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Die Inschrift

In Diktaturen lässt sich gut leben, wenn man das Maul und sich an die Regeln hält. Und immer schon nach dem Mund reden und auf gar keinem Fall den Blick über den eigenen Tellerrand heben. Als Freigeist oder Humanist hat man in solch einem Fall ganz schlechte Karten.

Michele Ragusano ist ein Sonderfall. Er ist Faschist aus Überzeugung. Einen Tag nach Italiens marktschreierischem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg kehrt er in seinen Heimatort zurück. Seine alten Weggefährten strafen ihn mit Missachtung. Eine Art gefallener Engel, der zurückkehrt, so was kann man nicht gutheißen. Schließlich waren vor Jahren alle einer Meinung, dass Michele in die Verbannung gehört. Einstimmiger Beschluss – wie sich das für eine ordentliche Diktatur gehört. Gleichschritt statt eigener Meinung! Basta!

Doch in ganz edler faschistischer Manier – einige ganz Überzeugte pochen auf die „Werte“ der Faschisten – lässt man ihn doch zu Wort kommen. Don Manueli Persico ist die graue Eminenz des Vereins „Faschismus und Familie“. Sein grauer Bart bedeckt die karge Gestalt, die so vortrefflich und fast schon märchenhaft von Andrea Camilleri beschrieben wird. Der Rückkehrer Ragusano macht eine Andeutung über das Vorleben von Persico, dass es dem die Sprache nimmt, die Luft und schließlich das Leben raubt.

Michele Ragusano hat ein zweites Mal gegen die Regeln verstoßen. Er wusste, dass der Don schwach ist. Und das Worte töten können (eigentlich heißt es, dass die Kehle schneller tötet als das Schwert, aber Faschisten neigen nur allzu gern bei Gedankennot zur Umdeutung). Michele wird dem Gericht überstellt, damit es Recht spreche.

Doch die Worte zeigen Wirkung. Der Don war gar nicht so sehr Faschist und rein wie ihn alle gern gesehen haben. In fast hundert Jahren Lebenszeit ändert sich der Mensch, auch seine Sicht auf die Dinge und die Sicht auf ihn. Zum Glück, sonst wäre ja heutzutage in Deutschland der Begriff „mäßiger Postkartenmaler“ mit allerlei schlechten Assoziationen und einem schlechten Gewissen behaftet…

Der eilig gefasste Beschluss eine Straße nach Don Manueli Persico zu benennen, wackelt an jeder Ecke. Besonders die Erläuterung, die Inschrift, muss nochmal überdacht werden. Und da bricht sich der faschistische Kleinbürger, der lieber nicht gewohnte Bahnen verlässt, seinen ziellosen Weg frei.

Kopfschütteln, gelehriges Wissen und die Gedanken an die Gegenwart mischen sich beim Lesen dieser Satire aus der Feder Andrea Camilleris. Wer die Augen nur stur geradeaus hält, verpasst, was links und rechts geschieht. Nur wer für seine Überzeugungen einsteht, kann ruhigen Gewissen Prügel beziehen. Äußerliche Wunden heilen, innere vernarben sichtbar.

Slowenien

Klein, kompakt, alles drin! Klingt wie eine Werbung für ein Auto. Ist aber die sehr komprimierte Zusammenfassung dieses Buches und des Landes Slowenien. Es ist doch immer wieder erstaunlich wie wenig man über das Bescheid weiß, was quasi vor der eigenen Haustür liegt. Gerade mal eine Stunde benötigt man günstigstenfalls, um in Slowenien anzukommen. Doch erst richtig in Slowenien angekommen ist man erst, wenn man Lore Marr-Biegers Reiseband über dieses überraschende Land gelesen hat.

Ja, dieser Reiseband ist ein Lesebuch. Eines, das Lust macht Slowenien auf Herz und Nieren zu prüfen. Kann man hier wirklich mit der ganzen Familie komplette Bedürfnispakete stillen?

