Archiv der Kategorie: aus-erlesen USA

Krumme Type, krumme Type

Eine vom Staub geschwängerte Luft, das Auge kann gar nicht so weit schauen wie es die Landschaft hergibt, und eine unbarmherzige Hitze – das ist die Heimat von Larry Ott. Chabot, Mississippi. Sein Traktor schnurrt, die vom Vater geerbte Werkstatt siecht dahin und der Briefkasten birgt auch nur wenig Abwechslung – Larrys Leben ist trostlos. Seit damals, als Cindy Walker verschwand und er der einzige Verdächtige war. Und man ihm nichts nachweisen konnte. Seitdem, ja seitdem ist Larry Ott der einsamste Mensch auf Erden. Ab und zu kommt die Polizei in Person von French vorbei. In letzter Zeit wieder häufiger. Tina Ruhterford, neunzehn Jahre jung und die Tochter des Mannes, dem hier im Umkreis von endlosen Meilen jeder Grashalm, und sei er noch so verdorrt, gehört. Klar, dass Larry suspect #1 ist. Er versteht das, lässt French seine Arbeit tun.

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Cindy Walker verschwand. Larry und Cindy wollten ins Kino fahren. Larrys Vater, der bis dahin ihm entweder lediglich die Hand reichte oder die Faust ins Gesicht schlug, steuerte sogar Fahrzeug und ‘nen Zwanziger bei. Ihr Stiefvater nahm sich Larry gehörig zur Brust. Larry sei der einzige, mit dem er die „kleine Hure“ ausgehen ließ. Und wehe er stelle irgendwas mit ihr an. Dann … Kaum im Auto wird aus dem braven Mädchen von nebenan ein Wildfang. Doch die erhoffte wilde Knutscherei gerät zum Desaster. Sie wolle gar nicht ins Kino. Hatte sie nie vor. Vielmehr will sie zu ihrem Freund. Und der Abend mit Larry ist nur ein Vorwand. Sie ist nämlich schwanger und müsse nun einiges besprechen. Nach dem Kino könne Larry sie ja wieder abholen, so dass es für alle, die nichts von ihrem Schicksale wissen dürfen, es so aussähe als hätte sie einen vergnügten Abend mit dem Jungen von nebenan verbracht. Ein genialer Plan – wenn er denn funktioniert hätte. Denn Cindy ist auf einmal verschwunden.

Genauso wie der schwarze Junge, mit dem Larry sein ein paar Jahren befreundet ist. Silas. Im Staat Mississippi Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre immer noch ein Ereignis, über das man sich allenorts das Maul zerfetzt.

Tja, heute ist Silas Polizist und Larry hat das Damals verdrängt.

Tom Franklin kreiert ein Panoptikum der Archetypen. Väter, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Verschüchterte Kinder, die ihr Schicksal mit durchs Leben schleifen wie Schröder seine Schmusedecke und über allem der Schleier der Vergangenheit. So stickig die Luft in Chabot, Mississippi, so schäbig das, was dort hinter verschlossenen Türen geschah und immer noch geschieht. Die Geister der Vergangenheit kriechen aus ihrem Asyl hervor und verwandeln das sich dem Fortschritt verweigernde stille Örtchen in eine Kloake der Widerwärtigkeit. Ein frischer Wind würde hier wie da guttun.

Und dieser kommt getarnt als Zugluft im Sog einer Kugel geflogen, die Larry trifft. Eine zweite „Frischluft“-Kugel trifft Wallace Stringfellow, der sich auffallend aufdringlich zeigt und Larrys Freundschaft erzwingen will. Das dritte laue Lüftchen wird durch den Schwanz einer Schlange in einem Briefkasten durch den Ort gejagt. Doch das ist alles nichts gegen die Vergangenheit von Larry und Silas…

Die Nacht mit Nancy

Etwas oder jemanden nach seinem Äußeren zu bewerten, gehört sich nicht. Mit dieser Wohlerzogenheit streift man nun durch eine gut sortierte Buchhandlung nach ein wenig Lesestoff, der für Zerstreuung, Aufregung und Erheiterung sorgen soll. Und plötzlich räkelt sich da jemand vor einem, der in der Lage ist all die guten Vorsätze mit einem Blick über Bord zu werfen. Es ist Mrs. Randin. Nancy sollen wir sie nennen. Das zwinkert sie dem Leser zu, und den Beteiligten im Buch haucht sie es entgegen. Ein Figur wie eine Sanduhr. Verlockende Locken. Und das Negligé ist wie von Zauberhand – upps – über die Schulter gerutscht. Niemals eine Person oder ein Buch nach seinem Einband beurteilen!

