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Welt ohne Skrupel

Bei dem Namen Klinger muss jeder Fenrsehserienfan erst einmal schmunzeln. Das ist doch der auch „MASH“, der sich mit allerlei Dummheiten um den Militärdienst drücken wollte. So einer ist dieser Klinger hier nicht. Ein Schlitzohr. Ein ausgemergelter Kleinganove, dessen „Einkünfte“ immer nur bis zur nächsten miete reichen … sollen. Eine Lebensplanung für ihn zu erstellen, scheitert an nicht vorhandener Bereitschaft.

Gerade eben hat er mit seinem Kumpel Chainbang wieder ein Ding gedreht, da schleudert es seine Karre, einen Miata, in Europa als Mazda MX-5 bekannt, gegen einen Laternenmast. Zu blöd nur, dass ein paar Block weiter die Feuerwehr von San Francisco stationiert ist. Sobald erklingt auch schon das Tatütata der Sirenen. Das können Klinger und Chainbang momentan überhaupt nicht vertragen. Zum Einen brummt ihnen der Schädel, auch wenn Chanbang den geöffneten Airbag mit einem Messer durchstochen hat (der Vergleich mit dem Pitbull, der durch einen Kindergarten rennt, fesselt den Leser ratzfatz an den Krimi und lässt ihn bis zum Schluss nicht mehr los). Zum Anderen liegt im Wagen auch noch die Beute. Und das Tatwerkzeug.  Klinger macht sich aus dem Staub. Chainbang hat weniger flinke Füße und demzufolge Glück. Und schon bald hat Klinger auch ein Smartphone. So was braucht er sonst nicht. Einen (und noch einen und noch einen und …) Whiskey hat er schon eher nötig.

Ach ja, im Kopfrechnen ist Klinger ein Ass. Besonders, wenn an die Ziffernfolgen ein Dollarzeichen angehängt ist. Im Handumdrehen kann er Gewinnmarchen und Beteiligungen ausrechnen. Gehört wohl zum Handwerk eines Kleinkriminellen. Das erwähnte Smartphone soll Klingers kleine Welt jedoch gehörig durcheinanderwirbeln. Denn jetzt winkt die große Kohle. Ein App-Entwickler verdient sich mit seinen Fähigkeiten schnell mal eine goldene Nase – so viel kann Klinger schon mal ausrechnen. Und Marci – nicht minder durchtrieben wie Klinger, im Zweifelsfall um Längen gerissener und skrupelloser, weiß wie man auch ohne großen Aufwand sich ein Stück vom appetitlichen Geldkuchen etwas abschneiden kann. Klinger ist für sie ein williges und naives Werkzeug. Doch mit seiner Chuzpe hat sie nicht gerechnet.

Jim Nisbet knallt dem Leser eine Geschichte vor die Augen, die vor augenscheinlicher Brisanz nur so funkelt. Hier gibt es kein Versteckspiel, kein Sich-Hinter-Regeln-Verstecken, hier wird Klartext gesprochen und nicht minder offen gehandelt. Klinger ist kein Dummer. Auch ist es nicht die schiere Gier nach Geld, die ihn antreibt. Er hasst das System, und findet Gefallen daran es nach Schlupflöchern zu durchsuchen. Mal stolpert er, mal knallt er der Länge nach hin. Doch Liegenbleiben kommt für ihn nicht in Frage.

Willnot

Wer ist Willnot? Will er einfach nicht mehr und setzt allem ein grausames Ende? Nein, die Frage muss lauten: Was ist Willnot? Willnot liegt irgendwo im Nirgendwo der USA. Kein Redneck-Country, in dem auf alles angelegt wird, was keine Latzhose trägt. Vielmehr ein Ort, in dem man viel Zeit hat nachzudenken. Abwechslung Fehlanzeige. Bis, ja bis eines Tages in einer Grube Leichen gefunden werden. Der Arzt Lamar Hale wird gerufen, es könnte ja sein, dass es hier noch was zu tun gibt. Nicht für ihn, für ein Spezialteam von Ermittlern dafür umso mehr.

