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Hamburg Stadtabenteuer

Wenn man etwas nicht kennt, vermisst man es auch nicht. So geht es vielleicht vielen Pauschaltouristen, die „sich im Urlaub mal um gar nichts kümmern“ wollen. Das ist ja per se erst einmal nichts Schlimmes. Aber dann lernen sie eben auch nur das kennen, was ihnen vor die Nase gesetzt wird. Und zwar von jemandem, den sie nicht kennen, und dessen Absichten nicht bekannt sind. Standardprogramm auf einem gewissen Niveau.

Da gibt es aber auch diejenigen, die sich nicht auf professionelle Schnäppchenanpreiser verlassen wollen, sondern, die eine Stadt auf eigene Faust erkunden wollen. Das kostet hier und da im schlimmsten Fall etwas mehr. Aber das Erlebnis ist auf alle Fälle in gewisser Art und Weise einzigartig.

Es gibt noch eine dritte Art von Reisenden. Die, die in eine Stadt eintauchen wollen, sich mit ihr metamorphen wollen. Mit der Stadt eins werden wollen, von den Erlebnissen noch lange zehren wollen. Und wie bereiten die sich vor? Mit unermüdlicher Recherche, Messebesuchen – wie der ITB in Berlin, jedes Jahr im März – und unzähligen Gesprächen mit Freunden, Bekannten, Kollegen, die schon mal dort waren wohin man selber will. Ein Reiseband ist immer vonnöten. Aber auch der hat seine Grenzen, besonders, wenn der Geldbeutel so deutlich unscheinbar bis unsichtbar ist. Die neue Reihe Stadtabenteuer aus dem Michael-Müller-Verlag schließt die Lücke, die bisher nur wenigen aufgefallen ist. Individuell ereignisreich reisen, ohne dabei permanent in Portemonnaie fassen zu müssen!

Matthias Kröner wurde 2019 für seinen MM-City-Reiseband über Hamburg mit dem ITB-BuchAward ausgezeichnet. Den Auftakt zur neuen Buchreihe bildet folgerichtig die Hansestadt. Da mögen nur einige sagen, dass bereits alles zu Reeperbahn, Hafen und Elbphilharmonie geschrieben wurde. Stimmt nur zum Teil. Denn den Hafen, zum Beispiel, kann man doch nur von Schiff aus erkunden. Ist nur ein Vorurteil – ein schönes, das man dicht gedrängt mit Dutzenden anderen Touristen erleben darf. Eine Bustour (Personalausweise nicht vergessen, schließlich ist der Hafen ein sensibles Gelände, auf dem mehr als nur ein Bruchteil des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet wird) steht nur bei wenigen auf dem Plan. Mit wachen Augen, die Fachausdrücke wohlwissend in den sehr lesenswerten Text geschickt eingearbeitet, führt Matthias Kröner schon im ersten Ausflugsflugst(r)ipp den Leser in eine fremde Welt. Und der Trip fällt auch aus einem anderen Grund aus dem Rahmen: Während die meisten Tipps im Buch kostenlos sind bzw. mit maximal zwölf Euro kaum das Budget belasten, fallen hier ausnahmsweise höhere Kosten an.

Das Stadtabenteuer Hamburg wird auch diejenigen überzeugen, die sich bisher immer nur wohl fühlten, wenn sie von früh bis spät gepampert von Highlight zu Highlight kutschiert werden. Einfach mal loslaufen und schauen, was sich hinter jener Ecke verbirgt, was es hinterm Horizont zu entdecken gibt, ist nicht jedermanns Sache. Mit diesem Reiseband – die erste achteckige Perle der Welt – in der Hand wird Hamburg noch strahlender als es ohnehin schon ist. Und für alle, die nicht gern verunsichert vor unlesbaren Fahrplänen ihre kostbare Urlaubszeit verbringen, gibt’s alle nützlichen Infos gratis und an exponierter Stelle dazu. Ob man nun Proletenbagger fahren will (ein bisschen Geschick ist schon erforderlich, aber der Thrill ist es wert) oder wohlklingender Klassik lauschen will (ohne dafür zu bezahlen), Hamburg wird von nun an nie mehr nur die Stadt der Musicals sein. Und das immer wieder. Denn das ganze Stadtabenteuer nachzuerleben, dafür braucht man mehr Zeit als die städtetripüblichen drei Tage.