Dieses Buch ist der einmalige Freifahrtschein, um das Äußere vorerst einmal siegen zu lassen. Denn Wilson Collison füllt die hübsche Hülle mit nicht minder anregendem Inhalt. Es war eine rauschende Ballnacht, zumindest eine Sommerparty, irgendwann in der 30ern des vergangenen Jahrhunderts, irgendwo in den Staaten. Alle haben sich prächtig amüsiert. Die Hausherrin ist bekannt dafür, dass den Gästen, weiblichen wie männlichen – meist beiden gleichzeitig – alle Räume zur Verfügung stehen. Auch deswegen sind die Parties der Hanleys so beliebt.

Doch dieses Mal ist das Ende nicht absehbar. Nicht so, denn ein Gast hat sich dermaßen erschreckt, dass ein markerschütternder Schrei jedwede Art von Heiterkeit im Keim erstickt. Denn Mrs. Randin, ach nennt mich doch Nancy, hatte unerwarteten Besuch im selbstgewählten Morpheus-Asyl. Wer das war, der ihre Stimmbänder derart strapazierte, kann sie beim besten Willen nicht sagen. Und nun sitzt die ganze Partygesellschaft beisammen und versucht in poirot’scher Manier den Unhold herauszufiltern. Jeder der anwesenden Männer könnte ein Motiv gehabt haben. Und alle das Gleiche… Denn Nancy, die einmalig geschiedene Mrs. Randin, hat den Dreh raus wie man bei Männern jeglicher Couleur im Kopf für Verwirrung sorgt. Außerdem ist sie eloquent und gibt auf Fragen nur so viel preis wie sie es für angemessen hält.

Diese Wortspiele auf höchstem Niveau sorgen für Erheiterung, heizen die Spannung an und regen die Hausherrin in besonderem Maße auf. Doch wer war es denn nun, der den Vamp Nancy so glockenhell erschallen ließ? Ganz ehrlich … das interessiert keinen mehr. Nancy ist Nancy, das muss genügen.

Und es genügt auch wirklich sich ihrem Spiel zuzuschauen. Sie ist eine wahre Heldin. Permanent wird sie von allen Seiten beschossen. Solidarität unter Frauen – das kann sie vergessen. Und dass sich der angeklagte Gentleman als solcher seine Maskerade fallen lässt, ist unwahrscheinlich. Allein im Kampf gegen Vorurteile hat sich Nancy ein hartes Fell zugelegt. Und sie verteidigt es mit Charme, Chuzpe und Contenance. Beifall kann sie nur vom Leser erwarten. Und der kommt prompt und lang anhaltend.

Dante Baby, das Inferno ist da!

„Ich saz uf eime Steine und dahte Bein mit Beine“ – Walther von der Vogelweide haben wir dieses mittlerweile geflügelte Wort zu verdanken. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“ – den Anfang von Goethes Osterspaziergang können die meisten zwischen neun und neunzig noch aufsagen. Bei Charles Bukowski hingegen wird es schwierig ein Gedicht zu rezitieren. Oberflächlich betrachtet, darf, ja muss man ihm danken, dass das Deftige dank ihm, dem Literaten, fast schon salonfähig geworden ist.

Wozu ein Blatt vor den Mund nehmen, wenn man es vollkritzeln kann. Und die Blätter sind zum ersten Mal nicht zensiert! Und zum Teil zum ersten Mal auf Deutsch erhältlich. Die Auferstehung einer Ikone.

Die vierundneunzig Gedichte in diesem Band zeigen einen bedrohlichen, vor allem aber einen nachdenklichen Buk. Klar, seine deftigen Ausdrücke sind mehr als das Salz in der Suppe. Sie sind der Sud, der dem Leser Kraft gibt. Und Kraft braucht man, um dieses Buch zu verstehen. Denn knapp einhundert Gedichte  zu lesen – die sich zu allem Überfluss nicht einmal reimen, Scherz! – ist schon eine Mammutaufgabe. Dieses Buch in Dosen zu genießen, ist die hohe Kunst. Doch wie aufhören, wenn jede Zeile nur ein Schritt zur nächsten ist?

