die ihm mehr als nur Kopfschmerzen bereiten soll. Der Ausgang der Geschichte ist weniger leidenschaftlich als gedacht (herbeigewünscht?). Was bleibt ist die Freundin von Commissario Montalbano, Ingrid.

Schon beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses – Camilleri ist ganz Gentleman und ordnet die Frauen in seinem Leben alphabetisch – wird deutlich, dass es hier nicht um eine Abrechnung geht. Antigone, Carmen, Desdemona. Allesamt literarische Helden, denen er immer noch zutiefst verbunden ist. Helga, Beatrice, Inés waren und sind real. Jede auf ihre eigene Art. Pedantisch, emotional, fordernd.

Es ist ein Vergnügen den Erinnerungen eines Mannes zu folgen, der das Leben als lebenswert angenommen hat. Kein böses Wort fließt aus seiner Feder. Wohlwollen und Verständnis, Freude über das Zusammentreffen, Erinnerungen voller Lachen und Träume, Verzückung und ohne Reue.

Angelica ist die Erste. Zunächst nur pure Phantasie, später zum Greifen nah und dann doch durch die Finger rinnend wie der feine Sand in der Sanduhr, die das Warten so unerträglich macht. Frust? Niemals.

Andrea Camilleri besitzt die unerschütterliche Gabe Frauen zu lieben und dieser Liebe Ausdruck zu verleihen. Nicht einmal der Anflug von Plumpheit, selbst in Jugendtagen, lassen die Frauen – und den Leser – erschaudern. Keine Szene wirkt gestelzt oder künstlich herbeigeführt. Man könnte fast neidisch werden…

Das sizilianische Mädchen

Das sizilianische Mädchen

Diego Galdino ist Barista aus Rom. Da hört man so einige skurrile Geschichten. Da liegt es nah diese zu einem Roman zu verknüpfen. „Das sizilianische Mädchen“ ist so eine Geschichte.

Der Ort Siculiana in Sizilien ist bekannt für ein ganz besonderes Naturschauspiel. Wenn die Schildkröten schlüpfen gibt es ein wildes Gestrampel in feinen Sand. Dann ,wenn die geschlüpften Schildkröten gen Meer streben. Hier ist Lucia aufgewachsen. Wohlbehütet, ohne Sorgen. Weder finanziell noch seelisch. Nonna Marta ist ihre engste Vertraute, Rosario der Mann, den sie einmal heiraten wird. Das steht fest. Auch er aus gutem Hause. Ob arrangiert oder nicht, die Hochzeit wird einmal die ganze Region bewegen.

Doch vorher will Lucia einmal raus aus der gewohnten Umgebung. Raus in die Welt. Rom soll es sein. Und ein Volontariat bei einer Zeitung ist die Fahrkarte in die Freiheit. Voller Neugier und offenen Auges setzt sie behutsam die ersten Schritte in ihr neues, auf drei Monate begrenztes Leben. Die Klatschbasen der Redaktion amüsieren sie mehr als sie sie ernst nimmt. Auch der Chef ist ganz nett. Nur ihren neuen Kollegen lernt sie erst nach einiger Zeit kennen. Clark Kent, heißt er. Wie Superman! Auch dass sie den gleichen Beruf haben – Journalist – verwundert Lucia kaum. Im Gegenteil. Alles passt. Clark ist ein echter Superman. Das muss sie sich eingestehen. Es ist alles so verwirrend, nicht einmal Marta kann sie davon erzählen. Schließlich wartet in der vertrauten Heimat Rosario. Wenn Nonna Marta wüsste… Sie kann Rosario nicht leiden. Beziehungsweise ist sie felsenfest davon überzeugt, dass Lucia einen Besseren verdient hätte. Rosario ist einfach nur langweilig und uninspiriert.