Für Lamar Hale einmal mehr Anlass nachzugrübeln, Parallelen zu ziehen, sein eigenes Leben in Abschnitten Revue passieren zu lassen. Und wie es der Zufall will, bleibt es nicht dabei. Brandon Lowndes steht unversehens vor bzw. hinter ihm. Kennt er ihn noch? Weiß er, wer er ist? Ja! Nur zu gut. Brandon war einmal Patient bei ihm. Ist nun auf der Durchreise. Oder so was in der Art. Eine seltsame Begegnung. So schnell und emotionslos sie begann, so schnell und emotionslos ist sie auch schon zu Ende. Typisch Willnot. Kaum hier, will man auch schon wieder weg.

Die Eigenartigkeiten nehmen kein Ende. Auch das FBI ist auf den unauffälligen Ort aufmerksam geworden. Das FBI in Person von Agent Theodora Odgen. Wenn irgendwo (im Nirgendwo) eine Grube mit Leichen gefunden wird, sind die Schlapphüte, die schon lange nicht mehr getragen werden, nicht weit weg. Doch Agent Ogden ist nicht an dem Massengrab interessiert. Ein Brandon Lowndes ist das Ziel ihrer Fragen. Hale antwortet pflicht- und wahrheitsgemäß, was er weiß. Brandon war Patient bei ihm, ist auf der Durchreise und wird von den meisten nun Bobby genannt. Mehr kann er ihr nicht liefern. Ist halt so, in Willnot.

Sie weiß mehr über Brandon, der nun Bobby genannt werden will. Elitekiller, gutes Auge, ruhiger Abzug. Kriegseinsatz. Und fahnenflüchtig. Hat er was mit der Grube zu tun? Nicht als Täter, sondern als … ja als was eigentlich? Brandon taucht wieder auf. Freude darüber empfindet niemand. Denn Bobby, also Brandon, liegt im Krankenhaus. Schussverletzung. In den Rücken. Und da man in Willnot ist, passiert was? Brandon verschwindet wieder. Alles mysteriös ohne dabei Geister zu beschwören. Die einzigen Geister, die hier in Unwesen treiben, sind die Geister der Vergangenheit, die den Doc und alle um ihn herum ab und zu mal piesacken. Alles nicht so dramatisch.

James Sallis beschreibt in unnachahmlicher Art und Weise einen Ort, den man schlecht einordnen kann. Soll man ihn meiden? Warum? Alles ist friedlich. Die Grube? Ja, die könnte einem schon Angst einjagen. Aber so richtig greifbar ist die Gefahr nicht. Der Schleier des Verborgenen, des noir hüllt Willnot in ein dichtes Geflecht aus Ungesehenem, Unhörbarem und unstillbarer Neugier. Je weiter man in den Roman vordringt, desto konfuser wird das ohnehin nur spärlich brennende Licht der Erkenntnis. James Sallis trat (s)ein schweres Erbe von „Driver“ an. Mit „Willnot“ ist er fulminant zurückgekehrt auf die Bühne der Autoren, die ihr Geschichte zwischen den Zeilen erzählen. Wer nicht schon auf Seite Zwei erfahren will, wer wem warum den Garaus gemacht hat, wird in „Willnot“ ein düsteres Spektakel vorfinden, das keinen Vergleich scheuen braucht. Einzigartig!

Kulinarische Reise mit Mirko Reeh – Philadelphia

Schon beim bloßen Erwähnen der Stadt Philadelphia gibt es nicht wenige, die eine kleine Melodie unter den Namen der Stadt legen. Die Werbung macht’s möglich!

Bevor Koch Mirko Reeh seine Nase in die Kochtöpfe der Stadt der brüderlichen Liebe steckt, macht er mit dem Leser einen kleinen Rundgang durch die Stadt, ihre Geschichte und zeigt, was die Stadt so einzigartig macht. Hier wurde die amerikanische Verfassung geschrieben und hier wird dieses hohe Gut immer noch hochgehalten. Philadelphia ist sicherlich eine der europäischten Städte auf dem amerikanischen Kontinent. Das spiegelt sich auch in der Küche wider. Dass man während der Philly Beer Week in Juni nicht unbedingt Cola oder Table Water beim Kellner bestellen sollte, versteht sich von selbst. Wer jedoch einen warmen Batzen Emmentaler oder Gouda erwartet, wenn er eine Cheesesteak bestellt, bekommt große Augen, wenn sich vor ihm ein Riesensandwich auftut. „Wiz Wit“ bedeutet, dass zwiebeln auf dem Fleisch liegen, wer’s nicht mag, bestellt sein Cheesesteak „Wiz Wit-Out“. Gleichzeitig outet man sich nicht sofort als Touri, der zwanghaft nur das Typische aus Pfannen und Töpfen ordert. Wenn man sich doch derart hervortun will, gibt es keine Ausrede 4300 Silverwood Street zu meiden. Pretzel vor der Silberbrezel – so viel sei verraten.