Ohne Klischees zu bedienen verführt die Autorin den Leser in eine Welt, die gar nicht mal so weit weg ist. Ein bisschen Sport gefällig? Dann bleiben Sie zuhause. Slowenien bietet nicht einfach nur ein bisschen Sport. Alpines Skiwedeln, Kajakfahren, Radwandern und Mountainbiking, Schwimmen, Wandern … über Berg und Tal bewegt man sich von einer grandiosen Aussicht zur nächsten. Ohne dieses Buch wird’s allerdings schwierig die wirklich beeindruckenden Orte zu finden. Lore Marr-Bieger scheint Slowenien mit dem Auge und dem Herzen vermessen zu haben. Jeder Tipp ein Volltreffer.

Oder wie wäre es mit einem kulinarischen Ausflug. Sloweniens Küche ist reichhaltig. Frisch und deftig, gesund und leicht – wer einkehrt, wird übermannt von der Vielfalt des Angebotes. Und auch hier gilt wieder: Gut essen kann man fast überall. Aber wo man wirklich gut essen kann, weiß nur die Autorin.

Wer nur einen flüchtigen Blick auf die Landkarte wirft, vermisst vielleicht den Badeurlaub in Slowenien. Doch das nördlichste Land des ehemaligen Jugoslawiens besitzt tatsächlich einen Meereszugang. Nur ein paar Kilometer Strand, der gerade mal die klassische Marathonstrecke zulässt (die 42,195 km sind erst in der Neuzeit entstanden, klassisch waren es exakt 40 km), gilt es zu entdecken.

Und gleich dahinter wohl eines der interessantesten Gebirge der Welt. Selbst Jules Verne ließ hier schon einen seiner Helden (Mathias Sandorf) ein einzigartiges Abenteuer beginnen. Denn im Karstgebirge verschwindet schon mal ein Fluss, nur um dann Kilometer später wieder aufzutauchen.

Ein Land, eine Autorin, ein Reiseband – und der Urlaub kann beginnen. Siebzehn Wandertouren deuten nicht nur an, dass Slowenien förmlich auf seine Besucher wartet. Ein kleines Land mitten in Europa, das erkundet werden will. Mit enormen Rechercheaufwand und bildhafter Sprache wird dieser Reiseband zum unverzichtbaren Reisebegleiter, der zu jeder Tageszeit parat gehalten werden muss. Die gelb unterlegten Infokästen machen den Leser zum Experten Sloweniens. Geschichtliche Anekdoten, ausgeklügelte Tipps, detaillierte Karten und Wanderungen und Einkehrtipps sind das Salz in der Suppe, damit ein Slowenien-Urlaub noch lange in Erinnerung bleiben wird.

CityTrip Belgrad und Novi Sad

Es gibt noch die kleinen Juwele in Europa, die sich ihre Eigenständigkeit mit der Pflege der historischen Hinterlassenschaften erhalten haben. Gastfreundlichkeit und ursprüngliche Stadtentwicklung gepaart mit moderner Ausrichtung und dem Ausbau der Infrastruktur – Belgrad gehört zweifelsohne zu diesen Juwelen. Die Hauptstadt Serbiens ist eine Millionenmetropole am Zusammenfluss von Donau und Save, dem wasserreichen Zufluss zum europäischsten aller Flüsse. Man spricht oft und gern von einem Schmelztiegel, wenn Kulturen an einem Ort zusammentreffen und wie selbstverständlich zusammen (nicht nebeneinander) das Bild einer Stadt prägen.

Und trotzdem ist Belgrad immer noch ein Geheimtipp. Die weiße Stadt, die sich in Altstadt und Neustadt untergliedert, bietet schon auf dem ersten Blick ein Füllhorn an Sehenswürdigkeiten. Die Stadt wurde bereits vor über tausend Jahren erstmals erwähnt. Die Neustadt hingegen ist ein Produkt aus Titos Zeiten, um der Welt zu zeigen, dass der Sozialismus der einzige Weg in die Moderne ist. Die jüngere Geschichte hat gezeigt, dass dies nur ohne Machtmissbrauch möglich ist, und auch hier zum Scheitern verurteilt war.