Lucia nimmt ihr Herz in die Hand und reist nach Sizilien. Nach Siculiana. Zu Rosario. Um ihm zu sagen, dass ihre Zukunft nicht die seine sein kann. Und Clark? Der bleibt zu Hause in Rom. Hält die Füße still. Nur kein Aufsehen erregen. Lucia will und muss das allein durchziehen. Doch die Sehnsucht überwiegt und Clark versucht Lucia anzurufen. Nichts! Keine Reaktion. Kein Lebenszeichen! Also bleibt Clark nur eine Möglichkeit: Selbst in die Höhle des Löwen zu reisen. Mit einer Notlüge kann er sich sogar bei Nonna Marta einnisten. Was ihn allerdings in den nächsten Tagen und Wochen entgegen schwappt, ist mehr als nur das liebliche Planschen der Babyschildkröten. Es ist ein ausgewachsener Skandal, in dem er und Lucia immer mehr zu den Hauptakteuren werden…

Diego Galdino schafft es schon nach wenigen Seiten den Leser für seine handelnden Personen zu begeistern. „Eine Herz und eine Krone“ trifft auf lebendige Urlaubsatmosphäre, so dass man sich schon nach kurzer Zeit im warmen Sand an Siziliens Küste wähnt.

Lume Lume

Lume Lume

Ein Ohrwurm geht dem Erzähler nicht mehr aus dem Kopf. Es beschäftigt ihn so sehr, dass er unbedingt wissen muss, was die Zeilen bedeuten. Und so macht er sich auf die Suche nach der Bedeutung des Liedes. Er streift durch das multikulturelle Palermo. Woher stammt es? Vom Balkan? Aus Rumänien?

Unterwegs trifft er Rumänen – die kennen das Lied aber nicht. Zu jung. Die, die im richtigen Alter sind, und Rumänen zu sein scheinen, sind keine Rumänen. Die Suche nach dem Sinn des Liedes wird zur Suche nach der Identität der Stadt.

Der Erzähler trifft auf Moslems, Christen. Die buddhistische Floskel vom Weg, der das Ziel ist, wird unweigerlich sein Leitfaden. Er begegnet jungen Mädchen, die mit Stolz die Burka tragen. Jetzt sind sie erwachsen. In die Schule stolzieren sie allerdings in Jeans. Ihr Vater will nur, dass sie glücklich sind. Egal in welcher Kleidung.

Lume bedeutet Leute oder Welt. Die Doppelung des Wortes verleitet zum Spielen: Welt-Welt, Leute-Leute, Leute der Welt etc. Doch was es nun genau bedeutet, kann ihm immer noch keiner sagen.

Dem Erzähler gefällt das Lied so sehr, dass er es als Sinnbild Palermos ansieht. Hier trifft sich die Welt. Ob es nun Europa ist oder nicht – eine köstliche Erklärung warum Palermo nicht Europa ist: Lesen! – das Lied wird zum Sehnsuchtsziel einer spannenden Reise in die Herzen der Palermitani.

Nino Vetri ist auch Musiker. Der Erzähler ist er selbst. Eine Melodie, ein Lied, das einem nicht aus dem Sinn geht, das kennen viele. Dass man bei der Suche nach dem Text die eigene Umgebung unter die Lupe nimmt, so was gelingt nur Nino Vetri. Den Text zu finden, ist ein Leichtes, den Sinn zu erfassen wird schon schwieriger. Für Nino Vetri ist die Suche nach dem Text von Lume Lume nur der Anfang. Er findet Freunde, die ihm ihre Sicht auf die Welt näherbringen. Und Palermo ist die Sonne, um die sich alles dreht…

Die letzten Stunden meiner Brille

Die letzten Stunden meiner Brille

Nino Vetris erster Roman entführt den Leser ins Palermo der Geschichten. Sein Vater verliert nach und nach sein Gedächtnis. Auf dem Weg zum Doktor fallen ihm immer wieder Geschichten aus der Kindheit ein.