„Dante Baby, das Inferno ist da!“ wird Bukisten begeistern und Buk-Einsteigern den Kopf verdrehen. Jahrelang war Charles Bukowski verkannt. Nur in der Undergroundszene war der gefeierte Star. Jahrzehntelang schickte er hunderte Gedichte an Verleger. Die ließen ihn am ausgestreckten Arm verhungern und seine Werke in den Archiven verstauben. Abel Debritto wollte für seine Dissertation diese Staubfänger aus den Klauen der Ignoranz. Dafür reiste er kreuz und quer durch die Staaten. Kiloweise Staub hustete er heraus, um schlussendlich doch dieses Manifest des bitterbösen Humors zusammenstellen zu können.

Das Inferno reitet mit brennenden Schwertern der Sprache direkt ins Herz des Lesers. Es brennt, es schmerz … im Kopf, im Herzen, im Zwerchfell. Und die Zensur muss tatenlos zusehen. Die Gesellschaft wird geroastet. Und der Roastmaster sitzt auf seiner Wolke – ja, Buk hat eine Wolke erhalten und schmort nicht wie gedacht auf dem Grill der Verdammnis – und setzt der Moral mit Blitzen des Zorns zu.

Geradezu milde wirken die Zwischentöne, die sich erst nach und nach zeigen. Hat man sich eingegroovt, ist man also schon mitten im Text, fallen einem die Feinheiten, die philosophischen Gedankengänge auf. Buk war nicht nur der rülpsende, furzende, vögelnde und vor allem saufende Unhold, der seinem Frust mit harter Feder Ausdruck verlieh. Hinter den Ärschen und Whiskeys tritt der Buk hervor, der der Welt die Zunge rausstreckt und sein Image zu pflegen weiß. Wer tiefer gräbt, erkennt warum Buk bis heute so erfolgreich ist.

Dieses Buch ist ein Schlag in die Fresse all derjenigen Mode-Rockstars, die einem mit bis oben zugeknöpftem Hemd jämmerlich talentiert ebenso weinerliche Texte massenkompatibel um die blutenden Ohren wimmern.

Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel

Kurz und knackig soll eine Kurzgeschichte sein. Was so einfach klingt, ist die Königsdisziplin in der Literatur. Wenn die Geschichten dann auch noch für jedermann verständlich sind, die meisten ansprechen und vor allem unterhaltsam sind, ist man der Gott der Literatur. Oder das Arschloch! Wie im Fall von Charles Bukowski.

Er würde in der heutigen Zeit mehr provozieren als Donald Trump. Und vor allem mehr gegen ihn wettern als Robert De Niro. Das wäre ein Spaß. Doch Charles Bukowski ist nicht mehr. Seine Werke jedoch haben bis heute Fans, die dem direktesten aller Schreiber die Treue halten.

Die Sammlung von Kurzgeschichten in diesem Buch könnte man fast als eine Aneinanderreihung von Kapiteln ein und desselben Buches halten. Alles beginnt in Los Angeles, wo er (mal ist es der Autor selbst, mal eine fiktive Person mit einem anderen Namen, die Buk aber in Nichts nachsteht) und Linda leben. Im Portemonnaie herrscht Ebbe. Wie immer. Im Kühlschrank auch. Alles halb so schlimm, wäre nicht auch der Schnapsvorrat auf Diät gesetzt. Was tun? F… Klar, was sonst. Immer wieder, zwei-, drei-, viermal. Bis es nicht mehr geht. Auch wenn Linda sehr geschickt ist.

Die rüde Reise in die befleckten Seiten geht weiter. Tucson, New Orleans, Tijuana, San Diego. Überall dasselbe Bild. Es fehlt an Kohle, um an Stoff zu kommen. Und der Stoff, der da ist, stört nur beim … naja, wobei wohl?!

Schonungslos offen kaputtiert sich Buk durchs Leben. Ist er desillusioniert? Nicht im Geringsten. Das Leben hat ihn angenommen, der Tod reibt sich schon lüstern die Hände. Einen wie ihn hat selbst er noch nicht erlebt. Und der Teufel ist der einzige, der einen ebenbürtigen Gegner neben sich akzeptiert.