Herrn Arnes Schatz

Kein lauschiges Wintermärchen im wohligen Mantel eines Kindheitsabenteuers. Vielmehr eine Geschichte, die dem Leser Schauer über den Rücken jagt. Fast schon kindgerecht zubereitet von der Lieblingsautorin unzähliger Generationen von Kindern, Selma Lagerlöf.

Es ist kalt und dunkel im schwedischen Februar. Torarin, der Fischkrämer zuckelt mit seinem Karren übers eisige Land. Das Meer ist bis zum Horizont zugefroren. In der Ferne leuchtet ein, das Haus von Pfarrer Arne. Dem geht‘s gut. Er hat’s warm, seine Familie um sich und immer genug Essen auf dem Tisch. Torarins Arm ist gelähmt, weswegen er nicht richtig arbeiten kann, so wie es sich gehört für einen echten Kerl in dieser unwirklichen Gegend. Sein Hund Grim ist sein einziger Freund.

Doch die Stimmung bei Herrn Arne ist angespannt. Man hört wie die Messer in weiter Ferne gewetzt werden. Herr Arne sieht das gelassen. Alles Humbug. Torarins Heimfahrt ist von Zweifeln geplagt. Was, wenn die geheimnisvolle Alte am Tisch von Herrn Arne recht hat und tatsächlich die Messer geschärft werden? Trachtet da jemand Herrn Arne nach dem Leben? Hat es jemand auf die Silbermünzen in der riesigen Truhe abgesehen?

Das Schicksal schlägt erbarmungslos zu. Das Haus samt Hof in Schutt und Asche. Die Familie niedergemetzelt. Nur Elsalill, die Pflegetochter in Herrn Arnes Haus hat überlebt. Zitternd vor Angst bringt sie kaum ein Wort aus ihrem Mund. Doch das, was sie hervorzubringen im Stande ist, was alle verstehen können, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Sie wolle die Übeltäter am Leben sehen. Damit sie ihnen ihren Schmerz ins Gewissen schreien kann. Und sie will Rache! Für Elsalill gäbe es nichts Schlimmeres als wenn die Mörder ohne ihr Zutun den Weg ins Jenseits finden. Die Geister der Verstorbenen sind an ihrer Seite.

Auf der Suche nach den Mördern – Elsalill konnte die Gestalten nur schemenhaft im flackernden Licht des Feuers erkennen – trifft sie aber nicht auf die Mörder, sondern auf die Liebe. Sir Archie ist mit seinen Gefährten Sir Reginald und Sir Philip auf dem Weg in die Heimat. Als Söldner waren sie lang in fremden Diensten. Doch leider sind ihre Taschen leer. Was für alle – alle – weitreichende Folgen haben wird…

Die Geschichte von Selma Lagerlöf ist nichts für zarte Leseraugen. Hier geht es richtig zur Sache, wenn es gilt die Taten der Mörder zu beschreiben. Schwer zu toppen. Roberta Bergmann hat sich der Herausforderung gestellt und die Geschichte mit nicht minder düsteren Bildern illustriert. Von skandinavischer Winterdunkelheit zerfressene Gesichter, weite Kapuzen über den Gesichtern der zwielichtigen Gesellen, scharfe Konturen, die die Nachtkälte realistisch abbilden. Die beste Gute-Nacht-Lektüre für alle, die eine gute Geschichte zu schätzen wissen.