Damals wollte er eine Punkband gründen. Der Unbegabteste sollte Schlagzeug spielen. Wie universell doch Punk sein kann. Der Großvater hat noch ein Maschinengewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Das fasziniert die Jugendlichen ebenso wie die neugewonnene Anerkennung als Band. Die einzelnen Geschichten nachzuerzählen fällt schwer, weil jedes Schicksal mit dem anderen verwoben ist. Zeitsprünge werden nicht angekündigt.

Der Leser wird trotzdem nicht überfordert. Im Gegenteil: Er wird gefühlvoll durch das Labyrinth der Geschichten geführt. Zwischen Bombenhagel und Gitarrengeschrammel findet er sich mitten in Palermo wieder. Einer Stadt, in der die Bewohner stets von Sehnsucht getrieben sind. Die Geschichte bietet ihnen die Basis für ihr eigenes Leben, das sie nun selbst gestalten müssen, dürfen, können.

Als Beiwerk gibt es eine CD mit Musik von „La Banda di Palermo“, der Band von Nino Vetri. Eine Art Ethno-Folk. Lässt man sie während des Lesens nebenbei laufen, tauchen die Bauten der Stadt vor einem auf. Der Straßenlärm versinkt im Klang der Instrumente.

Andrea Camilleri war begeistert von diesem Buch: „Ironisch, elegant und direkt“, nannte er das Erstlingswerk von Nino Vetri. „Die letzten Stunden meiner Brille“ ist ein Kurzroman, den man mehrmals liest. Und bei jedem Mal erschließt sich eine andere Welt. Kriegserinnerungen, Jugendsünden, Schicksale. Immer wieder wird der Leser in eine neue, faszinierende Welt geführt. Siziliens Dichter waren seit jeher von ihrem Land angetan. Nino Vetri führt diese schöne Tradition fort und den Leser durch seine Heimat.

Sizilien: Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Sizilien - Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Wow was für eine Reise! Diesen Ausspruch kennt man, wenn man aus Sizilien zurückkehrt. Neidisch lauschen Freunde und Familie den Schilderungen der Reisenden. Es kann aber auch als Fazit dieses Buches gelten. Bleiben wir bei Letzterem.

Das Autorenduo Weber / Sehn beginnt mit einem literarischen Rundumschlag. Sie zeigen anhand sizilianischer Autoren, die über Sizilien schreiben, wie Sizilien ist, wie die Menschen ticken. Zitate und Analysen verschaffen dem Leser und Sizilienenthusiasten einen umfassenden Überblick über das, was die Insel ausmacht. „Die Königin der Inseln“ offenbart sich am besten in Büchern, keine Binsenweisheit – eine Tatsache. Pirandello, di Lampedusa, Camilleri und Sciascia und viele andere gaben ihrer Heimat eine Stimme. Den historischen Zusammenhang der Bücher stellen Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn unumstößlich dar.

Literarisch geht es auch weiter, wenn Sizilien als Reiseland entdeckt wird. Rund zweieinhalb Jahrhunderte erst wird die größte Insel des Mittelmeeres als Reiseziel wahrgenommen. Natürlich war auch Goethe hier, dem es fast die Sprache verschlagen hat. Johann Gottfried Seume war Sizilien einen Fußmarsch wert. Von Sachsen aus lief er zu Fuß nach Sizilien. Heutzutage ist das schon wieder ein eigenes Buch wert…

Die folgenden Kapitel sind den Wurzeln Siziliens gewidmet. Griechen, Deutsche, Normannen und Araber haben allerorten ihre Zeugnisse hinterlassen, die teils heute noch besichtigt werden können. Kenntnisreich und moderat führen die Autoren durch die wechselvolle Geschichte der Invasoren und Herren Siziliens. Das Zeitalter des Barocks hat in Sizilien zahlreiche, überbordende Denkmäler hinterlassen. Da hier die Erde sehr oft bebte und immer noch bebt, wurde so mancher Ort dem Erdboden gleichgemacht. Noto im Südosten wurde barock und farbenfroh wieder aufgebaut. Nur halt ein paar Kilometer weiter. Fachkundig und begeistert zugleich berichten die beiden Autoren von den nicht zu übersehenden barocken Besonderheiten der Stadt.