Schulden und Wettgewinne sind für die Figuren in den Geschichten zwei getrennte Sachen. Ein Gewinn wird gebührend gefeiert. Schulden nur im äußersten Notfall getilgt. Zum Beispiel dann, wenn der Ladenbesitzer droht nicht mehr anzuschreiben.

Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort, jede Silbe. Sie dringen wie Silberpfeile ins Herz des Lesers. Dort verdampfen sie in wabernden Wolken und setzen sich fest im Gedächtnis fest. Nicht die einzelnen Worte, oder gar Sätze. Es sind Impressionen, die man nie wieder vergessen wird. Wie die Erstbesteigung des Eiffelturms, oder die ersten Seiten von Tom Sawyer. Unvergesslich. Charles Bukowski gehört auf jede Bucketlist. Also eine Liste von Dingen, die man getan haben muss. Wer Buk nicht gelesen hat, wird für immer in der Zwangsjacke der political correctness gefangen bleiben. Wer die Zeilen aufsaugt wie ein Schwamm, wird mit einer wortgewaltigen Waffe gegen den Zynismus der standardisierten Welt in den Kampf ziehen können.

Nach Chicago und zurück

Diese Reise liegt einhundertfünfundzwanzig Jahre zurück. Und schon damals hing eine Dunstglocke über der Stadt, die einiges Geschick erforderte die Sonne erkennen zu können. Ein Öko-Roman, also. Mit Nichten. Aleko Konstantinow wurde in die Rolle des Reisenden gedrängt. Man wusste, dass er gern schrieb. Man wusste, dass seine Ausführungen detailreich und voller Wortwitz stecken.

Von Sofia nach Chicago war 1893 ein echtes Abenteuer. Aleko Konstantinow bestieg voller Vorfreude den Zug nach Paris. Die Reise dahin – darüber möchte er sich lieber ausschweigen. Kein Vergnügen. Im Gegensatz zu Paris. Und der Reise über den großen Teich an die Großen Seen.

Bulgarien hat gerade die Unabhängigkeit von den Türken erlangt. Das Land liegt brach, und es rappelt sich gerade auf eine eigenständige Nation zu werden, eine nationale Identität herauszubilden. Aleko Konstantinow ist ihr Botschafter als er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eintrifft.

Die Niagarafälle ziehen ihn sofort in ihren Bann. Das Naturschauspiel – und das liest man so eindeutig heraus wie, dass die USA ihm auch als Vorbild einer Nation für seine Heimat gelten können – wird ihm bis zum (zu nahen) Ende seines Lebens beschäftigen.

Im Zug, deren Größe ihn dermaßen beeindruckt, dass er sich in Zahlenspielereien ergeht, sitzt man als Leser direkt neben dem Autor, der mit Kinderaugen das riesige Land erkundet. In Chicago ist er baff erstaunt, dass hier schon weitere Bulgaren auf ihn zu warten scheinen. So wie Bai Ganju, der Rosenölhändler, dem er ein eigenes Buch widmet. Der Typ ist aber auch zu originell, als dass man ihn „nur mit einem Kapitel“ würdigen könnte.

„Nach Chicago und zurück“ dürfte wohl einer der Gründe sein, warum es in Windy City eine ausgeprägte Bulgaren-Community gibt. Dass es der einzige Grund ist, darf bezweifelt werden. Dass Aleko Konstantinow großen Eindruck hinterließ, zeigt allein schon die Tatsache, dass sein Portrait den Einhundert-Lewa-Schein des Landes ziert.

Die Reisenotizen, die dieses Buch wortreich mit Inhalt füllen, verleiten zum Schmunzeln und Nachdenken gleichermaßen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch das, was nicht glänzt, ist wenigstens witzig beschrieben. Wer also, auf ausgefallene Reiseberichte wie etwa die von David Foster Wallace steht, kommt mit „Nach Chicago und zurück“ voll auf seine Kosten.

König der Hobos

Über dreißig Jahre ist es her, dass in Whitesnakes „Here I go again“ das Wort Hobo vorkam. Sie mussten es allerdings im Zuge einer Hetzkampagne gegen Rockmusik, angeführt von Pippa Gore, der Frau von Al Gore, das Wort Hobo durch Drifter ersetzen. Hobo klang zu sehr nach Homo. Und das ging natürlich gar nicht!

