Archiv der Kategorie: aus-erlesen USA

Bahnhöfe der Welt

Barcelona, Bozen, Besewitz – eine Metropole, eine Stadt, ein fast vergessener Ort. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen Bahnhof. Während in Barcelona am Frankreich-Bahnhof, Estació de França, mehrere Züge im Stundentakt das imposante Bauwerk verlassen, hält in Besewitz am Naturschutzpark Darß schon seit Langem kein Zug mehr. Gäste gibt es immer noch, da hier Ferienwohnungen entstanden sind. So unterschiedlich die Reisziele auf dieser Welt sind, so unterschiedlich sind die ersten Gebäude einer Stadt, eines Ortes.

Antwerpens Bahnhof ist wegen seiner opulenten Architektur sicherlich ein Augenschmaus. Im Gare de Lyon in Paris kommt zum visuellen Erlebnis noch das lukullische hinzu. Im Restaurant „Le Train Bleu“ wird die gute alte Zeit in die Gegenwart transformiert. Die Decken sind mit nostalgischen Malereien der anzufahrenden Destinationen verziert. Das im rasenden Tempo bedienende Personal ist ein weiteres Highlight.

Wer in Barancas, Mexiko auf den Zug wartet, kommt schnell mit vielen Leuten in Kontakt. Hier trifft man sich wie andersorten auf dem Markt, und da es nur einen Personenzug gibt, ist der Fahrplan mehr als übersichtlich.

Martin Werner schafft es mit wenigen Worten und beeindruckenden Bildern eine Welt darzustellen, die sich jeder vorstellen kann. Denn jeder ist in seinem Leben schon einmal mit dem Zug gefahren. Wer tatsächlich noch nie mit der Bahn unterwegs war, hat es zumindest zum Einkaufen schon mal in einen Bahn hof geschafft. Bestes Beispiel dafür: Der Leipziger Hauptbahnhof. Einst aus zwei Bahnhöfen entstanden, war er jahrzehntelang der größte Kopfbahnhof weit und breit. Momentan sind noch etwas über zwanzig Gleise in Betrieb. Als Einkaufsmeile – und das kann man durchaus wörtlich nehmen: Auf drei Etagen gibt es vom Reisemagazin bis zum Donut wirklich alles hier zu kaufen – ist wider Erwarten der Bahnhof mehr Bummelpfad als Abfahrts- und Ankunftsort. Von Brisbane und Istanbul über Taipeh und Peking bis nach Garub in Namibia und dem U-Bahnhof am World Trade Center – hier geht jedem Bahnfreund das Herz auf.

Wer sich bisher nicht so recht für die Schienenhaltestellen begeistern konnte, wird schon beim ersten Durchblättern Schnappatmung bekommen. Originelle Ein-, Drauf- und Ansichten, detaillierte Raffinessen und die überbordende Vielfalt der gezeigten Bahnhöfe rund um den Globus faszinieren jeden, der sich an Architektur im zügigen Zeitalter an Schönheit erfreuen kann.

The Street

42nd street, 5th avenue – davon ist man in der 116th street Upper Westside Manhattan so weit vom guten Leben entfernt wie die Erde von der Sonne. Besonders in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Besonders, wenn man sich seiner Hautfarbe bewusst und deren Bedeutung jeden Tag aufs Neue spüren muss.

Lutie Johnson sucht in dieser Straße ihr Glück. Nein, Illusionen hat sie schon lange keine mehr. Der Gatte untreu, die Arbeitgeber derart verblendet, dass sie meinen Lutie einen Gefallen zu tun, wenn sie ihre Kochkünste in den Himmel loben. Ein bisschen weniger Arbeit, und ein bisschen (oder besser) viel mehr Bezahlung, das wäre Anerkennung genug. Für sich und Bubb, ihren Sohn nimmt Lutie die Strapazen des Fortgehens auf sich und nimmt die Wohnung in der 116. Straße als neue Wohnung an. Bubb soll in Ruhe lernen können. Welchen Wert Bildung für Menschen wie sie hat, wird ihr nicht zuletzt klar, als sie zusehen muss wie der Hausmeister – auch nicht unbedingt eine Ausgeburt an Höflichkeit und Anmut – mühevoll ihr die Quittung für die Anzahlung der ersten Miete ausstellt.