Und noch eine Besonderheit in Sachen Gaumenfreude bietet die Stadt. Hier gibt es – wegen der strikten Auflagen für den Alkoholausschank – BYOB-Restaurants. Bring You Own Beer bzw. Bring Your Own Bottle. Ja, wer nicht auf Alkohol zum Dinner verzichten will, bringt sein eigenes Getränk mit. Und ein paar Dollar Korkgeld sollte man auch einstecken.

Hat man diese Besonderheiten als gegeben hingenommen, fordert Mirko Reeh den Leser nun zum Tanz auf den heißen Kochplatten auf. Scrapple. Kein Schreibfehler, weil kein Buchstabenrätsel. Die Amish aus der Countryside Philadelphias haben dieses außergewöhnliche Rezept in die Stadt getragen. Maismehl undSchweinfleisch werden vermengt, in Scheiben gepresst und gebraten. Schon zum Frühstück eine deftige Variante.

Ebenfalls auf die Hand lassen sich Amish Donuts mit Nüssen und Rosinen leicht und schnell vertilgen. Als musikalischen Abschluss (dieser Aufzählung, nicht eines Dinners) wird einem Meat Loaf vorgesetzt. Nicht der Sänger, sondern – hier nur die Zutaten – Kalbfleisch, Basilikum, Rosmarin, Thymian, geriebener Käse, Eier, Zucchini, Paprikaschoten, Zwiebel, Mais, Öl, Salz, Pfeffer und Butter. Bis auf den Mais würde man bei dieser Einkaufsliste wohl kaum ein typisch amerikanisches Gericht erwarten, oder?!

Philadelphia ist anders als viele Städte der USA. So auch die Küche. Mirko Reeh arbeitet mit viel Liebe zum Detail die Besonderheiten dieser Küche heraus und serviert dem Leser ein reichhaltiges wie abwechslungsreiches Menü, das man sich allen Sinnen schmecken lassen sollte.

Kulinarische Reise mit Mirko Reeh – Illinois

Da schlendert man so vor sich durch die Buchhandlung seiner Wahl. Lässt die Finger über die Bücher fahren. Bayrische Küche – Knödel und Schweinsbraten. Schwäbische Küche – Spätzle, Knöpfle und Co. Italienische Küche – Pasta in allen Variationen. Illinois – äh, ja, was hat es denn Illinois in den USA zu bieten? Auf Anhieb fällt da wohl kaum jemanden etwas Passendes ein. Chicago kennt man. Dass die Hauptstadt Springfield heißt, nein hier wohnen nicht die Simpsons, wissen nur wenige. Doch es gibt ja Mirko Reeh. Der kann kochen und war schon in Illinois. Und in seinem Buch über seine kulinarische Reise in den Präriestaat findet wirklich jeder etwas, das er gern einmal seinen Gästen kredenzen wird.

Die Küche von Illinois ist keine Küche mit besonderen Kreationen, die es ausnahmslos nur vor Ort gibt. Vielmehr hat man sich im Laufe bei anderen Küchen bedient und eigene Variationen entwickelt. Keine Angst, dass man in Chicago einen Blaue-Bohnen-Salat vorgesetzt bekommt. Die Zeiten von Al Capone sind vorbei. Doch eine Deep Dish Pizza wird man außerhalb des Staates kaum bekommen. Es ist eine besonders dicke Pizza, die in mehreren Lagen belegt wird. Der Teig bildet eine Schale, in die die Zutaten gegeben werden. Zum Schluss die Tomatensauce. Also alles in umgekehrter Reihenfolge. Und ein Chicago Style Hot Dog wird im Mohnbrötchen mit Senf und Selleriesalz, und einem quietschgrünen Relish serviert. Mirko Reeh empfiehlt nur denjenigen nach Ketchup zu fragen, die sich ungeniert als Touris zu erkennen geben wollen. Noch mehr Illinois Kitchen Style gefällig? Wie wäre es mit Datteln? Datteln in den USA, in Illinois? Ja, im Speckmantel und Mangochutney, oft auch mit einer Mandel und Chorizowurst. Klingt erst einmal ziemlich wüst. Schmeckt aber, wenn man es einmal ausprobiert hat. Und es beweist, dass die Küche des Staates Illinois bunt ist und seine Wurzeln überall auf der Welt hat.