Eine moderne Familie

Man hätte es kommen sehen müssen. Sverre und Torill, der Wilde und die Donnernde. Wenn man nach den Namen geht. Aber es ging alles gut. Sverre und Torill sind glücklich verheiratet. Haben drei Kinder, die allesamt aus dem Gröbsten raus sind und dem glücklichen Paar auch schon zwei Enkel schenkten. Sverre feiert nun seinen 70. Geburtstag. In Italien. Mit der ganzen Familie. Eine Zusammenkunft, die bis auf das zu feiernde Jubiläum wie alle anderen ablaufen wird. Ja, so denken alle. Doch Sverre und Torill haben eine Überraschung für Liv, Ellen und Håkon, ihre Kinder. Sie wollen nicht nur, sie werden sich scheiden lassen!

Wäre dieser Roman ein typischer amerikanischer Film, wäre der Plot klar. Alle rennen aufgeregt hin und her. Reden nur noch darüber, was die Anderen von der Scheidung halten. Machen sich gegenseitig Vorwürfe. Und die, die es betrifft, machen sich beim Cocktail darüber lustig. Am Ende sind alle zufrieden und fahren nach Hause. Wenn‘s gut läuft an der Kinokasse, gibt’s eine Fortsetzung und schlimmstenfalls ein Musical. Aber Helga Flatland ist keine Amerikanerin, die für Hollywood schreibt, und „Eine moderne Familie“ ist mitnichten amerikanisch. Sondern norwegisch. Und Norwegen ist 2019 das Partnerland der Frankfurter Buchmesse.

Helga Flatland gibt ihren Figuren das Rüstzeug an die Hand mit dieser Situation umgehen zu können. Denn jeder hat seine eigenen Probleme. Liv, die Große, hat selbst zwei Kinder. Als sie die Große wurde – als Ellen zur Welt kam – war das für die die größte denkbare Änderung in ihrem Leben. Als Ellen dann auch noch schneller „erwachsen“ wurde – also körperlich – begann der Zorn Livs auf die kleine Schwester. Erst als Liv schwanger wurde und sah, dass Ellen noch viel sehnlicher sich ein Kind wünschte, was bis heute nicht geklappt hat, kamen sich Liv und Ellen wieder näher.

Die Rahmenhandlung – die angekündigte Trennung der Eltern – dient allen Gästen als Spielweise, um über ihr eigenes Leben noch einmal nachzudenken.

Wer bin ich? Wohin will ich? Nur zwei Fragen. Die jedoch so existenziell sind, dass man es sich nicht traut die Antwort zu verweigern. Mit viel Hingabe zu ihren Figuren erlaubt sich Helga Flatland einen Riesenspaß und formt eine Minigesellschaft, die nur so und nicht anders funktionieren kann. Dieses Buch ist wie ein Urlaub, an den man sich wegen der guten Gespräche erinnern wird, nicht wegen der Sehenswürdigkeiten, die man besichtigt hat.

Trost

Na das ist ja mal eine Reise: Lissabon, Berlin, Brüssel. Und aus jeder Stadt kommt eine Geschichte. Nicht irgendeine, sondern jeweils eine großartige. Alle zusammen: Noch großartiger. Und die Frau, der das alles passiert ist, die das alles niedergeschrieben hat, heißt … nein, diese Frau hat keinen Namen. Sie hat nur ihre Erinnerungen, ihr Vergangenheit (in drei Städten) und ihre geistige Mutter – die Autorin dieses Romans – eine riesige Menge neuer Fans.

Sie ist in Lissabon. Auf der Flucht vor etwas Unausgesprochenem. Hier am Atlantik soll ihr neues Leben beginnen. Es beginnt mit einem Blick, einem Blick zurück, gefolgt von weiteren Blicken. Er steht am anderen Ende der Bar. Sie fasst sich ein Herz und gibt im Vorbeigehen, doch mit der Vehemenz ihrer Sehnsucht ihre Telefonnummer. Ein Date? Oh ja! Mehr als das. Eine Affäre, die als heiß zu bezeichnen den Zweck mehr als verfehlen dürfte. Er ist aufmerksam, zurückhaltend, genau das, wonach sie sich sehnte. Aber auch die Zeit schreitet voran. Und mit ihr das unauslöschliche Gefühl des Alltags. Trott und eine gewisse Unsicherheit umfangen sie. Ist es das Ende für sie? In Lissabon?

