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Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

Welcome to borderland

Über dreitausend Kilometer soll er lang sein, zehn Meter hoch – der Grenzbefestigungswall zwischen den USA und Mexiko. Die Mauer! Das hat der neue Präsident der USA versprochen. Und viele jubelten ihm zu … undwählten ihn. Bis jetzt hat er sein Versprechen nicht eingehalten. Und dennoch gibt es sie, die Mauer. Die Mauer, die das arme Mexiko vom den reichen USA trennt. Nur partiell, dennoch ist sie da.

Jeannette Erazo Heufelder hat 2017 eine lange Reise unternommen. Eine über dreitausend Kilometer lange Reise entlang des Rio Grande, der in Mexiko Rio Bravo heißt – so wie der amerikanische (!) Western. Es ist jedoch nicht nur eine Reise von A nach B gewesen, es ist eine Reise in die Vergangenheit, mitten durch die Gegenwart, die Zukunft ist ungewiss.

Die Autorin schlägt einen weiten Bogen. Von damals als Texas noch zu Mexiko gehörte, Kalifornien Arizona und einige andere Bundesstaaten und Gebiete ebenso. Sie berichtet von Kriegen, von vorsichtshalber angesiedelten Menschen, um sich vor den spanischen Kolonialisten zu schützen, von Alamo, Indianern und dem Freiheitskampf eines Emiliano Zapata und vom Drogenkrieg.

In der Grenzregion zu wohnen ist ein gefährliches Unterfangen. Nur diejenigen, die (oft mehrmalige) tägliche Kontrollen gutheißen, fühlen sich hier sicher. Auf mexikanischer Seite befindet sich die Stadt Mexicali, auf amerikanischer Seite Calexico. Die Nähe zueinander ist nicht zufällig und spiegelt sich nicht nur in der Namensähnlichkeit wider. Vieles, was hier nördlich und südlich der Grenze, die einmal nur durch einen Fußstrich im Sand besiegelt wurde, geschieht, beruht auf historischen Missverständnissen und Kriegen. Der erste Schuss im amerikanisch-mexikanischen Krieg fiel bei den Mexikanern. Dass die Amerikaner bei ihrer Reaktion schon auf mexikanischem Boden standen, wies der Präsident als „fake news“ zurück, wenn er den Begriff zur Hand gehabt hätte.

„Welcome to Borderland“ lässt uns eine Blick hinter über den Zaun und hinter die Mauer werfen. Trostlos und hoffnungsvoll zugleich ist das Leben beiderseits von Borderland. Trostlos, weil es kaum jemals eine Chance geben wird, dass sich an diesem Ort etwas zum Besseren wenden wird. Hoffnungsvoll, weil es trotz all der Repressalien einen nicht enden wollenden Strom von Menschen gibt, die die Grenze tagein, tagaus überqueren. Die Grenzregion auf amerikanischer Seite in und um San Diego erwirtschaftet einen Milliardenumsatz, der sich auch im Staatshaushalt niederschlägt. Würde die Grenze dichtgemacht werden, wäre dieses Loch nur schwer zu stopfen. Und damit wäre wohl auch die Frage geklärt, warum die Mauer immer noch nicht steht…

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Das dunkle Herz der Stadt

Washington D.C., selbst ernannte Welthauptstadt mit dem Anspruch die Welt vor dem Bösen zu bewahren. Und wie sieht’s vor der eigenen Haustür aus? Bronzeplatz bei den Tötungsdelikten. Nur in Baltimore und Detroit werden statistisch mehr Menschen ermordet.

Und in dieser gefährlichen Stadt ist Nick Stefanos Barkeeper – und sein bester Kunde. Außerdem ist er Privatdetektiv, hier ist er allerdings nicht Kunde, sondern Dienstleister. Letzte Runde, letzter Kunde, Glas raus und schon rinnt der Bourbon entspannend die Kehle runter. Tür auf, raus in die Nacht, ein Nickerchen, Krawall. Ein dicker Schädel und keinerlei Erinnerung.

