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Sing mir ein Lied

Sing mir ein Lied

Dieses Buch ist eine Kopie! Dieses Buch ist echt! Eine echte Kopie. Keine Angst. Astrid Rosenfeld ist wirklich durch die USA gereist. Sie hat tatsächlich fast zehntausend Meilen zurückgelegt. Und dabei ihre Eindrücke niedergeschrieben. Zusammen mit ein paar Stories, die bei diesem Roadtrip in den Sinn kamen. Bei ihrer Rückkehr übergab sie ihr Reisetagebuch dem Diogenes-Verlag. Kurzerhand wurde das Original reproduziert und in unveränderter Form als Buch nun veröffentlicht. Dem Leser wird sozusagen ein echter Rosenfeld in die Hand gelegt.

Astrid Rosenfeld macht das wovon Viele nur träumen: Sie durchquert die USA. Einmal quer von Ost nach West. Wie einst die ersten Siedler.

Das Wohltuende an diesem Buch sind die fehlenden Klischees: Hektisches New York, verträumter Süden, Heimweh zur Weihnachtszeit.

Und die Typen, die sie trifft, haben diese Bezeichnung verdient: Echte Typen. Ein Straßenmusiker, der keinen Ton trifft und von sich behauptet neun Sprachen zu sprechen. Keines davon trifft zu. Doch haben sie, ihr Begleiter Johannes Paul Spengler und die beiden Straßenmusiker eine tolle Zeit.

Silvester im Süden. In einem schäbigen Hotel. Wie mit der Stoppuhr gemessen schildert Astrid Rosenfeld den Verlauf der Nacht – vom dazugehörigen Rausch und nicht ganz so legalen Agrarprodukten, von kitschigen Plastikhüten bis zu einem herzerwärmenden Jungen, der jeden zum Tanze animiert. Als Beweis dienen die Fotos ihres ständigen Begleiters.

In Texas treffen sie einen Cowboy – also doch noch ein Klischee. Ein echtes Raubein. Augenklappe, Narben im Gesicht. Wenn Not am Manne ist, springt er bei Dreharbeiten auch gern mal als Cowboytyp ein.

Und noch ein Klischee – das muss dann aber auch reichen: Wer durch die USA reist, kommt früher oder später mit dem Gesetz …, nein nicht in Konflikt, aber mit den Gesetzeshütern ins Gespräch. Ein Kurzausflug nach Ciudad Jaurez, Mexiko, sorgt bei der Rückkehr für Verwirrung. Das Visum ist abgelaufen, da die beiden Roadtripper das Land verlassen haben. Die Aussage, dass sie Huhn gegessen und Socken gekauft haben, sorgt letztendlich aber nur für Verwunderung und zieht den ernsten Hinweis nach sich, dass die mexikanische Seite von El Paso (Ciudad Juarez) zu den gefährlichsten Orten der Welt gehört.

Auf der Reise treffen die beiden Gleichgesinnte. Alle sind irgendwie auf der Reise. Manche haben fast schon ihr Ziel erreicht, Andere merken gar nicht wie sehr sie vom Reisefieber gepackt sind.

„Sing mir ein Lied“ ist mehr als nur ein Tagebuch. Es ist der kurzweilige Beweis, dass der Weg das Ziel ist.

Pollock

Pollock

Jackson Pollock? Das ist der der, der nur auf die Leinwand gekleckst hat. Das kann ich auch! Bis zum 12. November 2013 war „No. 5“ von Jackson Pollock das teuerste Gemälde, das je bei einer Auktion verkauft wurde. Für 140 Millionen Dollar! So was kann dann doch nicht jeder.

Catherine Ingram geht dem gespaltenen und umstrittenen Maler auf den Grund. Als kleiner Junge zog Jackson Pollock oft mit seinen Eltern von einem Ort zum Anderen. Harte Arbeit kannte er von Kindesbeinen an. Diese Erfahrungen prägten sein ganzes Leben. Er sah sich mehr als Arbeiter, denn als Künstler.