Sie tut alles, dass Bubb so aufwachsen kann, um es einmal besser zu haben. Beseelt von dieser Vision, tritt ihr das Leben immer wieder ins Kreuz. Duldsam erträgt sie die Rückschläge. Die Straße, die 116., ist ein hartes Pflaster. Besonders für all diejenigen, die diesem Pflaster das Pflaster des Schmerzlinderns aufsetzen wollen. Lutie will Bubb vom Dreck, vom Rassenhass, von alle dem fernhalten, was ihn davon abhalten wird, ein guter Mensch zu werden. Die Schlaglöcher des Schicksals beschädigen hier nicht nur Karossen, ihre Schäden reichen tiefer.

„The Street“ ist vor über einem halben Jahrhundert erschienen. Ein Riesenerfolg, auch oder gerade wegen seiner schonungslosen Sprache. Viele hätten schon längst die Flinte ins dreckige Korn der Straße geworfen. Doch Lutie weiß aus eigener Erfahrung, dass es sich lohnt aufzustehen und sich diesen Dreck immer wieder abzuschütteln. Solidarität unter den Geschundenen zu suchen, ist so gut wie zwecklos. Jeder denkt nur so weit wie er schauen kann. Wenn es jemals Visionen gab, sind sie im Dunst der Straße für immer verloren gegangen. Lutie als leuchtende Fackel, die diesen Dunst durchdringt – dafür taugt sie nur bedingt. Sie ist auch nur ein Mensch, der ein gewisses Maß an Ausgrenzung verkraftet. Ja, sie ist stärker als so mancher Preisboxer aus dem Big Apple. Doch ihre Kraft ist nicht unendlich verfügbar.

Immer noch bzw. endlich wieder verfügbar ist die Strahlkraft dieses Romans von Ann Petry. Ihr Helden – so wie Lutie Johnson und ihr Sohn Bubb –stehen nicht am Rand der Gesellschaft. Sie stehen mittendrin, weil ihr Schicksal exemplarisch für diese Gesellschaft steht.

Im Fluss

Eines gleich vorweg: Diese Reise kann in keinem Reisebüro gebucht werden. Auch das Reisemittel, ein Kanu ist bei keinem Outdoorausrüster so erhältlich.

Dirk Rohrbach umkreist die Vereinigten Staaten mit dem Fahrrad. Er nahm sich den Yukon vor. Da entstand auch der Gedanke den Mississippi samt Missouri von der Quelle bis zur Mündung in die Karibische See zu befahren. Und er stellt auch gleich einmal ein weit verbreitetes Vorurteil richtig. Der Mississippi (ideal auch zum Abzählen von Sekunden: ein Mississippi, zwei Mississippi etc.) ist eigentlich ein Zufluss des Missouri. Da die Eroberer der Neuen Welt aber von Osten kamen, trafen sie zuerst auf den Mississippi. Und der war dann der Namensgeber. Erst später entdeckte man die Quellen des Missouri.

Und dort, in den Höhen und Weiten von Montana beginnt das große Abenteuer. Ein kleines Rinnsal, das aus einem Berg entspringt. Zu flach und zu schmal, um es mit dem Kanu zu bereisen. Das Kanu übrigens hat Dirk Rohrbach selbst gebaut. Mit Hilfe eines Videotutorials, in dem alles irgendwie viel einfacher aussah als es in der Wirklichkeit ist.

Und kaum auf dem Wasser taucht auch schon das erste Problem auf. Und zwar in der Gestalt einer Elchmutter samt zweifachen Nachwuchs. Dirk Rohrbach weiß, dass Bären mit einem Spray relativ einfach zu vertreiben sind. Aber eine Elchmutter mit ihren Zöglingen stellt ein unkontrollierbares Risiko dar. Mutter und Nachwuchs Nummer Eins queren den Fluss, doch der Nachzügler müht und strampelt sich ab wie er nur kann. Dirk Rohrbach möchte gern eingreifen und helfen. Doch das würde seiner Gesundheit nicht zuträglich sein. Auch wenn Rohrbach einmal Arzt war. Der Kleine schafft ans andere Ufer zu Geschwister und Mutter, und Rohrbach kann weiterpaddeln.

Auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unterliegt harten Regeln. Jeder, der den Missouri / Mississippi befährt, muss sein Gefährt untersuchen und abnehmen lassen. Ein Fluss-TÜV. Da sein Boot Marke Eigenbau ist, ist es nicht registriert. Und das sorgt bei den Inspektoren für Verwirrung. Hier ist Rohrbach bedeutend entspannter als bei der Elchkuh.

Eines fällt sofort auf: Dirk Rohrbach kommt schnell mit Leuten ins Gespräch. Das liegt an seiner außergewöhnlichen Route und der Neugier der Menschen am Fluss, an den Flüssen. Für den Leser ein Sammelsurium an Charakteren, die so manch einem nicht in ihrem ganzen Leben begegnen, trifft Rohrbach quasi im Vorbeipaddeln. Tom-Sawyer-Und-Huckleberry-Finn-Romantik trifft Abenteuerdurst auf einer der aufregendsten Routen, die diese Welt noch zu bieten hat. Von der unberührten Natur Montanas, in der es ein Glücksfall ist, wenn man hier mal tatsächlich einen Menschen trifft, über die Badlands, die die ersten Siedler nicht umsonst so tauften bis in die vor Leben überbordende Metropole New Orleans fast am Ende der Reise. Ein echtes Abenteuerbuch von einem überzeugten und überzeugenden Verführer!

Graveyard love

Mit fünfunddreißig noch bei Mutti wohnen – Kurt hat es echt nicht leicht. Vor den Toren New Yorks muss der erfolglose Schriftsteller die Peitschenhiebe seiner ihn antreibenden Mutter ertragen. Er soll ihre ach so tolle Biografie schreiben. Jeden Tag. Und jeden Tag hat sie an seinem Stil etwas auszusetzen.

Ein bisschen – anfangs – Abwechslung in seinen tristen Alltag bringt eine geheimnisvolle Rothaarige. Mehrmals die Woche besucht sie den Friedhof, der gegenüber von Kurts goldenem Käfig liegt. Kurts Lebensgeister kehren zurück. Er will ganz genau wissen, was die elegante Fremde dazu treibt so oft diesen bedächtigen Ort zu besuchen. Die Leidenschaft erlischt als sie sich wochenlang nicht mehr blicken lässt. Doch anstatt sich in die Arbeit zu stürzen – sein Mutter meckert immer noch über seinen lausigen Schreibstil – verfängt er sich in den Stricken der Sehnsucht. Bis … ja, bis die geheimnisvolle Fremde wieder auf den Friedhof und damit in sein Leben tritt.

Die Obsession erwacht aufs Neue und wird stärker je öfter Kurt die Frau sieht. Er kauft sich ein Fernrohr, um sie beobachten zu können. Folgt ihr. Bis sie in seien Stammkneipe geht. Er hat sie dort noch nie gesehen. Doch der Wirt kennt sie. Catherine. Endlich ein Name! Wie eine Offenbarung. Doch da ist noch Ralph. Auch er folgt Catherine. Immer wieder, wenn sie in die Gruft von June steigt. Und zuhause wartet Mutter und nörgelt an den ihr zu schwachen Sätzen ihrer Biographie, die Kurt schreiben muss.