Man ist also nach einer wahren Odyssee in Belgrad gelandet (die Anreise aus Deutschland von oberhalb des Weißwurstäquators ist mit stundenlangen Aufenthalten verknüpft, so dass man schon ca. einen kompletten Tag für die Anreise einrechnen muss). Und schon ist man überwältigt vom Charme der Stadt: Weitläufige Boulevards, beeindruckende Architektur, wildes Markttreiben und eine reichhaltige Küche verführen den Gast sofort. Doch wohin als Erstes? Dieses kleine Büchlein gibt den Ein- und Überblick, den man jetzt dringend braucht. Auch schon wegen der (für die meisten) ungewohnten Schriftzeichen. Wer noch Russisch als Pflichtfremdsprache in der Schule zu erdulden hatte, kommt leichter vorwärts. Für alle anderen werden alle Hotspots im Buch auch auf Serbisch abgedruckt. Ein Stadtplan und Spaziergänge, die keinen Wunsch offen- und keine Sehenswürdigkeit auslassen, machen den CityTrip Belgrad/Novi Sad zum unerlässlichen Begleiter.

Dieser CityTrip ist eigentlich ein CitiesTrip. Denn auch das knapp einhundert Kilometer entfernte Novi Sad, neuer Garten, ist mehr als nur einen Tagesausflug wert. Viel kleiner ist die zweitgrößte Stadt Serbiens. Doch nicht minder reich an Entdeckenswertem. Das Verhältnis der beiden Städte an der Donau ist vielleicht zu vergleichen mit Seattle und Portland oder Berlin und Potsdam. Hier der administrative große Bruder und da die hübsche kleine Schwester. Beide sind eigenständig und bedürfen einander kaum bis gar nicht, doch zusammen bilden sie ein unschlagbares Paar. Beide Städte weisen als hervorstechendes Merkmal eine Burg, eine Festung auf. Beide Städte laden zum Bummeln, wobei Novi Sad die Grünere ist.

Die beiden Autoren Ralf Hälg und Milana Momčilović-Hälg bereitet es eine Freude ihre Stadt dem Leser nahezubringen. Unzählige Tipps – vom Restaurant über Märkte bis hin zu Unterkünften, Museen und anderem Sehenswerten – lassen die Zeit in Belgrad und Novi Sad wie im Fluge vergehen. Und hinterher ist man immer noch angetan vom Reichtum einer Region, die nicht viele auf dem Schirm zu haben scheinen. Ein Fehler, wie man schon während des Lesens feststellen muss.

Der Centaur

Paul Heyse – Italienische Novellen. Klingt auf den ersten Blick gar nicht italienisch. Und Paul Heyse – schon mal gehört, aber wer war das doch gleich? Immerhin der erste deutsche Schriftsteller, der den Literatur-Nobelpreis für sein belletristisches Werk bekam. Das war 1910. Thomas Mann verschlang seine Bücher. Heute ist er vielen nur noch als Namensgeber von der Parallelstraße bekannt.

Fünf zauberhafte Novellen schmücken die Seiten dieses 240 Seiten starken Büchleins. Und in jeder schlummert die Wortgewalt der deutschen Sprache. Man liest vom Murren im Inneren des Vesuvs, drohendem Klirren der „Geräthe“ und vom Widerhall der Frühlingsstimmen. Wer da nicht sofort die Koffer packen und gen Sorrent fliehen will, ist immun gegen jedwede Art von Poesie.

Fünf Novellen, denen man den Charme und die Vorfreude auf sie nehmen würde, müsste man sie einer genaueren Analyse unterziehen. So viel sei gesagt: Paul Heyse verbrachte tatsächlich eine angemessene Zeit im Land wo die Zitronen blühen. Im Laufe seines Lebens schaffte er es tatsächlich fast zweihundert Novellen zu schreiben. Nicht alle aus und über Italien. Diese fünf Novellen sind so vielschichtig in sich und so abwechslungsreich in ihrer Vielfalt, dass man aus dem Verzücken nicht mehr herauskommt. Das Buch beiseitelegen scheint fast unmöglich.

Immer tiefer reißt der Autor den Leser in seine Welt voller Phantasien, scheinbar trostloser Lebenswege, überraschender Geheimnisse und melancholischer Welten. Ein Fest für die Augen und die Gehirnzellen, die mit jeder Seite aufs Neue stimuliert werden.