Wer nur das Drip-Painting kennt, wird sich an den ersten Werken kaum an den herausragenden Künstler der späten Jahre erinnert fühlen. Das wütende Element des Action-Painting trat in den frühen Bildern nur rudimentär in den Vordergrund. Cowboy-Phantasien wie in „Going West“ waren vorherrschend.

Als er eine Ausstellung mit Bildern amerikanischer Ureinwohner besuchte, machte es bei dem unterbezahlten Maler klick. Hier sah er seine Zukunft. Dass er mit seinen Werken einmal ausreichend Geld verdienen könne, war noch eine Wunschvorstellung. Doch sie wurde bald Realität. Spätestens als die Kunstmäzenin Peggy Guggenheim ihm, dem wilden, unberechenbaren Künstler eine Ausstellung widmete, war sein Name eine Begriff unter Kennern. Er wechselte die Techniken, die Manager, jedoch nie seine Frauen. Lee Krasner – ebenfalls Künstlerin – war seine Konstante. Sie ließ ihm die Freiheit, die er brauchte und trieb ihn immer wieder an. Auch in harten Zeiten, in denen das Geld nur spärlich floss, stand sie zu ihm. Auch wenn Abgabetermine näher rückten, rückte sie ihm nicht auf die Pelle, sondern gab ihm Kraft.

Doch der Alkohol machte ihm so manches Mal einen Strich durch die Rechnung. So passt es in die Biographie eines Getriebenen, dass Jackson Pollock wie ein Wahnsinniger mit seinem Wagen in den Tod raste.

Das Buch bietet einen umfassenden Einblick in Leben und Wirken eines bedeutenden Künstlers des 20. Jahrhunderts. Seine Reputation ist nicht einzig auf den Verkaufswert seiner Werke zurückzuführen. Vielmehr war er der wohl amerikanischste Maler unter den Malern Amerikas. Die einzelnen Kapitel sind durch kurze Comic-Strips aufgelockert, die einzelne Episoden aus dem Leben Pollocks eindrucksvoll untermalen. Die Bildtafeln vermitteln einen Eindruck vom Werdegang dieses Mannes, der immer noch umstritten ist und dessen Leben als Film (zurecht) mit einem Oscar belohnt wurde.

Abserviert

Abserviert

Joan Medford ist Anfang zwanzig und hat schon die nächste gravierende Wendung in ihrem Leben hinter sich: Der Mann – tot. Nach einem Streit im Suff aus dem Haus gerauscht, und einen geliehenen Wagen gegen die Wand gesetzt. Das Kind – bei der Tante, der Schwester des Verblichenen in guten Händen. Ethel – die Tante des Jungen und Schwägerin von Joan – kann keine Kinder bekommen und ersinnt einen perfiden Plan den Jungen dauerhaft an sich zu binden. Joan hat ihren Sohn Tad zu Ethel gegeben, um ihr Leben ordnen zu können. Sie muss nun allein für alle Kosten aufkommen. Zwei Polizisten geben ihr den Rat als Kellnerin, nicht weit von zuhause weg, zu arbeiten. Nur so kann sie für sich und ihren dreijährigen Sohn das Leben bestreiten. Als Liz, ihre neue Kollegin, die Einundzwanzigjährige betrachtet, weiß sie, dass Joan erflogreich sein wird. James M. Cain beschreibt genüsslich die körperlichen Vorteile seiner Protagonistin und Erzählerin des Buches: Für Joan Medford scheint das Wort „wohlproportioniert“ erfunden worden zu sein.

Earl K. White The Third sieht das nicht minder emotional. Der kranke, schwerreiche Gast kommt nun täglich in die Cocktail-Bar und hinterlässt jedes Mal ein fürstliches Trinkgeld. Joan weiß um ihre Reize und setzt sie geschickt ein. Doch da ist auch noch Tom Barclay. Unwahrscheinlich anziehend für die Witwe, jedoch finanziell bei Weitem nicht so gut ausgestattet wie der ältere Gönner White. Und das erste Zusammentreffen von Tom und Joan ist auch nicht geeignet eine dauerhafte Liaison zu beginnen. Mr. White hingegen macht Joan ein ungewöhnliches Geschenk: 50.000 Dollar. So verschossen er in die Kellnerin ist, so sehr weiß er auch, dass eine Heirat nicht in Frage kommt. Dieser Schritt wäre für ihn tödlich. Nicht im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich.