Calvin Jeter würde diese niemals vergessen, wäre er nicht er schossen worden. Ganz leise hat man ihm das Licht ausgeschossen. Schalldämpfer, doch war laut man laut genug, um einen besoffenen Penner kurzzeitig aus dem Schlaf zu holen. Doch der war so sehr im Rausch, dass er nichts mehr mitbekam. Nick Stefanos war der, der im Rausch war.

Nun könnte man vermuten, dass Nick Stefanos so ein hartgesottener Bursche ist, der dem Leben vor die Füße kotzt. Dem Menschen egal sind, weil sie eh alle verkommen sind und lügen. Doch Nick hat auch eine sanfte Seite. Ist er erst einmal nüchtern, kann er ein echter Kuschelbär sein. Als er – aus eigenem Antrieb heraus – Ermittlungen zum Tod des jugendlichen Calvin anstellt, ist er lammfromm als er Calvins Mutter besucht. Sie ist diejenige, der das Leben immer wieder Zitronen schenkt und die sie mit verzogenem Gesicht ausschlürft. Ein echtes Herzchen eben, und Nick auch. Nur anders. Das ist wohl der Einfluss von Freundin Lyla, die ihn immer wieder aufbaut, wenn er abgestürzt ist.

Calvin Jeter und sein Kumpel Roland Lewis sind laut Polizei Mitglieder einer Drogenbande. Also zwei Opfer, die an ihrem Schicksal selbst Schuld tragen. Nick Stefanos und sein eigenwilliges Team (Ex-Säufer, Ex-Bulle) aus Leuten, die jemanden kennen, der jemanden kennt … usw. gehen aber einer anderen Spur nach: Pornos, harte Pornos, für eine ausgewählte Käuferschaft. Herzlos und unnachgiebig ist man in diesem Geschäft. Calvin musste dies bei seiner Hinrichtung – und nichts anderes war es – am eigenen Leib erfahren.

George Pelecanos lässt Nick Stefanos leiden. Erst durch den Alkohol, dann durch die eingebildete Schuld am Tod der beiden jungen Männer und schließlich auch daran, dass die Beziehung zu Lyla in die Brüche geht. Dennoch ist der Fall für Nick auch eine Chance vom Alkohol wegzukommen. Auf geradem Weg ist den Mördern nicht beizukommen. Nick braucht also dringend seine grauen Zellen. Das Sündenbabel Washington wird fernab von White House, Capitol und Jefferson Memorial zum greifbaren Morast aus Peerversion und Perfidität. Da kommt einer wie Nick Stefanos gerade recht!

Die gelbe Tapete

Wie man es dreht und wendet: Sie hat den Blues. Den Baby-Blues. Kurz nach der Entbindung geht es einer jungen Frau nicht so wie man es allgemein erwartet. Sie fühlt sich schlapp. Selbst geringe Aufgaben zehren an ihren Kräften. Ihr Mann John ist Arzt und verordnet ihr, sich selbst und dem kleinen Wurm einen ausgedehnten Erholungsurlaub. Ein kleines Häuschen weit weg von allem, was an Alltag erinnern könnte, ist schnell gefunden.

Ein hübsches kleines Idyll in nicht minder idyllischer Umgebung. Doch es will sich keine Erholung einstellen. An Besucher ist gar nicht zu denken. Als dann doch eine Party steigt – irgendwann muss das Einsamkeitsidyll ja auch mal ein Ende haben – darf sich die junge Frau an keinerlei Vorbereitung beteiligen.