Wie alle Bücher von Mirko Reeh ist auch dieses Buch kein reines Kochbuch, das man ab und zu aus dem Regal holt, ein bisschen darin herumblättert bis man das Richtige für den passenden Anlass gefunden hat. Ein bisschen Reiseband, ein bisschen Kultur und ganz viel Magenknurren beim Überfliegen der Seiten. Die Zutaten sind auch hierzulande leicht und zu einem erschwinglichen Preis erhältlich. Zum Beispiel für eine Risotto mit gerauchtem Kürbis und Bacon. Wer Eindruck machen will, probiert mal eine Suppe von Cherrytomaten mit gewürztem Popcorn oder Garnelen mit Knoblauch und Pernod. Und wer dann immer noch nicht genug hat, der bucht einfach seinen nächsten Urlaub zwischen Michigan-See und Mississippi.

Kulinarische Reise durch Louisiana

Wer gern reist, ist offen für Neues. Und wenn man es sich so richtig gut gehen ließ, ist man nicht abgeneigt, seinen Enthusiasmus mit anderen zu teilen. Mirko Reeh ist Koch. Und er reist gern. Ein kulinarischer Reisender mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Kein Wunder, wenn man Louisiana im Süden der USA bereist und immer der Nase nach sich von Ort zu Ort bewegt.

Mit Unterstützung des Tourismusbüros Louisiana hat er sich auf die Suche gemacht, um den Geschmack des so untypisch amerikanischen Bundesstaates auf die Spur zu kommen. Hier ist alles ein bisschen schärfer, oft auch ein bisschen süßer als daheim. Und da man im Urlaub ist, ist es auch ein bisschen leckerer. Nicht nur ein bisschen! Einen großen Biss leckerer!

Seit Forrest Gump kennen Millionen von Nichtamerikanern auch die Jambalaya. Es einfach nur als Resteverwertung zu bezeichnen, wäre ein Affront gegen jeden Jambalaya-Koch auf dieser Welt. Fleisch und Wurst (Chorizo) anbraten, dazu Gemüse geben und mit Reis kochen. So die Kurzfassung. Schon anhand dieser kurzen Aufzählung sieht man, dass in Louisiana nicht ein Volk die Küche bestimmt, sondern ein ganzer Schmelztiegel – hier passt das Wort endlich einmal – am verzaubern ist. Die Spanier waren die ersten, die den Ureinwohnern ihr Gebiet streitig machten. Dann die Franzosen. 1803 kaufte Präsident Thomas Jefferson Napoleon das Gebiet für fünfzehn Millionen Dollar ab.

Heute ist Louisiana doppelt so groß wie Bayern, zählt aber nur halb so viele Einwohner. Das Land eignet(e) sich nur schwer als Bauland. Und so konnte hier eine Landschaft gedeihen, die man andernorts lange suchen muss. Olfaktorisch und gaumenfreundlicherseits (gibt es dieses Wort überhaupt, nein … aber ein Happen genügt, um zu wissen, was er bedeuten könnte) ist Louisiana ein Unikum auf der Landkarte. Hier strömen nicht nur Einflüsse aus mehreren Ländern, sondern gleich von mehreren Kontinenten zusammen. Da kann vermutlich nur noch Australien, die ehemalige Häftlingskolonie mithalten. Das Feurige aus Afrika und der Karibik. Mehl und Zucker aus der alten Welt. Gewürze und Gemüse vom seit Ewigkeiten hier ansässigen regionalen Anbieter.