Im Laufe des Buches kommt es für den Leser knüppelhart. Nicht einmal eine kurze Pause gönnt einem Autor Scott Adlerberg. Die Mutter verwandelt sich langsam von einer herrischen Matrone in eine fast schon liebevolle Amme. Und Catherine tritt in Kurts leben wie ein helles Licht zur Weihnachtszeit. Und Ralph tritt aus selbigem zurück. Du mittendrin: Kurt. Zuerst ein Stalker wird er nach und nach zum Spielball seiner selbst und von …

Was als harmlose Schwärmerei für eine Frau beginnt wandelt sich Seite für Seite in eine Horrorgeschichte. Nicht allein, dass Kurt selbst ein Horrorfilmfan ist, er merkt gar nicht wie sehr er in einen Strudel hineingezogen wird aus dem er sich nur schwer – und schon gar nicht allein befreien kann. Das vermeintliche Opfer zeigt immer öfter ihren scharfen Krallen. Die Selbstverständlichkeit wie Kurt der Boden unter den Füßen weggezogen wird, verblüfft und kennt kein Erbarmen. „Graveyard love“ ist Scott Adlerbergs dritter Roman, jedoch der Erste, der auf Deutsch erscheint. Mehr davon!

Liebe ist Nuttengerede

Es sind keine wildromantischen Country roads, die das Leben der Menschen in West-Virginias kleinen Orten durchziehen. Es sind Straßen, die einem von A nach B bringen. Sofern denn überhaupt nach B will. Chicago ist schon verdammt weit weg und nur für Wenige ein Sehnsuchtsort. Hier in den Bergen ist man unter sich. Enoch, Skeevy, Bo und wie sie alle heißen mögen, sitzen an der Bar. Trinken Bier, Whiskey. Wenn mal ein Sonnenstrahl ins Dunkel fällt, wirbelt er gleich Staub auf.

Breece D’J Pancake hat nur diese zwölf Geschichten aus seinem 27 Jahre währenden Leben hinterlassen, das vor vierzig Jahren zu Ende ging. Doch diese Geschichten zeugen von einem Leben, das von Entbehrung gekennzeichnet ist, das im Untertitel Desillusion aufblitzen lässt, das Träume zwar keimen, aber niemals gedeihen lässt. Doch am Ende des Tages dreht sich doch alles nur noch darum, dass es irgendwie weitergehen muss. Träume sind im besten Fall die Kirsche auf dem schmutzigen Eisbecher mit verdreckter Sahne.

Jagen, arbeiten, saufen. Mit den Huren quatschen. Sie alle nehmen sich nicht allzu ernst. Loyalität steht da schon höher im Kurs. Wer einmal die Hügel der Heimat verlassen hat, sollte am besten auch gleich fortbleiben. Wer wiederkehrt und sich als was Besseres sieht, ist unten durch.

Die Schnörkel in den zwölf Geschichten sind lange Geraden, die man niemals bis zum Ende beschreitet. Geographisch ist das nicht möglich, und so sind auch die Sinne maximal bis zur nächsten Biegung geschärft. Was dahinter liegt, ist erst einmal in weiter Ferne. Wenn man dort ist, kann man ja weitersehen. Doch schon vorher einmal den Kopf einschalten, wäre reine Verschwendung.

Roh, brachial, davon beseelt ein besseres Leben führen zu können, davon erzählen die Akteure. Wie sie das bewerkstelligen wollen, geschweige denn wie sie es anpacken wollen, davon ist keine Spur zu lesen. Es ist ein pures Leben. Das Weiß der Hoffnung liegt regungslos unter einem grauen, fettigen Schleier, dem selbst Omas Hausmittelchen nicht anhaben können.

Breece D’J Pancake – das D’J steht für Dexter – konnte dieser Wirklichkeit eine Zeitlang entkommen. Doch „die Welt da draußen“ war nichts für ihn. Wie so viele Große – Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin, Amy Winehouse, Kurt Cobain – nahm er sich mit 27 Jahren das Leben. Spötter verweisen nur allzu gern auf die lediglich zwölf veröffentlichten Geschichten, die er hinterließ. Nicht mehr! Doch ist es doch genau dieses dreckige Dutzend, das so nachhaltig weiterleben wird. Schon allein der Titel „Liebe ist Nuttengerede“ lässt den Buchsucher aufblicken. So direkt – da muss doch mehr dahinterstecken. Tut es auch! Da mögen Kritiker ihm fehlende Tiefe vorwerfen – pah! Wenn der Boden gefroren ist, bohrt man einfach keine Löcher, möchte man ihnen ins blasierte Gesicht schreien. Die Oberfläche, die Breece D’J Pancake nicht nur an, sondern zerkratzt, hat mehr zu bieten als so mancher tiefgründige (preisgekrönte) Roman, den nach zwei Monaten kein Mensch mehr lesen kann. Diese Geschichten sind auch nach einem halbe Jahrhundert immer noch lesenswert!

