Archiv der Kategorie: aus-erlesen kompakt

Der Zwang

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Maler Ferdinand ist vor dem Krieg in Europa in die Schweiz geflüchtet. Hier ist er frei. Zusammen mit seiner Frau. Hier ist er Mensch. Kann sich entfalten. Doch der Brief, den er erwartet, von dem er hofft, dass er niemals kommen wird, doch er wird kommen, und Ferdinand weiß das, schwebt wie ein Damokles Schwert über ihm und seinem Glück.

In Europa bersten die Kanonen unter der Wucht ihrer Geschosse. In den Schützengräben ätzen Gase den Soldaten die Gedärme aus dem Leib. Aus der Luft fallen erstmals im großen Stil Bomben auf die, die mit den Ränkespielen der Machthaber nichts am Hut haben. Sie sind die Verlierer des Krieges, der keine Gewinner kennen wird. Millionen sind schon geflohen.

Das Warten auf den ominösen Brief treibt Ferdinand in einen goldenen Käfig. Denn eigentlich ist er gesegnet. Eine Frau, die ihn liebt. Ein ruhiges Umfeld, denn in der Schweiz schweigen die Kanonen. Kein Schießpulver in der Nase lässt die Sorgen Europas und der Welt weit weg erscheinen. Ferdinand sehnt diesen Brief herbei. Den Brief, der ihn zum patriotischen Akt mit der Hand an der Waffe verpflichtet. Er will nicht kämpfen, sieht es jedoch als seine Pflicht an es zu tun. Ein innerer Zwang lässt ihn dieses Blatt Papier zu ihm fliegen.

Sogleich macht er sich auf dem Weg zum deutschen Konsulat. Doch oh weh, das Konsulat öffnet er in ein paar Stunden. Und schon setzen sich die Zahnräder des Denkwerkes in Bewegung. Ferdinand ist sich bewusst, dass er nicht kämpfen will, dass er den Zwang besiegen muss. In seinem Oberstübchen setzt er die möglichen Gesprächsfetzen schon zusammen. Alles passt. Dem Mitarbeiter des Konsulats wird nichts anderes übrigbleiben als ihm, dem Künstler den Weg in die alte Heimat – zur Tauglichkeitsüberprüfung – zu ersparen. Dann endlich. Die Tore zum Konsulat öffnen sich. Doch das Konsulat ist nichts mehr als eine Behörde für im Ausland lebende Deutsche. Man dient dem Vaterland, in dem man die aufgestellten Regeln einhält. Kein Blick nach links und rechts. Und Ferdinand? Perplex vom scheinbaren Entgegenkommen macht sich freiwillig (!) auf den Weg nach Deutschland. Sehr zum Leidwesen seiner Frau, die die Freiheitsliebe ihres Gatten vermisst und nur noch Feigheit in ihm sieht. Doch Deutschland hat sich verändert. Das Ende mit Schrecken wird in seinen Augen zum Schrecken ohne Ende…

Stefan Zweig ist dem Maler Ferdinand sehr ähnlich. Auch er floh vor dem Krieg. Ein bisschen Frans Maserell schwebt in der Figur des vom Zwang geleiteten Malers mit. Die Holzschnitte von Masereel wurden eigens für die Novelle des Freundes und Wegbegleiters Zweig angefertigt. Nun sind sie in dieser stilistisch einwandfreien Ausgabe wieder vereint. Scharfkantig wie ein Granatsplitter zeichnen sie die Zeilen des Autors nach, der einen Krieg später seinem Leben ein Ende setzen sollte. Einhundert Jahre ist es her, dass Stefan Zweig eine bislang kaum beachtete Komponente des Krieges zu eindrucksvoll beschrieb. Was bewirken Worte und selbst verordneter Gehorsam mit einem Menschen? Der Grat zwischen Pflicht und Zwang ist oft ein schmaler. Den eigenen Prinzipien zu folgen ist immer verbunden mit dem richtigen Weg. Der allerdings ist mit tonnenschweren Nebenwirkungen gepflastert.