Denn das Idyll hat Risse. Und damit sind keineswegs selbige in der Wandverkleidung gemeint. Schön wär’s, wenn es doch so wäre. Die Tapete, die gelbe Tapete, macht der Rekonvaleszenten gehörig zu schaffen. Die Farbe allein reicht schon, um sich aufzuregen. Durch die Sonne teils verblasst. Angesiedelt irgendwo zwischen Durchfall und Auswurf. Das alles ist mit ein bisschen gutem Willen verschmerzbar. Doch das Muster! Oh je! Ein Muster zum Verrücktwerden. Immer mehr steigert sich die junge Mutter in wilde Geschichten, was das Muster ihr erzählen kann, erzählen will, hinein. Erholung ade! Drehbuchschreiber könnten aus ihren Psychosen mörderische Geschichten erfinden. Von Monstern, die des Nachts aus ihrer Zweidimensionalität kriechen und dreidimensional für Schrecken und Horror sorgen. John bemerkt die Veränderungen an seiner Frau nicht. Vielmehr sorgt er sich, dass seine Behandlungsmethoden nicht anschlagen. Erst kurz vor dem Ende des Erholungsurlaubes, der diese Bezeichnung noch nie verdient hatte, sind die Anzeichen für Schlimmeres nicht mehr von der Hand zu weisen…

Charlotte Perkins Gilman – drei Jahr vor ihrem Tod wurde ein anderer, durch seine Rolle in einem Psycho-Streifen weltbekannter Schauspieler geboren: Anthony Perkins, der Norman Bates aus Hitchcocks „Psycho“ – macht die Beklemmung einer jungen Frau greifbar, die gefangen ist zwischen Pflicht- und Traumerfüllung. Sie will eine gute Mutter sein, kann es aber nicht, weil ihr die Kraft fehlt. Ebenso wie das Eingeständnis, dass sie sehr wohl das Recht hat ihrem Mann alles zu gestehen. Der wird unfreiwillig zum Handlanger des Bösen. Er sieht nicht, vielleicht will er aus falsch verstandenem Standesbewusstsein es auch nicht sehen, wie sehr seine Frau sich ängstigt in dem Zimmer mit der gelben Tapete.

Ein kleines Buch, das man gleich zweimal, oder sogar doppelt lesen kann. Denn zum Einen ist der englische Originaltext abgedruckt, zum Anderen die Neuübersetzung von Christian Detoux. Und zwar wortwörtlich Seite für Seite. Die Spannung des Originaltextes, der in seiner Intensität an Edgar Allan Poe erinnert, der Charlotte Perkins Gilman rund ein halbes Jahrhundert voraus war, verliert mit keiner Silbe durch die Übertragung ins Deutsche. Ideal für Parkspaziergänge, Erkundungen in unheimlichen Burgruinen oder als tiefgreifende Bettlektüre.

Krumme Type, krumme Type

Eine vom Staub geschwängerte Luft, das Auge kann gar nicht so weit schauen wie es die Landschaft hergibt, und eine unbarmherzige Hitze – das ist die Heimat von Larry Ott. Chabot, Mississippi. Sein Traktor schnurrt, die vom Vater geerbte Werkstatt siecht dahin und der Briefkasten birgt auch nur wenig Abwechslung – Larrys Leben ist trostlos. Seit damals, als Cindy Walker verschwand und er der einzige Verdächtige war. Und man ihm nichts nachweisen konnte. Seitdem, ja seitdem ist Larry Ott der einsamste Mensch auf Erden. Ab und zu kommt die Polizei in Person von French vorbei. In letzter Zeit wieder häufiger. Tina Ruhterford, neunzehn Jahre jung und die Tochter des Mannes, dem hier im Umkreis von endlosen Meilen jeder Grashalm, und sei er noch so verdorrt, gehört. Klar, dass Larry suspect #1 ist. Er versteht das, lässt French seine Arbeit tun.