Hobos sind die letzten wahren Helden Amerikas. Sie streifen durch ihr Land auf der Suche nach einem bisschen Glück. Ach klingt das romantisch! Ihr Glück ist nicht das Glück der Anderen. Sie schürfen nicht nach Gold, um mit Mitte vierzig im Schaukelstuhl körperlich und nervlich am Boden dem eigenen Sonnenuntergang entgegen zu sehen. Sie drehten sich einmal in ihrem Leben um, und dann nie wieder. Wer sie sieht, (er)kennt meist nur ihre Rückansicht.

Der amerikanische Traum – was ist das überhaupt? Schnell viel Geld scheffeln? Dann sind Hobos keine Amerikaner! Endlos die Freiheit genießen? Dann sind Hobos die Archetypen des Amerikaners.

Fredy Gareis hat sich unters Volk gemischt und ist dem Mythos Hobo auf den Grund gegangen. Denn es gibt sie noch, die Männer und Frauen, die auf Zügen mehrere tausend Kilometer quer durchs Land fahren, ohne dabei auch nur einem einzigen Fahrkartenkontrolleur Rechenschaft ablegen zu müssen. In einem Land, in dem die Angst vor allem Fremden so ausgiebig zelebriert wird, kein einfaches Unterfangen. Die Strecke von Küste zu Küste, von Berg zu Berg, von Strand zu Strand hat einen entscheidenden Vorteil: Keine Grenzen. Keine Sprachbarriere stört das Vorankommen.

Hobos haben natürlich Namen. Und genauso natürlich haben sie diesen abgelegt. Ihre Herkunft und ein kurzer, schmissiger Name müssen als ID reichen.

Fredy Gareis hat es nicht einfach aufgenommen zu werden. Die Hobos bleiben lieber unter sich. Sie haben ihre eigenen Rituale, die sie ungern nach außen transportiert sehen möchten. Wer weiß schon von der Hobo-Queen-Wahl? Fredy Gareis trifft bei seiner Erkundungstour sogar eine Frau, die diese Wahl schon fünf Mal gewonnen hat.

Es ist wohl eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. So zu leben und das Leben zu lieben, dass es keiner Norm mehr entsprechen kann. Vagabunden, Ausgesetzte, Widerwillige – es gibt viele Bezeichnungen, die man für das „fahrende Volk“ finden kann. Doch nur ein echter Hobo kann dem Leben „da drinnen“ die kalte Schulter zeigen und seinem Leben „da draußen“ etwas Wärmendes abgewinnen. „König der Hobos“ ist ein Reisebericht wie es nur noch wenige gibt. Ein bisschen Mark Twain, eine Brise Ernsthaftigkeit und Bitternis, aber vor allem ein breites Lächeln sind die Mischung, die dieses Buch einen echten Schatz werden lassen.

Singt, Ihr Lebenden und Ihr Toten, singt

Was für eine illustre Reisegruppe: Leonie mit ihren beiden Kindern Jojo und Kayla und ihrer Freundin Misty. Sie fahren in den Norden von Mississippi, nach Parchment Farm. Dieser Ort beheimatet das Gefängnis und somit jede Menge schräge, gefährliche und verbrecherische Typen. Michael ist einer von ihnen und der Vater von Jojo und Kayla. Letzte kennt er kaum und nennt sie bei ihrem vollen Namen Michaela. Was die Kleine vollkommen verunsichert. Misty ist nur mit dabei, weil sie immer dabei ist, wenn Leonie hier hoch fährt. Auch ihr Freund sitzt in Parchment Farm ein. Für Michael ist die Zeit des Abschieds vom Knast und die Zeit des Neuanfangs mit seiner Familie gekommen.

Jojo ist inzwischen dreizehn Jahre alt. Pop nennt er mittlerweile seinen Opa mütterlicherseits. Seinen Pa nennt er Michael. Und Leonie, seine Mutter ist Leonie. Mam ist seine Oma. Zum Leidwesen aller ist Mam aber an Krebs erkrankt und sieht ihrem drohenden Ende entgegen. Leonie hat in Jojos Augen ihr Ende schon erreicht. Die Kinder sieht sie regelmäßig, aber eine echte Beziehung kann sie einfach nicht aufbauen. Über ihre Lippen kommen zwar liebgemeinte Worte, doch die daraus resultierenden Taten lässt sie schmerzlich vermissen.