Vulkan Berlin

Als die Mauer in Berlin fiel, tanzte alles, was Beine hatte auf den Straßen. Die Stadt schien mit einem Mal alles aus sich heraus zu lassen, was jahrelang in Lethargie versunken war. Ein paar Jahrzehnte zuvor muss es ganz ähnlich gewesen sein. Der Krieg war aus. Das gesamte politische Spektrum rangelte um die Vorherrschaft und Deutungshoheit, wenn es sein musste auch mit Waffengewalt. Berlin war damals schon eine Stadt, die man kannte. Doch sie hatte – sinnbildlich wie geographisch – Nebenbuhler. Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg und ein paar mehr reihten sich um Berlin herum. 1912 wurde Adolf Wermuth Oberbürgermeister der Stadt Berlin, von Groß-Berlin. Ihm ist das heutige Gesicht Berlins zu verdanken. Seine Gebietsreform ermöglichte den Aufstieg Berlins zu einer Art Welthauptstadt. Nach London und New York lebten in dieser Stadt die meisten Menschen. Flächenmäßig war nur Los Angeles größer. Kurze Zeit später wurde Berlin tatsächlich Hauptstadt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Dass auch die Nationalversammlung an die Spree zog, war das Ergebnis eines erbitterten Kampfes. Denn Weimar beanspruchte dieses Privileg. Eisenach, Würzburg, Frankfurt, Kassel zogen den Kürzeren. Das Los fiel auf Berlin.

Korruption und Verunglimpfung waren hier an der Tagesordnung. Politisch war Berlin der Mittelpunkt Deutschlands. Kulturell musste man noch nachziehen. Das tat man auch. Und wie!

Architektonisch mit der Hufeisensiedlung in Britz. Literarisch schuf Alfred Döblin mit „Berlin Alexanderplatz“ ein Denkmal, das bis heute nichts an Strahlkraft verloren hat. Berlin entwickelte sich zu einer Metropole, da durften die Medien in nichts nachstehen. Immer mehr Verlage kamen nach Berlin oder gründeten sich neu. Künstler jeder Couleur tummelten sich in den Cafes und schufen in ihren Ateliers Werke für die Ewigkeit.

Kai-Uwe Merz umgeht die Fallen und setzt nicht auf die Aufmerksamkeit erheischende Partyszene, die es ohne Zweifel gab. Doch die ist nur die schimmernde Spitze des brodelnden Vulkans Berlin der 20er Jahre. „Vulkan Berlin“ ist nicht mehr und nicht weniger als der gelungene Kulturführer durch eine Zeit und eine Stadt, der die Ursachen und deren Auswirkungen detailgenau unter die Lupe nimmt. Erst durch dieses Buch erfährt man warum Berlin so glanzvoll dastand und bis heute von diesem Ruhm zehren kann. Und wenn man das nächste Mal in Berlin ist, erscheint so manches in einem anderen – immer noch strahlenden – Licht.

Salzburg Salzkammergut

Das ist mal gutes Tourismusmarketing: Salzburg an der Salzach, zu Füßen des Salzkammerguts. Klingt nach einem würzigen Erlebnis. Und als Highlight eine der süßesten Verführungen.

Bleiben wir doch gleich bei den süßen Verführungen. Noch bevor man Festspiele sagen kann oder die eine oder andere Sonate von Mozart gehört hat, bringt jeder von klein auf Salzburg mit den Mozartkugeln in Verbindung. Doch Vorsicht! Es gibt tonnenweise Fälschungen! Die Echten Mozartkugeln sind in Silberfolie mit blauem Aufdruck versehen. Da der Markenname nicht geschützt ist, darf jeder ein bisschen Marzipan mit Schokolade überziehen und diese Kugeln dann Mozartkugeln nennen. Original sind selbst in Salzburg nur wenige. Wo es sie gibt, das wissen natürlich die Autoren Barbara Reiter und Michael Wistuba.

