Archiv der Kategorie: Nordlichter

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.

Schloss Gripsholm

Ab in die Sommerfrische nach Schweden! Peter und Lydia haben es sich verdient. Er Schriftsteller, Sie Sekretärin. Ihr hängt die Arbeit noch ein bisschen nach. Zu sehr spielen die Arbeitsabläufe noch in ihrem hübschen Köpfchen Pingpong. Doch das soll sich rasch ändern, sobald sie in Schweden angekommen sind.

Schloss Gripsholm wird ihr Exil von der Welt werden. Daddy, so nennt Lydia ihren Peter liebevoll, manchmal auch Fritzchen, ist sofort angekommen. Dem Müßiggang kompromisslos nachgeben ist für ihn kein Problem. Prinzessin, auch er hat einen Spitznamen für Lydia, lässt sich leicht anstecken.

Auffällig in dieser Abgeschiedenheit ist nur die tägliche Kolonne an Kindern, die angeführt von einer Matrone namens Frau Adriani, tagein tagaus durch die Felder exerziert. Sommerfrische kann man das nicht gerade nennen. Militärischer Drill trifft es wohl eher. Ein Mädchen reißt sich immer wieder los von dieser In-Reih-Und-Glied-Manieriertheit. Ada. Sie schluchzt so herzzerreißend, dass Lydia sich genötigt fühlt dem kleinen Mädchen auf den Zahn zu fühlen. Frau Adriani sieht sich in ihrer Generalsfigur angegriffen. Wie könne sie nur! Sie allein habe hier das Recht selbiges zu sprechen! Und so weiter. Lydia ist geschockt. Hier in dieser Idylle so drohende dunkle Wolken?

Als Karlchen eintrifft, ist die heile Welt wieder hergestellt. Kurzfristig. Ein Schnorrer vor dem Herrn. Ein liebevoller Schnorrer, dem die Zigaretten von Anderen besser zu schmecken scheinen als die eigenen, wenn er denn welche hätte. Er passt in die kleine Gruppe wie Faust aufs Auge.

Als dann auch noch Billie aufkreuzt, sie hat sich gerade von ihrem Freund, einem Maler, getrennt, ist das fröhliche Ringelreih der ungetrübten Ausgelassenheit komplett. Und Peter und Lydia? Was wird aus ihnen? Was wird aus ihnen, wenn der Urlaub vorüber sein wird?

Kurt Tucholsky wurde von seinem Verleger Ernst Rowohlt um eine kleine unverfängliche Liebesgeschichte regelrecht angebettelt. So was wollten die Leute lesen. Nicht immer nur bierernste politische Diskurse führen. Das Leben sei eh schon hart genug. Rowohlt kam ihm finanziell sogar ein Stück entgegen. Für Tucholsky nicht genug. Dass der Roman heute immer noch ein Renner ist, darf wohl als Zeichen dafür gelten, dass Tucholskys Forderungen nachgegeben wurde. Der Briewechsel am Anfang des Buches lässt diese Vermutung naheliegen.

Hans Traxler, der für die Pardon und die Titanic nicht nur zeichnete, sondern sie auch mitgründete, hat seinen Zeichenstiften eine Dreißigerjahre-Kur verordnet. Keck wie die beiden Hauptakteure, mal mit blankem Busen und spitzer Nase, mal zärtlich verliebt, dann wieder in aufreizender Pose im frech geöffneten Pyjama. Schweden regte schon vor knapp einem Jahrhundert, der Roman erschien erstmals 1931, die Phantasie der Leser an und bis heuet die der Illustratoren. Traxlers Bilder geben Tucholskys Meisterwerk für Verliebte erst den richtigen Schliff.

Hamburg

Eins Komma Acht Millionen Menschen können nicht irren! Hamburg lohnt sich! Ob als Zwischenstation oder Urlaubsziel für ein paar Tage oder länger, wird man sich in der Hansestadt vorzüglich amüsieren, verköstigen und unterhalten können. Doch wer jetzt meint, dass nach einem Fischbrötchen, einer Hafenrundfahrt und einem Musicalbesuch nicht mehr viel kommen kann, der hat nun fast dreihundert Seiten lang Zeit sich genüsslich die Vorurteile aus dem Hirn zu schütteln.