Ja, denn Berlin wartet. Und mit Berlin kommt Kimmy ins Leben der Fremden. Und wieder ist das dieses Kribbeln, dieses Verlangen … aber auch die Zweifel, ob hier das Ende der Reise beschieden sein wird. Ist es nicht. Denn Brüssel ruft schon aus der Ferne.

Drei Städte, eine Frau, drei Affären, eine einzige Suche nach Vollendung. Sie darf nicht glücklich sein. Nicht dauerhaft. Sie ist für den Moment geschaffen, verpasst jedoch immer wieder den rechtzeitigen Absprung in den nächsten Glücksmoment. Ein Trost sind die Erinnerungen, die flehentlichen Abzweigungen des Schicksals, die sie erst vorantrieben und dann auf der Stelle verharren lassen.

Iga Hegazi Høyer ist nicht zimperlich in ihrer Wortwahl. Direktheit dort, wo sie angebracht ist. Zurückhaltung da, wo der Leser sich selbst ein Bild machen soll. Will man mit ihr tauschen? Nein, ja, oder doch, nein, lieber nicht. So unentschieden sie ist, so sehr knabbert man selbst an den eigenen Fingernägeln, wenn man versucht herauszubekommen, ab man sie beneiden oder bedauern soll.

Das Wrack am Falkensteiner Ufer

Tragödien auf See – davon werden die Nachrichten derzeit bestimmt. Menschliche Dramen, die verhindert werden können und die, die sie verhindern können, stehen ohnmächtig daneben und ergehen sich in endlosen Phrasen.

Schiffsunglücke gab es seitdem die Menschen die Meere befahren. Doch nicht nur auf hoher See sind Menschen und Maschinen in Gefahr, auch im scheinbar sicheren Fahrwasser vor und in den Häfen ist niemand vor Unglücken gefeit. Selbst wenn das Schiff auf dem Trockenen liegt, kann es passieren. So wie am 16. Juni 1922. Die Alvaré ist zur „Durchsicht“ an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Julius Falk steht mit seinem Sohn Fritz im Hafen und schaut dem Schauspiel des Zuwasserlassens zu. Gleich muss er wieder ran. Muss arbeiten. Geld verdienen. Heute hat er seinen Filius dabei. Der soll sehen woher das Geld kommt und wie man hart arbeitet. Geduldig erklärt er dem neugierigen Jungen was da drüben vor sich geht. Als alles gesagt ist, will er Fritz mitnehmen zur Arbeit. Doch der Junge bemerkt etwas, was nicht sein darf. Das Schiff neigt sich gefährlich zur Seite. Nicht ungewöhnlich für so einen riesigen Kahn. Doch dann passiert das, was keiner hofft jemals erleben zu müssen. Das Schiff richtet sich nicht wieder auf. Im Gegenteil es bohrt sich in den Grund der Elbe. Es wird Tote geben, Seeleute und Werftarbeiter.

Das ist nur eine Geschichte, die Jürgen Rath in seiner Anthologie der Schiffsunglücke auf der Elbe wie ein Abenteuer erscheinen lässt. Mit Fachwissen – er ist Schifffahrtshistoriker mit Kapitänspatent – und Einfühlungsvermögen lässt er die Schrecken der Elbe noch einmal Revue passieren. Sofern Namen von Beteiligten recherchierbar waren, hat er diese verwendet. War dies nicht der Fall, verleiht er der Situation einen durchaus glaubhaften Rahmen, in dem er Menschen in Aktion treten lässt, die sicherlich genauso gehandelt hätten.