Bei einem Streifzug durch Sizilien dürfe zwei Dinge nicht fehlen: Die Küche und die Mafia. Nach über zweihundert Seiten Geschichtsunterricht, der auf keiner der Seiten auch nur ansatzweise langweilig wird, nun der folkloristische Teil. Hier verlassen die Autoren ihre Sach-Komfortzone und geben handfeste Tipps. Zum Beispiel geben sie den Ort preis, an dem Commissario Montalbano, Andrea Camilleris Vorzeige-Kommissar, am liebsten seine Leibspeise einnimmt. Und wenn wir schon bei Ermittlern sind, ist die Mafia nicht weit. Sie ist untrennbar mit Sizilien verbunden. Man sieht sie nicht immer und überall, jedoch ist sie da. Seit jeher. Auch dafür haben Weber und Sehn ein Auge. Von den Ursprüngen, die nur selten erwähnt werden, bis hin zum aktuellen Stand wird dem Mob auf den Zahn gefühlt.

Literaturliste, Geschichtsbuch, Legendenbildung, Kochtopfneugier – Sizilien wird bei Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn zum umfassenden Leseerlebnis. Sizilien ist ein Reiseziel für Kopf und Herz. Beides wird in diesem Buch hervorragend gefüttert.

Mamas wunderbares Herz

Mamas wunderbares Herz

Sizilien ist Italien und doch wieder nicht. Die Sonne brennt erbarmungsloser. Der Trubel auf den Straßen ist lauter, das Pesto grober. Palermo setzt dem Ganzen die Krone auf. Man spricht italienisch, in maurisch-normannischer Architektur. Wer Sizilien kennt, will es intensiv erleben, nie mehr loslassen müssen. Wer Nino Vetri liest, wird es nicht wieder erkennen.

Drei Geschichten, die Palermo, Viale Michaelangelo so darstellen wie es ist und niemals auch nur annähernd von einem Touristen erlebt werden kann. So liebevoll wurde die Nähe zu einer Respektsperson – das Wort Pate wäre hier völlig unangebracht – noch nie beschrieben. Mit voller Inbrunst beschreibt Nino Vetri die Düfte des Viertels. Die Flora von Michelangelo wiegt sich im Wind der Worte. Die ganze Blütenpracht der Welt vereint sich in diesem Mikrokosmos. Hier schreibt das Leben die besten Geschichten. Und der Leser ist hautnah dabei.

Eigentlich ist Nino Vetri Musiker. Er gründete „La Banda di Palermo“ – googeln lohnt sich. So mitreißend ihre Musik, so bezaubernd sind auch die Geschichten Nino Vetris. Unprätentiös, echt, voller Liebe für die Menschen und mit wachem Auge beobachtet er die Menschen um ihn herum. Was dabei herauskommt, muss sich nicht vor Andrea Camilleri und Leonardo Sciascia verstecken.

Jede einzelne Begebenheit wird zu einem echten Ereignis. Kurz und kraftvoll schlägt das Schicksal zu. Der Leser kommt kaum hinterher ohne sich gehetzt zu fühlen. Die Hitze der Mittelmeerinsel ist spürbar. Die Härte des Lebens engt den Leser nicht ein, sie gibt ihm Raum sich einzufühlen.

Die Geschichten sind gespickt mit kleinen Anekdoten, die zusammengefügt ein farbenfrohes Bild Palermos zeichnen. Doch die Gefahr lauert überall…

Feuer ans Stroh

Feuer ans Stroh

Wer Feuer ans Stroh gibt, heizt die die Stimmung an. Luigi Pirandello heizt die Sehnsucht nach Sizilien an. Seine Geschichten in diesem Band machen Appetit auf die Mittelmeerinsel.