Zehn Touren hat Autor Matthias Kröner zusammengestellt. In jeder Tour lernt man die Hansestadt auf eine andere Art kennen. Selbst das über alle Maßen bekannte Sankt Pauli erfährt hier noch eine Wertsteigerung, die selbst eingefleischte Sankt Paulianer ins Staunen versetzen wird. Hat man erstmal die Reeperbahn, das Erotic Art Museum und den Fischmarkt „hinter sich gebracht“, ist noch lange nicht Schluss in dem Stadtteil mit der sündigen Meile – was heutzutage aber nur noch ein nostalgisches Klischee aus „Der guten, alten Zeit“ ist. Denn im Norden Sankt Paulis lässt sich der Tag zwischen Coimic-Buchläden, osteuropäischen Kulinariktempeln und Hinterhofkinos einmalig beenden. Ach ja, über Fußball auf schwankendem Niveau, dafür aber mit den eindrucksvollsten Fans Deutschlands lässt sich hier vortrefflich diskutieren…

Auch der Hafen ist seit jeher ein Anziehungspunkt. Früher Arbeitgeber Nummer Eins der ganzen Region, ist er mittlerweile zu einem architektonischen Schmuckstück gereift. Die Speicherstadt hat mit der Elbphilharmonie einen Hingucker und Ohrenschmaus erster Kajüte bekommen.

„Hamburg im Kasten“ ist nicht der Ausruf eines begeisterten Fotografen – alles bekommt man eh nie ins Bild, zumindest nicht auf einmal – sondern die Rubrik, die man sich als Besucher besonders gut durchlesen sollte. Farbig abgesetzt, lässt Matthias Kröner hier die historischen Puppen tanzen. Wer zum Beispiel einmal um die Alster laufen will, braucht seine Puste. Über sieben Kilometer umläuft man ein Gebiet von 164 Hektar. Da lohnt es sich von einem Experten Rat zu holen, wo man beginnt, wo man innehält und wo man einkehrt. Auch Nachdenkliches wie Hagenbecks Völkerschauen, die zum Glück der Vergangenheit angehören, lassen aufhören und einen Hamburg-Besuch umfassend informiert geschehen.

Die vierte Auflage des Hamburg- Reisebandes der MM City Reihe bekommt auf der weltgrößten Reisemesse die verdienten Lorbeeren, den ITB BookAward. Dieser Preis sticht in der Masse an Buchpreisen dadurch hervor, dass hier nur Reisebücher prämiert werden. Und dieser Preis ist für dieses Buch mehr als gerechtfertigt. Noch was zum Thema irren: Wenn die eingangs erwähnten Eins Komma Acht Millionen Hamburger meinen, dass sie schon alles über ihre Perle wüssten …

Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Lesereise Stockholm

Rasso Knoller steht am Wasser und lässt Stockholm – genauer gesagt den Sonnenunter- und aufgang – auf sich wirken. Schön, dass es ihm gefällt. Doch als Leser ist man in solchen Situationen meist außen vor. Nicht hier. Das Rot des Feuerballs in all seinen Nuancen erscheint glasklar vor dem geistigen Auge. Die Menschen herum sind zum Greifen nah. Stockholm ist ein Abenteuer der besonderen Art. Und das auf jeder Zeile der nun folgenden einhundertzweiunddreißig Seiten.

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ könnte der Soundtrack einiger Kapitel lauten. Sergels Torg gehört sicher nicht zu den Sehenswürdigkeiten, die gleich zu Beginn einer Reise „abgehakt“ werden müssen. Architektonisch eher Kleckserei als Kleinod. Die Mischung der Besucher lädt auch nicht zwingend zum Verweilen ein. Doch Rasso Knoller schafft es auch diesem nicht gerade augenschmeichelnden Ort etwas abzugewinnen. Das kurze Kapitel dient nicht zuletzt dazu, den folgenden Geschichten mehr Gewicht zu verleihen, mehr Sehnsucht zu wecken.