Stadtabenteuer New York

The Ramones, Wale, Essen wie bei Oma und der wohl langweiligste Sport der Welt, wenn man die Regeln nicht kennt. Na klingt das nach Urlaub? Ein entschiedenes JEIN kann da nur die Antwort sein. Doch das monotone Rock Rock Rockaway Beach von Joey, Tommy und Johnny und Deedee macht noch keinen Urlaub perfekt, es sei denn, dass Rumhängen und Schmähgesänge auf Disco singen das Eilixier sind. Da braucht es schon mehr. So was wie Futtern bei Muttern. Oder noch besser: Nonnas, die ihre Küche der Kindheit für andere öffnen. Wie in der Enoteca Maria in Staten Island. Gar nicht weit vom Rockaway beach. Und überhaupt nicht monoton. Ein Baseballspiel für ein paar Dollar – auch wenn die Regeln nur Amerikanern wirklich sinnvoll erscheinen – kann auch schon eine Abwechslung sein. Monotonie? Nicht bei den Staten Island Yankees. Die haben mit den Yankees eines Babe Ruth oder Joe DiMaggio nur den Namen, aber nicht einmal die Spielklasse gemeinsam. Das Feuerwerk am Ende des Spiels – immerhin sind 14 zwischen Juni und September – hat Autorin Dorothea Martin noch am besten gefallen. Auch Monotonie kann aufregend sein. Was fehlt noch? Ach ja, Wale wurden eingangs erwähnt. Ist hier in Queens – wir sind zurück am Rockaway beach – etwa ein amerikanisch riesiges Aquarium mit den sanften Riesen der Meere? Ney, die tummeln sich hier nur a few miles vor dem beach. Wenn man Glück hat, kann man sie auftauchen und herumtoben sehen. Whalewatching ist immer Glückssache.

Eine Glückssache im herkömmlichen Sinn ist der außergewöhnlichste Titel der ersten Bände der Stadtabenteuer-Reihe. Denn New Yorks Extravaganzen in ein derart handliches Buch zu pressen, scheint auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Ohne groß nachzudenken, fallen jedem sofort ein Dutzend Dinge ein, die man in New York tun muss. Dann wäre das Buch schon voll. Dann hätte man aber auch nur das erlebt wie Millionen andere auch. Und dafür 300 Euro aus- und fast neun Stunden im Flieger in Kauf nehmen?

Dorothea Martin zeigt Big Apple wie er nur ansatzweise in ausgewählten Bänden am Rande vorgestellt wird. In ihren Stadtabenteuern kommt niemand auf die Idee völlig überdrehte Shoppingtouren auf der Fifth Avenue zu unternehmen oder stundenlang für die Besteigung von Lady Liberty auf sich zu nehmen. Das sind nur Nebenschauplätze, die für Erstbesucher interessant sind. Doch das New York in diesem Buch wird dem Besucher auf ewig verfolgen, in Gesprächsrunden (After-Vacation-Talks, gibt es sowas? Wenn nicht, dann jetzt) für Furore sorgen, und ein anderes New York sein als man es sich jemals vorstellen konnte. Dafür nimmt man doch gern Fluggebühren und Flugzeit in Kauf, oder?!