Gleich die erste – namensgebende – Geschichte zeigt den liebevollen und  gewitzten Umgang der Menschen untereinander. Ein ehemals reicher Mann lebt seit geraumer Zeit von der Hand in den Mund. Alle meiden ihn, weil er ihnen etwas sonderbar erscheint. Zuhause hat er Vögel eingesperrt. Warum nur? Nur einer spricht mit ihm. Der ehemals Reiche, bittet ihn mit ihm zusammen die Vögel freizulassen. Und Feuer ans Stroh zu geben. Der Helfer tut wie im befohlen … allerdings mit einem anderen Ausgang der Geschichte.

Jede einzelne Geschichte ist ein Juwel aus dem literarischen Schaffen Luigi Pirandellos. Mal muss man unfreiwillig schmunzeln, mal schüttelt man den Kopf wegen der Eseleien der Menschen. Doch niemals stellt der Autor sie bloß. Respektvoll lässt er sie an der langen Leine ihre Dinge tun. Dem Leser wird’s gefallen. Wird er doch ins Sizilien der jüngeren Vergangenheit entführt und darf rege am Leben der Sizilianer teilhaben.

Die Helden sind Eigenbrödler, Leute mit besonderen Fähigkeiten, mutige Menschen, die in ihrer Einzigartigkeit jedoch vom Rest geschnitten werden. Sie warten auf ihre Chance sich zu beweisen, es den Anderen zu zeigen. Und sie bekommen alle ihre Chance.

Wer Luigi Pirandellos Geschichten liest wird adhoc in eine andere Zeit, in eine andere Welt versetzt. Er ist der geistige Vater von Leonardo Scascia und Andrea Camilleri, die ihrer Vaterfigur große Freude bereiten würden, wenn er ihre Geschichten noch lesen könnte.

Für sein Werk wurde Luigi Pirandello 1934 mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt.

Ein Samstag unter Freunden

Ein Samstag unter Freunden

Eine Freundschaft ist gold wert. Doch so fest die Bande zwischen den einzelnen Freunden sind, so fragil sind sie, wenn die Freundschaft auf die Probe gestellt wird. Andrea Camilleri lässt sieben Freunde ein Wiedersehen feiern, die sich alle seit Kindestagen kennen.

Sie haben zusammengespielt, die Schulbank gedrückt und so manches Abenteuer bestritten. Eine verschworene Gemeinschaft, die sich mit dem Erwachsenwerden immer weiter voneinander entfernt hat. Nun stehen sie da: Fabio, Giulia, Andrea, Matteo, Anna, Gianni und Rena. Freude und Abscheu lagen noch nie so eng beieinander. Denn die Freunde teilen nicht nur die Erinnerung an gemeinsame Kindertage, sondern auch ein dunkles Geheimnis. Eines, das der Leser suchen und die Lösung für das Rätsel finden muss.

Andrea Camilleri beschreibt die gegenwärtige Situation und die Lebensläufe der Freunde mit einfachen Worten ohne dabei in Ordinäre abzugleiten. Allesamt Akademiker, alle in Beziehungen, alle mit einer gehörigen Portion Wissen über das Schicksal des Anderen. Eine angespannte Lage, in der sich jeder Einzelne befindet.

Einige werden seit Neuestem erpresst. Mit Fotos. Darüber können sie nicht offen mit allen reden. Einer könnte der Erpresser sein. Und so schleppt sich der Abend dahin. Mit Freudentränen und versteckten Messern zwischen den Zähnen. Der offene Disput wird noch gescheut. Noch!

„Ein Samstag unter Freunden“ zeigt wie sich Menschen im Laufe eines Lebens ihrer Altlasten entledigen können, ohne die Wurzeln derer zu vergessen. Immer wieder blitzen Gemeinsamkeiten auf, die dem Leser eine neue Sicht der Dinge präsentieren. Andrea Camilleri nimmt den Leser mit in seine Heimat Sizilien, auf einen Familienbesuch, eine Reise in die Vergangenheit. In eine Zeit, die unbeschwert sein sollte, es aber bei Weitem nicht war, wie man am Ende des Buches erfahren soll. Die Leichtigkeit des Seins muss Seite um Seite der Schweremut der Kindheitserinnerung weichen.