An einem Dienstag in Skansen. Der Vergnügungspark hat wie immer geöffnet. Die Menschen strömen hinein. Doch – wie an jedem Dienstag im Sommer – die Masse der Menschen ist heute dichter. Es gilt einer der typischsten schwedischen Traditionen zu frönen: Dem Singen. Live im Fernsehen zu verfolgen für alle, die den Weg scheuen oder nicht die Möglichkeit haben selbst anzureisen. Auf der Bühne Stars der Musikszene. Davor Fans und, einfach gesagt, Menschen, die einfach gern singen. Karaoke für die Massen. Zu Tausenden strömen sie herbei und trällern im Verbund bis sich ein Chor erhebt, der seinesgleichen sucht.

Für die ganz Kleinen ist Junibacken die weite Welt, die es zu erkunden gilt. Und wenn auf der Bühne eine Rothaarige in knallbunten Klamotten auftritt, ist jeder mucksmäuschenstill. Ein Verbrecher wird gleich dingfest gemacht. Und die Heldin wird bejubelt, denn ihr Name ist weltbekannt: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Wer da nicht schwach wird und den Alltag vergisst, wird Stockholm nie verstehen.

Von der längsten Kunstgalerie der Welt, der tunnelbana (auch, wer kein Schwedisch spricht, erkennt sofort, dass es sich um die U-Bahn der Hauptstadt handelt) über royale Gärten und im wahrsten Sinne noble Menüs bis hin zu Besuchen in mittlerweile (weil als unrentabel eingestuften) geschlossenen Schulen und natürlich dem ABBA-Museum nimmt der Autor den Leser mit in eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Dass hier immer noch (trotz stets wachsender Probleme) alles im Lot ist, ist ein Verdienst der Stockholmer. Ehemals blutige Plätze verbreiten heute nur noch bei Nebel eine Art von Schrecken. Problemviertel sind multikulturelle Schmelztiegel und neuangelegte Wohnviertel sind zukunftsweisende Modelle, die andere Städte problemlos übernehmen könnten. Moderne und Traditionsbewusstsein sind in Stockholm selbstverständliche Gegebenheiten und keine Widersprüche, die verbal auf Teufel-komm-raus polemisiert werden müssen. Mit derselben Vehemenz muss man dieses Buch bei jedem Stockholm-Trip dabei haben. Ohne diese Lesereise würde etwas fehlen.

Stockholm

Det är fint! Beginnen wir mit dem Ende des Reisebandes. Ja, er wird jedem gefallen, der Stockholm auf eigene Faust, auf eigenen Füßen, mit allen Sinnen begegnen und darin eintauchen will. Der beiliegende Stadtplan war eine echte Erleichterung in der Stadt, die Lisa Arnold zu Beginn des Buches als „anders“ beschrieben hat. Anders sind viele Städte, jede auf ihre Art. Doch Stockholm ist es wirklich. „Lagom“ nennen die Schweden das, was man den goldenen Mittelweg zum Glück bezeichnen könnte. Kein endloses Abwegen, was wem am wenigsten schadet. Nein, wahrhaftes Glücklichsein, darum geht es. Und fast scheint es so als ob die Neu-Stockholmerin Lisa Arnold dem Leser mit diesem Buch einen kräftigen Schubs in diese richtige Richtung geben möchte.

Stockholm – noch nie da gewesen, aber schon immer dort hin gewollt? Was fehlte? Der reiseband aus dem Michael-Müller-Verlag? Weil die immer so tolle Tipps haben und das ganze Buch erst vor Ort seine Reize preisgibt. Jetzt gilt dieses Argument nicht mehr. Erstauflage im Mai 2018, 264 Seiten, 121 Farbfotos, herausnehmbare Karte, Hintergrundinfos in gelben Kästen, neun Touren plus ein je Kapitel zu Ausflügen und den Schären.