Pnin

Na das geht ja gut los! Timofey Pnin ist russischer Collegeprofessor in Waindell. Und das obwohl seine Englischkenntnisse immer noch des Öfteren zum Schmunzeln einladen. Er ist auf dem Weg nach Cremona, nicht das lombardische, berühmt für seine Streichinstrumentenbauer, sondern ein Städtchen in der Nähe seines Wohnortes. Um Zeit zu sparen nimmt er nicht den empfohlenen Zug, sondern den mit dem er sag und schreibe 14 Minuten Fahrweg spart. Wozu hat er sonst jahrelang Fahrpläne gesammelt, wenn er sie nicht gewinnbringend einsetzen kann. Blöd nur, dass die Fahrpläne allesamt veraltet sind. So muss er unterwegs Station machen, und den Bus nutzen, um am Ende des Tages zwei Stunden verloren zu haben. So ist er, unser Pnin. Der Umwelt immer einen Schritt voraus, doch der Zeit gnadenlos hinterherhinkend.

Pnin stolpert mehr durchs Leben als dass er einem wirklichen Plan folgt. Er ist ein gutherziger Mensch, den man einfach mögen muss. Doch er ist auch ein dankbares Opfer für Spott. Und sein Job ist auch nicht so sicher wie Pnin meint. Im Hintergrund ziehen jedoch Leute für ihn Strippen, die er kennt und mag, und die im Gegenzug auch ihn mögen.

Vladimir Nabokov wollt eigentlich seinen Helden sterben lassen. Diese Idee verwarf er und bereute sie niemals. Was ein Glück! Denn Timofey Pnin darf nicht sterben. Leute wie er – ein wenig aus dem Rahmen fallend ohne dabei Schaden anzurichten – braucht jede Gesellschaft. Sei sie auch noch so groß oder so klein!

Die einzigartige Aufmachung dieses Buches, das vor fast siebzig Jahren zum ersten Mal erschien, rücken Nabokov und einen fast schon vergessenen Roman ins Rampenlicht. Wer ihn nicht kennt, meint auf dem Cover „Pinn“ zu lesen. Doch nein, es heißt wirklich Pnin. Ein Russe, der vor der russischen Revolution floh (die Parallelen zu Nabokov sind unübersehbar) und über Paris in die Staaten kam. Der Sprache kaum mächtig, einen riesigen Wissensschatz im Gepäck, bleibt für ihn nur eine Möglichkeit zu überleben: Russisch zu unterrichten. Und das im Amerika der 50er Jahre! McCarthy wütet gerade erfolgreich und verteufelt alles, was auch nur im Ansatz die Farbe Rot in sich trägt. Diesen Aspekt lässt Nabokov außer Acht. Keine Hetzjagd, keine Anfeindungen wegen Pnins Herkunft. Dennoch ist Pnins Leben in den Staaten kein Zuckerschlecken. Das liegt in erster Linie an ihm selbst. Weiß er das? Egal! Pnin ist da, lebt und lässt andere daran teilhaben. Die knallbunten Zeichungen von Thomas M. Müller sind kein Widerspruch zum farblos erscheinenden Pnin – sie sind vielmehr eine Ergänzung seines Charakters.

Poet X

Harlem, September. Hier wächst Xiomara auf. Shiomara wird das ausgesprochen, was ihr langsam aber sicher auf die Nerven geht. Noch kann man draußen auf den Stufen sitzen und das Leben einatmen. Nur wenn die Dealer kommen, sollte man sich ins sichere Haus verkriechen. X – so nennt sie sich – tut das nicht. Das gibt wieder Mecker von der Mutter. Was soll’s?!

In der Schule wurde sie früher Wal genannt. Wegen ihres Körpers. Der hat sich verändert. Jetzt wollen alle ein Foto von ihr, im String. Doch X hat sich ein dickes Fell angelebt. Die Anzüglichkeiten lassen sie kalt.

Der Poetry Slam Club ist ihre Welt. Hier kann sie ihre Gedanken in die Welt hinaus schreien. Auch das, was bisher unter dem angelebten Fell im Verborgenen blieb. Dort kann sie auch von ihrer großen Liebe sprechen. Aman.

Diese Liebe darf nicht sein. Wie so vieles im Leben von X. Ihr Zwillingsbruder benimmt sich nicht wie einer. Streber, Brillenträger, hat noch vor ihr die Kommunion empfangen. Weil sie immer wieder zurückgesetzt wurde. Bis sie eines Tages nicht mehr wollte. Das Donnerwetter folgte auf dem Fuße. Doch Aman und X sind unzertrennlich. Da passt kein Blatt Papier, nicht einmal ein auf dieses Blatt Papier geschriebenes Wort.