Nach langem Werben willigt Joan in die Ehe mit Earl K. White ein. Doch schon während der Flitterwochen, die die beiden in London verbringen, bemerkt Joan bekannte Symptome, die ihrem neuen Leben eine erneute Wendung geben könnten.

Dieser Krimi Noir ist eine Offenbarung, weil ein Könner seines Faches (manche nennen ihn den Erfinder des „Krimi Noir“) in sein letztes Werk all seine Kunstfertigkeit gelegt hat. James M. Cain, der Autor unter anderem von „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ und „Mildred Pierce“ steht für Qualität im Regal der Spannungserzeuger. Ein knappes Dutzend Mal wurden seine Werke verfilmt und preisgekrönt.

James M. Cain gibt seinem letzten, lange verschollenen Werk ein wahres Fin noir. Wer das Werk Cains kennt, wird Parallelen zu den verfilmten Vorgänger „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, „Mildred Pierce“ und „Frau ohne Gewissen“ erkennen. Somit ist „Abserviert“ die Essenz von James- M. Cains literarischen Vermächtnisses. Und was für eines!

Liebesmaschine N.Y.C.

Liebesmaschine NYC

Für New York gibt es zahlreiche Synonyme: Big Apple, Hauptstadt der Welt etc. Jetzt kommt noch ein weiterer Name hinzu: Liebesmaschine. Das bedeutet nicht, dass hier ein wahres El Dorado für Singles ist. Nein vielmehr ist „Liebesmaschine N.Y.C.“ eine Liebeserklärung der gebürtigen Österreicherin Andrea Gill. Die ist im tiefsten Herzen New Yorkerin.

Und sie ist Exhibitionistin, denn sie lässt jeden daran teilhaben. In neunzehn Geschichten gesteht sie ihre Liebe zu New York und den Menschen, die darin leben, die New York für sie – und in der Endkonsequenz auch für den Leser – so erlebenswert macht.

Das Buch in Worte zu fassen, ist schwierig. Denn es sind ausnahmslos sehr persönliche Eindrücke und Erfahrungen, die den Leser erst verstören und dann nach und nach in Beschlag nehmen.

„Liebesmaschine N.Y.C.“ ist kein Reisebuch. Man kann die Erlebnisse nicht nachstellen. Die Weg ablaufen ist ebenso unmöglich wie die Erfahrungen der Autorin noch einmal auf sich wirken lassen. Jeder muss New York selbst erobern. Andrea Grill gibt in diesem kleinen, edlen Buch „nur“ wieder.

Ein Urteil muss sich der Leser selber bilden. Andrea Grill urteilt nicht, für sie ist New York Heimat. Ein Heimat, die so anders ist als das beschauliche Österreich. Hier auf dem Granitfelsen zerschleißt man schnell mal in ein paar Tagen seine neuen Schuhe. Den Laufschritt gibt ein unsichtbares und doch immer verfügbares Metronom vor. Ein Schmerz, mal wohltuend, mal ganz er selbst.

„Liebesmaschine N.Y.C.“ ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss. Die 130 Seiten stecken voller Geheimnisse, genau wie New York. Sie zu entdecken, ist der eigentliche Auftrag einer Reise. Denn nur so kommt man seiner Sehnsucht nahe. Andrea Grill hat ihre Sehnsucht gestillt. Sie ist angekommen im Big Apple. Wie eine lose Reihe von Episoden beschreibt sie die Faszination der Stadt und wie sie auf sie wirkt. Eine Reise, de süchtig macht. Süchtig nach mehr New York. Süchtig nach mehr Impressionen aus der Feder einer gewissenhaften Aufsaugerin.