Die Texte basieren auf den Originaltexten Paul Heyses. Immer wieder setzt er gekonnt Akzente, indem er den Leser in die Irre führt oder der Realität romantische Vorstellungen entgegensetzt. Vom spannenden Agententhriller bis zum fast schon Märchenhaften zeigt dieses Buch die Kunst des Schreibens als Kunst für jedermann auf. Es ist schade (und ein bisschen auch bedenklich), dass ein Schriftsteller wie Paul Heyse ein Mauerblümchendasein in den Bücherregalen der durchstrukturierten Bücherläden führen muss. Im Wust der Schwarz-Weiß-Malerei sind seine Texte der Regenbogen, der auch über hundert Jahre nach seinem Tod noch so strahlt wie am Erstveröffentlichungstag.

Geniale Erfindungen made in Berlin

Oft gehört: Berlin erfindet sich immer wieder neu. Mag sein, wenn man sich erinnert wie die Stadt noch vor ein paar Jahrzehnten aussah und mit heute vergleicht. Doch Berlin ist auch eine Stadt, in der viel erfunden wurde, dass man heute noch – unter anderem Namen oder weiterentwickelter Form  – tagtäglich in den Händen halten kann. Gaby Huch hat sich auf die Suche gemacht und Erstaunliches gefunden.

Zu den berühmten Persönlichkeiten der Stadt, die heute kaum noch zu sehen ist, zählte mal der Eckensteher. Ein ruhiger Geselle, meist. Der Körper ohne Spannung, gesenktes Haupt, und wenn er was sagte, dann war es oft unverständlich. Klar, er war betrunken. ‘Ne Molle zu viel! Nicht immer. Einer der geistigen Urväter dieser skurrilen gestalten war Johann Heinrich Leberecht Pistorius. Der Kaufmann hatte eine Leidenschaft für die Wissenschaft und das Ingenieurswesen. Es war gerade einmal ein paar Jahrzehnte her, dass Friedrich der Große, die „Kartoffelbefehle“ erlassen hatte. Diese sind die Grundlage dafür, dass die Deutschen als Kartoffelesser weltweit bekannt wurden. Und Pistorius erfand – deswegen kann man ihn als „geistigen Urvater der Eckensteher“ bezeichnen – einen Apparat, mit dem auf der gelben Knolle ein klarer Geist entsprang, der Kartoffelschnaps. Das Destilliergerät war damals noch ein riesiger Apparat, der riesige Mengen produzieren konnte. Doch schon bald wurde das Verfahren für jedermann zugängig. Die Folgen waren unter anderem eben die Eckensteher.

Und was macht man, wenn einem vom vielen Schnaps der Kopf dröhnt, dass man meint der Kopf würde einem gespalten. Man wirft eine Tablette ein. Eine Spalt am besten. Und wo wurde die erfunden? Na klar, in Berlin. Genauso wie der Frommser. Jahrelang war dieser Begriff Synonym für die einzige (verlässliche) Art der Geburtenkontrolle. Fromms – so hießen die ersten Kondome.

Bleiben wir noch ein bisschen beim Alkohol. So mancher, der nicht nur ein wenig und zu oft und vor allem zu tief ins Glas geschaut hatte, wurde schmerzhaft mit einer endgültigen Nebenwirkung vertraut gemacht. Das Sehvermögen ließ stark nach bis hin zum Verlust des selbigem. Und ja, auch die Blindenschreibmaschine ist eine Erfindung aus Berlin. Louis Braille hatte 1825 die Blindenschrift entwickelt. Es dauerte noch fast ein Jahrhundert, bis diese Schrift all denen zugängig gemacht wurde, die ohne sie auf Bildung verzichten müssten. Oskar Picht hieß ihr Erfinder, und er ließ 1901 seine Maschine zum Patent anmelden.

Dieses Buch liest sich wie ein spannender Western. Pioniergeist, verwegene Gestalten, mutige Draufgänger pflasterten den Weg in die Moderne. Von der Thermoskanne, über die elektrische Straßenbahn, Ohropax, die Erbswurst und den Geigerzähler (eine wahrhaft wilde Mischung) – Berlin ist nicht nur dufte, sondern war stets ein Hort des freien Geistes. Auch wenn die Dampflokomotiven heute meist nur noch als Motive für Selfies herhalten, waren sie doch einst der Motor des Fortschritts. Erfunden von Borsig in Berlin, wo heute noch an namentlicher Stelle an Zügen mehr oder weniger erfolgreich gearbeitet wird. „Geniale Erfindungen made in Berlin“ ist mehr als nur ein Bilderbuch. Die erläuternden Texte sorgen für so manches Ah und Oh.