Wenn sie wieder mal „drauf ist“, blüht sie auf. Dann hält sie in Gedanken Zweigspräche mit ihrem toten Bruder. Der ihr allerdings auch nicht immer eine echte Hilfe ist.

Jojo und Kayla sind das, was man ein Herz und seine Seele nennt. Die Kleine klammert sich an ihren großen Bruder, der sie behütet wie sein Augenlicht. Es ist für ihn erfülltes Pflichtbewusstsein, wenn sie ihren Kopf an seine Brust schmiegt. So zerbrechlich sie ist, so lebendig ist ihr Geist.

Michael ist also wieder da und das Leben kann endlich beginnen. Selbst wenn Leonie hochtrabende Pläne einmal gehabt haben mag, hat sie diese im Laufe der vergangenen drei Jahre gehörig mit Füßen getreten. Das Sicheinreden, dass nun alles anders wird, kann einfach keine Früchte tragen. Zu sehr zerren die Geister der Vergangenheit an ihr. Pflichtbewusstsein gegenüber denen, die ihr das Leben gaben, eine Zukunft geben können, existiert nur hülsenhaft und sporadisch in ihrem Kopf.

Jesmyn Ward zeichnet ein düsteres Bild vom Leben der Schwarzen im Mississippi-Delta. Rassismus ist allgegenwärtig, selbst innerhalb der Familien. Unbeschwert kann die Kindheit nur sein, wenn man unter sich bleibt. Und selbst dann gibt es nur ein Thema: Wie überleben da draußen in der Welt, wenn man nicht unter sich ist? Ein Roadtrip ins Verderben, gepaart mit einer Brise Mythos, serviert auf dem schwitzigen Tablett der Südstaatenpoesie. Jesmyn Ward gelingt mit einfühlsamen Worten eine traurige Geschichte zu erzählen, deren Schwere im neugierigen Umblättern der Seiten verschwindet.

Fokus

„O! say does that star-spangled banner yet wave, O’er the land of the free
and the home of the brave?“ – so endet die erste Strophe der amerikanischen Nationalhymne. Ja, weht denn die sternenbesetzte Flagge noch immer für alle über dem Land der Freien und der Heimat der Mutigen?

Lawrence Newman war so frei und hat in der Firma, in der er seit Jahren angestellt ist, einen mutigen Entschluss gefasst, eine echte Tat. Die Stenotypistinnen, denen er vorsteht, hatten die Angewohnheit immer mal wieder auf unbestimmte Zeit sich eine kleine große Pause zu gönnen. Das fiel immer nur dann auf, wenn der Arbeitsraum verdächtig übersichtlich aussah. Jetzt – das war die Tat – sitzen alle vor der großen Glasscheibe, und dahinter wacht Newman. Leider verwandelt sich die Scheibe für Newman in Milchglas. Er sieht kaum noch was in dem Großraumbüro vor sich geht. Alle raten ihm endlich mal zum Arzt zu gehen und sich eine Brille verschreiben zu lassen.

Newman sieht ein, dass es nicht mehr ohne geht. Und die Brille erfüllt ihren Zweck. Newman kann die Welt um sich herum nun wieder besser wahrnehmen. Allerdings mit ungeahnten Folgen.

Die USA stehen im Krieg mit den Nazis. Auf den Straßen sind die Zustände in Bezug auf Rassismus denen in Deutschland ähnlich. Juden gelten allgemein als verdächtig. Sind die reich, verschweigen sie ihren wahren Reichtum. Sind sie arm, tun sie nur so. Auch Newman nimmt sich von den Sticheleien nicht aus. Zwar nur hinter vorgehaltener Hand, dennoch spürbar, sind die Juden ihm egal.

Die Brille noch einen weiteren Effekt. Newman wirkt verändert. Im Büro tuschelt man nicht mehr hinter seinem Rücken. Nein, jetzt wird er ganz offen erniedrigt bis angefeindet. Was ist passiert? Die Brille macht ihn jüdisch!