Hat man dieses Must Have hinter bzw. in sich, kann man sich auf die Socken machen und Salzburg genauer unter die Lupe zu nehmen. Gestärkt ist man schließlich. Und wer meint, dass mit Mozart, dem Schloss Mirabell und der Burg da oben auf dem Berg (Festung Hohensalzburg) der Stadt Genüge getan ist, irrt sich mächtig. Salzburg hat mehr zu bieten als nur einen Tag in dieser Stadt gehaltvoll zu verbringen. Es dauert allein schon ein paar Stunden, um alles zu erlesen, was man staunend erlaufen und laufend bestaunen kann. Das reicht von den Katakomben, vermutlich Gebetsräume, die in den Fels gehauen wurden, mehr als anderthalb Jahrtausende alt. Und es zieht sich durch ganz Salzburg wie der Almkanal, der wenn er das Tageslicht erreicht architektonisch ein Hingucker ist. Den Brückenschlag in die Moderne vollendet dann das gleichnamige Museum auf dem Mönchsberg. Der Glanz vergangener Tage scheint in Salzburg immer noch taghell, selbst wenn einmal Wolken den Blick nach Oben verschleiern sollten. Und wer das Wasser scheut, also das von Oben, für den haben die Autoren mindestens genauso viel Tipps die Zeit sinnvoll herumzubekommen, wie für alle, denen ein paar Regentropfen nichts ausmachen.

Das Salzkammergut erstreckt sich östlich bis südöstlich von Salzburg. Attersee und Wolfgangsee (der mit dem Weißen Rössl) sind sicherlich die bekanntesten Orte. Dachstein und Totes Gebirge sind für Wanderer und Bergsteiger ein Begriff. In Bad Ischl muss man am Traunufer flanieren wie einst die Habsburger. In Obertraun, genauer um die Koppenbrüllerhöhle herum, laufen einem die Augen über. Reißende Gewässer, wie gemalte Brücken, saftige Natur – was braucht man mehr? Darauf gibt es nur eine Antwort: Diese Reiseband. Mit viel Liebe zum Detail, einem enormen Erfahrungsschatz und dem Willen dem Leser eine Region schmackhaft zu machen, die allzu oft hinter anderen Regionen Österreichs zurückstecken muss. Salzburg als Ausgangspunkt ins Salzkammergut ist kein schlechter Anfang, um diese Region zu erkunden. Und alles ist so einfach, wenn man sich die Zeit nimmt dieses Buch als vollwertigen Reiseguide anzunehmen.

Mailand MM-City

Besonders unterhalb des so genannten Weißwurst-Äquators ist es scheinbar eine Art6 Volkssport zu sein „mal eben zum Shoppen“ nach Mailand zu fliegen. Das ideale Ziel für all diejenigen, die der Unterstützung des Einzelhandels noch etwas abgewinnen. Doch allein nur wegen des Auffüllens des Kleiderschrankes die lombardische Perle zu besuchen, wird der Stadt nicht gerecht. Das findet auch Beate Giacovelli. Ihr Reiseband muss zwar auch erst einmal erworben werden – warum also nicht doch den Einzelhandel mit dem Kauf dieses Buches unterstützen?

Und dann kann die Reise, die einem garantiert noch lange im Gedächtnis bleiben wird – losgehen. Auch Beate Giacovelli kommt nicht umhin die üblichen Hotspots zu besuchen und zu beschreiben. Warum auch nicht den Dom besichtigen und in der Galeria Vittorio Emanuele ein bisschen Windowshopping betreiben, zu mehr sind die meisten Geldbeutel eh nicht in der Lage. Aber ein Augenschmaus ist die Einkaufsmeile auf alle Fälle. Den Dom darf man einfach nicht links liegen lassen. Am besten gleich zu Beginn des Reisetages, denn sonst beginnt dieser mit Schlangestehen vor dem riesigen Sakralbau. Innen ist er überwältigend. Und wer ganz genau hinschaut, und vor allem vorher im Buch geblättert hat, findet das Eine oder Andere, was die meisten übersehen. Nicht übersehen sollte man das Angebot das Dach des Doms zu besteigen. Bei guter Sicht, kann man bis an die oberitalienischen Seen blicken. Der Ausblick ist der Stadt mehr als würdig!