Mirko Reeh will aber mit seinem Buch nicht nur Rezepte anbieten. Seine kulinarische Reise führt den Leser durch eine Gegend, die mit ihren Reizen nicht geizt. Aber als leidenschaftlicher Koch sieht er nicht nur mit den Augen, sondern auch mit Nase und Magen. Klingt komisch, ist aber so! Als zusätzlicher Reiseband für all diejenigen, die immer noch ein wenig mit fremden Küchen fremdeln, gibt dieses Buch Hilfestellung bei Magenknurren. Die Rezepte sind einfach nachzukochen (Kochzeit wird immer angegeben), da die Zutaten an die heimatlichen Warenkörbe angepasst sind. Doch Vorsicht, Reisefieber kann man nur mit viel Liebe zum Kochen entgegnen. Und dafür braucht man kein Rezept vom Doc, sondern die Rezepte aus diesem Buch.

USA Südwesten und Kalifornien

Sich den Wind um die Nase wehen lassen, Grenzen im flirrenden Licht des Horizonts verschwimmen lassen, das Auge einen wahren Sinnesrausch erfahren lassen – auf eigene Faust durch den Südwesten der USA zu reisen nimmt man gern als Synonym für echte Freiheit. Individuelles Reisen auf dem höchsten Niveau und Entspannung mit dem allerhöchsten Lerngehalt. Das mag stimmen, wenn man nicht gerade Reisebuchautor ist. Autor Volker Feser lag die Planung und die Umsetzung dieses Buches sehr am Herzen. Jahrelang (!) ist von San Francisco nach Phoenix, von San Jose nach Las Vegas, von El Paso ach Fresno, von … immer wieder kreuz und quer durch Nevada, die Sierra Nevada, Südutah, New Mexico, Arizona und Südkalifornien gereist, um die Plätze zu finden, die den amerikanischen Südwesten zum Abenteuerspielplatz für alle Altersklassen machen.

Neunhundertzwölf Seiten sind das Extrakt von zahllosen Reisen. Und die stehen nun endlich den Pionieren der Neuzeit zur Verfügung.

Steht also fest, dass der Südwesten das Ziel der Sehnsucht nach Erholung und Sinnesrausch (im positiven Sinne) ist, gibt es nur noch eine Suche: Die nach dem richtigen Reiseband. Die Suche hat ein Ende, hat man diesen hier gefunden. Nun muss man sich nur noch durch neunhundert Seiten durcharbeiten und schon kann’s losgehen! Ja, neunhundert Seiten liest man nicht eben mal schnell durch, um den Werbeblock des Abendkrimis zu überbrücken. Für dieses Buch muss man sich Zeit nehmen. Nicht allein wegen des Umfanges. Sondern wegen der jederzeit brauchbaren Tipps, die Volker Feser übersichtlich und nachvollziehbar dem Reisenden präsentiert. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie dem Yosemite-Nationalspark (kennt jemand ein Impressum, in dem mehr als ein Schlagwort mit einem Y steht?, hier sind es gleich sechs) stehen Aktivitäten wie Radfahren im Sand Flats Recreation Area, einem der ungewöhnlichsten und abwechslungsreichsten Kurse weltweit auf dem Plan. Oder doch lieber Hollywood? Oder die Route 66 entlang? Oder im Hualapai Indian Reservation der Diamond Creek Road folgen die Augen funkeln lassen? Oder dann doch lieber Walter White (der „Koch“ aus der Serie „Breaking Bad“) noch einmal auferstehen lassen?

Zur Einstimmung sollte man das Buch am Ende beginnen. Auf rund einhundertfünfzig Seiten wird diese sonnenverwöhnte Gegend umfassend von Volker Feser vorgestellt. Da er nachweislich nicht nur Internetdatenbanken durchforstet hat, sondern tatsächlich vor Ort recherchierte, um die Routen zusammenzustellen und – als Entspannung beim Lesen unerlässlich – die farbigen Kästen mit Hintergrundinformationen, die in keinem anderen Buch stehen, zu füllen.

Das komplette Buch „zu bereisen“, bedarf eines wirklichen langen Urlaubs. Wer sich abseits der Massenströme unter dem blauen Himmel des Südens die schönste Zeit des Jahres bescheren will, hat nur eine Wahl: Dieses Buch als gefährlich gutes Reisegepäck im Handgepäck mitzuführen und schon auf dem Hinflug erste Reisefieberattacken über sich ergehen zu lassen.

Rundreise USA Nationalparks Südwesten

Da soll nochmal jemand behaupten, dass man in der Zivilisation keine echten Abenteuer erleben kann! Mit dem Auto durch naturgewaltige Landschaften cruisen, im Schatten von Natural Bridges rasten, mitten in der Wüste einen Staudamm entdecken. Das geht! Und zwar im Südwesten der USA.