Römische Augen Blicke

Rom kann man nur offenen Auges erfassen. So wie jede andere Stadt auch. Doch in Rom lohnt es sich besonders. Das weiß Birgit Ohlsen auch. Und sie liebt Rom. Das merkt man nicht nur daran, dass ihre Prosaskizzen den poetischen Titel „Augen Blicke“ wie eine Krone tragen, sondern vor allem an den kurzen, teils nachdenklichen Texten zwischen den kunstvoll gestalteten Buchdeckeln.

Die Autorin vermeidet es dem Leser eine Route vorzugeben, dafür gibt es Reisebücher. Sie schlendert durch die Ewige Stadt mit der Neugier im Kopf. Immer wieder hält sie inne, hält den Moment mit Kamera und Stift fest. Wer noch nie in Rom war, kommt jetzt erst recht auf den Geschmack. Und so nimmt man dieses Buch schlussendlich doch als Wegweiser für einen Ausflug an den Tiber.

Auf der Piazza S. Maria sopra Minerva steht eine erstaunliche Statue. Ein Elefant, der einen Obelisken trägt. Es ist an sich nicht der Elefant selbst, der die Gemüter erregt. Sondern seine Position. Denn sein Hinterteil zeigt symbolträchtig in Richtung des Dominikanerklosters.  Zwei große Köpfe der Geschichte würden diese Statue als Teil später Gerechtigkeit empfinden. Galileo Galilei und Giordano Bruno wurden hier gefoltert, gedemütigt und zum Widerruf ihrer Schriften und Ideen gezwungen. Wer einfach daran vorbeiläuft, dem ist ein wichtiger Teil Roms an selbigem vorbeigelaufen.

Nachdenklich wird die Germanistin Birgit Ohlsen, wenn sie im wahrsten Sinne des Wortes über so manchen Stein stolpert. Stolpersteine nennt man die Gedenksteine, die in den Boden eingelassen wurden, um die Greueltaten der Faschisten ewig erinnerlich zu halten. Man liest die Lebensdaten, deren Ende bis heute manchmal unbekannt ist. Man rechnet nach wie alt die Menschen waren als es brachial an der Tür klopfte oder die Pforte mit Gewalt zerbarst, weil hochmotivierte Karrieristen und menschenverachtende Querdenker es so für nützlich hielten. Als Deutsche, die sich intensiv mit deutscher Sprache, also dem originärem Kulturgut beschäftigt ein äußerst saurer Drops, den sie aber bereit ist zu lutschen.

Die Römischen Augenblicke versetzen mehr als den Sehsinn in Bewegung. Immer wieder erkennt man vielleicht Bekanntes, das man selbst anders oder nur im Vorbeigehen wahrgenommen hat. Birgit Ohlsen versetzte den Leser wieder zurück an den Ort und die Zeit, wo Rom nicht einfach nur Rom war. Rom war Sehnsuchtsort, den man unbedingt sehen wollte. Doch nachdem er Alltag wieder eingekehrt war, verblasste so manches Erlebnis im Grau der Monotonie. Hier werden Erlebnisse wieder lebendig, werden neue Sehnsüchte geboren. Denn wenn eine Stadt schon ewig existieren wird, lohnt es sich immer wieder dorthin zu fahren. Und dann sicherlich mit diesem Buch im Gepäck.

Der Blutchor

Dieuswalwe Azémar hat Urlaub. Es lebe die Kurzgeschichte! Und Gary Victor ist ihr König! „Der Blutchor“ ist mehr als eine Fingerübung, um Großes folgen zu lassen. Die neun Kurzgeschichten in diesem Band – man kommt ausnahmsweise nicht umhin auf den Preis zu verweisen: Weniger als ein Euro pro story, die eindeutig mehr wert sind – fesseln alle Sinne des Lesers. Naja, vielleicht bis auf den Geruchssinn.