Das war das, was man machen muss! Die restlichen Seiten des Buches, und das sind immer noch weit über einhundert, sind das eigentliche Highlight der Reise. Man könnte vermuten, dass nun auf jeder Seite eine Sehenswürdigkeit angepriesen wird, doch da irrt der Laie. Nicht ein, nicht zwei, sondern Dutzende Tipps drängeln sich vor dem Auge des Lesers und buhlen um die Gunst besichtigt zu werden. Fast schon kein Geheimtipp mehr ist das Viertel Navigli. Ein kleiner Hafen – und das, obwohl Mailand weder an einem bedeutenden Fluss liegt noch einen direkten Zugang zu einem naheliegenden Meer aufweisen kann – und das umgebende Viertel putzt sich jeden Tag schöner heraus, um Augen, Nasen und Münder der Besucher zu verzücken.

Als alte Industriestadt tat sich Mailand einmal schwer dem Betrachter ein Lächeln zu entlocken. Die alten Boulevards und das Castello Sforzesco hatten da schon bessere Ausgangsbedingungen. In vielen alten Fabrikhallen zieht seit Jahren ein Hauch von Kunst durch die alten Gemäuer. Je nach Gusto kann man sich an alten Meistern in altehrwürdigen Gebäuden oder an moderner Kunst in nicht viel älteren Hallen erfreuen.

Ob zu Fuß oder mit einer der zahlreichen mahagoniverzierten Trams, ob mit der Nase gen Himmel oder dem Auge auf den Horizont gerichtet, für jedwedes Interesse hat Mailand etwas zu bieten. Und Beate Giacovelli kennt jedes auch noch so versteckte Geheimnis der Stadt. Da läuft man ohne groß nachzudenken an einem gigantischen Stinkefinger vorbei, schleckt nur ein paar Meter weiter ein leckeres Eis, flaniert auf Jahrhunderte altem Pflaster und … wundert sich über ein Meer an Leuten, die dafür gar keinen Sinn haben, weil sie mit den Unmengen an Einkaufstüten zu kämpfen haben. Dann doch lieber Mailand mit Reiseband, oder?!

Kalender Deutsche Geschichte 2020

Wenn ein Jahr zu Ende geht, erinnert man sich gern an das, was war. Fast schon im gleichen Atemzug schaut man voraus, freut sich auf das, was kommen wird. Das erinnert auch gern schon mal an eine Rateshow.

Und genauso beginnt auch dieser Kalender. Das Jahr 2020 beginnt auch gleich mit einem Jubiläum. Am 2. Januar 1955 – also vor 65 Jahren – wurde zum ersten Mal die Sendung „Ja oder Nein“ ausgestrahlt. Berühmt geworden ist sie sechs Jahre später unter dem Titel „Was bin ich?“. Robert Lembke wurde zu einer der Kultfiguren im TV und ist bis heute eine Marke.

Ebenfalls eine Marke, die ein Jubiläum feiert ist der DFB, der Deutsche Fußballbund. In jüngster Zeit immer mehr in der Kritik stehend, war es die Gartenkneipe „Zum Mariengraben“ in Leipzig, die als Wiege des deutschen Fußballs anzusehen ist. Die Satzung wurde am 28. Januar 1900 verabschiedet. Wenig verwunderlich, dass auch der erste Deutsche Meister aus Leipzig kam, der VfB Leipzig, der als Nachfolgeverein des 1.FC Lok Leipzig zwischenzeitlich in der ersten Bundesliga spielte, um kurz darauf in den Untiefen des Vergessens begraben wurde.

Ein deutsch-deutsches Phänomen, was ebenfalls wieder in der Kritik steht, war und ist die Sommerzeit. Die wurde gleichzeitig in Ost und West am 6. April 1980 eingeführt. Ihr wird wohl ein ähnlich kurzes Leben wie der DDR beschieden sein. Denn schon in absehbarer Zukunft muss man nicht mehr zweimal im Jahr am Räderwerk drehen. Das Bild zur Einführung der Sommerzeit ist ein echter Hingucker. Denn welcher Schlagerstar war wohl mit der Umstellung der Uhren als Werbegesicht bekannt? Die Woche Karwoche verrät es.