Eines gleich vorweg: Die in diesem Buch beschrieben Routen kann niemand in einem Jahresurlaub nacheinander erleben! Es sind einfach zu viele. Deshalb ist eine sorgfältige Planung vor der Reise unerlässlich. Und mit diesem Buch ein Fingerschnipp!

Schon allein die Routen befeuern das Reisefieber gewaltig: Von Las Vegas bis zum Grand Canyon South Rim, und zurück über die Route 66. Oder einmal um den Salt Lake. Oder vom Zion zum Bryce Canyon National Park. Jede Route ist mit einer anderen kombinierbar und dauert bis zu fünf Tagen.

Die Empfehlungen der Autorin Marion Landwehr erstrecken sich aber nicht nur auf das Links und rechts der Strecke, sondern sind Wegweiser für jedermann. Ob mit Kind und Kegel, allein, Wandergeselle oder Fotoholic – alle kommen auf ihre Kosten. Schon vor Beginn der Reise, gerade wenn man sich von den zahlreichen imposanten Abbildungen verführen lässt.

Zur Einstimmung – die Autorin lässt gar keinen Zweifel aufkommen – wird der Leser mit Land und Leuten auf sympathische Art und Weise in Kontakt gebracht. Denn so sehr wir uns an amerikanische Produkte gewöhnt haben, so unterschiedlich sind doch kulturellen Unterschiede im Allgemeinen. Beherzigt man die Ratschläge der Autorin, steht einem Naturerlebnis erster Güte nichts mehr im Weg.

Dinosaurierspuren, wie mit dem Rechen gezogene Felsoberflächen oder locker geschichtet wirkende Felsformationen sind so einzigartig, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Und jede Seite im Buch ist mindestens einen Stopp wert. Nevada, Utah, Arizona, New Mexico und Colorado geizen nicht mit ihren Schönheiten. Da wäre es doch schade, wenn einem das eine oder andere Highlight, dass so „great“ in der Weltgeschichte „rumsteht“ durch die Lappen geht.

Marion Landwehr streicht auch die letzten Ausreden („Da war keine Zeit für“ oder „Davon habe ich noch nie gehört“) aus dem traurigen Repertoire der Enttäuschten. Umfassend, informativ, abenteuerlustig und immer wieder brauchbar ist ihre „Rundreise USA Nationalparks Südwesten“.

Tod in Connecticut

Nolya Noyes sitzt auf einer Bank und schaut dem Schneetreiben zu. Doch es ist nicht still um sie herum. Sie steht im Mittelpunkt. Das gefiel ihr bisher immer ganz gut. Doch dieses Mal ist alles anders. Denn die Bank, auf der sie sitzt, ist eine Anklagebank. Sie wird verdächtigt einen Mord begangen zu haben. Robert Brandon wurde ermordet. Oder hat er sich doch selbst gerichtet?

Nolya ist mit ihren 25 Jahren das enfant terrible der New Yorker High Society. Konventionen sind für die anderen da. Sie ist unglücklich verliebt. In Arthur Raymond. Der auch in sie. Die Sache hat nur einen Haken. Arthur ist immer noch mit Betty verheiratet. Und Arthurs Vater Melville, ein schlitzohriger Anwalt sieht die Liaison zwischen seinem Sohn und der lotterhaften Nolya überhaupt nicht gern. Ja, er verabscheut die reiche Göre, die noch nie in ihrem jungen Leben einen Finger krümmen musste.

Robert Brandon, Sohn eines engen Freundes von Melville Raymond ist bis über beide Ohren verknallt in Nolya. Er unterliegt ihrer rebellischen Art und fühlt sich derart stark zu ihr hingezogen, dass er pausenlos versucht sie zu beeindrucken. Doch mit seinen kindischen Aktionen erntet er mehr müdes Lächeln als Bewunderung.