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Cindy Walker verschwand. Larry und Cindy wollten ins Kino fahren. Larrys Vater, der bis dahin ihm entweder lediglich die Hand reichte oder die Faust ins Gesicht schlug, steuerte sogar Fahrzeug und ‘nen Zwanziger bei. Ihr Stiefvater nahm sich Larry gehörig zur Brust. Larry sei der einzige, mit dem er die „kleine Hure“ ausgehen ließ. Und wehe er stelle irgendwas mit ihr an. Dann … Kaum im Auto wird aus dem braven Mädchen von nebenan ein Wildfang. Doch die erhoffte wilde Knutscherei gerät zum Desaster. Sie wolle gar nicht ins Kino. Hatte sie nie vor. Vielmehr will sie zu ihrem Freund. Und der Abend mit Larry ist nur ein Vorwand. Sie ist nämlich schwanger und müsse nun einiges besprechen. Nach dem Kino könne Larry sie ja wieder abholen, so dass es für alle, die nichts von ihrem Schicksale wissen dürfen, es so aussähe als hätte sie einen vergnügten Abend mit dem Jungen von nebenan verbracht. Ein genialer Plan – wenn er denn funktioniert hätte. Denn Cindy ist auf einmal verschwunden.

Genauso wie der schwarze Junge, mit dem Larry sein ein paar Jahren befreundet ist. Silas. Im Staat Mississippi Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre immer noch ein Ereignis, über das man sich allenorts das Maul zerfetzt.

Tja, heute ist Silas Polizist und Larry hat das Damals verdrängt.

Tom Franklin kreiert ein Panoptikum der Archetypen. Väter, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Verschüchterte Kinder, die ihr Schicksal mit durchs Leben schleifen wie Schröder seine Schmusedecke und über allem der Schleier der Vergangenheit. So stickig die Luft in Chabot, Mississippi, so schäbig das, was dort hinter verschlossenen Türen geschah und immer noch geschieht. Die Geister der Vergangenheit kriechen aus ihrem Asyl hervor und verwandeln das sich dem Fortschritt verweigernde stille Örtchen in eine Kloake der Widerwärtigkeit. Ein frischer Wind würde hier wie da guttun.

Und dieser kommt getarnt als Zugluft im Sog einer Kugel geflogen, die Larry trifft. Eine zweite „Frischluft“-Kugel trifft Wallace Stringfellow, der sich auffallend aufdringlich zeigt und Larrys Freundschaft erzwingen will. Das dritte laue Lüftchen wird durch den Schwanz einer Schlange in einem Briefkasten durch den Ort gejagt. Doch das ist alles nichts gegen die Vergangenheit von Larry und Silas…

Die Nacht mit Nancy

Etwas oder jemanden nach seinem Äußeren zu bewerten, gehört sich nicht. Mit dieser Wohlerzogenheit streift man nun durch eine gut sortierte Buchhandlung nach ein wenig Lesestoff, der für Zerstreuung, Aufregung und Erheiterung sorgen soll. Und plötzlich räkelt sich da jemand vor einem, der in der Lage ist all die guten Vorsätze mit einem Blick über Bord zu werfen. Es ist Mrs. Randin. Nancy sollen wir sie nennen. Das zwinkert sie dem Leser zu, und den Beteiligten im Buch haucht sie es entgegen. Ein Figur wie eine Sanduhr. Verlockende Locken. Und das Negligé ist wie von Zauberhand – upps – über die Schulter gerutscht. Niemals eine Person oder ein Buch nach seinem Einband beurteilen!

Dieses Buch ist der einmalige Freifahrtschein, um das Äußere vorerst einmal siegen zu lassen. Denn Wilson Collison füllt die hübsche Hülle mit nicht minder anregendem Inhalt. Es war eine rauschende Ballnacht, zumindest eine Sommerparty, irgendwann in der 30ern des vergangenen Jahrhunderts, irgendwo in den Staaten. Alle haben sich prächtig amüsiert. Die Hausherrin ist bekannt dafür, dass den Gästen, weiblichen wie männlichen – meist beiden gleichzeitig – alle Räume zur Verfügung stehen. Auch deswegen sind die Parties der Hanleys so beliebt.