Von politischen Ereignissen über Naturkatastrophen bis hin zu so genannten Lustlagern bietet dieser Kalender einen bunten Über- und Rückblick auf mehrere Jahrhunderte deutscher Geschichte. Vieles ist schon wieder in Vergessenheit geraten, bei manchen ist man erstaunt, dass man sie schon wieder vergessen hat. Jede Woche wird montags mit einem Aha-Erlebnis beginnen.

Die Münze von Akragas

Das Aufregende an historischen Romanen – aufregend im Sinne von „sich aufregen“ – ist doch, dass die Autoren in ungehörigem Maße unsauber recherchierten und unbedacht die Gegenwart in der Zeitachse nach vorn verlagern. Bei Andrea Camilleri muss man sich da keine Gedanken machen. Die Legende der Münze von Akragas ist mehr als nur Hörensagen, die Münzen existierten tatsächlich. Die handelnden Personen hat sich der Autor ausgedacht, ohne dabei den Pfad der Realität zu verlassen.

Alles beginnt vor rund zweieinhalb Jahrtausenden. Akragas, das heutige Agrigent, wird von einer riesigen Streitmacht der Kartharger dem Erdboden gleichgemacht. Das konnte nur durch Verrat geschehen. Der Söldner Kalebas kann dem Gemetzel entkommen. Im Gepäck hat er seinen Goldschatz, der heutzutage als Portemonnaie bezeichnet werden würde. Denn jede der Goldmünzen entsprach genau einer Tagesration Weizen. Auf der Flucht beißt ihn eine Viper, was ungewöhnlich ist, da zu diesem Zeitpunkt sozusagen keine „Jagdzeit“ für Vipern ist. Einen Arzt kann er nicht rufen, ihn würde eh keiner hören. Sofern man noch davon sprechen kann, wirft er geistesgegenwärtig die Münzen so weit weg wie er noch kann.

Die Zeit vergeht, Wind, Schnee, Regen lassen Gras und andere Vegetation über die Sache und die Münzen wachsen. Bis im Jahr 1909 ein Bauer etwas Glänzendes bei der Verrichtung seines harten Tagwerkes entdeckt. Es ist eine Goldmünze mit einem Greifvogel, der einen Hasen erlegt und einer Krabbe auf der Rückseite. Die sagenumwobene Münze von Akragas ist durch Pflug und Zeit wieder ans Tageslicht zurückgekehrt. Der Bauer weiß auch schon wem er die Münze vermachen wird. Einem Arzt. Der hat ihm einmal vor der Schande der Amputation bewahrt.

Dieser Doktor erkennt sofort den Wert der Münze. Und jetzt beginnt ein Spiel um Münze, Mord und Meineid. Mit vielen Opfern, aufgetretenen Türen und dem ewigen Spiel mit der Moral. Und sogar einem echten König!

Andrea Camilleri waren seine historischen Romane die liebsten. Commissario Montalbano brachte ihm Weltruhm ein, doch Geschichten wie diese lagen ihm mehr am Herzen als alles andere. Und das spürt man in jeder Zeile. Hintersinnige Humor gepaart mit harten Fakten packen den Leser am Sinneszentrum. Münzjagd, Familiengeheimnisse, bürokratisches Wirrwarr, Untreue – ein Füllhorn menschlichen Versagens. Doch immer mit einem Schmunzeln auf den Lippen, das Camilleri unweigerlich beim Schreiben getragen haben muss. Anders lässt sich das Ergebnis seiner Gedanken nicht erklären.

Die Verunglückten

Wer nur mit dem Kopf arbeitet, muss irgendwann einmal an seinen eigenen Gedanken scheitern. Gewagte These – liest man sich durch dieses Buch, drängt sich dieser Gedanke unweigerlich auf. Der gute Geschmack und / oder auch der humanistische Menschenverstand verbieten die aufkommende – maximal für eine Promi-Quizshow-Ausgabe geeignete – Quizfrage: „Was haben Jean Améry, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson und Ulrike Meinhof gemeinsam?“ Sie starben durch die eigene Hand.