Ja, dann haben wir doch alles! Auf geht’s nach Stockholm. So einfach ist es dann doch nicht! Erstmal einen Blick ins Buch werfen. Das ist ganz einfach. Denn jedes Kapitel ist klar strukturiert. Am Beginn einer jeden Tour, eines jeden Kapitels gibt es eine kleine Übersicht, was einen erwartet. So kann man schnell entscheiden, ob man dieses Kapitel sofort liest oder erst später. Man wird es so oder so lesen. Versprochen. Denn Stockholm – und schon lässt man die Seiten durch die Finger gleiten – ist ein Augenschmaus. Nimmt man alle Bilder zusammen, so streicht man die Worte Hektik und Stress postwendend aus seinem Sprachgebrauch. Das gilt übrigens auch für die Texte. Lisa Arnold hat nicht nur einen erstklassigen – Achtung Kritik! – und endlich einen Reiseband für diejenigen geschrieben, die gern auf eigene Faust eine Stadt erkunden. Ein kleiner Schubser hier, ein Fingerzeig da. Mehr braucht sie nicht, um auf den richtigen Pfad zu führen.

Und so kommt man durch Straßenzüge, die man hier nicht vermutet hätte. Der Architekt Sven Wallander, der hieß wirklich so und löste wohl den kniffligsten Fall der schwedischen Stadtplanungsgeschichte, schuf hier zum Beispiel den ersten Wolkenkratzer Europas. 1925 war das. Sechzig Meter hoch sind die Zwillingstürme Kungstornen in der Kungsgatan, der Königsstraße. Die besticht nicht so sehr durch lauschige Geschäfte – auch dafür hat die Autorin mehr als nur ein paar Zeilen eingearbeitet – sondern durch die bauliche Komposition. Nicht lang schnacken, Kopf … Apropos Kopf. Den sollte man keine Sekunde lang ausschalten. Genauso wie man das Buch immer dabei haben sollte. Denn sonst verpasst man womöglich noch die Möglichkeit zu einer Paddeltour, was in einer Stadt im (nicht am) Wasser fatal wäre. Oder ist erst weit nach 16.30 Uhr am ABBA-Museum. Dann kommt man nicht mehr rein. Was auch nicht schlimm wäre, da man sich in diesem Fall in der wohl längsten Galerie der Welt Kunst anschauen kann. Kostet nur so viel wie ein U-Bahn-Ticket und liegt auch genau auf gleicher Höhe. Die Rede ist von der Metro in Stockholm. Jede der einhundert Stationen wurde mit Skulpturen, Mosaiken, Malerei und Installationen gekrönt. Klar, Schweden ist ja auch eine Monarchie. Ist es noch notwendig zu erwähnen, dass im Buch unzählige Tipps für den verwöhnten Gaumen, verwöhnte Häupter und verwöhnte Sportenthusiasten aufgelistet sind? Ja? Sie sind es! Ob nun auf dem Montäliusvägen die romantische Aussicht genießen, im Kungstgrädgården den Wasserspielen fasziniert zuzuschauen oder in einer der zahlreichen Galerien sich ein bisschen Kunst zu gönnen: Zwischen der Sehnsucht und dem Erlebnis hat ab sofort der Michael-Müller-Verlag das ideale Bindungsglied im Programm.

500 hidden secrets Kopenhagen

Das Tückische an Geheimnissen ist, dass man sie nicht kennt, nicht sofort sieht. Blöd, wenn man erst nach einem Urlaub erfahren muss, was man alles noch erleben konnte, wenn man auch nur eines davon gekannt hätte. Und wie groß ist erst die Überraschung, wenn man fünfhundert Stück auf einmal erleben kann?!

Es klingt wie eine Mammutaufgabe das Buch komplett „abarbeiten zu wollen“. Aber Kopenhagen ist es wert sich so viel wie möglich anzuschauen. Und einige der kleinen Geheimnisse, der versteckten „Ohos“ und „Ahas“ kann man ganz beiläufig entdecken. Man muss nur die Augen offen halten. Und genau kommt dieses Buch ins Spiel. Es ist der Begleiter, der einem permanent mit dem Ellenbogen in die Rippen stößt und flüstert: „Kuck mal da!“

Zu Beginn führt Autor Austin Sailsbury zu den fünf besten nordischen Küchen und stellt anschließend fünf dänische Gerichte vor, die man unbedingt probieren sollte. Zu denen auch das Smørrebrød gehört. Auch hier wieder fünf Orte, an denen dieser Snack Feinschmecker wie Heißhungrige gleichsam versorgt.