Mitten im Haïti Duvalliers, wobei es fast schon egal ist, welcher nun gerade an der Macht ist, ob nun Papa oder Baby Doc (oder ist es doch ein anderer Präsident, der das Volk unter seiner Knute quält?), wächst einem Günstling des Präsidenten ein Schwanz. Und zwar dort, wo man ihn nicht vermutet oder eben gerade da. E nachdem wie ernsthaft man gerade drauf ist. Ein Skandal? Nein! Eine Schmach? Zumindest für Corneille Soisson. Der Name an sich ist schon einen Literaturpreis wert: Die Krähe sei sein. Und dieser besagte Soisson macht sich berechtigte Hoffnungen auf einen Ministerposten. Der Präsident ist dem eifrigen Wahlzettelfälscher zum Dank verpflichtet. Wäre da nicht diese Sache mit dem verflixten Schwanz! In Bohio, einer volkstümlichen Bezeichnung Haïtis, ist ein Schwanz nicht nur ein Schwanz, sondern ein Fluch, den nur ein bòkò, ein schwarzer Voodoopriester wieder lösen kann. Doch Corneille ist zu feige und springt in den sicher geglaubten Tod. Blöd nur, dass unter dem Fenster ein Müllwagen wartet und seine geheime Fracht auf der Deponie ablädt. Die Geschichte vom schwanzangehängten Günstling macht die Runde. Als das Ungetüm – so muss Corneille mittlerweile aussehen – eines Tages von Arbeitern entdeckt wird, scheint die Lage zu eskalieren…

In einer anderen Geschichte dringt Gary Victor ganz tief in die Seele eines Menschen ein. Frau und Kind sind weg. Bald auch sein Leben. Doch sein Tagebuch offeriert ein dunkles Geheimnis. Ameisen treiben den Junkie in den Wahnsinn. Nicht sein Schöpfer, sondern sein Programmierer scheint etwas Besonderes mit ihm vorzuhaben.

Und wenn Kokosnüsse wirklich den Weg vorzeichnen, sollte man Frauen mit Macheten aus dem Weg gehen. Dieser Ansicht ist der Autor der ersten Geschichte in diesem Buch.

Es bedarf einer ungeheuren Phantasie solche Geschichten zu erfinden und wunderbar vertraute Worte kleiden zu können. Wie ein Magier webt Gary Victor seltsame Begebenheiten in ein Netz aus feinster Gefühlsseide. Die Akteure halten die Webfäden teils mit zittrigen Händen fest, so dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt als offenen Mundes Seite für Seite zu verschlingen. Angst sich zu verschlucken muss keiner haben. Den Heimlichgriff beherrscht der Autor wie kein Zweiter. Blutüberströmt ohne vulgär zu sein, erregt ohne die Grenzen des guten Geschmacks auch nur anzukratzen und mystisch und schonungslos geradlinig zugleich sind die Geschichten in „Blutchor“.

Was sich auf dem ersten Blick wie die Biographie der Background-Sänger von Madonnas „Like A  Prayer“ anhört (schwarzer Jesus, der Blut weinnt – einer der inszenierten Skandale der 90er Jahre) , entpuppt sich schnell kurzweilige Meisterstücke der Stimme Haïtis, der von Gary Victor. Man hört die Stimmen, geht auf die Knie, schließt die Augen und seufzt wie ein Engel:  Fluchen sei an dieser Stelle bitte erlaubt: Verdammt, schon wieder ein Buch, das zu schnell ein Ende findet!

Jette, Jakob und die andern

Bilderbuch, paradiesisch, sorgenlos – stellt man diese Worte vor das Wort Kindheit, ist alles in Ordnung. Jette und Jakob können davon ein Lied singen. Ihre Kindheit ist paradiesisch, frei von Sorgen, wie im Bilderbuch. Doch die Idylle bröckelt. Sie sind in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Norddeutschland geboren.

Im Radio tönt der „Braune“ wie Mama ihn immer nennt. Das Leben geht weiter. Dann schickt der „Braune“ auch noch seine Männer auf den Hof. Das Leben geht weiter. Auf dem Hof wird’s eng. Immer mehr Familien suchen Unterschlupf, der ihnen bereitwillig geboten wird. Das bedeutet für Jette und Jakob mehr Spielkameraden. Gerade und besonders, wenn Papa wieder mal im Krieg unterwegs ist – Margret Steckel versteht es brillant und bisher kaum gekannt die vordergründigen Auswirkungen des Krieges auf ein Kind zu beschreiben.