Matthias Bormuth zeichnet das Leben der Verunglückten mit Zitaten und Schriften der Protagonisten und ihrer Wegbegleiter nach. Sie lebten ein intellektuelles Leben, das durch Widersprüche gekennzeichnet war. Jean Améry überlebte die Hölle von Auschwitz, eine Tatsache, die ihn nicht ruhen ließ. Ingeborg Bachmann verbrannte – betäubt durch Medikamente und Alkohol in ihrem eigenen Bett. Eine brennende Zigarette war die Ursache des Brandes. Uwe Johnsons Todesdatum ist schwer nachvollziehbar, man fand ihn erst Tage später tot in seinem Appartement. Auch er ein Opfer des Alkoholismus. Ulrike Meinhof passt nur auf den zweiten Blick in dieses Schema. Im Gegensatz zu den drei bisher Genannten legte sie bewusst Hand an sich. Sie erhängte sich in ihrer Zelle mit einem in Streifen geschnittenen Handtuch.

„Die Verunglückten“ als Nachrufbuch zu sehen, ist nur zu einem Bruchteil berechtigt. Denn Matthias Bormuth richtet weder über die vier Intellektuellen, auch versucht er gar nicht ihr Tun zu verteidigen. Vielmehr sucht er die Ursachen und Hinweise in ihren Texten. Ein bisschen Vorbildung setzt er beim Leser allerdings voraus. Doch auch ohne diese kommt man schnell hinter das Geheimnis ihrer außergewöhnlichen Leben. Präzise ausgewählte Textstellen erleichtern ihr Leben einzuordnen. Weder reißerische Propaganda noch perfides Zerpflücken ihrer scheinbar „verpfuschten Leben“ sind das Salz in der Suppe, sondern die behutsame Analyse ihrer vom zweifel bestimmten Ansichten.

Ulrike Meinhof sticht aus mehreren Gründen aus diesem Quartett hervor. Ihr genügte es nicht Zweifel niederzuschreiben. Da sie keine endgültige Lösung im Schreiben fand. Sie nahm ihr Schicksal in die Hand. Die Bewertung dessen ist jedem selbst überlassen.

Wahrlich keine leichte Kost, die Matthias Bormuth dem Leser vorsetzt. Wer die hauptsächlichen Werke bereits kennt, dem wird mit diesem Buch sicherlich eine neue Sicht darauf gewährt. Wem diese Werke noch fern sind, der bekommt Appetit ein wenig Grundlagenforschung zu betreiben.

Der dritte Mann – Die Neuentdeckung eines Filmklassikers

Ein Weihnachtsfilm ist er gewisse nicht, „Der dritte Mann“ von Carol Reed mit Orson Welles in der Hauptrolle. Ein Massenphänomen auch nicht. Und trotzdem geraten seit siebzig Jahren die Herzen aller Filmfans in Wallung, wenn die Rede von diesem Meisterwerk ist. Expressionistische Kameraeinstellungen, eine düstere Geschichte noir und die außerordentlich charakterstarken Darsteller tragen seitdem zum Ruhm dieses immer wieder zum besten Film aller Zeiten gewählten Kunstwerk bei.

Da kommt das Buch von Bert Rebhandl gerade richtig. Wem die Story schon ein wenig im Nebel des Vergessens untergangen ist, bekommt zur Einstimmung erst einmal eine knappe, aber umfassende Nacherzählung als Gedächtnisauffrischung kredenzt. Ist der Film, das Buch wieder auf der geistigen Leinwand präsent, treten die kleinen verdeckten Dinge des Films auf die Leinwand.

Wien ein paar Jahre nach dem verheerenden Krieg: Die Stadt liegt in Trümmern, die Siegermächte haben Österreich (was in der Form nicht mehr oder noch gar nicht gab) sowie Wien unter sich aufgeteilt. Der innere Ring wird von allen vier Mächten gemeinsam unter Kontrolle gehalten. So war es in Wirklichkeit, so ist es im Buch / Film. Graham Greene und Carol Reed haben das Buch zusammen erarbeitet. Es war also kein Film, der auf einem bereits existierenden Buch basierte. Das Drehbuch wurde eigens für den Film geschrieben. Beide – Film und Buch – sind mittlerweile Klassiker. Der Film läuft seit Jahren in einem Wiener Kino in der Originalfassung – man achte auf den ersten Auftritt Paul Hörbigers, der des Englischen nicht mächtig war und vor laufender Kamera Himmel und Hölle verwechselt.