Es ist nicht die pure Sensationslust, die dieses Buch zu einem echten Schmöker werden lässt. Es ist das Wissen darum wie Katastrophen entstehen und vonstattengehen können sowie das Handeln der Ermittler im Nachgang. Die Elbe ist an ihrer Mündung ein tückischer Fluss. Ständig wandern Untiefen, Sandbänke und anderen Gefahrenquellen von einem Ort zum andern. Dank moderner Technik können heutzutage viele Havarien ausgeschlossen werden. Doch solange der Mensch am (längeren) Hebel sitzt, sind Unfälle niemals auszuschließen. Ob Alkohol wie bei der Bugier 23 oder einfach nur „dicke Suppe“, also dichter Nebel wie bei dem titelgebenden Wrack am Falkensteiner Ufer: Der Mensch als Gefahrenquelle ist immer präsent. Aber der Mensch ist auch derjenige, der darüber berichtet, und dem es obliegt diese Gefahren zu minimieren.

Lillehammer – Palermo oder: Suite für eine viertel Kuh

Je nachdem von wo man anreist, liegen Lillehammer wie Palermo am Ende der Welt. Die Zeiten sind vorbei, in denen man dachte, dass, wenn man am Rande der Welt Gleichgewichtsstörungen bekommt, sofort in ein tiefes Nichts fällt. Das passiert weder im hohen Norden, noch im tiefsten Süden Europas. Lillehammer, die Stadt, die erst seit knapp drei Jahrzehnten eine Rolle in den Köpfen der Menschen spielt, seit 1992 hier die Olympischen Winterspiele stattfanden, und seitdem als das Maß aller Dinge gelten. Und Palermo, die Stadt, die für die meisten das Italien aufblühen lässt, das sie gar nicht ist, da ihre Wurzeln wie kaum woanders in Europa interkontinental sind.

Stig Sæterbakken und Nino Vetri – unschwer zu erkennen, wer aus welcher Stadt kommt – begeben sich in ihren Geschichten an den Rand Europas. Abseits der Pfade, abwegig in jeder Hinsicht. Und dabei so eindringlich und voller Sehnsucht, dass selbst Märchensammler wie die Gebrüder Grimm grün vor Neid werden. So groß die Entfernung der beiden geographisch war, so eng sind ihre Schicksale als Künstler miteinander verwoben. Sie haben sich nie getroffen. Doch ihr Verleger hat sie – im Falle von Sæterbakken posthum – miteinander vermählt. Ein rauschendes Fest für den Leser!

Nino Vetris beitrag, die Erzählung „Suite für eine viertel Kuh“ beginnt mit dem seltsamen Zusammentreffen des Erzählers, welcher unverkennbar der Autor selbst ist, mit einem Magier. Ein echter Freigeist in jedweder Lesart: Freischaffend, depressiv, angewidert, unverstanden, … pleite. Ein echter Künstler eben. Er eckt an mit seiner Kunst, und die Leute nehmen kein Blatt vor dem Mund, wenn sie ihm ihre Meinung geigen. Oder sie schütten gleich ihr Bier über seinem Haupt aus. Ein hartes Leben als Künstler. Wagner III., so nennt sich dieser Magier, geht schon seit Längerem mit einer Idee für eine Theaterstück schwanger. In diesem soll eine Kuh, Ratten, Fäkalien und Gift eine Rolle spielen. Die Provokation als Kunst. Auch der Erzähler hat eine Idee für eine Geschichte. Sie handelt von Freud und Jung, den Psychoanalytikern. Wagner III. klaut Passagen bzw. gleich die ganze Geschichte. Der Erzähler wird unweigerlich ins perfide Spiel des Magiers hineingezogen. Die Grenzen zwischen Realität und Kunst verschwimmen sehenden Auges.