Poetry Slam war für viele bisher immer nur Comedy von Leuten, die sich keine Texte merken können und deswegen alles ablesen müssen. Eine Laune der Zeit. Hans Dieter Hüsch hat das schon vor Jahrzehnten gemacht, also ist Poetry Slam nichts Neues, nur hat man endlich einen Namen, eine Marke dafür gefunden. Dieser Roman füllt die Lücke, die Poetry Slam gerissen hat. Denn der Roman ist im Stile eines Poetry Slams geschrieben. Wenn es diesen eigenen Schreibstil überhaupt gibt. Kurze Texte, die erst im gesamten ein Bild ergeben und diese zu einem Roman anschwellen lassen. Ungewöhnlich und ungewohnt zu lesen. Doch die Rasanz der Worte bergen ungeahntes Potential in sich: X erwacht aus ihrem lethargischen Träumereien und wird zum gefeierten Star der Szene. Und je mehr man sich in diesen Roman vertieft umso mehr versteht man das Phänomen Poetry Slam.

Es fühlt sich fast so an als ob Elizabeth Acevedo während des Lesens die ganze Zeit neben einem stehen würde. Sie trägt mit stoischer Ruhe bis hin zu furioser Aggressivität ihre Texte vor. Das haut einen echt um!

Trinker, Cowboys, Sonderlinge

Jede Zeit hat ihre Helden, und jede Epoche hat ihren eigenen Titel. Da war das Zeitalter der Industrialisierung, das Zeitalter der Entdecker. Was wird man wohl in Zukunft über die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts sagen? Das Jahrzehnt der Clowns?! Denn das, was so manches Staatsoberhaupt absondert, war vor Jahren noch undenkbar. Wenn Donald Trump die Finger über die Tastatur fliegen lässt und einen Tweet nach dem anderen absetzt, spüren viele einen Würgereiz, andere bekommen es mit der Angst, manche müssen einfach nur lachen. Doch wer denkt, dass Trump ein Erzeugnis der Gegenwart ist, täuscht sich. Politiker der USA, und vor allem die Präsidenten hatten schon immer einen Hang zum Skurrilen. Ronald D. Gerste kennt sie und ihre Eigenarten.

Acht Jahre – zwei Amtszeiten – führte Andrew Jackson die Geschicke der Vereinigten Staaten. Er begründete die Demokratische Partei so wie sie heute noch weitgehend existiert. Auf dem Papier, und nach üblicher europäischer Lesart, also ein durchaus würdiger Präsident, der bestimmt viel Gutes bewirkt hat. Der siebte Präsident der USA war aber darüber hinaus auch ein Mörder. In einem Duell, bei dem er zunächst verwundet wurde, erschoss er seinen Kontrahenten. Der Grund war ein – für heutige Maßstäbe – belangloser Streit. Auch der Weg ins Weiße Haus war nicht durch einen fairen Wahlkampf geprägt. Bereits 1824 wollte Jackson das oberste Amt im Staatenverbund haben. Doch eine bis dato und bis heute beispiellose Schlammschlacht verhinderte seine Bestrebungen. Erst vier Jahre war sein Ego beschwichtigt worden. Auch dieser Wahlkampf kann getrost als schmutzig bezeichnet werden. Kriegsheld und Meuchelmörder – unter seinem Befehl ließen hunderte von Indianern auf den nicht selbst erwählten Schlachtfeldern ihr Leben, anschließende Abscheulichkeiten wurden nicht oder kaum geahndet – auch das war Andrew Jackson.

Die schillerndste Figur in diesem mehr als lesenswerten Buch ist sicherlich John F. Kennedy. Dessen Affären sind hinlänglich bekannt. Doch Ronald D. Gerste findet auch im politischen Leben, insbesondere in seinem Aufstieg, den einen oder anderen Schattenfleck, der je nach Vorbildung des Lesers mehr oder weniger bekannt sein dürfte.