Und deswegen ist er nicht repräsentabel, muss in das Büro in der Ecke umziehen, und der Eckensitzer bekommt seinen Job. Er kündigt, denn eine solche Erniedrigung, nachdem er so viel für die Firma getan hat, kann er nicht hinnehmen. Auch andere Personalchefs – ihm ebenbürtig – sehen in ihm nur den Juden, den man nicht vertrauen kann. Man kann sagen, dass die Brille ihm die Augen geöffnet hat.

Je länger Newman die Brille trägt desto drastischer nimmt er alles um sich herum wahr. Auch Gertrud, die mittlerweile an seiner Seite ist, bemerkt die Veränderungen. Ihre Natur ist jedoch robuster, was Newman anzieht, aber auch abschreckt. Solange man ihn nur körperlich in Ruhe lässt …

Dieses Buch lässt niemanden ruhig bleiben. Wenn jemand wegen seines Aussehens in eine Schublade gesteckt wird, die es scheinbar wiederum Anderen erlaubt, ihn wegen des Aussehens zu belästigen, zu diffamieren, perfide zu unterdrücken, muss man seine Stimme erheben. Arthur Miller gelang mit seinem (übrigens einzigen) Roman sehr lautmalerisch ohne dabei die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten. Ein düsteres Bild, das er da in seinem Roman zeichnet. Überzeichnet hat er es allerdings niemals.

Genauso wie Franziska Neubert. Ein Punktlandung sind alle ihre Zeichnungen in diesem Buch. Sie stellt Newman nicht bloß, indem sie ihm ein Gesicht gibt. Die Situationen, denen Newman ausgesetzt wird, gibt sie den künstlerischen Rahmen ohne dabei die Wahrheit zu verstecken. So verdeckt der Hass, der Rassismus, der Faschismus ist, so eindeutig zeigt er sich in den Zeilen und in ihren Bildern. Mal düster, mal quicklebendig, mal indirekt, mal beklemmend offen.

Popcorn melody

Wie stellt man sich das Ende der Welt vor? Lebloses Gestein, abwechslungsfrei, staubig. Wenn das so ist, dann lebt Tom Elliott am Ende der Welt, Shellawick (population: 1,100), irgendwo zwischen Hilflosigkeit und Sinnfreiheit. Er betreibt den örtlichen „Supermarkt“. Die Toreinfahrt zum Glück ist gerade mal so groß wie ein Mauseloch. Nichts gibt es hier im Überfluss. Was zu essen, was zum Waschen, was gegen Fliegen gibt es ausreichend. Alles andere unterwirft sich Lieferschwierigkeiten.

Die Einwohner leben von und durch Buffalo Rocks, die örtliche Popcorn-Fabrik, in der man besser das Maul hält und tut, was einem befohlen wird. Leben sieht anders aus. Alternative Gesprächsthemen sind nur bei Wetterumschwung zu erwarten.

Bis eines Tages ein echter Supermarkt direkt gegenüber vom Toms Hütte öffnet. Buffalo Rocks macht jetzt auch in Verkaufen. Die jammernden Kunden, die bei Tom nie das erhalten als die „Trilogie des Glücks“ (essen, waschen etc.), werden logischerweise fahnenflüchtig. Und Tom? Die Haikus, oder das, was er dafür hält – schließlich hat er mal Literatur studiert – reichen nicht mehr aus, um seinem Leben die nötige Portion Glück zu beschaffen. Er muss aus der Tristesse der Gewohnheit ausbrechen, um überleben zu können.

Okomi hatte schon vor einiger Zeit mit einem Messer vor seiner Nase herumgefuchtelt. Tom solle ihm was dichten. Okomi würde dann ein Lied daraus machen. Ja, es gibt schon skurrile Typen in Shellawick. Die einen klatschen in die Hände, wenn sie Toms Laden betreten, so dass jeder weiß, dass sie da sind, andere bringen nur drei Worte raus. Tom nimmt sie alle wie sie sind.

Doch nun verhält es sich ein bisschen anders. Die Ersparnisse sind weg, Emily an Toms Seite, und Okomis Scheck ist gedeckt. Ja, der Okomi mit dem Messer und dem übersichtlichen Wortschatz. Von den Tantiemen soll Tom nun auch profitieren. Und dank Emilys Drängen zahlt sich Toms Studium der Literatur nun endlich auch aus…

Émilie de Turckheim gelingt mit „Popcorn melody“ das Kunststück aus einem klassischen „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Stoff eine rührende Geschichte zu schreiben, die fern jeglicher Klischees den Leser in ihren Bann zieht. Tom hat sich mit seinem faden Leben nicht abgefunden. Er flieht so oft er kann in eine andere Welt. Nie für immer, doch kurzzeitig ist er Out of Shellawick ohne alle Brücken komplett abzureißen. Der mächtige Riese gegenüber lässt ihn nicht in Panik ausbrechen. Einst war er das Werbegesicht der Firma, heute lacht er ihr frech ins Gesicht. Einen wie Tom Elliott bekommt man nicht klein.