Doch dieses Mal ist das Ende nicht absehbar. Nicht so, denn ein Gast hat sich dermaßen erschreckt, dass ein markerschütternder Schrei jedwede Art von Heiterkeit im Keim erstickt. Denn Mrs. Randin, ach nennt mich doch Nancy, hatte unerwarteten Besuch im selbstgewählten Morpheus-Asyl. Wer das war, der ihre Stimmbänder derart strapazierte, kann sie beim besten Willen nicht sagen. Und nun sitzt die ganze Partygesellschaft beisammen und versucht in poirot’scher Manier den Unhold herauszufiltern. Jeder der anwesenden Männer könnte ein Motiv gehabt haben. Und alle das Gleiche… Denn Nancy, die einmalig geschiedene Mrs. Randin, hat den Dreh raus wie man bei Männern jeglicher Couleur im Kopf für Verwirrung sorgt. Außerdem ist sie eloquent und gibt auf Fragen nur so viel preis wie sie es für angemessen hält.

Diese Wortspiele auf höchstem Niveau sorgen für Erheiterung, heizen die Spannung an und regen die Hausherrin in besonderem Maße auf. Doch wer war es denn nun, der den Vamp Nancy so glockenhell erschallen ließ? Ganz ehrlich … das interessiert keinen mehr. Nancy ist Nancy, das muss genügen.

Und es genügt auch wirklich sich ihrem Spiel zuzuschauen. Sie ist eine wahre Heldin. Permanent wird sie von allen Seiten beschossen. Solidarität unter Frauen – das kann sie vergessen. Und dass sich der angeklagte Gentleman als solcher seine Maskerade fallen lässt, ist unwahrscheinlich. Allein im Kampf gegen Vorurteile hat sich Nancy ein hartes Fell zugelegt. Und sie verteidigt es mit Charme, Chuzpe und Contenance. Beifall kann sie nur vom Leser erwarten. Und der kommt prompt und lang anhaltend.

Dante Baby, das Inferno ist da!

„Ich saz uf eime Steine und dahte Bein mit Beine“ – Walther von der Vogelweide haben wir dieses mittlerweile geflügelte Wort zu verdanken. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“ – den Anfang von Goethes Osterspaziergang können die meisten zwischen neun und neunzig noch aufsagen. Bei Charles Bukowski hingegen wird es schwierig ein Gedicht zu rezitieren. Oberflächlich betrachtet, darf, ja muss man ihm danken, dass das Deftige dank ihm, dem Literaten, fast schon salonfähig geworden ist.

Wozu ein Blatt vor den Mund nehmen, wenn man es vollkritzeln kann. Und die Blätter sind zum ersten Mal nicht zensiert! Und zum Teil zum ersten Mal auf Deutsch erhältlich. Die Auferstehung einer Ikone.

Die vierundneunzig Gedichte in diesem Band zeigen einen bedrohlichen, vor allem aber einen nachdenklichen Buk. Klar, seine deftigen Ausdrücke sind mehr als das Salz in der Suppe. Sie sind der Sud, der dem Leser Kraft gibt. Und Kraft braucht man, um dieses Buch zu verstehen. Denn knapp einhundert Gedichte  zu lesen – die sich zu allem Überfluss nicht einmal reimen, Scherz! – ist schon eine Mammutaufgabe. Dieses Buch in Dosen zu genießen, ist die hohe Kunst. Doch wie aufhören, wenn jede Zeile nur ein Schritt zur nächsten ist?