Am Silvesterabend will Nolya die Gelegenheit nutzen, um mit Arthur reinen Tisch zu machen. Sie ist es sich und vor allem ihm schuldig. Ein harter Schnitt mit leichten Blessuren ist ihr allemal lieber als eine ewig klaffende Wunde. Doch der Versuch scheitert kläglich. Im Zimmer befinden sich Arthur, Nolya und der ungestüme Bobby Brandon. Bobby beleidigt Arthur aufs Heftigste. Dann fällt ein Schuss und Bobby liegt in seinem Blut. Was ist passiert? Wer hat geschossen? Wieso hält der Linkshänder Bobby die Tatwaffe in seiner rechten Hand? Nolya nimmt die Schuld auf sich. Für sie ist es der Ausweg aus einer ausweglosen Situation. Doch der Weg in die innere Befreiung ist ihr versperrt worden. Zu viele Ohren, zu viel Zeugen. Einzig das Tribunal kann, so grotesk es erscheinen mag, ihr diesen Weg ebnen.

Wilson Collison portraitiert einmal mehr –wie schon in „Die Nacht mit Nancy“ eine Frau, die die Gesellschaft liebt, die von der Gesellschaft geliebt wird, ihre Regeln jedoch mit ihren zarten Füßchen in den glitzernden Pumps tritt. Sie weiß nicht wie man sich einfügt, ist jedoch elementarer Bestandteil dessen, was sie im Tiefsten ihres Herzen verabscheut. Ein Ende mit Schrecken ist in ihren Augen der beste Ausweg als der sprichwörtliche Schrecken ohne Ende. Sie versucht – schließlich ist sie eine Rebellin, das wird ihr immer wieder gesagt, bis sie es selbst glaubt – sich selbst ihrer Rebellion in den Weg zu stellen, in dem sie anfängt die Regeln der Gesellschaft zu beachten. Sie will einen vernünftigen Weg wählen, um der Misere ihrer chancenlosen Liebe zu entkommen. Doch auch dieser Weg ist steinig und führt mitten in die Katastrophe. Aber wer weiß, vielleicht hält das Schicksal doch ein happy end für die rastlose Nolya parat?

Desperation road

Drogen und Prostitution – zwei Dinge, die sich bedingen, um das Dritte im Bunde – das Leben ertragen zu können. Diese hohle, und zudem absolut falsche Phrase, würde Maben nicht einmal mehr ein müdes Lächeln abgewinnen. Sie und ihre Tochter Annalee sind in Mississippi auf dem Weg in ein neues Leben. Die Habseligkeiten in einem Müllsack hecheln sie einer Stadt entgegen, in der ein Frauenhaus und ein Job nicht gerade auf sie warten, aber Linderung des Schicksals verspricht.

Russell Gaines ist auch auf dem Weg. Dem Weg nach Hause. Endlich. Wieder. Endlich wieder nach Hause. Elf Jahre konnte er diesen Weg nicht antreten. Die Gefängnismauern hielten ihn im Würgegriff. Zuhause warten sein Vater und eine Hausangestellte nicht auf ihn. Aber sie sind da. Genauso wie die Feinde von einst in Gestalt der beiden übersichtlich intellektuellen Brüderpaares Walt und Larry. Russell soll gleich spüren, dass er hier nicht willkommen ist.

Zwei Menschen auf dem Weg aus dem seelischen Nichts hinein ins Licht, das sie doch noch zu sehr blendet als dass sie seine Schönheit wahrnehmen können.

Mabens Martyrium begann vor Jahren als sie mit ansehen musste wie ihr Freund bei einem Autounfall ums Leben kam. Von da an ging alles bergab. Im Frauenhaus kann sie endlich durchatmen. Annalee wird liebevoll betreut während sie in einem Diner für Ordnung und Sauberkeit sorgt. Doch leider finden die Angestellten des Frauenhauses eine Pistole in Mabens Klamottensack. Die bekommt zufällig mit, dass die Polizei gerufen und wird gerät in Panik. Sie stiehlt die Waffe, hält sie einem Autofahrer an die Wange und flüchtet. Raus hier, irgendwo hin! Sie Pistole hat sie einem Polizisten abgenommen, der seiner Macht freien Lauf ließ und Maben vergewaltigte. Aus Notwehr erschoss sie ihn.

In derselben Nacht wird Russell angehalten. Zum Glück für ihn erkennt ihn der Deputy sofort. Denn Russell hat eine geladene Waffe bei sich, leere Bierfalsche im Fond, und sein Führerschein ist seit Jahren abgelaufen. Drei Dinge, die ein gerade aus dem Strafvollzug Entlassener nicht vorweisen sollte. Gnade vor Recht. Russell kommt noch einmal davon. Jetzt hält ihm eine aufgebrachte Frau einen Revolver an die Wange.