Bei Sæterbakkens Part in diesem Buch spielen Versatzstücke eine große Rolle. Aus dem Nachlass entnommene Stücke spiegeln genau das wieder, was am anderen Ende, nicht der Welt, immerhin jedoch, Europas ebenso passieren kann. Der Künstler als unverstandener Interpret der Zeit. Die Notate aus dem Nachlass von Stig Sæterbakken lesen sich wie die Einverständniserklärung für das Leben des Wagner III., das der Feder Nino Vetris entsprungen ist. Wagner III. wurde erst nach seinem Tod bekannt. Sæterbakken war schon vor seinem Tod ein geachteter Autor. Er schied am 24. Januar 2012 freiwillig aus dem Leben. In Zusammenhang mit diesem Buch ist der Tod eines weiteren Menschen vielleicht nicht von Bedeutung, aber doch auffallend (könnte von Wagner III. nicht besser inszeniert worden sein): Zwei Tage vor Sæterbakken starb der amerikanische Football-Coach Joe Palermo.

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.

Schloss Gripsholm

Ab in die Sommerfrische nach Schweden! Peter und Lydia haben es sich verdient. Er Schriftsteller, Sie Sekretärin. Ihr hängt die Arbeit noch ein bisschen nach. Zu sehr spielen die Arbeitsabläufe noch in ihrem hübschen Köpfchen Pingpong. Doch das soll sich rasch ändern, sobald sie in Schweden angekommen sind.

Schloss Gripsholm wird ihr Exil von der Welt werden. Daddy, so nennt Lydia ihren Peter liebevoll, manchmal auch Fritzchen, ist sofort angekommen. Dem Müßiggang kompromisslos nachgeben ist für ihn kein Problem. Prinzessin, auch er hat einen Spitznamen für Lydia, lässt sich leicht anstecken.

Auffällig in dieser Abgeschiedenheit ist nur die tägliche Kolonne an Kindern, die angeführt von einer Matrone namens Frau Adriani, tagein tagaus durch die Felder exerziert. Sommerfrische kann man das nicht gerade nennen. Militärischer Drill trifft es wohl eher. Ein Mädchen reißt sich immer wieder los von dieser In-Reih-Und-Glied-Manieriertheit. Ada. Sie schluchzt so herzzerreißend, dass Lydia sich genötigt fühlt dem kleinen Mädchen auf den Zahn zu fühlen. Frau Adriani sieht sich in ihrer Generalsfigur angegriffen. Wie könne sie nur! Sie allein habe hier das Recht selbiges zu sprechen! Und so weiter. Lydia ist geschockt. Hier in dieser Idylle so drohende dunkle Wolken?

Als Karlchen eintrifft, ist die heile Welt wieder hergestellt. Kurzfristig. Ein Schnorrer vor dem Herrn. Ein liebevoller Schnorrer, dem die Zigaretten von Anderen besser zu schmecken scheinen als die eigenen, wenn er denn welche hätte. Er passt in die kleine Gruppe wie Faust aufs Auge.

Als dann auch noch Billie aufkreuzt, sie hat sich gerade von ihrem Freund, einem Maler, getrennt, ist das fröhliche Ringelreih der ungetrübten Ausgelassenheit komplett. Und Peter und Lydia? Was wird aus ihnen? Was wird aus ihnen, wenn der Urlaub vorüber sein wird?

Kurt Tucholsky wurde von seinem Verleger Ernst Rowohlt um eine kleine unverfängliche Liebesgeschichte regelrecht angebettelt. So was wollten die Leute lesen. Nicht immer nur bierernste politische Diskurse führen. Das Leben sei eh schon hart genug. Rowohlt kam ihm finanziell sogar ein Stück entgegen. Für Tucholsky nicht genug. Dass der Roman heute immer noch ein Renner ist, darf wohl als Zeichen dafür gelten, dass Tucholskys Forderungen nachgegeben wurde. Der Briewechsel am Anfang des Buches lässt diese Vermutung naheliegen.