Obwohl der Hauptdarsteller Orson Welles im Film kaum zu sehen ist und erst nach gut der Hälfte des Films zum ersten Mal auftritt (da hat Steven Spielberg besonders gut aufgepasst, denn sein Hai taucht im gleichnamigen Film erst gegen Ende kurz auf), wird „Der dritte Mann“ auf immer und ewig mit dem massigen Schauspieler verbunden sein. Bemerkenswert: Ein weiterer „Bester Film aller Zeiten“ – „Citizen Kane“ darf sich ebenfalls eines Orson Welles rühmen.

In den Dutzend Kapiteln durchleuchtet der Bert Rebhandl so ziemlich jede Querverbindung von Charaktern und Darstellern, ihre Verquickungen mit der Zeit und den Verbindungen ihrer Rollen zur Gegenwart. Qohlwollend nimmt man dann doch zur Kenntnis, dass die kleinen Schweinereien doch lieber der Regenbogenpresse überlassen werden als dieses Buch „aufzuhübschen“. Als Konsequenz des Buches muss man sich eingestehen, dass auch nach mehrmaligem Schauen des Films immer noch Fragen offen blieben, die nun in diesem Buch beantwortet werden. Selbst die Fragen, die man niemals zu stellen wagte.

Brief an Matilda

Es ist nicht vielen vergönnt die Urenkel beim Erkunden der Welt zusehen zu dürfen. Auch Andrea Camilleri fühlte sein Ende nahen. Doch Matilda, seine Urenkelin, durfte er noch in den Arm nehmen. Im Bewusstsein, dass auch seine Zeit begrenzt ist, er und Matilda sich wahrscheinlich nie ernsthaft miteinander unterhalten können, fasste er den Entschluss und verfasste einen – sehr langen – Brief an sie. Auch wenn sie ihn nicht sofort lesen könne, so soll er ihr, wenn die Zeit reif ist, Uropas Entscheidungen nachvollziehbar machen.

„Brief an Matilda“ ist das Resümee eines der größten Schriftsteller Italiens, Europas und der Welt. Die Schlichtheit der Worte fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Matilda ist die Adressatin, sie soll ihn verstehen. Dass Andrea Camilleri die Welt an seinem Leben noch einmal teilhaben lässt, ist einmal mehr ein Indiz dafür, dass er ein Menschenfreund durch und durch war.

Auch er hatte dunkle Zeiten zu durchleben. Den Musolini-Faschismus durchschaute er rasch. Und er wurde Kommunist, was er bis ans Lebensende blieb. Auch das brachte ihm so manche Knüppel ein, der ihm zwischen die Beine geworfen wurde. Im Gegenzug hatte er aber auch Gönner und Freunde, die sein Talent erkannten und vor allem förderten, so dass er eine lebenslange Anstellung bei der RAI, dem staatlichen italienischen Rundfunk innehatte.

Seine Anfänge als Schriftsteller waren steinig und schwer. Bis ihm Montalbano über den Weg lief. Ein, zwei Romane. Mehr sollten es nicht werden. Doch die Fernsehserie und die Buchreihe ließen ihn umstimmen.

Von den Studentenrevolten der 68er über die Entführung des Ministerpräsidenten Aldo Moro bis hin zur Machtergreifung Berlusconis hat Andrea Camilleri die unterschiedlichsten Epochen Italiens miterlebt und teils mitbestimmt. Nur als Politiker wollte er sich nicht instrumentalisieren lassen. Ein Wahlerfolg wäre mehr als vorhersehbar gewesen. Doch wollte Camilleri nicht seine Leidenschaft – das Schreiben – an den Nagel hängen. Über hundert Bücher hat er geschrieben. Den Mund hat er sich allzu oft verbrannt. Mit der Mafia hat er sich angelegt. Mit einer Krimireihe erlangte er Weltruhm. Die historischen Romane waren ihm seine liebsten.