„Dante Baby, das Inferno ist da!“ wird Bukisten begeistern und Buk-Einsteigern den Kopf verdrehen. Jahrelang war Charles Bukowski verkannt. Nur in der Undergroundszene war der gefeierte Star. Jahrzehntelang schickte er hunderte Gedichte an Verleger. Die ließen ihn am ausgestreckten Arm verhungern und seine Werke in den Archiven verstauben. Abel Debritto wollte für seine Dissertation diese Staubfänger aus den Klauen der Ignoranz. Dafür reiste er kreuz und quer durch die Staaten. Kiloweise Staub hustete er heraus, um schlussendlich doch dieses Manifest des bitterbösen Humors zusammenstellen zu können.

Das Inferno reitet mit brennenden Schwertern der Sprache direkt ins Herz des Lesers. Es brennt, es schmerz … im Kopf, im Herzen, im Zwerchfell. Und die Zensur muss tatenlos zusehen. Die Gesellschaft wird geroastet. Und der Roastmaster sitzt auf seiner Wolke – ja, Buk hat eine Wolke erhalten und schmort nicht wie gedacht auf dem Grill der Verdammnis – und setzt der Moral mit Blitzen des Zorns zu.

Geradezu milde wirken die Zwischentöne, die sich erst nach und nach zeigen. Hat man sich eingegroovt, ist man also schon mitten im Text, fallen einem die Feinheiten, die philosophischen Gedankengänge auf. Buk war nicht nur der rülpsende, furzende, vögelnde und vor allem saufende Unhold, der seinem Frust mit harter Feder Ausdruck verlieh. Hinter den Ärschen und Whiskeys tritt der Buk hervor, der der Welt die Zunge rausstreckt und sein Image zu pflegen weiß. Wer tiefer gräbt, erkennt warum Buk bis heute so erfolgreich ist.

Dieses Buch ist ein Schlag in die Fresse all derjenigen Mode-Rockstars, die einem mit bis oben zugeknöpftem Hemd jämmerlich talentiert ebenso weinerliche Texte massenkompatibel um die blutenden Ohren wimmern.

Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel

Kurz und knackig soll eine Kurzgeschichte sein. Was so einfach klingt, ist die Königsdisziplin in der Literatur. Wenn die Geschichten dann auch noch für jedermann verständlich sind, die meisten ansprechen und vor allem unterhaltsam sind, ist man der Gott der Literatur. Oder das Arschloch! Wie im Fall von Charles Bukowski.

Er würde in der heutigen Zeit mehr provozieren als Donald Trump. Und vor allem mehr gegen ihn wettern als Robert De Niro. Das wäre ein Spaß. Doch Charles Bukowski ist nicht mehr. Seine Werke jedoch haben bis heute Fans, die dem direktesten aller Schreiber die Treue halten.

Die Sammlung von Kurzgeschichten in diesem Buch könnte man fast als eine Aneinanderreihung von Kapiteln ein und desselben Buches halten. Alles beginnt in Los Angeles, wo er (mal ist es der Autor selbst, mal eine fiktive Person mit einem anderen Namen, die Buk aber in Nichts nachsteht) und Linda leben. Im Portemonnaie herrscht Ebbe. Wie immer. Im Kühlschrank auch. Alles halb so schlimm, wäre nicht auch der Schnapsvorrat auf Diät gesetzt. Was tun? F… Klar, was sonst. Immer wieder, zwei-, drei-, viermal. Bis es nicht mehr geht. Auch wenn Linda sehr geschickt ist.

Die rüde Reise in die befleckten Seiten geht weiter. Tucson, New Orleans, Tijuana, San Diego. Überall dasselbe Bild. Es fehlt an Kohle, um an Stoff zu kommen. Und der Stoff, der da ist, stört nur beim … naja, wobei wohl?!

Schonungslos offen kaputtiert sich Buk durchs Leben. Ist er desillusioniert? Nicht im Geringsten. Das Leben hat ihn angenommen, der Tod reibt sich schon lüstern die Hände. Einen wie ihn hat selbst er noch nicht erlebt. Und der Teufel ist der einzige, der einen ebenbürtigen Gegner neben sich akzeptiert.