Derart frisch gestärkt ist es nun ein Leichtes sich durch die weiteren fast einhundert Kapitel zu staunen. Jeweils fünf Tipps lassen die Stunden, die Tage wie im Flug vergehen. Jazz- und Bluesbars, Kirchen, dänisches Design, Museen, Kurioses. Die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten den Tag zu verbringen macht Kopenhagen so reisewert.

Wer bei Dänemark auch an Tuborg (die riesige Tuborg-Flasche, die man sicher schon mal in Filmen gesehen hat) oder Carlsberg denkt, hat sicher einen verdienten Tagesabschluss im Sinn. Doch dieses Buch bietet – raten Sie mal! – fünf Gründe die Ny Carlsberg Glyptothek zu besuchen. Ein Museum, das über zehntausend Objekte zur Schau stellt. Im Wintergarten lässt es sich entspannt beim Café plaudern oder man blättert noch ein wenig in diesem Buch, um sich die nächsten Abenteuer schon mal anzuschauen.

Keine blauen Flecke in den Rippen sind das Resultat dieses Buches, sondern langanhaltende Eindrücke. Immer wieder stößt man auf Neues, Besonderes, dass man ohne die Tipps des Autors vielleicht gesehen, aber niemals als Besonderheit wahrgenommen hätte. Eine ideale Ergänzung zu einem Reiseband, der aufzeigt, dass Kopenhagen eine aufstrebende, erstaunliche Stadt ist.

101 Kopenhagen

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Kopenhagen schickt sich an ein Reise-Hot-Spot erster Klasse zu werden. Immer mehr Artikel in Magazinen, Fernsehbeiträge und Reisebücher beschäftigen sich mit der dänischen Hauptstadt. Und dass immer noch, immer wieder die Filme der Olsenbande gezeigt werden, trägt sicherlich auch dazu bei die Stadt am Øresund begehrenswerter zu machen. Schon seit Jahren gelten die Dänen als eines der glücklichsten Völker der Welt. Wie man das exakt messen will, bleibt schleierhaft. Doch zufrieden sind die Dänen. Und diese entspannte Atmosphäre, die nur jemand ausstrahlen kann, der wirklich zufrieden ist, spürt man in der ganzen Stadt.

Zufrieden wird auch der Leser dieses Buches sein. Einhundertundeins Sehenswürdigkeiten, Plätze zum Entspannen und Staunen … es sind weitaus mehr als die angeführten einhundertundeins. Es sind einhundertundeins Ausgangspunkte, um Kopenhagen tiefgreifend zu erkunden. Beginnt man das Buch von hinten, schwelgt man schon beim Stichwortverzeichnis in Erinnerungen, die man nach der Reise pflegen wird. Cafés und die Carlsberg-Brauerei, Roskilde, das bei Festivalfans besondere Erinnerungen hervorrufen wird, und Rundetårn, Smørrebrød und Den Blå Planet lassen einen ganz „hyggelig“ werden. Hyggelig bezeichnet dieses spezielle Zufriedenheitsgefühl der Dänen, das sich so schwer übersetzen lässt. Einfach hinfahren, es sich anschauen und einen großen Teil mit nach Hause nehmen.

Kopenhagen ist von Deutschland aus nun wirklich sehr leicht und vor allem schnell zu erreichen. Für einen Kurztrip wie gemacht. Hat man sich das Buch schon vorher einmal durchgelesen, wird man aber rasch zu der Erkenntnis kommen, dass ein Kurztrip genau das Falsche ist, um Kopenhagen zu entdecken. Die Zeit ist einfach zu kurz! Also mehrmals hierher kommen!