Vintage

Zweihundertzweiundzwanzig Millionen für einen Kicker, der, wenn es gut läuft vielleicht zwei Jahrzehnte die Fans in den Stadien begeistern kann. Welchen Preis ist man bereit hinzublättern, wenn es um eine Gitarre geht, die weitaus mehr Jahrzehnte den Fans rund um den Globus und mehr als nur anderthalb Stunden am Stück in andere Sphären entführen kann? Und wer soll diesen Preis bezahlen?

Thomas Dupré soll es bald erfahren. Er spielt in einer Band, die kaum jemand hören will und schreibt Konzertkritiken, die kaum jemand liest. Und er jobbt in einem, Nein, DEM Gitarrenladen von Paris. Im Prestige Guitars. Wer hier kauft, kommt auch wegen der Les Paul Goldtop, Sonderedition All Gold von 1954. Ein Schotte – von wegen Schotten sind geizig – bezahlt Flug und Spesen für den jungen Gelegenheitsverkäufer. Alles ist geregelt.

Charles Dexter Winsley heißt der geheimnisvolle Käufer der All Gold. Ein mehr als passionierter Sammler, der in einem Anwesen wohnt, das Thomas sofort bekannt vorkommt. Es gehörte einmal Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Anders als viele Rockmusiker, die gern behaupten „sie alle gehabt zu haben“, ist Lord Winsley ein Sammler, der alle hat. Alle bis auf eine. Eine Gibson Moderne. Die fehlt ihm noch in der Sammlung, und Thomas soll ein gefälliger Helfer sein! Nicht für die Beschaffung derselben, sondern nur für den Beweis, dass es dieses Prachtstück, das angeblich Jimi Hendrix und Jimmy Page spielen durften, auch wirklich (noch) gibt. Lord Winsley benötigt nur den Beweis. Ein Wunder? Oder doch zum Scheitern verurteilter Höllentrip? Oder einfach nur die Story seines Lebens?

Die Suche nach der Vintage-Gitarre beginnt ganz zeitgemäß im Internet. Zu viele Spinner, die sich über ihren Schatz auslassen. Denn wer wirklich eine echte 57er Moderne besitzt, behält das für sich. So viel weiß Thomas schon. Denn wenn es eine echte Moderne ist, ist es ein Prototyp. Und der ist mehrere Millionen wert.

Sydney ist der erste Anhaltspunkt. Lord Winsley hat den entscheidenden Tipp gegeben. Ein japanischer Sammler rühmt sich das begehrte Sammlerstück zu besitzen. Doch die Spur führt zu einer wild zusammengewürfelten, nicht mal als Fake zu bezeichnenden Klampfe. Memphis scheint da schon eher eine heiße Spur zu sein. Bruce, ein abgehalfterter Elvis-Psychobilly-Bandleader liefert sich in einem Forum ein heißes Wortgefecht unter der Gürtellinie mit anderen Gitarrenexperten. Dank der Finanzspritzen vom Lord aus den Highlands ist der Trip gesichert. Doch Bruce unterlag beim Kauf einem folgenschweren Irrtum.

Grégoire Hervier schickt Thomas auf einen Rock-‘n-Roll-Roadtrip durch die Musikgeschichte und jagt ihn von Memphis den Mississippi entlang bis ins Delta, dann nach Chicago und New York. Die Zweifel werden größer und jeder Hinweis wischt diese schlagartig hinfort. Rock ‘n Roller wie Abenteurer werden ihre helle Freude am glockenklaren Klang der Worte haben. So sehr, dass das Ergebnis der Suche in den Hintergrund rückt. Die Fakten, die Grégoire Hervier auftischt sind echt. Die Story entspringt der Phantasie des Autors, fast schon wie die Legende von der Gibson Moderne von 1959…