Je mehr man sich in dieses Buch vertieft, was bei der Detailfülle und eingängigen Sprache sehr einfach ist, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Angsthasen (Nixon), Bürokraten (Truman) und Waffennarren (Roosevelt) sind bloß die Spitze eines Eisbergs an Präsidenten, die nach heutigen Maßstäben nur noch in populistischen Parteien Gehör finden könnten. Trump als Typus einen neuen Politikers? Da waren andere vor ihm da und haben weitaus mehr auf dem Kerbholz als der aktuelle Präsident, für den sich die meisten Amerikaner, die in Europa urlauben, entschuldigen.

Welt ohne Skrupel

Bei dem Namen Klinger muss jeder Fenrsehserienfan erst einmal schmunzeln. Das ist doch der auch „MASH“, der sich mit allerlei Dummheiten um den Militärdienst drücken wollte. So einer ist dieser Klinger hier nicht. Ein Schlitzohr. Ein ausgemergelter Kleinganove, dessen „Einkünfte“ immer nur bis zur nächsten miete reichen … sollen. Eine Lebensplanung für ihn zu erstellen, scheitert an nicht vorhandener Bereitschaft.

Gerade eben hat er mit seinem Kumpel Chainbang wieder ein Ding gedreht, da schleudert es seine Karre, einen Miata, in Europa als Mazda MX-5 bekannt, gegen einen Laternenmast. Zu blöd nur, dass ein paar Block weiter die Feuerwehr von San Francisco stationiert ist. Sobald erklingt auch schon das Tatütata der Sirenen. Das können Klinger und Chainbang momentan überhaupt nicht vertragen. Zum Einen brummt ihnen der Schädel, auch wenn Chanbang den geöffneten Airbag mit einem Messer durchstochen hat (der Vergleich mit dem Pitbull, der durch einen Kindergarten rennt, fesselt den Leser ratzfatz an den Krimi und lässt ihn bis zum Schluss nicht mehr los). Zum Anderen liegt im Wagen auch noch die Beute. Und das Tatwerkzeug.  Klinger macht sich aus dem Staub. Chainbang hat weniger flinke Füße und demzufolge Glück. Und schon bald hat Klinger auch ein Smartphone. So was braucht er sonst nicht. Einen (und noch einen und noch einen und …) Whiskey hat er schon eher nötig.

Ach ja, im Kopfrechnen ist Klinger ein Ass. Besonders, wenn an die Ziffernfolgen ein Dollarzeichen angehängt ist. Im Handumdrehen kann er Gewinnmarchen und Beteiligungen ausrechnen. Gehört wohl zum Handwerk eines Kleinkriminellen. Das erwähnte Smartphone soll Klingers kleine Welt jedoch gehörig durcheinanderwirbeln. Denn jetzt winkt die große Kohle. Ein App-Entwickler verdient sich mit seinen Fähigkeiten schnell mal eine goldene Nase – so viel kann Klinger schon mal ausrechnen. Und Marci – nicht minder durchtrieben wie Klinger, im Zweifelsfall um Längen gerissener und skrupelloser, weiß wie man auch ohne großen Aufwand sich ein Stück vom appetitlichen Geldkuchen etwas abschneiden kann. Klinger ist für sie ein williges und naives Werkzeug. Doch mit seiner Chuzpe hat sie nicht gerechnet.

Jim Nisbet knallt dem Leser eine Geschichte vor die Augen, die vor augenscheinlicher Brisanz nur so funkelt. Hier gibt es kein Versteckspiel, kein Sich-Hinter-Regeln-Verstecken, hier wird Klartext gesprochen und nicht minder offen gehandelt. Klinger ist kein Dummer. Auch ist es nicht die schiere Gier nach Geld, die ihn antreibt. Er hasst das System, und findet Gefallen daran es nach Schlupflöchern zu durchsuchen. Mal stolpert er, mal knallt er der Länge nach hin. Doch Liegenbleiben kommt für ihn nicht in Frage.