Ulrich Quack und Dirk Kruse-Etzbach haben keinen Stein auf dem anderen gelassen, sinnbildlich, um dem Leser eine Stadt näherzubringen, die bisher in einem Dornröschenschlaf verfallen schien. Ja, die Meerjungfrau kennt jeder – sollte man auch mindestens einmal im Leben gesehen haben. Aber dann geht es auch schon los, das andere, vielleicht noch unbekannte Kopenhagen unter die Lupe zu nehmen. Auf dem Rad ein besonderes Erlebnis. Besonders fahrradfreundlich, besonders aber fahrradfahrerfreundlich ist die Stadt. Seit über einem halben Jahrhundert gehören Radwege zum Verkehrskonzept der Stadtplaner. Die Massen an Pedalrittern fallen schon gar nicht mehr auf. Kødbyen ist ein Stadtteil, der erst in der jüngeren Vergangenheit sich zu einem lebenswerten Flecken aufgeschwungen hat. Restaurants locken heute mit moderner Küche wo einst das Vieh seinem jähen Ende entgegensehen musste. Und wer im Sommer in der Stadt weilt, wird auf dem Streetfoodmarket auf dem Flæsketorvet erleben können, was Fingerfood im wahrsten Sinne des Wortes bedeutet. Auch einen kleinen Stadtrundgang auf den Spuren skandinavischen Designs halten die beiden Autoren parat. Nach so vielen Eindrücken und leckerem Essen, empfiehlt sich eine ruhigere Alternative. Vielleicht mit einem Besuch bei Hans Christian Andersen oder Asta Nielsen? Die Friedhöfe der Stadt sind eine willkommene Abwechslung.

Quirlig und zurückgenommen zeigt sich die dänische Hauptstadt. Großstädtisch, ohne großspurig zu sein ist sie das ideale Reiseziel für ein paar Tage oder einen kompletten Urlaub mit Familie oder allein. Auf alle Fälle bietet dieses Buch den kompletten Service, den man braucht, um Kopenhagen erkunden zu können.

Von Inseln, die keiner je fand

„Lügenatlas! Lügenatlas!“, das hat wohl noch niemand skandiert. Doch es gibt Anhaltspunkte und Fakten … und dieses Buch. Wer immer in ein Reisebüro geht und nach außergewöhnlichen Reisezielen fragt, kann mit ein paar Tricks den Verkäufer um den Verstand bringen.

Unbuchbar ist beispielsweise eine Reise auf die Inseln Los Jardines. Der Name klingt doch real, zumindest vertrauenserweckend. Irgendwo, wo die Sonne niemals aufhört zu scheinen. Die Qualität des Reisebüros erkennt man dann daran, dass der Verkäufer mit einem Spruch kontert, der einen darauf hinweist, dass man ein knappes halbes Jahrhundert zu spät kommt. Denn 1973 wurde dieses Insel/ Inselgruppe endgültig  von den Landkarten gelöscht. Was war passiert? Ein Vulkanausbruch oder eine andere Naturka(r)tastrophe? Mit nichten. Die Inseln haben einfach nie existiert. Eroberer hatten sie erwähnt, aber ihre Existenz konnte nie bewiesen werden.

Ein Art Atlantis. Auch dieser Mythos wird in diesem Buch nicht minder amüsant und faktenreich beschrieben. Als ein Eiland, auf dem die Zivilisation geboren wurde. Ein Eiland, von dem aus Eroberungsfeldzüge gestartet wurden. Ein Eiland, das wohl nicht mehr oder minder niemals mehr als ein Mythos.

Malachy Tallack war wie viele andere schon länger von den verschwundenen, sagenumwobenen Inseln begeistert. Überall in Niederschriften, auf Karten, in Büchern findet man Hinweise auf Inseln, die letztendlich „keiner je fand“. Und immer wieder gab es Forscher, die den Mythen Glauben schenkten – aus unterschiedlichsten Gründen – und teils auf Teufel komm raus Beweise und Fakten für deren Existenz liefern wollten. So vermutete man Thule bei Island. Dort tranken die Menschen literweise Honigbier. Blöd nur, dass zum Zeitpunkt der vermeintlichen Entdeckung niemand dort war, der Honig produzieren konnte…

Dieses Buch ist ein wahrer Krimi durch die Literatur- und Kartengeschichte. Malachy Tallack nimmt so manchem Entdecker gekonnt den Wind aus den Segeln und Katie Scott illustriert die Seiten des Buches so echt, so farbenfroh, dass die Grenzen von Wahrheit und Dichtung erneut zu verschwimmen drohen. Aber keine Angst, die Texte sind nachvollziehbar, die Thesen der Vergangenheit leider nur Thesen, das Buch jedoch ist real.