Schule war bisher nur der Ort, vor dem man Angst hatte, weil dort so viel Neues war. Zum Glück hat Jette in Uschi eine Klassenkameradin, die auch außerhalb ihre Freundin ist. Das mildert den Eintritt in den neuen Lebensabschnitt. Denn Papa ist ja wieder mal im Krieg unterwegs. Doch die Zeit, in der der Krieg dann auch wirklich nicht da war, genauso wie Papa, ist vorbei. Stalinorgeln ist nicht nur ein neues Wort für die Kinder in der Schule und auf dem Hof. Es sind die dezibelüberschlagenden Boten einer grauen Zukunft.

Die kommt schneller als erwartet. Der Krieg ist aus. Die Briten stehen vor der Tür. Nette Typen, die Jette die ersten Fremdwörter beibringen. Dann kommen die Russen. Und mit ihnen ein weitreichende Veränderung.

Margret Steckel wurde in den 30er Jahren in Mecklenburg geboren. So wie Jette, Jakob und die andern. Somit steckt sicher auch eine ordentliche Portion Eigenerleben in diesem kleinen Büchlein. Sie erzählt die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg als Außenstehende aus der Sicht der Kinder. Die sollten „so was“ nie erleben! Ohne zu verniedlichen oder gar zu verharmlosen umschreibt sie eine Zeit, die eh schon düster genug war. Da muss sie nicht auch noch in die gleiche Kerbe hauen, möchte man meinen.

„Jette, Jakob und die andern“ ist ein mahnendes Buch. Auch wenn Kinder nicht alles und sofort einordnen können, nehmen sie Veränderungen wahr. Das „Wie sie damit umgehen“, ist die große Herausforderung für alle, die Verantwortung tragen. Margret Steckel nimmt diese Herausforderung an. Ihre Novelle macht Mut, lädt zum Schmunzeln, im gleichen Maße regt sie auch zum Nachdenken an.

Bitte schweigt

Hat man schon das eine oder andere Buch von Philippe Soupault gelesen, ist man geneigt ihm alles abzukaufen. Die Glaubwürdigkeit liegt über all seinen Werken. Ob er nun einen Glücksritter portraitiert, der das System, die Gesellschaft für sich selbst bestimmt und Bestehendes den Spiegel vorhält oder er sich mit seinen Verwandten anlegt, weil er schonungslos (ohne bewusst provozierend selbigen ein Bein zu stellen) ihr Leben aufdeckt – Philippe Soupault hat die political correctness in ihrer reinsten Form zur Kunstform erhoben.

Ein Chronist seiner Zeit, die er selbst verändern wollte und es auch tat – mit André Breton verfasst er „Die magnetischen Felder“, den ersten surrealistischen Text überhaupt – wollte er nie gewesen sein. Die autobiographischen Züge in seinen Werken sind unverkennbar. „Bitte schweigt“ kann getrost in „Bitte schwelgt“ umbenannt werden. Denn schweigen, diesen Wunsch muss man Soupault abschlagen, kann man nicht.

Gedichte, Poesie ist schwer einzuordnen, schwer zu beschreiben oder gar zu bewerten. Viele versuchen es immer wieder, doch der Kreis der Rezipienten, die die Wertung auch verstehen, bleibt überschaubar. Denn Gedichte verstehen ist das Eine, sie zu interpretieren das Andere. Beides wird niemals vollständig entschlüsselt werden.

Und so kommen die Gedichte wie ein frischer Wind daher. Kein „Reim Dich oder ich beiß Dich“, sondern wohlformulierte Zeilen, die zum Nachdenken anregen. Arthur Rimbaud umschrieb das Dichten als Fähigkeit zum Sehen. Ja, schon dieser kurze Satz ist nicht einfach in Alltagssprache zu übersetzen. Sehen kann jeder, dessen Augen funktionieren. Eine naturwissenschaftliche Voraussetzung. Doch Dichten, (Ge-)Dichten ist mehr als pure „Formuliererei nach Formeln“. Die Fähigkeit Gesehenes mit Gefühlen in Verbindung zu setzen, ist mehr als nur eine Grundvoraussetzung. Womit wir schon wieder bei Formeln und Regeln sind.