Jede Zeile, jedes Wort in diesem sehr langen Brief an seine Urenkelin Matilda sitzt unverrückbar. Es ist die Liebe, die in den Zeilen und sogar in den Zwischenräumen allgegenwärtig ist. Sie ist es auch, die man stets mit dem im Sommer 2019 verstorbenen Charmeur und Romancier in Verbindung bringen wird.

Der letzte Satz des Buches, in dem er Matilda auffordert ihm zu berichten, treibt einem die Tränen in die Augen. Denn Matilda lernt nun erst Lesen. Wann sie den Brief – dieses Buch – lesen kann, es verstehen kann, wird noch ein wenig dauern. Doch auch sie wird in dem Autor einen Menschen erkennen, den man gekannt, zumindest jedoch gelesen haben muss!

Linz abseits der Pfade

Als Donaumetropole steht Linz in direkter Konkurrenz zu Wien. Da verwundert es wenig, dass Linz immer ein wenig belächelt wird. Oft verschmäht. Der große Thomas Bernhard und der nicht minder kolossale Helmut Qualtinger machten ihren Unmut über die Stadt Luft. Vor dreißig, vierzig Jahren musste sich Linz noch unter einer Smogglocke verstecken. Seit 2009 – dem Jahr, in dem Linz sich als Kulturhauptstadt Europas ein Jahr lang präsentieren durfte – hat sich das Bild und auch das Image der Stadt gewaltig verändert. Und trotzdem: Linz bringen die meisten immer noch allein mit der gleichnamigen Torte in Verbindung. Und deren Image, dass sie staubtrocken sei.

Georg Schwarzbach räumt mit so manchem Vorurteil über die Stadt auf. Als pulsierende Metropole kann man Linz sicher immer noch nicht bezeichnen. Etwas mehr als zweihunderttausend Einwohner sehen das vielleicht anders. Auf geradem Wege erkennt man die Helligkeit der Stadt auf den ersten Blick. Doch wer links und rechts des Pfades ein Auge riskiert, wird viel mehr erkennen als das, was eh schon jeder aus dem Internet und der einen oder anderen Reportage kennt. Allerorten laden kleine Cafés zum Verweilen ein. Wer Glück hat, bekommt aufstrebende Bands zu Gesicht. Vor fast dreißig Jahren gastierte hier eine Band, die mit ihren schrammelnden Gitarren einmal die Welt erobern sollte: Nirvana. Auch David Bowie bevorzugte im Sommer 1990 Linz statt Wien.

Ein Kunstmuseum hat man sich vor zehn Jahren als Kulturhauptstadt Europas gegönnt. Besonders des Nachts ein leuchtendes Spektakel, das einen innehalten lässt. Doch dafür benötigt man nicht diesen Reiseband. Es sind die kleinen Läden, Clubs und Restaurants und deren Geschichten, die einen Aufenthalt in Linz so besonders machen. Kennt man sie nicht, weil dieses Buch im Reisegepäck fehlt, beschleicht einen doch schnell das Gefühl etwas verpasst zu haben. Denn dann ist Linz in zwei Tagen ausreichend erkundet.

Georg Schwarzbach beweist, dass man durchaus ein paar Tage mehr hier verbringen kann. Die Donau flussab- oder aufwärts, beiderseitig findet man das, was allgemein als Geheimtipp betitelt wird. Bruckner- und Stifterhaus gehören zum Rundgang dazu wie die Erinnerung an Warmer Hans, wo man Kafka verspreisen konnte. Klingt ziemlich irre. Kennt man die Hintergründe könnte man sich fast schon als Linzer fühlen.

Dieses kleine Büchlein tut mehr für Stadt Linz als so mancher Tourismusmanager. Es zeigt eine Stadt, die viele nicht auf dem Plan haben. Mal ein Abstecher, dafür ist Linz immer gut. Doch in die Stadt eintauchen, zwischen Klischee und Realität den Charakter der Stadt erschnuppern, erlaufen, aufsaugen – da reichen nun mal keine bunten Prospekte und Apps. Da braucht es ein Buch wie dieses.