Hans Traxler, der für die Pardon und die Titanic nicht nur zeichnete, sondern sie auch mitgründete, hat seinen Zeichenstiften eine Dreißigerjahre-Kur verordnet. Keck wie die beiden Hauptakteure, mal mit blankem Busen und spitzer Nase, mal zärtlich verliebt, dann wieder in aufreizender Pose im frech geöffneten Pyjama. Schweden regte schon vor knapp einem Jahrhundert, der Roman erschien erstmals 1931, die Phantasie der Leser an und bis heuet die der Illustratoren. Traxlers Bilder geben Tucholskys Meisterwerk für Verliebte erst den richtigen Schliff.

Hamburg

Eins Komma Acht Millionen Menschen können nicht irren! Hamburg lohnt sich! Ob als Zwischenstation oder Urlaubsziel für ein paar Tage oder länger, wird man sich in der Hansestadt vorzüglich amüsieren, verköstigen und unterhalten können. Doch wer jetzt meint, dass nach einem Fischbrötchen, einer Hafenrundfahrt und einem Musicalbesuch nicht mehr viel kommen kann, der hat nun fast dreihundert Seiten lang Zeit sich genüsslich die Vorurteile aus dem Hirn zu schütteln.

Zehn Touren hat Autor Matthias Kröner zusammengestellt. In jeder Tour lernt man die Hansestadt auf eine andere Art kennen. Selbst das über alle Maßen bekannte Sankt Pauli erfährt hier noch eine Wertsteigerung, die selbst eingefleischte Sankt Paulianer ins Staunen versetzen wird. Hat man erstmal die Reeperbahn, das Erotic Art Museum und den Fischmarkt „hinter sich gebracht“, ist noch lange nicht Schluss in dem Stadtteil mit der sündigen Meile – was heutzutage aber nur noch ein nostalgisches Klischee aus „Der guten, alten Zeit“ ist. Denn im Norden Sankt Paulis lässt sich der Tag zwischen Coimic-Buchläden, osteuropäischen Kulinariktempeln und Hinterhofkinos einmalig beenden. Ach ja, über Fußball auf schwankendem Niveau, dafür aber mit den eindrucksvollsten Fans Deutschlands lässt sich hier vortrefflich diskutieren…

Auch der Hafen ist seit jeher ein Anziehungspunkt. Früher Arbeitgeber Nummer Eins der ganzen Region, ist er mittlerweile zu einem architektonischen Schmuckstück gereift. Die Speicherstadt hat mit der Elbphilharmonie einen Hingucker und Ohrenschmaus erster Kajüte bekommen.

„Hamburg im Kasten“ ist nicht der Ausruf eines begeisterten Fotografen – alles bekommt man eh nie ins Bild, zumindest nicht auf einmal – sondern die Rubrik, die man sich als Besucher besonders gut durchlesen sollte. Farbig abgesetzt, lässt Matthias Kröner hier die historischen Puppen tanzen. Wer zum Beispiel einmal um die Alster laufen will, braucht seine Puste. Über sieben Kilometer umläuft man ein Gebiet von 164 Hektar. Da lohnt es sich von einem Experten Rat zu holen, wo man beginnt, wo man innehält und wo man einkehrt. Auch Nachdenkliches wie Hagenbecks Völkerschauen, die zum Glück der Vergangenheit angehören, lassen aufhören und einen Hamburg-Besuch umfassend informiert geschehen.

Die vierte Auflage des Hamburg- Reisebandes der MM City Reihe bekommt auf der weltgrößten Reisemesse die verdienten Lorbeeren, den ITB BookAward. Dieser Preis sticht in der Masse an Buchpreisen dadurch hervor, dass hier nur Reisebücher prämiert werden. Und dieser Preis ist für dieses Buch mehr als gerechtfertigt. Noch was zum Thema irren: Wenn die eingangs erwähnten Eins Komma Acht Millionen Hamburger meinen, dass sie schon alles über ihre Perle wüssten …

Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.