Die Gedichte und Lieder in diesem Buch, die Philippe Soupault vielen seiner Weggefährten wie Guillaume Apollinaire, Blaise Cendrars, Tristan Tzara oder André Breton widmete, liest man mehrmals. Nicht ums sie einfach nur „verstehen zu können“, sondern weil sie es wert sind öfter gelesen zu werden. Und wenn man dann irgendwann einmal in Montparansse oder Montmartre an den Wirkungsstätten dieser Köpfe vorbeischlendert, wünscht man sich dieses Buch zur Hand zu haben und das eine oder andere Gedicht zu lesen.

 

Geschichte eines Weißen

Wer mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren ist, kann sich im engmaschigen Elfenbeinturm leicht die Kauleiste ruinieren. Philippe Soupault wurde mit einem silbernen Löffel im Mund geboren. Und trotzdem ist er früh angeeckt und hat sich so manches Mal gehörig die Zähne dabei verschoben.

1897 war es. Mitten im Fin de Siècle. Da wurde Philippe Soupault in Chaville bei Paris geboren. In seiner Ahnengalerie befinden sich große Männer, wie der Gründer von Renault, den er vortrefflich in „Ein großer Mann“ beschrieb. Die Bourgeoisie war sein Heimathafen. Doch Häfen haben eben auch die Angewohnheit, dass man hier nicht nur vor Anker gehen kann, sondern auch ablegen. Entdecker wollte er werden. Die weißen Flecke von den Landkarten mit Farbe füllen. Doch in Jugendjahren wurde es erst einmal Bad Ems. In Deutschland, beim Erbfeind.

Der Krieg brachte einen weiteren entscheidenden Einschnitt ins Leben des Mannes, der in diesem Buch mit dreißig Jahren zum ersten Mal Rückschau hält. Die Familie flieht aufs Land. Die verzerrten Fratzen der Soldaten sieht er nicht nur sprich- sondern wortwörtlich an sich vorbeiziehen.

Rene Deschamps ist sein Cousin. Es ist nicht das Blut, das sie verbindet, es ist ihre Leidenschaft für das Neue, das Unerwartete, das Verquere, das zwischen ihnen ein unzertrennbares Band bildet. Nur der Tod kann sie entzweien, was er auch tut. Doch die Begegnung mit Deschamps ist der Startschuss für Soupault. Kunst und ihre Auswirkungen auf sich selbst und andere gehören fortan zum Alltag. Der Bourgeoisie entkommen und sich selbst entwickeln, sich formen, neue Ideen entwerfen und umsetzen. Wenn Soupault zu diesem Zeitpunkt wüsste, dass er noch nicht einmal ein Drittel seines Lebens gelebt hat, wie hätte dann „Geschichte eines Weißen“ ausgesehen?

Mit dreißig Jahren beginnen die ersten Zipperlein, sagt der Volksmund. Bei Philippe Soupault zwickt und zwackt es im Gehirn. Er ist frei von den Zwängen der Familie. Seine Schriften werden dank der Fürsprache von Guillaume Apollinaire veröffentlicht, und nicht von eifrigen Händen dem Feuer übergeben.

Es ist erstaunlich wie aktuell dieses Buch, das nun schon seit fast einem Jahrhundert existiert, dank dem Wunderhorn-Verlag seit 1990 auch auf Deutsch, immer noch ist. Die Bourgeoisie in Frankreich ist schonungslos auf dem Weg an die Spitze. Nur heißt sie nun Elite. Keiner aus dem Umkreis von Präsident Macron ist dem System Eliteschulen entgangen. Seilschaften verbinden die einstigen Hoffnungsträger bei ihrer Abschottung gegen Unten. Kurz ist der Text, aber umso eindrucksvoller und aktueller. Wie würde Philippe Soupault seiner Heimat der Jetztzeit begegnen? Viermal so alt wie damals, als die Surrealisten ihn verbannten, obwohl er ihr erstes Werk zusammen mit André Breton schuf? Politisch korrekt vielleicht? Niemals! Anklagend? Vielleicht! Kämpferisch? Entlarvend? Bien sûr!