Schulden und Wettgewinne sind für die Figuren in den Geschichten zwei getrennte Sachen. Ein Gewinn wird gebührend gefeiert. Schulden nur im äußersten Notfall getilgt. Zum Beispiel dann, wenn der Ladenbesitzer droht nicht mehr anzuschreiben.

Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort, jede Silbe. Sie dringen wie Silberpfeile ins Herz des Lesers. Dort verdampfen sie in wabernden Wolken und setzen sich fest im Gedächtnis fest. Nicht die einzelnen Worte, oder gar Sätze. Es sind Impressionen, die man nie wieder vergessen wird. Wie die Erstbesteigung des Eiffelturms, oder die ersten Seiten von Tom Sawyer. Unvergesslich. Charles Bukowski gehört auf jede Bucketlist. Also eine Liste von Dingen, die man getan haben muss. Wer Buk nicht gelesen hat, wird für immer in der Zwangsjacke der political correctness gefangen bleiben. Wer die Zeilen aufsaugt wie ein Schwamm, wird mit einer wortgewaltigen Waffe gegen den Zynismus der standardisierten Welt in den Kampf ziehen können.

Nach Chicago und zurück

Diese Reise liegt einhundertfünfundzwanzig Jahre zurück. Und schon damals hing eine Dunstglocke über der Stadt, die einiges Geschick erforderte die Sonne erkennen zu können. Ein Öko-Roman, also. Mit Nichten. Aleko Konstantinow wurde in die Rolle des Reisenden gedrängt. Man wusste, dass er gern schrieb. Man wusste, dass seine Ausführungen detailreich und voller Wortwitz stecken.

Von Sofia nach Chicago war 1893 ein echtes Abenteuer. Aleko Konstantinow bestieg voller Vorfreude den Zug nach Paris. Die Reise dahin – darüber möchte er sich lieber ausschweigen. Kein Vergnügen. Im Gegensatz zu Paris. Und der Reise über den großen Teich an die Großen Seen.

Bulgarien hat gerade die Unabhängigkeit von den Türken erlangt. Das Land liegt brach, und es rappelt sich gerade auf eine eigenständige Nation zu werden, eine nationale Identität herauszubilden. Aleko Konstantinow ist ihr Botschafter als er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eintrifft.

Die Niagarafälle ziehen ihn sofort in ihren Bann. Das Naturschauspiel – und das liest man so eindeutig heraus wie, dass die USA ihm auch als Vorbild einer Nation für seine Heimat gelten können – wird ihm bis zum (zu nahen) Ende seines Lebens beschäftigen.

Im Zug, deren Größe ihn dermaßen beeindruckt, dass er sich in Zahlenspielereien ergeht, sitzt man als Leser direkt neben dem Autor, der mit Kinderaugen das riesige Land erkundet. In Chicago ist er baff erstaunt, dass hier schon weitere Bulgaren auf ihn zu warten scheinen. So wie Bai Ganju, der Rosenölhändler, dem er ein eigenes Buch widmet. Der Typ ist aber auch zu originell, als dass man ihn „nur mit einem Kapitel“ würdigen könnte.

„Nach Chicago und zurück“ dürfte wohl einer der Gründe sein, warum es in Windy City eine ausgeprägte Bulgaren-Community gibt. Dass es der einzige Grund ist, darf bezweifelt werden. Dass Aleko Konstantinow großen Eindruck hinterließ, zeigt allein schon die Tatsache, dass sein Portrait den Einhundert-Lewa-Schein des Landes ziert.

Die Reisenotizen, die dieses Buch wortreich mit Inhalt füllen, verleiten zum Schmunzeln und Nachdenken gleichermaßen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch das, was nicht glänzt, ist wenigstens witzig beschrieben. Wer also, auf ausgefallene Reiseberichte wie etwa die von David Foster Wallace steht, kommt mit „Nach Chicago und zurück“ voll auf seine Kosten.