Michael Farris Smith lässt hier drei Lebenswege kreuzen bzw. aufeinander knallen, die erst am Ende des Buches klar werden. Maben ist eigentlich am Ende ihres Weges. Nur Annalee lässt sie den steinigen Pfad weiter beschreiten. Larry und Walt kennen nur Hass auf den Kerl, der ihrem Sohn und Neffen die Zukunft nahm. Und Russell will nur eines: Leben. Er hat gebüßt. Doch der Strudel der Ereignisse lässt ihn nicht los. Immer tiefer zieht es ihn in einen Abgrund, den er nicht kommen sehen konnte. Die in jeder Silbe aufbrechende Sympathie für Maben und Russell lässt den Leser als Gefangenen der Worte nicht mehr los. Die Wucht der Worte hinterlässt tiefe Striemen im Herzen des Lesers, der sich diese Wunden immer wieder genüsslich leckt.

Wer die Nachtigall stört – Graphic Novel

Es gibt (hoffentlich!) keinen besseren Zeitpunkt dieses Buch noch einmal zu veröffentlichen! In einer Zeit, in der Mächtige dem Kleingeist selbst in humanistischen Gesellschaften Brot wie süßen Kuchen vorwerfen, und in denen die Kleingeister ihre Angst legitimiert mit Hass freien Lauf lassen. „Wer die Nachtigall stört…“ als Graphic novel – ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass man nur mit Bildern kleingeistigem Hassgeschwafel entgegentreten kann. Nein, diese graphic novel ist ein weiterer Baustein im Gebilde der antirassistischen Literatur.

Scout und ihr Bruder Jem verbringen zusammen mit Dill, der den Sommer über bei seiner Tante verbringt (unverkennbar der blässliche Truman Capote), einen unbeschwerten Sommer. Bis Atticus Finch, der Vater von Scout und Jem einen Schwarzen vor Gericht verteidigt, der ein (weißes!) Mädchen vergewaltigt haben soll. Die Stimmung hier im Süden der USA ist eindeutig: Der Nigger war’s! Das Schimpfwort wird von Harper Lee bewusst verwendet, da es elementar die Stimmung der Zeit und des Ortes wiedergibt. So sehr sich der Gerechtigkeitsfanatiker Atticus auch bemüht, die Stimmung will und will nicht kippen.

Atticus‘ neugierige Kinder, Scout ganz besonders, werden auf unliebsame Weise in den Prozess hineingezogen. Die Unbeschwertheit eines Sommers wird ihr ganzes Leben verändern. So wie dieses Buch Generationen von Lesern beeinflusst hat und es in Zukunft hoffentlich noch tun wird.

Der Roman erschien vor über fünfzig Jahren zum ersten Mal, kurze Zeit später auch schon auf Deutsch. 2018 ist das Jahr, in dem der Geschichte eine weitere hinzugefügt werden kann.

Diesen unbestrittenen Klassiker als graphic novel zu veröffentlichen, birgt die Gefahr der Vereinfachung und der Seichtheit in sich. Denn dem Leser könnte die Phantasie verengt werden. Fred Fordham gelingt es meisterhaft dieser Verschlichtung mit jedem Strich entgegenzuwirken. Die stimmungsvolle Unschuld kindlichen Daseins in kräftigen Farben, die schreckliche Vorverurteilung aufgrund der Hautfarbe in düsteren Farben vermitteln von Anfang an die Stimmung, die Harper Lee in ihrem preisgekrönten Werk (Pulitzerpreis 1961) vermitteln wollte. Wer meint, dass er das Werk verinnerlicht hat, weil der die Verfilmung (u.a. Oscar für Gregory Peck als Atticus Finch) als ultimative Inszenierung ansieht, kommt beim Lesen dieser Ausgabe ins Grübeln. Der eigenen Phantasie, die beim Lesen einsetzt, wird hier lediglich ein wenig auf die Sprünge geholfen. Keine Spur von Verfremdung oder gar Verfälschung. „Wer die Nachtigall stört…“ bekommt Familienzuwachs auf höchstem künstlerischem Niveau.